Arsch hoch!

Ich wollte diese Geschichte aus Halle ja erstmal konsequent ignorieren. Vogel-Strauß-Taktik, naja, Sie wissen schon. Aus psychohygienischen Gründen. Selbstschutz undsoweiter. Funktioniert aber nicht. Leider. Oder gottlob. (Falls Ihnen der Begriff Halle nun so gar nichts sagt, lesen Sie (Klick!) hier nochmal nach. Das ist aber definitiv nicht vergnügungssteuerpflichtig.)

Ich also erstmal: Vogel Strauß. Aber spätestens, als ständig vom Einzeltäter die Rede war, als die CDU-Vorsitzende warnblinkend von Alarmzeichen sprach und dann auch noch der Seehofer-Horst ankündigte, die Gamer-Szene zukünftig verstärkt unter die Lupe zu nehmen, weil Videospiele die Wurzel allen Übels seien, während andere wiederum sofort Aber die bösen Linksradikalen! schrien, und wieder andere reflexartig blökten, Schuld an allem sei ja ohnehin nur die Frau Merkel mit ihrer Migrationspolitik, – spätestens jetzt also zog ich den Kopf aus dem Sand und ließ ihn mehrfach rhythmisch auf die Tischplatte krachen. Das funktioniert im Prinzip als Ventil erstmal gut, verursacht aber erheblichen Schädelschmerz und hilft letzten Endes auch nicht weiter.

Der Vorsatz, der Plan, die Gedanken dahinter, die Tat, die politischen Reaktionen – das alles ist so unsäglich, dass ich das hier nicht weiter ausführen muss. Treue Leser wissen, was ich meine. (Dass ich in diesem Zusammenhang via Twitter ausgerechnet auf die Welt am Sonntag verweisen würde, hätte ja auch niemand für möglich gehalten. Klicken Sie auf das Bild und lesen Sie den ganzen Kommentar, dem ist kaum was hinzuzufügen.)

Treue Leser werden sich aber vielleicht auch fragen, was das Thema auf einem Blog über das idyllische Landleben zu suchen hat. Nicht viel. Oder vielleicht doch? Ich habe jedenfalls beschlossen, in diesem Jahr zu den hiesigen Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht zu gehen. Ich war da noch nie. Schlimm genug. Ich habe hier in der vermeintlichen Idylle bisher nie den Arsch hochbekommen, entschuldigen Sie bitte die Ausdrucksform, aber man muss es wohl in dieser Deutlichkeit sagen.

Ich nehme an, dass gerade auf dem Lande bei diesen Veranstaltungen immer die üblichen Verdächtigen erscheinen, ein, zwei Hände voll von Leuten, die immer da sind. Vielleicht auch ein paar mehr, was weiß denn ich. Auf jeden Fall stellvertretend für viele andere wie mich, die den Hintern nicht hochbekommen, sei es aus Faulheit, Gleichgültigkeit, Desinteresse oder Ignoranz. Schlimm genug.

Ich stelle mir vor, dass es in Berlin oder Hamburg oder München vielleicht nicht so sehr auffällt, wenn bei einer Gedenkveranstaltung zu den Juden-Pogromen, bei einer Demo gegen Hass oder einem Solidaritätskonzert 1000 statt sonst 800 Menschen sind. Oder 15.000 statt sonst 12.000. Dass es umgekehrt also auch nicht so sehr auffällt, wenn ich zuhause bleibe, in der wohlig-warmen Stube. Sie wissen, was ich meine.

Aber stellen Sie sich das mal in der besagten Idylle des sogenannten, besonders christlichen Hinterlandes vor: Wenn bei einer Veranstaltung in der klitzekleinen Stadt statt 50 plötzlich 500 Menschen erscheinen. Statt 100 vielleicht 800. Oder auf dem Dorf statt 30 satte 300. Ja, ich träume mal so vor mich hin. Aber das wird man wohl noch träumen dürfen! Das jedenfalls wäre mal ein sichtbares Zeichen. Und vielleicht das Mindeste, was man tun kann. Tun muss.

Also: Arsch hoch, Zähne auseinander und Gesicht zeigen.

In Mosbach gibt es demnächst hier eine Gelegenheit:

Sonntag, 10.11.2019 um 18:00 Uhr
Synagogenplatz in Mosbach
Gedenkfeier zur Reichspogromnacht


Und in (Klick!) Buchen auch.

Wer weitere Termine kennt, gerne in die Kommentare.

12 von 12

Der Zwölfte des Monats, zwölf Bilder, die ihn beschreiben. Ja, isses denn schon wieder soweit? Ja, leider, die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe, würde meine Berliner Großmutter selig jetzt sagen, und alle würden wissend nicken, obwohl niemand je begriffen hat, was dieser Spruch bedeuten sollte. Sei’s drum.

Hier verging heute die Zeit eher wie ein ausgebüxtes Kälbchen, kauend und schnaufend, in aller Ruhe, die Zeit schlenderte so herum, man konnte ihr beim Vergehen quasi zuschauen, es ist schließlich Samstag.

Huch! Nicht schlimm, das findet auch wieder auf die Weide zurück.

Am Morgen erst Fische füttern am See, dann Hunderunde mit Kälbchenkontakt also. Und vorallem mit blauem Himmel und Sonne. Seit Wochen nicht mehr gesehen, und heute umso mehr genossen.

Hunde. Müde.

Vormittags schnell zum Raiffeisenmarkt. Hühnerfutter kaufen. Und Bergsteiger-Lederfett, ja, da staunen Sie. Schon alleine wegen der Dose. Außerdem kann man Bergsteigerlederfett immer gebrauchen. Auch ohne Berge. Danach Bürokratenkram.

Unerfreuliche Dinge (Finanzamt) mit erfreulichen (Kuchen) verbinden.
Noch eine Hunderunde, und Sonne schon wieder essig.
Dafür auf dem Heimweg im Vorbeifahren den coolsten Hahn ever porträtiert. Einbacher Mühle, naja, Sie wissen schon.

Am Abend noch zu einer Vernissage zum Odenwälder Künstler in der anderen Ecke des Odenwaldes. Foto Nummer 12 machen. Damit wir das dann auch hätten.

Alle anderen Zwölfer vom Zwölften finden Sie wie üblich bei der (Klick!) Dame mit den Kännchen.

Pilzzombie.

Es sind diese grausamen Zeitgenossen, die mich mit einem einzigen dahingeworfenen Wort in den Wahnsinn treiben. Vorgebliche Freunde, die so ganz am Rande etwas erwähnen und dabei unschuldig tun, als wüssten sie nicht, dass damit der Tag, die Woche, der Monat für mich gelaufen ist.

Du, der Egon hat neulich die ersten Steinpilze gefunden, oder Ach, angeblich gibt es schon Pfifferlinge, sagen sie ganz und gar beiläufig, und ich bilde mir ein, sie grinsten dabei ein bisschen fies.

Ich höre dieses Wort, sei es Pilz, Steinpilz oder Pfifferling, und augenblicklich schalte ich in den Pilzmodus um. Ich kann da selber gar nichts ändern, es geht ganz von alleine, es kommt quasi über mich. So Jekyll-and-Hyde-mäßig.

Ich werde zum Pilzzombie.

Der Blick wird starr und ist fortan nur noch ins Unterholz gerichtet. Frau Lieselottes Ausbildung an der langen Schleppleine interessiert mich nicht mehr die Bohne, sobald ich im Wald bin, und das bin ich spätestens ab dann fast dauernd, dreimal täglich Minimum. Die Hunde ziehen und zerren und verwickeln sich um Bäume und Gebüsche, Rehe und Wildsäue fliehen verschreckt, das alles ist mir völlig wumpe, ich stolpere und strauchele mit gesenktem Haupt durchs Unterholz und glotze und glotze.

Das heißt, eigentlich glotze ich gar nicht so sehr, ich schnüffele vielmehr, der echte Pilzkenner orientiert sich ja am Geruch, ich schnüffele also fortwährend, obwohl ich überhaupt kein Pilzkenner bin, schnüffschnüffschnüff, das führt auf Dauer zu einer gewissen Hyperventilation, begleitet von leichten Ohnmachts- und Schwindelgefühlen. Macht nichts, mich hält nichts und niemand auf.

Ich stolpere also schnüffelnd und glotzend, ich krieche und krauche über den Waldboden, Äste und Zweige verfangen sich im Haar und bereiten sich dort auf ein Leben als Vogelnest vor, sie schlagen mir die Brille von der Nase und hinterlassen Schmisse im Gesicht, die jeden Verbindungsstudenten vor Neid erblassen ließen, Brombeerranken verkratzen mir die Arme. ach, was, das bisschen Blut!, und zerreißen mir das T-Shirt.

Manchmal gehe ich auch mit dem Gatten auf Tour, wir nennen das Spazieren, in Wirklichkeit ist es nur ein neuerlicher Beutezug. Das ist für Außenstehende ein vielleicht etwas eigentümliches Bild, wir gehen nebeneinander her und starren auf die jeweils eigene Seite des Weges, stundenlang sind sich nur die Hinterköpfe freundlich zugewandt.

Bei Gesprächsbedarf brabbelt jeder in seine Richtung Unterholz, ins vermeintliche Pilzparadies hinein, meistens aber eher ins Nirvana und völlig unverständlich für den anderen. Das macht aber nichts, weil der andere in seiner Pilzfixiertheit ohnehin nicht zuhört. Ich könnte in solchen Momenten sagen Mein lieber Geo, ich lasse mich scheiden, oder Liebster, wir bekommen Zwillinge!, der Gatte würde nur rufen Boah!, Wahnsinn!, da!, guck mal, da hinten!

Ey, immer mit der Ruhe, werden Sie jetzt sagen, die Pilzsaison hat doch noch gar nicht richtig angefangen. Jahahaaa, das weiß ich auch, Sie kleiner Schlauberger, die Saison fängt erst dann wirklich an, wenn am Waldrand Autos mit HD- oder HN-Kennzeichen stehen, schon am frühen Morgen, oder gar Kleintransporter mit polnischen und allerlei anderen fremdländischen Kennzeichen. Dann kann man sicher sein, dass es im Wald tatsächlich was zu holen gibt. Aber ich bitte Sie: Wer will dann noch Pilze haben, wenn sie alle haben können? Echt jetzt. Ich will die Erste sein, gefälligst.

Foto: Dagmar Schmitt, pixelio

Wenn Sie also von diesen Tagen an, bis tief in den Oktober hinein, eine merkwürdige Gestalt im Wald treffen, mit wirrem Haar und irrem Blick, hyperventilierend taumelnd, mit verschrammelierten Armen, einem Stoffbeutel vom Apotheker und einem Messer in der Hand: ruhig Blut, das bin nur ich. Ich beiße nicht, ich will nur Pilze. Sie dürfen ruhig näherkommen und mich ansprechen, selbst, wenn ich vermutlich darauf gar nicht reagiere.

Nur eines will ich Ihnen sagen: Kommen Sie mir bloß nicht mit dem üblichen und völlig verständnislosen Spruch meiner Odenwälder Dorfnachbarschaft. Wieso machen Sie sich die Mühe? Pilze kann man doch auch kaufen, sogar tiefgefroren!

Dann haue ich.

P.S. Für alle mitlesenden Pilzfreunde aus Heidelberg und Heilbronn und was weiß ich wo. In Wirklichkeit gibt es im Odenwald gar keine Pilze. Ehrlich. Ich habe noch nie einen einzigen gesehen. Sie können also getrost zuhause bleiben. Oder ganz woanders suchen. Odenwald? Lohnt sich nicht, die Fahrt. Wirklich, glauben Sie mir. Sparen Sie sich das Benzingeld und kaufen sich davon ein paar schöne Pilze im Supermarkt. 

P.P.S. Dieser Beitrag ist 2017 schon mal erschienen, aber so aktuell wie eh und je. 

Urlaubswetter.

Es ist ein echtes Urlaubswetter da draußen, ganz genau wie in der vergangenen Woche in Frankreich. Regen, Regen, Regen. Aber wir wären nicht selbsternannte Landpomeranze, wenn wir nicht Gummibotten, Gummihose und Gummijacke hätten, um dann etwas willenlos mit den Hunden durch die Landschaft zu stolpern. Gibt kein schlechtes Wetter, gibt nur blablabla, naja, Sie wissen schon.

Unterwegs.

Unterwegs in herbstlicher Landschaft. Dabei war die Zeit heute knapp, denn Freund Mortimer, das Sturmtief, hat am Haus leider Spuren hinterlassen. Eine ganze Efeu-Wand heruntergerissen, der dumme Hund, bis ins erste Stockwerk war sie schon emporgekrochen in den vergangenen fast 15 Jahren.

Den Zugang zum Briefkasten musste ich mit der Machete freihauen, wie so eine Mischung aus wildgewordener Landfrau und Odenwälder Amazone, naja, Sie wissen schon. Jedenfalls hat das Zeit gekostet, die ich doch eigentlich zum Fotografieren nutzen wollte. Jetzt müssen Sie halt mit ein paar Ritschratschpocket-Aufnahmen vorlieb nehmen.

Bei Laudenberg. Da bin ich ja viel zu selten. Dabei isses gleich umme Ecke
Und da gehts nach Waldhausen.

Aus unerfindlichen Gründen erinnerte ich mich heute an meine ersten beiden Konzert-Besuche in der Berliner Waldbühne, die ist vielleicht einigen ein Begriff. Mein großer Bruder schleppte mich als Kind mit zu Mikis Theodorakis, der liebe Himmel weiß, warum. Er meinte es vermutlich gut, ich fand es furchtbar. Nur die Szenerie fand ich grandios. Und genoss sie ein paar Jahre später zum zweiten Mal bewußt bei einem Elton John-Konzert. Elton John finde ich immer noch, naja, ganz gut, und Mikis Theodorakis musste ich für mich entdecken.

Mein Bruder schleppte mich eines Tages, vielleicht sogar mehrmals, auch mit zu Hertha ins Olympiastadion. Ich erinnere mich an einen blauweißen Wollschal und eine ebensolche Bommelmütze, ich sang stoisch Ha-Ho-He, Hertha liegt im Schnee!, aber vermutlich aufgrund meines damals zarten Alters nahm mir das niemand ernsthaft übel, jedenfalls überstand ich den Fußballnachmittag im Olympi unversehrt.

Die Zeiten und die Wohnorte haben sich geändert, meine kulturellen Genüsse ziehe ich heute unter anderem aus Chor-Konzerten im Vereinsheim oder Dorffesten. Gestern zum Beispiel das im Museum Wagenschwend, ja, es war ein ganz herrlicher Tag, Sie können das (Klick!) hier nochmal nachgucken bei Bedarf.

Und sportlich war ich dabei auch unterwegs. Nicht wie damals im Olympi, aber immerhin. Spül- und Aufräumdienst, ein paar Stunden lang, bis dann die Bandscheiben sangen. Nicht wie Elton John in der Waldbühne, aber immerhin.

Und bis tief in die Nacht habe ich dann daheim den Grill geschrubbt, über den im Laufe des Tages gefühlt 2000 Bratwürstchen gerutscht waren, ich wirbelte drei Stunden lang mit allerlei Chemie und einem Drahtschwamm. Wie so eine echte Odenwälderin.

(ok, dass mir beim Schrubben der gigantische gußeiserne Grill mit seinem gefühlt 30 Kilo leider irgendwie extrem unsanft auf den Finger gefallen ist, und der sich nun wiederum in allen Farben des Regenbogens präsentiert und schmerzt wie Harry, das verschweigen wir an dieser Stelle, das wäre einer echten Odenwälderin natürlich nicht passiert.)

Und weil wir es von Mikis Theodorakis hatten, und George Moustaki so ähnlich klingt, und weil Sie vielleicht irgendwann mal wieder Urlaub in Frankreich machen, will ich Ihnen dieses hippe Musik-Video von 1970 nicht vorenthalten. Das Beste wird sein, sie schließen einfach die Augen und genießen bei einem Café au Lait.

Vogelschiss.

Man möchte ihn an seiner dämlichen Hundekrawatte packen und hierherzerren, diesen Herrn, der vor gar nicht langer Zeit vom Vogelschiss gesprochen hat. Das Dritte Reich als Vogelschiss in der ansonsten erfolgreichen tausendjährigen Geschichte der Deutschen.

Ihn möchte man hierher zerren, und all jene gleich dazu, die die europäische Idee idiotisch finden und Nationalismus cool. Auch all jene, die den Frieden in Europa für selbstverständlich halten, für nichts, wofür man sich besonders engagieren müsste.

Wenn der zweite Weltkrieg nur ein Vogelschiss war, dann war vermutlich der erste Weltkrieg überhaupt nur ein Fliegenschiss, und der deutsch-französische Krieg 1870 bis 71 nur ein Mückenschiss. In der ansonsten so erfolgreichen Geschichte Deutschlands.

Wir machen mal wieder Urlaub auf dem Lande, das muss zwischendurch ja sein, na ja Sie wissen schon. In einer Gegend, die geprägt ist von Fliegenschiss, Mückenschiss, Vogelschiss. Die Erde vernarbt von Millionen von Granaten, zerfurcht von Schützengräben, die Wälder noch immer voll von Überresten, metallenen und menschlichen, überall Bunker und Schlachtfelder, überall Friedhöfe, klitzekleine und gigantisch große. Eine Gegend blutgetränkt. Ich hasse dieses Wort, aber es passt wohl. Wo, wenn nicht hier, rund um Verdun. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Kriegsgräber und -Denkmäler auf engstem Raum, lese ich auf einem Schild an einer Strasse.

Eine Gegend, in der jede Familie über Jahrhunderte den Hass auf die Deutschen tief in sich getragen hat. Mit der Muttermilch ist er vielleicht weitergegeben worden, der Hass auf diese Nachbarn, wieder und wieder. Aus Gründen. Wenn wir hier über die Dörfer fahren, denke ich, in jedem dieser Häuser lebt einer, dessen Familie ihre ganz eigene Geschichte mit den Deutschen hat . Eine ganz eigene, aber doch letzten Endes immer gleiche Geschichte, die immer wieder auf dasselbe hinaus lief, auf Krieg, Tod und Zerstörung. Und auf Hass.

Die nette Vermieterin des Ferienhauses entschuldigt sich, dass sie kein Deutsch spricht, ihr Deutsch ist so schlecht wie mein Französisch, aber auf Englisch geht es, wir machen Witzchen und lachen herzlich miteinander. Und weil gleich am zweiten Tag noch einmal der Spätsommer vorbeischaut, mit tiefblauem Himmel und warmer Sonne, lege ich mich an den hauseigenen Swimmingpool. Mit Blick auf die nahen Hügel von Verdun, dorthin, wo meine beiden Großväter in den Schützengräben gelegen haben.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob das eine absolut idiotische Situation ist, eine zynische oder absurde, oder eine ganz großartige. Ich tendiere allerdings zu letzterem.

Des olle G’lump.

Wenn Sie mir etwas Gutes tun wollen, dann lassen Sie mich in Ihre alten Scheunen, in Keller, auf Dachböden oder verlassene Rumpelkammern. Ich liebe diese Orte sehr. Ich will da gar nicht neugierig herumkruschteln, gar nichts anfassen oder durcheinanderbringen. Einfach nur gucken und riechen und spüren. Und ein bisschen nachdenken über dies und das, über die Zeit und die Vergänglichkeit. Naja, Sie wissen schon.

Ich freue mich an solchen Orten sogar über huschende Mäuse, die ich sonst in geschlossenen Räumen eher nur so semigut finde. Ich betrachte fasziniert die unglaublichen filigranen Gebilde, die fleißige Spinnen seit Jahrzehnten ungestört weben. Ich denke darüber nach, wie viel Geschichte, wie viele Geschichten, wie viele Erinnerungen hier liegen und schlafen. Manche vielleicht für immer, manche nur vorübergehend.

Kaum wagt man, sie durch seine Anwesenheit zu stören. Manche würden vermutlich gar nicht geweckt werden wollen, aber andere würden vielleicht die tollsten Sachen berichten.

Und wie unterschiedlich die Dinge sind, die da in Kellern, Scheunen und auf Dachböden lagern – je nachdem, ob in der Stadt oder auf dem Land. Logisch, aber spannend.

Ich erinnere mich an den Keller des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin, mitten in der Großstadt. Ein ehemaliger Luftschutzkeller war das, es gab eine schwere Tür, die ich als Kind kaum aufstemmen konnte. Dahinter die Keller der einzelnen Mietparteien, kleine Verschläge hinter einer wackligen Tür aus staubigen Holzlatten.

Ich mochte den Geruch und ich schaute im Schein einer funzeligen Deckenlampe gerne durch die Holzstreben in die Keller der Nachbarn. Fahrräder standen da, mal ein alter Staubsauger, ausrangierte Koffer mit alten Aufklebern, die zerknittert abblätterten und von früheren Reisen erzählten. Es war immer ein bisschen unheimlich da unten, nicht der dunkle Keller, sondern eher dieses Gefühl, in das Leben eines anderen zu gucken. Vielleicht sogar in ein abgelegtes, eingestaubtes Leben.

Hier auf dem Land erlebe ich oft, dass Leute ihre Keller, ihre Dachböden ausräumen und das ganze alte G’lump dann fortschmeißen wollen. Mit all der Geschichte, die daran hängt, in jeder Schraube, in jedem Nagel, in jeder Tischplatte, in jedem Stuhl. Ich rette, was ich retten kann, und inzwischen wohnen in meinem Haus, Seit‘ an Seit‘ mit ein paar wenigen Design-Klassikern, nicht nur wundervolle Jugendstil und sonstwas-Stühle vom Sperrmüll, sondern auch zwei alte Schultische, Fensterrahmen und die Tür eines Klassenzimmers der ehemaligen Dorfschule.

Außerdem eine alte evangelische Kirchenbank aus der Nachbarschaft, die ich sehr liebe, obwohl man auf ihr so unbequem sitzt, wie’s schlimmer nicht geht. (Das liegt in der Natur der Sache). Unser Esstisch und zwei andere Tische standen bis in die 70er Jahre in einer Gastwirtschaft im hessischen Odenwald. Eine alte Fensterputzerleiter trägt heute brav die Töpfe in der Küche, eine andere Leiter dient als Bücherregal. Alles aus der Gegend, in der ich lebe, alles gerettet vor der Müllpresse, hinterhergeworfen bekommen von den ehemaligen Besitzern, die uns vermutlich für reichlich bekloppt hielten. Was will einer mit dem ollen Zeug?

Das olle Zeug hat jetzt ein neues Zuhause bekommen bei uns, mit all seinen Geschichten. Ich gehe natürlich davon aus, dass all die Stücke nur gute und schöne Geschichten zu erzählen haben, und dass sie sich jede Nacht heimlich und flüsternd untereinander austauschen und sich gegenseitig von ihren bisherigen Leben berichten. Der Tisch und die Stühle, und die alten Türen und die Schulbank.

Naja, Sie wissen schon.

P.S. Danke, dass ich in der Scheune fotografieren durfte. Und wenn Ihr die eines Tages ausräumt: an mich denken, gell, is klar.

1. FC Huhn.

Die Küken wachsen, da kann man glatt zugucken. Tun wir auch den lieben langen Tag. Was soll man denn sonst auch machen, an langen Wochenenden auf dem Lande. Naja, Sie wissen schon.

Mutti passt auf. Fragen Sie nicht nach Sonnenschein.
Der leise Verdacht: Das wird ein Hähnchen.

Drama, Baby!

Man wird ja wohl noch mal herumexperimentieren dürfen, wo man doch sowieso grade mit den Hunden und der Kamera unterwegs ist. Und wenn die ganze Weltpolitik schon ein Drama ist, dann darf es der Bildbearbeitungsfilter hinterher doch auch mal sein. So richtig fett.

Alle Bäume: Am Katzenbuckel.
Alle Ballen: bei Weisbach.