Was schön war.

Ich sitze da dieser Tage mit einem jungen Mann auf der Terrasse eines Cafés in der Abendsonne, das Café liegt neben dem Fitness-Studio, in dem der junge Kerl eben noch sein Kraft-Training gemacht hat, und nun sitzen wir also hier und beraten darüber, wie er journalistisch etwas für sein Heimatland tun könnte. Er war vor seiner Flucht als offenbar erfolgreicher Radio- und Fernsehjournalist unterwegs und wohl weithin bekannt, ich habe Fotos von ihm im Internet gesehen, mit weißem Anzug und Fliege auf irgendwelchen Show-Bühnen, dazu das rabenschwarze Haar und das strahlende Lächeln, ein Bild von einem persischen Mann.

Jetzt will er wieder Radio machen, ein Internetradio vielleicht, für die Menschen in seiner Heimat, open-minded soll es sein, nicht immer nur Allah, Allah, Allah, sagt er, ein paar alte Kollegen und Mitstreiter hat er schon zusammengetrommelt, quer durch Europa. Wir sitzen da also und reden über allerlei journalistische und technische Fragen, sein Deutsch ist noch semigut, der Freund, den er mitgebracht hat, spricht schon deutlich flüssiger, so sitzen wir also zu Dritt bei Apfelschorle und alkoholfreiem Hefeweizen. Rund um das Cafe ist ordentlich Betrieb, junge Männer gehen zum Fitneßstudio nebenan, oder sie kommen von daher.

Und wie wir da so sitzen, nähert sich eben wieder ein Pulk von jungen Männern mit Sporttaschen, ich registriere ihre Frisuren und ihre Gesichter und Klamotten, ich setze mich ein bißchen aufrechter hin und nehme sie fest in den Blick, während sie auf uns zukommen. Ok, denke ich bang, was mache ich, wenn die jetzt das Pöbeln anfangen, wie reagiere ich, wenn sie irgendeinen rassistischen Scheiß loslassen, vielleicht wollen die sogar richtig Streß und werden handgreiflich, was soll ich da bloß tun? Ich denke hektisch darüber nach, es gab da doch irgendwelche Anleitungen für die Praxis, Deeskalation und so, bloß nicht zurückpöbeln, herrjeh, wie war das noch.

Die Truppe umringt unseren Tisch und meine Gesprächspartner strahlen die jungen Männer an, Ey Alter, was geht?, sagt der eine lachend und sie schütteln die Hände der jungen Männer, warst Du schon Gewichte stemmen oder kommst Du noch mit ins Studio? fragt ein anderer, Alles klar bei Euch? wollen die jungen Kerle wissen, was macht die Ausbildung?, meine Gesprächspartner erzählen ein bißchen, dann wird gelacht und gewunken, ja, Tschüß, bis zum nächsten mal!, und ich sitze da wie ein Volltrottel mit meinen Schubladen im Kopf, das ist in diesem Fall ein pädagogisch durchaus wertvolles Gefühl, ich kenne keinen dieser Menschen, während meine zwei persischen Freunde offenbar schon bestens sozialisiert sind.

Ich ziehe also die Klischeeschublade im Hinterkopf kleinlaut wieder auf und setze die jungen Männer behutsam wieder an die frische Luft, sorry, Männer, das war meinerseits dann wohl ein Griff ins Klo, wir reden noch kurz über die Idee mit dem Internet-Radio, dann muss ich los, und mein persischer Kollege besteht darauf, die Rechnung zu bezahlen. Beim nächsten Treffen gerne wieder hier, sagt er, es ist hier wirklich immer nett. 

Ein Symbolbild.

 

 

 

Ach, JoHahn.

Am Anfang klang das ja alles noch sehr spassig, allein, die blöde Kropfverstopfung entwickelte sich sehr zu JoHahns Nachteil, und vor ein paar Tagen haben wir ihn nun also erlösen lassen. Alle Massagen, alle Cola-Infusionen, nichts half, JoHahn wurde kleiner und kleiner und stummer und stummer und leichter und leichter, bis von ihm nicht viel mehr übrig war als sein glänzendes Federkleid. Das glänzte bis zur letzten Stunde mit den Sternen um die Wette, verstehe das, wer will.

Ich bin ja leider immernoch zu feige, liebgewonnene Tiere selber um die Ecke zu bringen, es musste der Freund aus dem Nachbardorf ran, er kam, sah und hackte, nehme ich jetzt mal so an, Genaues wollte ich nicht wissen. Ich lerne das auch noch, versprochen. Dass einem der Tod eines Hahnes mal den Tag versauen könnte, das hätten Sie mir vor ein paar Jahren auch noch nicht sagen dürfen, ich hätte Sie ja für bekloppt erklärt.

Jedenfalls bestand der Gatte auf sofortigen Ersatz, eine Forderung, die kurzfristig den Ehefrieden ernsthaft bedrohte, es drehte sich dabei alles um die Frage, ob auch ein abgemurkster Hahn auf soetwas wie Pietät bestehen könne, aber nachdem der Hahn nun abgemurkst war, konnte er sich selber dazu nicht mehr äußern, und letzten Endes setzte sich also mein Geo durch. Jetzt haben wir seit gestern einen neuen Hahn, Friedrich, ein wahres Bild von einem Mann, und nun ist mein Geo wieder beleidigt, weil Friedrich ihm die Schau stiehlt und die Hühner nichts mehr von Geo wissen wollen, sondern nur noch hinter Friedrich her tippeln, mit ganz verliebten Augen. Aber davon erzähle ich Ihnen dann ein andermal.

Kleener JoHahn: Grüß mir die Sonne, grüß mir die Sterne, und grüß mir den Mond.

 

 

22. März 1945.

In Neckargerach, unten im Neckartal, haben heute mittag die Glocken des Ortes geläutet, die Rathausglocke und die Kirchenglocken, eine Viertelstunde lang. Die Gemeinde erinnert damit an den verheerenden Fliegerangriff vom 22. März 1945. Gerade mal 1200 Einwohner hatte das kleine Neckargerach damals, mehr als 200 Menschen kamen innerhalb weniger Minuten ums Leben, viele Kinder darunter. Wir haben mit Hilfe eines Kollegen eine Überlebende ans Mikrofon bekommen, und ich habe die Geschichte im Radio erzählt, falls es Sie interessiert, bitte hier entlang: Per Doppelklick aufs Bild gelangen Sie zum Audio.

 

 

 

Zuwachs.

Wenn der Besuch zum Sonntagskaffee keinen Kuchen mitbringt, sondern eine Kiste mit drei piepsenden jungen Hühnchen, dann spätestens weiß man, dass man auf dem Lande wohnt. Wir haben also Zuwachs bekommen und für ein paar Stündchen so getan, als gäbe es auf der Welt kein wichtigeres Thema, keine wichtigere Frage als die, wie die Youngsters abends wohl in den Stall hineinkommen und ob sie schon groß genug sind, um sich aus dem Futterautomaten zu bedienen.

Wir nennen die drei jetzt mal Tick, Trick und Track, das sind zwar keine ausgesprochenen Frauennamen, aber ich denke, in Zeiten der Emanzipation geht das in Ordnung. Auseinanderzuhalten sind sie ohnehin nicht, alle schneeweiß mit blauen Beinen. Letzteres liegt nun ausnahmsweise nicht an den klimatischen Gegebenheiten in Badisch-Sibirien, sondern in der Natur der Rasse, es handelt sich um edle Bresse gauloise, und die haben nun mal blaue Stelzen. Irgendwann kommt vielleicht auch noch ein roter Kamm dazu, das passt ja dann auch farblich, blau, weiß, rot, wie die französische Flagge, das fällt mir eben auf. War sicher genauso gedacht bei der Züchtung, nehme ich mal an, den Franzosen ist das zuzutrauen.

Ich habe in diesem Zusammenhang gelernt, dass Bresse-Hühner in der französischen Kühltheke immer mit blauem Bein verkauft werden; nicht, weil der Franzose das nun besonders schick fände, sondern quasi als eine Mischung aus Garantieschein und Qualitätsbeweis, wer schon ein teueres Bresse-Huhn kauft, soll sicher sein, dass es sich um ein ebensolches handelt.

Wie dem auch sei, wir haben also einen netten Nachmittag mit den Hühnchen-Lieferanten verbracht und über dies und das geplaudert, und am Abend sind wir mit fuchtelnden Armen durch das Gehege geschlichen, mein Geo und ich, um den Hühnchen den Weg in den Stall zu weisen. Hühnchen stellen sich nach einem Umzug angeblich immer ein bisschen saublöd an, ich kann das bestätigen, sie eilten hierhin und dorthin, versteckten sich unter dem Stall und im Gebüsch, wir riefen erst Auf geht’s, in die Heia-Heia!, und Wir wollen doch nur Euer Bestes! und später dann Wollt Ihr vielleicht hier draußen übernachten, Ihr dämlichen Viecher?, und am Ende konnten wir sie überzeugen.

Vielleicht müssen wir heute abend nach Einbruch der Dämmerung wieder ran, mit fuchtelnden Armen werden wir elfengleich durch den Garten schreiten und wahlweise wispern, locken, besänftigen oder anbrüllen, die Nachbarn werden es uns danken, das ist vermutlich besser als jedes Vorabendprogramm im Fernseher.

JoHahn leidet derweil weiter an seiner Kropfverstopfung, wir hatten (klick!) hier darüber berichtet, und wir sind nicht sicher, ob der leicht empörte Gesichtsausdruck von der Verstopfung oder den jungen weißen Hühnern herrührt. Wir werden das herausfinden.

 

 

 

 

The Times they are a changin‘.

Ich bin da dieser Tage am Rande einer Dienstfahrt in so einen lost place hineingestolpert, mehr oder weniger unvermittelt und vermutlich verbotenerweise, die Abendsonne leuchtet golden durch die nicht mehr vorhandenen Fenster, über Schutt und Müll, und ich stakse also in feinem Büro-outfit und mit dementsprechenden Schühchen durch diese Ruine und knipse mit dem Handy und denke ein bisschen nach.

Ich denke darüber nach, dass an Orten wie diesem über Jahrzehnte hinweg der Kalte Krieg allgegenwärtig war, er war quasi das täglich Brot derjenigen, die hier arbeiteten. Die Soldaten schauten gebannt Richtung Osten, Richtung Eiserner Vorhang, sie beobachteten und planten und organisierten, sie hielten Maschinen und Munition in Schuss, sie reparierten und warteten Panzer und Raketen, sie robbten durch den Schlamm und durchs Unterholz zu Übungszwecken, für den Fall der Fälle.

Sie machten das rund um die Uhr, sie sorgten für unsere Sicherheit oder den Weltfrieden oder wasweißdennich, jedenfalls waren sie 365 Tage im Jahr gefasst auf das, was da kommen möge aus dem bösen Osten. Ausgerechnet der beschauliche Odenwald mit seinen grünen Hügeln war voll von amerikanischen Raketenstellungen mit atomaren Sprengköpfen, von großen Bundeswehrkasernen, von Panzern und Munition, eine zeitweise bis an die Zähne bewaffnete Region.

Irgendwann war der Osten aber gar nicht mehr böse, der Kalte Krieg war vorbei, der Eiserne Vorhang löste sich in eine Art Wohlgefallen auf, alle freuten sich, und die Soldaten gingen nach Hause oder in andere Kasernen, die Amerikaner zogen ab, die Bundeswehr-Truppen wurden verkleinert, es fühlte sich alles ziemlich friedlich an, im Odenwald und überall, und Gebäude wie diese wurden schlussendlich überflüssig.

Und so ging die Zeit hinweg über Baracken wie diese, Moose und Flechten breiten sich aus, wo früher Schreibtische und Büroschränke standen; an den Eingangstüren übernehmen Brombeergestrüpp und Farne das Regiment, der Wind pfeift durch die Löcher in den Wänden und treibt den muffigen Geruch der Vergänglichkeit vor sich her, und eines nicht mehr allzu fernen Tages wird mit einem dumpfen Rumpeln und Donnern das Dach einstürzen und die letzten Zeugen einer schwierigen, vielleicht sogar explosiven Zeit unter sich begraben. Einer Zeit, der vermutlich niemand hinterhertrauert.

Ich stelle mir vor, wie das Dach vielleicht sogar wohlig seufzt beim Einsturz, wie es den ganzen Klump und die ganze Geschichte unter sich zudeckt und denkt Aus!, Ende!, Vorbei mit diesem Blödsinn, diesem Wahnsinn, dieser Scheiße! 

Vor ziemlich genau drei Jahren bin ich schon mal durch einen lost place dieser Art gestolpert, gefühlt war das quasi gestern, ganz bei mir um die Ecke, eine ehemalige amerikanische Raketenstellung, das alles beeindruckte mich ähnlich, Sie können das (klick!) hier nochmal nachlesen, und am meisten berührte mich der Stoßseufzer meines Begleiters seinerzeit: Diese merkwürdigen Zeiten, diese scheinbar ständige Kriegsgefahr in Europa seinerzeit , das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Und was für ein Segen, dass es sowas nicht mehr gibt!

Und jetzt weiß ich auch nicht.

 

 

 

LandTypographie 3

Schriftzüge, Schriftzeichen, Buchstaben und Schilder aus der ländlichen Region, eine kleine Serie aus all dem, was man unterwegs da noch so findet. Wenn man gezielt schaut, findet man noch etliches. Manches ist aber schon verschwunden oder nicht selten durch modisches 0815 ersetzt.

Die Idee zu dieser Serie habe ich natürlich nicht erfunden, ich habe sie abgeguckt, quasi als Gegenentwurf zu den wunderbaren Stadt-Typographie-Bildern, die man bei den Berliner Kollegen drüben bei twitter finden kann.

 

 

 

 

 

 

 

Grußwort.

Es gehört zu meinem Job in der vermeintlichen Provinz, dass ich mehr oder weniger regelmäßig zu öffentlichen Veranstaltungen muss, zu feierlichen Einweihungen, Eröffnungen, Tagungen, Diskussionsrunden, Bürgerforen, naja, Sie wissen schon, lauter solche Termine, wo sich allerlei Menschen und vorallem allerlei hiesige Prominenz zusammenfindet. Ich liebe diese Art von Veranstaltungen, ganz ehrlich, ich finde es herrlich, so mittendrin bei den Menschen und den jeweiligen Themen zu sein, und irgendwas journalistisch Verwertbares ist da immer dabei, irgendetwas kann man da immer lernen.

Ich wäre also ein uneingeschränkt großer Freund dieser Art von Terminen, wenn – ja, wenn da nur nicht das gemeine Grußwort wäre. Ich habe während meiner Zeit als Journalistin in Berlin oder München, Mannheim oder Ludwigshafen, Speyer oder Mainz nicht einmal geahnt, was sich hinter dem Begriff verbergen sein könnte, das Phänomen Grußwort begegnete mir erst mit dem Umzug aufs Land. Aber vielleicht verkläre ich da auch die Vergangenheit ein bisschen, wer weiß das schon.

Jedenfalls verursacht mir inzwischen schon allein das Wort eine Mischung aus nervösem Zucken und akuter Narkolepsie, und wenn ich eine Einladung zu einer Veranstaltung aus dem dienstlichen Briefkasten fische, dann ist mir zunächst einmal völlig wumpe, was wann wo gefeiert, eröffnet oder eingeweiht wird. Mein erster entsetzensstarrer Blick gilt der Liste der Grußwortredner, um mich psychisch und mental auf das Ereignis einzustellen. Und die Liste ist in der Regel eines: lang.

Landräte, Bürgermeister, Ortsvorsteher, Pfarrer, katholisch/evangelisch, Vereinsvorsitzende, MdLs, MdBs, MdEPs, Abgesandte von Ministerien, Bundesregierung, sie alle wollen ein Grußwort an uns richten, bevor die eigentliche Veranstaltung beginnt, je nach Anlass kommen dann noch Bauherren dazu, Architekten, Vertreter von Hochbau- oder Tiefbauamt, Schulamt/Kindergarten, Ärzteverband, Landwirtschaftsamt, Jägerschaft, Tierschutzverein, Vegetarier, Veganer, Fleischfresser, Impfgegner, Impfbefürworter, Radfahrer, Fußgänger, Rothaarige und Blonde, Schwarze, Rote, Grüne und wasweißichnichtnochalles.

Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen, irgendwer findet sich immer, der das siebte, achte, zwölfte oder dreizehnte Grußwort des Tages halten möchte, es gibt, so munkelt man, Menschen, die erscheinen überhaupt nur bei Veranstaltungen, wenn sie dort auch ein Grußwort halten dürfen, ja, soweit ist es angeblich schon gekommen hierzulande.

Wobei der Begriff des Grußwortes natürlich völlig  in die Irre führt. Von einem Wort kann nicht die Rede sein, das durchschnittliche Grußwort besteht aus 800 bis 1000 Wörtern, das ist eine grobe Schätzung meinerseits, aufgrund meiner inzwischen mehr als 15-jährigen leidvollen Erfahrung. Der inhaltliche Gehalt der Grußworte zu Beginn einer Veranstaltung schwankt dabei ganz erheblich, es gibt da natürlich sicher auch wunderbar rhetorische Perlen, aber wenn der zehnte Grußwortredner mit elastischem Schritt und hochmotiviert Richtung Rednerpodest federt, weil seine große Stunde gekommen ist, dann sind zumindest in meinem Fall die rhetorischen Perlen vor die Säue geworfen. Ab Grußwortredner Nummer Fünf pflege ich in der Regel abzuschalten, früher habe ich es nur bis Nummer Vier geschafft, immerhin eine Steigerung, ich kann nichts dafür, es sind die natürlichen Vorgänge in Körper und Geist, ich bin für Grußwortmarathons nicht gemacht und muss mir meine Kräfte sorgsam einteilen, um nach 60 bis 90 Minuten voller Grußworte irgendwann noch genug Konzentration für die eigentliche Veranstaltung zu haben.

Ziehe ich in meiner Verzweiflung den Duden zurate, dann heißt es dort, ein Grußwort sei eine kurze Rede, mit der ein Redner beispielsweise die Gäste einer Tagung begrüßt. Nun ist der Begriff kurz natürlich dehnbar, siehe oben, und was genau begrüßen heißt, steht da leider auch nicht. So ist es beispielsweise eine beliebte Praxis, die gesamte Hintergrund- und Entstehungsgeschichte der besagten Veranstaltung nocheinmal detailliert zu referieren, von den Anfängen 1972 bis zum heutigen Festtage, wo wir hier nun alle zusammensitzen. Nicht von einem Grußwortredner, sondern am liebsten von allen. Und nicht ohne den gerne gehörten Zusatz Mein Vorredner hat ja im Grunde schon alles gesagt (ein erleichtertes Seufzen geht durchs Publikum), aber lassen Sie mich trotzdem noch einmal (die Zuhörer sinken ermattet in sich zusammen) die Geschichte Revue passieren lassen. 

Je näher irgendwelche Wahlen rücken, desto beliebter werden übrigens bei einigen Grußwortrednern die Termine, bei denen sie Grußworte halten können. Das Wort wird ergriffen und nicht mehr losgelassen, da spannen sich die Bögen munter von der neuen Kläranlage im Dorf zu der hervorragenden/katastrophalen Umweltpolitik der guten/bösen Bundesregierung, da ist der sanierte Kindergarten nur einen Steinwurf entfernt von der verheerenden/großartigen Sozialpolitik des Landes und dem sinnvollen/sinnlosen Wahlprogramm der SPD/CDU/FDP/Bündnis90, da kommt man im einzuweihenden Dorfgemeinschaftshaus ganz schnell zu Wohl und Wehe der tollen/doofen Europapolitik, und aus dem vorbildlichen Offenstall für Milchkühe in einem 120-Seelen-Ort fliegen wir flugs über die weltweite Agrarpolitik Richtung Rußland und Amerika, zu Putin, Donald Trump und Co, und täglich grüßt das Murmeltier. Ich überspitze hier vielleicht ein bisschen, aber so in etwa müssen Sie sich das vorstellen.

Immerhin gibt es aber Vertreter, die nicht nur innovativ und ressourcenschonend, sondern auch im Sinne der Zuhörer aktiv werden, ich beobachte seit einiger Zeit so eine Art Grußwort-Sharing, vielleicht funktioniert es auch mit einem Rabatt-Märkchen-System oder mit Sammelalben, ich habe das noch nicht ganz begriffen, aber jedenfalls häufen sich die glücklichen Fälle, wo einer für mehrere spricht und damit die Grußwortrednerliste erheblich strafft, beispielsweise von acht auf fünf, oder so.

Und ich erinnere mich an den Landtagsabgeordneten, der bei einer besonders denkwürdigen Veranstaltung unter freiem Himmel und bei gefühlten 40 Grad im nicht vorhandenen Schatten als Zehnter oder Zwölfter – so genau erinnere ich mich nicht, ich war quasi im Hitze- und Grußwortdelirium, – an das Pult trat mit den Worten Ich soll hier ein Grußwort sprechen. Ich grüße Sie im Namen meiner Partei und wünsche Ihnen eine gute Veranstaltung!, und damit verließ er die Bühne wieder. Das Publikum schreckte wie vom Blitz getroffen aus der kollektiven Lethargie empor, klatschte und johlte und trampelte mit den Füßen auf den staubigen Boden wie entfesselt.

Vielleicht besteht ja also doch noch Hoffnung.

 

 

Landtypographie.

Schriftzüge, Schriftzeichen, Buchstaben und Schilder aus der ländlichen Region, es gibt hier jetzt mal eine kleine Serie aus all dem, was man unterwegs da noch so findet. Wenn man gezielt schaut, findet man noch etliches. Manches ist aber schon verschwunden oder nicht selten durch modisches 0815 ersetzt.

Die Idee zu dieser Serie habe ich natürlich nicht erfunden, ich habe sie abgeguckt, quasi als Gegenentwurf zu den wunderbaren Stadt-Typographie-Bildern, die man bei den Berliner Kollegen drüben bei twitter finden kann.