Tabledance im Odenwald.

Der Freundin aus der kleinen Stadt fuhr der Schreck in die Glieder, gleichzeitig heiß und kalt wurde es ihr. So umschreibt man das ja immer, und ich stelle mir das bildhaft vor, wie ihr der kalte Schweiß ausbricht und sie ganz blass wird, außerdem steigert das an dieser Stelle hier die Spannung. Also bitte.

So. Wo war ich stehengeblieben: Ach so, also, sie zitterte wie Espenlaub, da am Küchentisch. Nie hatte ihr Mann sich irgendwas zu Schulden kommen lassen, niemals war er auch nur in den Verdacht oder gar in Versuchung geraten. Und jetzt war da diese Überweisung auf dem Kontoauszug, die Schlimmes ahnen ließ.

Zweiundsiebzig Euro achtunddreißig, überwiesen an eine Frau mit äußerst dubiosem Namen. Vermutlich ein schlechtes Pseudonym, ein zweideutiger gewollt-erotischer Künstlername, falls man da von Kunstwerk überhaupt sprechen will.

Hatte er sich heimlich mit einer aufgedonnerten Wasserstoffblonden getroffen, gegen Geld? War er gar beim Tabledance gewesen, in irgendso einer schummrigen Spelunke, wo klebrig-süßer Schaumwein als Champagner zu völlig überteuerten Preisen angeboten wird?

Aber wo in der Region gab es sowas überhaupt? Wir sind ja hier alle so gesehen äußerst anständig, was Tabledance ist, wissen eigentlich nur die versauten Städter. Und der Odenwald ist so klein, da ist Prostitution gar nicht erlaubt, ja, da staunen Sie. Das baden-württembergische Kommunalrecht ist da wirklich prüde.

Jedenfalls nahm die Freundin nach mehreren durchwachten Grübelnächten irgendwann die Kontoauszüge in die Hand und allen Mut zusammen. Hielt dem Gatten die Auszüge unter die Nase und fragte ganz scheinheilig Wer ist denn diese Penny Winterhauch? Der hast Du da ja ganz nett was bezahlt. 

 

Ja, sowas kann passieren. Am Ende haben alle herzlich gelacht, und die Freundin weiß nun auch endlich, wer oder was der Winterhauch ist: Die Gegend hier oben, rund um den Katzenbuckel, den höchsten Berg des Odenwaldes. Tabledance könnten Sie hier allenfalls am Steinernen Tisch zwischen Mülben und der Max-Wilhelms-Höhe machen, mitten im Wald, auf eiskalten, unebenen Steinblöcken und unter freiem Himmel, da erkälten sich aber alle Beteiligten, und außerdem ist das jetzt wieder eine andere Geschichte.

Ende gut, alles gut. Vermutlich hatte der Mann seiner Frau sogar Treuepunkte mit nach Hause gebracht. Wer zu Penny Winterhauch geht, kommt am Schluss eigentlich immer mit Treuepunkten wieder nach Hause zu Frau und Kindern, treu und brav.

 

 

Unbequem.

Ich beklage mich ja zwischendurch immer mal gerne über die Widrigkeiten, mit denen eine rasende Reporterin in der vermeintlichen Provinz konfrontiert ist. Die rast ja nicht nur dauernd herum, sondern sitzt auch manchmal herum, in einem ihrer badisch-sibirischen Büros, die ihrem Namen in dieser Jahreszeit mal wieder alle Ehre machen. Anstatt die Welt zu verbessern, friert sich die Reporterin den Allerwertesten ab und schreibt mit klammen Fingern an die jeweilige Hausverwaltung, ob sie nicht vielleicht die Heizung… ein paar Grad höher….also, nur so als Idee?

Außerdem zieht es manchmal wie Hechtsuppe, oder es ist zu heiß im Sommer, oder der Stuhl ist furchtbar unbequem; Sie sehen, es ist wirklich nicht so leicht hier draußen und zum Meckern findet man immer irgendwas.

Ich habe allerdings heute mittag in der Mittagspause, mit Blick ins weite Land und vorallem nach hoch oben,  beschlossen, nie wieder über die klitzekleinen Unannehmlichkeiten am Arbeitsplatz zu maulen. Ich bescheide mich und danke allen Beteiligten und dem lieben Herrn im Himmel für mein nettes kleines Büro.

Oberhalb Hettingen.

 

 

 

Im Vorbeifahren.

Sie kennen das. Auf dem Weg irgendwo hin, mit dem Auto, ja logo, wie denn sonst hier draussen?, also jedenfalls: während der Fahrt mehr oder weniger wahl- und willenlos aus dem Fenster knipsen. Das war heute zwischendurch sogar von einer gewissen Ästhetik geprägt, da draussen, aber bitte, sehen Sie selbst:

 

 

 

12 von 12.

Ach, die Zeit verrennt, und ehe man sichs versieht, ist schon wieder der Zwölfte eines Monats. Soll heißen: zwölf Bilder müssen heute her, die den Tag im Odenwald beschreiben. Ich könnte das verbal durchaus besser und schneller, es reichten drei Worte, hässlich, grässlich, ekelhaft, aber die Bloggerin mit den Kännchen will eben leider zwölf Bilder. Jammern Sie nicht beim Anblick, ich habe Sie gewarnt.

Auch das noch.

 

Mehr ist dem heute nicht hinzuzufügen.

 

 

 

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Verwirrend.

Ich erinnere mich an den alten Mann, der mal quasi im Vorbeigehen uns zuraun(z)te, halb vorwurfsvoll, halb fragend Man sieht Euch ja nie sonntags in der Kirche. Und ich darauf antwortete, laut und deutlich Doch. Bloß in der evangelischen. Er glotzte mich an, als habe er falsch verstanden oder den Leibhaftigen vor sich, was weiß denn ich.

Statistisch gesehen lebt in etlichen Gegenden hier im Landkreis ein Evangelischer pro Quadratkilometer, und es ist nicht immer leicht in der Diaspora, naja, Sie wissen schon.

Aber wir machen große Fortschritte, alle miteinander. So groß, dass es demnächst ein grandioses Chorkonzert geben wird, ein ökumenisches Projekt zum Lutherjahr, so richtig mit Tschingderassabumm und so. Die Idee kam von den Evangelischen im Dekanat, wegen der Reformation, na klar. Die Katholiken griffen das begeistert auf, auch wegen –  oder trotz  – der Reformation, ich habe keine Ahnung und leider zu wenig theologisches und kirchenhistorisches Fachwissen. Es ist verwirrend.

Jedenfalls proben wir jetzt seit Wochen wie besessen, Seite an Seite, wenn man so will, wobei das ökumenische Kräfteverhältnis auch etwas, nun ja, –  verwirrend geraten ist. Auf etwa 100 begeisterte katholische Chorsänger kommt ein Häuflein von um die 20 evangelischen Sängerinnen und Sängern, die nun zu 500 Jahre Reformation umso lauter singen müssen, um gehört zu werden. Sie kennen aus Kirchenkreisen vielleicht den Spruch vom Protestantischen Kampfsingen, dann wissen Sie ja, was ich meine.

Meinen akribischen Berechnungen nach müsste es tatsächlich mehr als 20 Evangelische im Landkreis geben, von denen manch einer auch singen kann. Wo die abgeblieben sind, das weiß der liebe Himmel.

Verwirrend auch – oder besonders ökumenisch, ach, was weiß denn ich -, allemal bemerkenswert jedenfalls auch der Umstand, dass wir zum Reformationsjubiläum ausgerechnet im Wimpina-Saal proben, benannt nach dem gleichnamigen Herrn Wimpina,  Der fromme Konrad wird hierzulande hoch verehrt und war nun aber nicht gerade das, was man einen Busenfreund vom Luther hätte nennen können, um es mal vorsichtig zu formulieren. Wenn der wüsste, was sich da in seinem Saal so abspielt, ökumene- und auch sangestechnisch, na, ich weiß ja nicht.

Und noch etwas verwirrt mich sehr. Im Wimpinasaal, in Konrads Untergeschoss quasi, da also, wo man zwischendurch mal hin muss, wenn die Probe all zu lange dauert.

Christus Mansionem Benedicat. Christus segne dieses Örtchen Haus. Caspar, Melchior und Balthasar waren offenbar im vergangenen Jahr hier, vielleicht mussten sie mal für kleine Könige, und bei der Gelegenheit haben sie gleich den Segensspruch angemalt. Nur an die Herrentoilette. Bei den benachbarten Damen: Fehlanzeige.

Was will uns das nun wieder sagen? Nach der Kirchenspaltung sind wir jetzt hier unten also bei den weiteren ganz großen Themen wie Geschlechterspaltung, Gleichberechtigung, Stellung der Frau in der Kirche, Patriarchat, undsoweiter, undsoweiter. Es ist alles wirklich sehr verwirrend.

Ach, wissen Sie was? Das Schlaueste wird sein, wir vergessen diesen ganzen Kram, evangelisch hin, katholisch her, gesegnete Toiletten hin, Männer und Frauen her, Wimpina hin, Luther her. Wir singen einfach ein grandioses Konzert und feiern hinterher ein rauschendes Fest, alle miteinander. So sei es, und so bleibe es, bis in alle Ewigkeit, Amen.

 

Und falls Sie zum Konzert kommen wollen, wozu ich Sie in schärfster Form einlade: Bitte hier entlang: Klick. 

 

 

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WMDEDGT.

Jeweils am Fünften eines Monats will die freundliche brüllende Nachbarbloggerin von uns wissen, was wir so den lieben langen Tag tun, Was machst Du eigentlich den ganzen Tag, kurz wmdedgt. Der Tag heute liesse sich an und für sich recht schnell beschreiben: nass geworden – getrocknet – nass geworden – getrocknet – nass geworden- getrocknet undsoweiter, undsoweiter.

Ich habe das mal kurz für Sie zusammengefasst, ich fummle da seit ein paar Tagen mit einer neuen App herum, die ich zwar noch nicht so ganz beherrsche, die aber eines Tages richtig Spaß machen könnte. Hier sind mal die ersten verkrumpelten Fingerübungen:

Zwischen Nasswerden und Trocknen rief das warme Bett in der Mittagszeit, so jämmerlich und durchdringend, dass ich fürchten musste, die Nachbarn würden sich über das Geschrei beschweren. Also habe ich mich schweren Herzens und mit schweren Gliedern hineingelegt, was soll man denn sonst machen. Naja, Sie wissen schon.

Und plötzlich ist es Abend, jetzt ruft eine Rehkeule, die im Ofen bei Freunden wartet, vielleicht hören Sie es auch? Jedenfalls müssen wir jetzt los. Schönen Tach noch.

 

Unterwegs.

Eigentlich wollte ich das Abendrot fotografieren, aber es hatte sich schon in die Dämmerung und hinter graue Schleierwolken verkrochen. Die kündigen angeblich den Schnee an, der ab dem Wochenende fallen soll, erst bis 1000 Meter Höhe, dann bis 600, und damit ziemlich nah an uns heran. Und nein, ich habe noch keine Winterreifen drauf.

Father and son. Ich liebe diesen Bullen.

Ja, unscharf. Das sehe ich selber.

 

 

Unterirdisch.

Ich hätte gleich stutzig werden sollen. Sie würde ja wirklich zu gerne diesen Reportagetermin mit den Wissenschaftlern der Heidelberger Universität wahrnehmen, den sie da neulich ausgemacht habe, sagt die Kollegin am Telefon. Aber leider, leider, nun passt es zeitlich nicht, es ist etwas dazwischengekommen, und  – ob ich nicht vielleicht? So als kollegiale Hilfeleistung?

Logo, kollegiale Hilfeleistung, da sind Sie bei mir eigentlich immer richtig, da sage ich immer zu, wenn es sich irgendwie einrichten lässt. Aber ich hätte vielleicht doch vorher fragen sollen, um was für einen Termin es sich eigentlich im Detail dreht.

Ja, da schreite ich noch zuversichtlich aus.  Alle Bilder: Florian Freundt.

Also, um es kurz zu machen: es geht mal wieder in die Höhle. Eine Begehung der nicht-begehbaren Höhle. Ich habe das vor Jahren schon einmal gemacht, der liebe Himmel weiß, warum, aber das können Sie jedenfalls am Ende dieses Beitrags nachlesen, es war ein reiner Horror. Aber ein lohnender Horror, ja, sowas kann es geben.

Dieser Tage nun also geht es wieder in die Höhle, erst quer durch den Steinbruch, vorbei an brüllenden 800-PS-Monstern, deren Reifen den Umfang von Einfamilienhäusern haben, und die Kies und Schotter hin- und herfahren. Weiter voran, durch unwegsames Gelände, riesige Kieshalden rauf und runter, frontal vor die Wand und dann dort in ein winziges Loch.

Ich begleite drei Wissenschaftler der Universität Heidelberg, die tief im Bauch des Berges Daten sammeln wollen. Und eines immerhin habe ich zweien davon voraus: Ich weiß, was auf mich zukommt.

Einsteigen, bitte!

Vor dem winzigen Spalt, der sich Höhleneingang nennt, hört man in der Ferne noch das Dröhnen des Steinbruchs, winzig klein sieht man die gigantischen LKW, die Fuhre um Fuhre gebrochene Steine davonfahren, ahnt tief unten das dumpfe Poltern der abgesprengten Felsstücke auf den kilometerlangen Förderbändern, die das Gelände durchschneiden. Bei meinem letzten Besuch in der Höhle war hier rundherum noch überall Berg, jetzt haben sich die Steinbrecher schon weit in die Landschaft hineingesprengt. Wie ein Solitär steht unser Berg vor uns in der nackten, zerschredderten Landschaft.

Wen wundert es da, dass er dichtmacht, dass er sich zu wehren scheint gegen den ungebetenen Besuch, gegen die Eindringlinge? Der Berg macht es uns nicht leicht, wir müssen auf die Knie, auf den Bauch, auf den Rücken, nur zentimeterweise geht es vorwärts, für die ersten 30 Meter brauchen wir knapp eine halbe Stunde.

Dabei wollen die Wissenschaftler nichts Böses, im Gegenteil. Sie wollen sich vom Berg, von der Höhle, Geschichten erzählen lassen, Geschichten, die ein paar Millionen Jahre alt sind, Geschichten, die sich hier in der tiefen Finsternis und in der absoluten Stille die Tropfsteine und die nassen Wände, die glitschigen Felsen und der zähe Schlamm seit Jahrmillionen gegenseitig erzählen.

Erst seit der Entdeckung der Höhle 2006 gibt es eine Handvoll Zuhörer. Leute wie den Umweltphysiker Tobias Kluge, der hier, im Bauch des Berges, Daten für die Klimaforschung sammelt. Alles hier unten erzählt ihm und seinen Kollegen, wie das Klima  in der Region vor 400. 000, vor 200.000 oder vor 100.000 Jahren war. Aktuelle Messdaten aus der Höhle sollen Rückschlüsse auf momentane und zukünftige Klimaveränderungen und deren Folgen ermöglichen.

Kluge kennt die Höhle schon von einigen Besuchen, vieles hat sie ihm schon erzählt. Die beiden anderen Wissenschaftler quälen sich in einer Mischung aus stummer Begeisterung und Ehrfurcht erstmals durch Schlamm und Dunkelheit.

Bei mir kommt zu Begeisterung und Ehrfurcht die Angst dazu, die Angst vor der Angst, vor der Panik. Vor der Höhle, den Felsen, dem knietiefen Schlamm und der Finsternis habe ich keine Angst, so gesehen fühlt es sich hier im Erd-Inneren sehr viel sicherer an als da draußen in der lauten, bröckelnden Welt des Steinbruchs.

Die gedämpften Stimmen, das konzentrierte Arbeiten, als man am Ziel endlich halbwegs aufrecht stehen kann, die zwangsläufig zeitlupenartigen Bewegungen tun ein Übriges. Eigentlich, ja eigentlich ist das hier ein ganz wunderbarer Ort, will mir plötzlich scheinen, ein stiller, ungestörter und urtümlicher Platz, fernab von allem, unerreichbar für alles.

Die Erde macht hier unten, was sie seit Jahrmillionen macht, in aller Ruhe und in absoluter Stille, unterbrochen nur vom Tropfen des Wassers hier und da. Sie schert sich einen feuchten Kehricht um all die, die da oben auf ihr herumrennen, herumfahren, toben, wüten, bauen, zerstören, hassen, lieben, lachen, weinen, seit tausenden von Jahren.

Auf dem beschwerlichen Rückweg entdecken wir im Schein der Stirnlampen die Hinterlassenschaften eines Fuchses und seine Pfotenabdrücke im lehmigen Schlamm. Zu Fressen findet der hier nichts, aber vielleicht kommt er einfach manchmal hierher, um die Stille zu genießen, die Abgeschiedenheit, das Sein und das Werden.

Ich sollte das auch öfter machen, denke ich beim Herauskriechen. Wenn es nur nicht so furchtbar unbequem wäre. Und wenn die Welt da draußen nicht hinterher umso lauter erschiene.

 

 

 

Die großartigen Bilder in der Höhle hat Florian Freundt gemacht, der ist zwar eigentlich Wissenschaftler an der Heidelberger Uni, aber nebenher Fotograf. Und was für einer, klick: hier geht es zu seiner Website. Wenn Sie also mal Fotos von Ihrer Hochzeit brauchen, oder Fotos bei Ihrem nächsten Ausflug in eine unbegehbare Höhle, dann sollte er der Fotograf der Wahl sein. 

Der freundliche Herr Freundt ausnahmsweise ohne Kamera.