Still, still.

In meiner Heimatstadt Berlin gibt es derzeit nur ein Thema. Nein, nicht die Berlinale, auch nicht das jämmerliche hauptstädtische Flüchtlingstohuwabohu, wer interessiert sich denn für sowas? In Berlin redet man (und vorallem frau) derzeit nur über eines: Über das Stillen in der Öffentlichkeit.

(Kunstpause.)

Ja, das ist das Thema, das die Welt bewegt. Zumindest macht es so den Eindruck, wenn man (frau) sich durchs Internet klickt. Das ganze Netz ist voll davon. Und weil ich momentan über mehr Zeit verfüge als mir lieb ist, surfe ich da so herum. Ich will ja wissen, was so abgeht in der Stadt, will auf dem Laufenden sein. Nicht, dass ich am Ende auch noch geistigintellektuell zur Landpomeranze mutiere.

Da gibt es also im Prenzlauer Berg ein Café – genauer gesagt, eines von gefühlt 2854 Prenzlberg-Cafés – und der Besitzer dieses einen superduperhippen Schickicafes hat nun eine Frau quasi präventiv darauf hingewiesen, dass sie zwar gerne einen Kaffee trinken könne in seinem schicken Laden, ihr mitgebrachter Säugling aber bitte weder in der Schaufensterfront (wie andernorts wohl üblich) noch hinten im Café zu stillen sei. Der Mann hat offenbar – das entnehme ich der umfangreichen Berichterstattung aller (aller) Berliner Medien – auch etwas gegen sperrige Kinderwägen in seinem coolen Café, und piepsende klackernde Laptops will er auch nicht haben. Bei ihm soll es halt irgendwie anders zugehen als in den übrigen 2853 hippen Cafés und Restaurants im Prenzlberg. Kann man jetzt gut finden oder doof, ist auf jeden Fall mal so.

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Berliner Gastronomie. (Symbolbild) Foto: jutta wieland/pixelio.de

Die Dame hat daraufhin also den hungrigen Säugling zusammengepackt und das Etablissement verlassen, logo, vielleicht unter Absingen schmutziger Lieder, vielleicht auch stumm vor Schreck, und nun tobt der weibliche Teil des www, es gibt einen lautstarken Aufstand der stillenden Mütter, und es gibt natürlich stante pede eine online-Petition, die sich mal gleich an die Bundesregierung wendet und ein Antistilldiskriminierungsgesetz fordert. Oder sowas in der Art, ich habe es nicht vollständig gelesen, muß ich zugeben.

Wenn Sie also mal wissen wollen, was wir Transusen und Trottel auf dem Lande alles so verpassen, was also die wirklich bewegenden und gesellschaftlich relevanten Themen sind, wofür wir uns einsetzen und wogegen wir kämpfen sollten, dann empfehle ich Ihnen, mal beim kiezneurotiker vorbeizuschauen und auf der Seite ein bisschen runterzuscrollen, der hat den ganzen Vorgang hübsch verlinkt und ein paar nette Sätze mit dazugeschrieben.

Und während die Stillaktivistinnen also noch an ihrer Petition basteln, zu der es inzwischen natürlich auch eine facebookseite gibt, während sie abertausende von Kommentaren sortieren und vielleicht schon ein sit-in planen, vor dem bösen Café im Prenzlberg, – währenddessen füttere ich also meine Hühner und schaufele Schnee, empöre mich mit der Nachbarin über das Wetter und genieße die Stille des Waldes. Und denke darüber nach, wie ich meine Kraft einsetzen kann für die Herausforderungen dieser Welt.

Und wie ich da also so provinziell vor mich hinmurkele, die alte Großstädterin im tiefen Oudewald, möchte ich den waidwund aufjaulenden Stillenden auch dieses noch zurufen: HeyMütter, macht Euch locker! Ihr habt das, was man ein Luxusproblem nennt. Wenn Euch einer im Prenzlberg nicht haben will, so what? Dann zeigt ihm doch den Stinkefinger, geht zweienhalb, maximal drei Schritte weiter ins nächste hippe Café, bestellt Euch eine Chai-Latte oder einen Ayurveda-Tee, nehmt den Säugling an die Brust und gut is.

Mädels, kommt mal hier in die Provinz. Da müsst Ihr die Cafés mit der Lupe suchen, ich habe auf einer Fläche von 1200 Quadratkilometern (sic) inzwischen immerhin vier oder fünf (sic) gefunden, die sehr nett oder zumindest annehmbar sind. Mit Euren Prenzlbergstuben haben die allerdings eher wenig gemein.

Und wenn ich hier irgendwo gar nicht erst reinkomme oder nicht wirklich bedient werde, weil zwei nasse Hunde dabei oder icke in dreckigen Wanderklamotten,  – ja, alles schon passiert, ersteres kann ich noch akzeptieren, letzteres nicht – , wenn ich also unzufrieden bin oder schlecht behandelt werde, dann muß ich ins Auto steigen (guter Nahverkehr ist leider essig) und mal eben 20 oder 25 Kilometer fahren, zur nächsten Location. In der Hoffnung, dass die dann auch auf ist. Was sie in der Regel natürlich nicht ist. Betriebsferien, Ruhetag, geschlossene Gesellschaft, Erstkommunion, goldene Konfirmation, Klassentreffen Jahrgang ’32, undsoweiter. Die Provinz-Variante von Murphys law eben.

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Odenwälder Monoblock.

So, Ihr empörten Großstadtmütter. Botschaft angekommen? Gut.

Dann kann ich ja jetzt wieder zu den Hühnern. Und über die wirklich wichtigen Herausforderungen nachdenken. Die, die vielleicht auf dem Land ganz ähnlich sind wie in der Stadt. Und über Lösungen. Und so.

Und zwischendurch einen Cappuccino trinken.

In der Küche.

 

 

 

 

11 Kommentare

  1. Der Besitzer hat auch Rechte. Hoechstwahrscheinlich dachte er an alle seine Kunden und versuchte die beste Loesung zu finden! Gefaellt der zugewiesene Platz nicht, weiter in das naechste Cafe! Die Zeit im Leben ist zu kurz, es gibt soviele wichtigere Dinge fuer das man sich die Kraft und Energie sparen sollte.

  2. Ich habe das ganze nur – oder sollte ich sagen „schon“? – am Rande mitbekommen und, ich finde es künstliche Aufregung. Es ist wie du sagst, sollen sie halt zwei, drei Schritte weitergehen, wenn da so ein Überangebot ist (du wirst das eher realistisch beurteilen können, ich war noch nie in Berlin und will da auch nicht hin), und gut ist. Thema erledigt. So hat das für mich auch den Anklang „zu viel Langeweile“, wenn die da jetzt so ein Fass für aufmachen. Tut mir leid, ich sehe das so. Und das sage ich nicht, weil ich als gehandicapte „Mutter“ (es sind nicht meine leiblichen Kinder) mit zwei gehörlosen Kindern schon von der hier örtlichen Bio-Fraktion vom Spielplatz gejagt wurde, weil „das“ (wer von uns? Und wir sind nicht „das“ sondern Leute) ihren Kindern optisch nicht zumutbar sei. Da hab ich mir meinen Teil gedacht („Gibt’s eigentlich schon Glubuli gegen Apoplex?!“ Meine ICP sieht optisch wie Zustand nach Schlaganfall aus.), habe „meine“ Kinder genommen, denen gesagt, wir müssen uns nicht beschimpfen und beleidigen lassen (sie sollten wissen warum wir gehen) und bin woanders hingegangen. Fertig! Keine Petition gestartet (verglichen mit einem von x Cafes in dem man nicht öffentlich stillen darf ist das öffentliche Verhalten gegenüber gehandicapten Eltern, insbesondere durch andere Eltern, wirklich ein Problem, wenn auch nur einer Randgruppe), kein Shitstorm, keine Medienoffensive, kein sonst wie Zeug, weil wir nicht glücklich wären wenn wir uns nicht aufregen können.

  3. Ernsthaft? Weil ihr kleine Luxusprobleme habt, über die sich doch zumindest hier im Blog auch eintragweise aufgeregt wird, sollen andere bitte die Klappe halten? Warum?

    LG
    Katja aus Ahrensburg

    • Es geht ja nicht darum, die Klappe zu halten, wenn man (frau) sich über etwas ärgert. Ich frage mich nur, ob hier nicht viel zu viel Energie an einer „Front“ verschwendet wird, die ich als solche gar nicht erkennen kann. Und ansonsten isses natürlich richtig: die allermeisten unserer Probleme hier sind Luxusprobleme.

  4. Ich lebe in Berlin – und bedingt durch meine Lebenssituation in einer interkulturellen Gemeinschaft mit Geflüchteten und Menschen in anderen Grenzsituationen des Lebens habe ich gut und gerne jede Woche mit 50 Menschen und mehr zu tun. Die schlagen sich mit ganz anderen Dingen herum und wären froh, wenn sie in ihrem Leben nicht mehr Verdruss hätten als einen Cafe-Betreiber, der kein öffentliches Stillen wünscht.
    Das „Still-Problem“ ist das Problem einer bestimmten Nische im Internet (Elternblog-Betreiber oder Leute die extensive Zeit-Resourcen für Cafe-Besuche haben) – ich habe davon nur in Medien gehört und kann darüber nur den Kopf schütteln, denn Berlin hat ganz andere Probleme: Ob es nun das Finden eines Kita-Platzes, die Verwahrlosung von Schulen und öffentlichen Räumen, Gentrifizierung etc. sind.

  5. Äh, ich dachte das Thema ist längst durch.
    Du hast recht, man muss nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen.
    Luft holen, das Lokal verlassen , in ein anderes rein, WO ist das Problem ???
    ABER genau ähnliche Empfindlichkeiten erlebe ich seit Wochen, unfassbar über
    was sich gerade Eltern aufregen können. Ich frag mich immer mehr wo diese Empfindlichkeiten herrühren……
    Und dem Café Besitzer würde ich raten, doch vorne gleich ein Schild hinzuhängen,
    was alles unerwünscht ist, dann weiß Frau und / oder Mann gleichen wo der Hase
    lang läuft…

  6. Das Problem sollte keines sein. Es gibt eine EU – Richtlinie die ein solches Verhalten als diskriminierend untersagt. Punkt.
    Mich stört aus anderen Gründen diese Sache, wenn ich mir den Umgang in unserem Lande mit sekundären Geschlechtsmerkmalen so ansehe. Deshalb gibt es dazu auch was in meinem heutigen Post.
    Am meisten stört mich aber, was so einige Menschen in diesem Lande anstellen, weil sie sich einbilden, sie seien das Volk…
    GLG
    Astrid

  7. Nun ja. Ich bin keine Mutter und würde mich niemals freiwillig in ein Café begeben, in dem ich schon durch’s Schaufenster Säuglinge sehe (angedockt oder nicht). Ich frage mich aber schon, was dahinter steckt.
    1.) Der Gastronom, der befürchtet, Leute könnten wie ich drauf sein.
    Würde heißen: Keine Säuglinge. Er hat das Hausrecht. Säuglinge bitte ein Café weiter gehen.
    2.) Menschen die finden, Möpse haben an der frischen Luft nichts zu suchen.
    Da wir ja gleiche Rechte für alle haben: Bärte-Hipster im Sommer bitte wieder T-Shirts anziehen.
    3.) Menschen die finden, Möpse sind nur was sexuelles und Persönlichkeitsstörungen erleiden, wenn die vermeintlichen sex-only-Möpse für die Fütterung „missbraucht“ werden.
    Die sollten mal zumPsychologen.

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