La Chapelotte.

Der Wald ist freundlich in den Vogesen. Besonders hier oben, auf dem Col de la Chapelotte. Sandiger, weicher Boden, zarte Birken und Eichen, schlanke Kiefern und riesige Esskastanien, die ihr gelbes Herbstlaub wie einen Sonnenschirm über die Wege breiten, damit dem Wanderer der Aufstieg nicht allzu anstrengend wird.

Überall auf den Wegen liegen die Eicheln und die Esskastanien, die Natur wirft ihre ganze Fülle dem Besucher zu Füßen, fast wird das Gehen dadurch erschwert. Ein Herbst wie ein rauschendes Fest.

Ja, ich hatte nur das olle Händi dabei. Sie müssen halt selber mal da hinfahren.

Und doch ist das hier oben ein einziges Schlachtfeld. Ein ehemaliges, zumindest. Gäbe es ein Ranking der grauenhaftesten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, wäre La Chapelotte vermutlich eher so im Mittelfeld zu finden, Verdun stünde da wohl an oberster Stelle. Aber so ein Ranking interessiert niemanden, und schon gar nicht die Tausenden von Toten auch hier oben auf La Chapelotte.

Franzosen und Deutsche haben hier gegeneinander gekämpft, das felsige Gelände war unübersichtlich, so entschied man sich für den Minenkampf. Den Gegner unterirdisch wegbomben. Auf beiden Seiten wurden Bunker gebaut, Versorgungsschächte für Strom und Luft, ganze Stollen in den Berg hineingetrieben.

Reste eines Stolleneingangs. 80 Meter geht es hier in die Tiefe.

Derselbe Stolleneingang vor seiner Zerstörung 1918. Man beachte die Schmalspurschienen für Loren.

Rund um den Berg und durch den Wald, den freundlichen, geht es durch Gänge und Schützengräben, die in den harten Fels gehauen sind, eine qualvolle Schinderei, wochenlang, monatelang. Aber nichts gegen die Qualen, die in den kommenden Jahren folgen sollten hier oben.

Monatelang, jahrelang waren die Soldaten hier, tausende von jungen Männern, die noch mit Hurraa! in diesen Krieg gezogen waren. Sie haben geschossen und gelitten, gesungen und vielleicht gebetet, gegessen, getrunken, geschlafen. Sie haben bestimmt auch mal gelacht, sich von ihren Mädchen daheim erzählt, von ihren Kindern, sie haben Sehnsucht nach Zuhause gehabt, weiter geschossen, geschrien, geweint, sich heimlich verbrüdert, sich gegenseitig weggebombt. Alleine 2000 Franzosen sind auf La Chapelotte ums Leben gekommen, heißt es auf einem Schild im Wald, zu der Zahl der deutschen Todesopfer habe ich auf die Schnelle im Internet nichts finden können.

Einen Hinweis auf die Ruinen eines deutschen Lazaretts auf La Chapelotte hatte ich im Netz aber entdeckt, ein versteckter Ort, bisher nicht markiert, nicht ausgeschildert, schwer zu finden.

Reste eines Lazaretts.

Unterhalb des Lazaretts die verfallenen Reste einer Seilbahnstation. Wenn es im unwegsamen Gelände um Waffennachschub oder Kranken- und Material-Transporte ging, scheuten die Deutschen weder Kosten noch Mühen.

 

Kaum ist es im Kopf und im Herzen zusammenzubringen. Die absolut friedliche, freundliche Natur an diesem wundervollen Herbsttag – und die Schützengräben, die Minentrichter überall im Gelände, die Bunker und das Grauen dieser Kämpfe. So schlängele ich mich durch die in den Fels gehauenen Gänge und durch diese merkwürdig holprige Landschaft, in der jeder einzelne Hügel, jede größere Senke eine eigene, entsetzliche Geschichte zu erzählen hat. Unfassbar! höre ich mich hin und wieder raunen, absolut unfassbar!

Dann raschelt es schon wieder im Gebüsch, die Hunde reagieren, gucken, ziehen an der Leine. Der freundliche Wald ist voll mit freundlichen Franzosen, die Esskastanien sammeln. Tütenweise, eimerweise. Überall kriechen sie hier oben gebückt durch das Herbstlaub, prüfen, bewerten, werfen die Maronen wieder auf den Boden oder in den Eimer.

Mit einer älteren Frau mit zwei großen Eimern komme ich in ein kleines Gespräch, soweit das mit meinen Französisch-Kenntnissen möglich ist. Es geht um Hunde, natürlich, Ich habe auch zwei, aber sie ziehen so furchtbar, dass ich sie hier zum Sammeln nicht mitnehmen kann, sagt sie. Dass ich meine Beiden vor dem traurigen Schicksal als südländische Strassenköter gerettet habe, verdiene einen Orden, lobt sie mich. Bonne Journee!, ruft sie am Ende fröhlich-winkend hinter mir her und verschwindet lachend wieder im Unterholz mit der grauenhaften deutsch-französischen Geschichte, um zwischen Schützengräben und Bombentrichtern nach Esskastanien zu suchen.

Und ich bin mir am Ende nicht sicher, ob ich das äußerst befremdlich – oder doch sehr tröstlich finden soll.

Nationalfarbiges Rindenmulch an einer Gedenktafel.

 

 

 

Prioritäten.

Der Typ ist mir gleich aufgefallen. Ich habe ja durchaus einen Sinn für attraktive Männer. In diesem Fall fasziniert mich aber weniger sein Aussehen, sondern vielmehr das, was er tut.

Samstag Vormittag, ein Supermarkt auf dem Lande, in den Vogesen, am gefühlten Ende der Welt. Genau gesagt gibt es in dem winzigen Provinznest drei riesige Supermärkte, oder sogar vier, aber der Leclerc ist vermutlich der feinste von ihnen, und sicher auch der teuerste, weil un-discounterisch.

Foto: M.E./pixelio.de

Und brechend voll ist er an diesem Morgen. Wenn ich mir die halbausgestorbenen Dörfer rundum anschaue, dann frage ich mich, wo plötzlich all diese Menschen herkommen. Sie kaufen ein, als gäbe es kein Morgen, oder als drohe den französischen Vogesen eine Hungersnot. Der Vollständigkeit halber muss ich allerdings erwähnen, dass das hier an jedem Wochentag so zugeht, nicht nur samstags.

In dem gigantischen Laden jedenfalls steht dieser attraktive Franzose mittleren Alters, er steht vor der Blumenkohl- Auslage, die allein schon die Ausmaße eines Handballfeldes hat, wie das halt in Frankreich so ist. In diesem Moment gibt es nur den Mann und den Blumenkohl. Er steht in einer Mischung aus Konzentration und Meditation vor den Kohlköpfen und scheint die anderen Kunden gar nicht mehr wahrzunehmen, die in Dutzenden und nach einer genetisch angelegten Choreographie (oder der französischen Straßenverkehrsordnung, wer weiß das schon) an ihm vorbei drängeln, schieben, fachsimpeln, lachen oder sich gegenseitig ihre XXL-Einkaufswagen in die Hacken rammen.

Der Mann steht also vor knapp 100 Blumenkohlen, er scannt mit seinen Augen die Auslage ab, dann hebt er langsam die Arme und umfasst mit zartem Griff einen Blumenkohl, vorsichtig, wie ein Neugeborenes, hebt er den Kohlkopf aus der Auslage und beugt sich langsam über ihn, um an den weißen Röschen zu schnuppern. Sehr behutsam tut er das, fast wirkt es wie eine sakrale Handlung.

Der Blumenkohl allerdings scheint seinen sakralen oder olfaktorischen Anforderungen nicht gerecht zu werden, vorsichtig legt er ihn zurück in die entstandene Lücke, scannt wieder die gesamte Auslage und schreitet sie langsam ab, hebt vorsichtig den nächsten heraus, beugt sich über ihn, schnüffelt. Drei-, viermal geht das so, bis der Mann sich für einen Blumenkohl entschieden hat, der sowohl in der Druck-, wie auch der Riechprobe erfolgreich abschneidet. Der  Auserwählte wandert vorsichtig in eine hauchdünne Plastiktüte und wird dann auf all den anderen Gütern im XXL-Einkaufswagen behutsam abgelegt.

Foto: Herbert Dazo/pixelio.de

Dass mich das so dermaßen fasziniert, dass ich den Mann minutenlang anstarre, entlarvt mich dabei natürlich als doofe Deutsche. Kein anderer schenkt der heiligen Handlung irgendeine Aufmerksamkeit, denn im Prinzip macht der Mann ja, was offenbar alle Franzosen machen, wenn sie Nahrungsmittel einkaufen: riechen und fühlen, ehrfürchtig tasten und drücken, fachmännisch probieren und auf der Zunge zergehen lassen.

An der Käsetheke stehen diese Typen, die in ihren ausgeleierten Acryl -Jogginghosen zu wohnen scheinen, der Hosenboden nach unten verrutscht, freier Blick auf die Kimme, gerne auch mal unrasiert (das Gesicht, die Kimme sowieso) und mit wild bedruckten T-Shirts über der etwas zu dicken Brust. Sie stehen an der Käsetheke, wahlweise Fisch-oder Fleischtheke, vergessen für einen Moment ihre brüllenden rotznasigen Blagen, die im riesigen Einkaufswagen zwischen den Schätzen wie in einem Bällebad hocken und lautstark zanken, sie probieren hier, probieren dort.

Sie fachsimpeln mit der etwas mausgrauen Verkäuferin, die für einen Moment die schönste und wichtigste Frau in ihrem Leben zu sein scheint, sie entscheiden, verwerfen, plaudern, probieren nochmal und nochmal und entscheiden erst dann. Die erstandene Ware wird hernach nicht mit männlicher, lässig-cooler Geste in den Wagen geworfen, sondern eher gebettet, zu den brüllenden Kindern und zu all den anderen wertvollen Schätzen.

Am Ende sind die Einkaufswagen randvoll gefüllt, wie Güterwaggons so groß, alles wird noch einmal sorgfältig auf das Förderband an der Kasse gelegt, dann wiederum halbwegs sorgfältig in den Wagen verstaut. Die Digitalanzeige an der Kasse zeigt in der Regel eine dreistellige Summe, das scheint hier normal zu sein, und niemand beschwert sich, dass er an der Kassenschlange hinter jemandem gelandet ist, der eben mal 238 Artikel zu bezahlen hat.

Das Warten hat ja auch eine gesellschaftliche Komponente, man kommt mit Vorder- oder Hintermann ins Gespräch, über die Qualität der Weine, des Käses, des aktuellen Rinderfilets im Angebot. Nein, die Pilze habe ich noch nicht mitgenommen… der Sommer!, ach, ach, der Sommer!, alles viel zu trocken…. Aber die Wachteln da hinten im Regal, haben Sie die gesehen?, davon habe ich mir gleich sechs Stück eingepackt.

Dann geht es mit dem prall gefüllten Wagen quer über den gigantischen Parkplatz, vorbei an all diesen kleinen, praktischen Autos, die alle zu fahren scheinen, zumindest hier auf dem Land. Chromblitzende Familienvans mit den Ausmaßen eines Leopard- Panzers der Bundeswehr findet man hier ebensowenig wie diese technikstrotzenden 280 PS- Einfamilienhäuser, die auf deutschen Supermarktparkplätzen das Bild bestimmen, Sie kennen das: je billiger der Discounter, desto größer die Autos davor.

Hier stehen kleine neue Autos herum, kleine alte Autos, und klitzekleine uralte Autos, Dreckschleudern und knatternde, hustende Rostlauben, die von einem langen Leben und allerlei schlechten Straßen erzählen. Hauptsache, die kleinen Neuen und die Schrottschüsseln fahren von A nach B und transportieren die Schätze nach Hause.

Prioritäten setzen nennt man das wohl.
Savoir vivre, naja, Sie wissen schon.

 

 

 

P.S: Ich bin ermuntert worden, diesen Beitrag zur Blogparade #SalonEuropa des Museums Burg Posterstein hinzuzufügen, was ich hiermit natürlich gerne mache. Was die Geschichte mit Europa zu tun hat? Wir fahren doch alle dauernd quer durch Europa. Und sollten uns vielleicht hie und da das Eine oder Andere abgucken. Zum Beispiel, dass Geld besser in gute Lebensmittel investiert wäre als in schicke Autos. Meine janz persönlische Meinung, wa. Naja, Sie wissen schon. 

 

 

 

 

Schöne Aussichten.

Ich war also dieser Tage in der grossen Stadt, und ich habe dort, in der Wohnung von Freunden, ein paar Blicke nach draußen werfen dürfen, von der Terrasse aus, und vom Schlafzimmer. Und jetzt weiß ich auch nicht, was ich davon halten soll. Ich schwanke zwischen neidvollem Oh wow! und mitleidigem Au weia!.

Schlafzimmerblick.

 

 

 

Schöner Scheiss.

Wir waren dieser Tage einmal mehr in der Großstadt, genauer gesagt in Frankfurt, ich weiß gar nicht, ob ich das tatsächlich als Großstadt gelten lassen kann, aber das ist jetzt ein anderes Thema. Jedenfalls waren wir in einer großen Stadt unterwegs, und am Ende stand die ernüchternde Erkenntnis: Ich bin für das Leben in großen Städten, für die Herausforderungen der Metropolen, definitiv nicht mehr geeignet. 25 Jahre Berlin hin oder her. Tragisch aber wahr.

Dabei stand die ernüchternde Erkenntnis gar nicht am Ende, sondern vielmehr schon am Anfang unseres kleinen Großstadtabenteuers. Bevor Großstadtabenteuer mit mir nämlich überhaupt erst so richtig beginnen können, muss ich nach der langen Autofahrt und einem halben Liter Wasser  in der Regel ersteinmal dahin, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht, hüstel, hüstelnaja, Sie wissen schon.

Der Kaiser hätte hier allerdings schön dumm aus der Wäsche geguckt, denn handelsübliche Kaiser, wie ich sie mir vorstelle, hätten in die sehr schicke, aber winzige Kabine des Museums Schirn schon mal überhaupt nicht hineingepasst. Kaiser Bhumibol vielleicht, oder irgendso ein anderer schmalbrüstiger asiatischer Hänfling, aber der Karolinger Kaiser Karl der Dicke (839 – 888) beispielsweise, der hätte sich irgendwas einfallen lassen müssen. Karl der Dicke hätte vermutlich zurück ins Parkhaus gemusst, in der Hoffnung, dass die Kabinen dort etwas geräumiger sind.

Wie dem auch sei, nachdem ich meine mittelgroße Umhängetasche abgenommen habe, passe tatsächlich auch ich mit meiner Konfektionsgröße 38 durch die Tür und in die Klosettkabine hinein, ich schaue mich also da so um, soweit die eingeschränkte Bewegungsfreiheit das zulässt, und mein Blick fällt auf einen Kasten an der Wand. Nun lebe ich zwar in der Provinz, aber ich arbeite doch für eines der modernsten Funkhäuser Europas, bin also allem Technischen gegenüber sehr aufgeschlossen, ja, ich bin ja fast schon sowas wie ein halber Technikfreak, möchte ich sagen, also betrachte ich den Kasten näher.

Zum Vergrößern anklicken.

Die Innenarchitekten des Frankfurter Schirn-Museums sind ihrem Grundsatz treu geblieben, alles Schriftliche so winzig wie möglich zu machen, aber nun sind die Entfernungen in der klitzekleinen Klokabine ja nicht allzu weit, also beuge ich mich vor, um die Bedienungsanleitung für den Kasten in aller Ruhe erstmal zu studieren, bevor ich mich auf irgendetwas anderes einlasse. Es handelt sich also hier offenbar nicht um eine handelsübliche Toilet, sondern um eine Toto Neorest Washlet, entnehme ich staunend Bildern und Schriftzeichen. Aha, aha, denke ich, sowas gibts im Odenwald ja nicht. Sowas habe ich noch nie gesehen.

Weil ich nun aber vor der Kloschüssel stehe und mich lesend zu dem Kästchen herunterbeuge, komme ich offenbar mit meinem Kopf in den Erfassungsbereich des Klobrillenöffnungs-und Schließ-Sensors, ich lese also staunend, während gleichzeitig vor mir der Klodeckel immerzu sanft schnaufend auf- und zu klappt. Es ist, als wolle er mir etwas sagen, vielleicht möchte er mir sogar die Handhabung eines großstädtischen washlets erklären, dabei blinken am Rande der Brille rote und blaue LED-Lämpchen, das Klosett zwinkert mir gleichsam verschwörerisch zu und atmet mir aus weit aufgerissenem Maul warme Luft entgegen.

Hier muss es sich offenbar um den besonders sanften Luftstrom zur Trocknung handeln, von dem auf dem Kasten die Rede ist. Außerdem steht da noch was von Düsen und Intimbereich und hin und zurück und von Geruchsabsaugung, und der Klodeckel vor mir öffnet und schließt sich seufzend, als verlöre er langsam die Geduld mit mir.

Ich kann mich nicht überwinden, testhalber auf einen der Schalter zu drücken, mir ist das alles unheimlich, aber während ich mich in der Kabine kurz umzudrehen versuche, gerate ich offenbar an irgendeinen der Knöpfe, ein unglaubliches Rauschen ertönt, ich kreische vor Schreck kurz los, und drücke dann hektisch und völlig wahllos auf die Tasten Rear, Front, Rear, Pressure, position, es rauscht weiter, offenbar habe ich 3L-Flush gedrückt (aktiviert die wassersparende Tornado-Spülung), und ich denke in einer kurzen Panik darüber nach, wie ich jemals schnell aus diesem Kabuff kommen soll, falls hier jetzt die washlet-Tornado-Flut losbricht wie einst die biblische Sintflut.

In all dem Tornado-Rauschen ermahne ich mich selber streng zur Ruhe und nehme meinen technischen Verstand  noch einmal zusammen, ich glotze konzentriert auf schriftliche Anweisungen und die dazu passenden oder unpassenden Abbildungen, es rauscht und rauscht, der Klodeckel geht seufzend auf und seufzend zu, weil ich zwangsläufig noch immer in seinem Bewegungsmelderfeld herumzappele, ich aktiviere jetzt kurz- und wildentschlossen den Dryer (aktiviert den sanften warmen Luftstrom zur Trocknung) und den Power-Deodorizer (verstärkt die Geruchsabsaugung), nun ist wenigstens halbwegs wieder Ruhe, es summt ein warmes Lüftchen durch das Kabuff und saugt vermutlich den Geruch ab, den mein kalter Angstschweiß inzwischen hier verbreitet hat. Ich stehe ratlos vor der Kloschüssel, der Deckel schließt sich ein letztes Mal seufzend, als wollte er sagen Wenn Du zu blöd zum Pinkeln bist, dann geh! 

Geo, sage ich, wieder oben im Museum, Geo, ich muss nochmal schnell zurück ins Parkhaus. 

 

Und jetzt weiß ich auch nicht weiter.

 

 

 

 

Moderne Moderne.

Mit Tipps zu moderner Architektur oder mit Hinweisen auf Ausstellungen international renommierter Künstler kann ich ja im Odenwald eher selten dienen, um es mal vorsichtig zu formulieren, deswegen fahre ich hin und wieder woanders hin, um Sie dann auf dieses oder jenes hinzuweisen. Schließlich ist das hier auch ein Service-Blog, also bitte.

Wenn Sie also demnächst mal wieder irgendwo in Holland unterwegs sind, dann sollten Sie das nigelnagelneue Voorlinden-Museum bei Den Haag besuchen, das liegt völlig in der Pampa und doch sehr zentral, wie ja in Holland eigentlich fast alles. Wenn Sie spannende Architektur und ebensolche moderne Kunst suchen, sollten Sie da wirklich hin.

Drinnen gibt es klassische moderne Kunst zu sehen und moderne moderne Kunst, bei ersterer bin ich noch ganz dabei, bei letzterer hin- und hergerissen zwischen Verarschen-kann-ich-mich-selber und Aha, aha, sehr interessant, hmmm....ähem.  Dabei hatte ich mir wirklich vorgenommen, nicht mit dem Blick der selbsternannten Landpomeranze zu schauen, sondern mit dem ach so geschulten Auge der ach so weltläufigen offenen Berlinerin.

Da stockt das Herz der Hühnerhalterin. Ich habe mich beherrschen können, mal dagegenzutippen.

1000 bunte Brokkolihälftenstempeldrucke

In diesem Zusammenhang muss der Künstler der aktuellen Sonderausstellung genannt werden, Martin Creed, immerhin Turner-Preisträger, und damit eine ganz heiße Nummer in der Szene. Einer seiner künstlerischen Leitsprüche steht auch auf hübschen Stoff-Täschchen, die Kunstinteressierte im Museumsshop erwerben können, um sie dann bei der nächsten Vernissage unauffällig in die Kameras der anwesenden Kultur-Reporter zu halten. Oder um damit Brokkoli auf dem Markt für den nächsten VHS-Kunstkurs zu kaufen, was weiß denn ich: Art is shit. Art galleries are toilets. Curators are toilet attendants. Artists are bullshitters. Wie das jetzt mit der – bereits mehrfach auf internationalen Schauen gezeigten – Klosettpapierrollenpyramide zusammenzubringen ist, weiß ich aber auch nicht.

Ich habe mich aber nach wenigen Metern in diesem Teil der Ausstellung entschieden, das alles nicht gesellschaftskritisch oder auf der Metaebene interpretieren zu wollen, wie ich es ja sonst eigentlich immer und überall tue, Landpomeranze hin oder her, sondern die Sache mit Humor zu nehmen, man kommt auf diese Weise wirklich auf seine Kosten und am Ende mit einem breiten Grinsen aus dem Museum heraus, das ist doch was.

Keine Frage der Perspektive – die Dame mit den roten Hosen ist extrem nah an dem Paar dran.

Keinesfalls auslassen sollten Sie in der ständigen Sammlung den Koloss von Richard Serra, open ended, ich nehme ja an, der steht dauerhaft da, ich habe mich dabei erwischt, wie ich darüber nachdachte, mit was für einem Gerät sie das Teil hier wohl hineinmanövriert haben, mit einem Lanz oder einem JohnDeere oder einem Schollkran, und ich habe heimlich nach Schweißnähten und Spuren auf dem Fußboden gesucht, alles leider vergeblich, es ist und bleibt ein Rätsel.

Vielleicht wurde das Museum auch drumrum gebaut, möglich wäre das, und verdient hätte das Stück es allemal. Sie ahnen, ich bin ein großer Serra-Fan, wenn Sie mal einen treffen, grüßen Sie ihn und verlaufen Sie sich nicht darin, es ist nicht ganz einfach, cool zu bleiben, wenn man zu Anflügen von Beklemmungen neigt, aber ich habe ja wieder herausgefunden, sonst könnte ich das hier ja gar nicht schreiben.

Und nun stellen Sie sich bitte einen solchen Serra mal auf einem grünen Odenwald-Hügel vor, mit weitem Blick ins Land, das wäre wie ein Paukenschlag und ein Tourismus-Kracher noch dazu. Die Leute kämen in Scharen, glauben Sie mir. Serra zieht immer. Oder gleich ein ganzes Museum, ein richtig feines? Warum bauen reiche Privatiers dauernd Museen in Holland und sonstwo, aber nie im Odenwald? So richtig cool, mit einem Skulpturenlandschaftspark drumherum? Das wäre mal was. Aber ob die Odenwälder da mitziehen? Ich werde mich mal darum kümmern müssen.

 

 

 

Weisswasser.

Wer Weißwasser kennt, der weiß, was er kennt, heißt es auf der Homepage der Stadt Weißwasser in der Oberlausitz, das ist irgendwo da Richtung Polen, und die Website dieser insbesondere bei Freunden des gepflegten Eishockeysports bekannten Kommune wird vom Oberbürgermeister offenbar selber gestaltet und gepflegt, er macht auch die meisten Fotos und die Texte, das ist ja mal sehr spannend. Überhaupt sieht auch der Oberbürgermeister selber gar nicht so aus, wie ich mir den Oberbürgermeister von Weißwasser in der Oberlausitz vorgestellt hatte, eher wie ein Eishockeytrainer, aber vielleicht liegt das alles auch sehr nah beinander da.

Auch die Homepage sieht trotz aller guten Ansätze nicht so aus, wie ich mir das bei einer Homepage einer Großen Kreisstadt vorstelle, aber das ist ja auch wieder fast sympathisch. Und mich fragt ja eh keiner.

Jetzt fragen Sie vermutlich: Wie kommt sie ausgerechnet nun auf Weißwasser? Na, ist doch logisch, heute auf der Hunderunde, am Forellenteich.

Ich werde jetzt mal noch ein bisschen auf der Weißwasserwebseite surfen, vielleicht ist das ja sogar mal einen Ausflug wert, wer weißwasser das schon? Bad Muskau liegt in der Nähe, da wollte ich ja eh mal hin. Und der Weißwasser-Artikel bei Wikidinsgbums liest sich äußerst spannend, wenn auch nicht sonderlich romantisch. Die machen durch, was uns im Odenwald angeblich bevorsteht, Bevölkerungsschwund, aber ganz dramatisch, naja, Sie wissen schon. Oberbürgermeister wollte ich da eher nicht sein. Und das Wetter da scheint derzeit auch nicht viel besser zu sein als unseres hier.

Die drei unteren Bilder: bei Waldhausen.

Sehnse: Wieder was gelernt. Weißwasser undsoweiter. Ist hier ja eine Art Service-Blog. Bitte. Danke.

 

 

 

Eine Spur.

Es gibt eine Spur, die führt vom schönen Odenwald und aus dem lieblichen Neckartal direkt tief in die französischen Vogesen. Es ist eine grauenhafte Spur, die einen einmal mehr stumm werden lässt, aber man sollte ihr folgen, wenn man schon mal in Frankreich in der Gegend unterwegs ist.

Die Ausschilderung macht es einem nicht ganz leicht, es geht über Kurven und Serpentinen immer den Berg hinauf durch den Wald, unvermittelt vorbei an dem ehemaligen Restaurant du Struthof und den gegenüber-liegenden unscheinbaren Chambres à gaz, bis nach oben, zum KZ.

dav

sdr

Die Namen des Lagers und des dazugehörigen winzigen Dörfchens, Struthof und Natzweiler, sie stehen in direktem Zusammenhang mit dem ehemaligen Konzentrationslager im kleinen Neckarelz bei Mosbach. Die Schule in Neckarelz war im Frühjahr 1944 zum KZ umfunktioniert worden, Zwangsarbeiter sollen hier für die Flugzeugindustrie einen unterirdischen Stollen herrichten, sie schuften um ihr Leben, bis sie tot zusammenbrechen,  (klick:) hier habe ich davon schon einmal berichtet.

Natzweiler-Struthof ist quasi das Hauptquartier dazu, ein riesiges Straf- und Arbeitslager, das sich die Vernichtung durch Arbeit auf die Hakenkreuz-Fahnen geschrieben hat, zunächst hier in den besetzten Vogesen, dann bald überall, wo die Nazis Arbeitskräfte zum Verheizen brauchen.

Als die Front näher rückt und die Deutschen um ihre Sicherheit in Struthof fürchten, lösen sie das Lager nach und nach auf und bringen die Häftlinge in Außenstellen, eben auch nach Neckarelz. Irgendwann zieht auch die Lagerleitung ab, aber die Kommandostrukturen bleiben die selben, nur, dass der Kommandant von Natzweiler-Struthof eben nicht mehr von Struthof aus das Kommando führt, sondern aus dem Odenwälder Neckartal heraus mehrere Außenstellen im deutschen Südwesten befehligt.

dav

dav

dav

dav

_dsc1308

Und so steht man also tief in den Vogesen, rund 250 Kilometer von zuhause entfernt, und hört und liest von Neckarelz und Guttenbach und Neckargerach und von allerlei anderen Orten, die einem dem Namen nach doch sehr vertraut erscheinen. Man liest von Personen, die einem schon in der Neckarelzer Gedenkstätte begegnet sind, man sieht gezeichnete Szenen aus dem Lageralltag hier wie dort, erfährt, wie sich die Spur von Deutschland nach Frankreich zieht, von den Vogesen ins Neckartal, und wieder hin und zurück, wie der Arm einer Krake auf einer Landkarte.

dav

dav

dav

dav

dav

sdr

sdr

dav

dav

Und am Ende geht man wieder hinaus, runter vom Gelände, raus aus der Geschichte und rein in die Gegenwart. Vorbei an dem freundlichen Vollbart, der uns beim Eingang mit seinem elektronischen Superscanner abgetastet und französisch charmant, `Aben Sie Waffen dabei? – lächelnd den Handtascheninhalt kontrolliert hat, und vorbei an dem Schild, das uns daran erinnert, bei facebook Fan der Konzentrationslager-Gedenkstätten-Seite zu werden, oui, j’aime, gefällt mir, Daumen hoch.

Und ich frage mich, ob mir das alles ganz nah oder ganz fern ist, die ganze furchtbare Geschichte, die man doch eigentlich schon wieder und wieder gehört hat, diese merkwürdige Spur in den Odenwald, das Damals und das Heute so dicht beieinander. Oder ob es vielleicht, wie so oft, beides zugleich ist, ganz fern und ganz nah.

 

 

 

Wenn Sie noch ein bisschen genauer über Struthof/Natzweiler nachlesen möchten: hier finden Sie etliche Informationen. Eine Liste aller Außenlager von Struthof finden Sie hier

 

 

12 von 12.

Sie bekommen heute mal wieder zwölf Bilder vom Zwölften des Monats zu sehen, das wünscht sich wie jedesmal die Frau mit dem Kännchenblog. Also bitte. Und nur kein Neid: Mich hat es in eine Gegend verschlagen, da ist der Odenwald summende Metropolregion dagegen, rund um das kleinste Ferienhäuschen der Welt nur Wald und Wiesen, der nächste und einzige Nachbar gute 800 Meter entfernt, die nächste menschliche Ansiedlung mit gefühlten 50 Einwohnern erreicht man nur über eine kilometerlange matschige Holperstrecke, die mich an selige Zeiten im afrikanischen Busch erinnert. Morgens röhren die Hirsche und abends kreischen die Käuze, und die Hunde toben durch einen sechstausend Quadratmeter großen, komplett eingezäunten Garten.

sdr

Alles eingezäunt. Bis da hinten. Hunde, wollt Ihr ewig toben?!

Ja, aber wie kann sie denn in dieser Einöde nun auch noch bloggen?, werden Sie nicht ganz zu unrecht fragen, Odenwälder- und andere rabenschschwarze, tiefe Funklöcher vor Ihrem inneren Auge. Wie kommt man da denn überhaupt in dieses Internetz? Jahahaaa, wir sind hier eben nicht im Odenwald, und nicht in Deutschland, wir sind hier in Frankreich, die Franzosen waren, wenn ich mich recht erinnere, quasi mal die Vorreiter der digitalen Entwicklung, da ist wohl manches auf der Strecke geblieben inzwischen, aber die Liebe zum Internet ist geblieben. Und führt dazu, dass ich mich hier, tief in der einsamen Vogesenwildnis, zwischen den röhrenden Hirschen und den Steinkäuzen beim Einloggen entscheiden muss zwischen hauseigenem und öffentlichem WiFi. Man fragt sich manchmal, warum soetwas andernorts nicht möglich ist, aber bitte.

dav

Planungsunterlagen.

Überhaupt muss man sich dauernd entscheiden, in welches WiFi man sich einklinken will, der Franzose fordert einen da heraus in der Provinz, das ist alles ganz unglaublich. Noch jedes Zwergenmuseum in hinterletzten Dörfchen scheint in den sozialen Medien aktiv zu sein, jeder Supermarkt und jedes Rathaus bietet einen Zugang in das Netz, so kommt es einem vor. Das kann man finden, wie man will, bemerkenswert finde ich es allemal.

dav

Petit dejeuner am Arsch der Welt.

Ebenso bemerkenswert: die wunderbaren Bäckereien und Konditoreien, die heißen hier eigentlich Patisserien mit so einem blödsinnigen Dach auf dem A, aber das finde ich auf dem Rechner nicht, WiFi hin oder her, naja, Sie wissen schon. Und nein, wir sind hier wahrhaftig nicht in einer touristischen Gegend, sondern, wie gesagt, am Dingsbums der Welt, aber überall in den winzigen Städtchen bekommen Sie einen Kaffee und das allerfeinste Gebäck in wirklich geschmackvollem Ambiente. (Ja, Sie hören mich an dieser Stelle seufzen, ein bisschen wehmütig.).

dav

Wingen-sur-Moder.

Wie dem auch sein, Sie sollten ja Bilder sehen, hier kommen Sie nun. Wir sind von einem Glasmuseum ins nächste, das interessierte uns bisher tatsächlich nur so am Rande, wenn überhaupt, aber die Gegend hier war einst und ist noch berühmt für Glas und Kristall-Industrie, also muss man sich das schließlich anschauen. Und die alte und neue Architektur dazu. Beides entpuppt sich bei genauerem Hinsehen, wie so Vieles im Leben, als äußerst spannend, ich kann Ihnen die Ausflüge also sehr empfehlen, wenn Sie mal hier in der Gegend sind.

dav

Museumsarchitektur in der Pampa.

 

sdr

Nächste Station: St.Louis-les-bitches. Heißt wirklich so. Kann ich nix für.

 

dav

Aussen huch, innen Hammer. Ein Muss für Kristallfreaks.

 

dav

Das Teil können Sie auch kaufen. 90.000 Euro.

 

dav

Im Museumsshop dann ein echtes Schnäppchen entdeckt.

 

dav

Da haben früher die Glasarbeiter gewohnt.

Nach dem ganzen Glasgedöns noch schnell in einen Intermarché, Abendessen einkaufen. Obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre, wie sich beim Tagesabschluß-Hunderundgang durch den Wald am Ferienhäuschen herausstellt.

dav

dav

Und bitte: Nur kein Neid.

 

 

 

In Another World.

Wir waren gestern abend auf einem Empfang eingeladen, in der Stadt. Besser gesagt, in einer dieser eleganten Vor-Städte im Großraum Frankfurt, in denen das Geld unter den blickdichten Eisentoren der riesigen Grundstücke hervorwabert wie Disco-Nebel, und aus den Knopflöchern der teuren Anzüge und Kostüme der anwesenden Herren und Damen.

In der großräumigen Ansammlung von feinen Villen am Waldrand müssen wir nur dem Duft der zeitlos-klassischen Sommerparfums folgen, er riecht nach unbeschwertem Wohlstand und führt uns tatsächlich zum richtigen Haus und der dazugehörigen Gartenparty. Die vorherrschenden Farben sind Weiß, Crème, Altrosa und Schwarz, Coco Chanel läßt grüßen, dazu dezenter Schmuck und handgenähtes Herren-Schuhwerk, Kellner mit Champagner und Häppchen, nein, ich übertreibe nicht, es war fast wie im Fernsehen, in einer dieser Serien, die ich mangels Empfangsgerät schon lange nicht mehr gucke.

Ich kenne keine Menschenseele, nicht einmal die 90jährige Gastgeberin, die im cremefarbenen Anzug ans Mikrofon tritt und eine kleine Rede hält für ihre 60 deutlich jüngeren Gäste, die unter großen weißen Sonnenschirmen da im Garten stehen. Mein Geo hat einst mit dem Herrn des Hauses zusammengearbeitet, der ist schon lange tot, aber die Verbindung zur Familie war eng, damals, vor vielen Jahrzehnten. Die Einladung zur Gartenparty kam trotzdem völlig unerwartet, und Geo wollte nicht alleine hin. Also, bitte, bin ich eben mitgefahren.

dav

Und nun stehe ich da als alte Großstädterin in dieser völlig fremden Welt und fühle mich wie eine Landpomeranze, ich bin nicht komplett unpassend angezogen, aber eben doch alles ein paar  hundert Nummern kleiner, finanziell gesehen. Von dem, was mein gesamtes Outfit gekostet hat, kaufen die Damen hier vermutlich grad mal eine Tube wertvoller Tagescreme, sowas denke ich zwischendurch, und ärgere mich dann gleich auch über mich und aktiviere mein Berliner Selbstbewußtsein.

Mein Geo wird herzlich empfangen, wie der verlorene Sohn nach all den Jahrzehnten, alle schwätzen und lachen über alte Zeiten, man erzählt von den Büros in Tokio, London und Den Haag und Weißt Du noch? und Ach, wie schön das war! und ich bin mittendrin in den Gesprächen, die Leute sind ausnehmend freundlich und wohlerzogen, sie berichten von ihrer Arbeit und ihren Ehrenämtern und fragen nach dem sagenumwobenen Odenwald, wo der denn sei und wie man da so lebt. Ein Paar kündigt schließlich seinen Besuch an, da müssen wir unbedingt mal vorbeikommen, wenn Euch das passt. Aber gerne. Ich werde dann vorher mal Großputz machen müssen, oder lieber gleich eine Generalsanierung, was sollen die Leute denn sonst denken, aber vielleicht war es ja auch nur so dahingesagt.

Und dann kommt die 90jährige Gastgeberin noch auf ihr Haus zu sprechen, auf diese Villa aus den 50er Jahren, in diesem Viertel, in dem immer neuere, größere Prachtvillen entstehen. Wie dankbar sie ist für dieses Haus, in dem sie nun alleine lebt, für diese Gegend. Für den Garten und die Rosen, die jedes Jahr blühen. Für jedes einzelne Zimmer im Haus, da stecken überall wundervolle Zeiten, wunderbare Erinnerungen drin, in jedem Möbelstück, im Parkett und in jedem Teppich. Für die Nachbarschaft, die für sie sorgt, einkauft, Fahrdienste erledigt, auch mal den Rasen mäht. Mit der sie auch mal wieder über Brahms und Beethoven diskutieren kann, sie, die ehemalige Pianistin, deren Finger heute nicht mehr wollen, wie sie will. Sie bedankt sich für all die Hilfe und die Unterstützung, und die Gäste werden ein bisschen verlegen-beschämt, das ist doch selbstverständlich, das machen wir doch alles gern für Sie. 

Am Ende unterhalte ich mich noch mit dem Enkel der Alten, er studiert internationale Finanzwirtschaft in London, was sonst, und bringt mir dann bei, wie man zum Dessert die pink- und grünfarbenen Macaron-Doppelwhopper- XL vom Tablett des Kellners direkt in den weit aufgerissenen Mund befördert, ohne größere Unfälle zu verursachen oder öffentliches Aufsehen zu erregen. Nach dem 4. pappig-süßen Doppelwhopper habe ich Technik und System begriffen, der Kellner lacht und wir verabschieden uns herzlich.

Und dann fahren wir mit dem ollen Kombi fort aus dieser komplett anderen Welt, über Autobahn, Bundesstraßen, Landstraßen und den Gemeindeverbindungsweg zurück in unser winziges dunkles Dorf, 120 Kilometer und ein paar Lichtjahre entfernt.

Aber es war, wie man so sagt, ein ganz reizender Abend.

Und falls Sie jetzt noch eine Pointe erwarten, muß ich Sie leider enttäuschen.

 

Die Musik dazu:

 

Alles anders.

Wenn Sie hier weiterhin auf Odenwälder Hühner-oder Kükencontent warten, auf Bilder unserer verregneten Ernte oder auf Geschichten aus dem badischen Hinterland, dann muß ich Sie leider noch ein bißchen enttäuschen und noch ein bißchen vertrösten. Es hat mich ja in eine andere Provinz verschlagen, vorübergehend, in die Südpfalz, ein paar Tage hier bleiben mir noch, und ich erkunde die Gegend, wann immer die Zeit dazu ist.

Wenn ich also nicht gerade von ärztlich verordneter Entspannung zu ärztlich verordneter Entspannung hetze, dann besuche ich die etwas anderen Sehenswürdigkeiten der Region. Was hier seit Jahrhunderten so los war zu den Themen Hass und Mord und Totschlag, davon hatten wir es hier schon mal, und neulich bin ich also in diesem Zusammenhang in einem französischen Bunker gelandet, in einem von den unzähligen, die hier so herumstehen.

dav

Eine Mischung aus Kaserne und Kampfmaschinerie, 30 Meter unter der Erde, über 600 Mann waren hier untergebracht und bewegten sich in einem Tunnelgewirr, das sich über eine Strecke von rund 5 Kilometer durch das unterirdische Fort zieht. Selbst eine kleine Schmalspurbahn fuhr hier unten in den feucht-kalten Gängen, sie brachte Material und Munition noch bis in das hinterste Ende dieses gigantischen unterirdischen Monsters aus Beton und Stahl. Großküchen, Operationssäle, Schlafräume, Nahrungsmittellager, eigene Stromerzeugung, eigene Brunnen; die Bauherren des Bunkers und des Krieges hatten an alles gedacht.

dav

mde

Stundenlang laufe ich mutterseelenallein durch die kilometerlangen Gänge, das Geräusch meiner Schritte verdoppelt sich an den Wänden und der niedrigen Decke, und ab und zu muß ich mich umdrehen, um mich zu vergewissern, dass nicht direkt hinter mir jemand läuft. Und währenddessen stelle ich mir vor, wie das war, als 600 Mann hier unten lebten und kämpften; wie das war im Juni 1940, als die Bomben und die Granaten nur noch so herunterprasselten auf das unterirdische Fort, wie sich die französischen Soldaten hier unten verzweifelt wehrten und dagegenhielten, ich stelle mir vor, die eine Hälfte von denen wollte vielleicht den Feind besiegen und vernichten, die andere Hälfte hoffte einfach nur, lebend aus diesem Albtraum herauszukommen, mit Gottes Hilfe oder sonstwie. Heutzutage werden Kriege ja zum Glück anders geführt, sagt beim Ausgang ein Besucher zu seiner Frau. Zum Glück. Man wundert sich manchmal.

mde

Und noch ein anderes dieser merk-würdigen Ziele habe ich heute besucht, auch nicht gerade ein touristisches Ziel, aber doch ein lohnenswertes, das von den meisten der Durchreisenden links liegengelassen wird.

dav

Die kleine Gedenkstätte des Pfalzklinikums Klingenmünster liegt unscheinbar an der beschaulichen Weinstraße, da also, wo sich alles um liebliche Landschaft, Wein und Gesang und Tourismus und wasweißichnochalles dreht. Früher hieß das Pfalzklinikum Kreisirrenanstalt, und untergebracht waren hier all jene Menschen, die krank, schwach oder anders waren. Und die dann aus genau diesen Gründen umgebracht wurden von den Nazis, umgebracht und hier und anderswo verscharrt. Von bis zu 2000 Euthanasie-Opfern allein hier im winzigen Klingenmünster ist die Rede.

dav

dav

Es ist doch gefühlt noch gar nicht so lange her, dass ich an Orten wie diesen gestanden und gedacht habe: Das ist un.fass.bar. Un.vor.stell.bar. Dass ich den Kopf geschüttelt habe, ungläubig, innerlich wie äußerlich. Dass ich in Bunkern, in Kriegsmuseen oder Gedenkstätten dachte Wie kann man nur?.

Ja Ihr, was wißt Ihr schon, hätte ich dann die Berliner Großmutter vor meinem Inneren Ohr gehört, was wißt Ihr schon, Ihr habt doch immer nur im tiefen Frieden gelebt. Mich ärgerte der Satz, und doch wußte ich: Sie hat ja recht. Und im gefühlten tiefen Frieden erschien das Unfassbare umso unfassbarer, das Unvorstellbare umso unvorstellbarer.

Und jetzt also, ein paar Jahre und Jahrzehnte später, ertappe ich mich dabei, wie ich hier stehe, im Bunker, an der Maginotlinie, vor irgendwelchen Westwall-Ruinen im Wald oder in der Gedenkstätte, wie ich da also stehe und denke, ja, so ist das. Gar nicht so un-fass-bar. So gehen Menschen miteinander um. Sie verachten und bekämpfen sich, sie töten sich, sie werfen Bomben und Granaten, immerzu und überall auf dieser Welt, sie gehen auf alles los, was schwach und anders ist, sie rennen irgendwelchen durchgeknallten Ideologien hinterher, sie feiern den Hass und brüllen die Empathie in Grund und Boden.

Den Tiefen Frieden hat es wahrscheinlich nie gegeben, unser Friede war nur der Krieg, der woanders stattfand. So irgendwie muß das wohl gewesen sein. Und jetzt ist es eben anders. Ganz anders. Ich hätte gerne nochmal mit der Großmutter darüber gesprochen. Vielleicht hätte sie irgendeinen typisch berliner schlauen Spruch auf Lager gehabt, eine tröstende Erklärung oder eine Hoffnung. Vielleicht hätte sie auch gesagt, was sie immer sagte, wenn sie selber nicht mehr weiterwusste: Ach, nu frach doch nich so dusslich!, und dann wäre sie aufgestanden und aus dem Zimmer gegangen.