“Wenigstens mal quatschen!”

21. April 2021

Wenn man in diesen Tagen Ralf Felzmann anruft, unten im Landgasthaus Heidersbacher Mühle, im idyllischen Tal, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, wenn man ihn also anruft und ihn fragt Wie gehts Euch denn inzwischen?, dann kommt als Antwort erstmal eine Stille in der Leitung. Dann ein Seufzen. Dann: Wir sind doch komplett rausgerissen ausm Leben.

Felzmann ist Chef von der Heidersbacher Mühle, vor genau einem Jahr haben wir das letzte mal miteinander gesprochen, im ersten Lockdown. Die Mühle ist dicht, die Küche meistens kalt. Nur seine zwei Azubis hat Felzmann behalten, er will ihre Ausbildung weiterführen, sie trotz Pandemie beschäftigen. Sie experimentieren in der Küche, kümmern sich um den Kräutergarten, machen Nahrungsmittelkunde, lernen, was zu lernen ist, wenn man Gäste bekochen will. Irgendwann wird das ja mal endlich wieder der Fall sein.

Die idyllische Lage unten im Tal ist das, was die Mühle so ganz besonders macht, neben dem guten Essen. Ein Alleinstellungsmerkmal, das aber in Corona-Zeiten auch seine Schattenseiten hat. Take-away haben wir bisher nicht angeboten, sagt Felzmann, die Leute sind doch ewig unterwegs, wenn sie bei uns was holen möchten, das bringts doch nicht, hat er viele Monate lang gedacht.

Langsam ist aber auch Felzmann mürbe, und er vermisst die Gäste. Wenigstens mal kurz mit denen quatschen, wenn die was abholen, das wäre schon mal was! Endlich mal wieder Alltag, endlich mal wieder auf Bestellung einkaufen und kochen, schon das würde mir genügen. Also denkt er jetzt doch über take-away nach, gehobene regionale Küche ohne Müllberge, so stellt er sich das vor, irgendwas ganz besonderes, das zu uns passt. Und: Gästekontakt, das fehlt mir so.

Dabei fühlt sich Felzmann mit seiner Familie unten im grünen Tal mit dem plätschernden Bach gar nicht einsam, die paradiesische Lage hier ist doch ein Bonus, aber ein entspanntes Leben ist das nach zwölf Monaten Pandemie eben trotzdem nicht. Immer wieder kommen die Sorgen: Dass seine Mitarbeiter abspringen könnten, nachdem sie jetzt so lange nicht in der Mühle arbeiten konnten, wir haben so ein tolles Team!, dass er keinen Ersatz für sie finden wird. Er denkt an all die abgesagten Feiern und Hochzeiten der vergangenen Monate, auch die resevierten Termine für den Mai und Juni 2021 fliegen mir jetzt schon um die Ohren, und er fragt sich, was vielleicht noch alles auf ihn zukommt.

Die Fixkosten seien durch die staatlichen Unterstützungen abgedeckt, sagt er, das System lässt uns nicht hängen. Aber was wird im kommenden Jahr? Irgendwann müssen die Fördergelder als Einnahme versteuert werden, werden wir alle das stemmen können?

Bevor er allzu tief in trüben Gedanken versinkt, macht Felzmann jetzt also neue Pläne. Heidersbacher Mühle to go, oder so. Irgendwas tun, organisieren, Speisekarte auf der Website aktualisieren, einkaufen, kochen, wieder Gäste sehen, endlich. Wenn ich dann mit denen an der Tür quatschen könnte, wenn die was abholen kommen, stell Dir das mal vor, das wäre was!

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Wir haben vor ziemlich genau einem Jahr bei der Heidersbacher Mühle schon mal nachgefragt, wie es denen so geht. Auch bei mehreren anderen Gastronomen hier in der Region. Bei denen wollen wir jetzt nach 12 Monaten nochmal hören, wie sie zurechtkommen, so nach und nach. Die Fotos stammen noch von den ersten Besuchen, damals, Ende April 2020.

Die Geschichten aus dem ersten Lockdown finden Sie hier:

Ich muß warten und hoffen – die Heidersbacher Mühle

Alle kennen Oskar – der Engel in Balsbach

Jammern machts auch nicht besser – die Linde in Gerolzahn

Wir haben keine Ahnung – Ferraros Pizzeria

Die Stammkunden retten uns – Prinz Carl in Buchen

Ich war wie gelähmt – Wiegmans Fliegerstübchen Walldürn

Das tut schon weh – Wohlfahrtsmühle in Hardheim

Was bleibt mir anderes übrig – das Alte Wasserwerk in Walldürn

  • 2 Kommentare
  • provinzei 22. April 2021
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    Da hat es die/der Landman/frau doch um einiges einfacher.
    Ein konspirativer Treff an einer Feuerstelle. Irgendwo draußen.
    Bier und Catering besorgt jeder selbst. Manche trinken Wein, ein Schnaps geht rum.
    Holz liegt genug da.
    Und nach Dienstschluß kommt der Dorfbulle auch noch vorbei. ( Nein, das ist jetzt Fiktion )
    Auf jeden Fall zusammen rumstehen, labern, Normalität.
    Herrgott…..im Freien, wie soll man sich da anstecken ?

    • LandLebenBlog 22. April 2021
      Antworten

      Die Heidersbacher Mühle hätte 5 Hektar Freifläche zu bieten für Gäste, allein: es ist nicht erlaubt….

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