Kotz, würg.

Jahaha, unter dieser Klick-Bait-Überschrift erwarten Sie jetzt vermutlich eine politische Ausführung meinerseits, eine Erläuterung zur allgemeinen Lage der Nation und der Gesellschaft aus Odenwälder Perspektive, das ist zwar ziemlich naheliegend, aber leider doch in diesem Zusammenhang grundfalsch.

Es geht vielmehr um ein Problem, das nur allzuviele von uns kennen. Es geht um die gemeine Kropfverstopfung. Ja, wer kennt die nicht? Mit der jedenfalls habe ich heute meinen ansonsten Heiligen Sonntag verbracht.

Mein JoHahn, schönster Hahn der Welt, leidet akut unter einer solchen Kropfverstopfung, der Kropf, der eigentlich zum Vor-Verdauen da ist, füllt sich, leert sich aber leider nicht mehr. Irgendwas ist da verstopft, ein riesen Kuddelmuddel in dem kleinen Kropf, der früher oder später zu beachtlicher Größe anwächst. Im schlimmsten Fall verstopft dann alles, oben mag noch ein Weilchen etwas hineingehen, es rutscht aber unten nicht weiter Richtung Magen, das unverdaute Kuddelmuddel im Kropf wird immer schlimmer, der Kropf immer dicker. Kann mit dem Tode enden, heißt es dann im Internet auf den entsprechenden Ratgeberseiten, aber soweit sind wir nun noch nicht.

Merkwürdige Bewegungen macht er mit dem Kopf und dem Hals, Sie können sich das in etwa so vorstellen, wie wenn bei Ihnen im Hals ein Tennisball festgeklemmt säße, man kennt das ja. Insgesamt ist er ein bisschen schlapp, aber trinken und Atmen geht noch. Krähen nicht mehr.

Und JoHahn stinkt aus dem Halse, als wollte er mit dem Geruch den Karthager Hannibal mit seinen 50.000 Soldaten und den 37 KriegsElefanten bei der Alpenüberquerung stoppen, und glauben Sie mir, wenn JoHahn und Hannibals Truppen damals aufeinandergetroffen wären, JoHahn wäre als Sieger aus der Begegnung hervorgegangen, daran besteht keinerlei Zweifel.  Keine Bewegung mehr im Kropf, kein Vor und Zurück, heißt also Gärprozesse vom allerfeinsten, ich kann Ihnen sagen. Ein olfaktorischer Shitstorm. Der Hahn reißt das Maul auf und will laut krähen, und Sie fallen ohnmächtig hintenüber, vielleicht ist das ja doch eine Metapher, die man für irgendeine gesellschaftspolitische Aus- oder Einlassung verwenden könnte, das fällt mir eben so auf. Aber ich komme vom Thema ab.

Wie dem auch sei: Ich habe also heute den Heiligen Sonntag, während Sie vermutlich auf Faschingsumzügen gefeiert oder ein schönes Museum besucht haben oder was weiß denn ich,  – ich habe also heute den Tag damit zugebracht, mich im Internet schlau zu machen, in Foren und auf allerlei Seiten, um dann beherzt zur Behandlung zu schreiten.

JoHahn im Garten greifen, unter den Arm klemmen und den dicken Kropf erstmal finden und dann massieren, während das gute Tier mir mit erschüttertem Blick seinen vergorenen Todesatem ins Gesicht haucht. Zwischendurch muss man den Hahn dann mal kopfüber kippen, damit die Brühe rausläuft. JoHahn kotzt, würgt, röchelt, ich stehe also mit dem Hahn unterm Arm im Garten, massiere und kippe mich und das Tier kopfüber, massiere, schnaufe und würge meinerseits, massiere und kippe und schüttele das arme Vieh koppheister. Ich will ja nur Dein Bestes, sage ich röchelnd zu dem röchelnden Hahn, aber der glotzt nur verständnislos, an seiner Stelle ginge es mir vermutlich nicht anders.

Wir sind leider noch lange nicht im grünen Bereich mit der Behandlung, wir werden das in den kommenden Tagen mit mehreren Hilfsmitteln weiterbetreiben müssen, dem Hahn gut zureden und ihm verständnisvoll zur Seite stehen, wenn er kotzt und würgt, wir werden den unfassbaren Gestank ignorieren, der aus seinem Inneren hervorquillt, sobald er das Maul aufreißt,  wir werden vorsichtig und liebevoll den Kropf massieren und das zusammengeballte gärende Etwas, diesen harten Klotz in ihm, irgendwie kleinkriegen mit Liebe und Geduld, jawohl. Und wir werden darüber nachdenken, ob das alles vielleicht doch als Metapher taugt, für irgendwas.

 

 

 

Sehnsucht nach dem Mehringdamm.

Ich habe da ja diesen extrem süssen Hund, Tante Lieselotte mit Namen, ein wahres Goldstück, das ich vor gut einem Jahr von einer Tierschutzorganisation übernommen habe. Lieselotte führte in früheren Zeiten angeblich ein Lotterleben auf südspanischen Strassen; als ich sie kennenlernte, saß sie bereits auf der Pflegestelle eines hiesigen Tierheimes, sie hatte ein paar unerfreuliche Macken, und wickelte aber mit ihren Cherry-eyes in Sekundenschnelle alle um den Finger, die ihr nahe kamen.

Nun hat es sich also ausgelottert, und Lieselotte zieht mit mir durch den Odenwald. Das mit dem Ziehen ist in diesem Fall leider nur allzu wörtlich zu nehmen, denn Tante Lieselotte zieht an der Leine wie der sprichwörtliche Ochse, es geht ihr nie schnell genug auf Wiesen und Feldern.

Dabei wird nahezu alles gejagt, was sich bewegt oder irgendwelche olfaktorischen Spuren hinterlassen hat, Mäuse, Hasen, Füchse, Rehe, Wildsauen, selbst die Vögelein am Himmel, Lieselotte rastet in freier Wildbahn komplett aus, bekommt den Tunnelblick und Schaum vorm Mund und rennt mit gefühlten 218 Stundenkilometern in die Schleppleine und zerrt und hört und sieht ansonsten nichts mehr. Und wenn ich sage nichts, meine ich nichts.

Wenn sie nicht gerade zerrt und jagen möchte, buddelt sie an jedem zweiten Quadratzentimeter, sie buddelt so närrisch und wildentschlossen, als gelte es, zum Erdkern vorzudringen, oder noch darüber hinaus, bis nach China, was weiss denn ich. Vor lauter Buddelei hat sie sich schon eine blutige Nase geholt, das dürfte beim Buddeln brennen wie die Sau, macht aber alles nichts, sie hat eine Mission und buddelt, Richtung China, Richtung Honolulu, in Sachen Ehrgeiz ist sie unübertroffen.

Ich kann derweil mit Schinken winken und mit allerlei anderen Leckereien, die ich in meiner Not mit mir herumschleppe und ihr feilbiete, ich kann ihr lustige Spielchen anbieten oder dahergelaufene Hundekumpel, es hat alles keinerlei Effekt, sie zerrt und buddelt und buddelt und zerrt, sie würdigt mich und ihr soziales Umfeld keines Blickes; es wäre zum Verzweifeln, wenn ich nicht schon jahrzehntelange Hundeerfahrung hätte und wenn Lieselotte nicht so ein Charmebolzen wäre, dem man am Ende doch wieder alles verzeiht.

Tante Lieselotte sei ja nun tatsächlich mal eine echte Granate, sagt mit gequältem Lächeln selbst die erfahrene Trainerin meines Vertrauens, die mir schon bei manch einem jagdlich motivierten Hund mit Rat und Tat beigestanden hat. Und das will ja nun was heißen. Ich übe und übe also weiter mit dem Berserker, ich wälze Fachliteratur und konsultiere die Trainerin, ich unterhalte mich mit Leidensgenossen und stoße mit schöner Regelmäßigkeit immer und immer wieder auf den gleichlautenden, entsetzlichen Rat: Trainieren Sie zunächst alles, aber wirklich !alles! in ablenkungsfreien Gebieten. 

Auf Deutsch heißt das: Gehen Sie an einen Ort, wo es weder Hasen, noch Mäuse, keine Rehe, keine Wildsauen oder Vogelschwärme gibt. Ich lese und höre das immer wieder, dann muss ich hysterisch lachen, ablenkungsfreie Gebiete!, lieb Heimatland!, im Odenwald!, ich werfe mich aufs Sofa und weine in die Kissen.

Und dann bekomme ich Sehnsucht nach dem Mehringdamm. Ich sehe mich dann mit Tante Lieselotte durch die Straße gehen, mitten in Berlin, ganz entspannt an lockerer Leine, wir schlendern von Hundehaufen zu Hundehaufen, von vollgepullertem Baum zu vollgepullertem Baum, vorbei an Currywurstbuden und Dönerbutzen, über ausgerotzte Kaugummis und weggeworfene Kippen, es gibt hier und da ein bißchen was zu schnüffeln, Pippi, Hundehaufen, Currywurst und Autoabgase, wir schnüffeln und schlendern, gucken und horchen, schlendern und schlendern in friedlicher Eintracht. Am Ende der Hunderunde über den Mehringdamm habe ich zwar Hundescheiße am Schuh, aber Lieselotte die Nase befriedigend voll und keinerlei Schaum vorm Maul, wir sind beide glücklich und zufrieden, und wenn wir nicht gestorben sind, dann schlendern wir noch heute.

So. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muß mit dem Hund raus.

(*packt weinend Sicherheitsgeschirr, Ruckdämpfer und Handschuhe, Schinken, Hähnchenmägen, Trillerpfeife und Fachliteratur ein und verlässt schluchzend das Haus*)

 

 

 

GummihosenBiber.

Ich musste heute dienstlich die Gummihosen anziehen, und die Gummistiefel, ich erwähne das an dieser Stelle nur, damit der Fanclub Gummihose hier endlich mal wieder fündig wird, das Wort Gummihose nämlich zählt zu den am häufigsten wiederkehrenden Suchbegriffen in meiner Blogstatistik, der liebe Himmel weiß, warum.

Wie dem auch sei, ich war zu einem Spaziergang durchs überschwemmte Unterholz verabredet, auf der Suche nach Biber-Spuren, und da trägt die Frau von Welt natürlich Gummihose. (So, und nun sollte es aber genug sein, liebe Freunde der Gummihose.)

Ich folgte also mehr oder weniger willenlos dem freundlichen Biber-Berater des Landkreises, kreuz und quer ging es durch Wasser und Matsch, über Baumstämme und Äste unter der Wasseroberfläche, es war eine gewisse sportliche Herausforderung, ich rief dem Biber-Berater über das Platschen und Gurgeln des Wassers zwischendurch wankend und strauchelnd zu, dass ich im Erwachsenen-Becken des Berliner Olympiastadions den Freischwimmer gemacht habe, ich dementsprechend nicht ertrinken würde, – es war also eine Herausforderung, die aber reich belohnt wurde.

Biberdamm.

Der freundliche Biber-Berater berät nicht etwa die Biber, wie der Name zunächst vermuten ließe, das heißt, vielleicht berät er sie heimlich doch, aber in erster Linie berät er alle möglichen Leute, die sich durch den Biber gestört fühlen. Und es werden immer mehr, sowohl Biber als auch Gestörte, also solche, die sich gestört fühlen oder tatsächlich gestört werden.

Sobald der Biber auftaucht, gibt es immer erstmal einen kleinen Ärger, sagt der Biber-Berater. Manchmal auch gleich einen großen. Während sich die Naturschützer freuen, dass der Biber nach knapp 200 Jahren im Landkreis fast flächendeckend endlich wieder heimisch ist, ärgern sich Landwirte und Waldbesitzer über umgenagte Bäume, gestaute Bäche, nasse Flächen auf Äckern oder Wiesen. Und die erste Frage lautet immer Wer bezahlt mir das?, sagt der Biber-Berater mit etwas gequältem Lächeln.

Manchmal versteht er den Ärger, wenn der Biber ernsthaften Schaden anrichtet, in der Landwirtschaft, in der Nähe von Kläranlagen oder Forellzuchtteichen. Manchmal versteht er ihn nicht. Beraten tut er immer, es gibt Wochen, da wird er drei, viermal gerufen, in irgendeinen Wald, an ein Ufer, auf einen Acker. Ich bin ja froh, wenn die Leute mich rufen und nicht gleich selber kurzen Prozess machen mit dem Biber oder seinen Bauten, alles schon vorgekommen. So ein blöder Biberdamm ist schnell abgetragen mit ordentlichem Gerät.

Biberburg.

So um 1830 wurde der letzte baden-württembergische Biber erlegt, seitdem war es Essig mit dem dicken Nager. Irgendwann besannen sich Bayern und Hessen eines Besseren und siedelten wieder Biber an und aus, was daraus über die Jahre und Jahrzehnte an putzigen bilateralen Biberbabies entstand, zieht inzwischen also wieder durch Baden-Württemberg. So sehr, dass man im hiesigen Landwirtschaftsministerium schon laut darüber nachdenkt, wie einer möglichen Plage Herr zu werden wäre.  

Um all das geht es also, während wir da durch Wasser und Unterholz steigen, vorbei an Dämmen und Burgen und Höhlen und Gängen, vorbei an angenagten Douglasien, gefällten Weiden, rund um den kleinen versteckten See, den ich noch nie zuvor gesehen habe und den offenbar nur Ortskundige kennen, quer durch einsames, urwüchsiges Gelände. Im Gestrüpp liegen alte Benzinkanister und junge Plastiktüten, Kunststofffetzen und Getränkedosen, ein gelber Müllsack flattert im Wind, ich trete versehentlich in eine leergegessene Gut-und-günstig-Hähnchen-Lyoner-Verpackung.

Gibt es eigentlich auch einen Abfallberater für den hiesigen Wald und seine Besucher?, frage ich den freundlichen Biber-Berater, bei dem müsste ja auch ununterbrochen das Telefon klingeln.  Er werde das herausfinden, verspricht der Biber-Berater, und dann werden wir mal bei dem anrufen und uns beklagen. Und dann grinsen wir beide ein bisschen mühsam und vertiefen das Thema nicht weiter.

 

 

 

 

 

Wir sind raus.

Dass nun ausgerechnet eine Pressemitteilung des Ministeriums für den Ländlichen Raum unter Herrn Minister (und Odenwälder Nachbar) Peter Hauk dafür gesorgt hat, dass der Gatte und ich mal wieder gemeinsam durchs Wohnzimmer schwoften und Hurra!, Hurra! riefen, uns dabei abwechselnd gegenseitig auf die Schultern schlugen und die Becker-Faust machten – nun, das hätten wir vor ein paar Jahren wohl auch noch nicht gedacht. Ja, so sind sie, die bekloppten Städter auf dem Land. Und die bekloppten Hühnerhalter.

Wir sind raus. Vorerst.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss Zäune einreißen und zusammengebrochene Partyzelte zusammenklauben und Schnee schippen im Auslauf. Damit die lieben Kleinen endlich wieder draußen rumtoben können.

Und wehe, sie gehen nicht sofort voller Freude in den Schneematsch. Dann setzt’s was, das kann ich Ihnen aber flüstern. Kochtopf, Hühnersuppe, undsoweiter, naja, Sie wissen schon. 

 

Ist das Kunst?

Ist das Kunst? Oder kann das weg? Bei einem Künstlerhaushalt weiß man das ja nie. In unserem Fall hier ist es weder das eine noch das andere, es mutete zwar an wie eine künstlerische Installation in Joseph-Beuys’scher Tradition, war aber unsere ziemlich clevere Art, der Vogelgrippe zu begegnen. besser gesagt, der damit einhergehenden Einstallpflicht.

So gesehen eine schlichtweg geniale Idee, verbunden mit deutscher Ingenieurskunst, zwei hochpreisige Partyzelte, von wegen Standhaftigkeit und so, naja, Sie wissen schon, miteinander verbunden und am Stall vertäut, so dass die ununterbrochen von oben herabfallenden Vogelgrippeerreger keine Chance haben. Ja, das muß uns erstmal einer nachmachen!

Leider haben wir in unserer Begeisterung für deutsche Ingenieurskunst für einen Moment außer Acht gelassen, dass im Odenwald mitunter auch ununterbrochen Schnee von oben herabfällt, nicht nur gefährliche Vogelgrippeerreger, und dass es hin und wieder windig ist, und manch mal sogar beides gleichzeitig. Tja, dumm geloffe, wie man hier so sagt.

Sehr geehrter Herr Doktor Kreisveterinäramtsleiter, bitte drücken Sie bis morgen mal ein Auge zu, wir werden das schnellstmöglich beheben oder uns was Neues ausdenken. Oder wir versteigern dieses Ensemble tatsächlich meistbietend als Kunst-Installation, wir nennen es Die Doofheit der Großstädter, 2 mal 4 Meter, geborstenes Stahlrohr und zerrissene Plane, wir kriegen einen Haufen Geld dafür und bauen von der vielen Kohle eine richtige Voliere. 

 

 

Schafcontent.

Ich weiss ja nicht, wo Sie Ihre Mittagspause so verbringen, in irgendeiner ollen Kantine vielleicht, wo man hinterher riecht, als sei man durch die Fritteuse geschwommen, oder in einer überfüllten Fußgängerzone, was weiss denn ich, oder vielleicht auch in der Raucherecke, ich male mir das in den tollsten Farben aus, – mich jedenfalls zieht es raus auf die Felder und über die Wiesen. So halbfreiwillig, die Hunde, naja, Sie wissen schon, halb zog es ihn, halb sank er hin, um hier mal einen Klassiker ins Spiel zu bringen.

So hat das Berufsleben auf dem Lande aber durchaus seine guten Seiten, Aufenthalte in der frischen Luft sollen ja gesund sein und die Kreativität fördern, selbst bei Mistwetter, der Wind war scharf, der Himmel bleigrau, alles eher ungemütlich. Heute mittag jedenfalls habe ich da draußen die Bekanntschaft mit ein paar sehr freundlichen Schafen gemacht, ich habe sie ein bisschen um ihre dicken Mäntel beneidet, in denen sie auch deutlich schicker aussahen als ich in meinem dicken Mantel. Und weil Schafcontent immer geht, zeige ich Ihnen hier meine neuen Freunde.

 

 

 

Lieber Herr Hauk.

Ich mag Sie. Ehrlich. Sie glauben das vermutlich nicht, ist aber so. Politische Ansichten hin oder her. Spätestens seit unserer musikalischen Begegnung im Hemsbacher Kirchlein habe ich Sie richtiggehend in mein Herz geschlossen. Ja, irgendwann musste es herauskommen. Nun wissen Sie bescheid. Ich habe in meinem Leben noch nie Ihre Partei gewählt, das kann ich der Familie nicht antun, aber Sie, Sie gefallen mir, jawohl.

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Aber nun müssen wir ein ernstes Wörtchen reden, so von Geflügelhalterin zu Agrarminister. Vogelgrippe, Aufstallpflicht und so, naja, Sie wissen schon. Meine Hühner werden das irgendwie überstehen, der Auslauf wird sich von Jetzt auf Gleich von 1000 qm auf 30 qm reduzieren, mindestens bis Ende Januar, schreiben Sie in einer Pressemitteilung, vielleicht auch länger, das ist reichlich blöd, aber das kriegen die schon hin, die Hühner, so weh es mir auch in der Seele tut. Überhaupt ist das ja alles eine richtig schlimme Sache, für andere viel schlimmer als für mich, aber das ist jetzt nicht das Thema.

Ich habe da heute nach Ihrer Pressemitteilung gleich ein bisschen recherchiert, wie man denn Hühner wohl bespaßen kann, wenn sie nicht in der Wiese frei herumturnen dürfen, es gibt da die tollsten Ideen, von Grünkohlpalmen bis zu lustigen Gemüsepyramiden, ja, da staunen Sie, man findet da allerlei Beschäftigungstherapie-Angebote, damit die Viecher nicht verblöden. Vogelgrippefrei, aber verblödet, nein, das wäre ja nun wirklich zu blöd.

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Das wirkliche Problem ist aber doch ein anderes: es gibt in meinem Leben ja noch einen anderen Mann, der einen Platz in meinem Herzen hat und mit dem ich darüber hinaus sogar verheiratet bin.

Wir führen eine wirklich mustergültige Ehe, wir streiten nie, wir schwätzen dauernd, wir haben nicht mal einen Fernseher, weil wir uns abends (und morgens und mittags) immer so viel zu erzählen haben, über alle Themen dieser Welt und über noch viel mehr. Wir gehen durch Dick und durch Dünn, wir vertrauen einander, wir lösen Konflikte immer sachlich und konstruktiv.

Aber wehe, wir müssen zusammen einen neuen, überdachten und umzäunten Hühnerauslauf bauen.

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Dann ist der eheliche Friede ernsthaft in Gefahr. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Wann immer es um Baumaßnahmen geht, selten genug, gottlob, – wann immer es also um Baumaßnahmen geht, fliegen bei uns die Fetzen, mein Mann kommandiert mich herum, ich fange an zu jammern, er schreit, ich schlage mit dem Hammer auf die Daumen, nur auf meine, leider, ich flenne mit zittriger Unterlippe, er weiß alles besser, ich widerspreche lautstark, weil ich doch alles besser weiß, er unterstellt mir komplette Ahnungslosigkeit und zwei linke Hände noch dazu.

Ich schniefe in die Hosenträger meines Blaumanns, der Mann macht merkwürdige brummende Geräusche. Ich schmeiße irgendwann wutentbrannt das Werkzeug in die Ecke, er arbeitet fluchend weiter, in den Nachbarhäusern bewegen sich vorsichtig die Gardinen, so ein Schauspiel sieht man selten hier im Dorf.

Mit anderen Worten: Sie mit Ihrer Stallpflicht bringen meine Ehe in Gefahr. Wollen Sie das wirklich? Ich meine, da müsste es doch eine Ausnahmeregelung geben, ich weiß ja auch nicht so genau, aber es war doch die Rede von „existentiellen Gründen“, die eine Ausnahme ermöglichen würden. Wäre der eheliche Frieden nicht ein solcher Grund? Sie als Wertekonservativer wissen doch, wovon ich spreche. Würden Sie die Ehe opfern wollen? Wegen einer Handvoll Odenwälder Hühner? Also ehrlich.

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Und jetzt also weiß ich auch nicht weiter. Ohne Ausnahmeregelung sehe ich schwarz für die kommenden Tage. Könnten Sie nicht irgendwie ein bisschen helfen, sehr geehrter Herr Agrarminister, lieber Peter Hauk? Gibt es keine Lösung?

Doch, es gäbe eine!, – eben fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Den neuen überdachten und umzäunten Ausflauf, den bauen einfach Sie mit mir. Sie wohnen ja auch gar nicht weit von uns. Den Gatten schicke ich solang ins Wirtshaus, da kann er meckern wie er will, dann wird das alles nett und ganz entspannt. Sie haben das ja schließlich auch verordnet.

Und ratzfatz setzen wir die Stallpflicht um, mit einem schicken, neuen Vordach und so einer Art Voliere. Ich habe das ja alles auch schon aufgezeichnet, ich weiß ja, wie das geht, Sie müssten es nur machen mit meiner Unterstützung. Alles völlig easy. Das ist doch eine prima Sache. Und meine Ehe auch gerettet.

Sie haben hoffentlich ja nicht zwei linke Hände?

Mit lieben Grüssen,

undsoweiterundsoweiter. 

 

 

Fritz und Friedbert.

Friedbert hat geheult neulich. Wie ein Schlosshund. Er sagt, er konnte gar nicht mehr aufhören zu heulen an diesem Nachmittag, als sie den Hahn aus dem Gehege geholt und weggebracht haben. Der Hahn war furchtbar krank, das weiß auch Friedbert, der Hahn hat gelitten und musste erlöst werden, und dann hab ich halt auch gelitten, sagt Friedbert und kämpft schon wieder mit den Tränen.

Friedbert lebt in einem Altersheim im Odenwald, erst seit ein paar Monaten, und früher hatte er auch Hühner, 40 Stück, all die Jahre. Und weil Friedbert sich auskennt und noch ziemlich fit ist, kümmert er sich jetzt um die Altersheimhühner, die in ihrem Gehege herumspazieren und die Bewohner freuen sollen.

Er schaut nach dem Hühnerhaus und richtet das Futter, die fressen mir ja alle aus der Hand, auch der Hahn hat das getan, noch kurz bevor sie ihn geholt haben. Friedbert ist auch für die Schilder zuständig, am Gehege-Zaun, da steht drauf, welche Rassen hier drin sitzen und wie die Hühner heißen, Friedbert kennt sich ja da wirklich aus.

mde

Umzug, der Zweite.

Jetzt habe ich meinen Junghahn ins Altersheim gebracht, er musste hier weg, bevor es Streß mit AltHahn JoHahn gibt. Oder Streß mit den Nachbarn, denen schon JoHahn alleine frühmorgens die Ohren vollkräht. Also, Junghahn ins Altersheim. Abends, nach Sonnenuntergang, da lassen sich die nachtblinden Hühner klaglos von der Stange pflücken und in den Karton verfrachten.

Friedbert wartet da schon in der Dunkelheit vor der Eingangstür des Altersheimes, mit einer Taschenlampe und dem Schlüssel fürs Gehege, seit einer halben Stunde steht er da und starrt ins nächtlich-finstre Dorf und hält Ausschau nach dem Hahnen-Transport, bevor wir endlich kommen.

Dann geht es mit der Umzugskiste ins Gehege, Friedbert öffnet routiniert die Türen und die Klappen, Kiste rein, JungHahn raus ins Hühnerhaus. Hui, ist der aber schön, sagt Friedbert und geht halb auf die Knie, um den verschreckten JungHahn besser sehen zu können im Dämmerlicht der Taschenlampe. Ich weiß nicht, ob der auch so zutraulich werden wird, und ob der auch aus Ihrer Hand frißt, sage ich, das kriegen wir schon hin, sagt Friedbert, ich bin ja jeden Tag da und spreche auch mit denen.

Wie der Hahn denn heißt, will er noch wissen. Kein Mensch hat sich bisher Gedanken darüber gemacht. Als eine Art Substrat aus Friedberts und aus meinem Namen schlage ich Friedrich vor. Oder Fritz? Fritz findet Friedbert klasse, Fritz ist gut, er nickt lachend und reicht mir die Hand. Sie sind auch gut, Friedbert, sage ich ein bißchen zu pathetisch, Sie werden sich gut um meinen JungHahn kümmern, Sie machen das bestimmt sehr gut, ich komme Sie ganz bald besuchen, Sie und den kleinen Fritz.  Friedbert reicht mir nochmal die Hand und dann dreht er sich weg, weil er schon wieder heulen muß, wie ein Schloßhund. 

 

 

 

 

 

 

Umzug.

Es ist ein bißchen still hier. Ich hatte ja auch alle Hände voll zu tun, Landleben, naja, Sie wissen schon. Ich musste zwei Junghähne unters Volk bringen, um sie vor dem Kochtopf zu retten. Alte deutsche Rasse, vom Aussterben bedroht und so. Was man halt so macht, in seiner Freizeit, tief in der Provinz. Social media, facebook, twitter, instagram, Hühner-Foren, Massen-Mailings, newsletter, parship, wir haben nichts unversucht gelassen in Sachen Junghähnevermittlung.

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Und, was soll ich sagen: wir waren erfolgreich. Natürlich mal wieder auf ganz konventionellem Wege, nix da social media-network, das alte Telefon und ein Gespräch am Straßenrand – und schwupp, waren die zwei Hähne vergeben. Der eine wohnt seit gestern in einer alten verwunschenen Mühle, der andere zieht Freitag in ein Altersheim, trotz seiner jungen Jahre, ja, so geht das manchmal.

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Falls Sie die beiden also treffen sollten: Herzliche Grüße. War schön. Und anständig Krähen werden sie auch noch lernen.

 

 

 

 

Kleinanzeige.

Falls Sie zufällig gerade auf der Suche nach einem neuen Hahn sind, sowas kommt ja doch mal vor, und man sucht und sucht und sucht – also, falls Sie zufällig gerade auf der Suche sind: ich hätte da was für Sie.

Zwei Vorwerkhähnchen habe ich abzugeben, geboren am 7. Juni, und so langsam in der Pubertät. Bevor es Streß mit unserem JoHahn oder mit der Nachbarschaft gibt (ja, die lieben Kleinen fangen jetzt so langsam mit dem Krähen an, und es klingt bisher noch grauenhaft), wüsste ich die beiden gerne in guten Händen. Kochtopf ausgeschlossen. Sie wissen ja, Vorwerk, bedrohte Haustierrasse undsoweiter, das ist also was richtig Feines. Und Sie erinnern sich: die sind mit ganz viel Liebe großgezogen.

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Schon ein bißchen älter die Bilder, aber man sieht die Liebe förmlich. Und die Kämme auch.

 

Bei Interesse und im Großraum MA, HD, HN, Odenwald und Neckartal: einfach das Kontaktformular nutzen. Naja, Sie wissen schon.