Hüffenhardt.

Ja, da kommen einige von Ihnen jetzt vermutlich arg ins Grübeln. What the hell ist Hüffenhardt? Ich nehme Ihnen das nicht übel, gleichwohl sollten Sie sich den Ortsnamen merken. Oder mal googeln unter der Rubrik news. Dann merken Sie gleich: Das winzigkleine Hüffenhardt am Rande des Odenwaldes liegt nicht nur ganz in meiner Nähe, sondern derzeit auch mitten im Zentrum eines bundesweiten Orkans.

Zumindest in Pharmazeutischen Kreisen. Interessiert Sie nicht? Naja, wann immer Sie in eine Apotheke gehen, haben Sie mit Pharmazie zu tun. Und wenn Sie das nächste Mal in eine Apotheke gehen, dann lassen Sie mal das Wörtchen Hüffenhardt fallen, der Apotheker bekommt dann vermutlich sooo eine Krawatte.

Foto: Claudia-Hautumm/pixelio

So oder so können Sie in diesem geheimnisvollen Hüffenhardt derzeit ein Lehrstück in Sachen Infrastruktur im ländlichen Raum verfolgen.

Die Geschichte, das Drama in mehreren Akten, geht in groben Zügen so:  Es war einmal eine Apotheke in der kleinen Gemeinde Hüffenhardt. Die machte aber eines Tages zu, und es fand sich beim besten Willen kein Nachfolger, niemand wollte eine Apotheke in der 2000-Seelen-Gemeinde übernehmen, nein, danke, der Hüffenhardter Bürgermeister war betrübt, und manch ein Hüffenhardter Bürger war es auch.

Nun aber bekam eine führende Versandapotheke mit Sitz in Holland Wind von der Apothekenflaute in Hüffenhardt und sah seine Stunde gekommen. Vielleicht ein bisschen Geld verdienen, kostenlose Publicity und außerdem die juristischen Grenzen in Sachen Deutsches Apothekenrecht ausloten und ausreizen – wo ginge das besser als hier? Die Versender bauten in den leerstehenden Räumen der Apotheke eine Art Internetterminal auf, der Kunde schiebt sein Rezept in einen Schlitz, unterhält sich vielleicht per Videochat mit einem freundlichen Mitarbeiter in Holland, und schwupps, kommt das gewünschte Medikament aus dem Automaten gepurzelt.

Foto: Mario Heinemann/pixelio

Schon im Vorfeld schrieen die deutschen Apothekerverbände Zeter und Mordio. Nein, mit Nächstenliebe und mit Begeisterung für die Pharmazie habe so eine Internet-Versandapotheke generell schon mal gar nichts zu tun, orakelte mit schicksalsschwerer Stimme und gesenktem Haupt ein Verbandsvorsitzender in die laufenden Kameras, die Zuschauer schwankten zwischen Erstaunen (ach so? keine Nächstenliebe?) und Empörung (die wollen Geld verdienen, gibts denn sowas?). Und überhaupt müsse man alles tun, um derlei Geschäfte zu verhindern. Schließlich sei ein solcher Automat ja auch gefährlich, wenn er die falschen Präparate ausspuckt. Hüffenhardt war schon in aller Munde, bevor das erste Medikamentenpäckchen überhaupt aus dem Automaten fiel.

Irgendwann wurde der hochmoderne Apothek-o-mat mit deutsch-holländischer Chatfunktion schließlich eröffnet und keine 48 Stunden später schon wieder geschlossen, das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe wollte es so. Es gibt da ein paar rechtliche Fallen und etliche Gesetze, die Lage ist für Laien reichlich unübersichtlich, jedenfalls machte der Laden wieder dicht. Um zwei Tage später wieder zu eröffnen, derzeit gibt es dort aber nur rezeptfreie Medikamente, wenn ich das richtig verstanden habe. Der Versandhändler hat Klage gegen die Schließung eingereicht, so lange das Verfahren in der Mache ist, soll es wenigstens auf Schmalspur weitergehen.

Die Pharmaziebranche fährt währenddessen weiterhin alle Geschütze gegen den kleinen Automaten im klitzekleinen Hüffenhardt auf. Meiner aktuellen Lieblingszeitschrift, der Deutschen Apotheker-Zeitung (nicht zu verwechseln mit der Apotheken-Umschau, wann greifen die das Thema endlich auf?), meiner aktuellen Lieblingszeitschrift also entnehme ich, dass bayerische Verbandsvertreter sich nun fragen Wer beliefert eigentlich den bösen Automaten, da in Hüffenhardt in Baden-Württemberg?

Foto. I. Vista/pixelio

Aha, aha, nun also kommen wir der Sache langsam näher. Irgendwo sitzt da ein mieser Kerl, der das auch noch unterstützt, das Hüffenhardter Automatentreiben. Im Schutze der Dunkelheit müsse der wohl heimlich vorfahren, und husch, husch, den Automaten hektisch befüllen, um dann wieder in die rabenschwarze Nacht zu verschwinden. Vielleicht tut auch er es nicht einmal aus Nächstenliebe, sondern nur aus reiner Geldgier? Dem will man doch nun auf die Schliche kommen, der Präsident des Bayerischen Apothekerverbandes fordert jetzt alle deutschen Großhändler auf, an Eides statt zu erklären, dass sie damit nichts zu tun haben und ihre Hände in Unschuld waschen. Und wehe, einer weigert sich.

Das also ist das Hüffenhardter Drama in mehreren Akten, Ende völlig offen. Ich sitze davor und bin hin- und hergerissen von der Handlung, den Akteuren. Ich sehe da wie auf einer kleinen Bühne einen knallharten Geschäftsmann, der in Hüffenhardt und anderswo in Deutschland richtig Geld verdienen will. Ich sehe ein kleines Dorf, in dem es keine Apotheke mehr gibt, umgeben von kleinen Dörfern, in denen es in zehn Jahren vielleicht auch keine Apotheke mehr gibt. Ich sehe Herren in Anzügen, die sich die Haare raufen und laut schreien, auf Paragrafen verweisen, mit dem ausgestreckten Finger auf diese und auf jene zeigen und mit dem öffentlichen Pranger drohen.

Ich warte derweil noch auf den Auftritt eines weiteren Protagonisten, der mit kühlem Kopf ein bisschen Ruhe in die wirre Handlung und in das Geschrei bringt. Der wird dem Publikum dann erklären, warum so viele Apotheken auf dem Land denn überhaupt dichtmachen, und was denn da die Lösung wäre. Ob alternative Geschäftsmodelle denkbar sind. Und was sich an der Politik vielleicht auch ändern muss, damit es wieder reizvoll wird, Apotheker auf dem Land zu sein. Von wegen Nächstenliebe und so. Und vielleicht auch finanziell. Auf diesen Protagonisten in dem Drama warte ich jetzt also sehnsüchtig. Vielleicht tritt er ja im fünften Akt auf, nach der Pause.

 

 

 

KaDePe.

Der Raiffeisenmarkt: Kaufhaus der Provinz. KaDePe. Ein Landpomeranzeneldorado. Das KaDeWe der Landfrau. Fehlt nur die Parfümerieabteilung. Und die schnöseligen Verkäuferinnen der Namens-Halbschwester vom Berliner Wittenbergplatz, die so wunderbar arrogant eine Augenbraue in die Höhe heben, wenn der Kunde in der falschen Klamotte in den Laden einläuft.

Im KaDePe gibts keine falsche Kundenklamotte, und je speckiger der Blaumann, je dreckiger die Stiefel, die da zur Schiebetür hineinkommen, umso besser. Dann wissen die Verkäuferinnen gleich: aha, da kommt ein Kenner der Materie; einer, der mit beiden Beinen fest im Landleben steht. So jemand wie ich also, quasi.

Und der Kunde findet hier alles, was sein Herz begehrt, die Kundin wird den Laden nicht unzufrieden verlassen: Das gesamte Landpomeranzenequipement auf 1000 Quadratmetern.

Sie brauchen Ferkelzange, Flaschenbürsten, Fliegenklatschen? Einstreu, Einmachgläser, Einweckgummis? Gipseier, Glasflaschen, Gummistiefel? Mistgabel, Melkfett, Mausefallen?

Mein Raiffeisen in Mudau hat alles. Oder besorgt alles.

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Und ich: werde jedes Mal schwach.

Heute habe ich allerdings nur Hühnerfutter gekauft, das war auch wirklich nötig. Naja, und ein Kehrschaufel-Set (das vierte, genauer gesagt, aber man weiß ja nie. Und außerdem ist dieses hier verzinkt.) Um die Gummistiefel bin ich nur drumrum geschlichen, um die Arbeitshandschuhe auch, vier Paar von jeder Sorte sollten ja eigentlich nun reichen.

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Die Blaumänner habe ich nur beim Vorbeigehen befühlt, den starren Stoff wehmütig befingert, ich habe schon einen Latzhosenblaumann und einen Overallblaumann, und der Gatte sagt, es reicht.  Aber eine Mistgabel, die bräuchte ich schon lange. Dringend eigentlich. Sie kennen das vermutlich, wenn Sie auf dem Lande leben. Mistgabeln kann man nie genug haben. Aber mein Geo wollte weiter, er brauchte Seil und Karabiner, ich muss das mit der Mistgabel verschieben.

Um die schicken Aufsitzrasenmäher zum Sommerschluss-Aktionspreis habe ich auch einen Bogen gemacht.

Bringe uns nicht in Versuchung.

(Bloß raus hier.)

Unter uns:  Ich habe sogar zum Geburtstag einen Gutschein für den Raiffeisenmarkt bekommen, von den zwei Bloggern aus der Nachbarschaft, Matthias und Pamela. bestes Geschenk ever, den muss ich irgendwann noch einlösen. Da gehe ich dann aber lieber heimlich los, ohne meinen Geo.

 

 

Dieser Beitrag ist in anderer Form schon mal vor ein paar Jahren hier erschienen. Man kann es aber gar nicht oft genug sagen.

 

 

Oh, Tannebaum.

Ihr Kinderlein kommet? Die Weihnachtsliedermacher haben gut reden. Gibt ja kaum zeugungsfähige Männer auf dem Land, wo sollen da die Kinderlein herkommen? Genauer gesagt, gibt es derzeit kaum Männer im zeugungsfähigen Alter hier in der Region.

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Die Herren sind momentan alle unterwegs. Das Christbaumgeschäft brummt hier schon seit Wochen, genau so laut, wie die LKW und die Traktoren, die im Viertelstundentakt schwankende Tannenbaum-RiesenGebirge vor unserer Haustür vorbeifahren. Weihnachtliche Schwertransporte, wenig besinnlich, aber lukrativ.

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Ein Gutteil der deutschen Christbäume kommt hier aus der Region. Bis zu eine Million Tannebäumchen. Rund 1000 Hektar Anbaufläche hier im Landkreis. Regionale Wertschöpfung nennt man das. In der Saison – also ab Anfang November – verdienen sich viele Männer beim Ernten, Verpacken, Verladen und deutschlandweit-Verkaufen ein bisschen was dazu. Die Christbaum-Anbauer sowieso. Von denen gibts hier jede Menge, und manchmal hat man das Gefühl, dass noch jeder Quadratzentimeter Vorgarten für den weihnachtlichen Tannen-Anbau genutzt wird.

Diese etwas andere Weihnachtsgeschichte ist dabei zweischneidig. Da sind auf der einen Seite die Landwirte, die die Nase voll haben von ständig sinkenden Milch- und Fleischpreisen, die keine Lust mehr auf die Plackerei haben, wenn sie am Jahresende grade mal null auf null rauskommen. Mancher von ihnen sattelt um auf Nordmanntannen. Nachvollziehbar.

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Da sind auf der anderen Seite Pestizide, Herbizide, Fungizide. Vollgepumpte Böden. Die chemische Industrie sagt den Bäumchen schon, wie sie zu wachsen haben. Schließlich hängt Lametta nur an graden Tannenzweigen. Oh, Tannebaum, oh Tannebaum. Großanbauer, die für ein Vielfaches des landwirtschaftlichen Pachtpreises Flächen zusammenraffen, die den traditionellen Landwirten und damit der Nahrungsmittelerzeugung verlorengehen. Der Boden brauche Jahre, bis er sich erholt hat, sagen Kritiker.

Die riesigen Plantagen verändern das Landschaftsbild – nachhaltiger, als der vielgescholtene Mais und andere Bioenergieträger es je schaffen würden. Vermaisung der Landschaft? Pipifax. Die viel-hektar-großen Weihnachtsbaumplantagen stehen nicht nur einfach in der Gegend rum, sie sind zudem noch eingezäunt, aufwändigst. Drahtgeflecht, kilometerlang. Schließlich sollen sich nicht hungrige Rehe und Hasen, sondern am Ende Vater, Mutter und die Kinder am Weihnachtsbaum erfreuen können.

Jahrhundertealte Wild-Wander-Wege werden so durchschnitten, und manch ein Reh auf der Flucht ist schon in einem Weihnachtsbaumzaun hängengeblieben und elendiglich verreckt. Umso mehr, wenn inzwischen auch tief im Wald (illegal) Plantagen entstehen. Touristen, die sich in das Herz der Weihnachtsbaumproduktion verirren, wähnen sich in einem Industriegebiet, nicht im schönen WanderOdenwald. Oh, Du Fröh-li-che-e.

Schwieriges Thema. Strukturschwache Region? Endlich mal ein Wirtschaftszweig, der etwas Geld bringt! Weihnachtliche Umweltkatastrophe? Arbeitsplätze! Ein Thema, mit dem sich Verwaltungsgerichte und Regierungspräsidien befassen, ein Thema, das in Dörfern und Familien für Streit und Zwietracht sorgt. Und für jede Menge Haupt- und Neben-Einkünfte. Ach, es ist kompliziert.

Ich selber brauche keinen Weihnachtsbaum. Aber ich habe seit Wochen versucht, ein paar Gesprächspartner fürs Radio zu dem Thema zu finden, Pro und Contra, das kann ja nicht so schwer sein. Hey, es ist Advent, da kann man doch mal über Weihnachtsbäume sprechen! Überall das gleiche: Abwinken, Kopfschütteln, nein, vielen dank, aber dazu äußern wir uns nicht. Von einem Wespennest murmelt einer, und ein anderer davon, dass er sich in laufende Gerichtsverfahren nicht einmischen möchte, und ein Dritter sagt, er will in Frieden leben undsoweiterundsoweiter. Ich möge doch im Frühjahr nochmal fragen. Gut, dann werde ich das Thema Weihnachtsbaum zu Ostern nochmal aufgreifen. Die Plantagen sind ja zeitlos.

Und die Moral von der Geschichte? Die weihnachtliche Botschaft? Vielleicht die: Tannen aus regionaler Erzeugung? Gerne. Aber dann aus umweltverträglicher Erzeugung, mit Brief und Siegel. Gibts auch, hin und wieder. Darf durchaus mehr werden. Und nicht aus rechtwidrig angelegten Plantagen. Der weihnachtliche Verbraucher stimmt letzten Endes mit der Axt ab. Oder so.

 

 

 

Dieser Beitrag ist hier vor drei Jahren schon mal erschienen, er fiel mir während meiner komplett erfolglosen Baum-Recherche wieder ein und nun habe ich ihn ein bisschen aktualisiert. 

 

 

 

Lost place.

Ich habe ja ein Faible für sogenannte Lost places. Aber es gibt dabei immer wieder Lost places, die sind überhaupt nicht lost, nicht verloren, die sind nur noch nicht wiederentdeckt worden. Die warten auf jemanden, der sie wachküsst, so dornröschenmäßig, naja, Sie wissen schon. Dabei warten sie aber gar nicht auf irgendeinen albernen Prinzen in Glänze-Leggings und Schnabelschuhen, oder auf irgendeine blöde Prinzessin, es müsste nur jemand aufmerksam werden, und ein paar richtig gute Ideen haben und ein paar Euro. Mehr braucht es nicht, und ich frage mich immer mal wieder, insbesondere hier im Odenwald, ob es von diesen Leuten nicht eigentlich genug geben sollte.

Langer Rede kurzer Sinn: Es gibt da diesen Bahnhof in Seckach. Der gehörte einst zur Großherzoglich Badischen Staatseisenbahn, und die Herren dieser Staatseisenbahn legten großen Wert darauf, dass entlang der Strecke die schönsten Bahnhöfe gebaut wurden. Egal, wie groß oder klitzeklein nun die dazugehörige Gemeinde sein mochte.

Mehr noch: je kleiner die Gemeinde, je tiefer drin in der vermeintlichen Provinz, desto wichtiger war den Herren der repräsentative Bahnhofsbau. Geschmacksbildend sollte das Bauwerk sein; für alle jene insbesondere, die eben nie aus Badisch-Kleinkleckersdorf  und Badisch-Hinterposemuckel hinauskommen würden, sollte das Bahnhofsgebäude zeigen, wie gute Architektur und weltstädtischer Geschmack aussehen. Eine Badische Bahnhofspädagogik, sozusagen. Bei den sparsamen Schwaben und ihrer schwäbischen Eisenbahn sah das angeblich schon ganz anders aus, ich kann das hier nur weitergeben, ich habe das nicht überprüft.

Im Seckacher Bahnhof gab es alles, was ein Bahnhof halt so braucht, einen Wartesaal und eine Gepäckaufgabe, Fahrkartenschalter und ein paar Toiletten und eine Gaststätte, dazu die große Wohnung des Bahnhofsvorstehers und die Wohnung für den Postamtsvorsteher, das alles auf mehreren hundert Quadratmetern über drei Geschosse. Und obendrin noch ein riesiger Dachboden. Hochherrschaftliche Treppenaufgänge und knarzende Dielen, gedrechselte Geländer und verzierte Türen.

Ich stelle mir vor, wie es hier drin zugegangen sein muss, als hier noch das pralle Bahnhofsleben herrschte. Wie unten im Wartesaal Menschen auf Züge warten, oder auf den Mann, die Mutter, die Kinder. Da wird vermutlich gelacht und geweint und gejohlt und geküsst, wie das halt auf Bahnhöfen so zugeht. Da wird gegessen und getrunken, da wird geraucht, dass es grad so qualmt, da holen sich die Kinder des Ortes im Sommer ihr Eis oder warten an der Hand der Eltern ungeduldig zappelnd auf die nächste große Lok, den nächsten langen Güterzug, und manchmal winken sie den Vorbeifahrenden.

Da werden zwischen den Holztüren Pläne geschmiedet, da gehen Sehnsucht und Hoffnung auf Reisen und Beziehungen zuende, mit geschwenktem Taschentuch am Gleis. Und manch einer wird im Koffer jede Menge Aufregung mit sich schleppen, und Mut, oder Verzweiflung. Der Bahnhof als Mikrokosmos: Ankommen, Wegfahren, und dazwischen stempelt einer mit dem lauten Rumms des Metall- Stempels ein neues Ziel auf einen Fahrschein.

Aber es kam, wie es beim Stichwort Bahn so kommen musste: Irgendwann übernahm, gänzlich unsentimental, die Deutsche Bahn AG die Strecken und die Bahnhöfe, und sie kümmerte sich – so hört man allenthalben – einen feuchten Kehricht um die historischen Gebäude. Alles lästig, alles viel zu teuer, die Toiletten wurden weggespart, die Wartesäle zugesperrt, und Tickets gibts am Automaten. Der einst pulsierende Mikrokosmos verfiel in den Dornröschenschlaf, stolz und still und leer steht der Bahnhof Baujahr 1887 seitdem am Gleis und schaut auf all die Züge, die da fahren.

Viel mehr Züge sind das als noch vor ein paar Jahren, die Strecke ist vielgenutzt, und die Züge halten und fahren an in Seckach, und dabei machen sie immer dieses zischende Geräusch, das ein bisschen klingt wie ein Seufzen, so, als wollten sie dem Bahnhof zurufen, tja, altes Haus, das ist ja mal ein blöder Zustand, einfach nutzlos hier herumzustehen, wo Du doch so wunderschön bist, aber vielleicht kommt ja irgendwann mal einer. Die Bahnfahrer schimpfen derweil wie die Rohrspatzen, sie stehen bei Wind und Wetter im Freien und frieren neben dem verwaisten Bauwerk.

So sah das mal aus, noch 1992. Foto: Gerd Wilhelm, Bammental.

Weil das Gebäude aber wunderschön und die Lage ziemlich super ist, kaufte die Gemeinde Seckach der Bahn den Bahnhof ab, bevor er eines Tages unter die Räder kommen würde. Derzeit nimmt die Kommune nochmal Geld in die Hand, das Dach wird gemacht , und die Fassade, und auch ein paar denkmalschutzrelevante Dinge, jedenfalls sieht der Bahnhof danach vermutlich noch ein bißchen schicker aus, zumindest von außen.

Innen ist noch ein bißchen was zu tun, zugegeben. Die letzten Bewohner haben ihre Spuren hier hinterlassen, an einer Stelle ist ein Loch in einer Decke, ein paar Tapeten sollten auch ausgewechselt werden und vielleicht braucht es eine neue Heizung. Nichts, was man nicht stemmen könnte.

Jetzt werden Menschen mit guten Ideen gesucht. Und mit der Bereitschaft, den alten Bahnhof nicht nur wachzuküssen und selber wieder zu beleben, sondern unten, im Erdgeschoß, irgendwie auch eine Wartemöglichkeit für Reisende zu schaffen. Wäre ich Architekt oder Rechtsanwalt oder Arzt oder Physiotherapeut oder wasweißich, irgendjemand, der ein bißchen Platz braucht, ich würde mir die Finger nach einer solchen Immobilie lecken.

Vermutlich gibt es die sogar zum Superdupersonderschleuderpreis, Genaues weiß ich nicht, aber man kann davon ausgehen, dass der Preis Ihnen, wenn Sie aus Mannheim, Frankfurt oder Heidelberg kommen, schlagartig die Tränen der Rührung in die Augen treiben wird. Und wenn einer ein gutes Konzept hat, dann finden wir auch Geldgeber dafür, sagt der Seckacher Bürgermeister Thomas Ludwig etwas geheimnisvoll, ich habe das nicht weiter vertieft, außerdem hat er noch was von Pachten gemurmelt, aber Sie können ihn ja direkt fragen, (klick:) hier gehts zur Gemeindewebsite und dem Bahnhofsangebot und seiner Telefonnummer und Mailadresse.

Noch ein Archivbild von Gerd Wilhelm. 1986.

Jetzt ist das so eine Art Werbebeitrag geworden, kaufen Sie!, pachten Sie!, schreit es zwischen den Zeilen, und ich kriege nicht mal was bezahlt dafür. Aber eines sage ich Ihnen: wenn Sie den Bahnhof kaufen oder pachten sollten, aufgrund dieses Blogbeitrags, weswegen denn auch sonst, wenn Sie also ihre Liebe zu diesem historischen Gebäude entdecken und zuschlagen, dann werde ich gefälligst zur Einweihungsparty eingeladen. Aber sowas von.

 

 

 

November.

Irgendwie war dieses ganze Jahr ein bisschen wie November. Weltgeschehen und so weiter, naja, Sie wissen schon. Alles schrecklich, alles Grau in Grau. Viele Prominente verabschiedeten sich dazu noch von der Bühne, nein, der auch?, ach Du liebe Zeit, die war doch gar nicht alt!, vieles davon ließ mich eigentlich persönlich unberührt, aber es blieb doch das Gefühl, dass es an allen Ecken und Enden bröckelt in dieser Welt. Wie in einem ins unendliche ausgedehnten November.

Passend zum November als dem Sterbemonat las ich heute einen Text beim kiezneurotikerund wie ich da so nachdachte über Tod und Sterben, da fiel mir eine Beerdigung neulich ein, im Nachbardorf. Die Alte war gestorben, und natürlich bin ich in die Kirche und anschließend mit auf den Friedhof. Wenn Du in Deiner neuen Heimat auf Beerdigungen gehst, dann bist Du angekommen, hat mir mal ein sehr netter Kollege hier im Odenwald  gesagt, und ein paar Monate später war seine Beerdigung die erste, zu der ich ging. 

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Ein Symbolbild.

Wie dem auch sei: Ich bin da also neulich auf dieser Beerdigung, und ich hatte ein trauriges, mickriges Häuflein Gäste erwartet, eine Handvoll Leute vielleicht, stattdessen ist die Kirche rappelvoll. Nach einer Stunde geht es dann zum Friedhof, 70 oder 80 Menschen laufen still die paar Schritte zu Fuß durchs Dorf, hinterher kommen Pfarrer und Ministranten mit wehenden Gewändern, ein kleines Mädchen schleppt ein Megaphon, ein anderes einen Lautsprecher, damit am Grab auch alle etwas hören.

Die Menschen verteilen sich im großen Kreis um Sarg und Grab, schweigend im eisigen Wind, alles geht seinen Gang, irgendwann wird der Sarg ins Grab hinabgelassen und langsam zerstreut sich die Gesellschaft, nur ein paar enge Angehörige bleiben noch etwas stehen.

Wer sind all diese Leute?, frage ich einen, den ich kenne, waren die alle mit der Alten bekannt? Das wäre mir ganz neu. Nein, sagt der, ich habe sie auch nicht gekannt, aber sie hat doch bei uns im Dorf gewohnt, da geht man eben hin zu der Beerdigung. Das gehört sich doch wohl so. 

Das gehört sich doch wohl so. Abschied zu nehmen von einer Unbekannten, sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten, obwohl man sie nicht gekannt hat. Einfach, weil sie aus dem Dorf war, irgendwie dann doch dazugehörte. Der ebenfalls unbekannten Familie zu zeigen: Wir sind da, wir nehmen Anteil.

Keine Ahnung, warum, aber ich fand das irgendwie sehr rührend und sehr tröstlich.

 

 

 

Kulturprovinz?

Ein Künstler, der aus der pulsierend-inspirierenden Stadt wegzieht, in die hinterste Pampa, der muß schon ganz schön einen an der Waffel haben. Oder lebensmüde sein. Oder Millionär, und deswegen nicht angewiesen auf das Geld, das ihm seine Kunst einbringt.

Haben vermutlich viele gedacht, als Geo vor Jahren sein Atelier in Mannheim in Kisten packte und mit mir zu den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen zog. Geo, der natürlich in Wirklichkeit gar nicht Geo heißt, sondern irgendwie anders. Aber ganz ähnlich.

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Oh, weh, wenn das mal gutgeht. Die da im Odenwald ham doch keine Ahnung von Kunst, und außer den Betenden Händen von Dürer hängen die doch nichts an ihre Wände. Schon gar nicht so abstraktes Geschmiere, wie es heute für teuer Geld als „Kunst“ verkauft wird. Sowas kann mei Enkelsche aach.

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PurPur, Öl auf Leinwand, 144×172

Das Ende vom Lied: Der Künstler aus der Großstadt verkauft hinter den Sieben Bergen nochmal deutlich mehr Kunst, als er es in seinen Ateliers in Frankfurt und Mannheim ohnehin schon getan hat. Der lebt von seiner Kunst, seit Jahrzehnten schon. Und nicht mal schlecht. Und im Odenwald, bei den vermeintlichen Kunstbanausen, nochmal besser als zuvor. Hier ist er eben nicht einer von 6000 Künstlern am Ort, sondern der Künstler. Wir suchen den Künstler, haben vor einiger Zeit Freunde von uns im überüberüberübernächsten Dorf gefragt, als das Navi nicht mehr weiterwußte. Den Künstler? Kennen wir. Also passen Sie auf:… Die Leute auf der Straße wußten gleich bescheid. Exoten kennt man eben im Odenwald. Der Maler als semi-Prominenz.

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Erstes Grün, Öl auf Leinwand, 80×60

Einmal im Jahr öffnet Geo unsere eigenen vier Wände für kunstinteressierte Besucher und Kunden. Setzt damit fort, was er schon im Mannheimer Atelier begonnen hatte, damals mit 30 bis 40 Besuchern pro Wochenende. Die Konkurrenz war groß: Zeitgleich fanden in Mannheim 395 andere Veranstaltungen statt, eine interessanter als die andere.

Zum ersten offenen Atelier im Odenwald, vor vielen Jahren, kamen gleich knapp 400 Menschen. Ich hatte zwischenzeitlich Sorge um die Statik des Gebäudes, in der Atelierküche ging es vorübergehend zu wie in der Tokioter U-Bahn. Stundenlang Gedränge und Geschiebe. Aus reiner Neugierde kamen die einen, aus echtem Interesse viele andere.

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Blaue Traumgedanken, Öl auf Leinwand, 80×60

Das Offene Atelier beim Künstler gehört inzwischen zum festen Bestandteil des jährlichen Provinz-Veranstaltungskalenders. Die anfängliche Neugierde ist gestillt, aber noch immer kommen an zwei Tagen bis zu 200 Gäste. Die Presse ist dann da, und der Bürgermeister sowieso. Dazu noch der regionale Sparkassenchef. Oder der Volksbankvorsitzende. Abwechselnd.

Von wegen Kunstbanausen.

Vor dem Haus parken dann auch immer großformatige Limousinen mit denn Kennzeichen der großen Städte Süddeutschlands. Stuttgart, Frankfurt, München. Der Panamera ist eigentlich recht sparsam. Der verbraucht bloß 16 Liter. Für die Kunstkenner aus den Kunstmetropolen ist der Ausflug in den Odenwald ein aufregendes Abenteuer, von dem sie hinterher ihren Bekannten erzählen können. Du, wir haben da hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen einen Künstler entdeckt…. toll!! Und das Gasthaus, in dem wir übernachtet haben: wie früher!! 21 Euro das Zimmer. inklusive Frühstück. Süß! Da müsst Ihr unbedingt mal hin!

Ein Geheimtipp. Mannheim? War doch langweilig dagegen.

Weniger als fünf Prozent der offiziell registrierten deutschen Künstler können von ihrer Kunst leben. Der Rest murkelt in den Großstädten am Existenzminiumum herum, schlägt sich mit Volkshochschulkursen durch, bringt gelangweilten Hausfrauen das Aquarellieren bei und weiß am Ende des Monats trotzdem nicht, wie die horrende Miete für das Atelier zusammenkommen soll.

Auch so gesehen hat die Provinz was für sich.

Allen arroganten Vorurteilen zum Trotz.

 

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Sonniger Tag, Öl auf Leinwand, 70×50

 

Und noch ein kleiner Werbeblock:

Offenes Atelier 2016: letztes Novemberwochenende, Samstag und Sonntag, jeweils 14 bis 18 Uhr, Limbach-Balsbach, Wagenschwender Straße 6.

 

 

Hinter den sieben Bergen.

Ich ahne, Sie haben inzwischen den Eindruck, dass es im Odenwald nur Wald und Wiesen gibt. Und glückliche Kühe und Hühner und so. Dieser Eindruck wäre gänzlich falsch, und ich werde mich schnellstens bemühen, ihn gradezurücken. Wir gelten hier zwar als strukturschwache Region, ja ja, das ist schon richtig, wir sind hier eine Art Strukturentwicklungshilfegebiet, aber trotzdem gibt es tief in den Wäldern und Tälern jede Menge Industrie, klein bis mittelgroß.

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Die Neckar-Odenwälder Industrieunternehmen hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen erwirtschaften immerhin so um die zwei Milliarden Euro Umsätze pro Jahr, das klingt doch gar nicht schlecht. Eine Milliarde davon kommt aus den Auslandsgeschäften, dem Export, auch darin sind die Odenwälder groß. Nicht zuletzt die Armut vergangener Jahrhunderte hat ja viele Odenwälder in die Neue Welt und sonstwohin getrieben, kaum eine Familie gibt es, die nicht irgendwo auf diesem Planeten irgendeinen Urgroßonkel zweiten Grades hat, und man munkelt, genau dieses zeige sich auch in der besondern Exportfreudigkeit der kleinen Odenwälder Firmen.

Dabei mögen die Firmen vergleichsweise klein sein, trotzdem spielen viele von ihnen ganz oben mit, global player, naja, Sie wissen schon, hidden champions im Unterholz undsoweiter, Marktführer und Weltmarktführer, haben wir alles hier, bittesehr.

Nur Gewerkschaften haben wir hier eher selten, das liegt an den besonderen Strukturen alteingesessener Familienbetriebe. Da kannte der Chef seine Mitarbeiter schon, als die noch soooo klein waren, und da hat der Vorarbeiter seinem heutigen Chef schon mal den Hintern versohlt, als der in Kindertagen Unfug in der Werkshalle machte und die Männer von der Arbeit abhielt. Das hat ja alles seine Vor- und Nachteile.

Jedenfalls erinnere ich mich an einen Winter, als der Schnee vom Himmel schier herabstürzte, tonnenweise und stundenlang, und an einem weihnachtlichen Sonntagnachmittag das riesige Flachdach eines Betriebes in der Nachbarschaft in die Knie zu gehen drohte. Es knarzte und krachte schon bedenklich im Gebälk, die Feuerwehr rückte aus, im Radio liefen erste Meldungen.

Es dauerte keine 10 Minuten, da kamen die ersten Arbeiter angestürmt, mit fliegenden Jackettschössen und Krawatten, allesamt herausgeputzt für ein adventliches Kaffeetrinken im Kreise der Familie. Sie kamen mit Schaufeln und Schippen und Leitern und LKWs, sie schippten und schaufelten auf dem Dach, den ganzen Abend und die halbe Nacht, das Werksgelände war voller Helfer, irgendwer brachte in die stürmische Eiseskälte Tee und die Reste von der Kaffeetafel, und mittendrin stand der Werksleiter und kämpfte mit den Tränen der Rührung, und ich musste natürlich direkt mitflennen. Das ist ein paar Jahre her, und es war für mich damals ein Sinnbild für die Unternehmen hier im Odenwald. Aber vielleicht hat sich da auch so manches schon verändert, früher war ja bekanntlich alles besser. Naja, Sie wissen schon.

Die Fluktuation der Mitarbeiter hier ist immernoch sehr niedrig, der Krankenstand auch, die Arbeitslosenzahlen sowieso. Baulandpreise und Kaufpreise für Immobilien treiben einem die Tränen des Entzückens in die Augen, und ich wundere mich schon lange, warum sich hier nicht viel mehr Unternehmer ansiedeln. Wir sind zwar etwas ab vom Schuss, wie man so sagt, aber bei den Verkehrsverhältnissen auf den Autobahnen heutzutage kommt es auf eine halbe Stunde mehr oder weniger Anfahrt zum nächsten Zubringer ja eigentlich dann doch nicht an.

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Ich war dieser Tage bei einer Firma, die sich auf den Bau von Silofahrzeugen spezialisiert hat, in der sechsten Generation, alles quasi Handarbeit, der Marktanteil liegt immerhin bei um die 60 Prozent. Büros und Niederlassungen in Frankreich, Polen, Ungarn, Moskau, wenn ich das richtig verstanden habe, Kunden in aller Welt. Auf dem Werksgelände warteten eben zwei Fahrzeuge mit hebräischer Aufschrift darauf, von ihrem neuen Besitzer abgeholt und nach Israel verschifft zu werden.

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Ein unscheinbares Firmengelände, ein bisschen versteckt, ein bisschen in die Jahre gekommen, drinnen alles von der Schweißerei per Hand bis zur High-Tech-Abteilung. Neue, hochqualifizierte Mitarbeiter zu finden, hier, für den Odenwald, ist nicht ganz leicht, berichtet der junge Firmenchef, wir bilden die am besten alle selber aus, sagt er.

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Falls Sie also selber eine Firma haben und derzeit einen neuen Standort suchen, kommen Sie doch mal im Odenwald vorbei. Was weiß denn ich, wer hier so mitliest, vielleicht der Oliver Blume von der Firma Porsche. Oder der Rupert Stadler, der Audi-Rupi, dem wäre es vielleicht ja nicht ganz unrecht, mal in die Provinz zu ziehen, wo ihn keiner kennt. Da hätte er mal seine Ruhe. Und könnte sich im Odenwald auf grundanständige Mitarbeiter verlassen.

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Und wenn Sie zufällig ein anständiges Silofahrzeug brauchen, in die Verlegenheit kommt man ja manchmal, dann bitte sehr, hier entlang. Nein, das ist keine bezahlte Werbung, die Herren würden mir was husten, ich mache das nur zum Dank, dass ich da so rumknipsen durfte.

 

 

 

 

 

Lost place.

Bahnhöfe werden ja gemeinhin als die Visitenkarte einer Stadt oder Gemeinde bezeichnet, gerne auch als das Aushängeschild. Nicht nur, weil man beim Aussteigen nun mal zuerst einen Eindruck vom Bahnhof (und damit vermeintlich vom Zielort insgesamt) bekommt, sondern auch beim bloßen Vorüberfahren. Tausende, was sage ich, Millionen Reisende reisen ja ununterbrochen mit der Bahn irgendwo hin und passieren dabei en passant so manchen Bahnhof, Sie kennen das vermutlich selber.

Und dann denkt man beim Vorbeirauschen für sich Na, das ist ja ein schönes Dreckloch, wie sieht das hier denn aus?, weil der Bahnhof, wir wollen es vorsichtig formulieren, nicht sehr gut in Schuß ist.

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Es ist allerdings etwas vorschnell, vom Bahnhof auf den ganzen Ort zu schließen, und das Problem liegt, wie so oft, bei den Besitzverhältnissen. Bahnanlagen und Bahnhöfe gehören nämlich in der Regel dem Unternehmen Deutsche Bahn, und weil die Bahn inzwischen den Unterhalt von ihren alten Immobilien reichlich lästig findet, lässt sie ebendiese gern verfallen, besonders gerne auf dem Lande. Man kann das ja verstehen. Börsengang und so, naja, Sie wissen schon.

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So vermodern die Gebäude also vor sich hin, steinerne Schmuckstücke aus früheren Jahrhunderten, mit Liebe und Detailversessenheit gebaut, und seit Jahrzehnten abgeschrieben, aufgegeben. Aus Bauwerken wie aus der Modelleisenbahnlandschaft werden lost places, verrottet, verlassen, verloren. Aus toten Fensterlöchern starren sie auf die Gleise, auf denen schon lange kaum noch Züge halten.

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In diesen Tagen erwischt es den Bahnhof im kleinen Rosenberg, hier hatte die Bahn ein Einsehen, vielleicht auch zähneknirschend, bevor noch ein Rosenberger unter herabstürzenden Gebäudeteilen zu Schaden kommt, während er am Gleis auf irgendeinen Regionalzug wartet. So heruntergekommen ist der Bahnhof, und so unvorstellbar inzwischen ein Verkauf  an einen Interessenten, dass jetzt also abgerissen wird. Man muß nur lange genug warten, bis mit dem ganzen Haus auch gleich der Denkmalschutz verfällt, da gibt es irgendwelche Tricks, ich will das alles gar nicht wissen.

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Aber ich habe dem Bahnhof noch einen Besuch abgestattet, am Sterbebett quasi, in diesen Tagen rücken schon die Bagger und die Abrissbirnen an. Ich habe mich in der Wartehalle umgeschaut und im Eingangsbereich, und mich gefragt, ob es davon wohl noch Fotos aus früheren Zeiten gibt, irgendwo.

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In den oberen Etagen gibt es sicher auch etwas zu sehen, da hat einst der Bahnwärter gelebt, später eine Familie. Aber nachdem die Löcher in der Hallendecke unten davon zeugen, dass hier schon jemand unsanft eingebrochen ist, habe ich von einer Besichtigung Abstand genommen, ich bin ja letzten Endes doch sehr feige.

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Ja, es ist ein Jammer, und nein, die Gemeinden können in der Regel da nichts ändern, die Bürgermeister raufen sich die Haare und verzweifeln ob der Ruine Bahnhof, die doch einst, vor vielen Jahren, die Visitenkarte ihres Ortes war. Denken Sie daran, wenn Sie mal wieder an so einem Gebäude vorbeirauschen und sich fragen, was denn das hier für ein Drecksloch ist.

 

P.S. Ja, es gibt ein paar Beispiele, wo sich mutige Investoren gefunden haben, um aus dem ollen Bahnhof wieder was zu machen. Die kann man gar nicht genug bewundern, vielleicht erzähle ich Ihnen irgendwann auch nochmal so eine Geschichte.

Und wenn Sie selber ein paar Euronen in die Hand nehmen und  mal schauen wollen, was die Bahn an Bahnhöfen so zu verkaufen hat, sollten Sie diese Seite im Blick behalten: Klick!

 

 

Straßenkampf.

Die Saison hat noch kaum begonnen, da haben wir schon wieder mehrere Schwerverletzte und mindestens einen Toten. Und das Knattern des Rettungshubschraubers gehört jetzt im Odenwald wieder zum Wochenende dazu wie der Kaffee im Garten. Sobald das Wetter halbwegs ok ist, kriechen sie aus ihren Löchern, steigen auf ihre Maschine und machen die Gegend unsicher. Und ich denke derweil einmal mehr an den Text, den ich vor Jahren in einer frommen Zeitschrift las. Ich lese manchmal fromme Zeitschriften, was soll man denn sonst machen, tief in der Provinz.

Ein Pfarrer schrieb von seinen Ausflügen mit dem Motorrad, erinnere ich mich, wie er da also durch Gottes Natur saust und sich dabei Nach- und Umsicht aller Autofahrer wünscht. Er hoffe außerdem, so schrieb der PS-starke Theologe weiter, auf die Schutzengel und auf den Segen Gottes für sich und die Kollegen auf zwei Rädern.

Foto: daniel-dobroczek/pixelio.de_

Foto: daniel-dobroczek/pixelio.de_

So weit, so gut. Kann ich alles unterschreiben. Und um gleich mal eines klarzustellen: Ich habe nichts gegen Motorradfahrer, im Gegenteil. Wurde schon als Piefke vom großen Bruder im Beiwagen einer uralten schweren BMW quer durch Berlin gefahren und fand das äußerst spaßig. Ich wollte immer auch den Motorradführerschein machen, aber irgendwas ist da dazwischengekommen.

Dieser Pfarrer also. Daß sich unter Christenmenschen trefflich streiten ließe, ob es nun besonders sinnvoll ist – Schöpfung bewahren undsoweiter -, seine Freizeit damit zu verbringen, auf zwei Rädern lärmend durch die Gegend zu gondeln, die Luft zu verpesten und teure Energie zu verschwenden – auch das lassen wir hier jetzt mal außen vor. Da würde sich der Bock zum Gärtner machen, denn ich selbst nutze immerzu und überall ein Auto. Meistens notgedrungen, Stichwort: Nahverkehr in der Provinz, manchmal aus Bequemlichkeit und hin und wieder sogar nur zum Spaß. Also, lassen wir das.

Aber ich lebe nun mal im schönen Odenwald. Mithin also in einer Gegend, die als Top-Geheimtipp unter Motorradfahrern gilt, so geheim, daß inzwischen alle davon wissen. An Sonn- und Feiertagen blubbern und dröhnen sie ohrenbetäubend durch die Dörfer, zu dritt, zu fünft, zu sechsundzwanzigst, Kennzeichen von hier und sonstwoher.

Die Blubberer ertrage ich am besten, sie fahren lautstark, aber halbwegs langsam. Ihr Outfit allerdings – dunkelgrauer Stahl-Helm, Spiegelsonnenbrille, weit gespreizte Beine – könnte die küchenpsychologisch Geschulten unter uns dazu verleiten, eine schwere hormonelle Störung zu vermuten.  Oder, um es mit meiner äußerst eleganten Großmutter zu sagen: Es gibt Probleme, über die reden Männer nur ungerne. Merkwürdigerweise fahren sie diese Probleme aber offen auf der Straße herum. Seis drum.

Er hoffe auf die Schutzengel, schrieb also jener Pfarrer in dem frommen Heftchen. Und auf Gottes Segen. Ich darf dem noch hinzufügen: Ich hoffe darauf, daß der liebe Gott der einen Sorte Motorradfahrer zuallererstmal ein kleines bißchen Hirn schenkt.

Foto: Oliver Meyer/pixelio

Foto: Oliver Meyer/pixelio „Der stirbt auch nicht im Bett“, würde die Grossmutter sagen.

Denen nämlich, die mit Überschallgeräusch an mir vorbeiknallen, wenn es grad besonders unübersichtlich ist. Wie eine wutentbrannte Kampfwespe auf Speed. Denen, deren Kopf haarscharf an meinem Rückspiegel vorbeisegelt, wenn sie mir in einer engen Kurve mit 150 Sachen und in schrägster Schräglage entgegenrasen, als wollten sie mal an der Straßendecke horchen. Müßig zu erwähnen, daß der ganze Odenwald aus engen Kurven besteht.

Denen, die erst dann überholen, wenn man den Gegenverkehr garantiert nicht sehen kann. Alles andre ist vermutlich Kinderkram. Denen, die auch durch unser Dorf mit 90 Sachen heulen. Denen, die dafür sorgen, daß ich inzwischen manche Strecke meide, je nach Uhrzeit (mittags sind die Biker Bier trinken, da ist die Gefahr gebannt.). Denen, die auch dafür sorgen, daß ich keine Autofahrt an Sonn- und Feiertagen mehr mache, ohne mindestens einmal kurz am Herzkasper vorbeigeschrammt zu sein.

Denen, die auf der Straße ihre Todessehnsucht, ihre Aggressionen und die Sau rauslassen. Denen, die daran schuld sind, daß ausgerechnet ich inzwischen eine Motorradfahrerallergie entwickle. Allein das Geräusch der wütend jaulenden Motoren, das der Wind an manchen Tagen von allen Seiten Richtung Dorf treibt, läßt mich schaudern. Von den unchristlichen Flüchen, die ich beim Anblick dieser Art Motorradfahrer ausstoße, will ich hier gar nicht reden. Arschloch ist da noch die harmlose Variante.

Also, wir fassen zusammen:

Erstens: Es gibt sicher einen Haufen vernünftiger Motorradfahrer. Von denen sieht und hört man Gottseidank nur wenig. Und von mir aus sollen sie ihre Ausflüge in den schönen Odenwald auch machen. Denen wünsche ich von Herzen Gottes Segen.

Zweitens: Es gibt sicher einen Haufen Autofahrer, die Motorradfahrern die Vorfahrt nehmen, ihre Geschwindigkeit unterschätzen, sie übersehen. Die Unfall-Schuld liegt auch statistisch zumindest hier bei uns beileibe nicht nur bei den Zweiradfahrern. Da sind dann auch die Schutzengel gefragt.

Drittens: Es gibt aber  Motorradfahrer, die uns auf dem Land ganz gehörig auf den Sack gehen. So. Die eine ganze Spezies in Verruf bringen. Weil sie fahren wie komplette Vollidioten.

Lieber Gott, denen ein kleines bißchen Hirn bloß, ein ganz ganz klitzekleines bißchen, das wäre nicht verkehrt. Die Sache mit dem Segen und den Schutzengeln ergäbe sich dann fast von selbst. Und für die Todessehnsucht gibts ja gottlob Therapeuten.

Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, falls Sie also zu der Sorte Motorradfahrer gehören, die Ausflugsfahrten mit Kampfhandlungen verwechselt – wovon ich mal nicht ausgehen will – , dann können Sie da bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Wenn Sie aber einfach mal ein bißchen gemütlich durch den Odenwald gondeln wollen: Herzlich willkommen. Sie können sich ja zu mir durchfragen. Dann gibts im Garten einen lecker Kaffee.

 

 

 

Ja, dieser Text erschien in ähnlicher Form vor ziemlich genau einem Jahr schon mal hier im Blog. Ich wollte es aber nochmal gesagt haben. Aus aktuellen HerzinfarktGründen. 

Ja, das fällt mir eben ein: ich war mal Ohrenzeuge eines Frontalzusammenstoßes, ungebremst, mit 150 Sachen. Der Motorradfahrer hatte die Kurve ein bißchen großzügig geschnitten, direkt vor meinem damaligen Odenwälder Wohnhaus, und leider kam ein Auto angefahren. War nicht lustig. Vielleicht bin ich auch deshalb so allergisch. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kaffeehauskultur.

Mein Geo hat manchmal die idiotischsten Ideen. Ich meine: so richtig idiotische Ideen. Völlig abseitige Ideen, fern aller Realität. Er guckt mich dann mit diesem merkwürdigen Gesichtsausdruck an, und es kommen Sätze aus seinem Mund wie Sollten wir nicht noch rasch irgendwo schön in ein nettes Café gehen?? Und wenn meinen Geo wirklich der Hafer gestochen hat, dann kommt die Steigerung: Wir kommen auf dem Heimweg doch sicher an einer hübschen kleinen Espressobar vorbei. (Sie hören jetzt im Hintergrund mehrere landerfahrene Leser hysterisch-verzweifelt auflachen.)

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Das ist nur ein Symbolbild, weil nicht direkt aus dem Odenwald. Aber Sie ahnen, was ich meine.

Irgendwo? Schön? Nett? Hübsch? Espressobar? Rasch schon mal gar nicht. Zehn oder zwanzig Kilometer Anfahrt müssen Sie schon rechnen, je nachdem, wie weit in der Pampa Sie so wohnen. Und obs dann nett oder hübsch ist, müssen Sie von Fall zu Fall entscheiden und der Laune der Bedienung überlassen. Manche Cafés im großen Odenwald sind so Fünfziger, inklusive Wirt und Wirtin, daß es allerdings schon wieder schön ist. Es soll ja Leute geben, die soetwas mögen. Morbider Charme, naja, Sie wissen schon, alles eine Frage der Betrachtung.

Testen Sie das mal aus. Aber bitte nicht zu früh am Tag. Vor 9 Uhr 30 haben viele der Cafés ja noch geschlossen, und schlußendlich landen Sie dann wieder am Stehtisch eines Backshops oder kippen Ihren Kaffee an der Tanke.

Aber es gibt sie tatsächlich im Landkreis, die Cafés, die wir meinen. Auf einer Fläche halb so groß wie das Saarland und fast doppelt so groß wie die Republik Malta fallen mir spontan zwei, drei Läden ein, mindestens, wo man in netter Atmosphäre und mit gutem Service einen feinen Kaffee trinken kann, und das sogar schon morgens. Jaja, da staunen Sie. Und falls Sie irgendeinen Tipp haben, bitte, immer her damit. Sie kennen ja jetzt die Kriterien: rasch, nett, hübsch, Espressobar undsoweiter.

Vielleicht sehen wir ja nur den Wald vor lauter Bäumen nicht.

 

 

 

P.S. Das traurige Foto oben ist in Eberbach entstanden, das ist so gesehen nicht Odenwald, sondern Neckartal. Wir täten der Stadt aber sehr unrecht, wenn wir an dieser Stelle nicht das großartige (aber eben leider auch 18 Kilometer von uns entfernte) Café Victoria erwähnen würden. Hier vermischen sich Fünfziger, Siebziger und die schicke Moderne auf das Allerbeste, der Laden ist an Wochenenden immer rappelvoll, der Service immer freundlich, die Torten und Gebäcke eine Sensation. Sollten Sie mal hingehen, ich kann das nur empfehlen, insbesondere allen Freunden der englischen Monarchie, von wegen Queen Viktoria und so. Hier können Sie das alles nochmal nachlesen.

P.P.S. Hach, vermisst Du denn gar nichts, da in Deinem Wald?, fragt die 80jährige Berliner Tante hin und wieder am Telefon. Nein, Tantchen, nichts, wirklich gar nichts, sage ich dann. Und denke Doch. Oh, doch.