Des olle G’lump.

Wenn Sie mir etwas Gutes tun wollen, dann lassen Sie mich in Ihre alten Scheunen, in Keller, auf Dachböden oder verlassene Rumpelkammern. Ich liebe diese Orte sehr. Ich will da gar nicht neugierig herumkruschteln, gar nichts anfassen oder durcheinanderbringen. Einfach nur gucken und riechen und spüren. Und ein bisschen nachdenken über dies und das, über die Zeit und die Vergänglichkeit. Naja, Sie wissen schon.

Ich freue mich an solchen Orten sogar über huschende Mäuse, die ich sonst in geschlossenen Räumen eher nur so semigut finde. Ich betrachte fasziniert die unglaublichen filigranen Gebilde, die fleißige Spinnen seit Jahrzehnten ungestört weben. Ich denke darüber nach, wie viel Geschichte, wie viele Geschichten, wie viele Erinnerungen hier liegen und schlafen. Manche vielleicht für immer, manche nur vorübergehend.

Kaum wagt man, sie durch seine Anwesenheit zu stören. Manche würden vermutlich gar nicht geweckt werden wollen, aber andere würden vielleicht die tollsten Sachen berichten.

Und wie unterschiedlich die Dinge sind, die da in Kellern, Scheunen und auf Dachböden lagern – je nachdem, ob in der Stadt oder auf dem Land. Logisch, aber spannend.

Ich erinnere mich an den Keller des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin, mitten in der Großstadt. Ein ehemaliger Luftschutzkeller war das, es gab eine schwere Tür, die ich als Kind kaum aufstemmen konnte. Dahinter die Keller der einzelnen Mietparteien, kleine Verschläge hinter einer wackligen Tür aus staubigen Holzlatten.

Ich mochte den Geruch und ich schaute im Schein einer funzeligen Deckenlampe gerne durch die Holzstreben in die Keller der Nachbarn. Fahrräder standen da, mal ein alter Staubsauger, ausrangierte Koffer mit alten Aufklebern, die zerknittert abblätterten und von früheren Reisen erzählten. Es war immer ein bisschen unheimlich da unten, nicht der dunkle Keller, sondern eher dieses Gefühl, in das Leben eines anderen zu gucken. Vielleicht sogar in ein abgelegtes, eingestaubtes Leben.

Hier auf dem Land erlebe ich oft, dass Leute ihre Keller, ihre Dachböden ausräumen und das ganze alte G’lump dann fortschmeißen wollen. Mit all der Geschichte, die daran hängt, in jeder Schraube, in jedem Nagel, in jeder Tischplatte, in jedem Stuhl. Ich rette, was ich retten kann, und inzwischen wohnen in meinem Haus, Seit‘ an Seit‘ mit ein paar wenigen Design-Klassikern, nicht nur wundervolle Jugendstil und sonstwas-Stühle vom Sperrmüll, sondern auch zwei alte Schultische, Fensterrahmen und die Tür eines Klassenzimmers der ehemaligen Dorfschule.

Außerdem eine alte evangelische Kirchenbank aus der Nachbarschaft, die ich sehr liebe, obwohl man auf ihr so unbequem sitzt, wie’s schlimmer nicht geht. (Das liegt in der Natur der Sache). Unser Esstisch und zwei andere Tische standen bis in die 70er Jahre in einer Gastwirtschaft im hessischen Odenwald. Eine alte Fensterputzerleiter trägt heute brav die Töpfe in der Küche, eine andere Leiter dient als Bücherregal. Alles aus der Gegend, in der ich lebe, alles gerettet vor der Müllpresse, hinterhergeworfen bekommen von den ehemaligen Besitzern, die uns vermutlich für reichlich bekloppt hielten. Was will einer mit dem ollen Zeug?

Das olle Zeug hat jetzt ein neues Zuhause bekommen bei uns, mit all seinen Geschichten. Ich gehe natürlich davon aus, dass all die Stücke nur gute und schöne Geschichten zu erzählen haben, und dass sie sich jede Nacht heimlich und flüsternd untereinander austauschen und sich gegenseitig von ihren bisherigen Leben berichten. Der Tisch und die Stühle, und die alten Türen und die Schulbank.

Naja, Sie wissen schon.

P.S. Danke, dass ich in der Scheune fotografieren durfte. Und wenn Ihr die eines Tages ausräumt: an mich denken, gell, is klar.

1. FC Huhn.

Die Küken wachsen, da kann man glatt zugucken. Tun wir auch den lieben langen Tag. Was soll man denn sonst auch machen, an langen Wochenenden auf dem Lande. Naja, Sie wissen schon.

Mutti passt auf. Fragen Sie nicht nach Sonnenschein.
Der leise Verdacht: Das wird ein Hähnchen.

Drama, Baby!

Man wird ja wohl noch mal herumexperimentieren dürfen, wo man doch sowieso grade mit den Hunden und der Kamera unterwegs ist. Und wenn die ganze Weltpolitik schon ein Drama ist, dann darf es der Bildbearbeitungsfilter hinterher doch auch mal sein. So richtig fett.

Alle Bäume: Am Katzenbuckel.
Alle Ballen: bei Weisbach.

Dicke Bretter bohren.

Sie müssen jetzt ganz stark sein. Und ein bisschen ehrlich. Zumindest, wenn Sie auf dem Lande leben, in der vermeintlichen Provinz. Da ist es ja, – auch wenn dieses Blog hier gebetsmühlenartig das Gegenteil behauptet – nicht immer nur schön. Es gibt da auch eher un-schöne Ecken. Um es mal vorsichtig zu formulieren.

Es gibt in der vermeintlichen Provinz auch nachgeradezu grottenhässliche Ecken, und Orte, die immer unattraktiver werden. Dazu eine Infrastruktur, die nicht unbedingt besser wird. Demografischer Wandel, überalterte Gesellschaft, mühsam vor sich hinmurkelnde Vereinslandschaft, naja, das ganze Programm halt. (Ich sagte Ihnen ja, Sie müssen jetzt ganz stark sein, ich habe Sie gewarnt.)

Verfallene Bahnhöfe, aussterbende Ortskerne, leerstehende Gasthäuser. Postfiliale zu, Bankfiliale zu, Drogeriemarkt sowieso. Tante-Emma-Lädchen weg, Apotheke auch. Arztpraxis verwaist. Haustüren, durch die seit Jahren niemand mehr gegangen ist, und Fenster, die schwarz und stumm in die Gegend glotzen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Naja, Sie wissen schon.

Symbolbilder.

In vielen ländlichen Regionen ist das so. Und in vielen dieser Regionen beklagen die Firmen den Fachkräftemangel. Hä??, denken Sie jetzt vielleicht, was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? So hab ich auch gefragt. Und dann mal wieder fürs Leben gelernt. Gibt ja nix Schöneres als die tägliche Horizonterweiterung.

Also. Eigentlich ist es ganz einfach. Firma Knödelbutz sitzt zwar in der tiefsten vermeintlichen Provinz, ist aber Weltmarktführer. Oder Hidden Champion. Sagt man so auf gut Deutsch. Hidden Champion, bissl versteckt im Wald, aber super. Knödelbutz möchte eine Fachkraft für sich gewinnen, den Egon Mustermann aus Hamburg oder München. Alles passt, Arbeitgeber super, Egon super, Gehalt prima, neue berufliche Herausforderung bei einem Weltmarktführer, blablabla. Also ganz genau, was Egon sich so vorstellt.

Und dann fährt unser Egon nach dem Vorstellungsgespräch mal durch die Gegend, durch die vielen kleinen Dörfer. Ja, und was sieht er da? – Eben. Und wie soll er seiner Frau das beibringen? Schöner Wald und schöne Landschaft reicht ja leider nicht zum Leben.

Der Egon muss also entweder in seinem Herzen ein echter Abenteurer sein, oder ein Liebhaber der ländlichen Herausforderungen. Im schlimmsten Fall hat er sich das mit dem Job auf dem Lande so richtig urig-romantisch vorgestellt, wie aus einem oberbayerischen Urlaubskatalog. Und dann ist er enttäuscht und wird – Sie ahnen es – unserer lieben Firma Knödelbutz den Laufpass geben, sorry, der Job wäre ja super, aber hier lebennee, dann lieber doch nicht.

So. Und dann sucht die Firma Knödelbutz weiter nach Fachkräften, und sucht und sucht und findet nicht, und eines Tages geht die Firma deswegen den Bach runter, und dann meldet sie Insolvenz an, und dann entlässt sie alle Mitarbeiter, und Gewerbesteuer zahlt sie auch nicht mehr, und dann trifft es die ganze Region, und am Ende müssen wir alle sterben. Jetzt mal ganz verkürzt geschildert.

Wirtschaft ist der Motor für alles, sagt die Industrie- und Handelskammer hier bei uns im Kreis. Logisch, die müssen das so sagen, das ist ja nun ihr Job. Klingt ja auch plausibel. Heißt aber auch: Ohne lebenswertes Umfeld keine Fachkräfte, und ohne Fachkräfte keine vernünftige Wirtschaft, und ohne Wirtschaft keine Zukunft für die Region.

Das hieße dann aber auch: wenn ich nicht mehr in die Kneipe gehe, weil das Bier so teuer ist und überhaupt, wenn ich nicht im kleinen Supermärktchen einkaufe, weil die Butter und die Brötchen da teurer sind als beim Discounter 15 Kilometer weiter, wenn ich Omas altes Häuschen im Ortskern gegen ein Einfamilienhaus im Neubaugebiet eintausche und das alte Häuschen verfallen lasse, statt es (mit EU-Fördergeldern) schön zu restaurieren, wenn ich alles nur noch online kaufe und das Vereinsleben sowieso boykottiere, undsoweiterundsoweiter, naja, Sie wissen schon, – dann säge ich gleich an mehreren Ästen, auf denen ich doch eigentlich gemütlich sitzen wollte.

Dann arbeite ich nicht nur an der Verschlechterung der ländlichen Infrastruktur aktiv mit, sondern auch am Niedergang des Lebens- und Liebenswerten auf dem Lande. Und vergraule so auch die potentiellen Fachkräfte, mit deren Hilfe die Unternehmen hierzulande allerhand, und überhaupt die ganze Region, am Laufen halten.

Können Sie folgen? Ich brauchte ein paar Momente, bis mir das so richtig klar geworden ist, sowas dauert bei mir mitunter etwas länger. Aber inzwischen habe ich es doch begriffen. Vielleicht war Ihnen das ja alles auch längst klar, dieser Zusammenhang von Fachkräftemangel und Lebensumfeld.

Weil allein die ewiggleichen (und mitunter un-erhörten) Forderungen an die Politik nicht reichen, Ausbau von Straßen, besserer Mobilfunk, verbessertes ÖPNV-Angebot, das Übliche halt – weil alleine das nicht reicht, will die hiesige IHK jetzt eine Initiative starten und sich um eben dieses Lebensumfeld kümmern. All die zusammenbringen, die sich im Landkreis vor Ort einbringen und damit auch die Attraktivität der Dörfer stärken. In völlig unterschiedlichen Bereichen, die auf den ersten Blick weder etwas mit Wirtschaft und schon gar nichts mit Fachkräftemangel zu tun haben. Wir werden da dicke Bretter bohren müssen, sagt der IHK-Mann, und vermutlich spielt er da auf Leute wie mich an, die den Zusammenhang noch nie so recht gesehen haben.

Oder auf die Menschen, die keinen Bock haben – oder gar nicht auf die Idee kommen – , sich Gedanken zu machen, was man aus dem leerstehenden Lädchen, dem alten Kino oder der ehemaligen Kneipe machen könnte. Die sich in ihren eigenen vier Wänden gut eingerichtet haben. Die auch kein Vereinsleben brauchen. Denen es vielleicht wichtiger ist, aus Prinzip ein paar cent pro Einkauf zu sparen, als an die Zukunft ihres Dorfes zu denken. Oder gar an die Zukunft einer ganzen Region.

Wir müssen auch weg vom Kirchturm-Denken, sagt der IHK-Mann außerdem, weg vom Konkurrenz-Denken einzelner Ortschaften, von Neid und Missgunst mancher Bürgermeister. Größer denken, ganz einfach. Das wird vielleicht das dickste Brett.

Naja, Sie wissen schon.

Unterwegs.

Wohnen, wo andere Urlaub machen, und wandern, wenn andere arbeiten, ja so geht das hier im Odenwald mitunter. Wir genießen die vielleicht letzten sommerlichen Tage, die schon ein bisschen nach Herbst riechen. Morgens um 9 Uhr starten, und um 18 Uhr wieder zuhause ankommen, mit freiem Kopf und schweren Gliedern. Kurzurlaub zuhause.

Spätsommer.

Der Spätsommer hat nochmal richtig Gas gegeben, mit Temperaturen um die 30 Grad selbst hier in Badisch-Sibirien. Mein Geo als selbsternannter Italiener hat in den vergangenen 20 Jahren keine Chance ausgelassen, zu betonen, wie schlimm das Wetter im Odenwald für einen wie ihn ist, und wie wunderbar dagegen das italienische Klima. In diesem Jahr stöhnt sogar er. Zu heiß und viel zu trocken.

Sieht hübsch aus, ist aber verdorrt.

Den zwei riesigen Vogelbeerbäumen kann man quasi beim Verdursten zuschauen, die Esche murkelt vor sich hin, und das Apfelbäumchen lässt die Blätter hängen. In den Sommermonaten sammeln wir traditionell das Wasser, das in Küche- und Badezimmer-Waschbecken sonst ungenutzt davonfließt, wir fangen es in Bütten auf und schleppen es dann an die Bäume und Sträucher. Genutzt hat es wenig. Bis gar nichts.

Ich weigere mich, hektoliterweise Leitungswasser in den Boden rund um die Bäume zu gießen oder gar den Rasensprenger anzuschalten. Geiz und Nachhaltigkeitsgedanke gehen da vor. Frisches Leitungswasser bekommen nur die Hühner und die Spatzen.

Und ansonsten freue ich mich an den Farben des Spätsommers, am warmen Licht und der tiefstehenden Sonne. An den bald angenehmen Temperaturen. In der Hoffnung, dass es nicht übermorgen schlagartig Winter wird. Kann passieren. Weiß man hierzulande nie.

Spätsommer-Hündchen

Für das Hündchen übrigens ist es inzwischen nicht Spätsommer, sondern Herbst, das fiel mir dieser Tage so ein. Herbst des Lebens, naja, Sie wissen schon. 15 Jahre dürfte sie inzwischen sein, stocktaub und ein bisschen wirr im Kopf. Noch läuft sie mit über die Felder, und manchmal flitzt sie noch davon, wenn sie in der Ferne einen Hasen oder ein imaginiertes gefährliches Monster erblickt. Dann nimmt sie für fünfzig oder hundert Meter die allerletzten Kräfte zusammen und sprintet los, wie früher. Einst war sie die schnellste Maus von Mexiko, und daran scheint sie sich noch hin und wieder zu erinnern.

Manchmal sind das dann leider friedliche Spaziergänger, auf die sie zuspringt und die sie neuerdings für unheimliche Ungeheuer hält. Nur, damit Sie bescheid wissen, falls wir uns mal treffen da draußen. Ich kann sie ja leider nicht mehr abrufen. Das heißt, ich kann schon, ich kann brüllen, bis ich blau anlaufe, aber sie hört ja nix.

Also brülle ich dann die Spaziergänger an: Die tut nix, die will nur Ungeheuer töten!. Ähem. Aber keine Sorge: sie hat kaum noch Zähne. Außerdem lasse ich sie zumindest in unbekanntem Gelände nicht mehr von der Leine, zu oft ist sie mit ihrer Verwirrung und der Taubheit schon im Unterholz verloren gegangen.

Vielleicht hat auch ihr die Hitze der vergangenen Wochen zugesetzt. Sie frisst und schläft und schnarcht zum Gotterbarmen, und frisst und schläft und schnarcht. Und zwischendurch tippelt sie auf kurzen Spaziergängen über die Felder, und manchmal flitzt sie also los. Und ich wünsche mir, dass sie eines Tages bei so einem Sprint einfach tot umfällt, mitten in einem aufregenden Hunde-Abenteuer. Wenn ich Hund wäre, würde ich mir das jedenfalls sehr schön vorstellen. Der Tierarzt sagt aufmunternd, die hält noch ein Weilchen!. Wörtlich sagt er das, und dafür mag ich ihn sehr.

Auf der Durchreise.

Erst war ein lautes Platschen zu hören, dann waren ein paar Wellen zu sehen, dann trieb ein dickes großes pelziges Etwas übers Wasser. Bibi Biberinsky war zu Besuch am See. Auf Durchreise offenbar. Denn nach zwei Tagen war er wieder weg. Mein erster Biber in freier Wildbahn. Ich war ziemlich begeistert. Und bin es noch.

Der junge Freund wirkte ziemlich tiefenentspannt, selbst, als ich mit der Kamera am Ufer unterwegs war und mich dort unter allerlei halsbrecherischen Verrenkungen im Dickicht verstecken wollte – ohne gleich ins eiskalte Wasser zu fallen. Als alte Wildtier-Fotografin mit Safari-Erfahrung in Afrikas endlosen Weiten weiß ich ja, was in solchen Fällen zu tun ist. Naja, Sie wissen schon. Deswegen habe ich vermutlich seit vorgestern einen Monster-Hexenschuß, aber was tut man nicht alles. Und man wird ja auch nicht jünger.

Und Biberinsky hat mich natürlich trotz allem sofort gesehen, er wird sich seinen Teil gedacht haben und kam am Abend vermutlich vor lauter Lachen gar nicht in den Schlaf. Vielleicht kommt er vom Robener See, nicht weit von hier, da sind Himmel und Menschen und jede Menge freilaufende Hunde unterwegs, insofern dürfte er Kummer gewöhnt sein.

Auf diesem letzten Foto hier macht er immerhin gnädigerweise mal die Augen auf. Die meiste Zeit unserer Begegnung ließ er sich dösend übers Wasser treiben, Biber können offenbar im Schwimmen schlafen. Oder beim Schlafen schwimmen, was weiß denn ich. Es kommt mir jedenfalls als eine Art der Entspannung vor, die an heißen Tagen durchaus ihren Reiz haben könnte. Ich werde das im nächsten Sommer am See mal ausprobieren müssen.

Im Übrigen habe ich im Zuge meiner Recherchen zum Thema Biber unter anderem etwas ausgesprochen Bemerkenswertes gelernt: Biberbabies nämlich sind in den ersten Tagen und Wochen nicht nur extrem süß anzusehen, sondern auch so federleicht, dass sie wie Korken auf der Wasseroberfläche tanzen. Selbst, wenn Muttern sie aus pädagogischen Gründen unterzutauchen versucht, schnellen sie wie Tischtennisbälle, Plopp!!, an die Wasseroberfläche zurück und schunkeln da wieder etwas willenlos hin und her wie ein Fischerboot im Sturm. Sie lassen sich ums Verrecken weder untertauchen noch unterkriegen. Die Physik ist da auf ihrer Seite. Plopp!, schießen sie wieder in die Höhe. Ich finde das eine sehr lustige Vorstellung, und wann immer ich in Zukunft schlechte Laune zu bekommen drohe, werde ich genau daran denken. Plopp! Plopp!

Was schön war.

Ein paar Tage ganz ohne private Hiobsbotschaften. Und ohne Weltnachrichten. Und auch ohne Hiobsbotschaften aus den Weltnachrichten. Was für eine Erholung. Der viel gescholtene Rückzug ins Private. Wenigstens mal temporär.

Dafür die Natur genossen. Und das Dorfleben. Die unverhofften Küken bestaunt, einen Biber getroffen und einen Eisvogel gesehen. Einfach mal nur irgendwo sitzen und stundenlang stumm in die Gegend glotzen, das hat ja was. Ich vergesse das manchmal. Wie schön das war!

Und am Sonntag dann noch das Museumscafé. Wir haben da ja so ein schnuckeliges und gleichzeitig ziemlich anspruchsvolles Dorfmuseum im Nachbardorf, und ich bin ja überhaupt inzwischen ein großer Fan der Dorfmuseumskultur so allgemein.

Jedenfalls bieten wir da neuerdings zu den Öffnungs-Sonntagen Kaffee und Kuchen an. Und Torten. Fragen Sie nicht, Torten!, ich kann Ihnen sagen! Das alles natürlich zu günstigen Preisen, und alle Backerei und Rennerei ehrenamtlich, is ja Ehrensache. Und ein tolles Team sind wir da, die einen backen und spülen und servieren, und ich renne und führe schlaue Reden und kassiere. (Ja, lieber Herr Richter, Sie als mein ehemaliger Mathelehrer würden staunen: Ich schaffe es inzwischen, unfallfrei zwei Tassen Kaffee und zwei Stück Torte zusammenzurechnen und manchmal sogar das richtige Wechselgeld rauszugeben – Sie wären stolz auf mich. Die jährliche Fünf auf dem Zeugnis hin oder her!)

Natürlich stilecht: Omas altes Geschirr.

Sie sollten da also mal hinkommen. Die Leute kommen von sonstwo da hin. Gestern saßen da wieder Leute aus Heidelberg und Eberbach, aus Hirschhorn und vom Dilsberg. Ich meine: Halloooo? Aus Mosbach, Mudau, Muckental kommen Leute. Aus Buchen und Bronnacker. Alles schon gehabt. Die Leute aus dem Dörfchen selber, und die aus dem Nachbardörfchen, die kommen überraschenderweise eher nicht. Außer den üblichen paar Verdächtigen, die überall helfen, überall mit anpacken und auch das Museum unterstützen.

Isso!, sagt man mir. Aha, denke ich. Prophet im eigenen Land oder was? Undsoweiterundsoweiter. Vielleicht hat es auch mit jahrtausendealten Familien-Fehden oder Animositäten zu tun, das weiß ich ja im Odenwald nie ganz genau. Es gibt noch so Vieles, was ich offensichtlich lernen muss. Und darf. Und das ist dann doch auch wieder schön.

Das Dorfmuseum hat inzwischen übrigens sogar eine eigene Website, ja, da staunen Sie. Bitte, hier entlang: Klick! Da stehen auch immer die aktuellen Termine drin, falls Sie uns mal besuchen wollen. Am letzten Sonntag im September ist jetzt aber erstmal großes Museums-Fest, das muss ich aber erst noch auf die Website draufschreiben, bitte um Geduld. Ich muss erst noch Küken glotzen und Eisvögel, und vielleicht nochmal den Biber knipsen – und dann erst kann ich die Seite aktualisieren, also bitte.

1. FC Huhn.

Wir haben hier mal wieder etwas für die Mitglieder des 1. FC Huhn, also ein bisschen gepflegten Hühnchen-Content für die treuen Fans dieser Art von Tierberichterstattung. Eigentlich hätte die Überschrift lauten sollen Huch! Wo kommen denn die Küken her?, aber ich war mir nicht sicher, ob das nicht vielleicht meinem ansonsten untadeligen Ruf als kompetente Hühnerzüchterin schaden könnte.

Jedenfalls ging mein Gatte gestern abend noch zu den Hühnern in den Auslauf, sah zwei  Küken und rief Huch! Wo kommen denn die Küken her? Dann rief er mich, und ich rief Huch! Wo kommen denn die Küken her?

Die Windeln sind glücklicherweise schon von Geburt an dabei.

Wie dem auch sei:  wir hatten da seit Wochen mal wieder so eine bescheuerte besessene Glucke, die saß und saß, und unter ihr der Eierberg wuchs und wuchs. Alle Hennen legen traditionell ihre Eier dazu, es gibt ein großes Durcheinander und sieht aus wie in einer Berliner WG-Küche der Siebziger Jahre.  Aber üblicherweise kommt dabei ja nie etwas heraus, so ignorierten wir das Ganze einfach fachmännisch. Unser reinrassiger Hahn ist wunderschön und stolz und schrecklich eitel, aber beim Thema Familiengründung leider eine Niete. Wie im richtigen Leben. Naja, Sie wissen schon.

Nun war der Eierberg aber offenbar zu hoch und zu unbequem geworden, und aus zwei wider Erwarten befruchteten Eiern jeweils ein Küken geschlüpft, und so stand die Glucke nun also gestern auf, ging mit ihren Kindern an die frische Luft und erwischte uns damit sozusagen kalt. Den Hahn vermutlich auch. Der hat doch mit sowas nicht im Traum gerechnet!

Uns wird aber natürlich gleichzeitig ganz warm ums Herze.  Wir sind quasi schockverliebt. Kannste aber glauben.

Sonnenanbetung.
Fressen üben.

Nun verbringen wir das Wochenende also damit, erstens der Glucke zu verklickern, dass es nicht verkehrt wäre, mit den Küken abends in den Stall zu gehen. Fuchs und Marder undsoweiter, die sind doch gleich da, wenn Muttern mit den Kindern unterm Hühnerwagen schläft. Zweitens Kükenfutter herzustellen, eine geschredderte Matschmischung aus hartgekochten Eiern, Haferflocken, Brennnessel und Löwenzahn. Dazu Knoblauch und Oregano. Drittens überall im Gehege kükensichere Trink- und Futternäpfe zu verteilen – also Gefäße, die so flach sind, dass ein Küken weder metertief hineinstürzen und sich was brechen -, noch darin ertrinken kann. Ach, an was man alles denken muss. Aber besser daran als an das Elend dieser Welt. Naja, Sie wissen schon.