Viehtrieb.

Früher als sonst muss das Vieh auf die Sommerweide, das Futter im Stall wird knapp, draußen stehen die Weiden schon in sattem Grün. Trotz der frischen Temperaturen des Nachts.

Den Transport raus ins Freie, den langen Fußmarsch, den finden die Kühe blöd, sie finden ihn nachgeradezu scheiße und dokumentieren das auch deutlich, rückwärtig, sozusagen, wie an den Spuren auf dem Weg hinterher gut zu erkennen ist. Man kann ihnen da zureden wie man will, ihnen vom frischen saftigen Gras vorschwärmen, von der guten Landluft und der Weite, sie begreifen das leider nicht und maulen und bocken im Viehtriebwagen.

Der mehr als 1000 Kilo schwere Bulle nimmt es mit stoischer Gelassenheit, wahrscheinlich bleibt ihm bei seiner Körperfülle auch nicht viel anderes übrig. Die ersten sechs Kälbchen hoppeln unerschrocken in einer gesonderten Fuhre auf die Weide, als ahnten sie, was ihnen da Schönes blüht.

Jetzt erfüllt das Brüllen und Muhen das Tal, der Frühling kann kommen.

Friedrich.

Wir haben ja nun in einer Hauruck-Aktion einen neuen Hahn organisiert, jede Pietät vermissen lassend, einen Ersatz für JoHahn, Gott hab ihn selig. Der Gatte wollte es so, es konnte ihm gar nicht schnell genug gehen mit dem neuen Hahn, der liebe Himmel weiß, wieso. Vermutlich irgendso ein Männerding.

Und das hat er nun davon, der Gatte. Kaum war Karl Friedrich, genannt Friedrich, eingezogen, war mein lieber Geo abgemeldet. Aber sowas von. Freudig erregt lief er gleich am ersten Nachmittag ans Hühnertörchen, machte albern puttputtputt und lockte seine Hühnerschar – allein: keine Sau ließ sich blicken. Kein Huhn, kein Hahn, kein gar nichts.

Kamen sie sonst immer eilig angewetzt, wenn Geo rief und allerlei Leckereien in den Auslauf streute, bleiben sie jetzt einfach da, wo Friedrich ist. Friedrich sitzt irgendwo hinten im Garten, die Hühner himmeln ihn an, sie hängen quasi an seinen nichtvorhandenen Lippen, sie turteln um ihn herum und tippeln hinter ihm her, Friedrich hier, Friedrich da, sie treten sich dabei gegenseitig auf die Füße und schlagen sich gegenseitig ihre Flügel um die Ohren, und mein lieber Geo guckt in die Röhre.

Nicht, dass ihn das in seiner Eitelkeit kränken würde, ach, i wo denn, Was ist das denn für ein Scheiß?, flucht er, wenn er vom Hühnerauslauf wieder ins Haus kommt, dieser blöde Hahn, ich verstehe gar nicht, was die an ihm haben. Ich sage dann Ach, Du armer, armer Hase, bist Du jetzt ganz abgemeldet? und verkneife mir ansonsten jeglichen Kommentar um des ehelichen Friedens willen. So viel steht fest: Friedrich hat bei meinem Geo derzeit keine guten Karten.

Aber es kommt ja noch schlimmer. Friedrich heißt ja nicht nur Karl Friedrich, wir haben ihm nach dem ersten Tag bereits einen offiziellen Nachnamen verpasst, Karl Friedrich von Brüllhahn. Ja, Sie ahnen es, Friedrich kräht nicht ab und zu, wie vernünftige Hähne das zu tun pflegen, – Friedrich brüllt. Ununterbrochen. Ohne jede Pause.

Friedrich brüllt mit den Vögeln um die Wette, er brüllt die Sonne an, die Wolken offensichtlich auch, Friedrich unterhält sich brüllend mit dem Nachbarhahn schräg gegenüber, Friedrich brüllt, wenn Autos vorbeifahren oder wenn der Wind weht, er brüllt den Hennen Liebesschwüre in die Ohren, er brüllt die Schmetterlinge an und den Spatzen hinterher, er brüllt, weil es 13 Uhr ist oder 15 Uhr oder 8 Uhr früh, er brüllt bei Hunger oder Durst, oder wenn er satt ist, er brüllt bei jedem noch so kleinen Anlass. Und wenn es keinen Anlass zum Brüllen gibt, dann brüllt er eben so lange, bis er einen findet.

Australorphähne haben dabei den Resonanzkörper eines Kontrabasses, und wenn Friedrich brüllt, wackeln die Wände. Mein Geo, dessen Herz Friedrich ja nun ohnehin nicht wirklich im Sturm erobert hat, um es mal vorsichtig zu formulieren,  – mein Geo also hat daraufhin gleich die Nummer des Züchters gewählt, um mal freundlich nachzufragen, was für einen Brüllaffen er uns da angedreht hat ob er sich das erklären könne und ob da Besserung in Sicht ist.

Ist es angeblich, der Hahnenzüchter sagt, man müsse sich das vorstellen wie pubertierende Jugendliche auf einem Jungs-Internat, die nun plötzlich erstmals die Freiheit einer Klassenfahrt genießen und dort auch noch auf hübsche Mädchen treffen. Da sei eine Kommunikation in Zimmerlautstärke auch nicht denkbar, da sei auch erstmal nur lautes Gebrüll und zotige Witze und Wichtigtuerei.

Das wird sich also ändern. Sagt der Züchter jedenfalls. Heute immerhin hat Friedrich schon deutlich weniger gebrüllt, ja, tatsächlich, nur noch alle zwei Minuten, statt gestern alle zwanzig Sekunden, das ist doch schon ein Fortschritt. Es hatte aber zur Folge, dass mein Geo während des Mittagessens unvermittelt aufsprang und in den Hühnerauslauf eilte, Es ist so still da draußen, da wird doch nichts passiert sein?  

Und jetzt weiß ich auch nicht.

 

 

 

Ach, JoHahn.

Am Anfang klang das ja alles noch sehr spassig, allein, die blöde Kropfverstopfung entwickelte sich sehr zu JoHahns Nachteil, und vor ein paar Tagen haben wir ihn nun also erlösen lassen. Alle Massagen, alle Cola-Infusionen, nichts half, JoHahn wurde kleiner und kleiner und stummer und stummer und leichter und leichter, bis von ihm nicht viel mehr übrig war als sein glänzendes Federkleid. Das glänzte bis zur letzten Stunde mit den Sternen um die Wette, verstehe das, wer will.

Ich bin ja leider immernoch zu feige, liebgewonnene Tiere selber um die Ecke zu bringen, es musste der Freund aus dem Nachbardorf ran, er kam, sah und hackte, nehme ich jetzt mal so an, Genaues wollte ich nicht wissen. Ich lerne das auch noch, versprochen. Dass einem der Tod eines Hahnes mal den Tag versauen könnte, das hätten Sie mir vor ein paar Jahren auch noch nicht sagen dürfen, ich hätte Sie ja für bekloppt erklärt.

Jedenfalls bestand der Gatte auf sofortigen Ersatz, eine Forderung, die kurzfristig den Ehefrieden ernsthaft bedrohte, es drehte sich dabei alles um die Frage, ob auch ein abgemurkster Hahn auf soetwas wie Pietät bestehen könne, aber nachdem der Hahn nun abgemurkst war, konnte er sich selber dazu nicht mehr äußern, und letzten Endes setzte sich also mein Geo durch. Jetzt haben wir seit gestern einen neuen Hahn, Friedrich, ein wahres Bild von einem Mann, und nun ist mein Geo wieder beleidigt, weil Friedrich ihm die Schau stiehlt und die Hühner nichts mehr von Geo wissen wollen, sondern nur noch hinter Friedrich her tippeln, mit ganz verliebten Augen. Aber davon erzähle ich Ihnen dann ein andermal.

Kleener JoHahn: Grüß mir die Sonne, grüß mir die Sterne, und grüß mir den Mond.

 

 

Kotz, würg.

Jahaha, unter dieser Klick-Bait-Überschrift erwarten Sie jetzt vermutlich eine politische Ausführung meinerseits, eine Erläuterung zur allgemeinen Lage der Nation und der Gesellschaft aus Odenwälder Perspektive, das ist zwar ziemlich naheliegend, aber leider doch in diesem Zusammenhang grundfalsch.

Es geht vielmehr um ein Problem, das nur allzuviele von uns kennen. Es geht um die gemeine Kropfverstopfung. Ja, wer kennt die nicht? Mit der jedenfalls habe ich heute meinen ansonsten Heiligen Sonntag verbracht.

Mein JoHahn, schönster Hahn der Welt, leidet akut unter einer solchen Kropfverstopfung, der Kropf, der eigentlich zum Vor-Verdauen da ist, füllt sich, leert sich aber leider nicht mehr. Irgendwas ist da verstopft, ein riesen Kuddelmuddel in dem kleinen Kropf, der früher oder später zu beachtlicher Größe anwächst. Im schlimmsten Fall verstopft dann alles, oben mag noch ein Weilchen etwas hineingehen, es rutscht aber unten nicht weiter Richtung Magen, das unverdaute Kuddelmuddel im Kropf wird immer schlimmer, der Kropf immer dicker. Kann mit dem Tode enden, heißt es dann im Internet auf den entsprechenden Ratgeberseiten, aber soweit sind wir nun noch nicht.

Merkwürdige Bewegungen macht er mit dem Kopf und dem Hals, Sie können sich das in etwa so vorstellen, wie wenn bei Ihnen im Hals ein Tennisball festgeklemmt säße, man kennt das ja. Insgesamt ist er ein bisschen schlapp, aber trinken und Atmen geht noch. Krähen nicht mehr.

Und JoHahn stinkt aus dem Halse, als wollte er mit dem Geruch den Karthager Hannibal mit seinen 50.000 Soldaten und den 37 KriegsElefanten bei der Alpenüberquerung stoppen, und glauben Sie mir, wenn JoHahn und Hannibals Truppen damals aufeinandergetroffen wären, JoHahn wäre als Sieger aus der Begegnung hervorgegangen, daran besteht keinerlei Zweifel.  Keine Bewegung mehr im Kropf, kein Vor und Zurück, heißt also Gärprozesse vom allerfeinsten, ich kann Ihnen sagen. Ein olfaktorischer Shitstorm. Der Hahn reißt das Maul auf und will laut krähen, und Sie fallen ohnmächtig hintenüber, vielleicht ist das ja doch eine Metapher, die man für irgendeine gesellschaftspolitische Aus- oder Einlassung verwenden könnte, das fällt mir eben so auf. Aber ich komme vom Thema ab.

Wie dem auch sei: Ich habe also heute den Heiligen Sonntag, während Sie vermutlich auf Faschingsumzügen gefeiert oder ein schönes Museum besucht haben oder was weiß denn ich,  – ich habe also heute den Tag damit zugebracht, mich im Internet schlau zu machen, in Foren und auf allerlei Seiten, um dann beherzt zur Behandlung zu schreiten.

JoHahn im Garten greifen, unter den Arm klemmen und den dicken Kropf erstmal finden und dann massieren, während das gute Tier mir mit erschüttertem Blick seinen vergorenen Todesatem ins Gesicht haucht. Zwischendurch muss man den Hahn dann mal kopfüber kippen, damit die Brühe rausläuft. JoHahn kotzt, würgt, röchelt, ich stehe also mit dem Hahn unterm Arm im Garten, massiere und kippe mich und das Tier kopfüber, massiere, schnaufe und würge meinerseits, massiere und kippe und schüttele das arme Vieh koppheister. Ich will ja nur Dein Bestes, sage ich röchelnd zu dem röchelnden Hahn, aber der glotzt nur verständnislos, an seiner Stelle ginge es mir vermutlich nicht anders.

Wir sind leider noch lange nicht im grünen Bereich mit der Behandlung, wir werden das in den kommenden Tagen mit mehreren Hilfsmitteln weiterbetreiben müssen, dem Hahn gut zureden und ihm verständnisvoll zur Seite stehen, wenn er kotzt und würgt, wir werden den unfassbaren Gestank ignorieren, der aus seinem Inneren hervorquillt, sobald er das Maul aufreißt,  wir werden vorsichtig und liebevoll den Kropf massieren und das zusammengeballte gärende Etwas, diesen harten Klotz in ihm, irgendwie kleinkriegen mit Liebe und Geduld, jawohl. Und wir werden darüber nachdenken, ob das alles vielleicht doch als Metapher taugt, für irgendwas.

 

 

 

Sehnsucht nach dem Mehringdamm.

Ich habe da ja diesen extrem süssen Hund, Tante Lieselotte mit Namen, ein wahres Goldstück, das ich vor gut einem Jahr von einer Tierschutzorganisation übernommen habe. Lieselotte führte in früheren Zeiten angeblich ein Lotterleben auf südspanischen Strassen; als ich sie kennenlernte, saß sie bereits auf der Pflegestelle eines hiesigen Tierheimes, sie hatte ein paar unerfreuliche Macken, und wickelte aber mit ihren Cherry-eyes in Sekundenschnelle alle um den Finger, die ihr nahe kamen.

Nun hat es sich also ausgelottert, und Lieselotte zieht mit mir durch den Odenwald. Das mit dem Ziehen ist in diesem Fall leider nur allzu wörtlich zu nehmen, denn Tante Lieselotte zieht an der Leine wie der sprichwörtliche Ochse, es geht ihr nie schnell genug auf Wiesen und Feldern.

Dabei wird nahezu alles gejagt, was sich bewegt oder irgendwelche olfaktorischen Spuren hinterlassen hat, Mäuse, Hasen, Füchse, Rehe, Wildsauen, selbst die Vögelein am Himmel, Lieselotte rastet in freier Wildbahn komplett aus, bekommt den Tunnelblick und Schaum vorm Mund und rennt mit gefühlten 218 Stundenkilometern in die Schleppleine und zerrt und hört und sieht ansonsten nichts mehr. Und wenn ich sage nichts, meine ich nichts.

Wenn sie nicht gerade zerrt und jagen möchte, buddelt sie an jedem zweiten Quadratzentimeter, sie buddelt so närrisch und wildentschlossen, als gelte es, zum Erdkern vorzudringen, oder noch darüber hinaus, bis nach China, was weiss denn ich. Vor lauter Buddelei hat sie sich schon eine blutige Nase geholt, das dürfte beim Buddeln brennen wie die Sau, macht aber alles nichts, sie hat eine Mission und buddelt, Richtung China, Richtung Honolulu, in Sachen Ehrgeiz ist sie unübertroffen.

Ich kann derweil mit Schinken winken und mit allerlei anderen Leckereien, die ich in meiner Not mit mir herumschleppe und ihr feilbiete, ich kann ihr lustige Spielchen anbieten oder dahergelaufene Hundekumpel, es hat alles keinerlei Effekt, sie zerrt und buddelt und buddelt und zerrt, sie würdigt mich und ihr soziales Umfeld keines Blickes; es wäre zum Verzweifeln, wenn ich nicht schon jahrzehntelange Hundeerfahrung hätte und wenn Lieselotte nicht so ein Charmebolzen wäre, dem man am Ende doch wieder alles verzeiht.

Tante Lieselotte sei ja nun tatsächlich mal eine echte Granate, sagt mit gequältem Lächeln selbst die erfahrene Trainerin meines Vertrauens, die mir schon bei manch einem jagdlich motivierten Hund mit Rat und Tat beigestanden hat. Und das will ja nun was heißen. Ich übe und übe also weiter mit dem Berserker, ich wälze Fachliteratur und konsultiere die Trainerin, ich unterhalte mich mit Leidensgenossen und stoße mit schöner Regelmäßigkeit immer und immer wieder auf den gleichlautenden, entsetzlichen Rat: Trainieren Sie zunächst alles, aber wirklich !alles! in ablenkungsfreien Gebieten. 

Auf Deutsch heißt das: Gehen Sie an einen Ort, wo es weder Hasen, noch Mäuse, keine Rehe, keine Wildsauen oder Vogelschwärme gibt. Ich lese und höre das immer wieder, dann muss ich hysterisch lachen, ablenkungsfreie Gebiete!, lieb Heimatland!, im Odenwald!, ich werfe mich aufs Sofa und weine in die Kissen.

Und dann bekomme ich Sehnsucht nach dem Mehringdamm. Ich sehe mich dann mit Tante Lieselotte durch die Straße gehen, mitten in Berlin, ganz entspannt an lockerer Leine, wir schlendern von Hundehaufen zu Hundehaufen, von vollgepullertem Baum zu vollgepullertem Baum, vorbei an Currywurstbuden und Dönerbutzen, über ausgerotzte Kaugummis und weggeworfene Kippen, es gibt hier und da ein bißchen was zu schnüffeln, Pippi, Hundehaufen, Currywurst und Autoabgase, wir schnüffeln und schlendern, gucken und horchen, schlendern und schlendern in friedlicher Eintracht. Am Ende der Hunderunde über den Mehringdamm habe ich zwar Hundescheiße am Schuh, aber Lieselotte die Nase befriedigend voll und keinerlei Schaum vorm Maul, wir sind beide glücklich und zufrieden, und wenn wir nicht gestorben sind, dann schlendern wir noch heute.

So. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muß mit dem Hund raus.

(*packt weinend Sicherheitsgeschirr, Ruckdämpfer und Handschuhe, Schinken, Hähnchenmägen, Trillerpfeife und Fachliteratur ein und verlässt schluchzend das Haus*)

 

 

 

GummihosenBiber.

Ich musste heute dienstlich die Gummihosen anziehen, und die Gummistiefel, ich erwähne das an dieser Stelle nur, damit der Fanclub Gummihose hier endlich mal wieder fündig wird, das Wort Gummihose nämlich zählt zu den am häufigsten wiederkehrenden Suchbegriffen in meiner Blogstatistik, der liebe Himmel weiß, warum.

Wie dem auch sei, ich war zu einem Spaziergang durchs überschwemmte Unterholz verabredet, auf der Suche nach Biber-Spuren, und da trägt die Frau von Welt natürlich Gummihose. (So, und nun sollte es aber genug sein, liebe Freunde der Gummihose.)

Ich folgte also mehr oder weniger willenlos dem freundlichen Biber-Berater des Landkreises, kreuz und quer ging es durch Wasser und Matsch, über Baumstämme und Äste unter der Wasseroberfläche, es war eine gewisse sportliche Herausforderung, ich rief dem Biber-Berater über das Platschen und Gurgeln des Wassers zwischendurch wankend und strauchelnd zu, dass ich im Erwachsenen-Becken des Berliner Olympiastadions den Freischwimmer gemacht habe, ich dementsprechend nicht ertrinken würde, – es war also eine Herausforderung, die aber reich belohnt wurde.

Biberdamm.

Der freundliche Biber-Berater berät nicht etwa die Biber, wie der Name zunächst vermuten ließe, das heißt, vielleicht berät er sie heimlich doch, aber in erster Linie berät er alle möglichen Leute, die sich durch den Biber gestört fühlen. Und es werden immer mehr, sowohl Biber als auch Gestörte, also solche, die sich gestört fühlen oder tatsächlich gestört werden.

Sobald der Biber auftaucht, gibt es immer erstmal einen kleinen Ärger, sagt der Biber-Berater. Manchmal auch gleich einen großen. Während sich die Naturschützer freuen, dass der Biber nach knapp 200 Jahren im Landkreis fast flächendeckend endlich wieder heimisch ist, ärgern sich Landwirte und Waldbesitzer über umgenagte Bäume, gestaute Bäche, nasse Flächen auf Äckern oder Wiesen. Und die erste Frage lautet immer Wer bezahlt mir das?, sagt der Biber-Berater mit etwas gequältem Lächeln.

Manchmal versteht er den Ärger, wenn der Biber ernsthaften Schaden anrichtet, in der Landwirtschaft, in der Nähe von Kläranlagen oder Forellzuchtteichen. Manchmal versteht er ihn nicht. Beraten tut er immer, es gibt Wochen, da wird er drei, viermal gerufen, in irgendeinen Wald, an ein Ufer, auf einen Acker. Ich bin ja froh, wenn die Leute mich rufen und nicht gleich selber kurzen Prozess machen mit dem Biber oder seinen Bauten, alles schon vorgekommen. So ein blöder Biberdamm ist schnell abgetragen mit ordentlichem Gerät.

Biberburg.

So um 1830 wurde der letzte baden-württembergische Biber erlegt, seitdem war es Essig mit dem dicken Nager. Irgendwann besannen sich Bayern und Hessen eines Besseren und siedelten wieder Biber an und aus, was daraus über die Jahre und Jahrzehnte an putzigen bilateralen Biberbabies entstand, zieht inzwischen also wieder durch Baden-Württemberg. So sehr, dass man im hiesigen Landwirtschaftsministerium schon laut darüber nachdenkt, wie einer möglichen Plage Herr zu werden wäre.  

Um all das geht es also, während wir da durch Wasser und Unterholz steigen, vorbei an Dämmen und Burgen und Höhlen und Gängen, vorbei an angenagten Douglasien, gefällten Weiden, rund um den kleinen versteckten See, den ich noch nie zuvor gesehen habe und den offenbar nur Ortskundige kennen, quer durch einsames, urwüchsiges Gelände. Im Gestrüpp liegen alte Benzinkanister und junge Plastiktüten, Kunststofffetzen und Getränkedosen, ein gelber Müllsack flattert im Wind, ich trete versehentlich in eine leergegessene Gut-und-günstig-Hähnchen-Lyoner-Verpackung.

Gibt es eigentlich auch einen Abfallberater für den hiesigen Wald und seine Besucher?, frage ich den freundlichen Biber-Berater, bei dem müsste ja auch ununterbrochen das Telefon klingeln.  Er werde das herausfinden, verspricht der Biber-Berater, und dann werden wir mal bei dem anrufen und uns beklagen. Und dann grinsen wir beide ein bisschen mühsam und vertiefen das Thema nicht weiter.

 

 

 

 

 

Wir sind raus.

Dass nun ausgerechnet eine Pressemitteilung des Ministeriums für den Ländlichen Raum unter Herrn Minister (und Odenwälder Nachbar) Peter Hauk dafür gesorgt hat, dass der Gatte und ich mal wieder gemeinsam durchs Wohnzimmer schwoften und Hurra!, Hurra! riefen, uns dabei abwechselnd gegenseitig auf die Schultern schlugen und die Becker-Faust machten – nun, das hätten wir vor ein paar Jahren wohl auch noch nicht gedacht. Ja, so sind sie, die bekloppten Städter auf dem Land. Und die bekloppten Hühnerhalter.

Wir sind raus. Vorerst.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss Zäune einreißen und zusammengebrochene Partyzelte zusammenklauben und Schnee schippen im Auslauf. Damit die lieben Kleinen endlich wieder draußen rumtoben können.

Und wehe, sie gehen nicht sofort voller Freude in den Schneematsch. Dann setzt’s was, das kann ich Ihnen aber flüstern. Kochtopf, Hühnersuppe, undsoweiter, naja, Sie wissen schon. 

 

Ist das Kunst?

Ist das Kunst? Oder kann das weg? Bei einem Künstlerhaushalt weiß man das ja nie. In unserem Fall hier ist es weder das eine noch das andere, es mutete zwar an wie eine künstlerische Installation in Joseph-Beuys’scher Tradition, war aber unsere ziemlich clevere Art, der Vogelgrippe zu begegnen. besser gesagt, der damit einhergehenden Einstallpflicht.

So gesehen eine schlichtweg geniale Idee, verbunden mit deutscher Ingenieurskunst, zwei hochpreisige Partyzelte, von wegen Standhaftigkeit und so, naja, Sie wissen schon, miteinander verbunden und am Stall vertäut, so dass die ununterbrochen von oben herabfallenden Vogelgrippeerreger keine Chance haben. Ja, das muß uns erstmal einer nachmachen!

Leider haben wir in unserer Begeisterung für deutsche Ingenieurskunst für einen Moment außer Acht gelassen, dass im Odenwald mitunter auch ununterbrochen Schnee von oben herabfällt, nicht nur gefährliche Vogelgrippeerreger, und dass es hin und wieder windig ist, und manch mal sogar beides gleichzeitig. Tja, dumm geloffe, wie man hier so sagt.

Sehr geehrter Herr Doktor Kreisveterinäramtsleiter, bitte drücken Sie bis morgen mal ein Auge zu, wir werden das schnellstmöglich beheben oder uns was Neues ausdenken. Oder wir versteigern dieses Ensemble tatsächlich meistbietend als Kunst-Installation, wir nennen es Die Doofheit der Großstädter, 2 mal 4 Meter, geborstenes Stahlrohr und zerrissene Plane, wir kriegen einen Haufen Geld dafür und bauen von der vielen Kohle eine richtige Voliere. 

 

 

Schafcontent.

Ich weiss ja nicht, wo Sie Ihre Mittagspause so verbringen, in irgendeiner ollen Kantine vielleicht, wo man hinterher riecht, als sei man durch die Fritteuse geschwommen, oder in einer überfüllten Fußgängerzone, was weiss denn ich, oder vielleicht auch in der Raucherecke, ich male mir das in den tollsten Farben aus, – mich jedenfalls zieht es raus auf die Felder und über die Wiesen. So halbfreiwillig, die Hunde, naja, Sie wissen schon, halb zog es ihn, halb sank er hin, um hier mal einen Klassiker ins Spiel zu bringen.

So hat das Berufsleben auf dem Lande aber durchaus seine guten Seiten, Aufenthalte in der frischen Luft sollen ja gesund sein und die Kreativität fördern, selbst bei Mistwetter, der Wind war scharf, der Himmel bleigrau, alles eher ungemütlich. Heute mittag jedenfalls habe ich da draußen die Bekanntschaft mit ein paar sehr freundlichen Schafen gemacht, ich habe sie ein bisschen um ihre dicken Mäntel beneidet, in denen sie auch deutlich schicker aussahen als ich in meinem dicken Mantel. Und weil Schafcontent immer geht, zeige ich Ihnen hier meine neuen Freunde.

 

 

 

Lieber Herr Hauk.

Ich mag Sie. Ehrlich. Sie glauben das vermutlich nicht, ist aber so. Politische Ansichten hin oder her. Spätestens seit unserer musikalischen Begegnung im Hemsbacher Kirchlein habe ich Sie richtiggehend in mein Herz geschlossen. Ja, irgendwann musste es herauskommen. Nun wissen Sie bescheid. Ich habe in meinem Leben noch nie Ihre Partei gewählt, das kann ich der Familie nicht antun, aber Sie, Sie gefallen mir, jawohl.

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Aber nun müssen wir ein ernstes Wörtchen reden, so von Geflügelhalterin zu Agrarminister. Vogelgrippe, Aufstallpflicht und so, naja, Sie wissen schon. Meine Hühner werden das irgendwie überstehen, der Auslauf wird sich von Jetzt auf Gleich von 1000 qm auf 30 qm reduzieren, mindestens bis Ende Januar, schreiben Sie in einer Pressemitteilung, vielleicht auch länger, das ist reichlich blöd, aber das kriegen die schon hin, die Hühner, so weh es mir auch in der Seele tut. Überhaupt ist das ja alles eine richtig schlimme Sache, für andere viel schlimmer als für mich, aber das ist jetzt nicht das Thema.

Ich habe da heute nach Ihrer Pressemitteilung gleich ein bisschen recherchiert, wie man denn Hühner wohl bespaßen kann, wenn sie nicht in der Wiese frei herumturnen dürfen, es gibt da die tollsten Ideen, von Grünkohlpalmen bis zu lustigen Gemüsepyramiden, ja, da staunen Sie, man findet da allerlei Beschäftigungstherapie-Angebote, damit die Viecher nicht verblöden. Vogelgrippefrei, aber verblödet, nein, das wäre ja nun wirklich zu blöd.

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Das wirkliche Problem ist aber doch ein anderes: es gibt in meinem Leben ja noch einen anderen Mann, der einen Platz in meinem Herzen hat und mit dem ich darüber hinaus sogar verheiratet bin.

Wir führen eine wirklich mustergültige Ehe, wir streiten nie, wir schwätzen dauernd, wir haben nicht mal einen Fernseher, weil wir uns abends (und morgens und mittags) immer so viel zu erzählen haben, über alle Themen dieser Welt und über noch viel mehr. Wir gehen durch Dick und durch Dünn, wir vertrauen einander, wir lösen Konflikte immer sachlich und konstruktiv.

Aber wehe, wir müssen zusammen einen neuen, überdachten und umzäunten Hühnerauslauf bauen.

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Dann ist der eheliche Friede ernsthaft in Gefahr. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Wann immer es um Baumaßnahmen geht, selten genug, gottlob, – wann immer es also um Baumaßnahmen geht, fliegen bei uns die Fetzen, mein Mann kommandiert mich herum, ich fange an zu jammern, er schreit, ich schlage mit dem Hammer auf die Daumen, nur auf meine, leider, ich flenne mit zittriger Unterlippe, er weiß alles besser, ich widerspreche lautstark, weil ich doch alles besser weiß, er unterstellt mir komplette Ahnungslosigkeit und zwei linke Hände noch dazu.

Ich schniefe in die Hosenträger meines Blaumanns, der Mann macht merkwürdige brummende Geräusche. Ich schmeiße irgendwann wutentbrannt das Werkzeug in die Ecke, er arbeitet fluchend weiter, in den Nachbarhäusern bewegen sich vorsichtig die Gardinen, so ein Schauspiel sieht man selten hier im Dorf.

Mit anderen Worten: Sie mit Ihrer Stallpflicht bringen meine Ehe in Gefahr. Wollen Sie das wirklich? Ich meine, da müsste es doch eine Ausnahmeregelung geben, ich weiß ja auch nicht so genau, aber es war doch die Rede von „existentiellen Gründen“, die eine Ausnahme ermöglichen würden. Wäre der eheliche Frieden nicht ein solcher Grund? Sie als Wertekonservativer wissen doch, wovon ich spreche. Würden Sie die Ehe opfern wollen? Wegen einer Handvoll Odenwälder Hühner? Also ehrlich.

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Und jetzt also weiß ich auch nicht weiter. Ohne Ausnahmeregelung sehe ich schwarz für die kommenden Tage. Könnten Sie nicht irgendwie ein bisschen helfen, sehr geehrter Herr Agrarminister, lieber Peter Hauk? Gibt es keine Lösung?

Doch, es gäbe eine!, – eben fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Den neuen überdachten und umzäunten Ausflauf, den bauen einfach Sie mit mir. Sie wohnen ja auch gar nicht weit von uns. Den Gatten schicke ich solang ins Wirtshaus, da kann er meckern wie er will, dann wird das alles nett und ganz entspannt. Sie haben das ja schließlich auch verordnet.

Und ratzfatz setzen wir die Stallpflicht um, mit einem schicken, neuen Vordach und so einer Art Voliere. Ich habe das ja alles auch schon aufgezeichnet, ich weiß ja, wie das geht, Sie müssten es nur machen mit meiner Unterstützung. Alles völlig easy. Das ist doch eine prima Sache. Und meine Ehe auch gerettet.

Sie haben hoffentlich ja nicht zwei linke Hände?

Mit lieben Grüssen,

undsoweiterundsoweiter.