Waldbaden in Nordbaden.

Wenn Sie etwas für Körper, Geist und Seele tun wollen, gehen Sie am besten in den Wald. Man kennt diesen wohlgemeinten Ratschlag. Ich mache das ja auch täglich gleich mehrfach. Nicht unbedingt, weil ich etwas für Körper, Geist und Seele tun möchte, sondern eher, weil die Hunde kacken, pullern, laufen ausgeführt werden müssen.

Nun habe ich es auch vergleichsweise einfach, denn ich lebe auf dem Lande, und das Dorf ist quasi umzingelt von Wald, ich kann gar nicht anders, als dauernd durch den Wald zu stolpern. Wo man auch hinguckt: überall Wald. Und icke: täglich mittendrin.

Das ist vielleicht eine extrem privilegierte Lebenssituation: Wohnen und Arbeiten, wo andere Urlaub machen, naja, Sie wissen schon. Ich las dieser Tage, dass die Menschen in den westlichen Industrienationen rund 90 Prozent ihrer durchschnittlichen Lebenszeit in geschlossenen Räumen verbringen, das klingt mir ziemlich tragisch.

Ja, danke, Du mich auch.

Denen empfiehlt man dann, einmal pro Woche für mindestens zehn Minuten in eine Grünanlage, oder, falls greifbar, sogar in einen Wald zu gehen. Oder Bäume zu umarmen. Barfuß auf dem Waldboden zu stehen. Mal im Wald zu atmen. (Also, atmen tun die Leute ja ohnehin vermutlich, das nehme ich jetzt mal so an, aber eben ganz bewusst die Waldluft durch die Nüstern hochzuziehen.). Achtsam zu sein im Wald, horchen, kieken, mimen, wa.

Da gibt es inzwischen ganze Philosophie- und Medizin-Strömungen über die Heilkraft des Waldes, Es gibt Waldforscher, die ihr Geld mit universitären Studien rund um das Verhältnis Mensch-Wald verdienen, es gibt ausgebildete Waldtherapie-Führer, und Leute, die sich zum Waldbademeister ausbilden lassen, mit Waldbademeisterzertifikat, um dann Menschen das Waldbaden näher zu bringen. Gegen eine gewisse Kursgebühr vermutlich, ähem.

Mir ist das alles ziemlich fremd, aus Gründen, siehe oben, aber ich sehe den offenkundigen Bedarf, den guten Willen und den lobenswerten Ansatz. Und empfehle der hiesigen Touristikgemeinschaft mal dringendst, sich inbesondere um das Thema Waldbaden zu kümmern, das scheint der neueste heiße Scheiß in Deutschland zu sein, vielleicht ist da doch jede Menge Potenzial, was den Fremdenverkehr angeht. Die in Südbaden haben das Waldbaden natürlich schon für sich entdeckt, also bitte, dann muss das in Nordbaden mit dem Waldbaden doch auch gehen.

Wenn Sie etwas für Körper, Geist und Seele tun – , aber nicht gleich waldbaden wollen, weil sie wasserscheu sind oder Nichtschwimmer oder wasweißich, dann habe ich hier im Übrigen den ultimativen Trick für Sie. Sie brauchen dazu weder einen Kurs noch eine Therapieausbildung, ehrlich, es ist ganz einfach. Ich habe das heute mal wieder für Sie getestet.

Also: Gehen Sie in den Wald. Aber gehen Sie nicht da, wo Sie sonst auch immer langlatschen, auf Wegen, die Sie aus dem Eff-Eff beherrschen und selbst blind noch finden würden (so wie ich das gerne tue). Wenn Sie wirklich mal abschalten wollen, gehen Sie in einen Ihnen unbekannten Wald und unbekannte Wege. Nehmen Sie am besten einen Wanderführer mit, der nur so semi-gut den Weg beschreibt, dazu noch eine vielleicht etwas veraltete Wanderkarte. Geduld und Ruhe sollten Sie zumindest im Rucksack dabei haben. So wie ich heute.

Ich war auf einem Rundweg zwischen zwei Ortschaften unterwegs, (für die Kenner unter Ihnen: zwischen Eberstadt und Götzingen), die grobe Wegbeschreibung war gut, im Detail dann aber doch nur so semi, meine Wanderkarte leider leicht veraltet, und die Markierungen des Weges gut bis mittelschlecht bis unsichtbar. Oder ich brauche eine neue Brille, das ist natürlich im Bereich des Möglichen. Allerdings darf ich von mir behaupten, mal zwei Jahre lang (Achtung!) Wegewart für den Odenwaldklub gewesen zu sein, immer mit Pinsel und Schablonen, Kratzbürste und Rindenfeile im Unterholz unterwegs, ich bin so gesehen durchaus geschult, also bitte.

Jedenfalls musste ich mich heute bei der mehrstündigen Tour so extrem auf den Weg und die Weg-Führung konzentrieren, nachgeradezu fokussieren, dass in meinem Kopf nichts anderes mehr Platz hatte als nur diese einzige, immer wiederkehrende Frage Da lang? Oder da lang? Wie jetzt? Wo jetzt? Für nichts anderes war mehr Platz in meinem gestern noch so durchgedrehten Hirn. Zum Glück traf ich unterwegs keine Menschenseele, niemanden, der hätte sehen und hören können, wie ich immer wieder stehenblieb, auf die Karte glotzte, auf die Bäume glotzte, und dann laut und vernehmlich Hääää? in die Stille des Waldes fragte. Es war schlichtweg herrlich.

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Spontane Rehamaßnahme, die Erste.

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Und genau so geht Entspannung. Nach sechs Stunden unterwegs fühlte ich mich wie nach einem Kurzurlaub. Auch das ist wissenschaftlich erwiesen, die totale Konzentration auf eine Sache, das Aufgehen in einer Tätigkeit, all das, was Sie Zeit und Raum vergessen lässt. Achtsamkeit undsoweiterundsoweiter, naja, Sie wissen schon. Auch so ein nicht mehr ganz so neuer, aber heißer Scheiß, mit dem manch einer gutes Geld verdient. Geht aber auch kostenlos und einfacher. Glauben Sie mir.

Also, rein in den Wald, aber weg von den altbekannten Pfaden! Neues wagen, jawohl! Sich auf den Weg konzentrieren und keine schlechte Laune kriegen, wenn man sich auch mal verläuft. Einen Fuß vor den anderen setzen und immer nach den Wegweisern schauen, sonst nichts. Am Ende kommen Sie irgendwie da an, wo Sie hinwollten, ansonsten Geld-zurück-Garantie.

Ich versuche jetzt noch, das irgendwie aufs richtige Leben zu übertragen, diese ganze Wandergeschichte. Allegorisch, sozusagen. Oder wie man das nennt. Da fällt mir aber im Moment leider nichts Schlaues dazu ein. Ich bin müde von der Wanderung, geradezu herzerfrischend müde. Und tiefenentspannt.

P.S.: Falls Sie das noch nicht kennen, lege ich Ihnen das hier mal dringend ans Herz: Wanderbuch(en), Odenwald, Bauland ; 16 Touren zum Kennenlernen zweier Landschaften. Ja, das ist mal wieder Werbung, und wie immer unbezahlt.

Was schön war.

Schön war’s, mal wieder in einer Großstadt unterwegs zu sein. Es regnet, und es stinkt ein bisschen nach allerlei Abgasen und feuchtem Stadtmuff, nach nassem Asphalt und ungeleerten Mülltonnen.

Ich bewege mich mit dem Auto durch den hektischen Frankfurter Samstag-Vormittags-Verkehr, als hätte ich nie etwas anderes getan, das fühlt sich gut und sicher an. Wozu habe ich schließlich in Berlin Autofahren gelernt?, pflege ich in derlei Situationen leicht überheblich-rhetorisch zu fragen.

Leider wissen wir aber den Weg nicht so hundertprozentig genau, und mein Gatte lehnt elektronische Wegweiser prinzipiell ab, so muss ich mich auf ihn als Navigator verlassen. Dummerweise hat er im Gehirn und auf der Erinnerungs-Festplatte nur die Frankfurter Straßenkarten von 1960 abgespeichert und das jüngste Update immernoch nicht aufgespielt, aber bitte.

So fahren wir inmitten von gefühlten 367.997 anderen Autos durch die proppenvolle Innenstadt, Jetzt linke Spur, linke Spur!, befiehlt mein Navi, und Bei der nächsten Ecke rechts abbiegen!. Geht nicht, sage ich, das ist ne Einbahnstraße, Einfahrt verboten!. Ja, wieso DAS denn, sinniert das fleischgewordene Navi auf dem Beifahrersitz und glotzt auf das Verbotsschild, das war doch früher…. Hinter uns hupt und bremst es quietschend. Also, ich verstehe das nicht, das war doch früher….Mein Geo setzt ein empörtes Gesicht auf, und ich ein genervtes. Das ist mir scheißegal, was das vor 50 Jahren war, jedenfalls können wir da nicht abbiegen im Jahr 2019! Am Steuer kann ich manchmal etwas ungehalten werden, und am Ende finden wir das Ziel dann aber doch ohne größere Verzögerung.

Sektempfang in Frankfurt

Sektempfang, feines Restaurant, eine sehr freundliche und äußerst gepflegte Gesellschaft. Gottlob habe ich daheim im Odenwald das eine oder andere passende Kleidungsstück, das bei derlei Anlässen aus den Tiefen des Schrankes gekruschtelt wird. Ich kann ja da nun schlecht in meinem Blaumann hin. Oder in der ollen Hundeklamotte.

Rund um die überdachte Terrasse tost der Verkehr, es hupt und rauscht, Blaulicht und Tatüütataaa, immer wieder, mal ganz nah und mal ganz fern. Außer mir scheint niemand das zu registrieren.

Quer über den Tisch geht der gehobene Smalltalk auf Deutsch, Italienisch und Englisch. Es geht um die Juristenausbildung in Deutschland und die Folgen des Brexit, um Yachtausflüge in der Ägäis und die Auswirkungen des Tourismus auf ehemals stille und einsame griechische Inseln, so Zeug halt, naja, Sie wissen schon. Ich habe leider wenig dazu beizutragen, kann aber allerlei dumme Fragen stellen, dafür bin ich bekannt und verdiene im richtigen Leben sogar mein Geld damit.

Ein Ausflug in eine mir – inzwischen – komplett fremde Welt ist das. Am Ende ist mein Hirn ganz müde und erschöpft, der Kopf summt und brummt. Aber schön war’s.

*****

Noch schöner ist es dann, Richtung Odenwald zu fahren. Nach Hause. Ja, so fühlt es sich inzwischen an, tatsächlich. Lange hat es gedauert, das mit dem Zuhause-fühlen, aber jetzt isses so. Naja, Sie wissen schon.

Die Strassen werden leerer und leerer und kleiner und kleiner, der Himmel immer größer und größer, und weiter und weiter. Der Lärm bleibt in der Stadt, bald hören wir nur noch den Motor des eigenen Autos, das uns nach Hause bringt, vorbei an hessischen Feldern, übers Lange Handtuch, dann vorbei an den Wiesen und Weiden rund um das bayerische Amorbach, dann durch den badischen Wald. Bis in die nächtliche Stille des Dorfes.

*****

Heute früh ist es dann mit der Stille im Dorf kurzzeitig vorbei, die Leute laufen zusammen, runter an die abgesperrte Kreuzung. (Wir haben hier ja nur eine einzige ernstzunehmende Kreuzung). An der stellt sich am Morgen der Festumzug auf, die Musikkapelle und die Ministranten, die Jugendlichen von der KLJB, die Chöre, die Gesangsvereine. 65 Jahre Katholische Landjugendbewegung, das wird gefeiert, und heute ist Umzug und Segnung der Fahrzeuge.

Vorneweg die Musik und das Fußvolk, hinterher im Schritt-Tempo die geschmückten Traktoren, die Bulldogs, die Motorräder und die Quads. In den Herrn, der mittendrin, stolz und ehrfürchtig zugleich, mit seinem Aufsitzrasenmäher mitfährt, habe ich mich ein bisschen verliebt, unbekannterweise.

Ich stehe im Gelände und mache Fotos, und immer mal wieder ruft irgendwer meinen Namen, Ach, machen Sie Fotos?, wir winken hin und her und grüßen und lachen. Sogar ein paar von den Männern auf den Traktoren kenne ich inzwischen, den Alten aus dem Nachbardorf, die Jungen von hier, wir winken und grüßen und lachen.

Am Ende werden die Fahrzeuge auf dem Festplatz am Vereinsheim gesegnet, zu gerne wäre ich dabeigewesen. Aber ich bekomme Besuch von einer Freundin und Kollegin aus der Universitätsstadt Heidelberg, sie ist früh dran, ich bin noch mit der Kamera unterwegs, und mein Geo schickt sie Richtung Festplatz. Dort sehe ich sie schon von Ferne etwas hilflos zwischen Pfarrern und Dorfbewohnern, zwischen Weihwasserschale und geschmückten Traktoren herumstolpern, ein bisschen wie im vermeintlich falschen Film und auf der Suche nach mir.

Bevor die eigentliche Segnung losgeht, mit dem hiesigen Pfarrer und Pater Joseph aus Afrika, finden wir zusammen und verlassen klammheimlich den Festplatz, hintenrum, durchs Festzelt. Werden natürlich alle gesehen haben und sich ihren Teil denken, naja, Sie wissen schon. Die Evangelische wieder. Aber das Wiedersehen nach langer Zeit, die Arbeit am gemeinsamen Projekt ging vor. Sonst wäre ich zu gerne noch geblieben. Ehrlich.

Ein Wochenende. Zwei Welten. Schön war’s. Alles.

P.S. Ich habe keine der hier abgebildeten Personen um mündliche oder schriftliche Erlaubnis gebeten, die entsprechenden Fotos veröffentlichen zu dürfen. Ich stehe damit quasi mit einem Bein schon im Gefängnis. Falls sich hier also jemand wider Willen wiederfindet, bitte Hinweis an mich, dann nehme ich die Bilder selbstverständlich sofort von der Seite, DSGVO und so, naja, Sie wissen schon.

12 von 12.

Die Zeit verrennt, wir hetzen hinterher. Bald ist schon wieder Weihnachten. Naja, Sie wissen schon. Heute ist aber erstmal der Zwölfte des Monats, also Zeit für die Blogger-Aktion 12 von 12. Zwölf Bilder, die den Tag beschreiben, also bitte.

Erstmal Hunderunde morgens vor Sieben. Kinder, es liegt ein herbstlicher Faden in der Luft!, würde mein Großvater jetzt sagen. Alle würden genervt die Äuglein gen Himmel rollen, aber er hätte wie immer recht damit.

Dann Forellen füttern am See. Ach, wenn doch nur alle Leute schon beim Frühstück so munter und aufgeweckt wären wie diese Fische! Die Welt wäre ein besserer Ort, glauben Sie mir.

Dann ins Büro. Bürokratenkram und ein bisschen aufräumen. Dann Kennenlern-Besuch von einem Bürgermeister. Der hier könnte mein Sohn sein, das geht mir inzwischen leider öfter so. Außerdem interessiert er sich durchaus für die digitale Technik in meinem Büro, das ist ebenso generationsbedingt wie die Tatsache, dass er mit dem Begriff Tonkopf nun rein gar nichts anfangen kann. Ich versuche es ihm anhand der guten alten (und von mir noch gelernten und genutzten) Tonband- und Cassettentechnik zu erklären, aber das Unverständnis in seinen Augen wird nicht kleiner, sondern eher größer. Und ich schaue mich dann also demnächst mal nach einem Platz im Altersheim um.

Der senkrechte Strich ist das, was früher mal der Tonkopf war. Vor 200 Jahren etwa.

Vor lauter Schreck dann den imaginären Rollator geschnappt und in die Mittagspause gerollert.

Landesgartenschaugelände.

Für den Funkhund geht die Mittagspause auch nach der Runde durchs Gelände weiter, jetzt in horizontaler Körperhaltung. Das wirkt auf die arbeitende Bevölkerung nicht eben motivationssteigernd, ist aber immer so. Solange sie während der Tonaufnahmen nicht aufreizend laut schnarcht, ist alles im grünen Bereich.

Kreative Problemlösungen. Windschutz fürs Mikro zerfetzt, und ohne Windschutz ssssspfpfpfpfpfpfffff. Früher hätte ich da die Techniker gerufen, aber die sind vermutlich eh grade in Kapstadt oder Kabul unterwegs und haben keine Zeit für den Odenwald.

Loch in Spülschwamm bohren, Mikro rein, Rest Spülschwamm wegschneiden, fertig.
Ideen muß man haben.

Dann irgendwann rein in den Feierabend. Erst Rush-hour, dann Kaffee-Zeit.

Und jetzt das Abendessen für die lieben Gäste zusammenpflücken. Salate. Nur die dazu geplante Hühnerbrust wächst leider nicht im Hochbeet, die kriegen wir im Nachbardorf. Beste Hühnchen ever. Abgesehen von meinen eigenen, versteht sich. Aber die essen wir ja auch nicht.

In diesem Sinne: schönen Abend allerseits.

Kinder. Land.Verschickung.

Hundebesitzer kennen das: Da gibts irgendwelche Termine oder Ausflüge, da können die Hunde nicht mit. Müssen also anderweitig versorgt werden. Bei mir helfen in derlei Fällen liebe Freundinnen, es ist ein Geben und Nehmen. Wenn mich dann unterwegs jemand fragt, wo denn die Hunde seien, antwortete ich bisher scherzhaft Die sind auf Kinderlandverschickung! Und alle so: Hahaha! Lustig! Kinderlandverschickung!

Seit ein paar Tagen bleibt mir das Wort allerdings im Halse stecken.

Durch Zufall nämlich bin ich an ein Buch über vergessene und verdrängte Geschichte(n) geraten, in dem es genau darum geht: Vergessene und Verdrängte Geschichte, auch hier in unserer Region. Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus, Zwangsarbeiter, Deportationen, naja, Sie wissen schon.

Ich blätterte ein bisschen herum, manches kannte ich schon, vieles war mir neu, und dann las ich mich fest. An einem Bericht über die Kinderlandverschickung in den Odenwald. Verfasst von Thomas Naumann, dem langjährigen Leiter des Odenwälder Freilandmuseums in Walldürn Gottersdorf.

Kinderlandverschickung gab es offenbar schon vor dem Ersten Weltkrieg, Großstadtkinder an die frische Landluft!, hatte seinerzeit das Motto gelautet. Geprägt und besetzt wurde der Begriff aber wohl von den Nazis, Kinderlandverschickung klang wild-romantisch, nach Lagerfeuer und Gitarre, sollte die Kinder vor den Bombardierungen in den großen Städten schützen und sie gleichzeitig einer anständigen NSDAP-Erziehung zuführen. Hier (Klick!) bei Wikidingsbums können Sie Näheres erfahren.

Museumsleiter Naumann jedenfalls hatte vor Jahren unerwartet Besuch im Freilandmuseum. Vor ihm stand ein Mann: der Visitenkarte nach Carl Bierbaum, Direktor einer großen Fabrik in Australien. Geboren 1934 in Bremen und 1940 nach Gerolzahn verschickt. Kinderlandverschickung. Als gerademal Sechsjähriger von den Eltern an den Bremer Bahnhof gebracht, mit einem Pappschild um den Hals, mit Namen, Heimatadresse und Zielbahnhof. Und dann irgendwie bis nach Gerolzahn gekommen, tief in den Odenwald, hoch auf die Höhen, irgendwo in den damals unendlichen Weiten zwischen Walldürn und Miltenberg. Wie allein die Bahnreise für den sechsjährigen Jungen gewesen sein mag, möchte ich mir nicht ausmalen.

Das Haus, in dem der kleine Junge aus Bremen landete, war das Schäferhaus in Gerolzahn. Heute steht es im Freilandmuseum in Gottersdorf, ich kenne es und war schon oft dort, aber ich gestehe, die Geschichte mit der Kinderlandverschickung hatte ich bislang ignoriert. Zu beeindruckt bin ich jedes Mal von der Einrichtung, der Enge, den winzigen Betten und den niedrigen Decken. Dass das hier nicht die gute alte Zeit war, wird jedem klar, der das Haus betritt.

Wie erst muss das auf den kleinen Carl gewirkt haben? Im äußert bescheidenen Haus des Schäfers lebten nach Carl Bierbaums Erinnerung und nach Kenntnis von Museumsleiter Naumann seinerzeit mindestens sechs, sieben, vielleicht sogar zehn Personen. Alle katholisch. Nur Carl: evangelisch. Des Teufels also. Der Schäfer als Haushaltsvorstand habe ihm den falschen Glauben ausprügeln wollen, regelmäßig, mit einer Hundekette, erinnert sich Carl Bierbaum im Gespräch mit Thomas Naumann. Im Dorf, in der Schule: er war der Außenseiter, falscher Glaube, falscher Dialekt, falsche Herkunft. Ein Sechsjähriger. Ein Kind.

Ein Kind, das dann schlussendlich, nach Kriegsende, irgendwann wohl zu den leiblichen Eltern zurückging. Oder zurückgeschickt wurde. Als dann schon halbwüchsiger Junge. Nach Hause. Zurück in eine wiederum fremde Umgebung, zu vergleichsweise wildfremden Menschen, die sich Mutter und Vater nannten und an die der Sohn kaum mehr eine Erinnerung hatte. Vielleicht sind es diese Kindheits- und Jugenderfahrungen, die einen Carl Bierbaum schließlich dazu bewogen, Deutschland für immer zu verlassen.

In dem kleinen, sehr lesenswerten Büchlein gibt es noch ein anderes Beispiel einer Kinderlandverschickung in den Odenwald. Sie verlief anders, mit einer Art Happy-end, aber auch so, dass ich beim Lesen zwischendurch dachte, Oh mein Gott, wie hält ein Kind das aus?. Und beide Zeitzeugen stehen vermutlich stellvertretend für die vielen tausenden und hunderttausenden von Kindern, die weg von ihren Eltern mussten, raus aus den Städten, rein in Lager, Pflegefamilien oder zu entfernten Verwandten. Für manche mag das ein Abenteuer gewesen sein, eines zudem, das ihr Leben rettete. Anderen muss es als Horror in Erinnerung geblieben sein.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich empfehle Ihnen also mal wieder einen ganz gezielten Besuch im Gottersdorfer Freilandmuseum, und hier besonders im Schäferhaus. Die Geschichte der Kinderlandverschickung ist da dokumentiert. Und außerdem empfehle ich Ihnen das kleine Büchlein über Vergessene und verdrängte Geschichte(n), das Sie (klick!) hier bestellen können. Ja, das ist Werbung, und nein, ich bekomme kein Geld dafür.

Den lustigen Spruch mit der Kinderlandverschickung werde ich mir zukünftig jedenfalls verkneifen. Sensible Sprache undsoweiter, naja, Sie wissen schon.

So ein Wetter.

So ein Wetter war das heute. Im Rhein-Neckar-Raum Land unter. Hier oben, im Wald, sind wir halbwegs verschont geblieben. Bisschen Wasser im Keller. Macht nichts. Das Haus lebt, pflegt der Architekt unseres Vertrauens zu sagen. Die Landwirte wirds freuen. (Nicht die Tatsache, dass unser Haus lebt, nein nein, das ist denen wurst, aber der Regen, der hat sie bestimmt gefreut, und freut sie noch.)

Heimfahrt mit Hindernis

Warum Ihr mich nach einem langen, schweißtreibenden Arbeitstag, nach Rumgerenne und Gehetze, nach Stress und Nerverei, nach siebenhundert Mails und achtundneunzig Telefonanrufen im Büro nicht EINFACH SCHNURSTRACKS NACH HAUSE FAHREN LASST, habe ich gefragt!!!

(Weil wir hier auf dem Land sind, Du dumme Kuh!, haben sie geantwortet.)

Blaumanns Erzählungen.

Ist ja schön, dass ich hier für die treue Leserschaft dauernd mehr oder weniger langweilige schlaue Geschichten schreibe, aber eigentlich war ich doch wegen etwas ganz anderem aufs Land gezogen. Nicht zum Geschichten-Erzählen. Sondern für Ackerbau und Viehzucht.

Es gab in den Anfangsjahren dafür sogar eigene Blog-Rubriken, Blaumanns Erzählungen und 1. FC Huhn. Ernte- und Zuchterfolge sind aber inzwischen so selbstverständlich geworden (hust), dass insbesondere der Blaumann hier vernachlässigt wurde. Das muss sich ändern. Also bitte. Wozu bin ich schließlich Landfrau?

Jedenfalls beginnt jetzt die angeblich schönste Zeit des Jahres im Leben einer Landfrau. Die Ernte. Dass eigentlich ausschließlich der Gatte für den Ackerbau zuständig ist, verschweigen wir an dieser Stelle, obwohl es dann deutlich einfacher wäre, auch die Misserfolge ihm in die Schuhe zu schieben. Und Misserfolge, von denen haben wir genug in diesen Trockenjahren. Oder wir stellen uns immernoch zu blöd an, das ist auch im Bereich des Möglichen. Naja, Sie wissen schon.

Geos Die Idee, die Erbsen in das niegelnagelneue Hochbeet zu pflanzen, die war zum Beispiel schon mal nicht sooo der Brüller. Die Pflanzen wuchsen und wuchsen, sie überwucherten bald das ganze arme Hochbeet und am Schluss die halbe Terrasse, es war überhaupt nur noch mit der Machete durchzukommen, sodass ich gestern mit einem gigantischen Korb zur Ernte schritt.

Nachdem ich mich also unter Einsatz meiner körperlichen Unversehrtheit durch Massen von Erbsenlaub gekämpft hatte, stellte sich heraus, dass es drei Kategorien von Erbsenpflanzen gab: die Mega-Brüller (mit zwei Schoten á acht Erbsen pro anderthalb Meter langer Pflanze), die etwas Zurückhaltenden (mit einer Schote pro Wucherpflanze), und die Nieten (mit gar keiner Schote pro Pflanze). So landeten im Erntekorb schlussendlich etwa 34 Erbsen, vielleicht waren es auch 37, aber immerhin, besser als gar nichts.

Ausgerechnet Radicchio unter den Erbsendschungel zu pflanzen, war jetzt auch nicht so der Hammer, aber nach der Erbsenernte hat der jetzt auch endlich Luft und Licht; und wenn wir noch ein, zwei Jahre warten, erholt er sich vielleicht auch wieder.

Wenn ich groß bin, werde ich ein Radicchio. Oder auch nicht.

Auch das zweite Hochbeet ist in der Gewalt irgendeines Kohl-Monsters, leider hat Geo haben wir vergessen, um was genau es sich hier handelt. Von einer potentiellen Ernte ist noch nichts zu sehen, aber es schmeckt. Zumindest den Raupen und dem Kohlweißling.

Die Knoblauchernte war tatsächlich sensationell, so sehr, dass ich vor lauter Begeisterung kein Foto gemacht habe. Dicke, fette Knollen. Der Salat im Gemüsegarten ist schön grün und groß, die Tomaten hingegen grün und klein. Freilandzucht in Badisch-Sibirien, das wird wohl nix.

Aber die Kartoffeln, die werden. Bloß wie, fragt sich nach einer ersten Probeernte. Wenn es stimmt, dass die dümmsten Bauern die größten Kartoffeln ernten, müssen wir hochintelligent sein. Geradezu beängstigend intelligent. So schlau, dass es schon wehtut.

Kirschen und Äpfel: bisher Fehlanzeige. Walnüsse: naja. Dafür macht sich der Mangold.

Und der Phlox, der ist eine Wucht. Morgens bläulich, mittags knalle violett, eine wahre Augenweide. Nur essen kann man den leider nicht. Naja. Man kann nicht alles haben.

Alle Fotos mit dem ollen Händi geknipst. Ich war zu faul für die große Kamera.

PS. Der Gatte droht, den Deutschen Presserat einzuschalten, wenn ich nicht augenblicklich doch noch ein Foto von seinem Knoblauch mache und hier zeige. Zwei Zöpfe aus dicken Knollen hat er geflochten, und die sind wirklich großartig. So sei es, und so bleibe es, bis in Ewigkeit, Amen.

So tickt die Gegend.

Treue Leser wissen, dass es auf diesem Blog aus der vermeintlichen Provinz immer mal wieder um eines meiner Lieblingsthemen geht. Es ist mir nachgeradezu ein Herzens-Thema, ja, da staunen Sie,: Das Ehrenamt. Mag irgendwie altbacken klingen in großstädtischen Ohren, ich habe mich auch erst daran gewöhnen müssen. Ist aber mitunter was ganz Großartiges, wenn Sie mich fragen. Nicht selten unersetzlich.

Und ziemlich weit verbreitet hierzulande. Um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich müsste scharf nachdenken, ob es in meinem inzwischen großen Freundes- und Bekanntenkreis irgendwen gibt, der nicht irgendwo ehrenamtlich tätig ist, sich einbringt, mithilft, und das alles noch fer umme, wie man in der Kurpfalz sagt. Ich glaube, mir fällt niemand ein. Alle engagiert, hier oder da.

Ich kenne auch ein paar von den Leuten, die sich bei Zwingenberg engagieren. Bei Zwingenberg, das heißt in der Langversion: bei den Zwingenberger Schloßfestspielen. Jeden Sommer hochkarätig besetzte Inszenierungen von Opern oder Musicals, in einem Dorf mit nicht mal 700 (siebenhundert) Einwohnern. Ohne einen Gut-Teil der Einwohner, und ohne die vielen Ehrenamtlichen aus dem Dorf, aus der Gegend drumherum, wären die Festspiele überhaut nicht machbar, überhaupt nicht denkbar.

Tausende von freiwilligen Arbeits- oder Einsatzstunden kommen da über mehrere Wochen zusammen, zu jeder denkbaren und undankbaren Tages- oder Nachtzeit. Freiwillige Feuerwehr und freiwillige Rettungsdienste, Aufbauhelfer, Kostümbildnerin, Chorsänger und Tänzer, Maler und Elektriker, Putzkolonnen, Eintrittskartenkontrolleure, Stühle-Rücker, Kisten-Schlepper, zahllose Mädchen für alles, männlich und weiblich, – an allen Ecken sind im romantischen Schloßhof die Ehrenamtlichen unterwegs, wochenlang, und meistens bis spät in die Nacht.

Die Laien und die Ehrenamtlichen sind das Fundament, auf dem der Erfolg der professionellen Festspiele aufbaut. Den Geist von Zwingenberg nennen viele das. Ich finde, es zeigt auch den Geist dieser ganzen ländlichen Region.

Wenn Sie also wissen wollen, wie das klitzekleine Zwingenberg am Neckar tickt, und wie eigentlich die ganze Gegend tickt, in der ich wohne, dann nehmen Sie sich mal eine halbe Stunde Zeit und schauen diesen Film von Susanne Bessler vom SWR an. Lohnt sich. Sie müssen gar kein Musical-Fan sein. Bin ich auch nicht. Aber Ehrenamt-Fan.