Tierisch.

Es gibt so Themen, um die drücke ich mich auf diesem Blog herum, man möchte ja nicht anecken. Das Thema Hundehaltung auf dem Lande gehört dazu, überhaupt Hundeerziehung auf dem Lande, Stichwort Sozialisierung undsoweiter, manches ist da, nun, wie soll ich sagen, eher doch befremdlich, will mir scheinen, so ganz subjektiv. Aber ich lasse das also lieber, ich denke manchmal wehmütig zurück an alte Zeiten mit Hund in der Großstadt und genieße ansonsten, auch hundetechnisch, die Tage am Meer. Mit Hündchen und Frau Lieselotte. Wenn Sie Hunde nicht leiden können, dürfen Sie jetzt getrost wegklicken, aber manch einen Hundebesitzer wird das hier vielleicht ja interessieren. Also, bitte.

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Morgens um Sieben: alles noch leer. Zwei Stunden später sehen Sie den Hund vor Augen nicht mehr.

Sie müssen sich das in etwa so vorstellen: Hier in diesem winzigen Nest im Hohen Norden Hollands, da haben sie noch kaum das Feriendomizil verlassen, schon stehen sie in einem Pulk von Hunden. Wer vom Land kommt und inzwischen vorbelastet ist wie ich, hält noch am Anfang jedes Aufenthaltes hier die Luft an, schreckensstarr zunächst. Die Köter kommen von rechts und von links, von vorne und hinten die Straße entlang. Die Besitzer plaudern miteinander, die Hunde freuen sich und wedeln mit dem Schwanz, wer an der Leine ist, der wartet brav, wer freiläuft, dreht so seine Runden, schnüffelt hier an einem strubbeligen Hinterteil, schaut da einem Radfahrer hinterher, wahlweise einem Kleinkind. Radfahrer und Kleinkinder gibt es mindestens so viele wie Hunde und Hundebesitzer, und sie alle leben offenbar in schönster Eintracht miteinander.

Sonntagsnachmittags bei Sonnenschein am Strand, da ist die Hölle los, menschen- und auch hundetechnisch. Ganz Holland scheint auf den Beinen zu sein, alle hier am Strand, dazu die halbe Kölner Bucht, gefühlte 120.000 Menschen, Kinder mit Drachen, der Typ auf dem rasenden Sulky, der Gaul vornweg, und dann auch noch die Bay-watch-David-Hasselhoffs mit ihren Quads. Jeder zweite Strandläufer hat mindestens einen Hund dabei, der Holländer an sich präsentiert sich gerne auch als Mehrhundebesitzer, mit zwei, drei, fünf, sechs Viechern; große, kleine, dicke, dünne, edle Rassen sind ebenso vertreten wie explodierte Klobürsten auf vier Beinen oder südländisch aussehende zottelige Promenadenriesen.

Man kann das nett finden oder nicht, dieses Gewimmel, fest steht, niemand stört sich, alle gehen ihrer Wege, schauen auf die Brandung, plaudern oder schreiten stumm fürbaß. Selten ruft mal einer seiner Hund, noch seltener bellt es im Gewimmel, und wenn, dann bloß vor Wonne. Wenn zwei sich hier nicht leiden können, schlendern sie stumm und auffällig unauffällig aufeinander zu, checken aus sicherer Entfernung die Lage und machen dann den berühmten Bogen umeinander.

Wer seinen Hund hier an der Leine führt, an der kurzen noch dazu, der hat es schwer, den treffen die fragenden, genervten Blicke der anderen Hundebesitzer. Selbst Frau Lieslottes neonfarbene 10-Meter-Schleppleine ist den Leuten ein Dorn im Auge, ich erkläre also, der Hund und ich, wir kennen uns noch kaum, ich habe sie erst gut zwei Wochen, dann nicken sie verständnisvoll, na gut, das lassen wir durchgehen, und meistens lasse ich die Leine ohnehin los, weil dauernd irgendwer spielen möchte mit der neuen Lieselotte, und dann fetzen sie eine Weile über den weiten Strand, Hündchen als Gouvernante sieht nach dem Rechten, und dann gehen alle wieder ihrer Wege. Ganz einfach.

Später trifft man sich dann im Café wieder, auch hier an einem Sonntagnachmittag alles voller Hunde, sie liegen neben den Tischen und sitzen unter den Stühlen, und meine einzige Sorge hier ist, daß einer der vierbeinigen Flaneure dem Hündchen auf die Nase treten könnte beim Vorbeigehen.

Das Leben mit Hund unter Hunden könnte so wunderbar unkompliziert, unaufgeregt und entspannt sein, denke ich manchmal, wenn ich hier unterwegs bin. Und dann muss ich ein bisschen seufzen.

 

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Aha, habt ihr euch in meine Lieblingshollandecke verzogen…
    Die fahren da ja auch so Fahrrad wie sie mit ihren Hunden umgehen… Und in puncto Essen geht es ja genauso zu, von wegen gesund, vegan oder überhaupt. Den chaotischen Mustermixstil beim Nähen habe ich mir auch von dort mitgebracht. Ist alles ne Spur entspannter…
    Viel Spaß weiterhin!
    Astrid

  2. oh ja, was sehne ich mich mit meinen beiden hunden in den zeeland urlaub an die nordseestrände zurück…
    wenn ich im hessischen ried all den menschen mit angeleinten hunden -in feld, wald und wiese, nicht innerorts- begegne.
    sich kennenlernen, mit artgenossen am leben freuen, beschnuppern, toben bis nix mehr geht… auf gar keinen fall! wäre anscheinend der untergang des (geordneten deutschen) abendlandes!?!
    geniesst es, dieses gechillte holländische (zusammen)leben und grüßt mir das weite, weite meer!

  3. Untergang des Abendlandes ist es vor allem dann, wenn man andere Mitmenschen trifft. Nicht, weil alle Hunde so gefährlich wären, sondern der Mensch an sich ist es. Keiner meiner bisherigen Hunde hat einem Menschen je etwas getan, trotzdem ist es häufig ein Spießrutenlauf. Der Radfahrer, der auf laaaaanger Geraden erwartet, dass jeder Hund beiseite springen muss, anstatt einem am Boden schnüffelnden Hund vor ab selbst auszuweichen. Wie gesagt, laaange Gerade. Oder Eltern, die den Hundehalter erst mit Blicken töten und dann, wenn man praktisch schon vorbei ist, ankeifen. Dabei ist der Hund auf der anderen Wegseite vorbei ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Vorzugsweise ältere Männer, die meinen, jetzt Monologe über Leinenpflicht halten und einen dabei höchst aggressiv anstarren zu müssen und auf Ansprache dann genauso aggressiv zu keifen, ohne das irgendwer irgendwas getan hätte.

    Kennt ja jeder Hundehalter. Moment, stimmt nicht ganz, meinem Mann kommt nie einer so dumm. Mag an seiner Optik liegen. Der hat auch nicht solche Schmerzen wie ich, die Hunde abzuleinen, wenn andere Menschen in der Nähe sind. Ich mag da sehr ängstlich erscheinen, nur bin ich in der Vergangenheit nicht nur beleidigt, bespuckt und angekeift worden, sondern tatsächlich angegriffen und bedroht. Weil da ein Hund ist.

    Hundehalter untereinander sind ja auch nicht so friedlebend. Da gibt es die Kontrollfreaks, die erwarten, dass jeder seinen Hund an die Leine nimmt, weil sie höchstperönlich den Weg betreten haben und ihren Hund niemals ohne mehrstündige Absprache ableinen würden. Genauso wie die Besitzer der Tut-Nixe, die ständig respektlos an andere Hunde rangehen, dir dein Eis aus der Hand klauen und nicht für 5 Hundekekse hören.
    Mit solchen Hundehalter muss man sich die Umwelt ja auch teilen.
    Dann noch örtliche Vorgaben, Hunde an der Leine zu führen…..

    Es mag komisch anmuten, aber so ist das Leben eben. Lächle, du kannst sie nicht alle töten. Oder so ähnlich.

  4. Die Beschreibung hat mich an den Hof erinnert, wo mein Pferd lebt. Da sind nicht nur 14 Pferde, 5 Ziegen, eine unbekannte Anzahl Hühner und diverse Ziervögel, sondern auch zwischen 8 und 12 Katzen (je nachdem, wer grade da ist) und der Hofhund plus Nachbars Hofhund – wenn alle Reiter dann auch noch ihre Hunde mithaben, rennen da noch 8 bis 10 Hunde in jeder Größe rum – und komischerweise funktioniert es. Besucher können es regelmäßig kaum fassen.

    Heute abend saßen Nachbars Hofhund und unser jüngster Kater einträchtig nebeneinander im schwindenden Sonnenlicht auf der Stallschwelle zum Autos gucken. Schade, daß ich die Kamera nicht mit hatte…

    Viel Spaß noch in Holland!

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