Nebeltage.

In aller Frühe unterwegs im Morgennebel. Nur schnell raus an den See laufen und die Fische füttern, unterwegs ein bißchen herumknipsen und husch!, sind zwei Stunden vergangen. Durch den Nebel wabert das Kreischen der Motorsägen aus den Christbaum-Plantagen, das Geschäft läuft an und schon fast auf Hochtouren. Weihnachten ist nahe!

12 von 12.

Schon wieder der Zwölfte. Und am Zwölften immer zwölf Bilder des Tages einstellen, so will es das Gesetz. Oder zumindest die freundliche Nachbarbloggerin mit den Kännchen. Also bitte: ein stinknormaler Reporterinnen-Tag auf dem Land in zwölf Bildern.

Erstmal Strom und Licht anmachen im Büro.
Mit etwas ungewöhnlichen Backzutaten befasst, rein journalistisch. Demnächst in diesem Programm.
Auf dem kleinen Dienstweg zum ersten Termin.
Schön hier. Klicken Sie aufs Bild, dann kommen Sie zur Website.
Selbes Städtchen, anderer Termin. Und ganz neue Perspektive.
Rathaus im Schloss. Gibts auch nicht so oft.
Moin, Jungs.
Kein Bundespräsident, sondern Bürohund. Macht Mittagspause….
…Und Frauchen Telefonschalte mit den 80-Kilometern entfernten Kollegen.
Zwischenstopp daheim. Rotkohl (ohne Mehlwürmer) für acht Personen aufsetzen.
Und husch, ins andere Büro wechseln.
Und zum Ende des Tages ein Guten-Abend-Lichtblick aus dem Dienst-Fenster.

Was schön war.

Das verschrumpelte alte Männlein mit Rauschebart, an dem ich im strömenden Regen vorbeieile, seit Tagen schüttet es ununterbrochen wie aus Eimern, ich bin genervt und hetze durchs Städtchen, und unsere Blicke kreuzen sich, die des Männleins und meine. Stellen Sie doch mal dieses grässliche Wetter ab!, sage ich im Vorbeigehen zu dem Männlein, und das Männlein antwortet Was der HERR gegeben hat, muss man hinnehmen! und lächelt und geht weiter. Ich werde darüber nachdenken.

*****

Sonne. Endlich wieder. Und ein langer Spaziergang im Wald. Das Licht strahlt durch gelbes, orangefarbenes und braunes Laub, in den Senken wabert der sonnenbeschienene Nebel, als hätten die Zwerge in ihren Erdhöhlen den Kamin angefeuert. Caspar David Friedrich lässt grüßen. Die Luft ist feucht und klar, überall Pilze in allen Formen und Farben, und alles schreit danach, fotografiert zu werden. Ich aber habe das Smartphone vergessen, und damit auch die Kamera. Ich vergesse das immer öfter und finde genau das sehr schön. Bilder, die ausschließlich auf der eigenen Festplatte im Gehirn und in der Seele abgespeichert werden, sonst nirgends.

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Nicht schön, aber sehr beeindruckend: Mit dem Gatten zusammen einen Film geschaut. Selten genug. Und was für ein Film. Der Staat gegen Fritz Bauer. Das Buch will ich schon seit Jahren lesen, und plötzlich ist die Geschichte rund um Fritz Bauer in aller Munde, zumindest in meiner Timeline in den Sozialen Netzwerken. Zu recht. Schauen Sie sich das an, am 15. November läuft er noch mal bei Arte, vielleicht können Sie ihn da aufzeichnen. Oder lesen Sie das Buch. Es wird einem ganz anders. Es geht da nicht zuletzt um Adolph Eichmann, und das erinnerte mich wieder an die Ehefrau dazu, Vera Eichmann, und daran, dass sie hier quasi um die Ecke begraben liegt. Warum auch immer, ich werde das noch eines Tages herausfinden.

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Bei der Freundin zum Backstubenfrühstück gewesen. 70 glücklich mampfende und plaudernde Menschen in einer vergleichsweise unromantischen gekachelten Backstube. Das Leben könnte so einfach sein, wenn man den Leuten nur ein anständiges Frühstück vor die Nase stellt. Schön war das. Auf dem Rückweg über den Katzenbuckel durch die bunten Wälder gefahren, wieder alles gelb und braun und orange und rot, ein herbstlicher Traum. Indian Summer im Odenwald. Naja, Sie wissen schon. Vielleicht mache ich nachher doch noch ein paar Fotos. Damit Sie auch was davon haben.

P.S. Also doch noch mal unterwegs gewesen. Und mir ein Wettrennen mit der Abendsonne geliefert. Sie war schneller als ich. Aber am Ende habe ich sie auf dem Friedhof wiedergetroffen.

WMDEDGT.

Ach, es ist schon wieder soweit, die Zeit rast, man kommt kaum hinterher. Immer am Fünften eines Monats will die freundliche Nachbarbloggerin wissen, was wir eigentlich den ganzen Tag so treiben, das ist eine Art Rudel-Tagebuch-Bloggerei, und ich mache gerne mit.

Auch, wenn das heute voraussichtlich ein stinknormaler Tag wird. Morgens um Sechs aufstehen und Kaffee trinken, die Stille genießen, der Welt beim Wachwerden zuschauen. In der Dämmerung mit dem Hund eine Stunde lang durch den Wald, die feucht-milde Luft einatmen, mit den Füßen durch nasses rotes Laub und dicken Schlamm. Lieselotte versprüht nachgeradezu aufreizende Lebensfreude im Unterholz, die Vögel und die Rehe sind empört.

Dann im Büro im Städtchen erstmal raus aus den Hunde-Schlammklamotten und rein in die Büro-Kluft. Hoffentlich kommt heute kein Besuch, wie sähe das denn aus.

Und gleich zum ersten Termin, Interview mit einem jungen Kaplan im katholischen Pfarramt bei einer guten Tasse Kaffee. Hier hängen auch Klamotten rum, stelle ich fest, aber irgendwie anders. Und vorallem so schön sauber.

Einen Beitrag produzieren, der schon seit ein paar Tagen darauf wartet. Über den 21jährigen, der den Euthanasie-Opfern in seiner Heimatgemeinde ein Gesicht gibt und ihre Lebens- und Leidensgeschichte erzählt. Ein Thema, das regional, vor Ort, nur wenig erforscht ist bisher. Ich frage mich zwischendurch, ob ein 21jähriger seine Freizeit nicht anders verbringen sollte als mit der Recherche zu Euthanasie-Opfern vor der eigenen Haustür. Und dann denke ich wieder Großartig, dass es solche jungen Leute gibt!. Es ist kompliziert. Oder auch nicht. Naja, Sie wissen schon.

Dann: Neues Thema, neue Recherche. Herumtelefonieren, leider komplett erfolglos. Nicht mal Anrufbeantworter erreiche ich, auf denen ich etwas hinterlassen könnte. Es geht um „Flächenfraß in Baden-Württemberg“. Immer mehr landwirtschaftliche Flächen werden zu Bau- oder Verkehrs-Land. So lautet die These. Die ich leider weder bestätigt noch widerlegt bekomme, siehe oben. Angeblich sind doch inzwischen alle Menschen jederzeit erreichbar, immer online. Hm. Wenn ich anrufe, offenbar nicht. Das gibt mir zu denken. Und frustrierend ist es obendrein.

Kein Anschluss unter dieser Nummer.

Statistiken wälzen, Zahlen, Daten, Fakten zusammentragen, vergleichen, in Bezug setzen. Und am Ende bin ich genauso schlau wie vorher. Dann doch lieber erstmal Mittagspause im Städtchen machen. Mit der lieben Freundin aus dem Rathaus bei Kaffee und Kuchen den Flächenfraß erörtern, vielleicht kann sie weiterhelfen, während wir gemütlich fressen essen und trinken. So wird die private Verabredung im Handumdrehen zur dienstlichen Recherche. So gehts in diesem Job mitunter.

Der Hund wartet unter der Bank. Und ja, die rote Tüte ist leer.

Ja, die Freundin konnte helfen, aber meine Bauchschmerzen rund um die Recherche hat sie nicht etwa verkleinert, sondern eher vergrößert. Auch das gehört zum Job. Sich gegebenenfalls von Themen trennen müssen. Ich werde das mit den Kollegen besprechen. Fernmündlich, wie immer. Ich habe ja das Glück und das Pech, dass meine Kollegen rund 80 Kilometer entfernt sind. Die zwei täglichen Telefonschaltkonferenzen Mannheim-Odenwald verbinden uns.

Rumtelefonieren und nachdenken. Nachdenken und rumtelefonieren. Aus dem Fenster glotzen und auf Erleuchtung warten.

Hilft auch nicht.

Anrufe von verzweifelten Hörern entgegennehmen. Das Küchenradio des einen Hörers tut nicht mehr. Und ich soll das nun lösen. Oder reparieren oder wasweißich. KönneSe do nix mache??, ruft er aufgelöst ins Telefon. Auch das gehört zum Job. In schöner Regelmäßigkeit. Und immer freundlich bleiben. Hey: Menschen drehen schier durch, wenn sie unser Programm nicht hören können, gibt es ein schöneres Kompliment? Eben.

Auch bei dem anderen Anrufer freundlich bleiben, der Stress mit der Rundfunkgebühreneinzugszentrale hat und schimpft. Ich weiß nicht, warum die Leute deswegen immer bei mir landen, aber sie landen immer bei mir. Ich helfe, so weit ich es kann. Nicht ohne den Hinweis auf die Sinnhaftig- und Notwendigkeit eines gebührenfinanzierten Rundfunks, jawohl. Diskutieren Sie darüber nicht mit mir, Sie werden mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ende der Durchsage.

Mit der hochoffiziellen SWR-Klamotte in den Drogeriemarkt, Klopapier kaufen. Dienstliches Klopapier, versteht sich. Alles muß man selber machen als einsame Regionalreporterin, Himmelhergottsakra. Ich warte darauf, dass auch solche Tätigkeiten mit Journalistenpreisen wertgeschätzt und honoriert werden.

Dann zu Fuß wieder los, zum nächsten Termin, Gespräch mit einem Bürgermeister.

Wieder was gelernt, über Baulandpreise und Flächenverbrauch, Bevölkerungsentwicklung und demografischen Wandel. Lauter so Zeugs. Sehr erhellend, aber in Sachen der Recherche eher kontraproduktiv. Naja.

Beim Verlassen des Büros zum Feierabend an die Winschutzscheibe geklemmt noch ein…Geschenk?…gefunden. Oder einen freundlichen Hinweis, dass man da mal wieder was im Radio bringen könnte? Egal, eins so gut wies andere. Musik von der besten Odenwälder Jungsformation ever. Danke, Jungs, wird beim Heimfahren gleich in den CD-Player eingeworfen!

Und schlußendlich pünktlich zum Abendessen zuhause. Der Göttergatte kocht. Pasta mit Garnelen. Der Tag könnte schlechter enden.

Ist das nicht langweilig?

Ja, es gibt zwischendurch diese Momente, in denen man sich fragt, ob es nicht schon ganz schön cool wäre, mal wieder in einer coolen Stadt in einer coolen Redaktion zu arbeiten. Politik-Ressort der ZEIT. Oder beim Spiegel. Oder zumindest beim Tages-Spiegel in Berlin. Oder in London oder New York.

Während meiner Ausbildung hatte ich mir vorgenommen, dass unter dem Job als Superduper-Ober-wichtig-Korrespondentin in Washington, Berlin oder Paris ja mal gar nichts denkbar ist. Wenn überhaupt. Besser noch: gleich Chefredakteurin irgendwo. Oh, liiiiebe Zeit. Naja, Sie wissen schon.

Jedenfalls hat mich schon der erste Praktikumsplatz noch während dieser Ausbildung überzeugt: das Regionale, das Lokale, das ist meins. Beim Sender Freies Berlin war das, die Älteren unter Ihnen erinnern sich. Die Sendung hieß Rund um die Berolina und war auch etwa so. Die radio-phone Berliner Spießigkeit.

Aber der Redaktionsleiter war ein Vollblut-Lokaljournalist und der Job als Reporterin großartig: Ran an die Leute, ran an die Geschichten. Jeden Tag etwa dazulernen. Jeden Tag mit Neugierde und Wissensdrang dabei sein. Menschen im vermeintlich Kleinen die große Welt begreifbar machen, vor Ort, da, wo sie leben und arbeiten. In ihrer Lebenswirklichkeit, ihrem regionalen Umfeld. Es zumindest versuchen, jeden Tag aufs Neue.

Ein Symbolbild.

Ich bin ja bis heute immernoch und immer mehr überzeugt davon, dass der Lokal- und Regionaljournalismus riesiges Potential hat. Hätte. Haben könnte. Haben sollte. Naja, Sie wissen schon. Die Vorstellung hingegen, ich säße nun in einer wichtigen Zentralredaktion und würde mir tagelang die Finger ausschließlich über die Thüringer Landtagswahl wundschreiben, allein die Vorstellung bereitet mir inzwischen Bauchweh. Ich stelle mir vor, ich wäre Korrespondentin in London: Albtraum. Brexit, Brexit, Brexit, sonst kein anderes Thema in Sicht. Brex-shit, sagt die englische Schwägerin nur noch, fällt mir dabei ein, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

So jedenfalls male ich mir das aus, und dann bin ich wieder äußerst froh und dankbar, dass ich mich seinerzeit für die vermeintliche Provinz entschieden habe. Ist das nicht langweilig, ist da überhaupt was los?, fragen mich mitunter ausgerechnet Kollegen, die den lieben langen Tag am Rechner über Agenturmeldungen sitzen und von dort aus zweiter Hand die Welt erklären wollen oder müssen.

Ist da überhaupt was los? Nicht weniger als anderswo, würde ich jetzt mal behaupten, man muss allenfalls nur etwas genauer hinschauen und hinhören. Ich habe in den vergangenen Tagen einen Erzbischof getroffen, und eine Regierungspräsidentin, außerdem Bürgermeister, Kreisräte und einen Landrat. Das alleine wäre jetzt noch nicht der besonders beeindruckende Brüller, aber ich habe bei all diesen Terminen auch mit zahlreichen ganz normalen Leuten gesprochen, jede Menge gelernt, und manches verstanden und vielerlei Bezüge herstellen können, zu den Menschen, die hier leben, ganz konkret.

Ich habe etwas über die Nöte und Sorgen der katholischen Christen an der Odenwälder Basis erfahren, und gehört, wie das Erzbistum damit umgehen will (so ganz überzeugt hat es mich nicht). Ich habe mir erklären lassen, was es mit der schon lange geforderten Flächenkomponente bei den Schlüsselzuweisungen des Landes an die Kommunen auf sich hat, ein dicker Hund, dass das immernoch nicht umgesetzt ist, wenn Sie mich fragen. (Hallo? Die Gemeinden kriegen offenbar alle quasi das gleiche Geld, egal, ob sie zwei Ortsteile, zwei Friedhöfe und zwei Kläranlagen haben, oder vierzehn Ortsteile, vierzehn Friedhöfe und vierzehn Kläranlagen, das ist ja allerhand. So habe ich das jedenfalls verstanden.)

Ich habe beim allertollsten Schülermusical ever etwas über Marie Juchacz erfahren, Gründerin der Arbeiterwohlfahrt und erste Frau, die vor einem deutschen Parlament gesprochen hat. (Sehr spannend, da sollten Sie mal googlen, kein Tag ohne Horizonterweiterung und so). Und was die Schüler da geleistet haben: ganz unfassbar.

Ich habe erfahren, dass der Landkreis die Zahl der Biobetriebe deutlich erhöhen möchte, und ich habe mir die geologischen Probleme am Eckenberg bei Adelsheim erklären lassen (die sind nämlich dafür verantwortlich, dass die neue Brücke dort noch ein bisschen teurer wird als ohnehin schon.). Ausserdem durfte ich mich mit den Baukosten der Kläranlage des Zweckverbandes Seckach/Kirnau befassen, und mit der Frage, warum die Aussegnungshalle in Seckach-Zimmern nun doch anders gebaut wird als ursprünglich geplant. (Die überhitzte Baukonjunktur, die Preise treiben einem die Tränen in die Augen, ich sags Ihnen. Und die Gebühren für die Bürger in die Höhe, schlimmstenfalls).

Habe ich noch Themen der vergangene Tage vergessen? Ja. Pilzfrevler im Odenwald. Drückjagden, die den Verkehr behindern. Ein Jahrhundert-Straßenbau-Projekt, die Transversale. Immer noch in der Pipeline, vielleicht wirds was bis zum Jahr 2040.(Dazu gibt es sogar schon Bürgerinitiativen). Die Vision von einem expliziten Landkrankenhaus. Weil Krankenhäuser im ländlichen Raum eben anders funktionieren als Krankenhäuser in der Großstadt. Weil sie unter den aktuellen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen offenbar gar nicht wirklich funktionieren können. Aber Schließen keine Option sein kann. (Es gab da ein Telefonat zwischen dem Landrat und dem Herrn Gesundheitsminister, aber offenbar hat der Spahn nicht so recht angebissen. Noch nicht.).

Ein Abfallentsorgungszentrum habe ich auch noch besichtigen dürfen. (Das Thema geht uns durchaus alle an). Und eine Anlage zur Herstellung von Terra preta. Eine wahre Wunder-Erde, die schon in manchen Ländern erfolgreich eingesetzt wird, nur die Deutschen sind noch nicht so richtig überzeugt. Spannende Sache, sollten Sie ebenfalls googlen. (Wir werden damit jedenfalls im kommenden Jahr mal erste Kartoffel- und Tomaten-Feldversuche starten, also: stay tuned.) Und dann habe ich noch einen 21jährigen getroffen, der in mühevoller Kleinarbeit erstmals die Geschichte der Euthanasie-Opfer in seinem Heimatdorf recherchiert hat.

Puh. Jede Menge Themen. Ach ja, eine neu kreierte Odenwald-Torte konnte ich dienstlich auch noch verkosten, da ist irgendwas mit Grünkern drin, und jede Menge Sahne, die Kalorien tanzen als Topping oben drauf, aber sie schmeckt ganz vorzüglich.

Ist das nicht langweilig? Ist da überhaupt was los? Nicht mehr oder weniger als anderswo, tät ich mal sagen. Man muss nur genau hinschauen und hinhören. Ab morgen geht’s wieder weiter. In diesem Sinne: einen guten Wochenstart!

Unterwegs.

Langsam machen. Nicht gleich wieder voll Gas geben. Immer mit der Ruhe. Der Kreislauf, der Kreislauf. Nach drei Tagen Bettruhe hielt ich es heute für angebracht, mal wieder etwa ausführlicher an die frische Luft zu gehen.

Wobei das mit dem Gehen maßlos übertrieben ist. Ich zog es vor, zunächst mal auf allen Vieren zu kriechen. Nicht, um mir das Gras von unten zu betrachten, das wäre nun doch etwas übertrieben, Todes-Grippe hin oder her, – sondern um im untersten Unterholz ein paar Fotos zu knipsen. Und mich einmal mehr über die Wunder der Natur zu wundern. Naja, Sie wissen schon.

Zum Glück war niemand im Wald unterwegs, der mich hätte sehen können, wie ich da eine gefühlte Ewigkeit entweder andächtig im Schlamm saß oder kniete, winzige Pilze anbetete, mit den Händen im Laub rumkruschtelte oder in der Hocke andächtig über dem Waldboden schwebte – eine Körperhaltung, die im Übrigen durchaus zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen kann, auch und gerade im Wald.

Dabei ist derzeit viel los hier in den Wäldern ringsum, die Pilzsammler treten sich quasi gegenseitig auf die Füße, an den Wochenenden stehen die Autos bis weit in den Wald hinein, körbeweise schleppen die Leute Steinpilze, Maronen und wasweißichnichtalles heim, Richtung Heilbronn, Richtung Heidelberg.

Wider Erwarten ist es ein reiches, sattes Pilzjahr, und neben all den essbaren Pilzen sehe ich Exemplare und Gebilde, die ich noch nie zuvor gesehen habe, tausenderlei Arten in allen Farben und Formen. Im Laub, auf Baumstümpfen, an bemoosten Wurzeln, überall sind sie, klein und dick und groß und schlank und wuchtig und filigran. Es gibt Stellen im Wald, da muss ich mich nur einmal um die eigene Achse drehen, um Dutzende von Pilzen zu entdecken, zehn oder 15 oder 20 verschiedene Arten. Kaum eine davon kann ich benennen, aber ich gucke und staune.

Auch Fliegenpilze sehe ich in noch nie dagewesener Zahl, wie im Bilderbuch stehen sie da, feuerrot und nass glänzend im schattigen Unterholz, einzeln, in Gruppen, in weit ausladenden Kreisen. Es ist ein bisschen, als quetsche der Wald noch einmal alles aus sich heraus, alle Farben, alle Formen, Feuchtigkeit, Fruchtbarkeit und Leben, bevor er sich demnächst für ein paar Monate in den Winterschlaf zurückzieht.

Aber bevor uns jetzt noch romantisch oder allzu idyllisch ums Herze wird: Es gibt ja doch etwas, dass mich in diesem Jahr zunehmend (Achtung) ankotzt. Da sind diese Pilzsammler, die in halben Lieferwagen vorfahren und Pilze sammeln, dass es kracht. Drei, vier, fünf Männer quellen aus dem Fahrzeug und verteilen sich auf Befehl des Fahrers in alle Himmelsrichtungen. Bei Freunden am Waldrand waren es neulich vier Frauen asiatischer Herkunft, die auf die Ansage des deutschen Fahrers hin ausschwärmten. Ausschwärmen mussten, sollte es vermutlich eher heißen.

Was auch nur im Entferntesten nach Pilz aussieht, – unten eine Art Stiel, oben ein Hut, Form und Farbe ansonsten völlig wumpe – , alles also wird aus dem Boden herausgerissen und eilig in Taschen und Tüten gestopft. Die Männer und Frauen schleppen ihre Beute zurück zum Auto, der Kapo untersucht die Ware und sortiert aus. Was passt, kommt in die Kisten, was giftig oder ungenießbar ist, fliegt als Abfall auf den Boden. Tritt sich fest. Ist ohnehin nichts wert. Irgendwann verschwindet der Wagen so schnell wie er gekommen ist und hinterläßt einen Haufen zerrupfter, geknickter, zermanschter Pilze am Wegrand.

Und an Stellen, an denen eben im Wald noch ein wundersames, märchenhaftes Meer aus Formen und Farben war, bleibt ein zertrampeltes, löchriges Schlachtfeld zurück. Ich übertreibe an dieser Stelle vielleicht ein bisschen, aber mir ist gerade danach. Vor lauter Zorn. Naja, Sie wissen schon.

Kommen und gehen.

Die Jahreszeiten kommen und gehen, es ist der ewiggleiche Kreislauf, und manchmal denke ich, nirgendwo ist man diesem Kreislauf so nahe wie auf dem Lande. In der Natur. Wenn man sie denn wahrnimmt.

Jeden Tag bin ich da draußen, die Hunde wollen es so, jeden Tag laufe ich morgens die selbe Strecke. Und jeden Tag sehen die Wiesen und die Felder anders aus, man kann den Jahreszeiten beim Kommen und Gehen fast zusehen. Ganz zart und langsam geht hier was, kommt da was, aus dem Acker sprießen die ersten grünen Hälmchen, woanders verblühen die roten Blüten, dafür kommen die gelben, die Blätter verfärben sich, sie fallen ab, alles ganz leise und behutsam, aber unübersehbar.

So richtig bäääm! macht es im ewiggleichen Kreislauf aber auch manchmal, so richtig deutlich und massiv. Zack!, Wieder ein Jahr vorüber, wieder ein Jahr älter, wieder ein Schritt weiter Richtung Ende. Wenn die Kühe reingeholt werden, von der Weide zurück in den Winterstall, dann kommt mir das so vor. Bääm!. Aus und vorbei, der Sommer, der Herbst, das ganze Jahr, zack!, Ende Gelände. Unwiederbringlich.

Monatelang haben die Tiere draußen gestanden, jetzt ist es Zeit, wieder in den Stall zu gehen. Im nächsten Frühjahr wieder raus, im nächsten Spätherbst wieder rein. Dann wieder raus, dann wieder rein. Ich ertappe mich dabei, dass ich nachrechne, wie oft ich das noch mit-erleben werden kann und darf, diesen Kreislauf. Zehnmal? Zwanzigmal? Dreißigmal?

Miterleben, wie der Landwirt in Ruhe und mit beruhigender Stimme die Tiere zusammentreibt, hinein in das Gatter vor dem alten Stall unter Bäumen. Wie er da so über die riesige Weide geht, mit weit ausladenden Schritten, – ob er da auch nachdenkt über diesen Kreislauf, darüber, dass nun schon wieder ein Jahr rum ist? Er schon wieder ein Jahr älter wird? Ein Jahr Lebenszeit vergangen ist, einfach so?

Dann miterleben, wie die schnaufenden Kühe und Kälber in den Triebwagen gelotst werden, ohne Hektik, wieder mit beruhigender Stimme, selten mit einem aufmunternden „Auf jetzt!“, immer nur ein paar auf einmal, damit sie noch ein bisschen Bewegungsfreiheit haben. Im Schritttempo geht es dann über den Weg runter zum Stall ins Dorf, es ist ein Drängeln und Schieben, bis alle sich im Wagen sortiert haben und halbwegs gleichmäßig hinter dem Traktor herlaufen.

Die Alten kennen das Procedere, aber ich kann nicht sagen, ob sie gerne Richtung Stall ziehen, oder lieber auf der Weide blieben. Für die Kälber ist der Weg neu, sie tippeln aufgeregt mit, immer die Nähe zur Mutter suchend. Immer mal wieder gibt es ein gewisses Durcheinander, der Wagen hält an, neue Aufstellung, weiter geht’s. Wie im richtigen Leben, denke ich so bei mir, wenn größere Veränderungen anstehen.

Am Ende des Tages sind die Tiere im Stall, die Weiden stehen leer. Keine Kühe mehr, kein Geräusch. Nur die Zäune und ein paar matschige Kuhfladen erinnern stumm daran, dass die Fläche bis eben noch belebt war. Die Wiesen warten jetzt, bis ihre Zeit wieder neu beginnt, irgendwann im Frühjahr, in sechs, sieben Monaten. Das Jahr ist rum.

Eigentlich sollte ich solche Gedanken, wenn überhaupt, zu Silvester haben. Silvester als Schnittstelle zwischen altem und neuem Jahr. Silvester war und ist mir aber seit jeher reichlich schnuppe, reichlich fremd. Grölend und knallend den Jahreswechsel zu feiern, die Tatsache, dass heute noch Dezember im Kalender steht und morgen Januar, das habe ich noch nie so recht verstanden. Dass man in Bergregionen hingegen den Alm-Auftrieb und den Abtrieb feiert, mit geschmückten Kühen oder Ziegen, erscheint mir umso schöner, umso schlüssiger.

Mein gefühlter Jahreswechsel jedenfalls hat an diesem Wochenende stattgefunden. Danke, dass ich mal wieder dabei sein durfte! Ich habe im Übrigen nicht nur im Weg herumgestanden und Fotos geknipst, sondern auch ein ganz klein bisschen helfen dürfen, nicht, dass Sie denken, ich wäre nun insgesamt eigentlich komplett nutzlos.

Nun hat mich aber die Monster-Husten-Schnupfen-Grippe fest im Griff, wenn ich (m)ein Mann wäre, wäre ich schon längst daran verstorben, ich liege die meiste Zeit des Tages im Bett und glotze an die Decke und denke im Angesicht des vermeintlichen Grippe-Todes über die Vergänglichkeit nach. Und da wird man ja wohl auch mal ein bisschen sentimental werden dürfen. Naja, Sie wissen schon.

Grippaler Infekt. Symbolbild.

Arsch hoch!

Ich wollte diese Geschichte aus Halle ja erstmal konsequent ignorieren. Vogel-Strauß-Taktik, naja, Sie wissen schon. Aus psychohygienischen Gründen. Selbstschutz undsoweiter. Funktioniert aber nicht. Leider. Oder gottlob. (Falls Ihnen der Begriff Halle nun so gar nichts sagt, lesen Sie (Klick!) hier nochmal nach. Das ist aber definitiv nicht vergnügungssteuerpflichtig.)

Ich also erstmal: Vogel Strauß. Aber spätestens, als ständig vom Einzeltäter die Rede war, als die CDU-Vorsitzende warnblinkend von Alarmzeichen sprach und dann auch noch der Seehofer-Horst ankündigte, die Gamer-Szene zukünftig verstärkt unter die Lupe zu nehmen, weil Videospiele die Wurzel allen Übels seien, während andere wiederum sofort Aber die bösen Linksradikalen! schrien, und wieder andere reflexartig blökten, Schuld an allem sei ja ohnehin nur die Frau Merkel mit ihrer Migrationspolitik, – spätestens jetzt also zog ich den Kopf aus dem Sand und ließ ihn mehrfach rhythmisch auf die Tischplatte krachen. Das funktioniert im Prinzip als Ventil erstmal gut, verursacht aber erheblichen Schädelschmerz und hilft letzten Endes auch nicht weiter.

Der Vorsatz, der Plan, die Gedanken dahinter, die Tat, die politischen Reaktionen – das alles ist so unsäglich, dass ich das hier nicht weiter ausführen muss. Treue Leser wissen, was ich meine. (Dass ich in diesem Zusammenhang via Twitter ausgerechnet auf die Welt am Sonntag verweisen würde, hätte ja auch niemand für möglich gehalten. Klicken Sie auf das Bild und lesen Sie den ganzen Kommentar, dem ist kaum was hinzuzufügen.)

Treue Leser werden sich aber vielleicht auch fragen, was das Thema auf einem Blog über das idyllische Landleben zu suchen hat. Nicht viel. Oder vielleicht doch? Ich habe jedenfalls beschlossen, in diesem Jahr zu den hiesigen Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht zu gehen. Ich war da noch nie. Schlimm genug. Ich habe hier in der vermeintlichen Idylle bisher nie den Arsch hochbekommen, entschuldigen Sie bitte die Ausdrucksform, aber man muss es wohl in dieser Deutlichkeit sagen.

Ich nehme an, dass gerade auf dem Lande bei diesen Veranstaltungen immer die üblichen Verdächtigen erscheinen, ein, zwei Hände voll von Leuten, die immer da sind. Vielleicht auch ein paar mehr, was weiß denn ich. Auf jeden Fall stellvertretend für viele andere wie mich, die den Hintern nicht hochbekommen, sei es aus Faulheit, Gleichgültigkeit, Desinteresse oder Ignoranz. Schlimm genug.

Ich stelle mir vor, dass es in Berlin oder Hamburg oder München vielleicht nicht so sehr auffällt, wenn bei einer Gedenkveranstaltung zu den Juden-Pogromen, bei einer Demo gegen Hass oder einem Solidaritätskonzert 1000 statt sonst 800 Menschen sind. Oder 15.000 statt sonst 12.000. Dass es umgekehrt also auch nicht so sehr auffällt, wenn ich zuhause bleibe, in der wohlig-warmen Stube. Sie wissen, was ich meine.

Aber stellen Sie sich das mal in der besagten Idylle des sogenannten, besonders christlichen Hinterlandes vor: Wenn bei einer Veranstaltung in der klitzekleinen Stadt statt 50 plötzlich 500 Menschen erscheinen. Statt 100 vielleicht 800. Oder auf dem Dorf statt 30 satte 300. Ja, ich träume mal so vor mich hin. Aber das wird man wohl noch träumen dürfen! Das jedenfalls wäre mal ein sichtbares Zeichen. Und vielleicht das Mindeste, was man tun kann. Tun muss.

Also: Arsch hoch, Zähne auseinander und Gesicht zeigen.

In Mosbach gibt es demnächst hier eine Gelegenheit:

Sonntag, 10.11.2019 um 18:00 Uhr
Synagogenplatz in Mosbach
Gedenkfeier zur Reichspogromnacht


Und in (Klick!) Buchen auch.

Wer weitere Termine kennt, gerne in die Kommentare.

12 von 12

Der Zwölfte des Monats, zwölf Bilder, die ihn beschreiben. Ja, isses denn schon wieder soweit? Ja, leider, die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe, würde meine Berliner Großmutter selig jetzt sagen, und alle würden wissend nicken, obwohl niemand je begriffen hat, was dieser Spruch bedeuten sollte. Sei’s drum.

Hier verging heute die Zeit eher wie ein ausgebüxtes Kälbchen, kauend und schnaufend, in aller Ruhe, die Zeit schlenderte so herum, man konnte ihr beim Vergehen quasi zuschauen, es ist schließlich Samstag.

Huch! Nicht schlimm, das findet auch wieder auf die Weide zurück.

Am Morgen erst Fische füttern am See, dann Hunderunde mit Kälbchenkontakt also. Und vorallem mit blauem Himmel und Sonne. Seit Wochen nicht mehr gesehen, und heute umso mehr genossen.

Hunde. Müde.

Vormittags schnell zum Raiffeisenmarkt. Hühnerfutter kaufen. Und Bergsteiger-Lederfett, ja, da staunen Sie. Schon alleine wegen der Dose. Außerdem kann man Bergsteigerlederfett immer gebrauchen. Auch ohne Berge. Danach Bürokratenkram.

Unerfreuliche Dinge (Finanzamt) mit erfreulichen (Kuchen) verbinden.
Noch eine Hunderunde, und Sonne schon wieder essig.
Dafür auf dem Heimweg im Vorbeifahren den coolsten Hahn ever porträtiert. Einbacher Mühle, naja, Sie wissen schon.

Am Abend noch zu einer Vernissage zum Odenwälder Künstler in der anderen Ecke des Odenwaldes. Foto Nummer 12 machen. Damit wir das dann auch hätten.

Alle anderen Zwölfer vom Zwölften finden Sie wie üblich bei der (Klick!) Dame mit den Kännchen.

Pilzzombie.

Es sind diese grausamen Zeitgenossen, die mich mit einem einzigen dahingeworfenen Wort in den Wahnsinn treiben. Vorgebliche Freunde, die so ganz am Rande etwas erwähnen und dabei unschuldig tun, als wüssten sie nicht, dass damit der Tag, die Woche, der Monat für mich gelaufen ist.

Du, der Egon hat neulich die ersten Steinpilze gefunden, oder Ach, angeblich gibt es schon Pfifferlinge, sagen sie ganz und gar beiläufig, und ich bilde mir ein, sie grinsten dabei ein bisschen fies.

Ich höre dieses Wort, sei es Pilz, Steinpilz oder Pfifferling, und augenblicklich schalte ich in den Pilzmodus um. Ich kann da selber gar nichts ändern, es geht ganz von alleine, es kommt quasi über mich. So Jekyll-and-Hyde-mäßig.

Ich werde zum Pilzzombie.

Der Blick wird starr und ist fortan nur noch ins Unterholz gerichtet. Frau Lieselottes Ausbildung an der langen Schleppleine interessiert mich nicht mehr die Bohne, sobald ich im Wald bin, und das bin ich spätestens ab dann fast dauernd, dreimal täglich Minimum. Die Hunde ziehen und zerren und verwickeln sich um Bäume und Gebüsche, Rehe und Wildsäue fliehen verschreckt, das alles ist mir völlig wumpe, ich stolpere und strauchele mit gesenktem Haupt durchs Unterholz und glotze und glotze.

Das heißt, eigentlich glotze ich gar nicht so sehr, ich schnüffele vielmehr, der echte Pilzkenner orientiert sich ja am Geruch, ich schnüffele also fortwährend, obwohl ich überhaupt kein Pilzkenner bin, schnüffschnüffschnüff, das führt auf Dauer zu einer gewissen Hyperventilation, begleitet von leichten Ohnmachts- und Schwindelgefühlen. Macht nichts, mich hält nichts und niemand auf.

Ich stolpere also schnüffelnd und glotzend, ich krieche und krauche über den Waldboden, Äste und Zweige verfangen sich im Haar und bereiten sich dort auf ein Leben als Vogelnest vor, sie schlagen mir die Brille von der Nase und hinterlassen Schmisse im Gesicht, die jeden Verbindungsstudenten vor Neid erblassen ließen, Brombeerranken verkratzen mir die Arme. ach, was, das bisschen Blut!, und zerreißen mir das T-Shirt.

Manchmal gehe ich auch mit dem Gatten auf Tour, wir nennen das Spazieren, in Wirklichkeit ist es nur ein neuerlicher Beutezug. Das ist für Außenstehende ein vielleicht etwas eigentümliches Bild, wir gehen nebeneinander her und starren auf die jeweils eigene Seite des Weges, stundenlang sind sich nur die Hinterköpfe freundlich zugewandt.

Bei Gesprächsbedarf brabbelt jeder in seine Richtung Unterholz, ins vermeintliche Pilzparadies hinein, meistens aber eher ins Nirvana und völlig unverständlich für den anderen. Das macht aber nichts, weil der andere in seiner Pilzfixiertheit ohnehin nicht zuhört. Ich könnte in solchen Momenten sagen Mein lieber Geo, ich lasse mich scheiden, oder Liebster, wir bekommen Zwillinge!, der Gatte würde nur rufen Boah!, Wahnsinn!, da!, guck mal, da hinten!

Ey, immer mit der Ruhe, werden Sie jetzt sagen, die Pilzsaison hat doch noch gar nicht richtig angefangen. Jahahaaa, das weiß ich auch, Sie kleiner Schlauberger, die Saison fängt erst dann wirklich an, wenn am Waldrand Autos mit HD- oder HN-Kennzeichen stehen, schon am frühen Morgen, oder gar Kleintransporter mit polnischen und allerlei anderen fremdländischen Kennzeichen. Dann kann man sicher sein, dass es im Wald tatsächlich was zu holen gibt. Aber ich bitte Sie: Wer will dann noch Pilze haben, wenn sie alle haben können? Echt jetzt. Ich will die Erste sein, gefälligst.

Foto: Dagmar Schmitt, pixelio

Wenn Sie also von diesen Tagen an, bis tief in den Oktober hinein, eine merkwürdige Gestalt im Wald treffen, mit wirrem Haar und irrem Blick, hyperventilierend taumelnd, mit verschrammelierten Armen, einem Stoffbeutel vom Apotheker und einem Messer in der Hand: ruhig Blut, das bin nur ich. Ich beiße nicht, ich will nur Pilze. Sie dürfen ruhig näherkommen und mich ansprechen, selbst, wenn ich vermutlich darauf gar nicht reagiere.

Nur eines will ich Ihnen sagen: Kommen Sie mir bloß nicht mit dem üblichen und völlig verständnislosen Spruch meiner Odenwälder Dorfnachbarschaft. Wieso machen Sie sich die Mühe? Pilze kann man doch auch kaufen, sogar tiefgefroren!

Dann haue ich.

P.S. Für alle mitlesenden Pilzfreunde aus Heidelberg und Heilbronn und was weiß ich wo. In Wirklichkeit gibt es im Odenwald gar keine Pilze. Ehrlich. Ich habe noch nie einen einzigen gesehen. Sie können also getrost zuhause bleiben. Oder ganz woanders suchen. Odenwald? Lohnt sich nicht, die Fahrt. Wirklich, glauben Sie mir. Sparen Sie sich das Benzingeld und kaufen sich davon ein paar schöne Pilze im Supermarkt. 

P.P.S. Dieser Beitrag ist 2017 schon mal erschienen, aber so aktuell wie eh und je.