Der Hirte.

Es gibt sie auch nach all den Jahren immernoch und immer wieder, diese Situationen, in denen ich schaue und staune und mich an der ländlichen Idylle freuen kann. In der Regel ist die Idylle ja gar nicht immer so idyllisch, aber auf den ersten Blick sieht es zumindest sehr idyllisch aus, und alles Weitere, un-Idyllische, erfahre ich dann häufig beim zweiten Hingucken oder im Gespräch. Manchmal aber will ich es gar nicht erfahren, ich will einfach für einen Moment schauen. Staunend und stumm.

Schafe, Hunde und den Hirten sehe ich schon von Weitem, neulich, als ich mit dem Auto von hier nach dort unterwegs bin. Auf einer riesigen Wiese grasen die Tiere, rennen hechelnd drei Hunde, steht mit wiegendem Oberkörper der Hirte. Kommen Sie näher! ruft er mir zu, als ich langsam in Richtung der Schafe gehe, kommen Sie näher, ich freue mich immer über Besuch. Auf zwei Krücken steht er gestützt, orthopädische Gehhilfen, deutlich weniger idyllisch als der erwartete Hirtenstab.

Kinderlähmung, sagte er und hebt wie zum Beweis die eine Krücke in die Höhe, schon immer. Ich kenne es nicht anders. Hinderlich war mir das nie. Nur herausfordernd.

Schon als Kind habe er einen Hund gewollt, und als der dann endlich eines Tages einzog, wollte er ihn ausbilden, an der Herde. So kam er zu den Schafen. Ein paar Jahre lang hatte er eine eigene Herde, aber das ist lange her. Jetzt ist er als Hirte unterwegs, hütet die Herde seines Auftraggebers, zieht mit den Tieren vom hohen Odenwald runter in den angrenzenden Landkreis, tagelang. Immer über Wiesen. 

Nachts zäunt er die Schafe ein und fährt nach Hause, mit den Hunden. Ein warmes weiches Bett, das muss schon sein, sagt er lachend, die Zeiten im Schäferwagen sind vorbei. 71 Jahre ist er alt, seine wachen Augen kontrollieren ununterbrochen die Herde, die Hunde; und wenn er unvermittelt brüllt – weil Hirten oft vermeintlich unvermittelt brüllen – ist seine kräftige Stimme die eines jungen Kerls.

Wir plaudern ein bisschen, die Schafe rupfen das Gras, die Hunde hecheln und rennen, wir schauen und schweigen gemeinsam.  Viel zu selten, denke ich, dass man mit wildfremden Menschen so schauen und einfach schweigen kann. Gemeinsam schweigen, das kann ich sonst nur mit wenigen sehr guten Freunden.

Ich mache noch ein paar Bilder, dann verabschiede ich mich. Im Auto fällt mir ein, was ich noch alles hätte fragen wollen, was ich noch gerne erfahren hätte. Nicht mal nach seinem Namen habe ich gefragt. Aber das gemeinsame Schweigen war auch gut. Vielleicht sogar noch besser.

 

 

 

 

Falls Sie Hirtengeschichten mögen: da habe ich schon mal eine geschrieben. Ich bin nämlich ein bisschen verliebt in Hirten und Schäfer. 

 

 

 

 

Keime.

Weil auch unsereine ja nie auslernt, und überhaupt das ganze Leben Lernen ist, war ich dieser Tage bei einem Dreh in Mannheim. Klingt cool, gell?, war aber in Wirklichkeit ein Workshop für Hörfunk-Dummies wie mich, die nun endlich mal das Filmchen-Machen lernen sollen, tri-medialer Journalismus ist die Zukunft, naja Sie wissen schon.

Jedenfalls mimte ich für das Übungs-Filmchen einer Kollegin eine Putzfrau, die putzt und schrubbt und wischt und feudelt und sich zwischendurch über das immer noch nicht gesetzlich verankerte Recht auf Weihnachtsgeld für Reinigungskräfte beschwert, das sollte die sozialpolitische Aussage des Filmchens werden.

Ich machte meinen Putzfrauen-Job mangels Erfahrung zwar äußerst theatralisch, aber leider hochgradig unprofessionell. Ich hatte weder Kittelschürze noch Gummi-Handschuhe und fuhrwerkte also vor laufender Kamera mit den bloßen Händen im zusehends ergrauenden Wischwasser herum, säuberte Waschbecken und Fußboden, und langte immer wieder mit den nackten Händen und den lackierten Fingernägeln in den Wischeimer zum Lappen-Auswringen.

Die nette Kollegin geriet völlig außer sich, sie rief immer wieder Oh Gott, die Keime, bitte wasch Dir die Hände, die Keime, die Keime. Sie hatte natürlich im Großen und Ganzen recht, übertrieb es aber meiner Ansicht nach erheblich mit der Keimerei. Auch meine Beschwichtigung Ich komme vom Land, ich bin ganz anderes gewöhnt! wollte sie nicht überzeugen, Oh Gott, es tut mir so leid….die Keime, die Keime, stöhnte sie in regelmäßigen Abständen, meinen drohenden Keim-Tod offenbar deutlich vor ihren großstädtischen Augen. Dass sie schlussendlich für mein jämmerliches, leidvolles Abnippeln aufgrund akuter Keimerose würde verantwortlich sein, tat ein Übriges. Sie war fix und fertig.

Ich  habe mir daraufhin mal Gedanken über Keime gemacht, ja, was soll man auch anderes tun, wenn die Tage kurz und die dunklen Nächte lang werden, hier auf dem Lande. Ich habe ehrlich gesagt noch nie über Keime nachgedacht. Vermutlich schleppe ich sie nur dauernd durchs Haus, die Keime, ohne zu ahnen, welche mörderische Gefahr ich damit in die gute Stube bringe.

Zwei Hunde, eine Katze, manchmal allesamt auf dem Sofa, in der Küche sowieso, dazu zerlutschte oder zerfledderte Mäuse, im Sommer manchmal ein abgemurkster Vogel, alles die reinsten Keimschleudern. Die toten Mäuse packe ich in der Regel, wieder ohne Handschuhe, an einem ihrer steifen Beine, um sie dann im hohen Bogen auf Nachbars Grundstück zu werfen, quasi als Keimgranate mit dramatischen Folgen für den Empfänger, das wird mir jetzt erst klar.

Wenn die Zeit drängt, gehe ich auch schon mal mit den Büroschühchen ins Gehege, um Hühner und Ziegen zu füttern, das hatte schon zur Folge, dass ich bei einem Empfang für irgendeinen Minister in irgendeinem historischen Rathaussaal feststellte, dass an meinen schönen Ministerschühchen leider noch Ziegenköttel oder Hühnerkacke kleben, man muss es in dieser Deutlichkeit sagen, um das Ausmaß zu erkennen. Das ist nicht nur etwas peinlich, sondern sorgt also wiederum dafür, dass ich die Keime in alle Welt hinaustrage. Und der Minister sie am Ende nach Stuttgart mitnimmt, in die Reihen der gesamten Landesregierung, nein, es ist nicht auszumalen.

Man sieht die Keime förmlich fliegen.

Inzwischen habe ich gelernt, wenigstens die Büroschühchen vor wichtigen Terminen nochmal intensiv zu inspizieren, auf Ziegen- oder Hühnerfäkalien. Das Problem hat mein freischaffender Künstler-Geo natürlich nicht, er macht es sich inzwischen einfach und geht mit den Hausschuhen in den Gemüsegarten, ins Gehege. Stapft dann wieder, unter kompletter Mißachtung der zahlreichen ausliegenden Schuhputzmatten, quer durchs Haus und verkündet voller Stolz Ich war die Ziegen füttern! Als ob ich das an den Keim- und sonstigen Anhäufungen in Wohnzimmer und Küche nicht auch ohne seinen Hinweis sähe.

Dass ich mit bloßen Fingern fette blutgefüllte Zecken aus Hunden und Katzen herausdrehe, dass ich unterwegs versabberte Kuh-Mäuler tätschele oder im Wald stinkende Knochen aufhebe, dass ich abends beim letzten Stallgang die Ziegen kraule und mir von ihnen manchmal in den Haaren knabbern lasse, dass ich – gottlob selten – auch mal Hundepipi oder Katzenkotze aufwischen muss, oder frischgelegte Eier händisch von allerlei Dreck befreien, das alles erwähne ich an dieser Stelle lieber nicht. Ich hätte mir das zu großstädtischen Zeiten ja auch nicht träumen lassen, zugegeben.

Zu ihrer Beruhigung: Ich wasche mir dauernd die Hände, ehrlich. Nur Putzen, das tue ich äußerst selten. Es macht keinen Sinn, man kommt ja eh nicht hinterher bei all der Keimerei. Trotzdem sei ich in dem Filmchen neulich beim Workshop als Pseudo-Putzfrau sehr authentisch aufgetreten, sagt die keim-freie Kollegin aus der großen Stadt. Gerne hätte ich sie mal auf einen Kaffee in den Odenwald eingeladen, sie ist wirklich ausgesprochen nett. Aber ich bin noch nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee ist.

 

 

 

 

My car is my castle.

Odenwälder Einkaufsfahrt mit zwei jungen Männern aus Afrika. Oder: Wie man ein Weltbild zerstört.

Ich: Kommt rein, aber wundert Euch nicht über den Gestank hier drin.

Er: Oh, it’s ok.

Ich: We use to transport dogs and the cat and chicken and goats in this car.

Stille

Stille

Er: GOATS???

A goat.

Ich: Yes. Goats. We have to transport them somehow.

Er: Hmhm.

Stille.

Autofahrgeräusch

Stille.

Er: Are you GERMAN?

Ich: Yes.

Stille

Er: I mean, were you BORN in Germany?

Ich: Yes. You mean, because of the goats in the car?

Stille.

Er: But you have another car?

Ich: Nein. Das ist mein einziges Auto.

Er: Hmhm. …ok.

Stille.

Stille.

Stille.

 

 

 

 

 

1. FC Huhn.

Es gibt ja so Autos, ältere Fahrzeuge zumeist, die haben einen durchaus speziellen Geruch. Eine olfaktorische Visitenkarte, gewissermaßen. Stellen Sie sich zum Beispiel die Kombination warmer Cheeseburger, abgestandener Zigarettenqualm und nasser Hund vor, dann kommen wir der Sache näher. Ein ätherisches Feuerwerk, das auch noch den letzten Riechkolben zur Explosion bringt. Manche Leute stehen ja auf sowas, oder sind schlichtweg zu faul zum Putzen und zum Lüften, und manch ein Beifahrer leidet stumm und blass und immer blässer.

Ja, auch bei mir im Auto leiden Beifahrer. Mal stumm, mal mit deutlich hörbaren Würgegeräuschen. Die Duftnote warmer Cheeseburger ist eher dezent, Zigarettenqualm vermeide ich aus Gründen der eigenen Psychohygiene. Trotzdem riecht es streng, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Wenn Beifahrer dann unauffällig nach dem Fensterheber tasten, während ihr Gesicht sich grünlich verfärbt, habe ich vollstes Verständnis. Und sage dann stolz zur Erklärung Wir sind hier auf dem Lande. In diesem Fahrzeug werden Hunde, Katzen, Ziegen und auch Hühner transportiert! Dagegen kann niemand etwas einwenden. Ich füge dann zumeist noch oberlehrerhaft hinzu, dass zumindest die Hunde ja stubenrein sind, dank meiner guten Erziehung. Aber Ziegen und Hühner und Katzen, die pullern auch schon mal beim Autofahren, um nur das Geringste zu nennen.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wir haben ja neulich wieder neue Hühner und einen Hahn geholt, tief im hessischen Odenwald, bei einem Züchter. Wer keine Sorgen hat, der macht sich welche. Der Transport ins neue Heim war selbst für hartgesottene Nasen eine gewisse Herausforderung, die Hühner jammerten, maulten, pullerten und kackten quasi in einem fort, die Hunde im Kofferraum hechelten dazu vor lauter Aufregung heißen Hundeatem ins Auto, die Rückscheibe beschlug, und eine undefinierbare Flüssigkeit lief in Schlieren quer übers Glas, naja, Sie wissen schon. Nur, dass es am Ende nicht heißt, Sie hätten nix geahnt, bevor Sie zu mir ins Auto steigen.

Jedenfalls haben wir jetzt neue Hühner und einen Hahn, Australorps, falls Sie es genau wissen wollen, beste Rasse ever, und eine Mechelner Henne, auch was Feines. Die Mechelner gelten als vom Aussterben bedroht, da wurde wohl bei der regelmäßigen Zucht was versäumt, vielleicht sind sie auch einfach zu oft in Autos wie meinem transportiert worden, ach, was weiß denn ich. Jedenfalls sieht die Dame sehr apart aus und benimmt sich auch anständig, soweit man das bisher beurteilen kann.

Der Hahn übt noch ein bißchen. Hennen jagen, das konnte er gleich, nur mit dem Krähen hapert es noch, er reckt und streckt sich sehr beeindruckend, holt tief Luft und gibt dann ein etwas unklares Geräusch von sich, eine Mischung aus verrosteter Wasserpumpe und weinender Baby-Plastik-Puppe, made in Taiwan. Wir arbeiten dran.

Wir arbeiten nebenher auch an der Ziegenfrage, die sich schwierig entwickelt. Ich konnte jüngst mit Mühen eine Ehescheidung verhindern, die lieben Kleinen turnten wieder einmal ausserhalb ihres eigentlich Geheges herum und trieben meinen Geo damit in die schiere Verzweiflung. Ich oder die Ziegen!, wimmerte er entnervt, und ich entschied mich zunächst für einen Elektrozaun, der ist ja doch deutlich billiger als eine Ehescheidung.

Das Ziegengehege ist nun also eingezäunt wie Fort Knox, ein Entkommen kaum mehr möglich, hoffentlich. Auch die Ziegengeräusche, Musik in meinen Landfrauen-Ohren, gehen dem Gatten ganz erheblich auf die Nerven, hier denke ich über das unauffällige Implantieren von Oropax-Stöpseln nach, vielleicht beruhigt er sich dann wieder.

Und auch sonst ist eigentlich alles beim alten. Stay tuned!

 

 

 

Neues aus dem Irrenhaus.

Ziegen und Hühner tanzen uns weiterhin auf der Nase herum, sie machen, was sie wollen, sie gehen über Leichen Zäune, sie trampeln nieder, was sich in ihren Weg stellt, und immer wieder müssen wir sie aus Ecken des Grundstücks heraustreiben, in denen sie definitiv nichts zu suchen haben. Zumindest unserer Meinung nach.

Sie brechen also wieder und wieder aus dem wackligen Hochsicherheitsgehege aus, bleiben aber dennoch immer auf dem umzäunten Grundstück, viel kann da ja eigentlich demnach nicht passieren. Der Zaun zur Straße ist unüberwindbar, ehrlich, da käme nicht mal eine Bergziege drüber oder durch. Von flugunfähigen Hühnern ganz abgesehen.

Dennoch verfallen mein Geo und ich regelmäßig in eine hysterische Panik, sobald wir eine ausgebüxte Ziege oder ein ebensolches Huhn sehen. Nur, weil die dämlichen Drecksviecher mal jenseits des Gehegezaunes sind, und nicht diesseits. Oder umgekehrt, je nach Sichtweise und Perspektive. Der liebe Himmel weiß, warum, ich bin ansonsten eher unhysterisch unterwegs.

Mein Geo schreit dann durchs ganze Haus nach Hilfe, als stünde irgendwas in Flammen, ich renne panisch los, wir stürzen an die Ausbruchsstelle und versuchen wild fuchtelnd und hampelnd und schimpfend die Tiere wieder ins Gehege zu treiben. Dass ein solches Verhalten beim Umgang mit Tieren in der Regel kontraproduktiv ist, ja, das wissen wir, wir haben schließlich die entsprechende Fachliteratur inhaliert. Naja, Sie wissen schon. 

Aber heute habe ich fürs Leben gelernt.

Auf der Kreuzung im Dorf war Putenalarm. Ortskundige wissen genau, wo das war, es gibt im Dorf nämlich nur diese eine vereinsamte Kreuzung. Jedenfalls standen da am Morgen ein paar Puten herum, auf der noch verschlafenen Fahrbahn und daneben. Nachdem ich nun schon eine Weile hier lebe, ahnte ich sogleich, dass die da nicht hingehören, ich informierte die Chefin des Gasthauses an der Kreuzung, und die wiederum rief den Putenbesitzer an.

Ich stieg also aus dem Auto aus und betätigte mich als Putenpolizei, denn die lieben Tiere waren auf dem Weg Richtung Ortsausgang, und ich hielt das für keine gute Idee. Man kennt ja die Warnmeldungen im Radio, Vorsicht, freilaufende Tiere auf der A6, man kennt die Bilder von Massenkarambolagen und schlimmen Wildunfällen, also nein, so hübsch das im Nachbardorf auch sein mag, ich fand die Idee schlichtweg falsch.

So stand ich in gebührlichem Abstand als menschliches Durchgang-verboten!-Schild, der Puterich machte dicke Arme, senkte hin und wieder den Kopf und den schrumpelig-wackelnden Hals und gab merkwürdige Laute von sich.

Ich wartete also leicht angespannt auf die Ankunft der Putenbesitzer, ich sah vor meinem geistigen Auge Menschen mit hochrotem Kopf herbeirennen, völlig aufgelöst und verzweifelt ob der wandernden Puten.

Stattdessen näherte sich gemäßigten Schrittes ein Mann, er pflückte sich auf dem Weg einen Apfel und kaute genüsslich, er schlenderte zu den dicken Puten hin, ignorierte meinen lebensgefährlichen und aufopfernden Einsatz als Putendompteuse völlig und sprach nur einen einzigen Satz: Na, da seid Ihr aber heute weit gekommen! Und in seiner Stimme schwang eine gewisse Bewunderung für die Unternehmungslust seiner Tiere mit. Dann ging er hinter den Putenhaufen und dirigierte die watschelnden Vögel wortlos und mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen Richtung Zuhause.

Jetzt also habe ich meinen Star gefunden. Mein leuchtendes Vorbild. Ein toller Mann. So will ich auch sein. Sie werden hier also in Zukunft keine Neuigkeiten aus dem Irrenhaus mehr lesen. Weil es kein Irrenhaus mehr sein wird. Weil wir gelassen, ja, geradezu meditativ mit allem umgehen werden, was da so kommen möge. Wir werden uns doch nicht verrückt machen lassen, von ein paar nicht mal wirklich ausgebüxten Ziegen und Hühnern, also, ich bitte Sie. Das wäre doch gelacht.

So sei es und so bleibe es, bis in alle Ewigkeit, Amen.

 

 

 

Neues aus dem Irrenhaus.

Wir hämmern und schrauben und fummeln weiter, um den Ziegenzaun undurchdringbar zu machen, leider vergeblich, wir sammeln die Ziegen an allerlei Ecken ein, an denen sie definitiv nichts zu suchen haben. Aber so wird es einem auf dem Lande wenigstens nicht langweilig.

Ein Stück des demnächst komplett zu erneuernden Zaunes habe ich am Morgen vorläufig gesichert, mit Akkuschrauber und Hammer, ich habe Krammbbe, zu deutsch U-Haken, in das Holz versenkt mit mächtigen Schlägen, teilweise leider auch in meinen Daumen, aber was tut man nicht alles.

Die Krammbbe halten nun den Hasendraht fest an den Holz-Pfosten, d.h. das sollten sie theoretisch tun; jedenfalls besah Luise sich eine Zeit lang das Hammerschauspiel, sie dachte so bei sich Voll der Hammer, ey!, dann senkte sie den Kopf und donnerte kurz gegen das Drahtgeflecht. Und plopp, plopp, plopp, plopp, plopp, schnalzten alle Krammbbe wieder raus aus dem Holz, mir vor die Füße. Naja, Sie wissen schon.

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Derweil fragen treue Leser sich natürlich, was aus der dramatischen Abnabelung der Küken von ihrer leicht angenervten Mutter geworden ist. Ich darf Sie beruhigen, alles paletti, wir haben tatsächlich den Kükenstall endgültig schließen können, Mutti und die lieben Kleinen schlafen nun allesamt bei den Erwachsenen im eigentlichen Hühnerstall. Mit dieser ersten Nacht im großen Stall haben die Kleinen auch endgültig das dämliche Baby-Piepsen eingestellt, das in einem Hühner-Kleinkinder-Haushalt eigentlich ununterbrochen und nonstop zu hören ist. Sie gelten jetzt also nicht mehr als Küken, sondern als Junghühner, also bitte.

Klammer auf: Übertragen auf uns Menschen müsste das eigentlich heißen, dass die Kinder, sobald sie bei den Eltern mit ins Schlafzimmer dürfen, zu Teenagern mutieren. Was Sie jetzt allerdings mit dieser Erkenntnis machen, überlasse ich Ihnen. Klammer zu.

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Ist ja klar, dass bei dem wochenlangen Anblick süßer kleiner Küken auch wieder eine Henne schwach werden würde. Sowas ist ja immer ansteckend. Also gluckt die Henne jetzt, worauf auch immer, fragen Sie mich nicht, ich will es gar nicht wissen. Befruchtete Eier können jedenfalls nicht unter ihr liegen, wir haben ja derzeit keinen Hahn im Haus.

Genau diesen Job – den des Hahnes – hat aber eben jene Henne bislang ausgeführt. Also, zumindest in Ansätzen. Sowas gibts, glauben Sie mir. Sie finden dazu auch allerlei in der entsprechenden Fachliteratur. Wenn kein Mann im Haus ist, schwingt sich eine Henne zum Boss des Hühnerrudels auf, und wenn es sein muss, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Also hat besagte Henne seit Monaten schon morgens ab der Dämmerung wild gekräht, es klang eher nach verrosteter Wasserpumpe als nach einem stolzen Hahn, aber seis drum, der gute Wille zählt. Auch tagsüber warf sie sich immer wieder in Positur, reckte den Hals und krähte, was das Zeug hält. Mein Geo behauptet gar, er habe sie beobachtet, wie sie ein anderes Huhn besprang, ach Du liebe Zeit, ich will mir das gar nicht ausmalen, was die Nachbarn denken würden, wenn sie das gesehen hätten.

Dieses Hahnen-Huhn gluckt nun also und sitzt auf unsichtbaren Eiern und malt sich eine Zukunft mit süßen kleinen Küken aus, die sie an ihre Mutterbrust drückt. Und zwischendurch steht sie auf und kackt und kräht und hält sich für den schönsten Hahn weit und breit. Wenn ich diese ganzen Gender-Diskussionen lese, da kann ich ja nur lachen! Huhn müsste man sein. Oder Hahn. Ach, was weiß denn ich.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss ins Bett, morgen wird wieder ein anstrengender Tag, wenn ich zum zweihundertzwölften Mal das eine Loch im Ziegenzaun flicken muss.

 

 

 

 

1. FC Huhn.

Wir werden hier in diesen Tagen Zeugen eines dramatischen Prozesses, dessen Folgen bislang noch nicht absehbar sind. Er geht um das Thema Loslassen oder auch Loslösen, und diejenigen unter Ihnen, die Eltern haben, kennen das Thema ja vielleicht. Mütter wissen jedenfalls direkt bescheid. Es ist ein Thema, dass uns nahezu ein Leben lang begleitet und den therapeutischen Praxen landauf, landab immervolle Kassen beschert. Naja, Sie wissen schon. 

Also, wie dem auch sei: die mir doch eigentlich so unsympathische Glucke hat ja nun drei herzige Kinder ausgebrütet und dauer-gackernd behütet, sie ist rund um die Uhr und sieben Tage die Woche die perfekte Mutter, man kann das gar nicht anders sagen. Ich habe mich in dieser Henne schlichtweg getäuscht, sowas passiert auch der erfahrenen Tierhalterin hin und wieder noch.

Die Küken eilen jedenfalls inzwischen mit etwas staksigen, aber strammen Schritten Richtung Hühnerpubertät. Ja, auch bei Hühnern gibt es eine Pubertät, sie äußert sich vorallem in völlig unsäglichem Aussehen, alles ist schief und krumm, die Frisur sitzt nicht, die Füße sind zu groß, die Beine viel zu lang. Die Proportionen machen, was sie wollen, aber die halbwüchsigen Hühner fühlen sich dessen ungeachtet wie Graf Koks und machen dicke Arme.

Bis eben noch haben Mutti und die Kinder im separaten Gluckenstall übernachtet, aber damit ist nun Schluss. Das habe ich als Erste Erziehungsberechtigte im Hause so beschlossen. Die Verwaltungsexperten unter Ihnen kennen den Begriff des Ersten Landesbeamten, so in etwa muss man sich das vorstellen, nur eben auf Hühnerhalterebene.

Jedenfalls habe ich nun gestern nachmittag bereits den Gluckenstall versperrt, auf dass die Glucke mit den Kindern nun endlich wieder in den eigentlichen Hühnerstall zu all den anderen Hühnern umziehen möge.

Muttern tat das auch. Und wie. Noch ehe die Dämmerung hereinbrach, wetzte die Glucke in den echten Stall und hopste mit Anlauf und Begeisterung auf die Stange. Sie saß wie zur Salzsäule erstarrt und gab fortan keinen Mucks mehr von sich.

Draußen erhob sich Weinen, Wehklagen und Zähneklappern, die kleinen großen Küken rannten irrlichternd durchs Gehege und suchten ihre Mutti. Sie schrien und piepsten, sie näherten sich mal dem Stall und eilten dann verzweifelt wieder in die andere Richtung, sie jaulten, heulten, klagten. Und Muttern saß mucksmäuschenstill auf ihrer Stange und bewegte sich keinen Nanomillimeter, um bloß kein Geräusch von sich zu geben.

Küchenpsychologisch ist die Sache ja ganz klar. Die Alte hatte einfach mal die Schnauze voll. Eine Nacht, nur eine einzige Nacht wollte sie mal wieder unter Erwachsenen sein, ganz ohne piepsende Kinder. Wenn Sie Kinder ihr Eigen nennen, werden Sie sich da vielleicht wiedererkennen.

Leider ging der Plan der Glucke nur so semi auf: Irgendwann spülte eine Welle der Verzweiflung zwei der Kleinen in den Hühnerstall, sie erblickten die Mutter, kreischten wie am Spieß und hockten sich wild flatternd direkt press neben sie auf die Stange. (Hier müssen Sie sich jetzt ein Hühner-Augenrollgeräusch vorstellen. Wenn Sie ein Herz für Mütter haben, noch dazu eines für alleinerziehende Mütter, umso mehr.)

Eines der Küken allerdings weigerte sich, mit der Mutter im Hühnerstall zu übernachten, die kleine Henne rüttelte mit dem Schnabel und den Füßen so lange am Törchen des Gluckenstalls herum, bis ich ihn wieder öffnete. Dorthinein verschwand sie jammernd, eine wimmernde kleine Gestalt in der Dunkelheit. Wahrscheinlich ist sie die Jüngste der Drei und musste bislang schon allerlei böse Scherze der zwei älteren Geschwister über sich ergehen lassen, man kennt das ja, was sich da abspielt, wenn man die Kleinste ist. Sie können dazu gerne mal meine große Schwester und meinen noch größeren Bruder befragen.

Heute abend nun wieder das gleiche Schauspiel, nur mit anderem Ausgang. Die drei Halbstarken übernachten allesamt wieder im Kinderstall, sie wimmern da ein bisschen vor sich hin, dicht aneinandergedrängt trotzen sie der Finsternis und ihrer Angst vor bösen Geistern unterm Bett. Muttern sitzt im Stall gegenüber, offenbar hat sie ein ernstes Wörtchen gesprochen mit ihren Heranwachsenden, und endlich, endlich darf sie heute mal alleine unter Erwachsenen übernachten. Sie hört wohl das weinerliche Gepiepe ihrer Blagen Kleinen, aber es scheint ihr wurstegal zu sein. Einmal! Ohne! die Kinder!

Wir werden das weiter beobachten, seien Sie versichert. Nicht, dass es am Ende zu tiefgreifenden psychologischen Problemen kommt, die die kleinen Hühner ihr Leben lang belasten werden. Oder auch die Mutter. Gewissenskonflikte, Schuldgefühle, Mutterkomplexe, Trennungsangst, Bindungsprobleme, Beziehungsunfähigkeit, ach, die Liste ist lang. Und erinnert mich an die entfernte Bekannte, die mit der Geburt ihres Sohnes ein Sparkonto für eben diesen einrichtete, damit er eines Tages die Therapeutin bezahlen kann. Aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

 

 

 

1. FC Huhn.

Als begeisterte Fans des hiesigen 1. FC Huhn fragen Sie sich ja vermutlich alle schon seit Jahren, ach, was sage ich – seit Jahrzehnten, wie denn eigentlich Hühner mit Hitze zurechtkommen. Da sind Sie nun hier genau an der richtigen Adresse, denn dieses Blog ist ja bekannt dafür, die elementaren Fragen des Lebens zu klären. Also bitte: Hühner kommen so semi mit der Hitze zurecht.

Sie machen es eigentlich wie die Hunde: sie hecheln. Das sieht jetzt ein bisschen anders aus als bei Hunden, was aber nun einzig daran liegt, das Hühner im Gegensatz zu Hunden keine meterlange Zunge im Maul aufbewahren, die sie bei bedarf raushängen lassen könnten.

 

So schlendern die Hühner also den lieben langen Tag mit weit aufgerissenem Großmaul durch den Auslauf, dazu lassen sie die Flügel hängen, damit Luft drunter kommt, und ansonsten wälzen sie sich in kühlen Staubbädern. Mir scheint das eine ganz angemessene, geradezu beneidenswerte Lebensweise zu sein. Wenngleich es ein bisschen gewöhnungsbedürftig aussieht.

Die drei kleinen Küken, die inzwischen gar nicht mehr sooo klein sind, die haben keinen Stress mit der Hitze, es ist wie mit kleinen Kindern, sie rennen durch die Gegend, als eilten sie Richtung Spielplatz oder Freibad und piepsen laut herum.

Kleiner Angeber-Hahn.

 

Frollein von Vorwitz.

 

Die wollte eigentlich eine Taube werden. Aber naja.

Für den noch zu gründenden Freundeskreis Ziege hier auch noch ein paar geknipste Impressionen von heute mittag, Luise und Fritzi ertragen die Hitze in stoischer Ruhe und reißen das Maul nur auf, um zu fressen oder zu meckern. Kennt man ja, nicht nur bei Ziegen.

 

 

 

 

Begegnung.

Wie ich heute früh eigentlich so gar keinen Bock auf diesen Tag hatte. Bis ich IHN traf.

Bei Wagenschwend. Wo sonst, so früh am Tag?

Er war natürlich nicht alleine.

Und später lief mir noch eine alleinerziehende Mutter mit Zwillingen über den Weg davon.

 

Und so wurde der Tag dann doch noch ganz passabel.

 

 

 

Vom Fortgang der Dinge.

Luise schreit, Fritzi meckert leise vor sich hin, die Hunde schnarchen in der Sonne, die Hühner verstecken ihre Eier, ich krieche erfolglos durchs Unterholz, um die Gelege zu finden, die Glucke erzieht ihre drei Küken, – es gibt also so gesehen nicht viel Neues zu berichten aus dem Irrenhaus.

Ich nutze derweil jeden Spaziergang, jede Hunderunde, um frisches Ziegenfutter herbeizuschleppen, ich habe schon diesen Tunnelblick, sehe nur noch frisches Grün an den Bäumen, Linde, Eiche, Akazie, Haselnuss und Buche, alles schneide ich mit der stets mitgeführten Gartenschere und raffe es im Auto zusammen.

Falls Sie also dieser Tage eine etwas wirr wirkende Person im Wald treffen sollten, die mit einer martialisch anmutenden Schere herumfuchtelt: keine Bange, das bin nur ich, auf Futtersuche. Früher habe ich da draußen kleine Kunstwerke der Natur gesucht, die ich dem Künstler daheim als liebevolles Geschenk mitbringen könnte, naja, so ändern sich die Zeiten.

Dabei haben die Ziegen im Garten ja eigentlich alles, was sie brauchen. Das heißt, sie hatten es zumindest, inzwischen recken sich überall nur noch kahlgeknabberte dürre Äste in den Himmel und wasweißichwohin. Aber das wussten wir ja vorher.

Und weil ich sonst nichts zu tun habe, habe ich jetzt in Köln über Umwege den Fußball aus der legendärkatastrophalen Begegnung Deutschland-Korea erstanden, für fünf Euro, weil auch aus dem Ball die Luft raus war, und nicht nur aus der Deutschen Mannschaft – also, jedenfalls habe ich dieses kaputte Ding erstanden und zum Ziegenspielzeug umfunktioniert. Nicht, dass es am Ende noch heißt, wir täten hier am Wochenende so gar nichts Sinnvolles.