Neues aus dem Irrenhaus.

Ziegen und Hühner tanzen uns weiterhin auf der Nase herum, sie machen, was sie wollen, sie gehen über Leichen Zäune, sie trampeln nieder, was sich in ihren Weg stellt, und immer wieder müssen wir sie aus Ecken des Grundstücks heraustreiben, in denen sie definitiv nichts zu suchen haben. Zumindest unserer Meinung nach.

Sie brechen also wieder und wieder aus dem wackligen Hochsicherheitsgehege aus, bleiben aber dennoch immer auf dem umzäunten Grundstück, viel kann da ja eigentlich demnach nicht passieren. Der Zaun zur Straße ist unüberwindbar, ehrlich, da käme nicht mal eine Bergziege drüber oder durch. Von flugunfähigen Hühnern ganz abgesehen.

Dennoch verfallen mein Geo und ich regelmäßig in eine hysterische Panik, sobald wir eine ausgebüxte Ziege oder ein ebensolches Huhn sehen. Nur, weil die dämlichen Drecksviecher mal jenseits des Gehegezaunes sind, und nicht diesseits. Oder umgekehrt, je nach Sichtweise und Perspektive. Der liebe Himmel weiß, warum, ich bin ansonsten eher unhysterisch unterwegs.

Mein Geo schreit dann durchs ganze Haus nach Hilfe, als stünde irgendwas in Flammen, ich renne panisch los, wir stürzen an die Ausbruchsstelle und versuchen wild fuchtelnd und hampelnd und schimpfend die Tiere wieder ins Gehege zu treiben. Dass ein solches Verhalten beim Umgang mit Tieren in der Regel kontraproduktiv ist, ja, das wissen wir, wir haben schließlich die entsprechende Fachliteratur inhaliert. Naja, Sie wissen schon. 

Aber heute habe ich fürs Leben gelernt.

Auf der Kreuzung im Dorf war Putenalarm. Ortskundige wissen genau, wo das war, es gibt im Dorf nämlich nur diese eine vereinsamte Kreuzung. Jedenfalls standen da am Morgen ein paar Puten herum, auf der noch verschlafenen Fahrbahn und daneben. Nachdem ich nun schon eine Weile hier lebe, ahnte ich sogleich, dass die da nicht hingehören, ich informierte die Chefin des Gasthauses an der Kreuzung, und die wiederum rief den Putenbesitzer an.

Ich stieg also aus dem Auto aus und betätigte mich als Putenpolizei, denn die lieben Tiere waren auf dem Weg Richtung Ortsausgang, und ich hielt das für keine gute Idee. Man kennt ja die Warnmeldungen im Radio, Vorsicht, freilaufende Tiere auf der A6, man kennt die Bilder von Massenkarambolagen und schlimmen Wildunfällen, also nein, so hübsch das im Nachbardorf auch sein mag, ich fand die Idee schlichtweg falsch.

So stand ich in gebührlichem Abstand als menschliches Durchgang-verboten!-Schild, der Puterich machte dicke Arme, senkte hin und wieder den Kopf und den schrumpelig-wackelnden Hals und gab merkwürdige Laute von sich.

Ich wartete also leicht angespannt auf die Ankunft der Putenbesitzer, ich sah vor meinem geistigen Auge Menschen mit hochrotem Kopf herbeirennen, völlig aufgelöst und verzweifelt ob der wandernden Puten.

Stattdessen näherte sich gemäßigten Schrittes ein Mann, er pflückte sich auf dem Weg einen Apfel und kaute genüsslich, er schlenderte zu den dicken Puten hin, ignorierte meinen lebensgefährlichen und aufopfernden Einsatz als Putendompteuse völlig und sprach nur einen einzigen Satz: Na, da seid Ihr aber heute weit gekommen! Und in seiner Stimme schwang eine gewisse Bewunderung für die Unternehmungslust seiner Tiere mit. Dann ging er hinter den Putenhaufen und dirigierte die watschelnden Vögel wortlos und mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen Richtung Zuhause.

Jetzt also habe ich meinen Star gefunden. Mein leuchtendes Vorbild. Ein toller Mann. So will ich auch sein. Sie werden hier also in Zukunft keine Neuigkeiten aus dem Irrenhaus mehr lesen. Weil es kein Irrenhaus mehr sein wird. Weil wir gelassen, ja, geradezu meditativ mit allem umgehen werden, was da so kommen möge. Wir werden uns doch nicht verrückt machen lassen, von ein paar nicht mal wirklich ausgebüxten Ziegen und Hühnern, also, ich bitte Sie. Das wäre doch gelacht.

So sei es und so bleibe es, bis in alle Ewigkeit, Amen.

 

 

 

8 Kommentare

  1. Schön, wenn eine persönlich sieht, wie es auch gehen kann.
    Aber dennoch: Dank an die mutige Geflügelretterin. Ich finde, dass darf auch mal geschrieben werden.
    Ahoi
    Oona

  2. Jeden Morgen 3 Schöpflöffel Gelassenheit unters Müsli rühren😎. Erstklassige Motivationstory für den morgendlichen Montagsstart in die vor uns liegende letzte Ferienwoche im Büro!

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