1. FC Huhn.

Ostern hat ja was mit Eiern zu tun, und Eier was mit Hühnern. Eher weniger mit Hasen. Ja, da staunen Sie. Wie dem auch sei, es ist Zeit mal wieder für einen kleinen Beitrag für die Mitglieder des 1. FC Huhn.

Wir haben da mal wieder eine Henne, die sitzt und sitzt und sitzt. Kurz vor Ostern hat sie sich entschieden, einen auf Glucke zu machen, und nun sitzt und sitzt und sitzt sie. Und kreischt und hackt wie eine Furie, wenn man ihr zu nahe kommt, Hilfe!! Kindesentführung! kreischt sie und breitet die Flügel über dem Nest aus, macht dicke Backen und hackt und flucht. Deswegen musste ich beim Fotografieren in der Dämmerung auch einen Sicherheitsabstand einhalten und schnell sein, ganz schnell.

Jedenfalls hat mich das Gesitze und Gekreische mal wieder philosophisch werden lassen, was soll man sonst auch tun an all den vielen freien Tagen. Es ist ja nicht so, dass die Henne sich auf ihren Nachwuchs freut, nein, so wirkt das ganz und gar nicht. Eher scheint ihr das ganze über den Kopf zu wachsen, die Sorgen, die Angst, ach, die gesamte Zukunftsfrage. Das ganze Eierthema ist problembehaftet.

Und das Allerschlimmste: Die übellaunige Henne kreischt und flucht und hackt, obwohl da gar nichts ist. Unter ihr. Bloß ein Gips-Ei vom Raiffeisen. Sie macht also wegen einem einzigen dämlichen Gipsei die ganze Welt kirre mit ihrer schlechten Laune, sie grübelt über die unsichere Zukunft mit all den putzigen aber bedürftigen Küken, sie macht sich Sorgen wegen allem, was man sich so ausdenkt, wenn man Huhn ist und schlechte Laune hat, wegen Milbenbefall und Kalkbeinen, wegen Kropfverstopfung oder Durchfall, wegen zuviel Sonne oder zuviel Regen. Und nebenbei fragt sie sich bang, ob JoHahn überhaupt ein guter Vater wird.

Sie frißt nicht, sie trinkt nicht, sie sitzt im dunklen Stall und grübelt. Und geht allen auf die Nerven.

Dabei müsste sie ja nur ein einziges Mal kurz aufstehen und unter sich blicken. Da würde sie aber schön dumm aus der Wäsche gucken. Alle Sorgen umsonst gemacht, alles Gekreische und Gemaule und Gehacke, alle düsteren Vorahnungen, alles für den Popo. Kein Grund zur Aufregung, kein Anlass zur Sorge. Sie könnte dann das Gips-Ei betrachten und es als solches erkennen, als Gips-Gedöns. Das mag im ersten Moment eine Enttäuschung sein, würde die Stimmung mittel- und langfristig aber deutlich entspannen.

Du dämliches Vieh!, möchte ich ihr zurufen, nun steh doch ein einziges Mal auf, dreh Dich um, blick hinter Dich! Hör auf mit dem problemorientierten Gezeter und Gekreische. Wegen nix.

Ach, das Leben könnte so einfach und harmonisch sein. Ja, nicht nur, wenn man Huhn ist. Aber auf mich hört ja wieder niemand.

Klappern gehört zu Ostern.

Am Karfreitag und am Karsamstag stehen sie um Viertel vor Fünf auf, sagen die Teenies. Ganz lässig. Ist doch logo. Und wieso? Weil es halt Tradition ist. Ganz einfach. So dämlich fragen können halt nur Zugereiste. Und wahrscheinlich auch nur Evangelische. Und die fallen dann auch an den beiden Tagen ab halb Sechs aus dem Bett. Geweckt vom ohrenbetäubenden Krach der hölzernen Ratschen und vom stimmbrüchigen Gesang der Jugendlichen.

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Die Klapperbuben sind unterwegs. Klapperbuben und Klappermädchen. Karfreitag und Karsamstag, ab dem Morgengrauen. Nur ganz selten gibt es diesen Brauch noch hierzulande, aber in unserem Dorf lebt er noch.

Wenn schon die Kirchenglocken drüben am Kloster schweigen, muß ein anderes Geräusch her, um die Gläubigen an Andachtszeiten und Gebetsstunden zu erinnern. Morgens, mittags, abends. Seit Jahrhunderten geht das so, und seit Jahrhunderten beklagt sich vermutlich kein Teenie, daß er zu nachtschlafender Zeit durch den stillen Ort schlurfen, singen und Krach machen muß, selbst wenn die Party vom Vorabend einem noch in den Knochen steckt. Ist halt eine Tradition.

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Am Karfreitag wird nur geklappert und gesungen, am Karsamstag dann auch geklingelt und gesammelt. Geldspenden und – noch viel wichtiger – Süßkram. Abtransportiert wird die fromme Beute in einem alten Bollerwagen. Die Heiligen Drei Könige kommen vielerorts schon mit eleganten schwarzen Samsonite-Rollkoffern, die Klapperbuben bevorzugen offenbar das traditionsreiche Gefährt, das selber schon ein bißchen klapperig daherkommt.

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Die ganze Dorfjugend, sonst eher unsichtbar,  ist auf den Beinen. Und am Ostersonntag und am Ostermontag steht ein Gutteil von ihnen als Ministranten wieder in der Kirche. Ausschlafen und Ferienfeeling ist anders.

Ist halt Tradition. So blöd fragen kann wahrscheinlich wirklich nur ein Zugereister.

Dieser Beitrag ist aus dem Archiv. An der Tradition hat sich nichts geändert. Deswegen heute nochmal. 

Unterwegs.

Ich war mal wieder in der großen Stadt. So semi-privat und semi-beruflich. Falls es Sie interessiert, was ich da beruflich so mache, können Sie hier mal reinklicken und hören, das gilt insbesondere für den Freundeskreis Unterhaltsame Wissenschaftskommunikation oder wie der sich nennen mag.

Auf jeden Fall war das wieder ausgesprochen nett, die Arbeit, das Private. Das inzwischen nahezu 90jährige Tantchen schleppt mich im Affenzahn durch die Hauptstadt, dass ich kaum hinterher komme, sie führt mich durch Museen und lässt mich Rolltreppen fahren, weil sie weiß, dass ich als Landpomeranze da einen gewissen Nachholbedarf habe. Und zwischendurch hangeln wir uns für das Tantchen von einem Rauchercafé ins nächste, sodass ich bereits nach wenigen Stunden Berlin vermutlich rieche wie ein überfüllter Aschenbecher. Aber was tut mal nicht alles.

Erstaunlicherweise fühle ich mich ausgesprochen wohl in der vollen, lauten und dreckigen Stadt, die fast 25 Jahre meine Heimat war, ich wundere mich selber. Falls Sie da dieser Tage mal sind, darf ich Ihnen eine (Klick!) Fotoausstellung sehr ans Herz legen. Im ehemaligen Amerika-Haus habe ich eine weitere Fotoausstellung angeguckt, durchaus auch sehenswert, aber mit hohem schlechte-Laune-bis-Depressions-Faktor. Muss ja nicht immer alles Spaß machen.

Ansonsten ziehe ich mir genüsslich den Lärm der rastlosen Stadt rein, wohl wissend, dass ich gleich wieder in der wunderbaren endlosen Stille bin. Und denke über diese Kuhglockengeschichte nach, zwei zugezogene Städter prozessieren seit Jahren mit einer bayerischen Bäuerin wegen Kuhglockenläuten. Ja gut. Ich kenne viele solcher Geschichten. Kennt irgendwer die umgekehrte Variante: den Dörfler, der in die große Stadt zieht, mitten ins Berliner Zentrum meinetwegen, und dann rechtlich gegen Autolärm, Kneipen oder Feuerwehrsirenen vorgeht?

Hm. Es bleibt kompliziert.

Ruhestatt.

Man kommt zu nix, wenn man Urlaub macht, es ist zum Haare-raufen. Ewiges Faulenzen, in der Sonne sitzen, gut essen, den Vögelein beim Zwitschern zuhören, den Bienen beim Summen, ja – so ein Urlaub ist schon stressig. Deswegen war hier auch Ruhe satt, so blogmäßig.

Aber wie kriege ich jetzt den literarischen Bogen von Ruhe satt zu Ruhestatt?, jahahahaaa, da staunen Sie, das ist ja gar nicht schwer. Wir haben natürlich nicht nur gefaulenzt im Urlaub, wir waren auch touristisch unterwegs. Und weil wir das mitunter ein bisschen anders touristisch machen als andere Touristen, zieht es uns auch in den Vogesen und im Elsaß immer mal wieder auf Friedhöfe. Gibts genug davon, und ein Gutteil sind Soldatenfriedhöfe. 20. Jahrhundert, Geschichte undsoweiter, naja, Sie wissen schon.

In diesem Fall stießen wir durch Zufall auf einen amerikanischen Soldatenfriedhof, davon gebe es weltweit überhaupt nur 25 Stück, lese ich mit Staunen in einem kleinen Faltblättchen. Der hier, bei Epinal, wirkt so gigantisch groß auf mich, dass es mir schier den Atem nimmt. 5251 Gräber sind hier, 5251 weiße Steinkreuze für 5251 Jims und Bobs und Johns und Montgomerys und wie sie alle hießen, die jungen Männer aus Texas und aus Arkansas, aus Minnesota und New York.

Junge Burschen, die sich zwischendurch gefragt haben werden, warum sie den Kopf hinhalten müssen, weil ein Größenwahnsinniger von Deutschland aus im fernen Europa sein blutiges Unwesen trieb. Der Glanz ihrer Taten wird niemals vergessen, heißt es in dem kleinen Faltblatt pathetisch, und irgendwie möchte ich mit den Zähnen knirschen und gleichzeitig auch dankbar sein. Es ist kompliziert.

Die US-Regierung jedenfalls hegt und pflegt diesen riesigen Soldatenfriedhof mitten im Nirgendwo der Hochvogesen, vor uns, neben uns und hinter uns brummen vier Männer auf Rasentraktoren nach einer ungeschriebenen Choreographie durchs Gelände, einer harkt, einer kehrt, einer wässert mit feinem Gerät ein Stück vornehmen Rasen. Ein anderer stutzt die Rhododendronbüsche und die japanischen Kirschen, er arbeitet akkurat wie ein Friseur, er schneidet und schaut, schneidet, tritt einen Schritt zurück und nimmt Augenmaß, schneidet hier ein bisschen, korrigiert da. Alles zu Ehren der toten Soldaten. Und für die amerikanischen Angehörigen, die immer wieder hier herkommen, um ein Grab zu besuchen, ein paar Blümchen dazulassen.

Zurück zuhause, stelle ich fest, dass ich hier in der Region gar keine Soldatenfriedhöfe kenne. Was ich kenne, sind die Kriegerdenkmäler aus den vergangenen Kriegen. 1870/71, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg. Bald in jedem Dorf findet man sie, mal mehr, mal weniger aufwändig gestaltet und gemeißelt, und oft finden sich auf jedem Denkmal, für jeden Krieg, immer wieder die selben Familiennamen, wieder und wieder. Da haben Frauen ihre Väter, Männer und Söhne verloren, ihre Großväter und Onkel, über die Jahrzehnte hinweg, halbe Ahnenreihen. Ein Albtraum.

Auch auf unserem Friedhof steht ein solches Kriegerdenkmal, auch hier immer wieder die gleichen Namen, solche, die bis heute zum Dorf gehören. Ich denke darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre (vielleicht wird es längst gemacht), wenn Kinder oder Jugendliche einmal in ihrer Schullaufbahn eine Exkursion zu den dorf-eigenen Denkmälern unternehmen würden, mit einem Geschichtslehrer. Zu all diesen bekannten, vertrauten Namen, die da in den Stein gehauen sind. Jedes der Kinder würde jemanden kennen, der mit diesem oder jenem auf dem Stein verwandt gewesen ist. Und dann könnte man nochmal ganz neu, ganz un-theoretisch, nachdenken über Hass und Krieg und Mord, über Nationalismus im schlechtesten Sinne.

P.S. Ich käme zu einer solchen Exkursion sofort mit dazu. Nicht zuletzt, um zu erfahren, wieso eigentlich auf dem inzwischen bald übervollen Kriegerdenkmal auch die Pfarrer offenbar begraben sind. Und der Ordensfrauen gedacht wird. Was haben die mit Krieg zu tun? „Des war scho immer so“, erklärt mir eine Friedhofsbesucherin mit wissendem Kopfnicken, das ist soetwas wie die hiesige Generalantwort auf derlei Fragen. Hm. Sind die auch für Volk und Vaterland gestorben? Gotteskrieger im Heiligen Kampfe? Nein, nein, nein, es muß einen anderen Grund haben, einen, der bis heute gültig ist, denn es liegt sogar eine ganz schicke moderne Metallplatte da, die dem Besucher glänzend ins Auge sticht, zwischen all den ehrwürdigen alten Steinen, die war mir bis eben unbekannt.

Und warum kommen soviele der Dorffriedhöfe völlig baum-los daher, ohne schattige Plätze zum Sitzen, Denken und Erinnern? Wieviele Stunden habe ich schon auf Bänken unter Bäumen auf parkähnlichen Friedhöfen verbracht, in Berlin, in Köln und Freiburg. Ach, Fragen über Fragen. Und a propos Freiburg: wenn Sie da mal sind, sollten Sie den alten Friedhof in Herdern besuchen. Und besonders die schlafende Schöne, in die ich schon als Kind verliebt war. Einer der schönsten Orte der Welt, wenn Sie mich fragen. Aber mich fragt ja wieder keiner.

Allzeit gute Fahrt.

Ich habe heute im Unterholz ein Motorrad gefunden. Das heißt, in Wirklichkeit kenne ich es schon eine Weile, aber in den vergangenen Jahren lag es unfotogen auf der Erde, halb bedeckt mit Laub und Ästen. Jetzt plötzlich steht es wieder aufrecht, so weit man aufrecht stehen kann, wenn man ein Motorrad ist und seit 1945 da im Wald herummacht.

Ich habe natürlich auch geschaut, ob der Besitzer des Vehikels da auch noch irgendwo rumliegt. Den hätte ich dann ein bisschen ausfragen wollen, was es mit der Maschine auf sich hat, wo sie einst gefahren ist, und wieso sie im Wald abgestellt wurde. Habe aber nichts gefunden. Naja, vielleicht gucke ich die Tage nochmal genauer. Ähem.

Der Kapitän.

Wir waren plötzlich alle überflüssig, sagt Bernd Raudenbusch und guckt Richtung Brücke, die Fähre, das Fährboot, die Fährmänner, wir waren alle überflüssig. Seit die Brücke da ist, braucht keiner mehr die Fähre, das Fährboot, den Fährmann. Und meiner Frau war ich zuhause auch im Weg. 

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Die traditionsreiche, uralte Fähre haben sie abgeholt, die Fährmänner nach Hause geschickt, als die Brücke endlich fertig war. Aber Bernd Raudenbusch wollte nicht nach Hause, bloß Garten, das ist doch zuwenig, ich brauche das Wasser, den Fluß. Mit dem Neckar ist er großgeworden, der Vater, der Großvater, alle waren sie Schiffer, und natürlich ging auch der Bernd irgendwann auf den Fluß und verdiente sein Geld mit Transporten. Hundert Meter lang das Schiff, 2000 Tonnen, Rotterdam-Budapest und zurück, jahrelang.

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Der Kapitän wurde älter, die Schiffe wurden irgendwann kleiner, und als Raudenbusch dann in Pension ging, da heuerte er auf der alten Hassmersheimer Fähre an. Mein altes Mädchen, sagt er, sie hatte oft Probleme, irgendwas war dauernd los, mal riß die Kette, mal war Hochwasser, irgendeine Katastrophe war ja immer, sagt er lachend, mit meinem alten Mädchen. Dann musste als Ersatz das Fährboot ran, die Patriot, die Leute mussten schließlich irgendwie zum Bahnhof am anderen Ufer, morgens hin und abends wieder heim.

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Als dann die Brücke kam und alle überflüssig wurden, als sie die alte Fähre holten, da machte Raudenbusch mit der Gemeinde einen Deal. Bloß nicht nur zuhause rumsitzen. Er brachte das kleine Fährboot auf Vordermann, die Patriot, er mietete es von der Gemeinde und bietet es jetzt als Ausflugsdampfer an. Ausflugsdampferchen, neun Meter lang, drei Meter breit.

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Jetzt schippern Raudenbusch und seine Frau über den Neckar, ein paar Kilometer hin und ein paar wieder zurück, von einer Schleuse zur anderen. Vorbei an Burg Hornberg und Burg Guttenberg, rauf nach Gundelsheim und runter bis zur Schleuse Neckarzimmern.

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Der Dieselmotor brummt, aus dem Funkgerät quäken die Nachrichten der Schiffe in der Nähe, vorne taucht ein riesiges Containerschiff auf, hinten kommt bedrohlich schnell ein Schubverband. Raudenbusch steuert die kleine Patriot Richtung Ufer, Richtung Gebüsch, die Wellen schlagen hoch und lassen das alte Fährboot auf dem Wasser tanzen. Nein, Angst macht ihm das nicht, man hat ja das Geschäft gelernt in all den Jahren. Und wehmütig, wenn die gigantischen Kähne vorüberziehen, nach Rotterdam, nach Budapest? Wenn sie ihn auf die Seite drängen, mit wilden Bugwellen und mit der Arroganz des Stärkeren? Auch nicht, es ist halt so. Und Binnenschifferei, das war ja auch nicht immer nur Vergnügen, das war auch immer mächtig Streß.  

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Mag sein, daß mancher ihn vielleicht belächelt hat am Anfang, den alten Käpt’n mit der spleenigen Idee. Das olle Fährboot als Ausflugsschiff, ausgerechnet hier, in dieser Gegend. Aber das Geschäft brummt wie der alte Dieselmotor, Vereine mieten oft die kleine Patriot für Rundfahrten, Geburtstags- oder Hochzeitsgesellschaften, Damenkaffeekränzchen, Kindergruppen. Man kann sich auch irgendwo hinbringen- und Stunden später wieder abholen lassen, Bernd Raudenbusch ist da flexibel. An Bord gibt es Getränke aus der Kühlbox, aber die Leute dürfen sich zur Not auch etwas selber mitbringen, sagt er, wir sind da ja nicht so. So sehr brummt das Geschäft, daß Raudenbusch und seine Frau in der kommenden Saison zwei Ruhetage planen, das hätten wir am Anfang auch nicht gedacht, daß sowas nötig sein würde, aber wir werden schließlich auch nicht jünger. 

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Nach einer Stunde Fahrt legt Raudenbusch am Ufer an, zuhause in Hassmersheim, da, wo er früher auch mit seinem riesigen Frachtschiff und 2000 Tonnen Ladung vorbeigekommen ist. Direkt neben der schicken neuen Brücke, die sie alle überflüssig werden ließ, die Fähre, das Fährboot, die Fährmänner. Das ist halt einfach so, sagt Raudenbusch lächelnd und macht die Patriot mit Seilen fest. Morgen kommt ein Sportverein, liest seine Frau aus dem Terminkalender vor. Das wird sicher wieder lustig, sagt Raudenbusch, er freut sich auf morgen, aber für heute macht er erstmal Feierabend.

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Wenn Sie nochmal nachlesen wollen, wie das mit der alten Fähre war, dann bitte hier entlang, backbord sozusagen. Und steuerbord gibts einen (klick!) Link zum neuen Ausflugsbötchen, falls Sie das mal mieten möchten.

Diese Geschichte stand schon mal vor Jahren hier im Blog. Dieser Tage war ich wieder in Hassmersheim unterwegs, und da sah ich die Patriot am Ufer. Und dachte an diesen Beitrag. Deswegen. 

Im Vorbeifahren.

Treue Leser kennen das. Mit der Kamera willenlos durchs dreckige Beifahrerfenster knipsen, quasi ohne Sinn und Verstand. Manchmal krumm und schief, manchmal unscharf, immer nur eine zufällige Impression im Vorbeifahren. Von 200 geknipsten Fotos sind 20 brauchbar. Oder so.

Heute ging es Richtung Städtchen, es wurde nachgeradezu großstädtisch für unsere Verhältnisse, also bitte: anschnallen.

Was schön war.

Der Herr Star hat sich nach langem Hin und Her für eine Wohnung am Haus entschieden. Direkt unterm Dach, juchee. Dann saß er stundenlang vor der Eingangstür in luftiger Höhe, machte allerlei merkwürdige Geräusche und flatterte und schlug wild mit den Flügeln. Irgendwann hatte auch Frau Star es begriffen und besah sich die ausgewählte Immobilie mal etwas genauer. Jetzt flattern sie seit Tagen gemeinsam um das ganze Haus herum, die Wohngegend erkunden, er zeigt ihr alles ganz genau, schau mal hier! und schau mal da!, und sie machen beide einen sehr verliebten Eindruck.

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Beim Essen neulich eine Odenwälder Dame getroffen, locker über Siebzig, die sich als gelernte Fotografin entpuppte. Spezialisiert auf Industriefotografie. Ein bisschen über Fotografie gestern und heute gesprochen. Ich habe jetzt auch so eine digitale Kompaktkamera, sagt sie, aber ich denke immernoch viel zu analog. Wir haben ausgemacht, dass wir uns vielleicht mal treffen, sie bringt mir ein bisschen mehr Fotografie bei, und ich ihr all den Digitalkram.

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Was schön war bei all dem grässlichen Wetter: dass ich endlich mal wieder über Gummistiefel reden kann. Reden muss. Sie kennen das. Es geht nichts in dieser Welt – wirklich nichts – über anständige Gummistiefel. Und so watete ich heute früh beseelt durch die Sturzfluten, die der Regen draußen am Forellenteich zurückgelassen hat. Was vorige Woche noch ein großes Grundstück mit einem Teich war, ist jetzt ein Teich mit ein bisschen Grundstück drumrum. Grund genug, eine kleine glückliche Gummistiefelmeditation für Sie zu drehen. Ach, es war einfach schön.

Leider fett komprimiert. Gutenberg zickt.

Tischlein Deck dich.

Am Anfang sind die Kellner und die Köche immer erstmal nach hinten gerannt, wenn Gäste kamen. Richtung Küche, Richtung Speisekammer, Richtung Klo. Das ganze Personal: geflüchtet. Vor lauter Schreck und Angst. Gäste! Zu Hilfe! Nix wie weg. Bloß schnell unsichtbar werden. Wie sollen wir denn mit Gästen fertig werden? Herrjeh.

Nur ich bin natürlich nicht geflüchtet, sagt Tim und strahlt. Ich hatte ja auch Erfahrung. Tim hat mal bei seinem Bruder in einem Hotel mitgeholfen, wenn ich das richtig verstanden habe, und deswegen ist Tim so ziemlich mit allen Wassern gewaschen, was den Umgang mit Gästen angeht. Oder irgendwie sowas in der Art zumindest.

Tim und ein paar andere Jungs vom Sonderpädagogischen Bildungszentrum in Buchen bieten seit ein paar Monaten einmal in der Woche ein Mittagssüppchen an, inklusive Kuchen und Kaffee. Auf Spendenbasis, in Räumen des Mehrgenerationenhauses im Städtchen. Eine Berufsvorbereitende Maßnahme für Jugendliche, die aufgrund kognitiver Defizite als nicht ausbildungsfähig gelten, wie das offiziell heißt.

Montags denken die Jungs zusammen mit ihrer Lehrerin über ein Rezept nach, machen den Einkaufszettel, klappern danach Geschäfte und Supermärkte ab. Dienstags wird dann ab morgens geschnippelt und geputzt, gewürzt, gedünstet und gekocht. Die Vorgabe: ein einziger, riesiger Topf muss für die Zubereitung reichen, denn die Küche ist klein.

Und mittags kommen dann die Gäste.

Inzwischen flüchtet keiner mehr vor den Gästen, sagt die Lehrerin Brigitte Jahn und lacht ihr fröhliches Lachen. Inzwischen sind die Jungs mit Feuereifer dabei. Manchmal mit liebenswertem Übereifer. Servieren voller Begeisterung die Suppe mitunter schon, während der Gast noch nicht mal Hut und Mantel abgelegt oder gar Platz genommen hat, fragen lieber fünfmal statt einmal nach weiteren Wünschen, die sie dem Gast erfüllen könnten. Brigitte Jahn ruft ihnen manchmal etwas zu, quer durch den Raum, kleine verbale Hilfen und Unterstützung. Oder sie flüstert im Vorbeigehen Tipps und Hinweise, die von den Jungs sofort umgesetzt werden. Vorbildliches Engagement, würde man das auf der Berufsschule, Abteilung Gastronomie, vermutlich nennen.

Berufsschule schaffe ich nicht, sagt Tim. Wegen meiner Lernschwäche. Die Prüfungen würde er nie und nimmer bestehen, meint er. Nicht mal die als Gärtner. Dabei wäre er so gerne Gärtner geworden, ich habe schon als Kind am liebsten mit dem Spaten im Garten gebuddelt. Jetzt halt Berufsvorbereitung in Sachen Gastronomie. Die blöde Lernschwäche. Küchenhelfer vielleicht. Irgend sowas. Falls sich ein Arbeitgeber findet für Jungs wie Tim. Ein ganz normaler Arbeitsplatz: das wärs, sagt er.

Jede Woche wird es ein bisschen voller beim Mittagessen. Es kommen alte Leute, die sich freuen, in Gesellschaft zu essen. Junge Mütter mit Babies. Berufstätige, die um die Ecke arbeiten und das Projekt unterstützen möchten. Flüchtlingsfrauen, die mal unter Menschen wollen. Gegessen wird an großen Tischen, alles sitzt durcheinander, laut und fröhlich. Kinderspielzeug liegt auf dem Boden, und Säuglinge werden von Arm zu Arm gereicht. Das Wort Mehrgenerationen ist dienstags mittags prall mit Leben erfüllt. Wer kann und mag, gibt am Ende ein paar Euro in die Spendenkasse. Von der werden die Einkäufe bezahlt. Und irgendwann ein Ausflug für die Jungs, nach Berlin.

Lehrerin Brigitte Jahn.

Wenn die letzten Gäste gegangen sind, müssen die Jungs abräumen, spülen, den Raum putzen und wieder in seinen Ursprungszustand versetzen. Dann haben wir Feierabend. Bis zum nächsten regulären Schultag. Und bis zum nächsten Dienstag, wenn wieder Gäste vor der Tür stehen, mit Hunger und Durst.

Aber wir haben ja keine Angst mehr, sagt Tim und grinst. Wir wachsen! Jedes Mal wachsen wir! Und dabei breitet er mit großer Geste die Arme aus, so weit, als wollte er fliegen.

Wenn Sie mal zum Suppe-Essen gehen möchten, oder auf einen Kaffee und ein Stück leckeren Kuchen: hier (Klick!) finden Sie Ort und Zeit. Ich kann das alles sehr empfehlen.

12 von 12.

Zwölf Bilder, die den Zwölften eines Monats dokumentieren, und jetzt ist schon wieder März, ganz plötzlich, und bald ist Frühling und dann schon Ostern. Kinder, wie die Zeit vergeht. Aber bitte sehr, die Dame mit den Kännchen im Nachbarblog macht diese Aktion möglich, da sammeln sich am Ende eines jeden Zwölften ab 17 Uhr die Zwölferblogger wie die Stare im Weinberg, und ich bin wie immer gerne dabei.

1/12 Morgens im Büro. Schöne Aussichten.
2/12
3/12 Wie sag ichs meiner Reinigungskraft?
4/12 Schaffe, schaffe, Beiträg‘ baue
5/12 Telefonkonferenz mit dem Funkhaus. Immer um 9 Uhr 30.
6/12 Kollegen bei der Arbeit zugucken: Kann ich.
7/12 Durchs Städtchen…..
8/12…zur Mittagspause der etwas anderen Art. Muss ich auch mal drüber schreiben
9/12
10/12 Termine festklopfen
11/12 FeierabendRunde
12/12 neue Perspektiven dank offener Weidetore.