In Another World.

Wir waren gestern abend auf einem Empfang eingeladen, in der Stadt. Besser gesagt, in einer dieser eleganten Vor-Städte im Großraum Frankfurt, in denen das Geld unter den blickdichten Eisentoren der riesigen Grundstücke hervorwabert wie Disco-Nebel, und aus den Knopflöchern der teuren Anzüge und Kostüme der anwesenden Herren und Damen.

In der großräumigen Ansammlung von feinen Villen am Waldrand müssen wir nur dem Duft der zeitlos-klassischen Sommerparfums folgen, er riecht nach unbeschwertem Wohlstand und führt uns tatsächlich zum richtigen Haus und der dazugehörigen Gartenparty. Die vorherrschenden Farben sind Weiß, Crème, Altrosa und Schwarz, Coco Chanel läßt grüßen, dazu dezenter Schmuck und handgenähtes Herren-Schuhwerk, Kellner mit Champagner und Häppchen, nein, ich übertreibe nicht, es war fast wie im Fernsehen, in einer dieser Serien, die ich mangels Empfangsgerät schon lange nicht mehr gucke.

Ich kenne keine Menschenseele, nicht einmal die 90jährige Gastgeberin, die im cremefarbenen Anzug ans Mikrofon tritt und eine kleine Rede hält für ihre 60 deutlich jüngeren Gäste, die unter großen weißen Sonnenschirmen da im Garten stehen. Mein Geo hat einst mit dem Herrn des Hauses zusammengearbeitet, der ist schon lange tot, aber die Verbindung zur Familie war eng, damals, vor vielen Jahrzehnten. Die Einladung zur Gartenparty kam trotzdem völlig unerwartet, und Geo wollte nicht alleine hin. Also, bitte, bin ich eben mitgefahren.

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Und nun stehe ich da als alte Großstädterin in dieser völlig fremden Welt und fühle mich wie eine Landpomeranze, ich bin nicht komplett unpassend angezogen, aber eben doch alles ein paar  hundert Nummern kleiner, finanziell gesehen. Von dem, was mein gesamtes Outfit gekostet hat, kaufen die Damen hier vermutlich grad mal eine Tube wertvoller Tagescreme, sowas denke ich zwischendurch, und ärgere mich dann gleich auch über mich und aktiviere mein Berliner Selbstbewußtsein.

Mein Geo wird herzlich empfangen, wie der verlorene Sohn nach all den Jahrzehnten, alle schwätzen und lachen über alte Zeiten, man erzählt von den Büros in Tokio, London und Den Haag und Weißt Du noch? und Ach, wie schön das war! und ich bin mittendrin in den Gesprächen, die Leute sind ausnehmend freundlich und wohlerzogen, sie berichten von ihrer Arbeit und ihren Ehrenämtern und fragen nach dem sagenumwobenen Odenwald, wo der denn sei und wie man da so lebt. Ein Paar kündigt schließlich seinen Besuch an, da müssen wir unbedingt mal vorbeikommen, wenn Euch das passt. Aber gerne. Ich werde dann vorher mal Großputz machen müssen, oder lieber gleich eine Generalsanierung, was sollen die Leute denn sonst denken, aber vielleicht war es ja auch nur so dahingesagt.

Und dann kommt die 90jährige Gastgeberin noch auf ihr Haus zu sprechen, auf diese Villa aus den 50er Jahren, in diesem Viertel, in dem immer neuere, größere Prachtvillen entstehen. Wie dankbar sie ist für dieses Haus, in dem sie nun alleine lebt, für diese Gegend. Für den Garten und die Rosen, die jedes Jahr blühen. Für jedes einzelne Zimmer im Haus, da stecken überall wundervolle Zeiten, wunderbare Erinnerungen drin, in jedem Möbelstück, im Parkett und in jedem Teppich. Für die Nachbarschaft, die für sie sorgt, einkauft, Fahrdienste erledigt, auch mal den Rasen mäht. Mit der sie auch mal wieder über Brahms und Beethoven diskutieren kann, sie, die ehemalige Pianistin, deren Finger heute nicht mehr wollen, wie sie will. Sie bedankt sich für all die Hilfe und die Unterstützung, und die Gäste werden ein bisschen verlegen-beschämt, das ist doch selbstverständlich, das machen wir doch alles gern für Sie. 

Am Ende unterhalte ich mich noch mit dem Enkel der Alten, er studiert internationale Finanzwirtschaft in London, was sonst, und bringt mir dann bei, wie man zum Dessert die pink- und grünfarbenen Macaron-Doppelwhopper- XL vom Tablett des Kellners direkt in den weit aufgerissenen Mund befördert, ohne größere Unfälle zu verursachen oder öffentliches Aufsehen zu erregen. Nach dem 4. pappig-süßen Doppelwhopper habe ich Technik und System begriffen, der Kellner lacht und wir verabschieden uns herzlich.

Und dann fahren wir mit dem ollen Kombi fort aus dieser komplett anderen Welt, über Autobahn, Bundesstraßen, Landstraßen und den Gemeindeverbindungsweg zurück in unser winziges dunkles Dorf, 120 Kilometer und ein paar Lichtjahre entfernt.

Aber es war, wie man so sagt, ein ganz reizender Abend.

Und falls Sie jetzt noch eine Pointe erwarten, muß ich Sie leider enttäuschen.

 

Die Musik dazu:

 

9 Kommentare

  1. Liebe Friederike, ich verstehe Dich- aber dieses Gefühl kenne ich auch aus dem Odenwald.
    Ich spüre manchmal, dass ich zu dieser Welt nicht gehören möchte, aber ich wünsche mir trotzdem, dass die Menschen mich auch in meiner Fremdheit akzeptieren.

  2. so ähnlich fühle ich mich, wenn ich jeans und gummistiefel gegen kostüm und pumps tausche und in die große welt fahre, die nach ganz anderen regeln funktioniert und mir oft so künstlich und schräg erscheint, obwohl ich doch aus ihr komme und sie immer gemocht habe.

  3. Sich mal aufzurüschen, das macht mir Spaß.
    Klar, es ist nicht zu vertuschen: man sieht es mir dann an, dass das nicht mein *natürliches Umfeld* ist. Aber so als Ausflug, Event, mal die Nase ins Andere wieder reinzuhängen – SUPER!
    Wie immer auch sehr schön beschrieben, Friederike!

  4. Sorry, muss die Harmonie hier mal wieder zerstören.
    Diese Typen sind genau die Leute, die durch Ihre Ignoranz und Geldgier alles zerstören.
    Natur und Menschenleben. Womit alles beschrieben wäre, was uns umgibt.
    Natur und Menschenleben.

    • Welche Harmonie? 🙂 Aber im Ernst: ich war hin-und hergerissen, weil die Sache mit dem Schwarz-weiss-Denken so einfach nicht ist. Aber global gesehen hast du sicher recht.

  5. Da fehlte nach meinem Eindruck nur noch eine Sammelbox für die örtliche Tafel.
    Man hilft doch sicher gern, seitdem der gesenkte Spitzensteuersatz und die Kapitalertragsteuer materiell ein wenig mehr „Luft zum Atmen“ lassen.

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