Allzeit gute Fahrt.

Ich habe heute im Unterholz ein Motorrad gefunden. Das heißt, in Wirklichkeit kenne ich es schon eine Weile, aber in den vergangenen Jahren lag es unfotogen auf der Erde, halb bedeckt mit Laub und Ästen. Jetzt plötzlich steht es wieder aufrecht, so weit man aufrecht stehen kann, wenn man ein Motorrad ist und seit 1945 da im Wald herummacht.

Ich habe natürlich auch geschaut, ob der Besitzer des Vehikels da auch noch irgendwo rumliegt. Den hätte ich dann ein bisschen ausfragen wollen, was es mit der Maschine auf sich hat, wo sie einst gefahren ist, und wieso sie im Wald abgestellt wurde. Habe aber nichts gefunden. Naja, vielleicht gucke ich die Tage nochmal genauer. Ähem.

Der Kapitän.

Wir waren plötzlich alle überflüssig, sagt Bernd Raudenbusch und guckt Richtung Brücke, die Fähre, das Fährboot, die Fährmänner, wir waren alle überflüssig. Seit die Brücke da ist, braucht keiner mehr die Fähre, das Fährboot, den Fährmann. Und meiner Frau war ich zuhause auch im Weg. 

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Die traditionsreiche, uralte Fähre haben sie abgeholt, die Fährmänner nach Hause geschickt, als die Brücke endlich fertig war. Aber Bernd Raudenbusch wollte nicht nach Hause, bloß Garten, das ist doch zuwenig, ich brauche das Wasser, den Fluß. Mit dem Neckar ist er großgeworden, der Vater, der Großvater, alle waren sie Schiffer, und natürlich ging auch der Bernd irgendwann auf den Fluß und verdiente sein Geld mit Transporten. Hundert Meter lang das Schiff, 2000 Tonnen, Rotterdam-Budapest und zurück, jahrelang.

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Der Kapitän wurde älter, die Schiffe wurden irgendwann kleiner, und als Raudenbusch dann in Pension ging, da heuerte er auf der alten Hassmersheimer Fähre an. Mein altes Mädchen, sagt er, sie hatte oft Probleme, irgendwas war dauernd los, mal riß die Kette, mal war Hochwasser, irgendeine Katastrophe war ja immer, sagt er lachend, mit meinem alten Mädchen. Dann musste als Ersatz das Fährboot ran, die Patriot, die Leute mussten schließlich irgendwie zum Bahnhof am anderen Ufer, morgens hin und abends wieder heim.

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Als dann die Brücke kam und alle überflüssig wurden, als sie die alte Fähre holten, da machte Raudenbusch mit der Gemeinde einen Deal. Bloß nicht nur zuhause rumsitzen. Er brachte das kleine Fährboot auf Vordermann, die Patriot, er mietete es von der Gemeinde und bietet es jetzt als Ausflugsdampfer an. Ausflugsdampferchen, neun Meter lang, drei Meter breit.

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Jetzt schippern Raudenbusch und seine Frau über den Neckar, ein paar Kilometer hin und ein paar wieder zurück, von einer Schleuse zur anderen. Vorbei an Burg Hornberg und Burg Guttenberg, rauf nach Gundelsheim und runter bis zur Schleuse Neckarzimmern.

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Der Dieselmotor brummt, aus dem Funkgerät quäken die Nachrichten der Schiffe in der Nähe, vorne taucht ein riesiges Containerschiff auf, hinten kommt bedrohlich schnell ein Schubverband. Raudenbusch steuert die kleine Patriot Richtung Ufer, Richtung Gebüsch, die Wellen schlagen hoch und lassen das alte Fährboot auf dem Wasser tanzen. Nein, Angst macht ihm das nicht, man hat ja das Geschäft gelernt in all den Jahren. Und wehmütig, wenn die gigantischen Kähne vorüberziehen, nach Rotterdam, nach Budapest? Wenn sie ihn auf die Seite drängen, mit wilden Bugwellen und mit der Arroganz des Stärkeren? Auch nicht, es ist halt so. Und Binnenschifferei, das war ja auch nicht immer nur Vergnügen, das war auch immer mächtig Streß.  

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Mag sein, daß mancher ihn vielleicht belächelt hat am Anfang, den alten Käpt’n mit der spleenigen Idee. Das olle Fährboot als Ausflugsschiff, ausgerechnet hier, in dieser Gegend. Aber das Geschäft brummt wie der alte Dieselmotor, Vereine mieten oft die kleine Patriot für Rundfahrten, Geburtstags- oder Hochzeitsgesellschaften, Damenkaffeekränzchen, Kindergruppen. Man kann sich auch irgendwo hinbringen- und Stunden später wieder abholen lassen, Bernd Raudenbusch ist da flexibel. An Bord gibt es Getränke aus der Kühlbox, aber die Leute dürfen sich zur Not auch etwas selber mitbringen, sagt er, wir sind da ja nicht so. So sehr brummt das Geschäft, daß Raudenbusch und seine Frau in der kommenden Saison zwei Ruhetage planen, das hätten wir am Anfang auch nicht gedacht, daß sowas nötig sein würde, aber wir werden schließlich auch nicht jünger. 

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Nach einer Stunde Fahrt legt Raudenbusch am Ufer an, zuhause in Hassmersheim, da, wo er früher auch mit seinem riesigen Frachtschiff und 2000 Tonnen Ladung vorbeigekommen ist. Direkt neben der schicken neuen Brücke, die sie alle überflüssig werden ließ, die Fähre, das Fährboot, die Fährmänner. Das ist halt einfach so, sagt Raudenbusch lächelnd und macht die Patriot mit Seilen fest. Morgen kommt ein Sportverein, liest seine Frau aus dem Terminkalender vor. Das wird sicher wieder lustig, sagt Raudenbusch, er freut sich auf morgen, aber für heute macht er erstmal Feierabend.

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Wenn Sie nochmal nachlesen wollen, wie das mit der alten Fähre war, dann bitte hier entlang, backbord sozusagen. Und steuerbord gibts einen (klick!) Link zum neuen Ausflugsbötchen, falls Sie das mal mieten möchten.

Diese Geschichte stand schon mal vor Jahren hier im Blog. Dieser Tage war ich wieder in Hassmersheim unterwegs, und da sah ich die Patriot am Ufer. Und dachte an diesen Beitrag. Deswegen. 

Im Vorbeifahren.

Treue Leser kennen das. Mit der Kamera willenlos durchs dreckige Beifahrerfenster knipsen, quasi ohne Sinn und Verstand. Manchmal krumm und schief, manchmal unscharf, immer nur eine zufällige Impression im Vorbeifahren. Von 200 geknipsten Fotos sind 20 brauchbar. Oder so.

Heute ging es Richtung Städtchen, es wurde nachgeradezu großstädtisch für unsere Verhältnisse, also bitte: anschnallen.

Was schön war.

Der Herr Star hat sich nach langem Hin und Her für eine Wohnung am Haus entschieden. Direkt unterm Dach, juchee. Dann saß er stundenlang vor der Eingangstür in luftiger Höhe, machte allerlei merkwürdige Geräusche und flatterte und schlug wild mit den Flügeln. Irgendwann hatte auch Frau Star es begriffen und besah sich die ausgewählte Immobilie mal etwas genauer. Jetzt flattern sie seit Tagen gemeinsam um das ganze Haus herum, die Wohngegend erkunden, er zeigt ihr alles ganz genau, schau mal hier! und schau mal da!, und sie machen beide einen sehr verliebten Eindruck.

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Beim Essen neulich eine Odenwälder Dame getroffen, locker über Siebzig, die sich als gelernte Fotografin entpuppte. Spezialisiert auf Industriefotografie. Ein bisschen über Fotografie gestern und heute gesprochen. Ich habe jetzt auch so eine digitale Kompaktkamera, sagt sie, aber ich denke immernoch viel zu analog. Wir haben ausgemacht, dass wir uns vielleicht mal treffen, sie bringt mir ein bisschen mehr Fotografie bei, und ich ihr all den Digitalkram.

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Was schön war bei all dem grässlichen Wetter: dass ich endlich mal wieder über Gummistiefel reden kann. Reden muss. Sie kennen das. Es geht nichts in dieser Welt – wirklich nichts – über anständige Gummistiefel. Und so watete ich heute früh beseelt durch die Sturzfluten, die der Regen draußen am Forellenteich zurückgelassen hat. Was vorige Woche noch ein großes Grundstück mit einem Teich war, ist jetzt ein Teich mit ein bisschen Grundstück drumrum. Grund genug, eine kleine glückliche Gummistiefelmeditation für Sie zu drehen. Ach, es war einfach schön.

Leider fett komprimiert. Gutenberg zickt.

Tischlein Deck dich.

Am Anfang sind die Kellner und die Köche immer erstmal nach hinten gerannt, wenn Gäste kamen. Richtung Küche, Richtung Speisekammer, Richtung Klo. Das ganze Personal: geflüchtet. Vor lauter Schreck und Angst. Gäste! Zu Hilfe! Nix wie weg. Bloß schnell unsichtbar werden. Wie sollen wir denn mit Gästen fertig werden? Herrjeh.

Nur ich bin natürlich nicht geflüchtet, sagt Tim und strahlt. Ich hatte ja auch Erfahrung. Tim hat mal bei seinem Bruder in einem Hotel mitgeholfen, wenn ich das richtig verstanden habe, und deswegen ist Tim so ziemlich mit allen Wassern gewaschen, was den Umgang mit Gästen angeht. Oder irgendwie sowas in der Art zumindest.

Tim und ein paar andere Jungs vom Sonderpädagogischen Bildungszentrum in Buchen bieten seit ein paar Monaten einmal in der Woche ein Mittagssüppchen an, inklusive Kuchen und Kaffee. Auf Spendenbasis, in Räumen des Mehrgenerationenhauses im Städtchen. Eine Berufsvorbereitende Maßnahme für Jugendliche, die aufgrund kognitiver Defizite als nicht ausbildungsfähig gelten, wie das offiziell heißt.

Montags denken die Jungs zusammen mit ihrer Lehrerin über ein Rezept nach, machen den Einkaufszettel, klappern danach Geschäfte und Supermärkte ab. Dienstags wird dann ab morgens geschnippelt und geputzt, gewürzt, gedünstet und gekocht. Die Vorgabe: ein einziger, riesiger Topf muss für die Zubereitung reichen, denn die Küche ist klein.

Und mittags kommen dann die Gäste.

Inzwischen flüchtet keiner mehr vor den Gästen, sagt die Lehrerin Brigitte Jahn und lacht ihr fröhliches Lachen. Inzwischen sind die Jungs mit Feuereifer dabei. Manchmal mit liebenswertem Übereifer. Servieren voller Begeisterung die Suppe mitunter schon, während der Gast noch nicht mal Hut und Mantel abgelegt oder gar Platz genommen hat, fragen lieber fünfmal statt einmal nach weiteren Wünschen, die sie dem Gast erfüllen könnten. Brigitte Jahn ruft ihnen manchmal etwas zu, quer durch den Raum, kleine verbale Hilfen und Unterstützung. Oder sie flüstert im Vorbeigehen Tipps und Hinweise, die von den Jungs sofort umgesetzt werden. Vorbildliches Engagement, würde man das auf der Berufsschule, Abteilung Gastronomie, vermutlich nennen.

Berufsschule schaffe ich nicht, sagt Tim. Wegen meiner Lernschwäche. Die Prüfungen würde er nie und nimmer bestehen, meint er. Nicht mal die als Gärtner. Dabei wäre er so gerne Gärtner geworden, ich habe schon als Kind am liebsten mit dem Spaten im Garten gebuddelt. Jetzt halt Berufsvorbereitung in Sachen Gastronomie. Die blöde Lernschwäche. Küchenhelfer vielleicht. Irgend sowas. Falls sich ein Arbeitgeber findet für Jungs wie Tim. Ein ganz normaler Arbeitsplatz: das wärs, sagt er.

Jede Woche wird es ein bisschen voller beim Mittagessen. Es kommen alte Leute, die sich freuen, in Gesellschaft zu essen. Junge Mütter mit Babies. Berufstätige, die um die Ecke arbeiten und das Projekt unterstützen möchten. Flüchtlingsfrauen, die mal unter Menschen wollen. Gegessen wird an großen Tischen, alles sitzt durcheinander, laut und fröhlich. Kinderspielzeug liegt auf dem Boden, und Säuglinge werden von Arm zu Arm gereicht. Das Wort Mehrgenerationen ist dienstags mittags prall mit Leben erfüllt. Wer kann und mag, gibt am Ende ein paar Euro in die Spendenkasse. Von der werden die Einkäufe bezahlt. Und irgendwann ein Ausflug für die Jungs, nach Berlin.

Lehrerin Brigitte Jahn.

Wenn die letzten Gäste gegangen sind, müssen die Jungs abräumen, spülen, den Raum putzen und wieder in seinen Ursprungszustand versetzen. Dann haben wir Feierabend. Bis zum nächsten regulären Schultag. Und bis zum nächsten Dienstag, wenn wieder Gäste vor der Tür stehen, mit Hunger und Durst.

Aber wir haben ja keine Angst mehr, sagt Tim und grinst. Wir wachsen! Jedes Mal wachsen wir! Und dabei breitet er mit großer Geste die Arme aus, so weit, als wollte er fliegen.

Wenn Sie mal zum Suppe-Essen gehen möchten, oder auf einen Kaffee und ein Stück leckeren Kuchen: hier (Klick!) finden Sie Ort und Zeit. Ich kann das alles sehr empfehlen.

12 von 12.

Zwölf Bilder, die den Zwölften eines Monats dokumentieren, und jetzt ist schon wieder März, ganz plötzlich, und bald ist Frühling und dann schon Ostern. Kinder, wie die Zeit vergeht. Aber bitte sehr, die Dame mit den Kännchen im Nachbarblog macht diese Aktion möglich, da sammeln sich am Ende eines jeden Zwölften ab 17 Uhr die Zwölferblogger wie die Stare im Weinberg, und ich bin wie immer gerne dabei.

1/12 Morgens im Büro. Schöne Aussichten.
2/12
3/12 Wie sag ichs meiner Reinigungskraft?
4/12 Schaffe, schaffe, Beiträg‘ baue
5/12 Telefonkonferenz mit dem Funkhaus. Immer um 9 Uhr 30.
6/12 Kollegen bei der Arbeit zugucken: Kann ich.
7/12 Durchs Städtchen…..
8/12…zur Mittagspause der etwas anderen Art. Muss ich auch mal drüber schreiben
9/12
10/12 Termine festklopfen
11/12 FeierabendRunde
12/12 neue Perspektiven dank offener Weidetore.

Eberhard.

Ne Gegenlichtblende wär ja auch mal was Feines.


Bisher keine größeren Schäden, nur umgeknickte Bäume. Den Nachbarkreis unten in der Ebene hat es schlimmer erwischt. Aber ich werde zur Sicherheit nachher nochmal mit meinem Lieblingskreisbrandmeister telefonieren.

Sirenen.

Ich bilde mir immer ein, sie holten ersteinmal ganz tief Luft. Dann heulen sie los, ihre Stimme schwillt an, der Ton schwebt und bebt und vibriert, dann schwillt die Stimme langsam wieder ab. Luft holen, und wieder losheulen, dreimal.

Heute hörte ich die Sirenen gleich aus zwei Richtungen, aus zwei Dörfern, ein bisschen zeitversetzt heulen sie dann, wie bei einer Fuge, die aus dem Takt geraten ist. Genau zwischen den beiden Dörfern war ich mit dem Hund unterwegs, es heulte von vorne, es heulte von hinten. Ich finde dieses Geräusch jedes Mal noch unheimlich und beängstigend. Meine uralte Tante, die sich an viele Berliner Bombennächte erinnern kann, bekäme vermutlich einen bitterbösen Flash-Back.

Zum Glück heulen die Sirenen hier vergleichsweise selten, aber wenn sie es tun, dann ist mir immer, als nähmen alle Anteil, die es hören. Wo kommt das her? Was ist passiert? Hoffentlich nichts Schlimmes! Vielleicht nur Fehlalarm? Nicht sensationsgierig, sondern ehrlich besorgt. Vielleicht, weil man auch jemanden in der Familie hat, der jetzt da raus muss. Was immer da auch passiert sein mag. Wie das so ist, hier auf dem Land.

Und auch heute mittag ist das wieder so. Die Sirenen heulen, dann versinkt die Landschaft wieder in absoluter Stille. Die Vögel zwitschern, der Wind streicht leise durch die kahlen Bäume, der Hund buddelt schnaufend in einem Mauseloch. Und ich weiß: Die Stille ist nur von kurzer Dauer.

Ein Symbolbild.

Während der vermeintlichen Stille nämlich rennen in den Dörfern – so stelle ich mir das dann immer vor – Männer und Frauen aus ihren Häusern, aus der Firma, aus dem Büro, sei werfen sich ihre Feuerwehrjacken über, setzen Helme auf, springen an irgendeinem Feuerwehrgerätehaus in die wartenden Wagen. Dann rasen sie los und durchbrechen die Stille. Plötzlich aus mehreren Richtungen Motorengeräusche, Tatütata, immer mehr Wagen rasen oben am Horizont über die Straße in unbestimmte Richtung. Das alles scheint jedes Mal einer eigenen Choreografie zu gehorchen, die die Helfer punktgenau und in wenigen Minuten dorthin führt, wo irgendjemand ihre Hilfe braucht.

Und ja, ich wiederhole mich, die machen das freiwillig. Ehrenamtlich. Die werden nicht dafür bezahlt. Die machen das, weil sie es für richtig halten. Sind rund um die Uhr einsatzbereit, wenn es sein muss. Wissen nicht, was auf sie zukommt, wenn die Sirenen heulen und sie da rausmüssen. Feuer, Flammen, Glassplitter, zermalmte Autos, zermalmte Menschen, geschockte Augenzeugen, Blut und Öl und Dreck, alles ist möglich.

Heute ist es ein schwerer Verkehrsunfall. PKW frontal auf Müllwagen, zwei lebensgefährlich Verletzte, und drei leicht verletzte Männer im Müllauto. Keine Viertelstunde nach den Sirenen brummt am Himmel der Rettungshubschrauber, die Besatzung weiß, dass die da unten, die Notärzte und die Sanitäter und die freiwilligen Feuerwehrmänner und -Frauen das Nötigste schon in die Wege geleitet und erledigt haben.

Ganz am Schluss, wenn eigentlich alles rum ist, machen wahrscheinlich die Feuerwehrleute noch die Drecksarbeit, im wahren Wortsinn. Aufräumen, Öl und Blut von der Straße spülen, Wrackteile zusammensammeln, die Fahrbahn wieder passierbar machen. Die Achtung, Unfall!-Schilder von der Straße wegnehmen. Unter Umständen noch in die genervten Gesichter der wartenden Autofahrer blicken, die mit der Sitzheizung unter dem Hintern und irgendwelchen Terminen im Nacken schon langsam nervös werden.

Dann vielleicht noch ein bisschen reden miteinander. Oder mit den ehrenamtlichen Helfern von der Psychosozialen Notfallversorgung. Über das, was man gesehen und erlebt hat in diesen anderthalb, zwei Stunden.

Und dann heimfahren. Oder zurück ins Büro, in die Firma.

Bis zum nächsten Mal.

Treue Leser wissen das: Das Ehrenamt auf dem Lande, und besonders die Arbeit der freiwilligen Feuerwehren gehört zu meinen Lieblingsthemen. (Klick!) Hier habe ich auch mal darüber geschrieben, falls es Sie interessiert. Wenn Sie das Thema so gar nicht interessiert, dann kann ich es leider auch nicht ändern, hoffe dann aber umso mehr, dass Sie nie in die Situation kommen werden, von diesen Leuten ehrenamtlich gerettet werden zu müssen.

WMDEDGT.

Immer am Fünften eines Monats sind wir aufgerufen, unseren Tag zu dokumentieren, die freundliche Blognachbarin Frau Brüllen will das so, und die Frage lautet Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag?, kurz wmdedgt. Also, bitte.

Das morgendliche Ritual wie immer. Aufstehen, Kaffee, Hunde rauslassen, Katze reinlassen, Hühnerstall aufmachen, Hühner füttern, Ziegenstall aufmachen, Ziegen füttern. Nochmal Kaffee. Dann raus mit den Hunden, und später an den See, den Forellen Guten Morgen sagen.

Es gibt kein schlechtes Wetter, blablabla, naja, Sie wissen schon.

Eine mittelgroße Runde bei Regen und eisigem Wind gedreht, angeblich ist das ja gesund. Das alte Hündchen findet das doof, und ich auch, zugegeben. Frau Lieselotte jagt Mäuse und gräbt sich zwischenzeitlich Richtung Erdkern vor.


Unterwegs gefunden, Nähe Wagenschwend. Der Besitzer darf sich gerne melden.

Brotteig angesetzt, Backpulver auf schmutzige Badezimmerfugen geschmiert, Staub gewischt. Ja, so sieht das aus, wenn man mitten in der Woche einen freien Tag hat, der Narretei sei Dank. Dann mit dem Gatten im Bilder-Depot herumfuhrwerkt, antiker Rahmen sucht moderne Kunst.

An meinen Vater gedacht. Der wäre heute Neunzig geworden. Wenn er nicht schon mit Mitte 40 gestorben wäre, an einer fiesen Krankheit, die heute heilbar ist, damals noch tödlich war. Wäre es nach seinen Medizinerkollegen gegangen, hätte er schon mit spätestens Dreißig sterben müssen, aber er hielt dann doch noch deutlich länger aus. Und lebte, prall und intensiv und herzlich unvernünftig, denke ich rückblickend. Und ich habe im Kopf und in Fotoalben das letzte Bild meines Vaters, der jünger ist als ich es heute bin. Ein merkwürdiges Gefühl.

Dem Regen und dem Sturm zuhören, beides fegt ums Haus, rüttelt an Fenstern und Türen. Die Ziegen trauen sich nicht aus dem Stall, die Hühner stolzieren mit wehendem Federkleid durch Matsch und Wetter. Nachher ist im Städtchen der faschenachtliche Kinder-Umzug, das tut mir dann schon wieder leid. Die Hunde liegen vor dem Kamin und schnarchen um die Wette.

Mittagsschläfchen. Was die Köter können, kann ich doch schon lange. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und draußen ein Dauerwolkenbruch. Da schickt man doch keinen Hund vor die Tür, sagt mein Geo streng, und ich muss ihm recht geben. An der Fähigkeit zum Nichtstun muss ich aber noch hart arbeiten.

Zahnschmerzen from hell. Wie soll man da das gepflegte Faulsein genießen, frage ich Sie. Passt zum tristen Wetter. Und zu der Essensverabredung heute abend. Es wird auf ein lauwarmes Süppchen hinauslaufen. Aber vorher noch Ölziehen mit bitterem Sesamöl. Soll angeblich helfen. Prima.

Und dann doch noch mal kurz raus in einer Regenpause. Kalt und windig.

Und irgendwie kann der Tag dann in die Tonne.