Zum Muttertag.

Ich las da vor ein paar Tagen einen sehr hübschen Text im Internet, bei dem es um die Frage ging, warum manch einer sich ziert, Vögel anzufassen. Also alles, was Federn hat und lebt, nicht die tiefgefrorenen, mitunter halbierten Vögel in der Tiefkühltruhe. Und dass ein jeder überhaupt viel öfter Vögel, insbesondere (Klick:)  Hühner anfassen sollte.

Ich kann das natürlich  alles unterstreichen, aber auch ich habe es als Kind gehasst, Vögel in die Hand zu nehmen, und wenn irgendwo ein abgestürztes und leicht benommenes Exemplar herumlag, habe ich nach Mamiiii geschrien, aber es doch um Himmelswillen nicht selber angelangt. Es war eine Mischung aus Ekel und Angst, das kleine befiederte Gerippe zu zerdrücken. Knack, knack, naja, Sie wissen schon, man war ja auch als Kind eher grobmotorisch unterwegs.

Wirklich und ausschließlich ausgesprochen ekelhaft fand ich hingegen Moritz, den Wellensittich meiner Freundin, er flatterte wild durchs Kinderzimmer, haarscharf an meinem Gesicht vorbei, ich spürte den Lufthauch, er machte Sturzflüge Richtung meiner ohnehin schon suboptimalen Frisur und knabberte an nackten Zehen herum, nein, es war alles ganz und gar eklig.

Bis heute liebe ich Tauben, wenn sie still irgendwo herumsitzen, sie sollen von mir aus gurren, was das Zeug hält, auch morgens früh um Fünf, aber sie sollen bitte, bitte nicht vor mir aufflattern, ich gerate dann an den Rand eines hysterischen Anfalls. Ich war als Kind mal mit dem Vater auf dem Markusplatz in Venedig; den Anwohnern dort, falls es sie denn gibt, wird mein Geschrei bis heute in den Ohren klingen.

Also, wie dem auch sei: Hühner anfassen finde ich inzwischen ganz prima, die glänzenden Federn, das zarte Gerüst darunter, die warme Brust, überall die krabbelnden Milben,  der schöne Kopf, das leise Schnurren und Schmatzen, wenn es ihnen gut geht.

Nun gibt es ja aber Situationen im Leben eines Huhnes, in der sich eben jenes Huhn partout überhaupt nicht anfassen lassen will. Wir haben da so eine Vertreterin im Stall, ich habe ihr schon in weiser Voraussicht nie einen Namen gegeben, so, als hätte ich damals schon gewusst, dass sie einfach ein dämliches Vieh wird. Selbst im normalen Hühneralltag weicht sie jeder Berührung, jeder Nähe aus, sie hackt und triezt alle anderen Hühner und verteidigt jedes Futterkorn, als könnte es das letzte sein.

Das alles ist aber nichts gegen die momentane Situation – und jetzt schaffen wir auch endlich den Bogen zur Überschrift dieses Beitrags, zum Muttertag. Die Dame also hat sich vor ziemlich genau drei Wochen entschlossen, Mutter werden zu wollen, ausgerechnet. Naja, wie das manchmal halt so geht.  Sie entschloss sich also, Mutter zu sein und verwandelte sich im selben Augenblick in eine Furie, deren aggressiv-mütterliches Verhalten alles bisher Gewesene in den Schatten stellt.

Die Natur hat das zwar clever eingerichtet, Schutz der Eier und der Küken undsoweiter, aber es stellt den Hühnerhalter vor gewisse Herausforderungen. Wer ihr neues Futter, frisches Wasser in den Gluckenstall stellt, riskiert den Verlust einer Hand, wenn nicht des ganzen Arms, und wenn sie dann losbrüllt, brülle ich dagegen an, die Federn und die Fetzen fliegen, der Erste-Hilfe-Kasten liegt griffbereit, kurzum: es spielen sich dramatische Szenen vor dem kleinen Ausweichstall ab.

Wenn aus den Eiern denn Küken schlüpfen sollten, vielleicht heute schon, am Muttertag, dann wird sie eine grandios-vorbildliche, beschützende, alles-bis-aufs-Blut-verteidigende Mutter werden, glauben Sie mir. (Dass die Küken solcher Hennen jetzt schon mal ein Sparkonto anlegen sollten, um später den Psychotherapeuten zu bezahlen, das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.)

Weil ich ihr aber offenbar ebenso unsympathisch bin wie sie mir, legt sie noch eins drauf. Womit wir wieder beim Thema Ekel wären, siehe oben. (Wenn Sie noch nicht gefrühstückt haben, sollten Sie jetzt besser nicht weiterlesen). Das heißt, sie legt eben nichts drauf, und genau das ist das Problem.

Aus einem Hühnerhinterteil kommen ja nicht nur Eier heraus, sondern in normalen Zeiten ununterbrochen auch andere Dinge, kleine schwarz-weiße Klümpchen, die gleichmäßig in der Wiese fallengelassen und verteilt werden. Weil aber die Glucke beim Brüten den gesamten Kreislauf runterfährt und ja nicht ständig aufstehen und austreten kann, sammelt sie die schwarz-weißen kleinen Klümpchen einfach in irgendeiner mysteriösen Ecke ihres Darmes, bis die vielen kleinen Klumpen zu einem gigantischen Riesenklumpen zusammengewachsen sind.

Aber dann! Einmal pro Woche stehen unsere Glucken in der Regel von den Eiern auf, um unter Absingen derber Flüche explosionsartig zumindest die nötigste Notdurft zu erledigen, die bis dahin Ausmaße angenommen hat, die einen überfressenen Deutschen Schäferhund vor Neid erblassen ließen. Auch olfaktorisch ist das vom Allerfeinsten, ich habe mir schon vor Jahren so eine Art Gasmaske zugelegt, um bei der anschließenden Reinigung und Entsorgung nicht tot umzufallen.

Und was macht unsere aktuelle Möchtegerne-Mutter? Nichts. Null. Nada. Niente. Seit drei Wochen kein Klümpchen, kein Schäferhund-Haufen, kein Angriff auf die menschlichen Riechkolben. Sie wirkt immernoch gesund und angriffslustig, und wenn ich mich nicht täusche, sehe ich ab und zu ein hämisches Grinsen in ihrem Gesicht, und ich durchschaue ihren Plan.

Sie macht das mit Absicht. Sie wird heute oder morgen oder übermorgen von den Eiern aufstehen, ob mit oder ohne Küken, dann wird sie sich kurz die Beine vertreten und sich einmal schütteln, und dann: Bääämmm. Ein Haufen von der Größe eines deutschen Mittelgebirges. Ein kurzes Beben wird das Dorf erschüttern, dann werden die heulenden Sirenen anspringen, und dann werden sie im Radio sagen, dass zwar keinerlei Gefahr für die Bevölkerung besteht, Anwohner aber dennoch Türen und Fenster geschlossen halten sollen.

Scheiß auf den Muttertag, will die Henne damit vielleicht sagen, und wer weiß, wem sie da alles aus der Seele spricht. Und es könnte sein, dass sie mir dann doch wieder fast ein bisschen sympathisch wird, irgendwie. So als alleinerziehendes, emanzipiertes Huhn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10 Kommentare

  1. Oh Mon Dieu,- was bin ich froh, daß unsere Deutschen Sperber zwar fleißige Eierlegerinnen gewesen sind aber wenn es darum ging, nun mal bitteschön auch zu brüten, uns den langen Mittelfinger gezeigt haben.

  2. Ich wünsche mir dann aber unbedingt ein Foto des Haufens – unbedingt, ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen ;-) und natürlich von den Küken – so als Ausgleich.

  3. Guten Morgen! Hätte beim frühen Lesen Deines tollen Berichtes beinahe mit lautem Lachen meine Familie geweckt! Diese Glucke ist ja wirklich eine tolle Mutter und spricht mir aus der Seele bezüglich Muttertag, also Danke Dir!
    Einen schönen Start in die Woche und bin auf weitere Geschichten um dieses exzentrische Federvieh gespannt.
    Liebe Grüße
    Nina

  4. Oh Himmel! Danke für das erste heftige Lachen meinerseits seit Tagen! (Ja, wir haben ja auch gut lachen, hier auf der anderen Seite des Bildschirms…wir riechen es ja nicht, wenn’s denn passiert ) :-)

  5. Ach wie gerne habe ich immer die kleinen Hühner- und Entenküken in die Hand genommen und gestreichelt. Das war immer toll, erst bei meiner Tante in Brandenburg, später bei meinen Eltern. Wir hatten auch einen Prachtrosella, dann einen Nymphensittich und zum Schluss einen Wellensittich. Aber Stall ausmisten, den Geflügelauslauf harken oder Käfig säubern habe ich gehasst.

  6. Pingback: Pfingsten, das liebliche Fest. – LandLebenBlog

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