La Chapelotte.

Der Wald ist freundlich in den Vogesen. Besonders hier oben, auf dem Col de la Chapelotte. Sandiger, weicher Boden, zarte Birken und Eichen, schlanke Kiefern und riesige Esskastanien, die ihr gelbes Herbstlaub wie einen Sonnenschirm über die Wege breiten, damit dem Wanderer der Aufstieg nicht allzu anstrengend wird.

Überall auf den Wegen liegen die Eicheln und die Esskastanien, die Natur wirft ihre ganze Fülle dem Besucher zu Füßen, fast wird das Gehen dadurch erschwert. Ein Herbst wie ein rauschendes Fest.

Ja, ich hatte nur das olle Händi dabei. Sie müssen halt selber mal da hinfahren.

Und doch ist das hier oben ein einziges Schlachtfeld. Ein ehemaliges, zumindest. Gäbe es ein Ranking der grauenhaftesten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, wäre La Chapelotte vermutlich eher so im Mittelfeld zu finden, Verdun stünde da wohl an oberster Stelle. Aber so ein Ranking interessiert niemanden, und schon gar nicht die Tausenden von Toten auch hier oben auf La Chapelotte.

Franzosen und Deutsche haben hier gegeneinander gekämpft, das felsige Gelände war unübersichtlich, so entschied man sich für den Minenkampf. Den Gegner unterirdisch wegbomben. Auf beiden Seiten wurden Bunker gebaut, Versorgungsschächte für Strom und Luft, ganze Stollen in den Berg hineingetrieben.

Reste eines Stolleneingangs. 80 Meter geht es hier in die Tiefe.

Derselbe Stolleneingang vor seiner Zerstörung 1918. Man beachte die Schmalspurschienen für Loren.

Rund um den Berg und durch den Wald, den freundlichen, geht es durch Gänge und Schützengräben, die in den harten Fels gehauen sind, eine qualvolle Schinderei, wochenlang, monatelang. Aber nichts gegen die Qualen, die in den kommenden Jahren folgen sollten hier oben.

Monatelang, jahrelang waren die Soldaten hier, tausende von jungen Männern, die noch mit Hurraa! in diesen Krieg gezogen waren. Sie haben geschossen und gelitten, gesungen und vielleicht gebetet, gegessen, getrunken, geschlafen. Sie haben bestimmt auch mal gelacht, sich von ihren Mädchen daheim erzählt, von ihren Kindern, sie haben Sehnsucht nach Zuhause gehabt, weiter geschossen, geschrien, geweint, sich heimlich verbrüdert, sich gegenseitig weggebombt. Alleine 2000 Franzosen sind auf La Chapelotte ums Leben gekommen, heißt es auf einem Schild im Wald, zu der Zahl der deutschen Todesopfer habe ich auf die Schnelle im Internet nichts finden können.

Einen Hinweis auf die Ruinen eines deutschen Lazaretts auf La Chapelotte hatte ich im Netz aber entdeckt, ein versteckter Ort, bisher nicht markiert, nicht ausgeschildert, schwer zu finden.

Reste eines Lazaretts.

Unterhalb des Lazaretts die verfallenen Reste einer Seilbahnstation. Wenn es im unwegsamen Gelände um Waffennachschub oder Kranken- und Material-Transporte ging, scheuten die Deutschen weder Kosten noch Mühen.

 

Kaum ist es im Kopf und im Herzen zusammenzubringen. Die absolut friedliche, freundliche Natur an diesem wundervollen Herbsttag – und die Schützengräben, die Minentrichter überall im Gelände, die Bunker und das Grauen dieser Kämpfe. So schlängele ich mich durch die in den Fels gehauenen Gänge und durch diese merkwürdig holprige Landschaft, in der jeder einzelne Hügel, jede größere Senke eine eigene, entsetzliche Geschichte zu erzählen hat. Unfassbar! höre ich mich hin und wieder raunen, absolut unfassbar!

Dann raschelt es schon wieder im Gebüsch, die Hunde reagieren, gucken, ziehen an der Leine. Der freundliche Wald ist voll mit freundlichen Franzosen, die Esskastanien sammeln. Tütenweise, eimerweise. Überall kriechen sie hier oben gebückt durch das Herbstlaub, prüfen, bewerten, werfen die Maronen wieder auf den Boden oder in den Eimer.

Mit einer älteren Frau mit zwei großen Eimern komme ich in ein kleines Gespräch, soweit das mit meinen Französisch-Kenntnissen möglich ist. Es geht um Hunde, natürlich, Ich habe auch zwei, aber sie ziehen so furchtbar, dass ich sie hier zum Sammeln nicht mitnehmen kann, sagt sie. Dass ich meine Beiden vor dem traurigen Schicksal als südländische Strassenköter gerettet habe, verdiene einen Orden, lobt sie mich. Bonne Journee!, ruft sie am Ende fröhlich-winkend hinter mir her und verschwindet lachend wieder im Unterholz mit der grauenhaften deutsch-französischen Geschichte, um zwischen Schützengräben und Bombentrichtern nach Esskastanien zu suchen.

Und ich bin mir am Ende nicht sicher, ob ich das äußerst befremdlich – oder doch sehr tröstlich finden soll.

Nationalfarbiges Rindenmulch an einer Gedenktafel.

 

 

 

2 Kommentare

  1. Hi. Ich finde, Deine Wiedergabe des Treffens mit der Frau ist definitiv das Positive! Wenn wir so miteinander umgehen, freundlich, miteinander reden, kennenlernen, gibt es hoffentlich keine weiteren Auseinandersetzungen dieser Art. Und da wo ich groß geworden bin, gibt es viele alte Bombenkrater im Wald und in den alten Bunkerstollen hausen heute die Fledermäuse. Wir können uns nicht Mal annähernd das wirkliche Ausmaß vorstellen, aber auch dieser Artikel ist wieder ein Stück zum Guten! Ich finde ihn mit all den Beschreibungen vom Wald und den sammeln den Menschen sehr positiv! Einen weiterhin schönen Urlaub (habt Ihr doch noch?) und viele Grüße
    Nina

  2. Warum sind die Vogesen mit einem so wunderbaren Wald gesegnet ?
    Weil die Deutschen in der Besatzungszeit nicht alles abgeholzt haben, die dachten ja in größeren Dimensionen, 1000 Jahre und so.
    Und warum ist der gegenüber liegende Schwarzwald so eine Fichten Monokultur ?
    Weil die Franzosen nach dem 2. Weltkrieg alles abgeholzt haben.
    Oder besser abholzen ließen. Reparationen.
    Den Pfälzer Wald übrigens auch, der war 1948 mehr oder weniger kahl.
    Wenn Sie durch den Pfälzer Wald laufen wird Ihnen auch auffallen, daß dort rel. wenige starke, dicke, alte Bäume stehen.
    Mein Vater ist ein alter Pfälzer, er erzählte, daß bei einem Faschingsumzug in den späten 40ern ein Motivwagen diesen Umstand einmal thematisierte. Der Vorstand des Narrenvereins des betreffenden Wagens wurde dann von der Franz. Militärverwaltung für ein paar Wochen eingesperrt. Hi Hi.
    Schwamm drüber.
    Der Odenwald war schon Ami Gebiet, oder ?

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