St. Die

Ich wollte mal so ein richtiges, typisches, französisches Kleinstädtchen besuchen, schnuckelige Fachwerkhäuser, bunte Fassaden, schmale Gassen, naja Sie wissen schon. Also sind wir spontan nach St. Die gefahren. Ein Reinfall sondergleichen. Aber sowas von. Allerdings nur auf den ersten Blick.

St. Die des Vosges ist alles andere als ein typisches französisches Städtchen. Nix Fachwerk, nix bunte Fassaden. Die 17.000-Einwohner-Stadt ist komplett (komplett!) im Stil der 50er Jahre erbaut, nüchtern und sachlich, wie Architektur-Kenner es nennen würden. Unter diesem Aspekt ist St. Die natürlich durchaus spannend, aber wohnen wollte ich hier nicht, bei aller Liebe zur modernen Architektur. Wenn schon Frankreich, dann bitte richtig.

Wir gehen etwas ernüchtert in eine kleine, sehr hübsche Patisserie in diesen 50er Jahre-Arkaden, die junge Chefin hinter der Theke ist das, was man früher zauberhaft genannt hätte, und leider fällt mir gar kein anderes Wort ein, sie ist einfach zauberhaft, mit einem strahlenden Lächeln und ebenso strahlenden Augen. Während wir auf unseren Kaffee warten, nutze ich das allgegenwärtige WLAN, um mal herauszufinden, was es denn mit dieser Stadt auf sich hat, abgesehen von der prächtigen Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert, die wir natürlich auch anschauen wollen.

St. Die ist das, was die Nationalsozialisten stolz Verbrannte Erde nannten. Auf ihrem Rückzug im November 1944 wollten sie den vorrückenden Alliierten nichts hinterlassen als eben diese verbrannte Erde. Eine Wüstenei, mit der nichts mehr anzufangen wäre, keine Zukunft mehr denkbar. Niemand sollte mehr ein Dach über dem Kopf- , oder im bevorstehenden Winter ein warmes Haus haben.

So waren die Deutschen auch in St Die. Zunächst trieben sie fast 1000 Jungs und Männer zusammen und deportierten sie zur Zwangsarbeit nach Mannheim. Dann plünderten sie Häuser und Geschäfte, raubten LKW-weise, was ihnen wertvoll erschien, schlugen alles andere kurz und klein. Sie kamen mit Flammenwerfern und Granaten, legten mehr als 2000 Gebäude in Schutt und Asche. Fünf Tage lang war die ganze Stadt ein einziges brennendes Trümmerfeld, und am Ende die größte Ruinenstadt in ganz Ostfrankreich, wie ich hier auf dieser sehr interessanten Website nachgelesen habe.

Während ich das also schnell überfliege auf dem Smartphone und mir die erste Enttäuschung über die vermeintlich hässliche Architektur dieses Ortes im Halse stecken bleibt, serviert die zauberhafte Chefin uns strahlend Kaffee und Croissants. Wir entschuldigen uns, dass wir nur so wenig französisch sprechen, sie entschuldigt sich, dass sie kein Deutsch kann, leider, leider, sagt sie.

Weil mein Geo noch rauchen möchte, bestelle ich mit perfekter französischer Aussprache, aber mit leider komplett verkehrter Vokabel einen Fahrstuhl, einen ascenseur, woraufhin die zauberhafte junge Frau lachend die Augen aufreißt und damit noch hübscher aussieht als ohnehin schon. Non, non, non, sagt sie, ascenseur: und dann macht sie eine schnelle Bewegung mit der Hand, rauf und runter, rauf und runter, Sie meinen cendrier, einen Aschenbecher. Dann lachen wir sehr herzlich miteinander, und jedes Mal, wenn sie nach uns und unseren Wünschen schaut, hier draußen unter den Arkaden, wird der ascenseur zum Running Gag.

Beim Gehen bedanke ich mich für den guten Kaffee, die feinen Croissants und natürlich auch für den Fahrstuhl, dann lachen wir wieder miteinander, sie winkt und sagt Danke für Ihren Besuch.

Und wenn Sie mich fragen: Das ist Europa.

 

 

 

P.S. Ich glaube fast, das könnte nochmal ein Beitrag für die Blogparade #SalonEuropa werden, zu der das Museum Burg Posterstein aufgerufen hat. Also bitte.

 

La Chapelotte.

Der Wald ist freundlich in den Vogesen. Besonders hier oben, auf dem Col de la Chapelotte. Sandiger, weicher Boden, zarte Birken und Eichen, schlanke Kiefern und riesige Esskastanien, die ihr gelbes Herbstlaub wie einen Sonnenschirm über die Wege breiten, damit dem Wanderer der Aufstieg nicht allzu anstrengend wird.

Überall auf den Wegen liegen die Eicheln und die Esskastanien, die Natur wirft ihre ganze Fülle dem Besucher zu Füßen, fast wird das Gehen dadurch erschwert. Ein Herbst wie ein rauschendes Fest.

Ja, ich hatte nur das olle Händi dabei. Sie müssen halt selber mal da hinfahren.

Und doch ist das hier oben ein einziges Schlachtfeld. Ein ehemaliges, zumindest. Gäbe es ein Ranking der grauenhaftesten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, wäre La Chapelotte vermutlich eher so im Mittelfeld zu finden, Verdun stünde da wohl an oberster Stelle. Aber so ein Ranking interessiert niemanden, und schon gar nicht die Tausenden von Toten auch hier oben auf La Chapelotte.

Franzosen und Deutsche haben hier gegeneinander gekämpft, das felsige Gelände war unübersichtlich, so entschied man sich für den Minenkampf. Den Gegner unterirdisch wegbomben. Auf beiden Seiten wurden Bunker gebaut, Versorgungsschächte für Strom und Luft, ganze Stollen in den Berg hineingetrieben.

Reste eines Stolleneingangs. 80 Meter geht es hier in die Tiefe.

Derselbe Stolleneingang vor seiner Zerstörung 1918. Man beachte die Schmalspurschienen für Loren.

Rund um den Berg und durch den Wald, den freundlichen, geht es durch Gänge und Schützengräben, die in den harten Fels gehauen sind, eine qualvolle Schinderei, wochenlang, monatelang. Aber nichts gegen die Qualen, die in den kommenden Jahren folgen sollten hier oben.

Monatelang, jahrelang waren die Soldaten hier, tausende von jungen Männern, die noch mit Hurraa! in diesen Krieg gezogen waren. Sie haben geschossen und gelitten, gesungen und vielleicht gebetet, gegessen, getrunken, geschlafen. Sie haben bestimmt auch mal gelacht, sich von ihren Mädchen daheim erzählt, von ihren Kindern, sie haben Sehnsucht nach Zuhause gehabt, weiter geschossen, geschrien, geweint, sich heimlich verbrüdert, sich gegenseitig weggebombt. Alleine 2000 Franzosen sind auf La Chapelotte ums Leben gekommen, heißt es auf einem Schild im Wald, zu der Zahl der deutschen Todesopfer habe ich auf die Schnelle im Internet nichts finden können.

Einen Hinweis auf die Ruinen eines deutschen Lazaretts auf La Chapelotte hatte ich im Netz aber entdeckt, ein versteckter Ort, bisher nicht markiert, nicht ausgeschildert, schwer zu finden.

Reste eines Lazaretts.

Unterhalb des Lazaretts die verfallenen Reste einer Seilbahnstation. Wenn es im unwegsamen Gelände um Waffennachschub oder Kranken- und Material-Transporte ging, scheuten die Deutschen weder Kosten noch Mühen.

 

Kaum ist es im Kopf und im Herzen zusammenzubringen. Die absolut friedliche, freundliche Natur an diesem wundervollen Herbsttag – und die Schützengräben, die Minentrichter überall im Gelände, die Bunker und das Grauen dieser Kämpfe. So schlängele ich mich durch die in den Fels gehauenen Gänge und durch diese merkwürdig holprige Landschaft, in der jeder einzelne Hügel, jede größere Senke eine eigene, entsetzliche Geschichte zu erzählen hat. Unfassbar! höre ich mich hin und wieder raunen, absolut unfassbar!

Dann raschelt es schon wieder im Gebüsch, die Hunde reagieren, gucken, ziehen an der Leine. Der freundliche Wald ist voll mit freundlichen Franzosen, die Esskastanien sammeln. Tütenweise, eimerweise. Überall kriechen sie hier oben gebückt durch das Herbstlaub, prüfen, bewerten, werfen die Maronen wieder auf den Boden oder in den Eimer.

Mit einer älteren Frau mit zwei großen Eimern komme ich in ein kleines Gespräch, soweit das mit meinen Französisch-Kenntnissen möglich ist. Es geht um Hunde, natürlich, Ich habe auch zwei, aber sie ziehen so furchtbar, dass ich sie hier zum Sammeln nicht mitnehmen kann, sagt sie. Dass ich meine Beiden vor dem traurigen Schicksal als südländische Strassenköter gerettet habe, verdiene einen Orden, lobt sie mich. Bonne Journee!, ruft sie am Ende fröhlich-winkend hinter mir her und verschwindet lachend wieder im Unterholz mit der grauenhaften deutsch-französischen Geschichte, um zwischen Schützengräben und Bombentrichtern nach Esskastanien zu suchen.

Und ich bin mir am Ende nicht sicher, ob ich das äußerst befremdlich – oder doch sehr tröstlich finden soll.

Nationalfarbiges Rindenmulch an einer Gedenktafel.

 

 

 

Prioritäten.

Der Typ ist mir gleich aufgefallen. Ich habe ja durchaus einen Sinn für attraktive Männer. In diesem Fall fasziniert mich aber weniger sein Aussehen, sondern vielmehr das, was er tut.

Samstag Vormittag, ein Supermarkt auf dem Lande, in den Vogesen, am gefühlten Ende der Welt. Genau gesagt gibt es in dem winzigen Provinznest drei riesige Supermärkte, oder sogar vier, aber der Leclerc ist vermutlich der feinste von ihnen, und sicher auch der teuerste, weil un-discounterisch.

Foto: M.E./pixelio.de

Und brechend voll ist er an diesem Morgen. Wenn ich mir die halbausgestorbenen Dörfer rundum anschaue, dann frage ich mich, wo plötzlich all diese Menschen herkommen. Sie kaufen ein, als gäbe es kein Morgen, oder als drohe den französischen Vogesen eine Hungersnot. Der Vollständigkeit halber muss ich allerdings erwähnen, dass das hier an jedem Wochentag so zugeht, nicht nur samstags.

In dem gigantischen Laden jedenfalls steht dieser attraktive Franzose mittleren Alters, er steht vor der Blumenkohl- Auslage, die allein schon die Ausmaße eines Handballfeldes hat, wie das halt in Frankreich so ist. In diesem Moment gibt es nur den Mann und den Blumenkohl. Er steht in einer Mischung aus Konzentration und Meditation vor den Kohlköpfen und scheint die anderen Kunden gar nicht mehr wahrzunehmen, die in Dutzenden und nach einer genetisch angelegten Choreographie (oder der französischen Straßenverkehrsordnung, wer weiß das schon) an ihm vorbei drängeln, schieben, fachsimpeln, lachen oder sich gegenseitig ihre XXL-Einkaufswagen in die Hacken rammen.

Der Mann steht also vor knapp 100 Blumenkohlen, er scannt mit seinen Augen die Auslage ab, dann hebt er langsam die Arme und umfasst mit zartem Griff einen Blumenkohl, vorsichtig, wie ein Neugeborenes, hebt er den Kohlkopf aus der Auslage und beugt sich langsam über ihn, um an den weißen Röschen zu schnuppern. Sehr behutsam tut er das, fast wirkt es wie eine sakrale Handlung.

Der Blumenkohl allerdings scheint seinen sakralen oder olfaktorischen Anforderungen nicht gerecht zu werden, vorsichtig legt er ihn zurück in die entstandene Lücke, scannt wieder die gesamte Auslage und schreitet sie langsam ab, hebt vorsichtig den nächsten heraus, beugt sich über ihn, schnüffelt. Drei-, viermal geht das so, bis der Mann sich für einen Blumenkohl entschieden hat, der sowohl in der Druck-, wie auch der Riechprobe erfolgreich abschneidet. Der  Auserwählte wandert vorsichtig in eine hauchdünne Plastiktüte und wird dann auf all den anderen Gütern im XXL-Einkaufswagen behutsam abgelegt.

Foto: Herbert Dazo/pixelio.de

Dass mich das so dermaßen fasziniert, dass ich den Mann minutenlang anstarre, entlarvt mich dabei natürlich als doofe Deutsche. Kein anderer schenkt der heiligen Handlung irgendeine Aufmerksamkeit, denn im Prinzip macht der Mann ja, was offenbar alle Franzosen machen, wenn sie Nahrungsmittel einkaufen: riechen und fühlen, ehrfürchtig tasten und drücken, fachmännisch probieren und auf der Zunge zergehen lassen.

An der Käsetheke stehen diese Typen, die in ihren ausgeleierten Acryl -Jogginghosen zu wohnen scheinen, der Hosenboden nach unten verrutscht, freier Blick auf die Kimme, gerne auch mal unrasiert (das Gesicht, die Kimme sowieso) und mit wild bedruckten T-Shirts über der etwas zu dicken Brust. Sie stehen an der Käsetheke, wahlweise Fisch-oder Fleischtheke, vergessen für einen Moment ihre brüllenden rotznasigen Blagen, die im riesigen Einkaufswagen zwischen den Schätzen wie in einem Bällebad hocken und lautstark zanken, sie probieren hier, probieren dort.

Sie fachsimpeln mit der etwas mausgrauen Verkäuferin, die für einen Moment die schönste und wichtigste Frau in ihrem Leben zu sein scheint, sie entscheiden, verwerfen, plaudern, probieren nochmal und nochmal und entscheiden erst dann. Die erstandene Ware wird hernach nicht mit männlicher, lässig-cooler Geste in den Wagen geworfen, sondern eher gebettet, zu den brüllenden Kindern und zu all den anderen wertvollen Schätzen.

Am Ende sind die Einkaufswagen randvoll gefüllt, wie Güterwaggons so groß, alles wird noch einmal sorgfältig auf das Förderband an der Kasse gelegt, dann wiederum halbwegs sorgfältig in den Wagen verstaut. Die Digitalanzeige an der Kasse zeigt in der Regel eine dreistellige Summe, das scheint hier normal zu sein, und niemand beschwert sich, dass er an der Kassenschlange hinter jemandem gelandet ist, der eben mal 238 Artikel zu bezahlen hat.

Das Warten hat ja auch eine gesellschaftliche Komponente, man kommt mit Vorder- oder Hintermann ins Gespräch, über die Qualität der Weine, des Käses, des aktuellen Rinderfilets im Angebot. Nein, die Pilze habe ich noch nicht mitgenommen… der Sommer!, ach, ach, der Sommer!, alles viel zu trocken…. Aber die Wachteln da hinten im Regal, haben Sie die gesehen?, davon habe ich mir gleich sechs Stück eingepackt.

Dann geht es mit dem prall gefüllten Wagen quer über den gigantischen Parkplatz, vorbei an all diesen kleinen, praktischen Autos, die alle zu fahren scheinen, zumindest hier auf dem Land. Chromblitzende Familienvans mit den Ausmaßen eines Leopard- Panzers der Bundeswehr findet man hier ebensowenig wie diese technikstrotzenden 280 PS- Einfamilienhäuser, die auf deutschen Supermarktparkplätzen das Bild bestimmen, Sie kennen das: je billiger der Discounter, desto größer die Autos davor.

Hier stehen kleine neue Autos herum, kleine alte Autos, und klitzekleine uralte Autos, Dreckschleudern und knatternde, hustende Rostlauben, die von einem langen Leben und allerlei schlechten Straßen erzählen. Hauptsache, die kleinen Neuen und die Schrottschüsseln fahren von A nach B und transportieren die Schätze nach Hause.

Prioritäten setzen nennt man das wohl.
Savoir vivre, naja, Sie wissen schon.

 

 

 

P.S: Ich bin ermuntert worden, diesen Beitrag zur Blogparade #SalonEuropa des Museums Burg Posterstein hinzuzufügen, was ich hiermit natürlich gerne mache. Was die Geschichte mit Europa zu tun hat? Wir fahren doch alle dauernd quer durch Europa. Und sollten uns vielleicht hie und da das Eine oder Andere abgucken. Zum Beispiel, dass Geld besser in gute Lebensmittel investiert wäre als in schicke Autos. Meine janz persönlische Meinung, wa. Naja, Sie wissen schon. 

 

 

 

 

WMDEDGT.

Der Fünfte des Monats, Tagebuchbloggen, Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, kurz wmdedgt, naja, Sie wissen schon. Die Frau Brüllen möchte von uns einen kleinen Abriss eines stinknormalen Tages, also bitte sehr.

So ganz stinknormal ist das natürlich nicht, denn wir sind im Urlaub. Der Hund da oben im Bild fasst das im Prinzip eigentlich schon sehr gut zusammen, was wir hier so tun in den Vogesen, aber Faulenzen wird ja auf die Dauer auch langweilig, weil man nie genau weiß, wann man fertig ist damit, deswegen tun wir also noch anderes. Zumindest zwischendurch.

Auf Gallenkoliken warten zum Beispiel. Ja, Sie haben richtig gelesen. Ich warte. Mal mit, mal ohne Erfolg. Heute blieb ich verschont, da freut man sich. Keine Bange, sagt der deutsche Arztfreund zu meinen detaillierten Beschreibungen der dramatischen Szenerie am Telefon, da musste durch, is blöd, aber nicht gefährlich. Man wird halt nicht jünger. Nicht mal im Urlaub.

Leider wird man auch nicht satt. Der französische Zwieback gilt zwar unter Connaisseusen als das non-plus-ultra der internationalen Zwieback-Kunst, hat aber noch niemanden jemals wirklich satt gemacht. Also gibt es zum Frühstück erst einen kleinen Zwieback, dann einen großen Hunger. Und dazu einen feinen Kümmel-Fenchel-Tee. Ja, da staunen Sie.

Und weil ungewöhnliche Vorkommnisse in diesem Urlaub offenbar groß im Kommen sind, fahre ich nach dem Frühstück schon wieder Richtung Deutschland, Richtung Saarland. Ein Todesfall im Freundeskreis, da fährt man hin. Ein alter Mann ist da gestorben, ein Vater, Opa, Uropa, das geht in Ordnung, und die Trauerfeier im riesigen Familienkreis ist wunderschön, ich kann es gar nicht anders sagen. Ich finde ja überhaupt Feiern in riesigen Familienkreisen immer ausgesprochen beneidenswert, aus Gründen, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte. Oder nur ein romantisierendes Vorurteil, das müssen jene entscheiden, die einen riesigen Familienkreis ihr Eigen nennen.

Jedenfalls fahre ich bei strahlender Sonne und milder Luft ein paar Stunden über Land, das Navi lotst mich von einem Dorf ins nächste, über Nationalstraßen und Rue Dingsbums und Avenue Sowieso, das Navi spricht alle diese französischen Namen amerikanisch aus, das ist zuweilen lustig, erfordert vom Fahrer allerdings auch allerlei phonetische Phantasie.

Die Dörfer sind alle sehr hübsch, aber auch sehr ausgestorben, das hat auch wieder einen romantischen Reiz, ist aber vermutlich für die Dagebliebenen nicht der Brüller. Die Szene bei Regenwetter würde man vermutlich trostlos nennen.

In Frankreich scheint das Land noch deutlich strukturschwächer und reizärmer zu sein als im angeblich so strukturschwachen Odenwald, so wirkt es beim Passieren zumindest. Kein Cafe, kein Restaurant, an jeder Ecke Häuser zu verkaufen, Läden zu vermieten, die entsprechenden Schilder sehen so aus, als würden sie schon seit 1870/71 erfolglos nach Käufern oder Mietern rufen.

Und wieder mal ärgere ich mich, dass ich zuwenig Französisch spreche, andernfalls wäre ich auf dem Rückweg von der Beerdigung mal ausgestiegen und hätte irgendjemand angequatscht, ein paar Leute sind immerhin hie und da unterwegs in den Dörfchen.

Meine Französisch-Sprachkenntnisse sind aber in etwa auf dem Niveau eines Kleinkindes, also lasse ich das und fahre weiter über Land, vorbei an riesigen Feldern, über eine lange Birken(!)-Allee, ich tuckere hinter Traktoren und Schulbussen her und bewundere über -zig Kilometer die Rückfront eines dieser merkwürdigen Winzmobile, die hier gerne von Rentnern gefahren werden, Maximalgeschwindigkeit 15 Stundenkilometer. Überholen verboten, ja, gut. Aber ich habe ja Zeit. Ich habe ja Urlaub.

Umme Ecke vom Ferienhaus.

Am Abend bin ich zurück im Ferienhaus, die Hunde bellen und wedeln wie wild, mein Geo freut sich und kocht eine Diät für mich, Kalbsschnitzelchen mit Spargelrisotto oder sowas in der Art. Es schmeckt herrlich und ich lasse sicherheitshalber zwei Drittel der Portion stehen. Nur wer jemals eine Gallenkolik hatte, kann das verstehen.

Dann sitzen wir in diesem fremden und doch schon vertrauten Häuschen bei Kerzenschein in der Küche, wir essen und trinken und reden, dem Anlass angemessen, über das Leben und über den Tod. Und darüber, ob sich gläubige Menschen wohl mit dem Sterben leichter tun als nicht-gläubige. Und darüber, wie man im Jetzt lebt, im Heute, und nicht dauernd im Gestern, im Morgen.

Man sollte das ja überhaupt viel öfter tun: im Heute leben, im Jetzt. Zumindest könnte man ja mal anfangen, es regelmäßig zu üben. Heute. Spätestens morgen.

 

 

 

 

My car is my castle.

Odenwälder Einkaufsfahrt mit zwei jungen Männern aus Afrika. Oder: Wie man ein Weltbild zerstört.

Ich: Kommt rein, aber wundert Euch nicht über den Gestank hier drin.

Er: Oh, it’s ok.

Ich: We use to transport dogs and the cat and chicken and goats in this car.

Stille

Stille

Er: GOATS???

A goat.

Ich: Yes. Goats. We have to transport them somehow.

Er: Hmhm.

Stille.

Autofahrgeräusch

Stille.

Er: Are you GERMAN?

Ich: Yes.

Stille

Er: I mean, were you BORN in Germany?

Ich: Yes. You mean, because of the goats in the car?

Stille.

Er: But you have another car?

Ich: Nein. Das ist mein einziges Auto.

Er: Hmhm. …ok.

Stille.

Stille.

Stille.

 

 

 

 

 

Subsahara.

Die Dorfbevölkerung war eingeladen dieser Tage, den Hinweis hatte ich im Amtsblättchen gelesen. Es ging um ein erstes Kennenlern-Gedöns mit den neuen Nachbarn hier im klitzekleinen Ort. In diesem Ort, tief in der vermeintlichen Provinz, der ausser einer kleinen Kreuzung, einem gelben Briefkasten und einer Gastwirtschaft auf den ersten Blick nicht wirklich viel zu bieten hat. Mittendrin, im alten Dorfschulhaus, wohnen seit nicht mal zwei Wochen zwölf Männer aus Subsahara-Afrika. Zu Kolonialzeiten nannte man das Schwarzafrika – Togo, Gambia, Somalia, auch Eritreer sind dabei.

Als ich ein bißchen überpünktlich ankomme, warten hoffnungsvoll und zuversichtlich ein paar wenige leere Stühle im Raum, und überhaupt ist es sehr leer, so insgesamt. Während ich noch unschlüssig herumstehe, kommen der Ortsvorsteher und der Bürgermeister, und dann diese und jene, und der und der und die und die, und plötzlich müssen mehr Stühle her, und immer mehr Menschen kommen, vom Kleinkind bis zur Rentnerin, und es werden Stühle geschleppt und gerückt, und dann muß der schicke neue Rolladen-Raumteiler hochgerollt werden, um den Saal zu vergrößern, und immer mehr Leute kommen, und es werden immer mehr Stühle geschleppt und Stühle gerückt.

Am Ende sind es 30 oder 40 Leute aus dem 300-Seelendorf, die kennenlernen und vielleicht auch Hilfe anbieten wollen. Zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, mal so ganz grob gerechnet. Und am Ende gibt es konkrete Hilfsangebote und einen kleinen Helferkreis und eine Liste, in die alle anderen eintragen sollen, ob und wie auch sie die neuen Nachbarn unterstützen können.

Falls Sie jetzt auf eine Pointe warten: Es gibt keine.

Ich wollte das einfach mal nur so erzählt haben. Aus Gründen.

 

 

 

 

 

Gardinenpredigt.

Ich war dieser Tage bei den Freunden auf dem Aussiedlerhof, es war der vielleicht letzte schöne Spätsommerabend, am Himmel lachten der Mond und die Sterne, im Stall gegenüber muhten und schnauften die Kühe, ein leichter Wind wehte den Geruch von reifen Äpfeln und Pflaumen und feuchter schwarzer Erde heran, und über allem hing eine friedliche Ruhe.

Aber natürlich täuschte die Bilderbuch-Idylle, aber sowas von, denn es brauchte auch hier wieder nur ein paar Minuten, dann saß, Zack!, zwischen Wein- und Wassergläsern, zwischen Salat und Salzstreuer der Herr Maaßen mit am Tisch, und die Frau Merkel, die Frau Nahles, der Seehofer-Horstl natürlich sowieso, Zack!, Zack!, Zack!, und überhaupt die ganze Große Koalition und alle die da oben. Wir kamen vom Sozi-Hölzchen aufs CDU-Stöckchen, zählten uns gegenseitig sämtliche vermeintlichen Polit-Verfehlungen der vergangenen 10 bis 20 Jahre auf, redeten uns in Rage und schüttelten im Takt dazu die Köpfe über die da oben. Sie kennen das.

Ein Symbolfoto. Von gestern. Bei Waldhausen.

Ach!, seufzte ich ins allgemeine Lamento hinein, – ich seufze das immer, wenn ich nicht mehr weiterweiß -, ach, was soll man denn den Leuten sagen gegen ihre Politikverdrossenheit? Viel fällt mir da bald nicht mehr ein. Dann wurde die Entenbrust aufgetragen, wir versanken eine Weile in gefräßiges Schweigen, wie meine Urgroßmutter zu sagen pflegte, und wechselten danach das Thema.

In den kommenden Tagen habe ich ein bißchen über Politik nachgedacht, vor allem über die da unten. Die vor Ort. Macht man ja vielleicht viel zu selten, sowas. Ich dachte an die vielen kleinen Bürgermeister (und die paar Bürgermeisterinnen hierzulande) in ihren klitzekleinen Rathäusern (wenn ich das so sagen darf, als arrogante Berlinerin, naja, Sie wissen schon), in ihren Amtsstuben, die nicht selten noch den modrigen Charme der 60er und 70er verströmen. Mit einer Handvoll Mitarbeiter und für vergleichsweise moderates Gehalt reißen sie sich jeden Tag den Arsch auf, Sie verzeihen das Kraftwort, aber man kann es gar nicht anders sagen.

Sie kümmern sich um Kläranlagen und um Kindergärten, um Laternen und Latrinen, um Bauanträge, Bürgersteige, Nahversorgung, Grundversorgung, Einzelhandel und Verkehr. Um Kneippbecken und Grünanlagen. Um Flüchtlinge, Glasfaser und Gewerbesteuer, um Friedhof und um Leichenhalle, um Spielplätze und Hundekot. Ja, ich entnehme den ständigen Mahnungen im hiesigen Amtsblatt, dass auch Hundewürste immer wieder ein Thema sind, mit dem man sich im Rathaus herumzuschlagen hat, denken Sie bitte daran, wenn ihr Fiffi beim nächsten Mal seinen Haufen in andrer Leuts Vorgarten oder auf ein Urnengrab (sic) setzt, das kann doch nicht so schwer sein, Himmelherrgottsakranocheemool.

Und noch eines zeichnet die braven Bürgermeister hierzulande aus. Sie treffen ihre Wähler täglich, und das ist manchmal vielleicht auch nur so halb-lustig. Beim Bäcker und beim Metzger sowieso, dazu beim Vereinsfest, bei der Züchterschau, beim Jubiläumsturnen der Damengymnastikgruppe, beim Geburtstag des Pfarrers, bei der Blasmusik, beim Chorfest, auf dem Sportplatz. Überall dort, wo Bürgermeister semi-freiwillig ihre Abende und ihre Wochenenden verbringen, während unsereiner auf dem Sofa hockt und in die Glotze glotzt und über die da oben schimpft.

Von Ortschafts- und Gemeinderäten will ich da noch gar nicht reden, von all jenen, die das auch noch ehrenamtlich machen, sich zur Wahl stellen und dabei riskieren, abgewatscht zu werden, dann Akten wälzen, Sitzungen absitzen, sich sehen lassen, sich beschimpfen lassen.

Sie ahnen, worauf ich hinauswill? Politikverdrossenheit hin oder her – vergessen Sie doch einfach die da oben. Oder von mir aus: empören Sie sich. Aber gucken Sie auch ein paar Etagen tiefer. Richtung Rathaus. Richtung Gemeinderat, Richtung Dorf. Wenn Ihrer Ansicht nach irgendwas grundlegend schief läuft, dann engagieren Sie sich gefälligst. Mikrokosmos im Makrokosmos, Sie wissen schon. Vor Ort. Da, wo man was ändern kann. Kann man, glauben Sie mir. Möglichkeiten gibts genug, nun stellen Sie sich nicht so an. Ortschaftsrat, Gemeinderat, Kirche, Vereine, Sie werden schon was finden. Auf jeden Fall engagierte, motivierte Mitstreiter. Das tut ja schon mal gut genug bei all der Maulerei der 82 Millionen Spitzenpolitiker, die im Moment in Deutschland mitreden, mitmaulen und mitregieren wollen. Und dann: einfach machen.

Botschaft angekommen?

Bitte. Danke. Ende der Gardinenpredigt.

Himmelherrgottsakranocheemool.

 

 

 

 

 

1. FC Huhn.

Es gibt ja so Autos, ältere Fahrzeuge zumeist, die haben einen durchaus speziellen Geruch. Eine olfaktorische Visitenkarte, gewissermaßen. Stellen Sie sich zum Beispiel die Kombination warmer Cheeseburger, abgestandener Zigarettenqualm und nasser Hund vor, dann kommen wir der Sache näher. Ein ätherisches Feuerwerk, das auch noch den letzten Riechkolben zur Explosion bringt. Manche Leute stehen ja auf sowas, oder sind schlichtweg zu faul zum Putzen und zum Lüften, und manch ein Beifahrer leidet stumm und blass und immer blässer.

Ja, auch bei mir im Auto leiden Beifahrer. Mal stumm, mal mit deutlich hörbaren Würgegeräuschen. Die Duftnote warmer Cheeseburger ist eher dezent, Zigarettenqualm vermeide ich aus Gründen der eigenen Psychohygiene. Trotzdem riecht es streng, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Wenn Beifahrer dann unauffällig nach dem Fensterheber tasten, während ihr Gesicht sich grünlich verfärbt, habe ich vollstes Verständnis. Und sage dann stolz zur Erklärung Wir sind hier auf dem Lande. In diesem Fahrzeug werden Hunde, Katzen, Ziegen und auch Hühner transportiert! Dagegen kann niemand etwas einwenden. Ich füge dann zumeist noch oberlehrerhaft hinzu, dass zumindest die Hunde ja stubenrein sind, dank meiner guten Erziehung. Aber Ziegen und Hühner und Katzen, die pullern auch schon mal beim Autofahren, um nur das Geringste zu nennen.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wir haben ja neulich wieder neue Hühner und einen Hahn geholt, tief im hessischen Odenwald, bei einem Züchter. Wer keine Sorgen hat, der macht sich welche. Der Transport ins neue Heim war selbst für hartgesottene Nasen eine gewisse Herausforderung, die Hühner jammerten, maulten, pullerten und kackten quasi in einem fort, die Hunde im Kofferraum hechelten dazu vor lauter Aufregung heißen Hundeatem ins Auto, die Rückscheibe beschlug, und eine undefinierbare Flüssigkeit lief in Schlieren quer übers Glas, naja, Sie wissen schon. Nur, dass es am Ende nicht heißt, Sie hätten nix geahnt, bevor Sie zu mir ins Auto steigen.

Jedenfalls haben wir jetzt neue Hühner und einen Hahn, Australorps, falls Sie es genau wissen wollen, beste Rasse ever, und eine Mechelner Henne, auch was Feines. Die Mechelner gelten als vom Aussterben bedroht, da wurde wohl bei der regelmäßigen Zucht was versäumt, vielleicht sind sie auch einfach zu oft in Autos wie meinem transportiert worden, ach, was weiß denn ich. Jedenfalls sieht die Dame sehr apart aus und benimmt sich auch anständig, soweit man das bisher beurteilen kann.

Der Hahn übt noch ein bißchen. Hennen jagen, das konnte er gleich, nur mit dem Krähen hapert es noch, er reckt und streckt sich sehr beeindruckend, holt tief Luft und gibt dann ein etwas unklares Geräusch von sich, eine Mischung aus verrosteter Wasserpumpe und weinender Baby-Plastik-Puppe, made in Taiwan. Wir arbeiten dran.

Wir arbeiten nebenher auch an der Ziegenfrage, die sich schwierig entwickelt. Ich konnte jüngst mit Mühen eine Ehescheidung verhindern, die lieben Kleinen turnten wieder einmal ausserhalb ihres eigentlich Geheges herum und trieben meinen Geo damit in die schiere Verzweiflung. Ich oder die Ziegen!, wimmerte er entnervt, und ich entschied mich zunächst für einen Elektrozaun, der ist ja doch deutlich billiger als eine Ehescheidung.

Das Ziegengehege ist nun also eingezäunt wie Fort Knox, ein Entkommen kaum mehr möglich, hoffentlich. Auch die Ziegengeräusche, Musik in meinen Landfrauen-Ohren, gehen dem Gatten ganz erheblich auf die Nerven, hier denke ich über das unauffällige Implantieren von Oropax-Stöpseln nach, vielleicht beruhigt er sich dann wieder.

Und auch sonst ist eigentlich alles beim alten. Stay tuned!

 

 

 

12 von 12.

Zwölf Bilder am Zwölften eines Monats, bitte sehr, das wünscht sich die Frau mit den Kännchen, und hier kann man auch andrer Leuts 12von12 begucken. bei uns war das ganz und gar nix Aussergewöhnliches heute, ein bisschen Büroarbeit, ein schnelles Mittagessen, das den Namen kaum verdient hat, ein Termin, Büroarbeit, Hundekram, naja, Sie wissen schon.

Morgenrunde. Mit Lichtblick. Kann man ja brauchen in dieser Welt. 1/12

2/12

Bürotrichterhund. Hört nix, dank Trichter. 3/12

 

Icke. Höre alles, dank Technik. 4/12

 

Auf dem Weg zu wegweisenden Terminen. Gassi. 5/12

 

Immer regelmäßig zu Mittag essen, hat der Arzt empfohlen. 6/12

 

Große Ereignisse werfen ihre Dixies voraus. 7/12

 

Ja, so können Termine hier auch mal aussehen. 8/12

 

Ich geh ja schon wieder. 9/12

 

Zurück im Büro. Zimmer mit Aussicht. 10/12

 

Terrassen-Feierabend. 11/12

 

Und nur ein schlichtes, schnelles Essen, sagt der Gatte. 12/12

 

 

 

 

 

Das macht man halt so.

Da war vor vielen Jahren dieser nette Kollege mit dem wundervollen Namen Pius. Ich war neu hier auf dem Land und tat mich mit dem Eingewöhnen schwer, und er sagte Angekommen bist Du in der neuen Heimat, wenn Du das erste Mal auf eine Beerdigung gehst. 

Dass es dann ausgerechnet seine Beerdigung war, auf die ich ein paar Monate später ging, war wie eine bittere Ironie des Schicksals, aber jedenfalls denke ich seitdem bei jeder Beerdigung an Pius und seine Worte.

Ich bin wohl inzwischen angekommen, und ich war schon auf einigen Beerdigungen hier in der vermeintlichen Provinz. Vieles ist mir dabei immernoch fremd und neu. Die Tradition zum Beispiel, den Angehörigen ein bisschen Geld zu schenken. An der Kapelle ist unter dem Kondolenzbuch ein kleiner Briefkasten aufgehängt, dorthinein kommen die Umschläge mit Geldscheinen, und jeder bringt so einen Umschlag, wirklich jeder.

Das erste Mal wurde ich mit dieser Sitte konfrontiert, als im fernen Darmstadt meine Mutter gestorben war und ich die entsprechende Anzeige in die hiesige Zeitung gesetzt hatte. In den kommenden Tagen flatterten allerlei Odenwälder Beileidskarten ins Haus, und in vielen davon steckte ein großer oder kleinerer Geldschein.

Ich war befremdet, um es mal vorsichtig zu formulieren. Absolut befremdet. Meinten die Leute, ich könne alleine die Beerdigung nicht bezahlen? Kannten die meinen Kontostand? Sollte ich von dem Geld Blumen und Kränze mit den Namen der Spender bestellen? Sollte ich Tod und Trauer mit schnödem Mammon besiegen? Fragen über Fragen.

Es geht um ein Zeichen der Solidarität mit dem Trauerhaus, hat mir dieser Tage ein Odenwälder Freund gesagt, und er fügte dann die Sätze an, die ich doch eigentlich so grässlich finde. Das gehört sich halt so. Das haben wir schon immer so gemacht. 

Ein Symbolbild.

Also habe auch ich neulich zum ersten mal bei einer Beerdigung Geld in einen Umschlag – und den Umschlag in das kleine Briefkästchen unter dem Kondolenzbuch gesteckt. Das gehört sich halt so. 

Und so stand ich da auf dem Friedhof vor der Kapelle, und von allen Seiten strömten die Leute aus dem Dorf herbei, alte und junge, zu Fuß, mit dem Auto, dunkel gekleidet. Schweigend kamen immer mehr, der exakt geformte Halbkreis vor der vollbesetzten Kapelle wurde größer und größer, und fast sah es aus, als wollte er einen schützenden Bogen um die Trauerfamilie im Inneren der Kapelle bilden. Ich fand das ein sehr tröstliches Bild.

Wenn einer aus dem Ort gestorben ist, geht man zu der Beerdigung, das macht man halt so, das gehört sich halt so. Ob man ihn kannte, ob man ihn mochte, das scheint zweitrangig zu sein, es ist eine alte Tradition, und es hat etwas mit Respekt zu tun.

Manchmal höre ich Menschen über diese Tradition schimpfen – Menschen, die weggezogen sind aus ihrem Heimatdorf, raus in die Stadt. Wie verlogen das sei, sagen sie, wie aufgesetzt die Trauer. Dass manche aus reiner Neugierde kämen, die Tratsch- und Klatschtanten – und -onkel des Dorfes nur schauen wollten, wer da so kommt und wer nicht. Und wenn schon, denke ich mir. Die müssten dann selber damit klarkommen, wenn sie sich morgens im Spiegel angucken.

Und überhaupt dachte ich so vor mich hin bei dieser Beerdigung. Dass diese Sätze manchmal so verkehrt gar nicht sind: Das gehört sich einfach so. Das gehört sich nicht. Das macht man so. Das macht man nicht. Wenn es um Anstand, Respekt oder gute Erziehung geht. Oder um das, was zumindest ich darunter verstehe. Ich kann daran gar nichts Provinzielles finden. Im Gegenteil.

Aber vielleicht werde ich ja auch nur einfach alt.