Weit weg.

Die große Kirche brechend voll, alles Schwarz in Schwarz. Ein Trauergottesdienst. Selbst auf der Empore sitzen sie, die sogenannte bessere Gesellschaft ist versammelt, Wohlstand, Bildung, undsoweiter, viele nehmen Anteil.

Schick sehen sie aus, die Damen allemal, von den dunklen Farben abgesehen. Knappe Minikleider, nackte Beine und sehr elegante Hüte. Das Wetter und die Hitze, Sie wissen schon. Die Herren schwitzen in feinem dunklen Tuch, kaum einer wagt, das Sakko auszuziehen, man weiß ja doch, was sich gehört.

 

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Ein Symbolbild.

 

Die Gesangbücher am Eingang sind schnell vergriffen, und jetzt liegen sie da auf der Bank, neben den teuren smartphones, mit-genommen, aber unberührt. Als die Orgel brausend anfängt und zum ersten, wohlbekannten, Lied einlädt, bleibt die trauernde Gemeinde in guten Teilen stumm. Als der junge Pfarrer vorne zum Gebet anhebt, bleibt alles sitzen, keiner rührt sich, wie festgetackert auf den Plätzen. Später am offenen Grab gut hundert Menschen und ein dünnes Vaterunser. Am deutlichsten hört man den Pfarrer, der auch ohne Mikrofon auskommt.

 

Am Ende fahre ich über den glühenden Asphalt zurück nach Hause, aus der Stadt zurück in die Provinz.

Der Mann daheim fragt: Und, wie war’s? 

Ich sage: Traurig.

 

 

 

 

7 Kommentare

    • Die haben keine Vorurteile. Die haben auch keine Anti-Haltung oder gar ein Alternativprogramm. Die haben (dachte ich mir so, wie ich da saß) einfach gar nichts mehr. Außer vielleicht Geld und dicke Autos und sicher eine Mainstream-Meinung. Aber vermutlich tue ich denen auch unrecht. Nichtsdestotrotz dachte ich (wie ich da so saß, in der schicken Stadt) an das Traditionelle und die Volksfrömmigkeit auf dem Land und daran, wie sehr mich die (wenigen) Beerdigungen in der Provinz bisher bewegt und berührt haben – obwohl ich den Verstorbenen da weiß Gott nicht näher was als hier in diesem Fall.

  1. Ich kenne das auch, besonders auch von Hochzeiten. Ich glaube aber nicht, dass man aus der Unkenntnis der Riten schließen kann, dass da nichts sei. Spiritualität ist halt inzwischen sehr vielfältig und wer kann schon in den anderen hineinsehen? Aber ich weiß, es ist traurig, wenn die leeren Formen vorgeführt werden…

  2. Vielleicht ist auch nur eine neue Form der Unhöflichkeit. In einem ungewohnten, oder gar fremden Kulturkreis, in diesem Falle auch Ritus, kommt nimmt man sich doch etwas zurück.
    Ich hatte dieses Jahr das seltsame Vergnügen an einer Freimaurerbeerdigung teilnehmen zu dürfen. Der Verstorbene, dem übrigens stets der Schalk im Nacken saß, wollte dass seine Brüder am Grabe das „Vater Unser“ beten. Das haben sie dann auch getan. Laut und deutlich.
    Gesungen haben wir übrigens die schweinischsten Strophen von „Geh aus, mein Herz, und suche Freud.“

  3. Ich mag, wie Du schreibst, danke, dass Du es teilst!
    Und ja, so Situationen kenne ich. Meine total unchristliche (offiziell getauft, in Grundsätzen gelebt, aber sonst nichts mit Kirche am Hut) Familie musste aus einer Laune meiner Oma heraus das absolut christliche Kirchenprogramm zur Beerdigung meines Opas durchziehen. Während ich auf einem kath. Gymnasium war, war die Unkenntnis meiner restlichen Familie zum Fremdschämen. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass eine ist besser als das andere, aber sowas ist unnötig – wieso kirchlich durchziehen, wenn man das sonst nie macht?
    Ich zB glaube, dass Glaube ein guter Weg zur Erklärung der Welt und zum Regeln und Durchhalten ist und finde das gut, wenn Leute danach Leben. Ich denke aber genausgut, dass unsere religiösen Regeln einfach mal hätten angepasst werden sollen, um in unserer Zeit größere Akzeptanz zu finden. Aber als „aufgeklärter Städter und das alles überholt finden“ muss man nicht kirchlich heiraten und sterben, das ist wirklich falsch verstanden für mich…

  4. „Als der junge Pfarrer vorne zum Gebet anhebt, bleibt alles sitzen, keiner rührt sich, wie festgetackert auf den Plätzen.“

    Vielleicht war er noch nicht erfahren genug, um in einem solchen Fall einfach zu sagen: „Und ich darf Sie bitten, dazu aufzustehen.“

  5. Ich sammle ja momentan genug Erfahrungen auf diesem Gebiet und muss zugeben, dass ich die (katholische) Beerdigung meines Vaters mit all diesen vielen „Dörflern“, die Anteil nahmen, schon sehr angemessen & ergreifend fand, gar nicht unecht, aufgesetzt, hilflos usw. Im Vergleich zu der missglückten (evangelischen) Trauerfeier meines Schwiegervaters …das müssen wir glücklicherweise demnächst nicht noch mal praktizieren, da wir jetzt die Entscheidungen treffen können. Und wir werden auf unsere Art mit dem Herzen dabei sein…
    Liebe Grüße
    Astrid

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