1. FC Huhn.

Ach, Gotterle, ich habe hier ja schon ewig keine erfreulichen Hühnerfotos mehr eingestellt, Sie haben sich bestimmt schon gewundert. Naja, hier sind sie nun. Wir haben an einem Samstag mit brütender Hitze ja sonst nix zu tun auf dem Lande.

Die Alte. Sie lebt noch.

 

 

 

Och, nee.

Dass es mit der vermeintlichen Idylle auf dem Lande so eine Sache ist, haben Sie vielleicht schon dem vorherigen Blogpost entnommen, falls Sie es nicht ohnehin schon wussten. Und es geht grade so weiter, der Kriegsschauplatz hat sich im Moment erneut verschoben, weg vom Forellenteich und leider wieder zu uns in den Hühnerauslauf, und wieder kämpft erbittert Mensch gegen Natur.

Friedrich II. Dem gehts noch gut, keine Sorge.

Herr Fuchs war wieder da, ich würde ihn hier gerne als die dumme Sau bezeichnen, aber das gehört sich nicht, und außerdem stimmte das ja auch zoologisch hinten und vorne nicht, wie man es auch dreht und wendet. Ich höre schon Ihr vorwurfsvolles Stöhnen, aber nein, alle Stalltüren waren diesmal zu, zu-er geht nicht.

Nur hatten offenbar Tick, Trick und Track getrödelt, die drei schneeweissen Bressehühnchen, wie das eben bei Jugendlichen manchmal so ist. Da wird hier noch gequasselt, und da noch heimlich eine geraucht, und dann aber, hastewattkannste, auf den allerletzten Drücker nach Hause in den Stall.

Da war die Stall-Tür aber leider schon zu, es war dämmerige Dämmerung, tja, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und wir waren nicht daheim. Aber der Herr Fuchs, der war da. Der lauerte vermutlich schon seit ein paar Tagen. Und die Farbe Weiß fehlte ihm ohnehin in seiner Sammlung noch.

Nun ist also Tick (oder Trick oder Track) spurlos verschwunden, Trick (oder Tick oder Track) lag scheinbar unversehrt aber sterbend vor dem Stall (wir vermuten: Herzinfarkt), nur Track (oder Tick oder Trick) hat überlebt.

Es sind diese Momente, wo ich kurz darüber nachdenke, den ganzen Blödsinn sein zu lassen, frische Eier und idyllisches Hähnekrähen hin oder her. Wir halten jetzt seit zehn Jahren Hühner, und nie war was, tröstet mich der Gatte, und er hat ja recht, nie hatten wir auch nur eine einzige Milbe, keine Krankheiten, keinen Fuchs, keinen Marder, keine Notschlachtungen. Aber in diesem Jahr meint der Hühnergott es irgendwie nicht gut mit uns, irgendwie ist da der Wurm drin.

Und so, als schlösse sie sich unbewusst meiner Mutlosigkeit an, hat sich nun auch noch die dienstälteste Henne, die Grande Dame der heimischen Hühnerzucht, vor ein paar Tagen alt und grau auf die Stange in den dunklen Stall gesetzt und sich seitdem von dort auch nicht mehr wegbewegt. Der Kamm ist blass, die Lappen runzelig und rosa.

Zwischendurch kommen merkwürdige Geräusche aus ihr heraus, ein dunkler Ton, von ganz tief innen, wie ein Seufzen oder wie ein sonderbares Selbstgespräch. Vielleicht lässt sie ihre acht, neun Lebensjahre nocheinmal Revue passieren, vor ihrem inneren Auge, und vielleicht denkt sie darüber nach, warum der Fuchs nicht sie holt, sondern immer nur die jungen Dinger. Oder sie freut sich darauf, schon bald im Hühnerhimmel all jene wiederzutreffen, die uns in letzter Zeit abhanden kamen. Ach, was weiß denn ich.

Die Alte.

 

 

Idylle oder so.

Was für eine liebliche Idylle, das Wasser plätschert, die Fischlein schwimmen im Teich, die Sonne lacht, das Licht blinzelt durch das Maigrün der Bäume, undsoweiter, undsoweiter.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein, und ich darf vorallen Dingen hier sein, weil ich den Forellenfreund mit seinen Forellen unterstütze. Ich füttere die lieben kleinen Fischlein, auf dass sie groß und stark werden, und genieße im Gegenzug täglich diese Teichidylle. Und ich kann Ihnen flüstern: Vergessen Sie das mit der Idylle. Gepfiffen is‘. Das hier ist keine Idylle, das ist ein Kriegsschauplatz.

Hier kämpft erbittert Mensch gegen Reiher, jeden Tag aufs Neue, und ich bin völlig unschuldig in diese Auseinandersetzung hineingeraten. Ich wollte das gar nicht, ehrlich, aber ich entwickle inzwischen einen heiligen Zorn, wenn ich Agathe nur sehe, das blöde Viech, vielleicht ist es auch ein Rudi oder ein Dieter, mir ist das alles wumpe, ich brüte über Angriffsstrategien und Abwehrmaßnahmen, ich fahre bis zu dreimal täglich an den Teich, zu jeder Tages- oder Nachtzeit, ich schreie, klatsche, hupe, hetze die ansonsten eher friedlichen Hunde, bis Agathe sich bequemt, in aller Ruhe aufzuflattern und mit einem glänzenden Fischlein im Schnabel davonzufliegen. Sie ruft mit vollem Maul und krächzender Stimme dann noch allerlei nicht-jugendfreie Unverschämtheiten über die angrenzende Wiese, und ich meine, auch Stunden später noch aus dem gegenüberliegenden Wald ihre dreckige, hämische Lache zu hören.

Der Forellenmann und ich, wir fahren an Geschützen auf, was uns zur Verfügung steht. Einen Zaun rund um den Teich, und ein Gewirr von Schnüren im Uferbereich. Gefühlte 364 Kilometer Schnur haben wir verspannt, wir haben keinerlei Mühen und Verwicklungen gescheut. Wer hier durchkommt, muss entweder Entfesselungskünstler sein oder amtierender Weltmeister im Gummitwist, und ich stelle mir vor, wie Agathe, das vermaledeite Drecksvieh, da feixend und frech über die Schnüre hopst, hops, hops, ins seichte Wasser, schnapp, schnapp, Forelle rausgeholt.

Um derlei feindliche Flugobjekte abzuwehren, hat der Forellenmann jetzt noch den potentiellen Landeplatz mit Schnüren überspannt, das ganze Grundstück verwandelt sich langsam aber sicher zu einem Stück Land-Art, das selbst den Verpackungskünstler Christo neidisch werden ließe. Nicht mal eine Drohne könnte hier noch landen, ohne sich maßlos zu verheddern. Und der Forellenmann hat als letzte, wirklich ultimative Warnung einen Plastikreiher in der Mitte des Teiches aufgehängt, koppheister, ein wahrhaft jämmerlicher und furchteinflößender Anblick, der eigentlich jeder vernunftbegabten Agathe den Appetit verderben müsste. Ich ahne allerdings, Agathe lacht sich eines Tages tot, damit wäre uns ja auch geholfen, aber noch ist es nicht soweit.

Nun höre ich schon das Weinen der Tierschützer, der arme Reiher, der hat Kohldampf, er hat daheim sieben hungrige Schnäbel zu stopfen, alleinerziehend ist er noch dazu – ja, das ist ja alles recht, aber Agathe, die blöde Kuh, soll doch gefälligst woanders die Teiche ausräubern.

Unsere interne Jahres-Forellen-Statistik verzeichnet: 500 Forellen eingesetzt, 150 eigenhändig rausgeangelt, See leer. L.e.e.r. Ratzeputz leer, leerer geht nicht. Selbst wenn Sie da mit der Lupe nach Forellen suchen würden, unter Wasser, Sie würden nichts mehr finden, ich habe das jüngst für Sie getestet.

Falls Sie selber es nicht mit dem Kopfrechnen haben: da fehlen satte 350 Fische, Agathe kommt also nahezu täglich zum Klauen, nur an 15 Tagen hat sie mal eine Pause gemacht, ich nehme an, da hatte sie Urlaub oder war auf Mutter-Kind-Kur im Bergischen Land.

Wir kämpfen also weiter, wir werden uns doch nicht einer dahergeflogenen Agathe geschlagen geben, ich bitte Sie. Ich werde in den kommenden Tagen noch Transparente anbringen, Reiher go home!, werde ich auf ein Bettlaken schreiben, mit fettem Filzstift, und Ne touche pas a mon Forelle!, für den Fall, dass Agathe kein Englisch versteht. Außerdem habe ich vorgeschlagen, den Teich mit einer gegossenen Betonplatte hermetisch abzuriegeln, oder gleich ganz mit Estrich zu befüllen, da würde Agathe schön dumm aus der Wäsche gucken. Aber da zieht der Forellenmann nicht mit.

Noch nicht.

 

 

Neues Spiel, neues Glück.

Neues Spiel, neues Glück, neuer Hahn und neue Hennen. Der Gatte konnte es nicht abwarten, und ich wollte ihm nicht schon wieder mit Begriffen wie Pietät  oder Trauerarbeit kommen. Schließlich war ich am dramatischen Hühnergemetzel quasi schuld, und während in irgendeinem Erdbau nun Herr und Frau Fuchs sitzen, mit ihren Jungen, und sie alle sich die dicken Bäuche halten, vor Lachen und wegen der XXL-Portion Hähnchenfrikassee, währenddessen also sind wir einmal quer durch die Region gefahren, um für Nachschub zu sorgen. Also, für uns, nicht für den fiesen Fuchs.

Die lieben Hühnchen schreien wie am Spieß, als sie ihr Ziehvater greifen und umzugsfertig machen will, es kam bereits die Vermutung auf, dass sie heimlich hier im Blog mitlesen (wie vermutlich viele Hühner auf der großen weiten Welt), und dass sie dementsprechend ahnen, was ihnen da blüht im Odenwald. Allein, das Geschrei hilft nichts, rein in die Kisten, Klappe zu, Affe tot, und Hühnchen brüllt.

 

 

Jetzt ist es Abend geworden im Odenwald, alle vertragen sich soweit, die alten Hühner haben sich dem neuen Hahn gleich an den Hals geworfen, es war nicht mitanzusehen, das kokette Gegurre und Gemache, jede Feministin bekäme hysterische Pickel bei diesem Schauspiel. Und nun sitzen auch die zwei Hühnchen und Friedrich II  auf der Stange, als hätten sie nie etwas anderes gekannt. Ich habe das eben nochmal kontrolliert, – und JA, ich habe die Stalltür zugemacht, Himmelherrgottsackzementnochemol.

Bitte, danke, Sie mich auch.

 

 

Herr Fuchs.

Wir sitzen da gestern abend bei Freunden, ein paar Dörfer weiter, es gibt feinstes Essen und guten Wein, die Freunde sind Hühnerhalter wie wir, und so kommen wir früher oder später ans Hühnerhaltungs-Fachsimpeln, wie das eben so geht unter Landmenschen, wir berichten vom elektronischen Stallwächter, den wir schon lange installiert haben, die Hühnerklappe ist in die große Stalltür eingebaut und öffnet und schließt wie von Zauberhand. Genauer gesagt, von einer Schaltuhr betrieben, wir müssen uns um nichts kümmern, die Klappe geht morgens auf und abends wieder zu, wir sparen uns viele Wege und können beruhigt schlafen, das ist alles wirklich sehr praktisch.

Die Freunde hören und staunen, ja, vielleicht sollten wir sowas auch einbauen, sicher ist sicher, auf die elektronische Hühnerklappe ist bei Wind und Wetter Verlass.  Wir fragen uns, wie wir es überhaupt so lange ohne elektronischen Stallwächter ausgehalten haben, wir schwadronieren und schwadronieren und malen die Vorzüge des Gerätes in den schönsten Farben aus, das ist nun wirklich sehr praktisch, sagen wir und nehmen noch einen Schluck Rotwein und ein Stück von dem frischgeschossenen Rehrücken.

Und während wir also so schwadronieren und stolz von der Hühnerklappe berichten, ein paar Dörfer von zuhause entfernt, schleicht der Herr Fuchs bei uns um den Stall, die elektronische Klappe hat ihren Dienst schon getan, sie ist um 21 Uhr leise heruntergesummt, was aber nicht so viel nützt, wenn die gesamte Stalltür sperrangelweit offen steht, weil man sie morgens sperrangelweit geöffnet und nicht wieder geschlossen hat, und so schreitet also Herr Fuchs durch die offene Tür mit der geschlossenen Klappe in den Hühnerstall und freut sich, und ihm läuft das Wasser im Munde zusammen, die Hühner sind nachtblind, sie ahnen nur, was da passiert, aber sie sehen es nicht, und ehe sie sichs versehen, sind drei Hühner und Friedrich der Hahn mausetot.

 

 

 

Viehtrieb.

Früher als sonst muss das Vieh auf die Sommerweide, das Futter im Stall wird knapp, draußen stehen die Weiden schon in sattem Grün. Trotz der frischen Temperaturen des Nachts.

Den Transport raus ins Freie, den langen Fußmarsch, den finden die Kühe blöd, sie finden ihn nachgeradezu scheiße und dokumentieren das auch deutlich, rückwärtig, sozusagen, wie an den Spuren auf dem Weg hinterher gut zu erkennen ist. Man kann ihnen da zureden wie man will, ihnen vom frischen saftigen Gras vorschwärmen, von der guten Landluft und der Weite, sie begreifen das leider nicht und maulen und bocken im Viehtriebwagen.

Der mehr als 1000 Kilo schwere Bulle nimmt es mit stoischer Gelassenheit, wahrscheinlich bleibt ihm bei seiner Körperfülle auch nicht viel anderes übrig. Die ersten sechs Kälbchen hoppeln unerschrocken in einer gesonderten Fuhre auf die Weide, als ahnten sie, was ihnen da Schönes blüht.

Jetzt erfüllt das Brüllen und Muhen das Tal, der Frühling kann kommen.

Friedrich.

Wir haben ja nun in einer Hauruck-Aktion einen neuen Hahn organisiert, jede Pietät vermissen lassend, einen Ersatz für JoHahn, Gott hab ihn selig. Der Gatte wollte es so, es konnte ihm gar nicht schnell genug gehen mit dem neuen Hahn, der liebe Himmel weiß, wieso. Vermutlich irgendso ein Männerding.

Und das hat er nun davon, der Gatte. Kaum war Karl Friedrich, genannt Friedrich, eingezogen, war mein lieber Geo abgemeldet. Aber sowas von. Freudig erregt lief er gleich am ersten Nachmittag ans Hühnertörchen, machte albern puttputtputt und lockte seine Hühnerschar – allein: keine Sau ließ sich blicken. Kein Huhn, kein Hahn, kein gar nichts.

Kamen sie sonst immer eilig angewetzt, wenn Geo rief und allerlei Leckereien in den Auslauf streute, bleiben sie jetzt einfach da, wo Friedrich ist. Friedrich sitzt irgendwo hinten im Garten, die Hühner himmeln ihn an, sie hängen quasi an seinen nichtvorhandenen Lippen, sie turteln um ihn herum und tippeln hinter ihm her, Friedrich hier, Friedrich da, sie treten sich dabei gegenseitig auf die Füße und schlagen sich gegenseitig ihre Flügel um die Ohren, und mein lieber Geo guckt in die Röhre.

Nicht, dass ihn das in seiner Eitelkeit kränken würde, ach, i wo denn, Was ist das denn für ein Scheiß?, flucht er, wenn er vom Hühnerauslauf wieder ins Haus kommt, dieser blöde Hahn, ich verstehe gar nicht, was die an ihm haben. Ich sage dann Ach, Du armer, armer Hase, bist Du jetzt ganz abgemeldet? und verkneife mir ansonsten jeglichen Kommentar um des ehelichen Friedens willen. So viel steht fest: Friedrich hat bei meinem Geo derzeit keine guten Karten.

Aber es kommt ja noch schlimmer. Friedrich heißt ja nicht nur Karl Friedrich, wir haben ihm nach dem ersten Tag bereits einen offiziellen Nachnamen verpasst, Karl Friedrich von Brüllhahn. Ja, Sie ahnen es, Friedrich kräht nicht ab und zu, wie vernünftige Hähne das zu tun pflegen, – Friedrich brüllt. Ununterbrochen. Ohne jede Pause.

Friedrich brüllt mit den Vögeln um die Wette, er brüllt die Sonne an, die Wolken offensichtlich auch, Friedrich unterhält sich brüllend mit dem Nachbarhahn schräg gegenüber, Friedrich brüllt, wenn Autos vorbeifahren oder wenn der Wind weht, er brüllt den Hennen Liebesschwüre in die Ohren, er brüllt die Schmetterlinge an und den Spatzen hinterher, er brüllt, weil es 13 Uhr ist oder 15 Uhr oder 8 Uhr früh, er brüllt bei Hunger oder Durst, oder wenn er satt ist, er brüllt bei jedem noch so kleinen Anlass. Und wenn es keinen Anlass zum Brüllen gibt, dann brüllt er eben so lange, bis er einen findet.

Australorphähne haben dabei den Resonanzkörper eines Kontrabasses, und wenn Friedrich brüllt, wackeln die Wände. Mein Geo, dessen Herz Friedrich ja nun ohnehin nicht wirklich im Sturm erobert hat, um es mal vorsichtig zu formulieren,  – mein Geo also hat daraufhin gleich die Nummer des Züchters gewählt, um mal freundlich nachzufragen, was für einen Brüllaffen er uns da angedreht hat ob er sich das erklären könne und ob da Besserung in Sicht ist.

Ist es angeblich, der Hahnenzüchter sagt, man müsse sich das vorstellen wie pubertierende Jugendliche auf einem Jungs-Internat, die nun plötzlich erstmals die Freiheit einer Klassenfahrt genießen und dort auch noch auf hübsche Mädchen treffen. Da sei eine Kommunikation in Zimmerlautstärke auch nicht denkbar, da sei auch erstmal nur lautes Gebrüll und zotige Witze und Wichtigtuerei.

Das wird sich also ändern. Sagt der Züchter jedenfalls. Heute immerhin hat Friedrich schon deutlich weniger gebrüllt, ja, tatsächlich, nur noch alle zwei Minuten, statt gestern alle zwanzig Sekunden, das ist doch schon ein Fortschritt. Es hatte aber zur Folge, dass mein Geo während des Mittagessens unvermittelt aufsprang und in den Hühnerauslauf eilte, Es ist so still da draußen, da wird doch nichts passiert sein?  

Und jetzt weiß ich auch nicht.

 

 

 

Ach, JoHahn.

Am Anfang klang das ja alles noch sehr spassig, allein, die blöde Kropfverstopfung entwickelte sich sehr zu JoHahns Nachteil, und vor ein paar Tagen haben wir ihn nun also erlösen lassen. Alle Massagen, alle Cola-Infusionen, nichts half, JoHahn wurde kleiner und kleiner und stummer und stummer und leichter und leichter, bis von ihm nicht viel mehr übrig war als sein glänzendes Federkleid. Das glänzte bis zur letzten Stunde mit den Sternen um die Wette, verstehe das, wer will.

Ich bin ja leider immernoch zu feige, liebgewonnene Tiere selber um die Ecke zu bringen, es musste der Freund aus dem Nachbardorf ran, er kam, sah und hackte, nehme ich jetzt mal so an, Genaues wollte ich nicht wissen. Ich lerne das auch noch, versprochen. Dass einem der Tod eines Hahnes mal den Tag versauen könnte, das hätten Sie mir vor ein paar Jahren auch noch nicht sagen dürfen, ich hätte Sie ja für bekloppt erklärt.

Jedenfalls bestand der Gatte auf sofortigen Ersatz, eine Forderung, die kurzfristig den Ehefrieden ernsthaft bedrohte, es drehte sich dabei alles um die Frage, ob auch ein abgemurkster Hahn auf soetwas wie Pietät bestehen könne, aber nachdem der Hahn nun abgemurkst war, konnte er sich selber dazu nicht mehr äußern, und letzten Endes setzte sich also mein Geo durch. Jetzt haben wir seit gestern einen neuen Hahn, Friedrich, ein wahres Bild von einem Mann, und nun ist mein Geo wieder beleidigt, weil Friedrich ihm die Schau stiehlt und die Hühner nichts mehr von Geo wissen wollen, sondern nur noch hinter Friedrich her tippeln, mit ganz verliebten Augen. Aber davon erzähle ich Ihnen dann ein andermal.

Kleener JoHahn: Grüß mir die Sonne, grüß mir die Sterne, und grüß mir den Mond.

 

 

Kotz, würg.

Jahaha, unter dieser Klick-Bait-Überschrift erwarten Sie jetzt vermutlich eine politische Ausführung meinerseits, eine Erläuterung zur allgemeinen Lage der Nation und der Gesellschaft aus Odenwälder Perspektive, das ist zwar ziemlich naheliegend, aber leider doch in diesem Zusammenhang grundfalsch.

Es geht vielmehr um ein Problem, das nur allzuviele von uns kennen. Es geht um die gemeine Kropfverstopfung. Ja, wer kennt die nicht? Mit der jedenfalls habe ich heute meinen ansonsten Heiligen Sonntag verbracht.

Mein JoHahn, schönster Hahn der Welt, leidet akut unter einer solchen Kropfverstopfung, der Kropf, der eigentlich zum Vor-Verdauen da ist, füllt sich, leert sich aber leider nicht mehr. Irgendwas ist da verstopft, ein riesen Kuddelmuddel in dem kleinen Kropf, der früher oder später zu beachtlicher Größe anwächst. Im schlimmsten Fall verstopft dann alles, oben mag noch ein Weilchen etwas hineingehen, es rutscht aber unten nicht weiter Richtung Magen, das unverdaute Kuddelmuddel im Kropf wird immer schlimmer, der Kropf immer dicker. Kann mit dem Tode enden, heißt es dann im Internet auf den entsprechenden Ratgeberseiten, aber soweit sind wir nun noch nicht.

Merkwürdige Bewegungen macht er mit dem Kopf und dem Hals, Sie können sich das in etwa so vorstellen, wie wenn bei Ihnen im Hals ein Tennisball festgeklemmt säße, man kennt das ja. Insgesamt ist er ein bisschen schlapp, aber trinken und Atmen geht noch. Krähen nicht mehr.

Und JoHahn stinkt aus dem Halse, als wollte er mit dem Geruch den Karthager Hannibal mit seinen 50.000 Soldaten und den 37 KriegsElefanten bei der Alpenüberquerung stoppen, und glauben Sie mir, wenn JoHahn und Hannibals Truppen damals aufeinandergetroffen wären, JoHahn wäre als Sieger aus der Begegnung hervorgegangen, daran besteht keinerlei Zweifel.  Keine Bewegung mehr im Kropf, kein Vor und Zurück, heißt also Gärprozesse vom allerfeinsten, ich kann Ihnen sagen. Ein olfaktorischer Shitstorm. Der Hahn reißt das Maul auf und will laut krähen, und Sie fallen ohnmächtig hintenüber, vielleicht ist das ja doch eine Metapher, die man für irgendeine gesellschaftspolitische Aus- oder Einlassung verwenden könnte, das fällt mir eben so auf. Aber ich komme vom Thema ab.

Wie dem auch sei: Ich habe also heute den Heiligen Sonntag, während Sie vermutlich auf Faschingsumzügen gefeiert oder ein schönes Museum besucht haben oder was weiß denn ich,  – ich habe also heute den Tag damit zugebracht, mich im Internet schlau zu machen, in Foren und auf allerlei Seiten, um dann beherzt zur Behandlung zu schreiten.

JoHahn im Garten greifen, unter den Arm klemmen und den dicken Kropf erstmal finden und dann massieren, während das gute Tier mir mit erschüttertem Blick seinen vergorenen Todesatem ins Gesicht haucht. Zwischendurch muss man den Hahn dann mal kopfüber kippen, damit die Brühe rausläuft. JoHahn kotzt, würgt, röchelt, ich stehe also mit dem Hahn unterm Arm im Garten, massiere und kippe mich und das Tier kopfüber, massiere, schnaufe und würge meinerseits, massiere und kippe und schüttele das arme Vieh koppheister. Ich will ja nur Dein Bestes, sage ich röchelnd zu dem röchelnden Hahn, aber der glotzt nur verständnislos, an seiner Stelle ginge es mir vermutlich nicht anders.

Wir sind leider noch lange nicht im grünen Bereich mit der Behandlung, wir werden das in den kommenden Tagen mit mehreren Hilfsmitteln weiterbetreiben müssen, dem Hahn gut zureden und ihm verständnisvoll zur Seite stehen, wenn er kotzt und würgt, wir werden den unfassbaren Gestank ignorieren, der aus seinem Inneren hervorquillt, sobald er das Maul aufreißt,  wir werden vorsichtig und liebevoll den Kropf massieren und das zusammengeballte gärende Etwas, diesen harten Klotz in ihm, irgendwie kleinkriegen mit Liebe und Geduld, jawohl. Und wir werden darüber nachdenken, ob das alles vielleicht doch als Metapher taugt, für irgendwas.

 

 

 

Sehnsucht nach dem Mehringdamm.

Ich habe da ja diesen extrem süssen Hund, Tante Lieselotte mit Namen, ein wahres Goldstück, das ich vor gut einem Jahr von einer Tierschutzorganisation übernommen habe. Lieselotte führte in früheren Zeiten angeblich ein Lotterleben auf südspanischen Strassen; als ich sie kennenlernte, saß sie bereits auf der Pflegestelle eines hiesigen Tierheimes, sie hatte ein paar unerfreuliche Macken, und wickelte aber mit ihren Cherry-eyes in Sekundenschnelle alle um den Finger, die ihr nahe kamen.

Nun hat es sich also ausgelottert, und Lieselotte zieht mit mir durch den Odenwald. Das mit dem Ziehen ist in diesem Fall leider nur allzu wörtlich zu nehmen, denn Tante Lieselotte zieht an der Leine wie der sprichwörtliche Ochse, es geht ihr nie schnell genug auf Wiesen und Feldern.

Dabei wird nahezu alles gejagt, was sich bewegt oder irgendwelche olfaktorischen Spuren hinterlassen hat, Mäuse, Hasen, Füchse, Rehe, Wildsauen, selbst die Vögelein am Himmel, Lieselotte rastet in freier Wildbahn komplett aus, bekommt den Tunnelblick und Schaum vorm Mund und rennt mit gefühlten 218 Stundenkilometern in die Schleppleine und zerrt und hört und sieht ansonsten nichts mehr. Und wenn ich sage nichts, meine ich nichts.

Wenn sie nicht gerade zerrt und jagen möchte, buddelt sie an jedem zweiten Quadratzentimeter, sie buddelt so närrisch und wildentschlossen, als gelte es, zum Erdkern vorzudringen, oder noch darüber hinaus, bis nach China, was weiss denn ich. Vor lauter Buddelei hat sie sich schon eine blutige Nase geholt, das dürfte beim Buddeln brennen wie die Sau, macht aber alles nichts, sie hat eine Mission und buddelt, Richtung China, Richtung Honolulu, in Sachen Ehrgeiz ist sie unübertroffen.

Ich kann derweil mit Schinken winken und mit allerlei anderen Leckereien, die ich in meiner Not mit mir herumschleppe und ihr feilbiete, ich kann ihr lustige Spielchen anbieten oder dahergelaufene Hundekumpel, es hat alles keinerlei Effekt, sie zerrt und buddelt und buddelt und zerrt, sie würdigt mich und ihr soziales Umfeld keines Blickes; es wäre zum Verzweifeln, wenn ich nicht schon jahrzehntelange Hundeerfahrung hätte und wenn Lieselotte nicht so ein Charmebolzen wäre, dem man am Ende doch wieder alles verzeiht.

Tante Lieselotte sei ja nun tatsächlich mal eine echte Granate, sagt mit gequältem Lächeln selbst die erfahrene Trainerin meines Vertrauens, die mir schon bei manch einem jagdlich motivierten Hund mit Rat und Tat beigestanden hat. Und das will ja nun was heißen. Ich übe und übe also weiter mit dem Berserker, ich wälze Fachliteratur und konsultiere die Trainerin, ich unterhalte mich mit Leidensgenossen und stoße mit schöner Regelmäßigkeit immer und immer wieder auf den gleichlautenden, entsetzlichen Rat: Trainieren Sie zunächst alles, aber wirklich !alles! in ablenkungsfreien Gebieten. 

Auf Deutsch heißt das: Gehen Sie an einen Ort, wo es weder Hasen, noch Mäuse, keine Rehe, keine Wildsauen oder Vogelschwärme gibt. Ich lese und höre das immer wieder, dann muss ich hysterisch lachen, ablenkungsfreie Gebiete!, lieb Heimatland!, im Odenwald!, ich werfe mich aufs Sofa und weine in die Kissen.

Und dann bekomme ich Sehnsucht nach dem Mehringdamm. Ich sehe mich dann mit Tante Lieselotte durch die Straße gehen, mitten in Berlin, ganz entspannt an lockerer Leine, wir schlendern von Hundehaufen zu Hundehaufen, von vollgepullertem Baum zu vollgepullertem Baum, vorbei an Currywurstbuden und Dönerbutzen, über ausgerotzte Kaugummis und weggeworfene Kippen, es gibt hier und da ein bißchen was zu schnüffeln, Pippi, Hundehaufen, Currywurst und Autoabgase, wir schnüffeln und schlendern, gucken und horchen, schlendern und schlendern in friedlicher Eintracht. Am Ende der Hunderunde über den Mehringdamm habe ich zwar Hundescheiße am Schuh, aber Lieselotte die Nase befriedigend voll und keinerlei Schaum vorm Maul, wir sind beide glücklich und zufrieden, und wenn wir nicht gestorben sind, dann schlendern wir noch heute.

So. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muß mit dem Hund raus.

(*packt weinend Sicherheitsgeschirr, Ruckdämpfer und Handschuhe, Schinken, Hähnchenmägen, Trillerpfeife und Fachliteratur ein und verlässt schluchzend das Haus*)