Flaschenkinder.

Sie kommen einem entgegengehopst auf staksigen Beinchen und mit wehenden Ohren und viel Geschrei, sie sind wie junge Hunde, die sich über jeden Besuch freuen. Sie kauen und saugen an allem herum, was man ihnen entgegenhält, Finger, Armbanduhren, Pulloverärmel, und sie sind natürlich extrem süß.

Der ruppige Landwirt schimpft über sie, wie immer mit viel zu lauter Stimme, aber er steht nachts alle paar Stunden auf, um sie in seine riesigen Pranken zu nehmen und ihnen die Flasche zu geben, weil ihre Mütter, warum auch immer, nicht zur Verfügung stehen. Dabei flüstert er ihnen dann bestimmt heimlich beruhigend zu; wenn keiner zuschaut, kann er so weich sein.

Wenn sie dann eines Tages abgeholt werden, und wenn er sie dann noch von all den anderen Lämmern unterscheiden kann, dann verdrückt er vielleicht auch heimlich ein Tränchen, ich traue ihm das zu, aber auch das darf niemand sehen, schließlich verdient er sein Geld mit den Lämmern.

 

 

 

 

Volksfrömmigkeit.

Das Wort von der „Volksfrömmigkeit“ kenne ich auch erst, seit ich auf dem Lande lebe. Und was sich dahinter verbirgt, habe ich im Lauf der Jahre Stück für Stück verstanden. Zumindest erahne ich es, so ganz nachempfinden kann man es vielleicht gar nicht, wenn man nicht mit dieser tiefen Volksfrömmigkeit aufgewachsen ist.

Und so nehme ich einmal mehr, halb staunend, halb neidisch, zur Kenntnis, welche Aufregung der Brand einer winzigen Kapelle verursacht hat, dieser Tage in Walldürn. Die kleine Kapelle hat die Ausmaße einer geräumigen Bushaltestelle, vier Kniebänke haben darin Platz, eine Mutter Gottes steht da, an den felsenartigen Wänden viele kleine Bilder, und irgendwo ein Rosenkranz. Ganz Walldürn scheint in heller Aufregung, die Zeitungen sind voll von der Geschichte, das Feuer in der Wallfahrtstadt schlägt solche Wellen, dass die Story es sogar bis zu spiegel-online schafft.

Als ich als rasende Reporterin an den Ort des Geschehens gerast bin, ist das Feuer längst gelöscht, nicht einmal zwei Stunden dauerte der Einsatz, dann liegt der Wallfahrtsplatz wieder still und menschenleer in der Morgensonne. Oben, ein paar hundert Meter von der großen Wallfahrtsbasilika entfernt, an der kleinen ausgebrannten Kapelle, schauen Anwohner durch die Absperrungen der Feuerwehr auf die verrußte Mutter Gottes und den zerstörten Andachtsraum, mit betroffenen Gesichtern und einem tiefen Seufzen.

Noch gar nicht lange her, da wurde die kleine Kapelle saniert, viele in Walldürn haben dafür Geld gespendet, die Kapelle gehört zum Leben in Walldürn dazu, 365 Tage im Jahr, sagt ein Mitarbeiter des Rathauses. Als Ort der stillen Andacht, des Gebetes. 

Unglaublich, dass die Mutter Gottes das Feuer überstanden hat, sagen die Leute. Sie sei aus Porzellan, steht in der Zeitung. Nein, sie ist aus Gips, flüstert mir einer zu, und jetzt, mit all dem Löschwasser im Körper, wird sie vielleicht ein bißchen dicker. Und dann lächelt er verlegen, weil er auch nicht so recht weiß, was er davon halten soll.

 

 

Unterwelt.

Unserer heutiger Ausflugstipp tut nur so, als wäre er eine ganz harmlose Geschichte. In der zweiten Hälfte entwickelt er sich zur Horrorstory für Klaustrophobiker. Sie sollten dann lieber nicht weiterlesen. Anm.d.Red.).

Im Übrigen ist das ein Tipp für alle, die heute der Hitze entfliehen möchten. Ich sage nur: konstante 11 Grad oder sowas in der Art, das klingt doch sehr erfrischend. Deswegen habe ich diese Geschichte auch nochmal aus dem Archiv hervorgeholt. 

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Rudolf Gaukel hat sich schon seit ein paar Tagen gewundert. Immer, wenn der Sprengmeister im Eberstadter Steinbruch ein Bohrloch in den massiven Fels getrieben hat und nun seine Sprengstoffpatronen dort hineinsteckt, verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen. Der Berg scheint die Patronen zu verschlucken, als wolle er sich von ihnen nicht zerreißen lassen; Gaukel linst in das schwarze Bohrloch, weg sind die Patronen.

Am 13. Dezember 1971 bereitet Gaukel wieder eine Sprengung im Steinbruch vor, diesmal fällt ihm nichts Außergewöhnliches auf, er steckt die Patronen in den Berg, drückt auf den Zünder, mit einem Knall explodieren die Patronen im Gestein. Als der Rauch sich verzogen hat, klafft im Fels ein riesiger Spalt.

Durch diesen Spalt klettern Gaukel und seine Kollegen, und was sich ihnen da im Inneren des Berges präsentiert, soll schon wenige Tage später von Experten als „eine der schönsten und größten Höhlen Süddeutschlands“ eingestuft werden. Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist entdeckt, und Rudolf Gaukel hat eine Geschichte geschrieben, die sich noch seine Urenkel gegenseitig erzählen werden.

Danke, daß ich in der Höhle fotograferen durfte. Ist sonst nämlich nicht erlaubt.

Die Höhle ist damals groß und schön, aber leider völlig unbegehbar. Ein bis zwei Millionen Jahre hat die Erde hier unentdeckt vor sich hingetropft, und Tropfen für Tropfen sind urtümliche Gebilde entstanden, gigantische Stalagmiten und Stalaktiten, die merkwürdigsten Formen. Der Boden besteht aus tiefem Schlamm, der mit festem Griff die Stiefel derer packt, die nun als erste hier hineinkommen und mit dem Lichtkegel ihrer Taschenlampen atemlos die Gebilde an Decken und Wänden abtasten.

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Das winzige Eberstadt, weit ab aller Touristenströme, findet sich plötzlich in den überregionalen Schlagzeilen wieder, und die Eberstadter selber packen Leitern und Seile und klettern neugierig an der Felswand empor, um einen Blicks ins „Große Loch“ zu werfen.

Weil europäische Förderprogramme und Gelder für strukturschwache Regionen noch nicht erfunden sind, muß die Gemeinde selber zusehen, was mit der Höhle wird. Der Bürgermeister organisiert den Ausbau mit fast einhundert freiwilligen Helfern höchstpersönlich, mehr als 7000 Stunden schuften die Männer ehrenamtlich, um aus dem Loch im Berg die touristische Attraktion zu machen, die die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute ist.

Nur knapp zwei Jahre, nachdem Rudolf Gaukel sich gewundert hat, wieso der Berg den Sprengstoff kurzerhand verschluckt, wird die Höhle feierlich für Publikum geöffnet. 3,5 Millionen Menschen waren seitdem hier und haben sich auf den rund 600 Meter langen Weg durch die Unterwelt gemacht.

PopArt in der Höhle. Gibts aber nur bei besonderen Anlässen.

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Langer Rede kurzer Sinn: ein Besuch lohnt sich. Grade bei und nach Sauwetter. Dann tropft und fließt und plätschert es überall, und der Besucher bekommt tief in der Höhle eine Ahnung davon, wie die Tropfsteine in den vergangenen Millionen Jahren entstanden sind. Aber auch bei den Temperaturen dieser Tage lohnt sich der Besuch, da drinnen ist es, siehe oben, herrlich frisch und angenehm kühl.

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Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist dabei nur der Anfang. In unmittelbarer Nähe haben Höhlenforscher in den vergangenen Jahren gleich zwei weitere Höhlen entdeckt, eine davon ist bereits auf einer Länge von fast dreieinhalb Kilometern erkundet und übertrifft damit die Dimensionen der Eberstadter Höhle deutlich.

 

„Die Befahrung dieser Höhle ist mit erheblichen Strapazen verbunden. Für Besucher ist sie derzeit nicht zugänglich“, heißt es dazu auf der HöhlenHomepage. Was die rasende Provinzreporterin einst natürlich umso mehr anregte, mal einen Blick in diesen Teil der Unterwelt zu werfen. Die Höhlenforscher waren von dem Interesse so begeistert, daß sie flugs einen lustigen kleinen Presseausflug in die neuentdeckte Höhe organisierten.

Hätte ich gewußt, was mich erwartet, hätte ich das Maul gehalten. Es war ein Albtraum, aber ein spannender, zugegeben. Und der einzige journalistische Termin in meiner bisher 25jährigen Karriere, nach dem ich gleich zwei Schnäpse brauchte.

Dabei hätte ich es ahnen können: denn schon gleich am provisorischen Eingang in die Neuentdeckung muss eine Kollegin passen und umkehren: zwei Kilo zu viel auf den Rippen, so kommt man nicht in eine Höhle. Felsspalten und Ritzen sind so eng, daß es anderthalb Stunden lang nur bäuchlingsrobbend vorwärts geht. Irgendwo vor- und irgendwo hinter einem hört man das Schnaufen und Ächzen derer, die mitrobben.

Wer jetzt darüber nachdenkt, in welcher Lage und in welcher Tiefe und mit welchem Felsgewicht über sich er hier durch Mutter Erdes Gebärmutter kriecht, hat verloren. Dann pumpt die Magengrube kleine Panikwellen nach oben, erst schnüren sie Dir den Hals zu und machen das Atmen schwer, dann wird der eingekeilte Brustkorb heiß, der Kopf. Die Höhle hat Dich im Schwitzkasten, in einer Art steingewordener Zwangsjacke, und nahezu bewegungsunfähig musst Du weitere Kraftreserven mobilisieren, um die Panik dahin zurückzuschicken, wo sie herkommt.

Einige Stellen sind so eng, daß man den Anorak ausziehen muß, den dicken Pulli auch, sonst ist kein Durchkommen. Der Fels reibt am Rücken, mal stößt das Kinn, mal der Hinterkopf an den Stein. Hinter manchem Spalt geht es koppheister in die Tiefe, man streckt die Arme noch ein bißchen weiter vor, irgendwann muß ja mal sowas wie ein Boden kommen. Wenn es mal auf allen Vieren statt direkt auf dem Bauch mit seitwärts gedrehtem Kopf vorangeht, sind wir schon froh. Die Kontaktlinsen beschlagen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (in der man besser nicht darüber nachdenkt, daß man den ganzen Weg ja irgendwann auch wieder zurück muß), nach einer gefühlten Ewigkeit also können wir uns das erste mal aufrichten. Und stehen in einem riesigen Dom, in dem locker ein großes Mietshaus Platz hätte. Der Schlamm ist unberührt, seit Jahrmillionen, die Lichtkegel tasten sich durch die absolute Finsternis, leise tropft es hier und da, an Wänden und Decken wachsen die eigentümlichsten Gebilde. Ästhetik der Unterwelt. Uns bleibt endgültig die Luft weg. Die erheblichen Strapazen sind für einen Moment vergessen.

Nein, ich sehe nicht immer so aus. Im normalen Leben trage ich saubere Kleidung, und manchmal kann ich sogar lächeln.

Als wir nach Stunden wieder aus der Unterwelt auftauchen, ist es inzwischen später Abend, in einer kleinen Holzhütte auf dem Gelände des Steinbruchs gibt es Bratwürste und Schnaps.

Nach diesem Ausflug in die Nachbarschaft genieße ich die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute umso mehr. Gut ausgebaute Wege, nur manchmal muß man den Kopf einziehen, ansonsten alles sehr bequem. Auf diese Weise auch die neuentdeckte Höhle auszubauen – undenkbar. Würde vermutlich Millionen kosten. So bleiben Hohle-Stein- und Kornäckerhöhle also für die Öffentlichkeit verschlossen. Und unsereiner gehört zu den ganz wenigen Menschen, die da mal einen Blick in die Erdgeschichte werfen durften. Hat ja auch was.
Insofern bin ich heute froh, daß ich nicht gekniffen habe.

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Hier gehts zur HöhlenHomePage.

 

 

 

 

 

 

 

 

Unterwegs.

Treue Leser kennen das Procedere: Wir gondeln zwecks Ausflug durch die Gegend, der Gatte am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz, und während der rasenden Fahrt halte ich die Kamera aus dem Fenster und knipse mehr oder minder willenlos alles, was mir vor die Linse kommt. So entstehen die etwas anderen Impressionen einer Region, mal verwackelt oder unscharf, oder schief und krumm, auf jeden Fall ungeschönt und ziellos. Also bitte. Vielleicht erraten Sie ja auch, wo wir diesmal unterwegs waren.

 

 

 

 

Was schön war.

Der Karl-Heinz ist ein redseliger Mann, ganz anders, als ich es bisher von Schäfern kenne. Er redet und redet, die Worte plätschern aus seinem Mund wie das Wasser eines Gebirgsbaches, und sein Dialekt ist so urig wie eine niederbayerische Almhütte. Am Anfang verstehe ich kaum etwas, aber dann geht es immer besser. Und es kommen eine Menge kluge Dinge aus dem Mund von Karl-Heinz.

Nur leider möchte Karl-Heinz nicht in mein Mikrofon sprechen, dafür war ich ja eigentlich gekommen, um über ihn und seine Arbeit als Wanderschäfer im Radio zu erzählen.

Aber Karl-Heinz will nicht, bitte haben Sie Verständnis, da war neulich ein Zeitungsartikel über ihn, und die Tage drauf ging es hier an der Weide zu wie auf dem Rummelplatz. Die Leute kamen zu Fuß über die Wiesen und Felder angelaufen, sie kamen in Autos angefahren, ganze Familien mit Kinderwägen, mit freilaufenden und kläffenden Hunden, mit Smartphones und Kameras, es war unglaublich, sagt er. Die Schafe, die Hunde und er, wir waren am Ende ganz narrrrisch.

Also packe ich das Mikrofon wieder ein. Bleiben Sie trotzdem einen Moment? Haben Sie Zeit?, fragt der Schäfer. Es ist noch nicht sehr lange her, da hätte ich spätestens jetzt gesagt, nein, ich muss dann leider weiter, die Arbeit ruft, und wo ich Sie ja eh nicht interviewen darf…. und dann wäre ich ein bisschen genervt von dannen gezogen, von der Dienstuhr im Nacken und dem schlechten Gewissen getrieben. Haben Sie Zeit?, fragt der Schäfer nocheinmal, klar!, sage ich und bleibe.

Karl-Heinz steht auf seinen Hirtenstab gestützt, wir plaudern und plaudern, über Gott und den Glauben und über die Kirche, über die Schäferei natürlich, über Bürokratismus und über die Liebe zum Beruf, zur Natur. Darüber, warum die Wanderschäferei ausstirbt, und darüber, dass all jene, die die Lämmchen so süß und den Schäfer so herrlich idyllisch finden, nach dem Besuch an der Weide ihr 99-Cent-Schnitzel beim Discounter kaufen.

Karl-Heinz erzählt mir von seiner Familie, seiner Frau, die das halbe Jahr alleine ist, während er mit den Schafen durch die Gegend zieht. Wie wunderschön sie damals aussah bei der kirchlichen Hochzeit, da hatte er sie in ein Dirndl gesteckt, sie war ein wahrer Augenschmaus, sagt er ganz weich und bayerisch, wie zu sich selbst.

Im nächsten Augenblick brüllt er mit scharfer Stimme die Hunde her, so laut, dass alle Pflanzen und Tiere im 10-Meter-Umkreis einen Hörsturz erleiden müssten, so laut, dass ich nicht mal erahnen kann, was er da überhaupt brüllt, die Hunde folgen aufs Wort und auf das Gebrülle, und dann redet er mit der weichen bayerischen Stimme weiter im Text.

Und am Ende kommen wir noch irgendwie darauf zu sprechen, was einen so trägt und leitet im Leben, wir sprechen da mal eben über die existentiellen Fragen, während vor, hinter und neben uns die Schafe blöken und geräuschvoll das Gras rupfen und während Karl-Heinz immer mal wieder die Hunde zurechtbrüllt.

Und Karl-Heinz als alter Katholik zitiert nun ausgerechnet mitten auf dieser Schafweide Dietrich Bonhoeffer, Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, und er schaut mich aus weit aufgerissenen Augen an, als ich als alte Evangelische das Zitat fortführen kann Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag, und dann streiten wir darüber, ob er gewiss oder bestimmt an jedem neuen Tag bei uns ist, es heißt „bestimmt“!, schreit Karl-Heinz mich lachend an, nein, schreie ich zurück, es heißt „gewiss“!, ganz sicher!

Und dann muss ich aber doch schnell gehen, bevor ich noch sentimental werde.

 

12 von 12.

Zwölf Bilder am Zwölften eines jeden Monats, das wünscht sich regelmäßig die Frau mit den Kännchen, und da wollen wir auch heute nicht Nein sagen. Also bitte, da sind die zwölf Bilder aus dem Leben einer rasenden Reporterlandpomeranze:

Morgenrunde mit den Hunden.

Sieht aus wie Spaziergang, ist aber knallhartes Leinenführigkeitstraining.

Zur Hütte am See. Forellen füttern.

Und im Geräteschuppen Mäuse und Siebenschläfer aufwecken.

Und wo wir grad bei Viechzeug sind: Das da auf dem Heimweg entdeckt.

Auch der Dienstwagen bekommt jetzt Sommerreifen, ja, da staunen Sie.

Ich bekomme einen Wartezeitüberbrückungs-Kaffee, der Köter Wasser. Service auf dem Lande.

Reportertermin bei Dreharbeiten für Kinofilm in Mosbach. Warten, warten, Rumsitzen, kurzes Interview.

Katharina Thalbach spielt übrigens im Film auch mit. War aber nicht da.

Bürokratenkram und Beitragsproduktion.

Durch die Mosbacher Altstadt kurz zum Arzt.

Im Wartezimmer.

Und dann: Feierabend.

 

 

 

şaşırtıcı

Die Bewohner unserer schönen Gemeinde haben sich ja inzwischen daran gewöhnt, dass der zuständige Polizeiposten mit Sitz im klitzekleinen Nachbardorf seit Jahren unverputzt in der Gegend herumsteht. Das ist zwar ein etwas un-schöner Anblick und mag auf finanzielle Engpässe hier und da hinweisen, zeigt aber andererseits einmal mehr, dass die Ordnungshüter und Verbrecherjäger in Baden-Württemberg eben mehr um inhaltliche Arbeit bemüht sind als um schnöden Tand und äußerliche Eitelkeit.

Polizeipräsidium Limbach-Wagenschwend. Oder so.

Immerhin wird der ansonsten etwas trostlos anmutende Gebäudekomplex derzeit farblich belebt, mit einer schicken Fahne an der Fassade. Das ist insofern ein echter Hingucker, weil man derlei Fahnen hier sonst eher selten sieht, um es mal vorsichtig zu formulieren. Aber irgendwer hat sich da Gedanken gemacht. Wir wissen leider nur noch nicht, wer genau das war.

War das vielleicht der baden-württembergische Innenminister? Denen traut man ja so manches zu. Waren es die diensthabenden Beamten selber, des grauen Büroalltags müde? Der Arbeitskreis Ausländer bei der Polizei? Schlicht ein Farbenfetischist? Oder gar ein türkisches Untergrundkommando, das vom komplett unverdächtigen nordbadischen Limbach-Wagenschwend aus unauffällig die Weltherrschaft an sich reißen will?

Es ist und bleibt ganz rätselhaft. Oder şaşırtıcı, wie der Türke sagen würde. Wir bleiben dran. Sachdienliche Hinweise richten Sie bitte an uns oder an den Polizeiposten Limbach, Besuchszeiten Montags bis Freitags 8 bis 17 Uhr oder so ähnlich.

 

 

Update 14 Uhr 55: Die Fahne ist inzwischen offenbar von einem Mitbürger heruntergeruppt entfernt worden. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Und nun sage noch einer, auf dem Land sei nichts los.

 

Mittagspause.

Ey, Petrus, altes Haus, ich bin für Scherze jederzeit zu haben, und für sportliche Betätigung ja ohnehin. Aber ich bin aus dem Alter raus, in dem man in der Mittagspause lustige Wettrennen veranstalten möchte. Verstanden?

Und nein, ich bin nicht nass geworden. Ich war schneller, ätsch.

Alle Bilder: oberhalb Mosbach.

 

 

 

 

WMDEDGT.

Langsam sorgt alleine der Anblick dieser Abkürzung dafür, dass ich ein protestantisch-preußisch schlechtes Gewissen bekomme, wmdedgt, zu Deutsch Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, das will einmal im Monat die freundliche Frau Brüllen wissen.

Die Dame schafft es tatsächlich, den besagten Tag, den Fünften des jeweiligen Monats, immer auf einen Feiertag, einen Sonntag oder einen – für mich – arbeitsfreien Tag zu legen. Der Himmel weiß, wie sie das macht, aber genauso ist es, ich schwöre. So muss bei der Leserschaft der Eindruck entstehen, ich täte eigentlich nie etwas Vernünftiges, irgendwas, was die Gesellschaft und die Welt ganz allgemein voranbringt, aber seien Sie versichert, manchmal arbeite ich auch, bezahlt und unbezahlt, aber auf jeden Fall für eine gute Sache oder meinen Chef, was manchmal sogar ein und dasselbe ist.

Heute nur eben wieder nicht, Pfingsten, das liebliche Fest, ist gekommen und lässt mich ausschlafen, dann mit den Hunden raus, und dann fangen die freiwilligen Pflichten auch schon an, treue Leser wissen, dass ich zwei Hunde und derzeit rund 500 Forellen zu versorgen habe, ich bin quasi momentan die offizielle Hunde- und Forellenbeauftragte der Region. Also: erst Hunderunde, dann Forellenfütterung.

Wir haben auf diesem Bild einen kleinen Hund versteckt. Finden Sie ihn?

Unterwegs das Fuchskind gesehen, das ich gestern unter Einsatz meines Lebens von der Weide geholt habe, auf dass der Jäger es entsorge. Wider Erwarten keine Häme über den Tod eines potentiellen Hühnermörders verspürt, obwohl ich dazu ja nun allen Grund hätte; nur Mitleid gehabt mit dem kleinen Kerl.

Zur kulturellen Weiterbildung ins Freilandmuseum nach Walldürn-Gottersdorf gefahren und den Geist der 50er geatmet, jener Zeit, die so entsetzlich spießig war, dass es schöner nicht geht. Ich kann Ihnen überhaupt das ganze Museum empfehlen, aber das wissen Sie ja längst.

Auf der Heimfahrt immer der Blick zum Himmel, das Wetter wechselt im Viertelstundentakt zwischen bescheiden und naja, geht so und ganz wunderbar, immer wieder ziehen dicke Wolken auf, und ich merke, dass ich meteorologisch gesehen meine Unbeschwertheit verloren habe, seitdem ich genau vor einem Jahr mitansehen musste, was Wetter so anrichten kann.

Als es doch wieder ein bisschen freundlich wird, geht es wieder los mit meinen freiwilligen Pflichten, Hunderunde und Forellenfütterung, die kleinen Fische sollen schließlich groß und schmackhaft werden. Unterwegs treffen wir wieder die Kühe und ein Reh, das alles ist heute sehr tierlastig, will mir scheinen.

Forellenfeierabendbier in Form von Fischfutter.

Jetzt gehen wir noch schön essen, ein uns unbekanntes Restaurant testen, solche Experimente ins Blaue hinein sind hier in der Region nicht ohne, aber wir trauen uns jetzt mal. Ich werde dann berichten. Ich finde ja überhaupt, ich sollte hier öfter mal Restaurant-Kritiken einstellen, aber dafür bin ich dann doch vielleicht zu feige.

Und jetzt muss ich los, einen schönen Abend allerseits.

 

 

Die gute alte Zeit.

Die gute alte Zeit war ja in der Regel gar nicht so gut, wie wir uns das rückblickend gerne zurechtbiegen, aber manchmal denke ich in diesen Tagen, vielleicht war sie dann doch gut, zumindest besser als diese Welt, wie sie sich uns heute präsentiert, sobald wir in der Zeitung oder in der Glotze oder im Internet nach den Neuigkeiten des Tages suchen.

So gesehen müssen wir ja die Neuigkeiten gar nicht suchen, sie springen uns aus allen Kanälen förmlich an, mit Hass verseucht und mit Blut beschmiert. So beginnt manch ein Tag schon mit einer kleinen bis großen Verzweiflung, und ich ertappe mich dabei, wie ich all diese Kanäle ausschalten und mich mal netteren Dingen widmen möchte, zumindest für einen Moment.

In diesem Sinne wird das hier jetzt ein ganz und gar unbeschwerter Ausflugstipp für alle, die in der Region unterwegs sind und sich mal ein paar nette Stunden gönnen möchten. Ich für meinen Teil werde jedenfalls morgen, am Pfingstmontag, ins Freilandmuseum Gottersdorf gehen und dort in die 50er Jahre eintauchen. Kalter Hund, Käseigel und Petticoat ist da einmal im Jahr das Motto, und ich fürchte, ich werde es ganz herrlich finden.

Das Haus Bär am Rande des Museumsgeländes ist quasi das steingewordene 50er-Jahre-Gefühl, und es ist insofern eine ganz besondere Art der Geschichtsvermittlung, weil viele der Besucher sich mit wohligem Schaudern und Oh nein! und Schau mal, das hatten wir auch! noch allzugut an diese Zeit erinnern und allerlei Anekdoten zum Besten geben. Bei Historikern übrigens heißt es immer, die Fünfziger Jahre seien eine Zeit der Sehnsucht gewesen, und vielleicht sind sie uns ja damit dann doch näher, als wir denken. Ach, was weiß denn ich. 

Für das leibliche Wohl ist jedenfalls bestens gesorgt, wie das bei solchen Veranstaltungen hier immer so schön heißt, es gibt stilecht Käseigel und Kalten Hund und Toast Hawaii, wobei letzteres hier auf den Speisekarten der Odenwälder Gastronomie eigentlich noch völlig normaler Bestandteil ist. Und sicher gibt es irgendeinen pappsüße Bowle zum Trinken, aus bunten Gläsern. Oder Blümchenkaffee. Und Musik aus den Fuffzigern gibt es auch, die vermutlich so schlimm ist, das es schon wieder schön sein wird.

Alles Weitere lesen Sie am besten hier auf der Website des Museums nach, und vielleicht haben Sie ja morgen Lust auf eine kleine Zeitreise. Vielleicht bekommen Sie eine Ermäßigung, wenn Sie mit Pomade im Haar kommen, oder in einem Nyltex-Hemd. Und die Push-Benachrichtigungen für aktuelle News aus aller Welt, die schalten Sie auf Ihrem smartphone am besten vorher aus.