Sonntag auf dem Lande.

Auf dem Programm stand an diesem Sonntag die Einweihung des sanierten Vereinsheimes im Dorf, da musste ich natürlich hin, das ist ja Ehrensache. Saniertes Vereinsheim heißt hierzulande in der Regel: jede Menge freiwillige Helfer, tausende von ehrenamtlichen Arbeitsstunden, Geldspenden aus der Bevölkerung, und Sachspenden dazu. 

Sowas würde in der Großstadt gar nicht funktionieren, sagt der Herr Minister in seinem Grußwort, und wie immer hat er recht, und alle applaudieren. Wahrscheinlich gibt es kaum eine Familie im Dorf, die nicht in irgendeiner Form mitgeholfen hat bei der Sanierung.

Heute also wird gefeiert, mit allem Pipapo, mit Grußworten und Dankesreden, mit einem Diakon, der das Gebäude weiht, mit Großer Gott wir loben Dich und Vaterunser, wie das auf dem Lande halt so geht, mit Steak und Bier und mit Kaffee und Kuchen.

Zwischendurch möchte ich aufspringen und rufen Hey Leute, Ihr seid super, ich weiß das, ich bin aus der Großstadt, Ihr seid so wunderbar weit weg von dieser Scheiß-egal-Mentalität, Ihr kümmert Euch, Ihr packt mit an!, und ich sehe mich im Geiste auf den sorgfältig geschmückten Tisch steigen und im schick sanierten Vereinsheim eine flammende Rede für das bürgerschaftliche Engagement in der vermeintlichen Provinz halten, und auf all jene schimpfen, die sich faul zurücklehnen und sagen Pffff….soll der Staat doch machen! Soll die Stadt doch zahlen!

Ich kann mich – Sie ahnen es – gerade noch beherrschen, was sollten denn die Leute denken?, ich bleibe schön auf meinem Stühlchen sitzen und lausche dem Liederkranz  und den freundlichen Grußworten des Ministers und des Bürgermeisters und denke mir meinen Teil, ganz still, ohne flammende Rede.

Dann wird noch ein Lied gesungen, das behauptet, dass jeder in den Himmel komme, der in unsrem Dörfchen wohnt, und einer raunt mir grinsend zu Das gilt auch für Evangelische! Und am Ende esse ich ein Stück Käsekuchen, den irgendeine Nachbarin gebacken und hier hergeschleppt hat, in so einem Torten-Trage-Dingens, wie es sie hier wohl in jedem Haushalt gibt, bloß in meinem nicht, und dann gehe ich nach Hause.

Und der Rest des Sonntags so:

 

 

 

 

Elvira.

Ich sehe die beiden vor mir, wie sie da im ersten Stock ihrer wunderschönen alten Mühle sitzen, er arbeitet am Computer, sie schaut aus dem Fenster. Ein kleines Gewitter kündigt sich an, das sieht von hier oben immer besonders wild-romantisch aus, in dieser Einsamkeit, keine Straße, kein Nachbarhaus weit und breit. Nur unten das kleine Bächlein, die grünen Hänge, die uralten Bäume, die vom aufkommenden Wind gezaust werden.

Sie lebt seit ihrer Geburt hier, der Vater war Müller, der Großvater auch. Manches hat sie hier schon erlebt, diese Mühle tief unten im Tal ist Teil von ihr, ein Leben anderswo nicht vorstellbar. Mit ihrem Mann hat sie alles hergerichtet, es sieht aus wie eine Mischung aus Schöner Wohnen und Märchenbuch.

Jetzt also tröpfelt es, das ist schön anzusehen, und aus dem Tröpfeln wird ein handfester Sommerregen, das kann dem Gemüsegarten nicht schaden. Der Sommerregen geht über in Hagel und Sturm, die Bäume biegen sich, der Regen rauscht und rauscht, es hört gar nicht mehr auf, nun wird ihr langsam doch ein bisschen mulmig da oben am Fester.

Das Wasser kommt plötzlich nicht nur vom Himmel, sondern auch von rechts und von links und jetzt von allen Seiten, es schießt die Hänge von oben hinunter Richtung Haus, es schießt aus dem Wald und über die Kieswege, die braune Brühe im Bach steigt und steigt, und es regnet und regnet und stürmt, und aus dem kleinen Bächlein wird in Minutenschnelle ein reißender Fluß.

Längst ist auch er aufgestanden vom Schreibtisch, er stellt sich neben seine Frau ans Fenster, und entsetzt beobachten die beiden, wie das Wasser immer mehr wird, immer näher kommt. Wie es hinten an die kleine, massiv gebaute Hütte prallt, die doch so hoch über dem Bach steht. Wie die reißenden Fluten an ihre eigene Hauswand donnern, wie sich mit dumpfem Grollen die riesigen Sandsteinquader unten am Bach in Bewegung setzen und wie gigantische Murmeln flußabwärts kollern. Diese Geräusche vergessen wir nie, sagt sie.

Foto: privat

 

Foto: privat

 

Foto: privat

 

privat

Die braunen Fluten zerfetzen die Wiesen unten am Bach, was bleibt, sind riesige, klaffende Wunden aus Erde und Geröll. Eine alte Eiche stürzt auf die Wohnhütte und vollendet, was die Wassermassen begonnen haben. Der Großteil des Gemüsegartens wird fortgerissen, das Ehepaar läuft nun im Haus herum, hektisch, ratlos, wie traumatisiert, erinnert sie sich, und als das Schlimmste vorbei war, habe ich die Fotos gemacht. Und ein paar Videos mit dem Handy, auf ihnen hört man das Brüllen des Wassers, das Poltern der Steinbrocken.

Die Eheleute wissen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ihr ungebetener Besuch da unten an der Mühle Elvira heißt, und dass Sturmtief Elvira in den kommenden Tagen noch viele Menschen in vielen süddeutschen Orten heimsuchen wird. Völlig unerwartet erwischt Elvira die Gemeinden, sie richtet Millionenschaden an und hinterlässt die vielzitierte Spur der Verwüstung. Allein der großen SV-Versicherung beschert Elvira insgesamt rund 10.000 Schadensmeldungen, überflutete Keller und halbe Häuser, zerstörte Straßen, Gebäude, Autos, weggeschwemmte Brücken, durchnässte Heizkessel und schwimmende Öltanks.

Auf den Tag genau ein Jahr ist das her, dass Elvira auch bei dem Ehepaar unten an der Mühle ihre Visitenkarte hinterließ, und noch immer werden die beiden täglich an Elvira erinnert. Die Schäden sind noch lange nicht alle beseitigt, wir sind beide berufstätig, wir brauchen immer wieder schweres Gerät, das dauert alles, sagt sie. Vieles bekommen sie finanziell ersetzt, aber machen müssen wir es dann halt schon selber. Vieles ist schon gerichtet, aber an vielen Ecken sieht es immernoch wüst aus. Auch manche Versicherungsfrage ist noch ungeklärt.

 

Elvira hat mitgerissen und zerstört, was ihr in die Finger kam, und sie wird nicht nur die Bewohner der alten Mühle noch lange beschäftigen. Elvira sorgt auch dafür, dass die beiden jetzt immer nervös erst auf den Computer, dann Richtung Himmel starren, wenn ein Gewitter angesagt ist, vorbei ist die Unbeschwertheit früherer Zeiten, als die Frau sich über das wild-romantische Blitzen und Donnern und Gurgeln hier unten freuen konnte.

Und ich stelle mir vor, wie Elvira da unten irgendwo im Gebüsch sitzt, oder irgendwo in der Region auf einem Hausdach, und das alles beobachtet und fies grinst. Damit Ihr nur mal eine kleine Ahnung bekommt, denkt sie sich, und dann lacht sie vielleicht hämisch.

 

 

Auch viele andere Orte in meiner Nachbarschaft hat Elvira getroffen, aus Billigheim-Allfeld hatte ich seinerzeit von den Aufräumarbeiten ein paar Bilder mitgebracht, wenn Sie die nochmal anschauen möchten: klick!

 

1. FC Huhn.

Ach, Gotterle, ich habe hier ja schon ewig keine erfreulichen Hühnerfotos mehr eingestellt, Sie haben sich bestimmt schon gewundert. Naja, hier sind sie nun. Wir haben an einem Samstag mit brütender Hitze ja sonst nix zu tun auf dem Lande.

Die Alte. Sie lebt noch.

 

 

 

LandLust.

Ich möchte ja die Großstädter unter Ihnen nicht neidisch machen, aber das war gestern mal wieder so ein Tag, der einen dran erinnert hat, wie genial es ist, auf dem Lande zu leben. Falls man das je vergessen haben sollte.

Rucksack packen mit kleinem Proviant, aus der Haustüre treten, sich nach links wenden (oder nach rechts, das ist in diesem Zusammenhang aber sowas von wurst), und dann sechs Stunden lang durch die Natur wandern, mehr oder weniger mutterseelenallein. In diesen sechs Stunden zwei Straßen überqueren, die diesen Namen mit viel gutem Willen tatsächlich verdienen. Am Abend müde und glücklich wieder heimkehren.

Ich sags ja nur mal so.

 

 

 

 

Danke.

Ich habe da ein wunderbares Buch geschenkt bekommen, das ist schon ein paar Wochen her, ich habe mich natürlich auch dafür bedankt, und längst schon wollte ich es hier im Blog mal vorstellen. Irgendwas kam mir dazwischen.

Jedenfalls ist es ein Buch für Hühnerfans, und solche, die es werden möchten, mit ganz herrlichen Fotos und sehr netten Zeichnungen, so ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann, um ein bisschen darin zu blättern. Und lernen tut man auch noch was.

Wenn Sie das interessiert, können Sie ja mal googlen, das gibt es sicher irgendwo zu kaufen, ich für meinen Teil habe es, wie gesagt, geschenkt bekommen. Von einer Städterin natürlich. Die war eine treue Blogleserin und hatte irgendwie einen Narren an meinen Hühnern gefressen, sie schickte mir immer wieder Zeitungsartikel über die Intelligenz der Hühner und über die Rassekunde, erkundigte sich nach der Eierproduktion und nach dem Gesundheitszustand der lieben Kleinen, nach meinem übrigens auch immer wieder, der spielte ja auch mal zwischendurch eine Rolle. Zumal die bloglesende Hühnerfreundin eben nebenbei auch noch meine Chefin war. Ihr Schreibtisch stand zwar 80 Kilometer von meinem entfernt, aber Chefin is Chefin.

Keine Ahnung, wo sie nun auch noch dieses wunderbare Buch aufgetrieben hatte, jedenfalls kam vor einigen Wochen wieder einmal ein Paket von ihr, darin das Hühnerbüchlein, mit einem freundlichen handgemalten Grinsemännchen und dem schriftlichen Hinweis Das MUSSTE jetzt noch sein!. 

Ich wollte das Buch also, siehe oben, längst hier schon vorgestellt haben. Weil ich ja auch wusste, dass sie eifrig mitliest. Und einen Kaffeeplausch hatten wir vage ausgemacht, dieser Tage sollte er nun stattfinden, bei ihr daheim. Ein offizielles Abschiedsfest war auch schon fest geplant und im Kalender eingetragen, Vorruhestand, krankheitsbedingt, was weiß denn ich. Aber jetzt kam eben was dazwischen.

Liebe Chefin. Grüß mir die viel zu vielen alten und jungen Kollegen, die Dir jetzt vielleicht wieder über den Weg laufen. Wenn es da, wo Du jetzt bist, einen halbwegs vernünftigen Internet-Zugang gibt, kannste ja immer mal wieder hier vorbeischauen. Ich würde mich freuen. Ich werde die Hühnergeschichten fortan immer speziell Dir widmen.

Und: Danke. Für alles.

 

 

 

Och, nee.

Dass es mit der vermeintlichen Idylle auf dem Lande so eine Sache ist, haben Sie vielleicht schon dem vorherigen Blogpost entnommen, falls Sie es nicht ohnehin schon wussten. Und es geht grade so weiter, der Kriegsschauplatz hat sich im Moment erneut verschoben, weg vom Forellenteich und leider wieder zu uns in den Hühnerauslauf, und wieder kämpft erbittert Mensch gegen Natur.

Friedrich II. Dem gehts noch gut, keine Sorge.

Herr Fuchs war wieder da, ich würde ihn hier gerne als die dumme Sau bezeichnen, aber das gehört sich nicht, und außerdem stimmte das ja auch zoologisch hinten und vorne nicht, wie man es auch dreht und wendet. Ich höre schon Ihr vorwurfsvolles Stöhnen, aber nein, alle Stalltüren waren diesmal zu, zu-er geht nicht.

Nur hatten offenbar Tick, Trick und Track getrödelt, die drei schneeweissen Bressehühnchen, wie das eben bei Jugendlichen manchmal so ist. Da wird hier noch gequasselt, und da noch heimlich eine geraucht, und dann aber, hastewattkannste, auf den allerletzten Drücker nach Hause in den Stall.

Da war die Stall-Tür aber leider schon zu, es war dämmerige Dämmerung, tja, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und wir waren nicht daheim. Aber der Herr Fuchs, der war da. Der lauerte vermutlich schon seit ein paar Tagen. Und die Farbe Weiß fehlte ihm ohnehin in seiner Sammlung noch.

Nun ist also Tick (oder Trick oder Track) spurlos verschwunden, Trick (oder Tick oder Track) lag scheinbar unversehrt aber sterbend vor dem Stall (wir vermuten: Herzinfarkt), nur Track (oder Tick oder Trick) hat überlebt.

Es sind diese Momente, wo ich kurz darüber nachdenke, den ganzen Blödsinn sein zu lassen, frische Eier und idyllisches Hähnekrähen hin oder her. Wir halten jetzt seit zehn Jahren Hühner, und nie war was, tröstet mich der Gatte, und er hat ja recht, nie hatten wir auch nur eine einzige Milbe, keine Krankheiten, keinen Fuchs, keinen Marder, keine Notschlachtungen. Aber in diesem Jahr meint der Hühnergott es irgendwie nicht gut mit uns, irgendwie ist da der Wurm drin.

Und so, als schlösse sie sich unbewusst meiner Mutlosigkeit an, hat sich nun auch noch die dienstälteste Henne, die Grande Dame der heimischen Hühnerzucht, vor ein paar Tagen alt und grau auf die Stange in den dunklen Stall gesetzt und sich seitdem von dort auch nicht mehr wegbewegt. Der Kamm ist blass, die Lappen runzelig und rosa.

Zwischendurch kommen merkwürdige Geräusche aus ihr heraus, ein dunkler Ton, von ganz tief innen, wie ein Seufzen oder wie ein sonderbares Selbstgespräch. Vielleicht lässt sie ihre acht, neun Lebensjahre nocheinmal Revue passieren, vor ihrem inneren Auge, und vielleicht denkt sie darüber nach, warum der Fuchs nicht sie holt, sondern immer nur die jungen Dinger. Oder sie freut sich darauf, schon bald im Hühnerhimmel all jene wiederzutreffen, die uns in letzter Zeit abhanden kamen. Ach, was weiß denn ich.

Die Alte.

 

 

Idylle oder so.

Was für eine liebliche Idylle, das Wasser plätschert, die Fischlein schwimmen im Teich, die Sonne lacht, das Licht blinzelt durch das Maigrün der Bäume, undsoweiter, undsoweiter.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein, und ich darf vorallen Dingen hier sein, weil ich den Forellenfreund mit seinen Forellen unterstütze. Ich füttere die lieben kleinen Fischlein, auf dass sie groß und stark werden, und genieße im Gegenzug täglich diese Teichidylle. Und ich kann Ihnen flüstern: Vergessen Sie das mit der Idylle. Gepfiffen is‘. Das hier ist keine Idylle, das ist ein Kriegsschauplatz.

Hier kämpft erbittert Mensch gegen Reiher, jeden Tag aufs Neue, und ich bin völlig unschuldig in diese Auseinandersetzung hineingeraten. Ich wollte das gar nicht, ehrlich, aber ich entwickle inzwischen einen heiligen Zorn, wenn ich Agathe nur sehe, das blöde Viech, vielleicht ist es auch ein Rudi oder ein Dieter, mir ist das alles wumpe, ich brüte über Angriffsstrategien und Abwehrmaßnahmen, ich fahre bis zu dreimal täglich an den Teich, zu jeder Tages- oder Nachtzeit, ich schreie, klatsche, hupe, hetze die ansonsten eher friedlichen Hunde, bis Agathe sich bequemt, in aller Ruhe aufzuflattern und mit einem glänzenden Fischlein im Schnabel davonzufliegen. Sie ruft mit vollem Maul und krächzender Stimme dann noch allerlei nicht-jugendfreie Unverschämtheiten über die angrenzende Wiese, und ich meine, auch Stunden später noch aus dem gegenüberliegenden Wald ihre dreckige, hämische Lache zu hören.

Der Forellenmann und ich, wir fahren an Geschützen auf, was uns zur Verfügung steht. Einen Zaun rund um den Teich, und ein Gewirr von Schnüren im Uferbereich. Gefühlte 364 Kilometer Schnur haben wir verspannt, wir haben keinerlei Mühen und Verwicklungen gescheut. Wer hier durchkommt, muss entweder Entfesselungskünstler sein oder amtierender Weltmeister im Gummitwist, und ich stelle mir vor, wie Agathe, das vermaledeite Drecksvieh, da feixend und frech über die Schnüre hopst, hops, hops, ins seichte Wasser, schnapp, schnapp, Forelle rausgeholt.

Um derlei feindliche Flugobjekte abzuwehren, hat der Forellenmann jetzt noch den potentiellen Landeplatz mit Schnüren überspannt, das ganze Grundstück verwandelt sich langsam aber sicher zu einem Stück Land-Art, das selbst den Verpackungskünstler Christo neidisch werden ließe. Nicht mal eine Drohne könnte hier noch landen, ohne sich maßlos zu verheddern. Und der Forellenmann hat als letzte, wirklich ultimative Warnung einen Plastikreiher in der Mitte des Teiches aufgehängt, koppheister, ein wahrhaft jämmerlicher und furchteinflößender Anblick, der eigentlich jeder vernunftbegabten Agathe den Appetit verderben müsste. Ich ahne allerdings, Agathe lacht sich eines Tages tot, damit wäre uns ja auch geholfen, aber noch ist es nicht soweit.

Nun höre ich schon das Weinen der Tierschützer, der arme Reiher, der hat Kohldampf, er hat daheim sieben hungrige Schnäbel zu stopfen, alleinerziehend ist er noch dazu – ja, das ist ja alles recht, aber Agathe, die blöde Kuh, soll doch gefälligst woanders die Teiche ausräubern.

Unsere interne Jahres-Forellen-Statistik verzeichnet: 500 Forellen eingesetzt, 150 eigenhändig rausgeangelt, See leer. L.e.e.r. Ratzeputz leer, leerer geht nicht. Selbst wenn Sie da mit der Lupe nach Forellen suchen würden, unter Wasser, Sie würden nichts mehr finden, ich habe das jüngst für Sie getestet.

Falls Sie selber es nicht mit dem Kopfrechnen haben: da fehlen satte 350 Fische, Agathe kommt also nahezu täglich zum Klauen, nur an 15 Tagen hat sie mal eine Pause gemacht, ich nehme an, da hatte sie Urlaub oder war auf Mutter-Kind-Kur im Bergischen Land.

Wir kämpfen also weiter, wir werden uns doch nicht einer dahergeflogenen Agathe geschlagen geben, ich bitte Sie. Ich werde in den kommenden Tagen noch Transparente anbringen, Reiher go home!, werde ich auf ein Bettlaken schreiben, mit fettem Filzstift, und Ne touche pas a mon Forelle!, für den Fall, dass Agathe kein Englisch versteht. Außerdem habe ich vorgeschlagen, den Teich mit einer gegossenen Betonplatte hermetisch abzuriegeln, oder gleich ganz mit Estrich zu befüllen, da würde Agathe schön dumm aus der Wäsche gucken. Aber da zieht der Forellenmann nicht mit.

Noch nicht.

 

 

Hüffenhardt.

Ja, da kommen einige von Ihnen jetzt vermutlich arg ins Grübeln. What the hell ist Hüffenhardt? Ich nehme Ihnen das nicht übel, gleichwohl sollten Sie sich den Ortsnamen merken. Oder mal googeln unter der Rubrik news. Dann merken Sie gleich: Das winzigkleine Hüffenhardt am Rande des Odenwaldes liegt nicht nur ganz in meiner Nähe, sondern derzeit auch mitten im Zentrum eines bundesweiten Orkans.

Zumindest in Pharmazeutischen Kreisen. Interessiert Sie nicht? Naja, wann immer Sie in eine Apotheke gehen, haben Sie mit Pharmazie zu tun. Und wenn Sie das nächste Mal in eine Apotheke gehen, dann lassen Sie mal das Wörtchen Hüffenhardt fallen, der Apotheker bekommt dann vermutlich sooo eine Krawatte.

Foto: Claudia-Hautumm/pixelio

So oder so können Sie in diesem geheimnisvollen Hüffenhardt derzeit ein Lehrstück in Sachen Infrastruktur im ländlichen Raum verfolgen.

Die Geschichte, das Drama in mehreren Akten, geht in groben Zügen so:  Es war einmal eine Apotheke in der kleinen Gemeinde Hüffenhardt. Die machte aber eines Tages zu, und es fand sich beim besten Willen kein Nachfolger, niemand wollte eine Apotheke in der 2000-Seelen-Gemeinde übernehmen, nein, danke, der Hüffenhardter Bürgermeister war betrübt, und manch ein Hüffenhardter Bürger war es auch.

Nun aber bekam eine führende Versandapotheke mit Sitz in Holland Wind von der Apothekenflaute in Hüffenhardt und sah seine Stunde gekommen. Vielleicht ein bisschen Geld verdienen, kostenlose Publicity und außerdem die juristischen Grenzen in Sachen Deutsches Apothekenrecht ausloten und ausreizen – wo ginge das besser als hier? Die Versender bauten in den leerstehenden Räumen der Apotheke eine Art Internetterminal auf, der Kunde schiebt sein Rezept in einen Schlitz, unterhält sich vielleicht per Videochat mit einem freundlichen Mitarbeiter in Holland, und schwupps, kommt das gewünschte Medikament aus dem Automaten gepurzelt.

Foto: Mario Heinemann/pixelio

Schon im Vorfeld schrieen die deutschen Apothekerverbände Zeter und Mordio. Nein, mit Nächstenliebe und mit Begeisterung für die Pharmazie habe so eine Internet-Versandapotheke generell schon mal gar nichts zu tun, orakelte mit schicksalsschwerer Stimme und gesenktem Haupt ein Verbandsvorsitzender in die laufenden Kameras, die Zuschauer schwankten zwischen Erstaunen (ach so? keine Nächstenliebe?) und Empörung (die wollen Geld verdienen, gibts denn sowas?). Und überhaupt müsse man alles tun, um derlei Geschäfte zu verhindern. Schließlich sei ein solcher Automat ja auch gefährlich, wenn er die falschen Präparate ausspuckt. Hüffenhardt war schon in aller Munde, bevor das erste Medikamentenpäckchen überhaupt aus dem Automaten fiel.

Irgendwann wurde der hochmoderne Apothek-o-mat mit deutsch-holländischer Chatfunktion schließlich eröffnet und keine 48 Stunden später schon wieder geschlossen, das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe wollte es so. Es gibt da ein paar rechtliche Fallen und etliche Gesetze, die Lage ist für Laien reichlich unübersichtlich, jedenfalls machte der Laden wieder dicht. Um zwei Tage später wieder zu eröffnen, derzeit gibt es dort aber nur rezeptfreie Medikamente, wenn ich das richtig verstanden habe. Der Versandhändler hat Klage gegen die Schließung eingereicht, so lange das Verfahren in der Mache ist, soll es wenigstens auf Schmalspur weitergehen.

Die Pharmaziebranche fährt währenddessen weiterhin alle Geschütze gegen den kleinen Automaten im klitzekleinen Hüffenhardt auf. Meiner aktuellen Lieblingszeitschrift, der Deutschen Apotheker-Zeitung (nicht zu verwechseln mit der Apotheken-Umschau, wann greifen die das Thema endlich auf?), meiner aktuellen Lieblingszeitschrift also entnehme ich, dass bayerische Verbandsvertreter sich nun fragen Wer beliefert eigentlich den bösen Automaten, da in Hüffenhardt in Baden-Württemberg?

Foto. I. Vista/pixelio

Aha, aha, nun also kommen wir der Sache langsam näher. Irgendwo sitzt da ein mieser Kerl, der das auch noch unterstützt, das Hüffenhardter Automatentreiben. Im Schutze der Dunkelheit müsse der wohl heimlich vorfahren, und husch, husch, den Automaten hektisch befüllen, um dann wieder in die rabenschwarze Nacht zu verschwinden. Vielleicht tut auch er es nicht einmal aus Nächstenliebe, sondern nur aus reiner Geldgier? Dem will man doch nun auf die Schliche kommen, der Präsident des Bayerischen Apothekerverbandes fordert jetzt alle deutschen Großhändler auf, an Eides statt zu erklären, dass sie damit nichts zu tun haben und ihre Hände in Unschuld waschen. Und wehe, einer weigert sich.

Das also ist das Hüffenhardter Drama in mehreren Akten, Ende völlig offen. Ich sitze davor und bin hin- und hergerissen von der Handlung, den Akteuren. Ich sehe da wie auf einer kleinen Bühne einen knallharten Geschäftsmann, der in Hüffenhardt und anderswo in Deutschland richtig Geld verdienen will. Ich sehe ein kleines Dorf, in dem es keine Apotheke mehr gibt, umgeben von kleinen Dörfern, in denen es in zehn Jahren vielleicht auch keine Apotheke mehr gibt. Ich sehe Herren in Anzügen, die sich die Haare raufen und laut schreien, auf Paragrafen verweisen, mit dem ausgestreckten Finger auf diese und auf jene zeigen und mit dem öffentlichen Pranger drohen.

Ich warte derweil noch auf den Auftritt eines weiteren Protagonisten, der mit kühlem Kopf ein bisschen Ruhe in die wirre Handlung und in das Geschrei bringt. Der wird dem Publikum dann erklären, warum so viele Apotheken auf dem Land denn überhaupt dichtmachen, und was denn da die Lösung wäre. Ob alternative Geschäftsmodelle denkbar sind. Und was sich an der Politik vielleicht auch ändern muss, damit es wieder reizvoll wird, Apotheker auf dem Land zu sein. Von wegen Nächstenliebe und so. Und vielleicht auch finanziell. Auf diesen Protagonisten in dem Drama warte ich jetzt also sehnsüchtig. Vielleicht tritt er ja im fünften Akt auf, nach der Pause.

 

 

 

Neues Spiel, neues Glück.

Neues Spiel, neues Glück, neuer Hahn und neue Hennen. Der Gatte konnte es nicht abwarten, und ich wollte ihm nicht schon wieder mit Begriffen wie Pietät  oder Trauerarbeit kommen. Schließlich war ich am dramatischen Hühnergemetzel quasi schuld, und während in irgendeinem Erdbau nun Herr und Frau Fuchs sitzen, mit ihren Jungen, und sie alle sich die dicken Bäuche halten, vor Lachen und wegen der XXL-Portion Hähnchenfrikassee, währenddessen also sind wir einmal quer durch die Region gefahren, um für Nachschub zu sorgen. Also, für uns, nicht für den fiesen Fuchs.

Die lieben Hühnchen schreien wie am Spieß, als sie ihr Ziehvater greifen und umzugsfertig machen will, es kam bereits die Vermutung auf, dass sie heimlich hier im Blog mitlesen (wie vermutlich viele Hühner auf der großen weiten Welt), und dass sie dementsprechend ahnen, was ihnen da blüht im Odenwald. Allein, das Geschrei hilft nichts, rein in die Kisten, Klappe zu, Affe tot, und Hühnchen brüllt.

 

 

Jetzt ist es Abend geworden im Odenwald, alle vertragen sich soweit, die alten Hühner haben sich dem neuen Hahn gleich an den Hals geworfen, es war nicht mitanzusehen, das kokette Gegurre und Gemache, jede Feministin bekäme hysterische Pickel bei diesem Schauspiel. Und nun sitzen auch die zwei Hühnchen und Friedrich II  auf der Stange, als hätten sie nie etwas anderes gekannt. Ich habe das eben nochmal kontrolliert, – und JA, ich habe die Stalltür zugemacht, Himmelherrgottsackzementnochemol.

Bitte, danke, Sie mich auch.