Der Hirte.

Es gibt sie auch nach all den Jahren immernoch und immer wieder, diese Situationen, in denen ich schaue und staune und mich an der ländlichen Idylle freuen kann. In der Regel ist die Idylle ja gar nicht immer so idyllisch, aber auf den ersten Blick sieht es zumindest sehr idyllisch aus, und alles Weitere, un-Idyllische, erfahre ich dann häufig beim zweiten Hingucken oder im Gespräch. Manchmal aber will ich es gar nicht erfahren, ich will einfach für einen Moment schauen. Staunend und stumm.

Schafe, Hunde und den Hirten sehe ich schon von Weitem, neulich, als ich mit dem Auto von hier nach dort unterwegs bin. Auf einer riesigen Wiese grasen die Tiere, rennen hechelnd drei Hunde, steht mit wiegendem Oberkörper der Hirte. Kommen Sie näher! ruft er mir zu, als ich langsam in Richtung der Schafe gehe, kommen Sie näher, ich freue mich immer über Besuch. Auf zwei Krücken steht er gestützt, orthopädische Gehhilfen, deutlich weniger idyllisch als der erwartete Hirtenstab.

Kinderlähmung, sagte er und hebt wie zum Beweis die eine Krücke in die Höhe, schon immer. Ich kenne es nicht anders. Hinderlich war mir das nie. Nur herausfordernd.

Schon als Kind habe er einen Hund gewollt, und als der dann endlich eines Tages einzog, wollte er ihn ausbilden, an der Herde. So kam er zu den Schafen. Ein paar Jahre lang hatte er eine eigene Herde, aber das ist lange her. Jetzt ist er als Hirte unterwegs, hütet die Herde seines Auftraggebers, zieht mit den Tieren vom hohen Odenwald runter in den angrenzenden Landkreis, tagelang. Immer über Wiesen. 

Nachts zäunt er die Schafe ein und fährt nach Hause, mit den Hunden. Ein warmes weiches Bett, das muss schon sein, sagt er lachend, die Zeiten im Schäferwagen sind vorbei. 71 Jahre ist er alt, seine wachen Augen kontrollieren ununterbrochen die Herde, die Hunde; und wenn er unvermittelt brüllt – weil Hirten oft vermeintlich unvermittelt brüllen – ist seine kräftige Stimme die eines jungen Kerls.

Wir plaudern ein bisschen, die Schafe rupfen das Gras, die Hunde hecheln und rennen, wir schauen und schweigen gemeinsam.  Viel zu selten, denke ich, dass man mit wildfremden Menschen so schauen und einfach schweigen kann. Gemeinsam schweigen, das kann ich sonst nur mit wenigen sehr guten Freunden.

Ich mache noch ein paar Bilder, dann verabschiede ich mich. Im Auto fällt mir ein, was ich noch alles hätte fragen wollen, was ich noch gerne erfahren hätte. Nicht mal nach seinem Namen habe ich gefragt. Aber das gemeinsame Schweigen war auch gut. Vielleicht sogar noch besser.

 

 

 

 

Falls Sie Hirtengeschichten mögen: da habe ich schon mal eine geschrieben. Ich bin nämlich ein bisschen verliebt in Hirten und Schäfer. 

 

 

 

 

8 Kommentare

  1. Wenn Sie den Hirten nochmal sehen, sagen Sie ihm bitte einen lieben Gruß! Ich finde es stark, wie manche sich durch’s Leben beißen und dann noch so ein offenes Gesicht bewahren!

    Liebe Grüße
    Franziska

  2. Ich kann Dich so gut verstehen!
    Aber, wenn ich ehrlich bin und obwohl ich sie bewundere, mag ich nicht tauschen.
    Danke für die wunderbaren Bilder und Geschichte.
    Liebe Grüße
    Nina

  3. Danke für die Wiedergabe eurer schönen Begegnung – ihr seid Beide so bewundernswert :-)!
    Wie sagt es doch Antoine de Saint Exupéry so schön:
    „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“
    LG aus Chemnitz

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