Grenzerfahrung.

Eigentlich ist das hier ja ein Landlebenblog aus dem Odenwald, aber umständehalber müssen wir uns nun also für eine kurze Zeit anderen ländlichen Regionen zuwenden. Das kann ja nicht schaden, und so gesehen ist Provinz ja immer gleich Provinz, ob nun im Odenwald oder in der tiefen Pfalz. (hier müssen Sie sich nun einen kollektiven Aufschrei der Pfälzer vorstellen, einen akustischen Tornado sozusagen, die Gegend hier sei doch tausendmal schöner als der finstre Odenwald, werden sie schreien, und überhaupt, der Wein, der Saumagen, und wasweißich, wir ignorieren das jetzt einfach.)

Wie dem auch sei: Gefühlt bin ich auch hier am Ende der Welt gelandet, und tatsächlich ist es das Ende der deutschen Welt, zumindest ein Ende der Bundesrepublik. Und man wandert durch diese liebliche Landschaft, durch Wälder voller blühender Esskastanien, durch Weinberge und romantische Dörfer, den Blick immer Richtung Horizont, Richtung Elsass, Richtung Frankreich.

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Aber was da so lieblich aussieht, die Weinberge, die Wälder, die Dörfer, all das war über Jahrhunderte heiß umkämpft, ein wahres Schlachtfeld, man kann es gar nicht anders nennen. Wer sich ein bißchen in die Geschichte einfummelt (und ich habe hier ja in der freien Zeit nicht viel anderes zu tun), wer sich also da ein bißchen in die Historie der Region einfummelt, der liest von ständigen Kriegen, von dauernden Grenzverschiebungen, von Hass und Blut, von Bomben und Granaten, vom Westwall und schlußendlich von hunderten von Bunkern und von Tausenden von Toten im zweiten Weltkrieg. Unzählige Bunkeranlagen im lieblichen Wald bezeugen das, inzwischen umrankt von wilden Brombeeren und Brennesseln, der Beton und die verrosteten Stahlträger wehren sich gegen die Zeit und das Vergessenwerden. Auf einer Lichtung erzählt ein Holzschild von einer dramatischen Schlacht 1945, überall hier oben hätten die Leichen im Wald gelegen, alles voll mit zerfetzten Leibern gleich mehrerer Nationalitäten, und es würde einen nicht wundern, wenn man auch heute noch auf menschliche Überreste zwischen blühenden Kastanien und Steinpilzen stieße.

Und während man beim Wandern und Spazierengehen noch darüber nachdenkt, stolpert man unversehens über einen klitzekleinen alten Grenzstein, der rechte Fuß ist schon in Frankreich, der linke noch in Deutschland. Oder der Wanderer merkt überhaupt erst bei der Ankunft im nächsten Dorf, dass er nun offensichtlich gar nicht mehr in seiner Heimat ist, sondern schon im Nachbarland. Abends in den Weinstuben sitzen hüben wie drüben Deutsche und Franzosen und gönnen sich ein Viertele, und in den Geschäften können Sie die Verkäuferin auf Deutsch oder auf Französisch anquatschen, das ist tatsächlich völlig wurst, hier spricht offensichtlich jeder alles.

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Das war schon eine ziemlich unglaubliche Idee, die der alte Adenauer und de Gaulle da hatten, seinerzeit, als sie die deutsch-französische Freundschaft proklamierten. Nach all den Kriegen, nach all den Kämpfen, nach all dem Hass, dem Blut und all den vielen Toten. Aber die verwegenen Ideen großer Staatsmänner sind ja das Eine, und die Menschen, die die Idee mit Leben füllen sollen, sind das Andere. Und eine von oben verordnete Freundschaft ist ja auch so eine Sache.

Ich habe keine Ahnung, wie – aber irgendwie hat es eben doch geklappt mit dieser Völkerfreundschaft. Völkerfreundschaft ist ein ziemlich gräßliches Wort, ja, es ist mir fast ein bißchen peinlich, aber es drängt sich einem geradezu auf, wenn man hier unten unterwegs ist, und mir fällt beim besten Willen auch kein besserer Begriff ein für das, was die Menschen hier geschaffen und geschafft haben. Es ist im wahren Wortsinn fast unglaublich.

Und während ich mit einem stinknormalen Linienbus zwischen Deutschland und Frankreich unterwegs bin, und wir mit 50 Sachen die verlassenen Grenzhäuschen passieren, mit ihren heruntergelassenen Rolläden und dem Unkraut, das ungestört zwischen den Stufen und der Tür wächst, währenddessen also frage ich mich, wie dumm man eigentlich sein muß, um wieder nach geschlossenen Grenzen zu rufen.

 

 

 

 

Frischfisch.

Samstags frischen Fisch kaufen (oder auch an jedem anderen Werktag), das kann ja nun nicht wirklich einen Beitrag wert sein. Denken Sie sich so als Großstädter. Tjahaha, das denken Sie sich also so in Ihrem jugendlichen Leichtsinn. Tatsächlich gibt es kaum etwas Schwierigeres in der Provinz, als frischen Fisch zu kaufen, das kann ich Ihnen aber flüstern. Zumindest dann, wenn Sie in ein Fachgeschäft wollen und nicht in den Supermarkt. Dabei hätten wir sogar halbwegs um die Ecke einen Händler, aber der hat momentan nur Räucherfisch. Ist trotzdem aber sehr empfehlenswert, so sagt man uns, wir werden das mal testen.

Für frischen Fisch fahren wir also nach Miltenberg, mal eben 30 Kilometer hin, und 30 wieder heim. Aber was tut man nicht alles. Der Laden ist der Hit, der ganze Ort ist äußerst nett, es gibt Cafés und schnuckelige Lädchen und jede Menge Fachwerk. Betrachten Sie das also als eine Mischung aus Ausflugstipp und Einkaufstipp, wir können das wirklich empfehlen. Und oben auf der Mildenburg gibts angeblich eine spannende Ausstellung, aber die hat im Winter zu. Also Kabeljau statt Kiefer, und Pangasius statt Polke. Is klar.

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Still, still.

In meiner Heimatstadt Berlin gibt es derzeit nur ein Thema. Nein, nicht die Berlinale, auch nicht das jämmerliche hauptstädtische Flüchtlingstohuwabohu, wer interessiert sich denn für sowas? In Berlin redet man (und vorallem frau) derzeit nur über eines: Über das Stillen in der Öffentlichkeit.

(Kunstpause.)

Ja, das ist das Thema, das die Welt bewegt. Zumindest macht es so den Eindruck, wenn man (frau) sich durchs Internet klickt. Das ganze Netz ist voll davon. Und weil ich momentan über mehr Zeit verfüge als mir lieb ist, surfe ich da so herum. Ich will ja wissen, was so abgeht in der Stadt, will auf dem Laufenden sein. Nicht, dass ich am Ende auch noch geistigintellektuell zur Landpomeranze mutiere.

Da gibt es also im Prenzlauer Berg ein Café – genauer gesagt, eines von gefühlt 2854 Prenzlberg-Cafés – und der Besitzer dieses einen superduperhippen Schickicafes hat nun eine Frau quasi präventiv darauf hingewiesen, dass sie zwar gerne einen Kaffee trinken könne in seinem schicken Laden, ihr mitgebrachter Säugling aber bitte weder in der Schaufensterfront (wie andernorts wohl üblich) noch hinten im Café zu stillen sei. Der Mann hat offenbar – das entnehme ich der umfangreichen Berichterstattung aller (aller) Berliner Medien – auch etwas gegen sperrige Kinderwägen in seinem coolen Café, und piepsende klackernde Laptops will er auch nicht haben. Bei ihm soll es halt irgendwie anders zugehen als in den übrigen 2853 hippen Cafés und Restaurants im Prenzlberg. Kann man jetzt gut finden oder doof, ist auf jeden Fall mal so.

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Berliner Gastronomie. (Symbolbild) Foto: jutta wieland/pixelio.de

Die Dame hat daraufhin also den hungrigen Säugling zusammengepackt und das Etablissement verlassen, logo, vielleicht unter Absingen schmutziger Lieder, vielleicht auch stumm vor Schreck, und nun tobt der weibliche Teil des www, es gibt einen lautstarken Aufstand der stillenden Mütter, und es gibt natürlich stante pede eine online-Petition, die sich mal gleich an die Bundesregierung wendet und ein Antistilldiskriminierungsgesetz fordert. Oder sowas in der Art, ich habe es nicht vollständig gelesen, muß ich zugeben.

Wenn Sie also mal wissen wollen, was wir Transusen und Trottel auf dem Lande alles so verpassen, was also die wirklich bewegenden und gesellschaftlich relevanten Themen sind, wofür wir uns einsetzen und wogegen wir kämpfen sollten, dann empfehle ich Ihnen, mal beim kiezneurotiker vorbeizuschauen und auf der Seite ein bisschen runterzuscrollen, der hat den ganzen Vorgang hübsch verlinkt und ein paar nette Sätze mit dazugeschrieben.

Und während die Stillaktivistinnen also noch an ihrer Petition basteln, zu der es inzwischen natürlich auch eine facebookseite gibt, während sie abertausende von Kommentaren sortieren und vielleicht schon ein sit-in planen, vor dem bösen Café im Prenzlberg, – währenddessen füttere ich also meine Hühner und schaufele Schnee, empöre mich mit der Nachbarin über das Wetter und genieße die Stille des Waldes. Und denke darüber nach, wie ich meine Kraft einsetzen kann für die Herausforderungen dieser Welt.

Und wie ich da also so provinziell vor mich hinmurkele, die alte Großstädterin im tiefen Oudewald, möchte ich den waidwund aufjaulenden Stillenden auch dieses noch zurufen: HeyMütter, macht Euch locker! Ihr habt das, was man ein Luxusproblem nennt. Wenn Euch einer im Prenzlberg nicht haben will, so what? Dann zeigt ihm doch den Stinkefinger, geht zweienhalb, maximal drei Schritte weiter ins nächste hippe Café, bestellt Euch eine Chai-Latte oder einen Ayurveda-Tee, nehmt den Säugling an die Brust und gut is.

Mädels, kommt mal hier in die Provinz. Da müsst Ihr die Cafés mit der Lupe suchen, ich habe auf einer Fläche von 1200 Quadratkilometern (sic) inzwischen immerhin vier oder fünf (sic) gefunden, die sehr nett oder zumindest annehmbar sind. Mit Euren Prenzlbergstuben haben die allerdings eher wenig gemein.

Und wenn ich hier irgendwo gar nicht erst reinkomme oder nicht wirklich bedient werde, weil zwei nasse Hunde dabei oder icke in dreckigen Wanderklamotten,  – ja, alles schon passiert, ersteres kann ich noch akzeptieren, letzteres nicht – , wenn ich also unzufrieden bin oder schlecht behandelt werde, dann muß ich ins Auto steigen (guter Nahverkehr ist leider essig) und mal eben 20 oder 25 Kilometer fahren, zur nächsten Location. In der Hoffnung, dass die dann auch auf ist. Was sie in der Regel natürlich nicht ist. Betriebsferien, Ruhetag, geschlossene Gesellschaft, Erstkommunion, goldene Konfirmation, Klassentreffen Jahrgang ’32, undsoweiter. Die Provinz-Variante von Murphys law eben.

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Odenwälder Monoblock.

So, Ihr empörten Großstadtmütter. Botschaft angekommen? Gut.

Dann kann ich ja jetzt wieder zu den Hühnern. Und über die wirklich wichtigen Herausforderungen nachdenken. Die, die vielleicht auf dem Land ganz ähnlich sind wie in der Stadt. Und über Lösungen. Und so.

Und zwischendurch einen Cappuccino trinken.

In der Küche.

 

 

 

 

Die Eremitage.

Wir haben hier mal wieder einen Ausflugstipp für Sie, ausnahmsweise nicht aus dem Odenwald. Unsereiner kommt ja rum, nicht wahr, vorallem an verregneten Wochenenden. Schönes Wetter wäre diesmal eindeutig schöner gewesen, aber das, was wir sehen wollten, war das Gebäude von Innen; und das, was draußen ist, ist eh derzeit eine riesige Baustelle. Ein Abstecher lohnt sich trotzdem allemal. Oder Sie merken sich das rasch fürs Jahr 2018 oder 2019 vor, wenn Sie da noch einen Termin frei haben, bis dahin dürften auch die Außenanlagen fertiggestellt sein.

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Ich wohne hier quasi um die Ecke, sagt der Mann mit dem grauen Haar und lächelt ein bisschen entschuldigend, aber ich war seit 20 Jahren nicht mehr da. Tat zu sehr weh, das Ganze. 45 Jahre lang hat er für die Zuckerfabrik gearbeitet, jedes Gebäude auf dem riesigen Areal kannte er wie seine Westentasche. Auch die historischen Verwaltungsgebäude, in denen ging er ein und aus. Aber die waren damals noch nicht so schön hergerichtet wie heute. 

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Anfang des 18. Jahrhunderts hatte der damalige Fürstbischof von Speyer mit dem Bau der Eremitage in Waghäusel begonnen, die genaue Geschichte können Sie hier nachlesen, mir zumindest war das alles völlig neu, obwohl ich die Region seit gefühlten Jahrzehnten kenne. Jedenfalls machte der berühmt-berüchtigte Reichsdeputationshauptschluß der ganzen Sache einen Strich durch die Rechnung, und die Eremitage fiel an den badischen Staat. Der wiederum verkaufte das gesamte riesige Areal 1837 an die Badische Gesellschaft für Zuckerfabrikation, und das barocke Schlösschen fand sich schlußendlich in einem Industriegebiet wieder.

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Die Zuckerfabrik machte 1995 dicht und verkaufte das Gelände wieder, mit barockem Schlösschen, Parkanlagen, Fabrikhallen und Silotürmen. 13 Hektar Fläche, die seitdem der Stadt Waghäusel gehören.  

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Die Silotürme wollen sie jetzt irgendwann endlich abreißen, erzählt der Mann, auch das tut mir irgendwie leid, ich habe hier nicht nur gearbeitet, ich habe für die Zuckerfabrik gelebt. Heute also ist er zum ersten Mal wieder hier auf dem Gelände und schaut sich um, an seinem ehemaligen Arbeitsplatz.

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In einem der Gebäude, dem sogenannten Küchenbau, ist eine Galerie untergebracht, es gibt wechselnde Ausstellungen moderner Kunst und ein winziges, wunderbares Café. Der Galerist schleppt Tabletts mit selbstgebackenem Kuchen und gutem, starkem Kaffee in 70er-Jahre-Tassen herbei, er plaudert mit den Gästen und erklärt bei Bedarf die aktuelle Ausstellung.

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Das sieht schon toll aus jetzt, sagt der Zuckermann, und der Schokoladenkuchen war der beste, den ich je gegessen habe, und wieder lächelt er halb verlegen, halb entschuldigend. Vielleicht komme ich mal wieder. 

Wir haben das definitiv auch vor. Sei es zur nächsten Ausstellung oder nur auf einen Kaffee in ungewöhnlichem Ambiente. Oder, um mal mit der Kamera über das ehemalige Fabrikgelände zu stolpern, keine Ahnung, was es außer den riesigen Silotürmen dort noch zu sehen gibt, wo man überall noch hinkommt. Oder durch den Park hinter dem Schloß, der derzeit eine große Baustelle ist.

Schlimm genug, dass wir das alles noch nicht kannten.

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Wenn Sie da mal hinwollen: die aktuelle Ausstellung läuft noch bis Ende Februar, bis dahin ist der Küchenbau sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Ob und wie man in das Hauptgebäude des Schlosses hineinkommt, ist uns nicht ganz klar geworden, offenbar nur zu Veranstaltungen. Oder Sie lassen sich da standesamtlich trauen, falls Sie eh grade sowas in der Art planen, das wäre auch eine Möglichkeit, die ich der Homepage entnehme. Auf der sollten Sie einfach mal stöbern, und dann einfach mal hinfahren. 

 

 

 

Tierisch.

Es gibt so Themen, um die drücke ich mich auf diesem Blog herum, man möchte ja nicht anecken. Das Thema Hundehaltung auf dem Lande gehört dazu, überhaupt Hundeerziehung auf dem Lande, Stichwort Sozialisierung undsoweiter, manches ist da, nun, wie soll ich sagen, eher doch befremdlich, will mir scheinen, so ganz subjektiv. Aber ich lasse das also lieber, ich denke manchmal wehmütig zurück an alte Zeiten mit Hund in der Großstadt und genieße ansonsten, auch hundetechnisch, die Tage am Meer. Mit Hündchen und Frau Lieselotte. Wenn Sie Hunde nicht leiden können, dürfen Sie jetzt getrost wegklicken, aber manch einen Hundebesitzer wird das hier vielleicht ja interessieren. Also, bitte.

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Morgens um Sieben: alles noch leer. Zwei Stunden später sehen Sie den Hund vor Augen nicht mehr.

Sie müssen sich das in etwa so vorstellen: Hier in diesem winzigen Nest im Hohen Norden Hollands, da haben sie noch kaum das Feriendomizil verlassen, schon stehen sie in einem Pulk von Hunden. Wer vom Land kommt und inzwischen vorbelastet ist wie ich, hält noch am Anfang jedes Aufenthaltes hier die Luft an, schreckensstarr zunächst. Die Köter kommen von rechts und von links, von vorne und hinten die Straße entlang. Die Besitzer plaudern miteinander, die Hunde freuen sich und wedeln mit dem Schwanz, wer an der Leine ist, der wartet brav, wer freiläuft, dreht so seine Runden, schnüffelt hier an einem strubbeligen Hinterteil, schaut da einem Radfahrer hinterher, wahlweise einem Kleinkind. Radfahrer und Kleinkinder gibt es mindestens so viele wie Hunde und Hundebesitzer, und sie alle leben offenbar in schönster Eintracht miteinander.

Sonntagsnachmittags bei Sonnenschein am Strand, da ist die Hölle los, menschen- und auch hundetechnisch. Ganz Holland scheint auf den Beinen zu sein, alle hier am Strand, dazu die halbe Kölner Bucht, gefühlte 120.000 Menschen, Kinder mit Drachen, der Typ auf dem rasenden Sulky, der Gaul vornweg, und dann auch noch die Bay-watch-David-Hasselhoffs mit ihren Quads. Jeder zweite Strandläufer hat mindestens einen Hund dabei, der Holländer an sich präsentiert sich gerne auch als Mehrhundebesitzer, mit zwei, drei, fünf, sechs Viechern; große, kleine, dicke, dünne, edle Rassen sind ebenso vertreten wie explodierte Klobürsten auf vier Beinen oder südländisch aussehende zottelige Promenadenriesen.

Man kann das nett finden oder nicht, dieses Gewimmel, fest steht, niemand stört sich, alle gehen ihrer Wege, schauen auf die Brandung, plaudern oder schreiten stumm fürbaß. Selten ruft mal einer seiner Hund, noch seltener bellt es im Gewimmel, und wenn, dann bloß vor Wonne. Wenn zwei sich hier nicht leiden können, schlendern sie stumm und auffällig unauffällig aufeinander zu, checken aus sicherer Entfernung die Lage und machen dann den berühmten Bogen umeinander.

Wer seinen Hund hier an der Leine führt, an der kurzen noch dazu, der hat es schwer, den treffen die fragenden, genervten Blicke der anderen Hundebesitzer. Selbst Frau Lieslottes neonfarbene 10-Meter-Schleppleine ist den Leuten ein Dorn im Auge, ich erkläre also, der Hund und ich, wir kennen uns noch kaum, ich habe sie erst gut zwei Wochen, dann nicken sie verständnisvoll, na gut, das lassen wir durchgehen, und meistens lasse ich die Leine ohnehin los, weil dauernd irgendwer spielen möchte mit der neuen Lieselotte, und dann fetzen sie eine Weile über den weiten Strand, Hündchen als Gouvernante sieht nach dem Rechten, und dann gehen alle wieder ihrer Wege. Ganz einfach.

Später trifft man sich dann im Café wieder, auch hier an einem Sonntagnachmittag alles voller Hunde, sie liegen neben den Tischen und sitzen unter den Stühlen, und meine einzige Sorge hier ist, daß einer der vierbeinigen Flaneure dem Hündchen auf die Nase treten könnte beim Vorbeigehen.

Das Leben mit Hund unter Hunden könnte so wunderbar unkompliziert, unaufgeregt und entspannt sein, denke ich manchmal, wenn ich hier unterwegs bin. Und dann muss ich ein bisschen seufzen.

 

 

 

 

 

Weit weg.

Die große Kirche brechend voll, alles Schwarz in Schwarz. Ein Trauergottesdienst. Selbst auf der Empore sitzen sie, die sogenannte bessere Gesellschaft ist versammelt, Wohlstand, Bildung, undsoweiter, viele nehmen Anteil.

Schick sehen sie aus, die Damen allemal, von den dunklen Farben abgesehen. Knappe Minikleider, nackte Beine und sehr elegante Hüte. Das Wetter und die Hitze, Sie wissen schon. Die Herren schwitzen in feinem dunklen Tuch, kaum einer wagt, das Sakko auszuziehen, man weiß ja doch, was sich gehört.

 

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Ein Symbolbild.

 

Die Gesangbücher am Eingang sind schnell vergriffen, und jetzt liegen sie da auf der Bank, neben den teuren smartphones, mit-genommen, aber unberührt. Als die Orgel brausend anfängt und zum ersten, wohlbekannten, Lied einlädt, bleibt die trauernde Gemeinde in guten Teilen stumm. Als der junge Pfarrer vorne zum Gebet anhebt, bleibt alles sitzen, keiner rührt sich, wie festgetackert auf den Plätzen. Später am offenen Grab gut hundert Menschen und ein dünnes Vaterunser. Am deutlichsten hört man den Pfarrer, der auch ohne Mikrofon auskommt.

 

Am Ende fahre ich über den glühenden Asphalt zurück nach Hause, aus der Stadt zurück in die Provinz.

Der Mann daheim fragt: Und, wie war’s? 

Ich sage: Traurig.

 

 

 

 

Am erloschenen Vulkan.

Du kannst Dir das nicht vorstellen, bellt die 80jährige Tante aus Berlin ins Telefon, und wenn sie bellt Du kannst Dir das nicht vorstellen, dann klingt das fast wie ein Befehl. Du kannst Dir das nicht vorstellen, wir hatten am Wochenende nach dem 1. Mai eins! Komma! fünf! Millionen! Touristen in der Stadt. 

 

Nein, ich kann mir das nicht vorstellen. Ich will mir das auch gar nicht vorstellen. Ich wäre nach einem Berlin-Besuch inzwischen vermutlich reif für die Klapsmühle. So ändern sich die Zeiten.

 

Stattdessen: Wandern am Vogelsberg. Vogels-was? Vogels-berg. Kennt keine Sau. Das hat der Vogelsberg wohl mit dem Odenwald gemeinsam.

 

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Sechs Tage lang: aufstehen, frühstücken, Rucksack packen, zu Zweit loslaufen. 120 Kilometer insgesamt, rund um den erloschenen Vulkan. Von Hotel zu Hotel. 120 Kilometer lang die eigenen Schritte hören, und die der Begleiterin. Den eigenen Atem, das Hecheln der Hunde, den Kuckuck, die Goldammer, die knackenden Zweige unter den Füßen, den murmelnden Bach. Den blauen Himmel sehen, und die Bilderbuchwolken, unwirklich schön, die Löwenzähne und das Wiesenschaumkraut, Butter- und Sumpfdotterblumen.

 

Eine Woche lang tagsüber Unterhaltungen, die sich auf das Wesentliche beschränken. Ah, rechts rum. Nee, links. Hää? Wieso? Ha, guck doch, hier, auf der Karte, da gehts lang. Ach so, na dann. Gut, daß wir drüber gesprochen haben.

 

Dann wieder Schweigen. Stundenlang.

Einen Fuß vor den anderen setzen.

Nichts denken.

 

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Tiefe Provinz, mitten in Deutschland. Die Landschaft tut, als sei die Zeit stehengeblieben, irgendwann damals, als die Welt noch in Ordnung war. Wiesen, Weiden, Wälder, Bäche und Seen kichern sich eins, wenn man ihnen von Umweltverschmutzung, Lärm und Hektik erzählt. Sie erinnern sich allenfalls noch dunkel an die Zeiten, als hier, im Zonenrandgebiet, die alliierten Panzer durchs Gelände brummten und dicke Arme Richtung Osten machten. Lange her. Dann fiel die Mauer, die Alliierten zogen ab, und die Region wurde vergessen.

 

Vergessen wurden auch die Ortschaften. Hörgenau und Busenborn, Ulrichstein und Burkhards. In vielen Dörfern – so scheint es – blieb die Zeit stehen und donnerte gleichzeitig über sie hinweg.

 

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Viele wollen weg hier, nur wenige ziehen zu. Zwischen Betonrathaus und Fachwerkidylle leerstehende Häuser, aus deren schwarzen Augenhöhlen die Vorhänge herauswehen, wie weiße Fahnen der Kapitulation. Zerfallene Villen, schindelverkleidet, die darauf warten, wiederentdeckt und wiedererweckt zu werden. Feudale Landgestüte neben verlassenen Bauernhöfen. Aufgegebene Lebensmittelgeschäfte neben Fußpflege, Marinas Haarsalon und Dönerkebap. Hotels wie zerknitterte Filmschauspielerinnen mit ausgefranstem Lippenstift, die nicht einsehen wollen, daß sich die Zeiten geändert haben.

 

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Ortschaften, die es aufgegeben haben, mitzuhalten, die keine Kraft und keinen Mut mehr haben, sich gegen das Verlassen- und Vergessenwerden zu wehren. Ich geniere mich, den Verfall zu fotografieren.

 

Vor zwanzig Jahren haben die Alten gesagt, unsere Dörfer werden aussterben, erzählt uns einer, der viel rumgekommen ist im Leben. In den großen Städten Deutschlands ist er beruflich unterwegs, in Asien und Amerika hat er Urlaub gemacht. Wir haben gelacht damals. Aber genauso ist es gekommen. Ich bin hier geboren, und ich will hier sterben. Es gibt keinen schöneren Platz auf der Welt. 

 

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Du kannst Dir das nicht vorstellen, bellt die Tante aus Berlin das Unglaubliche ins Telefon, eins-Komma-fünf Millionen Touristen hier am Wochenende! Wir treffen auf unserem Sechs-Tage-Gang einen Wanderer. Er ist pikiert, wir sind es auch. Man läßt sich ja nur ungern stören unterwegs. Und denkt dann noch ein Weilchen darüber nach, ob die Wanderung rund um den Vogelsberg nun eigentlich eine Reise in die Vergangenheit, oder in die Zukunft der deutschen Provinz gewesen ist.

 

 

 

 

 

Wer gerne mal zu Fuß in der Natur unterwegs ist, dem kann ich den Vulkanring nur wärmstens ans Herz legen. So etwas Idyllisches haben Sie noch nie erlebt, versprochen. Sie können das (klick!) pauschal buchen, mit Gepäcktransfer, so haben wir das gemacht. Wer will schon zehn Kilo Hundefutter durch die Landschaft schleppen? Eben. In etlichen Hotels brauchen Sie einen gewissen Sinn für Humor oder für Retro-Chic, aber die Betten sind allesamt bequem und es gibt warmes Wasser, das ist die Hauptsache. Und abends gibts paniertes Kotelett. Es gibt auch ein paar richtig feine Hotels, die die Wanderer täglich am Vulkanring absetzen und wieder einsammeln, falls Ihnen soetwas mehr zusagt. Und nein, ich kriege kein Geld für diese Werbung. Verlasse mich aber darauf, daß Sie dann auch irgendwann einmal im schönen Odenwald Urlaub machen. Gefälligst. 

 

 

 

Wohl-Stand.

 

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Jetzt hatte ich doch eigentlich noch ein bißchen ablästern wollen. Über die Provinz am Bodensee. Die sich für ach so weltstädtisch hält. Die in Gestalt von graumelierten Herren in knallroten Hosen und quietschgrünen Designersteppwesten vormittags in den Gassen am Ufer sitzt, bei Mario, und bei einem Glas Prosecco die Weltenlage diskutiert.

 

 

Über die solar- und kanarengebräunten Frauen mit den eckigen Designerbrillen und den Pelzkrägelchen, die stöckelnd ihre schicken Einkaufstüten vor sich hertragen und bussibussi machen, wenn sie ihresgleichen treffen. Du, sagste dem Rudi einen gaaanz lieben Gruß von mir!, rufen sie über den Parkplatz, bevor sie in den cremefarbenen Mini-Cooper steigen. Die reiche Uferschickeria.

 

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Das ist die wirkliche Provinz, denkt da die selbsternannte Landpomeranze in mir, und oh, nee, wie peinlich provinziell, die arrogante Stimme aus Berlin. Am See wimmelt es von diesen Leuten. Sie haben viel Geld verdient bei den ansässigen HighTech-Firmen (nein, wir sagen hier jetzt nicht: Rüstungszulieferern) und genießen nun den wohlverdienten Ruhestand in ihrer zum Kotzen schönen kleinen Welt.

 

 

Aber mit dem Lästern ist das ja so eine Sache. GottseiDank. Ich habe mich eines Besseren belehren lassen müssen.

 

Die Leute hier sind sich ihres Wohl-Standes bewußt, erfahre ich beim Kaffee. Die wissen, wie gut es Ihnen geht, und sie geben gerne etwas ab.

 

Der Südkurier berichtet von zahlreichen Privatleuten, die aktuell Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung stellen wollen, weil in den offiziellen Heimen viel zu wenig Platz ist. Von den feinen Serviceclubs, die Geld für die Asylbewerber sammeln, mal eben 2300 Euro für Deutschkurse. Von Fahrrädern, die für die Flüchtlinge organisiert werden, damit der Weg in die Stadt ein bißchen kürzer wird. Von Buddelkästen und Spielzeug für die Kinder in den tristen Unterkünften.

 

 

Liebe reiche Bodenseeer, sorry, daß ich Euch offenbar ganz falsch eingeschätzt habe. Sorry, daß ich einmal mehr tief in die Klischeekiste greifen wollte. Genießt Ihr Euren Prosecco am Ufer, Euren Mini cooper und den Jaguar, und laßt es beim Shoppen richtig krachen. Wenn das Euer Motto ist: das eine tun, das andere nicht lassen, dann ist das großartig. Und alles andere als provinziell. Vielleicht kann man sich andernorts davon eine Scheibe abschneiden. Ich werde zusehen, was ich machen kann.

 

Halte ansonsten beschämt mein Lästermaul und ziehe meinen Hut.

 

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