1. FC Huhn.

Es gibt ja so Autos, ältere Fahrzeuge zumeist, die haben einen durchaus speziellen Geruch. Eine olfaktorische Visitenkarte, gewissermaßen. Stellen Sie sich zum Beispiel die Kombination warmer Cheeseburger, abgestandener Zigarettenqualm und nasser Hund vor, dann kommen wir der Sache näher. Ein ätherisches Feuerwerk, das auch noch den letzten Riechkolben zur Explosion bringt. Manche Leute stehen ja auf sowas, oder sind schlichtweg zu faul zum Putzen und zum Lüften, und manch ein Beifahrer leidet stumm und blass und immer blässer.

Ja, auch bei mir im Auto leiden Beifahrer. Mal stumm, mal mit deutlich hörbaren Würgegeräuschen. Die Duftnote warmer Cheeseburger ist eher dezent, Zigarettenqualm vermeide ich aus Gründen der eigenen Psychohygiene. Trotzdem riecht es streng, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Wenn Beifahrer dann unauffällig nach dem Fensterheber tasten, während ihr Gesicht sich grünlich verfärbt, habe ich vollstes Verständnis. Und sage dann stolz zur Erklärung Wir sind hier auf dem Lande. In diesem Fahrzeug werden Hunde, Katzen, Ziegen und auch Hühner transportiert! Dagegen kann niemand etwas einwenden. Ich füge dann zumeist noch oberlehrerhaft hinzu, dass zumindest die Hunde ja stubenrein sind, dank meiner guten Erziehung. Aber Ziegen und Hühner und Katzen, die pullern auch schon mal beim Autofahren, um nur das Geringste zu nennen.

Was ich eigentlich sagen wollte: Wir haben ja neulich wieder neue Hühner und einen Hahn geholt, tief im hessischen Odenwald, bei einem Züchter. Wer keine Sorgen hat, der macht sich welche. Der Transport ins neue Heim war selbst für hartgesottene Nasen eine gewisse Herausforderung, die Hühner jammerten, maulten, pullerten und kackten quasi in einem fort, die Hunde im Kofferraum hechelten dazu vor lauter Aufregung heißen Hundeatem ins Auto, die Rückscheibe beschlug, und eine undefinierbare Flüssigkeit lief in Schlieren quer übers Glas, naja, Sie wissen schon. Nur, dass es am Ende nicht heißt, Sie hätten nix geahnt, bevor Sie zu mir ins Auto steigen.

Jedenfalls haben wir jetzt neue Hühner und einen Hahn, Australorps, falls Sie es genau wissen wollen, beste Rasse ever, und eine Mechelner Henne, auch was Feines. Die Mechelner gelten als vom Aussterben bedroht, da wurde wohl bei der regelmäßigen Zucht was versäumt, vielleicht sind sie auch einfach zu oft in Autos wie meinem transportiert worden, ach, was weiß denn ich. Jedenfalls sieht die Dame sehr apart aus und benimmt sich auch anständig, soweit man das bisher beurteilen kann.

Der Hahn übt noch ein bißchen. Hennen jagen, das konnte er gleich, nur mit dem Krähen hapert es noch, er reckt und streckt sich sehr beeindruckend, holt tief Luft und gibt dann ein etwas unklares Geräusch von sich, eine Mischung aus verrosteter Wasserpumpe und weinender Baby-Plastik-Puppe, made in Taiwan. Wir arbeiten dran.

Wir arbeiten nebenher auch an der Ziegenfrage, die sich schwierig entwickelt. Ich konnte jüngst mit Mühen eine Ehescheidung verhindern, die lieben Kleinen turnten wieder einmal ausserhalb ihres eigentlich Geheges herum und trieben meinen Geo damit in die schiere Verzweiflung. Ich oder die Ziegen!, wimmerte er entnervt, und ich entschied mich zunächst für einen Elektrozaun, der ist ja doch deutlich billiger als eine Ehescheidung.

Das Ziegengehege ist nun also eingezäunt wie Fort Knox, ein Entkommen kaum mehr möglich, hoffentlich. Auch die Ziegengeräusche, Musik in meinen Landfrauen-Ohren, gehen dem Gatten ganz erheblich auf die Nerven, hier denke ich über das unauffällige Implantieren von Oropax-Stöpseln nach, vielleicht beruhigt er sich dann wieder.

Und auch sonst ist eigentlich alles beim alten. Stay tuned!

 

 

 

12 von 12.

Zwölf Bilder am Zwölften eines Monats, bitte sehr, das wünscht sich die Frau mit den Kännchen, und hier kann man auch andrer Leuts 12von12 begucken. bei uns war das ganz und gar nix Aussergewöhnliches heute, ein bisschen Büroarbeit, ein schnelles Mittagessen, das den Namen kaum verdient hat, ein Termin, Büroarbeit, Hundekram, naja, Sie wissen schon.

Morgenrunde. Mit Lichtblick. Kann man ja brauchen in dieser Welt. 1/12

2/12

Bürotrichterhund. Hört nix, dank Trichter. 3/12

 

Icke. Höre alles, dank Technik. 4/12

 

Auf dem Weg zu wegweisenden Terminen. Gassi. 5/12

 

Immer regelmäßig zu Mittag essen, hat der Arzt empfohlen. 6/12

 

Große Ereignisse werfen ihre Dixies voraus. 7/12

 

Ja, so können Termine hier auch mal aussehen. 8/12

 

Ich geh ja schon wieder. 9/12

 

Zurück im Büro. Zimmer mit Aussicht. 10/12

 

Terrassen-Feierabend. 11/12

 

Und nur ein schlichtes, schnelles Essen, sagt der Gatte. 12/12

 

 

 

 

 

Das macht man halt so.

Da war vor vielen Jahren dieser nette Kollege mit dem wundervollen Namen Pius. Ich war neu hier auf dem Land und tat mich mit dem Eingewöhnen schwer, und er sagte Angekommen bist Du in der neuen Heimat, wenn Du das erste Mal auf eine Beerdigung gehst. 

Dass es dann ausgerechnet seine Beerdigung war, auf die ich ein paar Monate später ging, war wie eine bittere Ironie des Schicksals, aber jedenfalls denke ich seitdem bei jeder Beerdigung an Pius und seine Worte.

Ich bin wohl inzwischen angekommen, und ich war schon auf einigen Beerdigungen hier in der vermeintlichen Provinz. Vieles ist mir dabei immernoch fremd und neu. Die Tradition zum Beispiel, den Angehörigen ein bisschen Geld zu schenken. An der Kapelle ist unter dem Kondolenzbuch ein kleiner Briefkasten aufgehängt, dorthinein kommen die Umschläge mit Geldscheinen, und jeder bringt so einen Umschlag, wirklich jeder.

Das erste Mal wurde ich mit dieser Sitte konfrontiert, als im fernen Darmstadt meine Mutter gestorben war und ich die entsprechende Anzeige in die hiesige Zeitung gesetzt hatte. In den kommenden Tagen flatterten allerlei Odenwälder Beileidskarten ins Haus, und in vielen davon steckte ein großer oder kleinerer Geldschein.

Ich war befremdet, um es mal vorsichtig zu formulieren. Absolut befremdet. Meinten die Leute, ich könne alleine die Beerdigung nicht bezahlen? Kannten die meinen Kontostand? Sollte ich von dem Geld Blumen und Kränze mit den Namen der Spender bestellen? Sollte ich Tod und Trauer mit schnödem Mammon besiegen? Fragen über Fragen.

Es geht um ein Zeichen der Solidarität mit dem Trauerhaus, hat mir dieser Tage ein Odenwälder Freund gesagt, und er fügte dann die Sätze an, die ich doch eigentlich so grässlich finde. Das gehört sich halt so. Das haben wir schon immer so gemacht. 

Ein Symbolbild.

Also habe auch ich neulich zum ersten mal bei einer Beerdigung Geld in einen Umschlag – und den Umschlag in das kleine Briefkästchen unter dem Kondolenzbuch gesteckt. Das gehört sich halt so. 

Und so stand ich da auf dem Friedhof vor der Kapelle, und von allen Seiten strömten die Leute aus dem Dorf herbei, alte und junge, zu Fuß, mit dem Auto, dunkel gekleidet. Schweigend kamen immer mehr, der exakt geformte Halbkreis vor der vollbesetzten Kapelle wurde größer und größer, und fast sah es aus, als wollte er einen schützenden Bogen um die Trauerfamilie im Inneren der Kapelle bilden. Ich fand das ein sehr tröstliches Bild.

Wenn einer aus dem Ort gestorben ist, geht man zu der Beerdigung, das macht man halt so, das gehört sich halt so. Ob man ihn kannte, ob man ihn mochte, das scheint zweitrangig zu sein, es ist eine alte Tradition, und es hat etwas mit Respekt zu tun.

Manchmal höre ich Menschen über diese Tradition schimpfen – Menschen, die weggezogen sind aus ihrem Heimatdorf, raus in die Stadt. Wie verlogen das sei, sagen sie, wie aufgesetzt die Trauer. Dass manche aus reiner Neugierde kämen, die Tratsch- und Klatschtanten – und -onkel des Dorfes nur schauen wollten, wer da so kommt und wer nicht. Und wenn schon, denke ich mir. Die müssten dann selber damit klarkommen, wenn sie sich morgens im Spiegel angucken.

Und überhaupt dachte ich so vor mich hin bei dieser Beerdigung. Dass diese Sätze manchmal so verkehrt gar nicht sind: Das gehört sich einfach so. Das gehört sich nicht. Das macht man so. Das macht man nicht. Wenn es um Anstand, Respekt oder gute Erziehung geht. Oder um das, was zumindest ich darunter verstehe. Ich kann daran gar nichts Provinzielles finden. Im Gegenteil.

Aber vielleicht werde ich ja auch nur einfach alt.

 

 

 

 

WMDEDGT.

Es ist der Fünfte des Monats, und das ist traditionell der Tag, an dem die freundliche Nachbarbloggerin wissen will, was wir eigentlich so treiben, den lieben, langen Tag. Treue Leser kennen das, hier erfahren Sie mehr und können auch die anderen entsprechenden Beiträge nachlesen. Tagebuchbloggen nennt man das, und ich mache immer wieder gerne mit. Auch an so vergleichsweise unspektakulären Tagen wie heute.

Also, was mache ich den ganzen Tag, hier in der vermeintlichen Provinz? Ich stehe erstmal auf. Sie ja wohl auch. Dann Kaffee in dunkler Küche, ja, es ist wieder soweit, morgens, wenn der Wecker klingelt, ist es stockefinster in der Küche. Dem Hahn zuhören, dem neuen, der Gatte bestand darauf, also musste ein Hahn her. Die vorprogrammierten Konflikte mit der freundlichen Nachbarin wird er zu gegebener Zeit lösen, großes Ehrenwort.

Raus mit den Hunden, große Runde, am See die Forellen füttern und Grünzeugs für die Ziegen sammeln. Is klar. So macht man das als überzeugte Landpomeranze. Zuhause dann rasch Ziegenstall checken, Ziegen füttern, Hühnerstall checken, Hühner füttern, übellaunige Katze reinlassen und Katze füttern, zu guter Letzt die Hunde füttern. Soweit das mit den Hunden einfach so geht, Frau Lieselotte musste dieser Tage einen Teil ihrer Rute beim Tierarzt lassen und trägt seitdem ohne jede Anmut, ohne jeden Stolz, einen überdimensionierten Plastiktrichter auf dem Kopf.

Das sieht nicht nur behämmert aus, wie eine Mischung aus Buchemer Faschenacht und Weltraumhündin Laika (oder wie die hieß) am Weltraumbahnhof Baikonur, es ist auch behämmert, vorallem nervenaufreibend, weil das gute Tier im fünf-Sekunden-Takt bei jedem krachenden Andotzen des Trichters an einem x-beliebigen Möbelstück, einer Tür oder dem Fußboden hysterische An- und Ausfälle bekommt, ja, man gönnt sich ja sonst nix, morgens um Sieben. Da ist die Welt schon nicht mehr in Ordnung.

Dann Abfahrt ins Büro, mit dem betrichterten Hund auf der Rückbank. Der Hund glotzt hechelnd aus dem Fenster und ich denke mir, es ist vielleicht gar nicht so verkehrt, die Welt mal durch einen milchigen Plastiktrichter hindurch zu sehen, alles ist ein bisschen verschwommen, eine weichgezeichnete Traumlandschaft, wie weiland die Fotos von Herrn Hamilton, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, mit und ohne Grausen.

Weil aber das Leben einer Journalistin tief im Odenwald nicht immer weichgezeichnet ist, muß ich mich heute im Büro mal wieder auch mit unerfreulichen Dingen befassen, mit den allgegenwärtigen Mobilfunklöchern hierzulande beispielsweise, mit dem Kampf der kleinen Kommunalpolitiker gegen die Windmühlenflügel der großen Mobilfunkpolitik. Mit Apothekenrecht und einem Medikamentenversandhandel. Mit dem Wiederaufbau einer abgebrannten Flüchtlingsunterkunft. Damit, dass die Hälfte aller antelefonierten Gesprächspartner im Urlaub ist, während ich hier sitze und schwitze.

Zum Mittagessen gibt es unterwegs ein paar Pflaumen und Äpfel, frisch vom Baum gepflückt, das erfüllt zwar den Tatbestand des Mundraubs, ist aber lecker. Und außerdem hat mich ja niemand erwischt. Könnteste mit einem Arbeitsplatz in Berlin-Mitte ja ooch nich so einfach machen. Wa.

Am Nachmittag wieder sitzen und schwitzen und telefonieren und formulieren und Hörerfragen beantworten und Beiträge basteln und Post sichten und den Trichterhund bemitleiden, der sich vorwurfsvoll-stumm in sein Trichterschicksal fügt.

Schlußendlich Feierabend, zumindest so halb. Den Trichterhund zuhause abliefern, nach den Ziegen und den Hühnern schauen, einen Kaffee mit Geo, dem Göttergatten, trinken und mir von seinem Tag berichten lassen. Dann wieder los ins Städtchen, eine abendliche Ausstellungseröffnung im Bezirksmuseum Buchen. Ich bin gespannt.

Danach werde ich ins Bett fallen und dem knarzenden Trichterhund auf seiner Hundematte lauschen und von einer weichgezeichneten Welt träumen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 

 

 

Herbst.

Und plötzlich ist es Herbst. Zumindest fühlt es sich so an. Grau und verhangen, kühl und windig. Die Böen schütteln die Bäume und lassen die dicken Äste brechen, voll mit Äpfeln und Birnen. Überall liegen sie herum, die stummen Zeugen dieses Obst-Jahres. Selten habe ich die Bäume so voll hängen sehen wie in diesem Sommer.

Die Früchte kullern in den Straßengraben oder lassen sich direkt auf der Fahrbahn zu Mus verarbeiten, dicke, schmierige Teppiche aus Apfel- und Birnenmus breiten sich da aus. Manch einer sammelt das Obst, eine mühsame Arbeit, stundenlang gebückt und auf Knien, aber es bringt ein paar Euro bei der Saftpresserei im Nachbardorf, oder ein paar Dutzend Liter eigenen Saft.

Ich laufe mit den Hunden über die einsamen Felder, ich fahre durch die sonntäglich-verschlafenen Dörfer und versuche, mit dem Gegensatz zwischen dem himmlischen Frieden hier und dem aggressiven Geschrei und Gepöbel anderswo irgendwie klarzukommen.

Gar nicht so einfach. Naja, Sie wissen schon. 

 

 

Neues aus dem Irrenhaus.

Ziegen und Hühner tanzen uns weiterhin auf der Nase herum, sie machen, was sie wollen, sie gehen über Leichen Zäune, sie trampeln nieder, was sich in ihren Weg stellt, und immer wieder müssen wir sie aus Ecken des Grundstücks heraustreiben, in denen sie definitiv nichts zu suchen haben. Zumindest unserer Meinung nach.

Sie brechen also wieder und wieder aus dem wackligen Hochsicherheitsgehege aus, bleiben aber dennoch immer auf dem umzäunten Grundstück, viel kann da ja eigentlich demnach nicht passieren. Der Zaun zur Straße ist unüberwindbar, ehrlich, da käme nicht mal eine Bergziege drüber oder durch. Von flugunfähigen Hühnern ganz abgesehen.

Dennoch verfallen mein Geo und ich regelmäßig in eine hysterische Panik, sobald wir eine ausgebüxte Ziege oder ein ebensolches Huhn sehen. Nur, weil die dämlichen Drecksviecher mal jenseits des Gehegezaunes sind, und nicht diesseits. Oder umgekehrt, je nach Sichtweise und Perspektive. Der liebe Himmel weiß, warum, ich bin ansonsten eher unhysterisch unterwegs.

Mein Geo schreit dann durchs ganze Haus nach Hilfe, als stünde irgendwas in Flammen, ich renne panisch los, wir stürzen an die Ausbruchsstelle und versuchen wild fuchtelnd und hampelnd und schimpfend die Tiere wieder ins Gehege zu treiben. Dass ein solches Verhalten beim Umgang mit Tieren in der Regel kontraproduktiv ist, ja, das wissen wir, wir haben schließlich die entsprechende Fachliteratur inhaliert. Naja, Sie wissen schon. 

Aber heute habe ich fürs Leben gelernt.

Auf der Kreuzung im Dorf war Putenalarm. Ortskundige wissen genau, wo das war, es gibt im Dorf nämlich nur diese eine vereinsamte Kreuzung. Jedenfalls standen da am Morgen ein paar Puten herum, auf der noch verschlafenen Fahrbahn und daneben. Nachdem ich nun schon eine Weile hier lebe, ahnte ich sogleich, dass die da nicht hingehören, ich informierte die Chefin des Gasthauses an der Kreuzung, und die wiederum rief den Putenbesitzer an.

Ich stieg also aus dem Auto aus und betätigte mich als Putenpolizei, denn die lieben Tiere waren auf dem Weg Richtung Ortsausgang, und ich hielt das für keine gute Idee. Man kennt ja die Warnmeldungen im Radio, Vorsicht, freilaufende Tiere auf der A6, man kennt die Bilder von Massenkarambolagen und schlimmen Wildunfällen, also nein, so hübsch das im Nachbardorf auch sein mag, ich fand die Idee schlichtweg falsch.

So stand ich in gebührlichem Abstand als menschliches Durchgang-verboten!-Schild, der Puterich machte dicke Arme, senkte hin und wieder den Kopf und den schrumpelig-wackelnden Hals und gab merkwürdige Laute von sich.

Ich wartete also leicht angespannt auf die Ankunft der Putenbesitzer, ich sah vor meinem geistigen Auge Menschen mit hochrotem Kopf herbeirennen, völlig aufgelöst und verzweifelt ob der wandernden Puten.

Stattdessen näherte sich gemäßigten Schrittes ein Mann, er pflückte sich auf dem Weg einen Apfel und kaute genüsslich, er schlenderte zu den dicken Puten hin, ignorierte meinen lebensgefährlichen und aufopfernden Einsatz als Putendompteuse völlig und sprach nur einen einzigen Satz: Na, da seid Ihr aber heute weit gekommen! Und in seiner Stimme schwang eine gewisse Bewunderung für die Unternehmungslust seiner Tiere mit. Dann ging er hinter den Putenhaufen und dirigierte die watschelnden Vögel wortlos und mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen Richtung Zuhause.

Jetzt also habe ich meinen Star gefunden. Mein leuchtendes Vorbild. Ein toller Mann. So will ich auch sein. Sie werden hier also in Zukunft keine Neuigkeiten aus dem Irrenhaus mehr lesen. Weil es kein Irrenhaus mehr sein wird. Weil wir gelassen, ja, geradezu meditativ mit allem umgehen werden, was da so kommen möge. Wir werden uns doch nicht verrückt machen lassen, von ein paar nicht mal wirklich ausgebüxten Ziegen und Hühnern, also, ich bitte Sie. Das wäre doch gelacht.

So sei es und so bleibe es, bis in alle Ewigkeit, Amen.

 

 

 

Die Badehose.

Wenn Sie seinerzeit ein bisschen im Geschichtsunterricht aufgepasst hätten, im Gegensatz zu mir, dann wüssten Sie natürlich aus der Lameng, was es mit dem heutigen Datum auf sich hat. Wenn Ihr Geschichtsunterricht damals aber so stinkend langweilig war wie der meinige, dann habe ich natürlich vollstes Verständnis.

Jedenfalls wurde heute auf den Tag genau vor 99 Jahren Friedrich Ebert als 1. Reichspräsident der Weimarer Republik vereidigt, 1919 war das. Am allergleichen Tag gelangte auf verschlungenen Wegen – und das ist der eigentliche historische Kracher – ein Foto von eben jenem frisch vereidigten Reichspräsidenten in die Öffentlichkeit, das den Herrn Ebert schon ins Wanken brachte, noch bevor er seinen Job so richtig angetreten hatte.

Das Foto zeigt Ebert in der Badehose, knietief in der Ostsee, oben ohne und nicht so wirklich vorteilhaft, um es mal vorsichtig zu formulieren. Ein. Absoluter. Skandal. Noch nie hatten Staatsoberhäupter quasi blankgezogen, und noch nie hatten die Untertanen eine derart unglücklich sitzende nasse Badehose gesehen. Die kannten ja planschende Männer nur in züchtigen Badeanzügen, und Staatsoberhäupter überhaupt nur in schmucken Uniformen mit allerlei funkelndem Gebamsel dran.

Die präsidiale Badehose schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe. Sie wurde zum hochpolitisch-textilen Symbol aller Ebert-Feinde, die fortan bei jeder sich bietenden Gelegenheit bunte Badehosen schwenkten, sobald der Ebert auftrat. Die auch mediengeschichtlich wirklich spannende Story zu dem Foto können Sie zum Beispiel hier nachlesen, oder auch hier. Kommt einem alles bekannt vor, auch mit Blick aufs Heute.

Nun fragt sich der treue Leser nicht zu Unrecht, was diese Geschichte ausgerechnet auf einem Blog aus dem Odenwald zu suchen hat. Jahahaaaa, das werde ich Ihnen verraten. Ich habe da nämlich so meine These. Vorallem zu der immer noch ungeklärten Frage, was eigentlich aus der vielleicht berühmtesten Badehose der deutschen Geschichte – ach, was sage ich: der Weltgeschichte – geworden ist.

Dazu muss man wissen, dass der Ebert-Friedrich eine direkte Beziehung in den Odenwald hat, genauer gesagt, in unser Nachbardorf. Wie sich  ja eigentlich die Wurzeln aller wirklich wichtigen Menschen auf der Welt letztlich im Odenwald finden lassen, wenn man nur lange genug forscht. Bloss der blöde Trump, der kommt aus der Pfalz. Also, jedenfalls ist der Vater von Friedrich Ebert hier im Odenwäder Nachbardorf geboren, ein uneheliches Kind, man muss sich das mal vorstellen.

Es gibt da in Krumbach eine kleine Gedenkstätte, einen Schaukasten und einen Stein, an dem alle Jahre wieder ein paar versprengte Genossen mit roten Schals rote Blumen niederlegen, hoch oben im ansonsten eher schwarzen Odenwald.

 

So sah das bis 1935 aus.

Friedrichs Vater Karl wurde also in Krumbach geboren, als uneheliches Kind, und zog dann irgendwann nach Heidelberg, um sich dort als Schneider zu verdingen. Seine Frau stammte aus Neckargerach, das ist auch gar nicht weit von hier, und sie gebar ihm zahlreiche Kinder, eines davon eben der zukünftige Reichspräsident.

Friedrichs Vater Karl war zwar unehelich, wird aber auch seinerseits etliche Geschwister in Krumbach gehabt haben. Davon gehe ich jetzt einfach mal aus. Und die hatten ihrerseits Kinder, was dann wiederum die Cousins und Cousinen vom kleinen Friedrich Ebert wurden. Wenn Menschen im Odenwald irgendetwas in Hülle und Fülle haben, dann sind es seit jeher Cousins und Cousinen. Armer Landstrich hin oder her: in dieser Hinsicht sind die Odenwälder mehr als reich.

Nun wohne ich in einem Haus, das auf den Grundmauern eines Vorgängerbaus erbaut wurde, von einer gewissen Ottilie. Ottilie, geborene Ebert. Ein Gasthaus mit großem Garten und Gemüseacker. Angeblich war Ottilie auch eine Cousine von Reichspräsident Friedrich Ebert, irgendwer hat mir das mal erzählt, und ich glaube es gerne. Ja, ich behaupte sogar: sie war bestimmt, also ganz sicher, seine Lieblingscousine, und er hat ganz bestimmt auch oft im Vorgängerbau des Gasthauses gesessen und ist durch den Garten geschlendert. Genau so wird es gewesen sein, wann immer ihm sein Präsidentenamt eine kleine Auszeit erlaubt hat. Wir leben hier also aus sozialdemokratischer Sicht auf quasi geheiligtem Boden. Ich sags ja nur mal so.

Wenn wir nun also noch mal zurückkommen auf die bedeutsame Frage, was eigentlich aus der berühmtesten Badehose der Weltgeschichte geworden ist, dann könnte es auch Ihnen langsam dämmern. Was hätten wir denn anstelle vom Reichspräsidenten gemacht? Die vermaledeite Badehose im nächsten Sommerurlaub weiter getragen? Im Leben nicht. In einer Kommode im Präsidentenpalais aufbewahrt? Wohl kaum. Fluchend entsorgt, das gräßliche Stück? Schon eher. Aber wohin? In die Mülltonne vorm Reichstag? Da hätte der nächstbeste Paparazzo sie ja sofort hinausgefischt.

Sie ahnen, worauf ich hinaus will: Friedrich Ebert hat die Badehose eines Tages mitgenommen in den Odenwald. Und sie verbuddelt in Ottilies Garten. Dort, wo sie niemals jemand finden würde.

Außer mein Geo vielleicht. Der hat schon die tollsten Sachen aus dem Ebert’schen Gemüseacker hervorgeackert. Da wird sich nun also doch bitteschön eines Tages auch die olle Büx finden lassen. Die übergeben wir dann dem Haus der Geschichte in Bonn. Wenn sie da nicht längst schon liegt.

 

 

 

Der alte Pius.

Der alte Pius war eigentlich noch gar nicht so alt. Genau gesagt, war er noch ziemlich jung, damals, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, viel zu jung, um in den Kampf zu ziehen, aber danach fragte damals niemand. Und Pius hatte ja auch so etwas wie Glück. Er musste nicht an die Front, sondern nur nach Karlsruhe. Karlsruhe wiederum kann man nun finden, wie man will, auf jeden Fall war das sehr viel besser als ins Kriegsgebiet zu müssen.

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Pius also machte sich aus meinem Nachbardörfchen Wagenschwend auf nach Karlsruhe und diente dort irgendeinem Offizier. Die Jahre vergingen, Pius überstand all den Wahnsinn irgendwie und durfte eines Tages, 1918, wieder heim nach Wagenschwend. Der Rückweg wird sich ein bißchen hingezogen haben, damals gab es ja noch keine ICE-Verbindung zwischen Karlsruhe und Wagenschwend, die gibt es auch bis heute nicht, Pius wird Strecken zu Fuß zurückgelegt haben auf seinem Weg nach Hause, und einige Strecken auf rumpelnden Anhängern und vielleicht auch Strecken mit irgendeiner alten Bimmelbahn.

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Foto: Janett Lange/pixelio.de

Jedenfalls landete er zwischendurch für ein paar Stunden in Schwetzingen, und weil er nichts Besseres zu tun hatte und sich seines Lebens freute nach all dem Morden in Europa, ging er in den Schwetzinger Schlosspark. Es war Herbst, die Wege lagen voll mit Laub und mit Kastanien, und Pius sammelte zwei davon auf und steckte sie in seine Hosentasche.

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Zurück in seinem Heimatdorf verbuddelte er die beiden Kastanien in kleinen Töpfen, er hegte und pflegte sie, vielleicht war es seine Art, den Krieg mit all den Toten zu verarbeiten, neues Leben zu ermöglichen und die Hoffnung wieder aufzupäppeln. Die Kastanien gingen an, die Pflänzchen wuchsen und wuchsen. So groß wurden sie, dass Pius sie aus den Töpfchen in den Garten pflanzen konnte. Eines der Bäumchen schenkte er schließlich dem Nachbarn, mit ihm teilte er sich auch die große Wiese gegenüber vom Dorf, drüben an der Straße, die heute Mudau mit Waldbrunn und Eberbach verbindet.

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Und weil die Wiese riesig war und die Männer bei der Heuernte schutzlos in der prallen Sonne schuften mussten, beschlossen die beiden, die Kastanienbäumchen auf eben diese Wiese zu pflanzen, jeder seine auf seinen Teil des Grundstücks. So konnten sie bei der Arbeit zumindest manchmal Pausen im Schatten der Kastanien einlegen, die Bäume wuchsen und wuchsen und spendeten mehr und mehr Schatten, und Pius und sein Nachbar freuten sich an ihnen.

Den Schatten braucht auf dieser Wiese heute eigentlich niemand mehr, und Pius und sein Nachbar, sie sind beide lange tot. Aber die Bäume wachsen und wachsen noch immer. Und erzählen jedem, der zuhört, ihre Geschichte vom Ersten Weltkrieg und vom Schwetzinger Schlosspark, von den rostbraun-glänzenden Kastanien und der Hosentasche eines Odenwälders.

 

 

 

Falls Sie da noch nie waren, sollten Sie den Schwetzinger Schlosspark unbedingt besuchen, es lohnt sich. Wenn Sie da dann auch Kastanien sammeln und einpflanzen, sagen Sie bescheid, ich schreibe dann in 98 Jahren eine Geschichte hier im Blog darüber, versprochen.

 

Danke an Gerhard Schäfer, der mir die Geschichte von seinem Großvater Pius erzählt hat. Die Bäume kannte ich schon lange, die Geschichte dazu nicht.

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Diese Geschichte habe ich vor zwei Jahren hier veröffentlicht. Als ich heute über die abgemähten, verdorrten Wiesen gelaufen bin und in der Ferne die zwei riesigen Kastanien sah, habe ich mich an den alten Pius erinnert. Und an diesen Blog-Post, den ich deswegen heute einfach nochmal einstelle, für alle, die ihn noch nicht kennen.