Großer Bahnhof.

20. April 2021

Der alte Bahnhof in Oberschefflenz träumt vom Reisen. Vom Leben. Vom Ende seines persönlichen Lockdowns, vom Ende des Stillstands. Hat er mir so geflüstert, als ich neulich staunend und ein bisschen ehrfürchtig um ihn herumgeschlichen bin. Zumindest habe ich es so verstanden, das Flüstern war etwas heiser und kaum zu hören, und laut zischend und summend fuhr grade eine hochmoderne S-Bahn ein.

Vielleicht träumt er von Stimmengewirr und Lachen unten im Empfangsgebäude, da, wo früher die Fahrkartenschalter waren. Von innigen Abschiedsumarmungen und glücklicher Wiedersehensfreude im Wartesaal, von Küssen und einem gerufenen Gute Reise! am Bahnsteig. Vielleicht träumt er auch, viel moderner, von einer neuen Nutzung, von einer Arztpraxis oder einer Kanzlei oder einem kleinen Bahnhofscafé oder einem schicken Lokal, von neuem Putz und blitzeblanken Fensterscheiben und einem Wlan-Anschluß, ach, wer weiß das schon.

Die Bahn wollte ihn irgendwann nicht mehr, sie hat ihn verkauft an Privat, abgestoßen, wie so viele historische Bahnhöfe auf dem Land. Lohnt sich ja nicht, so ein Bahnhofsgebäude, rein betriebswirtschaftlich. Nun also steht er da, Privatgelände, Betreten verboten, notdürftig umzäunt, damit nichts passiert, wenn ihm irgendein Brocken vom Dach oder von der Fassade fällt.

So viele Jahre hat der alte Bahnhof auf dem Buckel, dass er sich vermutlich noch an das Kaiserreich erinnern kann. An die Weimarer Republik. An zwei Weltkriege. An Soldaten, die von hier aus ihre Reise ins Grauen antraten. An unzählige Kriegsgefangene und Flüchtlinge, die von wackligen kleinen Bahnen oder Güterzügen ausgespuckt und in Schefflenz verteilt wurden. Den Wiederaufbau hat er erlebt, das Wirtschaftswunder, die 68er. Bahnwärter hat er beherbergt, und manche Nacht im Wartesaal sicher auch Gestrandete, Betrunkene, Verliebte oder Verlorengegangene. Abertausende von Reisenden in all den Jahrzehnten, sie lösten ihre Fahrkarte bei dem Uniformierten am Schalter, manche fuhren nur zum Einkaufen und Handeln ins Städtchen unten am Neckar, andere wollten für immer fort und kamen nie mehr zurück.

Und nun steht er da also. Und wartet mit der geduldigen Weisheit des Alters: darauf, dass die Zeiten wieder besser werden.

Wenn Sie sich für Bahngeschichten interessieren: (Klick!) hier können Sie etwas zur Schefflenztalbahn nachlesen, zu der gehörte auch der Bahnhof in Oberschefflenz. Wann genau er gebaut worden ist, kann ich nicht erkennen, aber vielleicht wissen Sie ja was dazu.

  • 4 Kommentare
  • Peer van Daalen 20. April 2021
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    Guten Morgen

    “Wann genau er gebaut worden ist, kann ich nicht erkennen, aber vielleicht wissen Sie ja was dazu.”

    Ich denke mal Sie werden ein wenig recherchiert haben? Ansonsten hab ich mir mal die Wiki-Seite angeschaut. https://de.wikipedia.org/wiki/Schefflenztalbahn

    “Am 10. Juni 1908 fand die feierliche Einweihung der Bahnstrecke von Oberschefflenz nach Billigheim statt, zwei Tage darauf begann der reguläre Betrieb.”

    Das Baujahr des Bahnhof hab ich da auch nicht auf die Schnelle finden können. Hier findet man auf Seite 310 noch ein paar Daten https://www.schefflenz.de/fileadmin/Dateien/Dateien/Buch-Haeuser-und-Leute-von-Oberschefflenz.pdf . Es wird von 1866 geschrieben.

    Alles Gute Ihnen | Peer

    • LandLebenBlog 20. April 2021
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      Ja, die wikipedia-Seite hab ich ja auch verlinkt im Artikel, aber das genaue Baujahr finde ich nicht.

  • Herr Ackerbau 20. April 2021
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    Catweazle hat ja auch mal in einem verlassenen Bahnhof gewohnt. Vielleicht wäre das eine Perspektive? Für jeden Bahnhof einen britischen Zauberer?

  • Heiko Schröder 23. Mai 2021
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    Der Bahnhof steht an der Bahnstrecke Mosbach – Osterburken (Heidelberg – Würzburg).
    Die oben erwähnte “Schefflenztalbahn” ist eine ganz andere Geschichte. Der sog. Entenmörder war auf einer Nebenstrecke unterwegs.

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