Zum Kotzen schön.

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Also, mir könnte das gefallen.

 

Ein schönes Paradies. Zum Kotzen schön.

Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh.

(Otto Dix, Hemmenhofen am Bodensee.)

 

 

Der Bodensee hat es Otto Dix irgendwie nicht recht machen können. Zum Kotzen schön. Zum Kotzen. Schön.

Ja, wie denn nun?

 

 

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Also, ehrlich.

 

 

Nein, freundlich ist Dix mit der Provinz am See nicht umgegangen. Dix, der zuvor in Berlin und Dresden gelebt und gearbeitet hatte und sich nun in Hemmenhofen wiederfand. wtf?

 

 

Nun war er auch nicht freiwillig hier, sondern vertrieben von den Nazis, 1936. Aber dafür, daß er es offenbar alles ganz gräßlich fand, ist er dann doch recht lang geblieben. Mehr als 30 Jahre. So kanns gehen.

 

 

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Nö, fand er doof. Täten andere viel Geld für zahlen. Aber hallo.

 

 

 

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Lebendige Ausstellungsstücke. Immerhin.

 

 

Wie sich der kritische Realist Dix in der zum Kotzen schönen Provinzidylle einrichtete (oder eben auch nicht), das kann man genauer alles hier nachlesen.

 

Oder man fährt bei Gelegenheit mal in Hemmenhofen am See vorbei. Ist auf halbwegs anständigen Karten sogar eingezeichnet, keine Sorge. Das Otto-Dix-Haus  ist eine Mischung aus Mausoleum und Panoptikum, viel zu sehen gibt es nicht, allenfalls spüren kann man (und das hat ja auch was), aber wer gemeinsam mit anderen Mickymäusen stumm durch das Gebäude schleicht und den Ausführungen des freundlichen audiologischen Guides lauscht, erfährt angeblich jede Menge.

 

 

Wer ohne Audioführung unterwegs ist, erfreut sich am schweigsamen Ballett derer, die blinkend und verkabelt durch die Räume ferngesteuert werden. Melodisch knarzt dazu das blankgescheuerte Parkett. Wenn es hier in Ottos Atelier jemals so aseptisch rein war, fresse ich nen Besen, raunt mein Künstlergatte in die Stille.

 

 

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Die Mickymäuse mit den Audioohren sind zu 90 Prozent pensionierte Gymnasiallehrerinnen.

 

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Alles nicht original. Aber authentisch. Symbolhaft, quasi.

 

 

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Auch symbolhaft. Da MUSS man ja schlechte Träume kriegen

 

Die verehrte Frau montez – die ich bei der Bodenseegelegenheit übrigens gleich mal auf einen Kaffee getroffen habe, sehr nett war das – hat das Panoptikum-eske dieses Hauses hier neulich schon moniert. Wäre doch ein schöner Platz für Kunst-Stipendiaten, meint sie. Um mal ein bißchen Leben in die ottonische Bude zu bringen.

 

 

Ich finde, es wäre der optimale Platz für Kulturbloggerinnen und Kulturblogger. Drei Monate freie Kost und Logis, und mindestens einmal wöchentlich ein Beitrag über Kunst vor Ort und/oder Bodensee. Arbeitstitel: Zum Kotzen schön.

 

 

Aber auf die Idee kommt da in der Provinz natürlich wieder niemand.

Und mich fragt ja keiner.

 

 

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P.S. Trotzallem: fahren Sie hin, wenn Sie es irgendwie einrichten können. Im Frühjahr oder Sommer. Es ist dann zwar zum Kotzen voll am Bodensee, aber der Kaffee auf der Dix’schen Terrasse ist der Hammer. Und der Käsekuchen eine Wucht. Und das Haus atmet schließlich Geschichte. Sagt man ja so.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5 Kommentare

  1. Liebe Friederike,

    nun hab ich echt lachen müssen, als ich Deinen Text gelesen habe, denn prompt viel mir wieder ein, was mir eine Freundin unlängst erzählt hat. Die hatte nämlich Besuch von ihrer Freundin aus Berlin – und was sagte die, als sie so hier durch die Gegend fuhren? Es sei hier „zum Kotzen idyllisch“…. ohne Witz, ihre Worte….

    vermutlich empfindet man das wirklich so. Du selbst bist wahrscheinlich einfach schon zu lange hier im Odenwald ;-)

    Im Übrigens wär ich voll für die Idee mit dem 1/4jährigen Kulturbloggerprojekt. Denn ich denke, ich könnte es dort auch aushalten. Ist schön dort! Aber wie Du schreibst, auf die Idee kommt ja wieder keiner.

    liebe Sonntagsgrüße,
    Pamela
    (die noch unbedingt Deine Mail beantworten muss, aber ich dachte mir, im Urlaub lass ich Dich mit dem leidigen Thema einfach mal in Ruhe)

  2. Na ja, würde auch gern mitkommen mit euch Zweien…Aber ich schaffe momentan nicht mal ein Treffen auf einen Kaffee. Nehme den Hinweis aber gerne auf, liebe Friederike, und bewege ihn in meinem Herzen. Wäre sicher ein Gemütsaufheller nach den Familienbesuchen. Und neugierig bin ich schon, jetzt auch noch auf den kölschen Künstler in „meiner Provinz“. –
    Die Höri ist auch ein schöner Teil des Bodensees. Wir waren dort auf der Suche nach Spuren von Ferdinand Macketanz, dessen Tiroler Frau wir kennen gelernt hatten. Sind dann auch bei Herrmann Hesse gelandet, bei Dix allerdings nicht. Sieht sehr verlockend aus, das Haus ( an sich ). Mir wären auch leere Räumlichkeiten lieber ( und anregender ), so wie zuletzt in Schuberts Geburtshaus. Das hat mich sehr angeregt.
    Boah, welch Rundumschlag von Bad. Sibirien über den Bodensee nach Wien! langsam findet meine alte Heimat in meinem Kosmos wieder einen ansehnlichen Platz…
    Eine gute Woche, wo immer du dich aufhalten magst!
    Astrid

  3. Superbeschrieben – habe ich ähnlich so empfunden. Ein Maler im Exil und dann freiwillig… Übrigens war ich ganz verliebt in den Löwentürgriff – vom Sohnemann fabriziert. Grüße Iris

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