Alles anders.

Wenn Sie hier weiterhin auf Odenwälder Hühner-oder Kükencontent warten, auf Bilder unserer verregneten Ernte oder auf Geschichten aus dem badischen Hinterland, dann muß ich Sie leider noch ein bißchen enttäuschen und noch ein bißchen vertrösten. Es hat mich ja in eine andere Provinz verschlagen, vorübergehend, in die Südpfalz, ein paar Tage hier bleiben mir noch, und ich erkunde die Gegend, wann immer die Zeit dazu ist.

Wenn ich also nicht gerade von ärztlich verordneter Entspannung zu ärztlich verordneter Entspannung hetze, dann besuche ich die etwas anderen Sehenswürdigkeiten der Region. Was hier seit Jahrhunderten so los war zu den Themen Hass und Mord und Totschlag, davon hatten wir es hier schon mal, und neulich bin ich also in diesem Zusammenhang in einem französischen Bunker gelandet, in einem von den unzähligen, die hier so herumstehen.

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Eine Mischung aus Kaserne und Kampfmaschinerie, 30 Meter unter der Erde, über 600 Mann waren hier untergebracht und bewegten sich in einem Tunnelgewirr, das sich über eine Strecke von rund 5 Kilometer durch das unterirdische Fort zieht. Selbst eine kleine Schmalspurbahn fuhr hier unten in den feucht-kalten Gängen, sie brachte Material und Munition noch bis in das hinterste Ende dieses gigantischen unterirdischen Monsters aus Beton und Stahl. Großküchen, Operationssäle, Schlafräume, Nahrungsmittellager, eigene Stromerzeugung, eigene Brunnen; die Bauherren des Bunkers und des Krieges hatten an alles gedacht.

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Stundenlang laufe ich mutterseelenallein durch die kilometerlangen Gänge, das Geräusch meiner Schritte verdoppelt sich an den Wänden und der niedrigen Decke, und ab und zu muß ich mich umdrehen, um mich zu vergewissern, dass nicht direkt hinter mir jemand läuft. Und währenddessen stelle ich mir vor, wie das war, als 600 Mann hier unten lebten und kämpften; wie das war im Juni 1940, als die Bomben und die Granaten nur noch so herunterprasselten auf das unterirdische Fort, wie sich die französischen Soldaten hier unten verzweifelt wehrten und dagegenhielten, ich stelle mir vor, die eine Hälfte von denen wollte vielleicht den Feind besiegen und vernichten, die andere Hälfte hoffte einfach nur, lebend aus diesem Albtraum herauszukommen, mit Gottes Hilfe oder sonstwie. Heutzutage werden Kriege ja zum Glück anders geführt, sagt beim Ausgang ein Besucher zu seiner Frau. Zum Glück. Man wundert sich manchmal.

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Und noch ein anderes dieser merk-würdigen Ziele habe ich heute besucht, auch nicht gerade ein touristisches Ziel, aber doch ein lohnenswertes, das von den meisten der Durchreisenden links liegengelassen wird.

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Die kleine Gedenkstätte des Pfalzklinikums Klingenmünster liegt unscheinbar an der beschaulichen Weinstraße, da also, wo sich alles um liebliche Landschaft, Wein und Gesang und Tourismus und wasweißichnochalles dreht. Früher hieß das Pfalzklinikum Kreisirrenanstalt, und untergebracht waren hier all jene Menschen, die krank, schwach oder anders waren. Und die dann aus genau diesen Gründen umgebracht wurden von den Nazis, umgebracht und hier und anderswo verscharrt. Von bis zu 2000 Euthanasie-Opfern allein hier im winzigen Klingenmünster ist die Rede.

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Es ist doch gefühlt noch gar nicht so lange her, dass ich an Orten wie diesen gestanden und gedacht habe: Das ist un.fass.bar. Un.vor.stell.bar. Dass ich den Kopf geschüttelt habe, ungläubig, innerlich wie äußerlich. Dass ich in Bunkern, in Kriegsmuseen oder Gedenkstätten dachte Wie kann man nur?.

Ja Ihr, was wißt Ihr schon, hätte ich dann die Berliner Großmutter vor meinem Inneren Ohr gehört, was wißt Ihr schon, Ihr habt doch immer nur im tiefen Frieden gelebt. Mich ärgerte der Satz, und doch wußte ich: Sie hat ja recht. Und im gefühlten tiefen Frieden erschien das Unfassbare umso unfassbarer, das Unvorstellbare umso unvorstellbarer.

Und jetzt also, ein paar Jahre und Jahrzehnte später, ertappe ich mich dabei, wie ich hier stehe, im Bunker, an der Maginotlinie, vor irgendwelchen Westwall-Ruinen im Wald oder in der Gedenkstätte, wie ich da also stehe und denke, ja, so ist das. Gar nicht so un-fass-bar. So gehen Menschen miteinander um. Sie verachten und bekämpfen sich, sie töten sich, sie werfen Bomben und Granaten, immerzu und überall auf dieser Welt, sie gehen auf alles los, was schwach und anders ist, sie rennen irgendwelchen durchgeknallten Ideologien hinterher, sie feiern den Hass und brüllen die Empathie in Grund und Boden.

Den Tiefen Frieden hat es wahrscheinlich nie gegeben, unser Friede war nur der Krieg, der woanders stattfand. So irgendwie muß das wohl gewesen sein. Und jetzt ist es eben anders. Ganz anders. Ich hätte gerne nochmal mit der Großmutter darüber gesprochen. Vielleicht hätte sie irgendeinen typisch berliner schlauen Spruch auf Lager gehabt, eine tröstende Erklärung oder eine Hoffnung. Vielleicht hätte sie auch gesagt, was sie immer sagte, wenn sie selber nicht mehr weiterwusste: Ach, nu frach doch nich so dusslich!, und dann wäre sie aufgestanden und aus dem Zimmer gegangen.

 

 

 

 

 

 

8 Kommentare

  1. Schön, dass man Dich mal wieder lesen kann…eine gute Zeit wünsch‘ ich Dir noch und….erhol Dich gut 😉 LG Waltraud

  2. „Den Tiefen Frieden hat es wahrscheinlich nie gegeben, unser Friede war nur der Krieg, der woanders stattfand.“

    Das ist ein Satz, den man sich merken muß. Einrahmen. Übers Bett hängen.

    Eine gute Zeit wünsche ich noch!

  3. „Den Tiefen Frieden hat es wahrscheinlich nie gegeben, unser Friede war nur der Krieg, der woanders stattfand.“ Ein bedeutender Satz, der zur heutigen Situation sehr gut passt. Unruhige Zeiten, die vermutlich noch eine ganze Weile andauern werden. Schöner Beitrag.

  4. Dein lautes Nachdenken findet hier öfter ganz im Stillen statt. Und trotz allem, was da passiert in der Welt, hoffe ich für meine süßen Enkel und die der anderen, dass es so bleiben möge mit dem Frieden.
    Weiterhin schöne, interessante Tage!
    Astrid

  5. Ich lese die Zeichen wie du. Der Krieg, der woanders stattfand/findet – und an vielen davon sind wir mitbeteiligt (Stichwort *Waffenexporte* bspw.) – rücken auf einmal näher und näher. Kann der Mensch überhaupt Friede halten? Wird er nicht genau dann immer wieder übermütig? Und wie groß ist der Teil der Menschen, die den Willen und die Sehnsucht nach Frieden überhaupt wirklich in sich tragen? Wie verändert sich das Weltbild, nachdem man durch Krieg nicht nur in die Abgründe des Menschseins geblickt, sondern sie erlebt hat? Puhhh, das kann sich schon düster auf die Brust legen…

    Dir wünsche ich für die Tage deiner Erholung und Entspannung viel Sonnenschein – auch innerlich 🙂

  6. „Den Tiefen Frieden hat es wahrscheinlich nie gegeben, unser Friede war nur der Krieg, der woanders stattfand.“

    Wie recht Du hast, mal wieder und man möchte es halten wie die Oma, aufstehen und aus dem Zimmer gehen, vielleicht in den Garten zu den Hühnern, zu den verregneten Ernten oder einfach nur den Wolken zuschauen.

  7. „Den Tiefen Frieden hat es wahrscheinlich nie gegeben, unser Friede war nur der Krieg, der woanders stattfand.“

    Leider wahr!

    Danke für den interessanten Artikel.

  8. Dein Text bringt mich zu dem Gedanken, dass es ein gutes Gefühl ist mit Menschen, die so denken, in diesem Land zu leben.
    Lass uns dafür arbeiten, dass der Frieden hier erhalten bleibt und sich immer weiter verbreitet.

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