Steinreich.

Es ist einer dieser ausgelutschten Witze, für die man hierzulande in der Regel nur ein gequältes Lächeln erntet: Dass die Odenwälder Bauern nämlich steinreich sind. Ja, das sind sie in der Tat, und deswegen müssen sie im Frühjahr buckeln und schuften. Das ist ja eine echte Sau-Arbeit! rufe ich vom Feldrand rüber zu Vater und Sohn, mir fällt bei diesem Anblick leider kein wohlerzogener Begriff ein, in Wirklichkeit habe ich sogar einen noch unflätigeren Ausdruck benutzt, und der Vater schaut auf und sagt Ich würde das anders formulieren, aber letzten Endes haben Sie völlig recht. 

Mit Plastikeimern in der Hand gehen die beiden das Feld ab, gehen, stehen, bücken, heben, bücken, heben, bücken, heben, gehen, bücken, heben, schleppen. Mir tut schon vom Zugucken der Rücken weh, dabei ist das Feld nicht mal besonders groß, das schaffen wir in zwei, drei Stunden, sagt der Sohn.

Überall liegen die Brocken, große und kleine, solche, die man mit einer Hand greifen kann, solche, die Vater und Sohn zu Zweit schleppen müssen, jedes Jahr spuckt die Erde neue Steine aus, sie würgt sie irgendwie nach oben, an die Oberfläche, bis sie unter dem freien Himmel daliegen und aufgesammelt werden wollen.

Steine sind soetwas wie ein nachwachsender Rohstoff hier, ich weiß nur noch nicht, ob sie für irgendetwas taugen, ich habe die beiden nicht gefragt, ob ihre jährliche Steinsammlung hinterher noch irgendeinen Nutzen hat. Als er sich das aus-gedacht hat, da hat der liebe Gott aber nicht nach-gedacht, sage ich zu dem Alten, der grinst nur, zumindest hat er nicht an uns gedacht. 

Die Steine stören die Pflanzen beim Wachstum, und sie machen die teuren Landmaschinen kaputt, deswegen müssen sie weg. Das war vor hundert Jahren so, das ist bis heute so. Der 75jährige Vater kennt es vermutlich nicht anders. Oft sehe ich in dieser Jahreszeit ganze Familien gebückt über die Äcker ziehen, Steine sammeln, wie es schon die Großeltern und die Urgroßeltern machten.

Nur wer wirklich steinreich ist, nicht nur im konkreten, sondern auch im übertragenen Sinne, wer viel zu viel Land und noch viel mehr Steine hat, der holt sich Hilfe in Form von professionellen Steine-Sammlern, die mit schwerem Gerät anrücken; hier auf den kleinen Äckern lohnt sich das nicht.

Wir schwätzen ein bisschen, die Männer sammeln ununterbrochen Steine, ich mache ein paar Fotos und sammle meine Hunde wieder ein, ich stapfe durch den staubigen Acker zurück auf den Feldweg und genieße die Sonne und den lauen Wind und den Rest meines Feierabends. Auf dem Heimweg sehe ich sie noch durch die Windschutzscheibe, am Horizont, gebückt gehen Vater und Sohn über die Felder und sammeln und sammeln.

 

 

 

 

Das Güllegeheimnis.

Sie sehen mich einmal mehr ratlos, denn gestern hat sich wieder herausgestellt, dass das Landleben auch nach Jahren und Jahrzehnten Fragen aufwirft, die ich nicht zu beantworten vermag. Aber vielleicht lesen hier ja Profis mit, die helfen können.

Da gehe ich gestern also über die Felder, es nähert sich brummend der Traktor des alten Landwirtes, der so gerne mit mir schwätzt. Und auch diesmal hält er neben mir, macht die Tür vom Bulldog weit auf, und über das laute Tuckern des Motors hinweg brüllen wir uns freundlich ein paar nette Sachen zu. Genauer gesagt, wir kommen so sehr ins Gespräch, dass er schließlich sogar den Motor abstellt, damit wir nicht so brüllen müssen.

Jedenfalls kommt er irgendwann auf den Erwin zu sprechen, der wohnt mehrere Dörfer weiter, für hiesige Verhältnisse also nahezu im Ausland, und ich frage erstaunt, Ach, Sie sind mit dem Erwin befreundet?, woraufhin er kurz mit den Schultern zuckt und sagt, Naja, wir teilen uns ein Güllefass. 

Ein Symbolbild.

Nun frage ich mich also, wie teilt man sich ein Güllefass, wenn man vergleichsweise weit entfernt voneinander lebt und arbeitet? Und was heißt das überhaupt, teilen? Wer kontrolliert, wer wieviel Gülle einfüllt? Gibt es da nicht unweigerlich Ärger, wenn der eine sich gülletechnisch übervorteilt sieht? Wie kann man die eine Gülle von der anderen unterscheiden? An der Farbe, am Geruch?

Was wird überhaupt mit der Gülle im Güllefass? Bringt die am Ende einer von beiden auf seinen Feldern aus? Und was, wenn Erwin viel mehr Gülle ausbringt, als er ins Güllefass gefüllt hat, und mein armer Landwirt in die Röhre guckt, weil er zwar Gülle eingefüllt, aber nichts mehr herausbekommen hat? Das ist offenbar ein sehr komplexes Thema, dem ich auf den Grund gehen muß.

Viel mehr interessiert mich aber die Frage, was es auf der Ebene einer Beziehung zwischen zwei Männern heißt, wenn sie sich ein Güllefass teilen. Ist das eine Art landwirtschaftliche Notgemeinschaft? Ein schlauer Schachzug der Betriebswirtschaft? Oder steckt da mehr dahinter, Freundschaft, Vertrauen, ja, vielleicht sowas wie Liebe? Ich meine, mit wem würde ich mir ein Güllefass teilen? Mit jeder dahergelaufenen Person? Oder nur mit jemandem, mit dem ich auch Tisch und Bett teilen würde?

Ich habe jedenfalls gestern abend in einem Anflug von zärtlicher Zuneigung und quasi testweise zu meinem Geo gesagt, weißte, mit Dir würde ich mir sogar ein Güllefass teilen!, Geo machte daraufhin einen Gesichtsausdruck, der leider nur zusätzliche Fragen aufwarf, so komme ich also nicht ans Ziel mit meinen Recherchen.

Und jetzt weiß ich auch nicht weiter.

 

 

Oh, Tannebaum.

Ihr Kinderlein kommet? Die Weihnachtsliedermacher haben gut reden. Gibt ja kaum zeugungsfähige Männer auf dem Land, wo sollen da die Kinderlein herkommen? Genauer gesagt, gibt es derzeit kaum Männer im zeugungsfähigen Alter hier in der Region.

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Die Herren sind momentan alle unterwegs. Das Christbaumgeschäft brummt hier schon seit Wochen, genau so laut, wie die LKW und die Traktoren, die im Viertelstundentakt schwankende Tannenbaum-RiesenGebirge vor unserer Haustür vorbeifahren. Weihnachtliche Schwertransporte, wenig besinnlich, aber lukrativ.

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Ein Gutteil der deutschen Christbäume kommt hier aus der Region. Bis zu eine Million Tannebäumchen. Rund 1000 Hektar Anbaufläche hier im Landkreis. Regionale Wertschöpfung nennt man das. In der Saison – also ab Anfang November – verdienen sich viele Männer beim Ernten, Verpacken, Verladen und deutschlandweit-Verkaufen ein bisschen was dazu. Die Christbaum-Anbauer sowieso. Von denen gibts hier jede Menge, und manchmal hat man das Gefühl, dass noch jeder Quadratzentimeter Vorgarten für den weihnachtlichen Tannen-Anbau genutzt wird.

Diese etwas andere Weihnachtsgeschichte ist dabei zweischneidig. Da sind auf der einen Seite die Landwirte, die die Nase voll haben von ständig sinkenden Milch- und Fleischpreisen, die keine Lust mehr auf die Plackerei haben, wenn sie am Jahresende grade mal null auf null rauskommen. Mancher von ihnen sattelt um auf Nordmanntannen. Nachvollziehbar.

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Da sind auf der anderen Seite Pestizide, Herbizide, Fungizide. Vollgepumpte Böden. Die chemische Industrie sagt den Bäumchen schon, wie sie zu wachsen haben. Schließlich hängt Lametta nur an graden Tannenzweigen. Oh, Tannebaum, oh Tannebaum. Großanbauer, die für ein Vielfaches des landwirtschaftlichen Pachtpreises Flächen zusammenraffen, die den traditionellen Landwirten und damit der Nahrungsmittelerzeugung verlorengehen. Der Boden brauche Jahre, bis er sich erholt hat, sagen Kritiker.

Die riesigen Plantagen verändern das Landschaftsbild – nachhaltiger, als der vielgescholtene Mais und andere Bioenergieträger es je schaffen würden. Vermaisung der Landschaft? Pipifax. Die viel-hektar-großen Weihnachtsbaumplantagen stehen nicht nur einfach in der Gegend rum, sie sind zudem noch eingezäunt, aufwändigst. Drahtgeflecht, kilometerlang. Schließlich sollen sich nicht hungrige Rehe und Hasen, sondern am Ende Vater, Mutter und die Kinder am Weihnachtsbaum erfreuen können.

Jahrhundertealte Wild-Wander-Wege werden so durchschnitten, und manch ein Reh auf der Flucht ist schon in einem Weihnachtsbaumzaun hängengeblieben und elendiglich verreckt. Umso mehr, wenn inzwischen auch tief im Wald (illegal) Plantagen entstehen. Touristen, die sich in das Herz der Weihnachtsbaumproduktion verirren, wähnen sich in einem Industriegebiet, nicht im schönen WanderOdenwald. Oh, Du Fröh-li-che-e.

Schwieriges Thema. Strukturschwache Region? Endlich mal ein Wirtschaftszweig, der etwas Geld bringt! Weihnachtliche Umweltkatastrophe? Arbeitsplätze! Ein Thema, mit dem sich Verwaltungsgerichte und Regierungspräsidien befassen, ein Thema, das in Dörfern und Familien für Streit und Zwietracht sorgt. Und für jede Menge Haupt- und Neben-Einkünfte. Ach, es ist kompliziert.

Ich selber brauche keinen Weihnachtsbaum. Aber ich habe seit Wochen versucht, ein paar Gesprächspartner fürs Radio zu dem Thema zu finden, Pro und Contra, das kann ja nicht so schwer sein. Hey, es ist Advent, da kann man doch mal über Weihnachtsbäume sprechen! Überall das gleiche: Abwinken, Kopfschütteln, nein, vielen dank, aber dazu äußern wir uns nicht. Von einem Wespennest murmelt einer, und ein anderer davon, dass er sich in laufende Gerichtsverfahren nicht einmischen möchte, und ein Dritter sagt, er will in Frieden leben undsoweiterundsoweiter. Ich möge doch im Frühjahr nochmal fragen. Gut, dann werde ich das Thema Weihnachtsbaum zu Ostern nochmal aufgreifen. Die Plantagen sind ja zeitlos.

Und die Moral von der Geschichte? Die weihnachtliche Botschaft? Vielleicht die: Tannen aus regionaler Erzeugung? Gerne. Aber dann aus umweltverträglicher Erzeugung, mit Brief und Siegel. Gibts auch, hin und wieder. Darf durchaus mehr werden. Und nicht aus rechtwidrig angelegten Plantagen. Der weihnachtliche Verbraucher stimmt letzten Endes mit der Axt ab. Oder so.

 

 

 

Dieser Beitrag ist hier vor drei Jahren schon mal erschienen, er fiel mir während meiner komplett erfolglosen Baum-Recherche wieder ein und nun habe ich ihn ein bisschen aktualisiert. 

 

 

 

G’schafft.

Wir haben die wenigen regenfreien Stunden genutzt, um mal ein bisschen im Garten aufzuräumen. Also, so richtig. Mit Kettensäge und Baumschere und Heckenschere und so. Und vorallem mit Hilfe des netten Freundes aus dem Nachbardorf, der kam mit dem quietschroten Traktor und schnitt und sägte und rupfte und pfiff dabei ein fröhliches Lied und fuhr das ganze Grüngeraffel am Ende zum Grüngutplatz, gleich zwei Fuhren, soviel war angefallen bei unserer herbstlichen Putzaktion.

Ja, gut, werden Sie jetzt sagen, aber was ist daran denn so berichtenswert? Gar nichts. Eben. Dachte ich zumindest. (An dieser Stelle müssen Sie sich das Geräusch vorstellen, wenn jemand tief Luft holt, um noch etwas nachzuschieben.)

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Jedenfalls erschien, während wir also mit Hilfe einer Harke und einer Mistgabel allerlei Grünzeug auf den Hänger wuchteten, rein zufällig der Dorfchronist. Das ist, wie bei Dorfchronisten üblich, ein ehemaliger Lehrer, der sich seit Jahrzehnten um das Dorfgeschehen kümmert und alles Bemerkenswerte in Wort und Bild festhält. Der Chronist fuhr also rein zufällig bei uns vorbei, und er hatte rein zufällig seine Kamera dabei, mit der er alsdann unser geschäftiges Tun digital festhielt. Ich nehme an, für die nächste Ausstellung Historische Momente im Dorfgeschehen. Familie LandLebenBlog räumt endlich mal im Dschungel-Garten auf. Wunder werden wahr. Die Dorfgemeinschaft atmet auf. Oder was weiß ich. Man darf gespannt sein.

Ich werde Sie auf dem Laufenden halten.

 

 

Holz vor der Hütte.

Ja, so sieht das aus, wenn man mal Urlaub hat und nicht zum Arbeiten ins Büro fahren muß. Sondern zum Arbeiten zuhause bleiben kann. Holz vor der Hütte, Sie wissen schon. Das ist ja eine feine Sache, wenn es nur da bleiben könnte, vor der Hütte. Es muß nur leider aber rein. Bevor der Winter kommt. Haha, FeuerHolz macht mehrfach warm, sagt der Lieferant grinsend und fährt mit seinem brummenden Traktor davon. Aber es ging ja schnell, sehen Sie selbst.

 

 

 

 

Probefahrt.

Ich habe dieser Tage mal eine Probefahrt gemacht. Vielleicht wäre das ja was für unsren Garten. Ich werde mal mit Geo sprechen müssen.

 

 

Ein paar hundert PS, vier Meter hoch, zwölf Meter lang, Schneidwerkbreite sieben Meter fuffzich. Am Steuer Lukas Berberich, Landwirt und saisonaler Lohndrescher. Dreißig Hektar schafft er am Tag, mit seinem Kompagnon vierhundert Hektar in der Saison. Schlafen tut er nur, wenns regnet. Ansonsten gibts Dresche rund um die Uhr. Damit jeder pünktlich drankommt, und nicht erst, wenn das Getreide schon am Halm verfault ist. Wär ja blöd.

Ja, für das Geld, was so ein Teil kostet, können Sie sich hierzulande gleich zwei Einfamilienhäuschen kaufen. Nein, Rehkitze erwischt man im Getreide nicht andauernd, eher gar nicht. Aber Füchse sind doof, sagt Berberich. Die springen erst davon und gehen dann zum Angriff über und wollen in das Schneidwerk beißen, alle miteinander. Geben es dann aber meistens auf, von wegen Goliath und David undsoweiter. Und Grenzsteine im Acker, die sind auch blöd. Einmal drüberfahren, da geht der Schaden gleich in die Zehntausende. 

Falls Sie also zufällig irgendwo einen Grenzstein in einem Acker haben: sind Sie doch so gut und malen den rot an. Das sieht der Mähdrescher am allerbesten. Und falls Sie sich ärgern, nachts um Drei, über den Krach, der von den Feldern rüberweht, dann sind Sie so gut und stecken einfach Oropax in Ihre Ohren. Die machen das nicht zum Vergnügen.

Und, nein, ich bekomme von der Firma Claas kein Geld für diesen Post. Will ich auch gar nicht. Aber so ein Mähdrescher, also, der täte mir gefallen. Es dürfte auch New Holland sein. Ich werde mal mit Geo sprechen müssen.

 

 

 

 

Gegen die Zeit.

Es gibt diese Momente, da geht man durch eine Tür, oder durch ein Tor, man schaut und hört und riecht und ist mit einem Schlag geerdet, irgendwie. Hier auf dem Land gibt es diese Türen und die Tore überall, man muß nur mal hindurchgehen. Und einfach mal schauen und riechen und zuhören.

 

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Die Nacht war kurz für Herbert Kempf. Bis früh um Zwei hat er zusammen mit seinem Erntehelfer geschuftet, morgens um Acht war er schon wieder mit der Dreschmaschine auf den Feldern. Kempf arbeitet gegen die Zeit und gegen die Hitze, was er in diesen Tagen nicht von den Feldern reingeholt hat, taugt nicht mehr als Grünkern. Unreif muß das Dinkelkorn geerntet werden, um als Grünkern durchzugehen, aber die Sonne brannte tagelang, das Thermometer zeigte zwischendurch fast 40 Grad da draußen.

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Also haben Kempf und der junge Rumäne bei tropischen Temperaturen im Dauerlauf gearbeitet. Körner einholen, Hänger in die Scheune, die als Darre dient, Körner in diesen riesigen Umwälzbottich pumpen, Holzscheite schleppen, Feuer anmachen, Körner stundenlang im Rauch umwenden und rösten lassen. Der Schweiß läuft schon am Morgen in Strömen, aber kommen Sie mal mittags wieder, da ist es hier drin noch heißer als da draußen. 

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Acht Stunden lang röstet das Korn, der junge Erntehelfer bleibt so lange in der bullig-warmen, brüllenden Darre, kontrolliert Temperaturen und Füllstände, passt auf, daß nichts verstopft oder überhitzt, während Kempf schon wieder auf den Feldern unterwegs ist, Nachschub holen. Das ist ja alles schon sehr alt hier, schreit Herbert Kempf gegen das Dröhnen der Maschinen an, fast entschuldigend. Getreideteilchen wirbeln durch die warme Luft wie verirrte Schneeflocken. Aber: funktioniert alles einwandfrei. Und eigentlich machen wir das heute noch genauso wie vor hundert Jahren. 

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Der Grünkernmarkt läuft nicht besonders gut, zwar hat sich das arme-Leute-Getreide inzwischen zur Öko-Schicki-Zutat entwickelt, aber die Nachfrage könnte noch besser sein, die Konkurrenz ist groß. Sogar in Österreich bauen sie schon Grünkern an, sagt Herbert Kempf, der auch als Kreisvorsitzender des Bauernverbandes den Überblick in Sachen Grünkern hat. Dabei haben sie den Grünkern hier erfunden, hier im sogenannten Bauland, hoch im Norden Baden-Württembergs. Und darauf sind sie stolz.

Aus der Not haben sie damals eine kulinarische Tugend gemacht, der Dinkel wollte nicht reifen in der rauen Witterung der Gegend, die Leute verhungerten, die Bauern ernteten schließlich das unreife Korn und holten über dem Feuer in der Darre nach, was die Sonne nicht schaffte. Noch an die 80 Landwirte gibt es heute hier, die Grünkern erzeugen.

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Kempf hofft jetzt auf die neue geschützte Ursprungsbezeichnung, das hat die EU sich ausgedacht, den berühmt-begehrten Namen Fränkischer Grünkern darf nur tragen, was tatsächlich hier aus Badisch-Franken kommt und nicht aus Österreich oder von sonstwo. Vielleicht hilft uns das auch bei der Werbung, sagt Kempf und hebt die Schultern, so, als wisse er auch nicht genau, wie lange der Aufwand sich noch lohnt.

Dann muß er weiter, auf den Mähdrescher, zum nächsten Feld, zur nächsten Scheune.

 

 

 

 

 

Der Vollernter.

Manchmal schaue ich versehentlich – beim Frisör oder vor einer Zahnwurzelbehandlung – in eines dieser Hochglanzmagazine, die sich ganz dem Landleben verschrieben haben. Ich meine, irgendwie haben wir uns ja auch dem Landleben verschrieben, aber irgendwie sieht das bei denen immer ganz, ganz anders aus.

 

 

Erntezeit!, jubilieren die Überschriften in den Hochglanzmagazinen derzeit zum Beispiel, und da buddeln (stellen Sie sich jetzt hier Foto 1 vor) beseelt lächelnde und perfekt geschminkte Frauchen mit Karomusterhandschuhen in der Erde, dann sieht man (Foto 2) einen geflochtenen Weidenkorb mit Erntegut, eine dekorativ leicht-verschmutzte (Foto 3) kleine Schaufel mit Griff aus Mahagoniholz und dann (4. Foto) eine Impression aus der Küche, wahlweise ein Einmachglas in Großaufnahme oder einen dampfenden Topf oder Teller in gestylter Rustikal-Küche. Manchmal auch einen glücklichen Ehegatten und zwei Kinder (Fotos 5,6,7,8), die das fertig zubereitete Erntegut zum hungrigen Munde führen. Vielleicht auch einen zotteligen Hund, neben dem Tisch, so einen süßen, wie es sie überall auf dem Land gibt.

 

 

So einen süßen Hund hätten wir auch zu bieten, genauer gesagt, gleich zwei davon. Allerdings nicht neben, sondern unter dem Tisch, verängstigt, verschreckt, zitternd und mit eingeklemmtem Schwanz. Dabei erntet Geo nur. Was der Garten grad so hergibt. Aber eben irgendwie anders als in diesen Magazinen.

 

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Ja, geflochtenes Weidenkörbchen wäre hübscher.

 

In der vergangenen Woche war Mangold dran. Mangold hat ja die Unart, sich völlig unkontrolliert auszubreiten, oder Geo hat die Unart, viel zu viel Mangold auszusäen, wer weiß das schon, jedenfalls schleppt mein Geo Plastikwanne um Plastikwanne mit den dunkelgrünen Blättern Richtung Terrasse und dann in die Küche. Das Zeug will ja verarbeitet und eingefroren werden. Geo pflückt und flucht und schleppt und pflückt und schleppt und flucht, es nimmt kein Ende. Schleppt mit seinen Schuhen einen Hektar Gartenerde in die Küche, überall klebt und knirscht die feuchte schwarze Erde, alles aus gutem Rudi-Steiner-Kompost, lobt Geo, er walzt wie ein brummender Vollernter zwischen Herd, Gefrierkombination und Geschirrspüler hin und her und kickt einen weiteren tennisballgroßen Erdklumpen Richtung Frühstückstisch.

 

 

Über dem Herd dröhnt auf Stufe 5 der Dunstabzug, das Gerät brüllt gegen das kochende Wasser an, in das nun mit einem Schwung grüne Blätterhaufen versenkt werden. Blätterhaufen rein, brodeln lassen, triefenden Blättermatsch mit dem Schaumlöffel rausheben, dann mit dem triefenden Blättermatsch auf dem Schaumlöffel: einmal… zögernd…. um sich selber drehen….., wohin jetzt mit dem grünen Blättermatsch…?, das grüne Matschwasser ergießt sich durch die Schaumlöffellöcher sturzbachartig auf den schicken Küchenboden und vermengt sich mit den Erdklumpen, dann, mit Blick auf eine Schüssel am anderen Ende der Küche: Aha!, hier tun wir das nun erstmal rein und warten, bis es abgekühlt ist!

 

Mangold 8

Blattmatscher.

 

Geo zögert in der Regel nur, wenn er mit tropfendem Blättermatsch auf Schaumlöffel mitten in der Küche steht und alles tropft, ansonsten arbeitet er durchaus zügig. Die Abzugshaube dröhnt, das Wasser kocht besessen, Fenster und Terassentür beschlagen, Geo kämpft sich fluchend durch Dampfschwaden und Blätterberge, trennt mit dem Metzgerbeil grünes Blattwerk von weißen Stielen, die Stiele türmen sich, arme-Leute-Spargel, ruft er verächtlich, das kriegen nachher noch die Hühner!, winzige Blätterteilchen fliegen gegen weiße Schranktüren und bleiben dort kleben, wo geerntet wird, da fallen Späne undsoweiter, Fuhre um Fuhre Blätterhaufen wird blanchiert, auf dem Fußboden schwappen Erdklumpen durch grünes Blattmatschwasser, die Hunde sitzen verschreckt unterm dem Tisch und geben keinen Mucks mehr von sich, während Geo mit wild abstehenden verschwitzten Haaren Daseinsvorsorge! in den infernalischen Lärm hineinruft, bevor er dann in weitausholenden Bewegungen die Mangold-Stiele zerhackt, für die Hühner. Zumindest die, die noch nicht in der grünen Matscherde auf dem Fußboden mitschwimmen. In diesen Momenten weiß ich nicht, ob mein Geo mich an Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest erinnert, oder an Jack Nicholson in Besser geht’s nicht.

 

So oder so: Erntetage sind aufregende Tage.

 

 

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Alles eine Frage des Stiels.

 

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Hacken für die Hühner.

 

 

In den Hochglanzzeitschriften, die ich dann und wann versehentlich durchblättere, beim Frisör, oder beim Zahnarzt, ist manchmal vom meditativen Charakter der Gartenarbeit die Rede. Von der Ruhe, die zu Innerer Kraft und Größe führt. Von der Buddelei als Bewußtseinserweiterung. Ich kann das also nur bedingt unterschreiben. Wobei es durchaus meditativ sein kann, nach einem von Geos Erntezügen die Küche zu putzen, Bahn für Bahn mit dem Schrubber entlangzufahren, und mit Innerer Größe und einer gewissen verzweifelten Würde den knirschenden Erdklumpen zuzuschauen, wie sie im Wischeimer ihr Bewußtsein erweitern, und meines gleich dazu: Ich glaube, nach der nächsten Mangold-Ernte werde ich die Küche nicht mehr putzen, sondern gleich renovieren.

 

 

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Zwei Stunden Arbeit für dreimal Beilage, wenn das kein Preis-Leistungsverhältnis ist.

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Blaumann

 

Nur, falls Sie ernsthaft Sorge haben, wir könnten uns hier, tief in der Provinz, an einem sonnigen Freitagspätnachmittag langweilen. Ich darf Sie beruhigen. Nix Langeweile. Daseinsvorsorge. Wir hatten ja bereits damit angefangen, hier.

 

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Nein, nicht Krieg der Sterne. Kaminholzsplitterabwehr.

 

sägen

Der nächste Winter kommt bestimmt. Aber das sagten wir ja bereits.

 

Katze

Kreischende Säge macht süße Träume. Offenbar.

 

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Kaminholzfuhre, die 27ste.

 

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Chakka. Noch Fragen?

 

 

 

 

 

 

„Die tun net friere!“

Nicht? Also gut.

Dann runter mit dem Zeug.

 

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Noch grinst die.

 

 

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Im Wartezimmer.

 

180 Schafe schafft der Herr der Scheren am Tag. Ein Knochenjob. Macht mürbe. Und mürrisch.

Fotografierenlassen findet er blöd.

Will ich nicht, basta.

Also nur ein paar hektische Schnappschüsse aus dem blökenden Getümmel.

 

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Die Wolle holt der Großhändler per LKW.

 

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Zuschauerin.

 

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