Zack.

Mein Geo hat ja schon manches erlebt im Leben, und manches gesehen, aber das hier faszinierte ihn nun sehr. Was hat der für riesige Löcher in den Ohren? wisperte er mir an den Hinterkopf, da kann man ja durchgucken! und Wieso macht man das?, nein, also sowas hatte er noch nie gesehen, und im braven Odenwald schon zweimal nicht. Mein Gatte ist manchmal etwas un-up to date, falls Sie verstehen, was ich meine.

Die Tunnel in den Ohren jedenfalls gehören zu einer Facebook-Bekanntschaft, die ich nun endlich mal im wahren Leben kennenlernen wollte, zu einem Herrn, der sogar im Personalausweis unter der Rubrik Künstlername als Zack benannt wird, das klang ja schon mal spannend. Eigentlich heißt der Gute Ralf, aber, mal unter uns, Zack klingt schon irgendwie zackiger und cooler. Und passt auch besser zu dem Outfit und den Löchern in den Ohren.

Zack ist nun außerdem Geopark-Vor-Ort-Begleiter, das ist zwar auch eine sehr coole Sache, klingt aber auf den ersten Eindruck zunächst mal halbwegs spießig und nach pensioniertem Oberlehrer, das alles machte die Sache also umso spannender.

Wir wanderten also drei Stunden lang mit Zack durch den Wald bei Gottersdorf, eine Gruppe überwiegend jüngerer Leute, von uns mal abgesehen, es ging um Bildstöcke und Marienverehrung, um Waldwirtschaft und alte Sagen, es ging um badisch-bayerische Grenzen im Verlauf der Jahrhunderte, um Fischdiebstahl und Grünkern.

Zumindest, soweit wir das verstanden haben, Zack spricht breiten Dialekt, einen wunderbar weichen Singsang, der irgendwo aus dem badisch-bayerischen Grenzland kommt und den man doch eigentlich nur noch den Alten zutrauen würde, da ist viel üüüü und ööö und schschsch, wo unsereiner es niemals vermuten würde.

Viel üüüü und dieses runde weiche ööö kamen also aus dem Zack heraus, und jede Menge Heimatliebe, Heimatverbundenheit, Heimatkunde. Worte, die ich manchmal immer noch in Anführungszeichen schreiben möchte, weil sie mir so schwer von den Lippen gehen. Worte, die ich mit einem Zack auf den ersten Blick nicht in Verbindung bringen würde. Worte, die mich heimlich immer auch ein bisschen neidisch machen.

Worte, die immernoch und immer wieder missbraucht werden von irgendwelchen Brüllaffen und Knallköppen, die nicht einen Bruchteil dessen über ihre Heimat wissen, was ein Zack und all die anderen Geo-Park-Ranger und Vor-Ort-Begleiter liebe-voll und locker aus dem Ärmel schütteln.

Ich ahne, dass ein Zack der Paradiesvogel unter den Fremdenführern ist, den die Tourist-Infos der Region so zu vermitteln haben. Ich ahne auch, dass nicht alle seine alteingesessenen Fremdenführerkollegen nur begeistert von ihm sind, wie der überhaupt rumläuft undsoweiter. Obwohl er doch, – oder vielleicht gerade weil er doch – auch ein jüngeres Publikum anzieht. Das nicht mal unbedingt fremd ist, sondern einfach mehr erfahren möchte über diese Heimat. 

Also, wie dem auch sei. Drei Stunden ging es durch den Wald, was gelernt habe ich auch, das Hündchen fiel zwischendurch in den stinkenden Schelle-See und kam aus eigener Kraft allein nicht mehr heraus, hinterher waren wir beide pitschnass und stinkig, das Hündchen und ich, aber die Laune war bestens, und Zack ist einfach klasse. Sie sollten ihn bei Gelegenheit buchen, wenn er im kommenden Jahr wieder Führungen anbietet.

Das erfahren Sie dann über die Website der Stadt Walldürn oder beim Freilandmuseum Gottersdorf. Da schauen Sie dann nach Ralf Zang, das ist sein ausgesprochen bürgerlicher Name. Am Ende der Führungen geht eine Sammelbüchse rum, da können Sie dann etwas reinwerfen.

Von den Einnahmen geht Zack beim Schwiegervater ein Bierchen zischen. Wenn er nicht, wie heute Nacht, was schaffen muß. Im Eisenwerk. Flüssigen Stahl bewegen, wie er es nennt. Danach morgens die Kinder in die Schule bringen. Und dann erstmal schlafen.

 

 

 

 

Der Fotograf.

Ich bin da neulich mal wieder in anderer Leut’s Vergangenheit herumgestiegen, ganz vorsichtig und mit Respekt, aber das Wort gestiegen trifft es tatsächlich, denn es ging treppauf, treppab, über schiefe Stufen und kleine Schutthaufen, gleich an mehreren Stellen im kleinen Städtchen. Genau gesagt war ich Karl Weiß auf der Spur, einem Fotografen aus Buchen, der ab Ende des 19. Jahrhunderts alles auf Kollodiumplatten gebannt hat, was ihm so vor die Linse kam.

Karl Weiß (1876-1956) und seine Frau Anna, geb. Edelmann (geb. 1880). Das Doppelporträt ist vielleicht aus Anlass der Silberrnen Hochzeit des Paares entstanden, aufgenommen im Atelier Weiß von der Tochter Mina Steinbach, geb. Weiß (1909-1984). Heruntergeladen mit freundlicher Genehmigung des Bezirksmuseums Buchen.

Karl Weiß war eigentlich gelernter Schreiner in der Schreinerei des Vaters, aber irgendwann kam er auf die Fotografie. Er muss fotografiert haben wie ein Besessener, das Bezirksmuseum in Buchen hat vor Jahren seinen Nachlass geerbt, mit mehr als 10.000 Fotos: Studioaufnahmen, Landschaftsbilder, Portraits von Eheleuten, jugendlichen Soldaten, Kriegsgefangenen.

Vieles davon ist schon in mühevoller und ehrenamtlicher Arbeit digitalisiert worden und kann im (klick!) Internet angeschaut werden, vieles ist auch in einer kleinen Dauerausstellung im Buchener Bezirksmuseum zu sehen, dort haben sie unterm Dach juchee das Atelier Weiß liebevoll nachgebaut, für Fotofans ein echtes Muss, wenn Sie mich fragen. Die Sammlung insgesamt gilt als eine der bedeutendsten in Süddeutschland, kaum eine andere ist so groß, so umfangreich.

Zwei Werbefahrzeuge für Pilo-Terpentinöl-Paste, die als Lederbalsam angepriesen wurde. Der Unternehmer Adolf Krebs betrieb seit 1901 am Mannheimer Industriehafen eine chemische Fabrik, die vor allem Schuhcreme und Bohnerwachs herstellte. Pilo war eine Handelsmarke des Unternehmens. In wessen Auftrag Karl Weiß die für Werbezwecke umgerüsteten Opelfahrzeuge (Opel 4/16 PS) fotografiert hat, ist unbekannt. Die Aufnahme dürfte um 1926/27 entstanden sein.

Ob er es beabsichtigt hat oder nicht – Karl Weiß dokumentierte mit seinen Fotos nicht nur das Leben in und um Buchen, sondern damit auch gleichzeitig die gesellschaftlichen Veränderungen, die jeweiligen Moden, den Wandel in der Landwirtschaft, die aufkommende Industrialisierung. Und das alles in einer technischen Qualität und Brillanz, die selbst die Besitzer von hochwertigen Digitalkameras heuzutage weinend in die Knie gehen lässt.

Eingang zum Geschäftshaus Amtsstraße 238. Im Vordergrund der Betrieb des Gerbers Adolf Pflüger, rechts das „Herren-Garderobe-Geschäft“ der Gebr. Stetter.

Wenn Weiß draußen unterwegs war, hatte er nicht nur den gigantischen Holzkasten dabei, der der Vorläufer unserer heutigen Kameras war. Weiß schleppte ausserdem ein Dunkelzelt mit sich herum, mit SD-Karten war es ja noch essig, jede belichtete Platte musste sofort ins Dunkelzelt und chemisch behandelt werden. Fragen Sie mich nicht nach Details, ich bin ein Kind der digitalen Fotografie und habe leider wenig Ahnung von dem analogen Chemiekram rund um die historische Fotografie. Weiß jedenfalls dürfte jedes Mal mit erheblichem Gepäck unterwegs gewesen sein.

Der für den Festzug geschmückte Wagen der Familie Rosenbaum. Anlass war das 50. Stiftungsjubiläum des Männergesangvereins Hainstadt in der Zeit vom 11. bis 13. Juli 1932. Von rechts nach links: Moritz Rosenbaum, Manufakturwarenhändler in Hainstadt, daneben Friedel David, die Nichte Rosenbaums, davor die Mutter, Fanny Rosenbaum geb. Neuberger, die Tochter Ruth Rosenbaum, Theodor Reinhard als Fahrer und der Sohn Kurt Rosenbaum (frdl. Mitteilung von Dr. Bernhard Breunig).

Die Belichtungszeiten bei den Studioaufnahmen waren gigantisch, deswegen sehen die Damen und die Herren in der Regel auf den Bildern nicht nur versteinert aus, sie waren es tatsächlich, also, fast zumindest. Auch hier kann man an den Bildern über die Jahrzehnte hinweg den technischen Fortschritt verfolgen, die Belichtungszeiten werden kürzer, die Porträtierten deutlich lockerer.

Wer das da überhaupt alles ist auf den Bildern, welche Gebäude da gezeigt werden, welche Straßenzüge, das hat Weiß teilweise zu seinen Fotos notiert, teilweise aber eben auch nicht. Seit Jahren ermitteln die Mitglieder des Bezirksmuseums hier wie die Detektive, sie bieten Sprechstunden an und zeigen Bilder herum, sie laden zu Diaschauen ein, befragen Hinz und Kunz. Irgendwer kann sich immer an irgendein Detail erinnern, so kommt ein Mosaikstein zum anderen, und immer mehr Bilder können beschriftet werden. Mit viel Herzblut und Leidenschaft und mit noch mehr Zeitaufwand ist eine kleine Schar von Menschen dem Fotografen auf der Spur.

Der ist 1956 gestorben, fotografiert hatte er da schon lange nicht mehr, die Augen, die Augen. Sein Atelier gab es bis eben noch, ein mehr oder weniger provisorisch und schlicht hingestellter Bau, ein paar Balken auf die Erde gelegt, den Holzboden drüber, ein paar Mauern und jede Menge Fenster. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Nachfahren von Karl Weiß Haus und Atelieranbau als Wohnraum genutzt, jetzt aber hat doch der Zahn der Zeit am Atelierbau genagt, die Balken morsch, die Wände feucht, nun also kommt der Abrissbagger.

Der Urenkel des Fotografen wird jetzt hier einziehen, er wird erhalten, was zu erhalten ist, schließlich weiß er um die Vergangenheit des Hauses. Die Fotoleidenschaft des Urgroßvaters hat er nicht geerbt, aber oben, unterm Dach, hat er noch ein paar Truhen und Kisten gefunden, mit denen Karl Weiß auf seinen Fototouren unterwegs war. Hölzerne und lederne Ungetüme, die Karl Weiß überall mit hin begleitet haben und ihm halfen, das Leben in der Region auf Glasplatten zu bannen.

 

Wenn Sie also Foto- und/oder Geschichtsfan sind, sollten Sie sich mal um diesen Karl Weiß kümmern, hier bei (Klick!) wikidingsbums können Sie ein bisschen was erfahren, und hier finden Sie noch mehr, und auch die Öffnungszeiten des Buchener Bezirksmuseums.

 

 

 

Museumsfest.

Wenn Sie am Sonntag, also morgen, ja eh unterwegs sind, von wegen Wahlen undsoweiter, und wenn Sie irgendwo hier in der Ecke wohnen, dann schauen Sie doch bitte unbedingt mal beim legendären Museumsfest in Wagenschwend vorbei. Die vielen Ehrenamtlichen sind da heute alle schon heftig am Vorbereiten, und die freuen sich sehr, wenn Sie dabei sind.

Beim Wagenschwender Museumsfest gibt es traditionell das weltbeste Brot aus dem Steinbackofen von Anno Tobak, das wird heute seit dem frühen Morgen schon gebacken von den Helfern, 75 Laibe, da müssen Sie aber morgen zeitig kommen, wenn Sie noch eines erwischen wollen, die Brote gehen weg wie warme Semmeln.

Es gibt außerdem 50 Kilo Schupfnudeln oder wie die Dinger heißen, Stipfeli oder Stufpeli oder Stopfelinskis, was weiß denn ich, es gibt gefühlte 400 Bratwürste, vom Dorfmetzger himself, und natürlich auch Vegetarisches, und überhaupt jede Menge Kaffee und Kuchen und Kinderbespaßung und Mosterei und eine Schmiede und Führungen durchs Museum, und den (Klick!) Landlebenblog-Kalender können Sie da auch kaufen.

Sie merken also, es ist alles gerichtet, jetzt fehlen morgen eigentlich nur noch Sie. Ich bin ja ein großer Fan von kleinen Dorfmuseen, deswegen bin ich im Museumsverein inzwischen sogar Mitglied, sowas muss man unterstützen.

Ich bin demzufolge morgen auch da, mitgefangen, mitgehangen, die haben mich in der Küche eingeteilt, aber keine Sorge, ich übernehme keinerlei verantwortungsvolle Arbeiten, ich muss nur irgendwelche Teller halten und im schlimmsten Fall Soße auf ein Essen kippen, ich habe mir das genauestens zeigen lassen und ich denke, das kriege ich hin. Ich werde das aber zur Sicherheit auch nochmal vorher üben, das kann ja nun nicht schaden.

Also bitte, man sieht sich. Und wenn Sie dann morgen mittag irgendwas an der Platzierung der Soße auf dem Teller zu monieren haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich, ich lerne immer gern dazu.

 

 

Das Fest beginnt am Sonntag um 11 Uhr, und das Museum finden Sie in Wagenschwend in der Hauptstraße 35,  an der einzigen ernstzunehmenden Kreuzung im Dorf. Hier: (Klick!) steht noch ein bisschen mehr zum Programm. Und hier (Klick!) noch ein bisschen was zum Museum. 

 

 

 

 

 

Flüchtlinge.

Die Geschichte des badischen Odenwaldes ist auch eine Geschichte der Flüchtlinge. Genauer gesagt, der Wirtschaftsflüchtlinge. Ja, das Wort kommt einem doch verdammt bekannt vor, nicht nur von damals, und nicht nur in diesem Landstrich, der seinem Beinamen Badisch-Sibirien eben durch die Jahrhundert hinweg alle zweifelhafte Ehre gemacht hat.

Die Böden schlecht, das Wetter auch, die Leute hatten nichts zu beißen und machten sich dann auf den Weg in die sogenannte Neue Welt, rüber, nach Amerika. Gut, auf die Idee käme heute auch kein vernünftiger Mensch mehr, aber damals war das das Gelobte Land. Zu Hunderten zogen die Menschen los. Zu Tausenden. Manche freiwillig und auf der Suche nach dem Glück, manche eher gegen ihren Willen. Manche sind da drüben froh und reich geworden, andere hat das Heimweh schier zerrissen, man kennt das ja.

Vom Schicksal dieser Odenwälder Wirtschaftsflüchtlinge erzählt am kommenden Wochenende das Gottersdorfer Freilandmuseum noch mal sehr lebendig. Living history nennt sich das Ganze, eine Mischung aus Geschichtsunterricht und Schauspiel, die Besucher tauchen ein in arme Zeiten und erleben alles hautnah mit und finden sich plötzlich wieder als Teil der Geschichte. Ein Ansatz, den ich durchaus spannend finde. Was genau da so abläuft, können Sie hier auf der Webseite des Museums nochmal nachlesen, ich kann Ihnen den Besuch nur sehr empfehlen.

Und wenn Sie dann schon da sind, sollten Sie ein paar Meter außerhalb des eigentlichen Museumsgeländes das Haus Bär begucken, von den Wirtschaftsflüchtlingen zum Wirtschaftswunder, sozusagen. Im Haus Bär nämlich geht es um die 50er Jahre im Odenwald, da macht man sowas wie eine Zeitreise in das eigene Familienfotoalbum, selbst, wenn man nicht vom Lande ist. Und dauernd rufen aus allen Räumen Besucher Nein! und Guck mal da, das hatten wir ja auch! und Gott, wie häßlich, und das fanden wir mal schön?! und man hört allerlei spitze Schreie, eine Mischung aus Entzücken und Verzweiflung. Ein Besuch im Haus Bär ist also eine wahre Wonne, auch das kann ich Ihnen nur ans Herz legen.

 

So. Und nun sagen Sie nicht, Sie hätten keine Ahnung, was Sie mit dem angebrochenen Wochenende anfangen sollten. Nachdem Sie in der Wahlkabine waren. Vielleicht wäre es umgekehrt sogar noch wertvoller. Erst bei der living history hingucken, dann wählen gehen. Also bitte.

Und warum ich Freilandmuseen und so Zeug inzwischen wirklich schätze, können Sie hier nochmal nachlesen.

 

 

Im Übrigen ist dieser Artikel hier schon im vergangenen Jahr erschienen, weil die Living-history-Veranstaltungen so beliebt sind, dass sie inzwischen jedes Jahr stattfinden. Aber falls es noch Leute gibt, die da noch nie waren… undsoweiterundsoweiter. 

 

 

Ausflugstipp.

Ich habe am Mittwochabend kurzfristig beschlossen, zu zwei kleinen Wandertagen aufzubrechen, der Wetterbericht sprach von Dauerregen, Kälte und Orkanböen, da liegt das ja nur nahe. Mein Ziel war der Spessart, der ist nun in der Tat so nah zum Odenwald, dass man das in einem Tagesausflug schaffen könnte, deswegen gebe ich Ihnen das hier mal als Ausflugstipp weiter.

Dank des Wetters gab es also im Spessart für die unverwüstliche Wanderin Aquajogging und Schlammschlachten gratis dazu, von der Hutkrempe schoss das Wasser herunter wie aus einer löchrigen Regenrinne und mir direkt auf die ohnehin schon klatschnassen Wanderschuhe, aber ich bin ja gottlob gut ausgerüstet mit Gummijacke und Gummihose.

Die Gummihose muss ich an dieser Stelle der Vollständigkeit halber erwähnen, für den gleichnamigen Fanclub Gummihose, das Wort taucht immer mal wieder in den Suchbegriffen dieses Blogs auf, irgendwer sucht da ständig Seiten, auf denen von Gummihosen die Rede ist und landet dann bei mir auf meinem Blog, der liebe Himmel weiß, warum; aber bitte, hier ist sie also wieder, die Gummihose, ich hoffe, die Sucher und Sucherinnen sind jetzt nicht enttäuscht. Mehr kann ich in Sachen Gummihose leider hier nicht bieten.

Aber ich komme vom Thema ab: Also, der Spessart: Sollte eigentlich Nationalpark werden, die Spessarter und Spessarteusen haben das verhindert, die wollen keinen Nationalpark. Denen reicht das Prädikat als Naturpark. Das Besondere hier, zumindest für uns Odenwälder, ist der (fast) reine Laubwald, uralte Buchen und Eichen, das hat schon was.

Mit Fotos kann ich leider nicht dienen, ich hatte die Unterwasserkamera zuhause gelassen, Sie werden das verstehen. Ich war ja froh, dass mir die belegten Brote nicht davonschwammen. Im Herbst muss ich jedenfalls nochmal hierher, das wird ein schönes Feuerwerk der Farben sein, da mache ich auch Bilder, ganz bestimmt. Die Wege recht gut ausgeschildert, kleine, verwunschene Pfade, auf denen man vermutlich bei anderem Wetter sogar ganz normal gehen kann und nicht planschend und staksend schreiten muss wie im Wasser einer Kneippanlage.

Und wenn wir schon die Gummihose erwähnt haben, darf natürlich ein zweiter Begriff nicht fehlen, den weltweit nahezu jedes Kind mit dem Spessart verbindet. Ja, genau, Lieselotte Pulver. Und Das Wirtshaus im Spessart. Die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern.

Weil ich ja ein besonderer Fan von Lieselotte Pulver bin, insbesondere von ihrer großartigen Lache, musste ich da also auch hin, zum Wirtshaus und zum Schloss Mespelbrunn, das ist alles sehr hübsch anzusehen, und weil es auch nur noch in Etappen goß, konnte ich ein paar Fotos machen.

Wäre doch gelacht, wenn sich nicht auch hier im tiefen Spessart Hinweise auf den Odenwald finden ließen. Also bitte: Das Schloss geht zurück auf die Familie Echter aus dem – richtig! – Odenwald. Einer von den zahllosen Echters, Peter Echter, genannt Peter III., hat dann auch noch eine Dame aus Adelsheim geheiratet, die Gertraud, und die beiden haben das Schloss so vergleichsweise geschmackvoll gestaltet wie es heute hier herumsteht und die Touristen anlockt. Da kamen und gingen die Kriege, aber das Schloss blieb unversehrt, das macht es heute sehenswert.

Aber damit ja noch nicht genug. Peter und Getraud ihr Sohn (so sagt man das hier), denen ihr Sohn also war der kleine Julius, geboren 1545, später mehr als 40 Jahre lang Fürstbischof von Würzburg und ein schwer überzeugter Gegenreformator. Ein ziemlich bedeutender Mann, zu dessen 400. Todestag am 13. September die Odenwälder Tagespresse schrieb, dass wir es ihm zu verdanken hätten, dass die Region bis heute fest im katholischen Glauben verwurzelt ist.

Katholisch hin oder her, das Schloss hat mir gefallen, und ich kann es Ihnen nur ans Herz legen. Falls Sie es nicht auf Anhieb finden – das geht allen so, die Dame in der Touristinfo ein Dorf weiter grinst dann nur und hilft auch gerne weiter. Dass schon der Parkplatz mitten in the middle of nowhere zwei Euro kostet, der Eintritt aufs Schlossgelände (allerdings inkl Führung) fünf Euro, seis drum. Immerhin das Pullern ist umsonst. Und wenn den lieben Kleinen der Weg vom Parkplatz bis zum Schloss zu blöd ist, dann spielen Sie lustiges Rollator-Zählen mit ihnen, da haben sie zu tun, den vielen Kaffeefahrtenreisebussen sei Dank.

Nein, ernsthaft, Sie sollten da mal hin, vom Odenwald aus eine gute Stunde hin und eine zurück, das wird doch wohl mal drin sein.

 

 

 

Ausflugstipp.

Ich hätte da zum Wochenende einen kleinen Ausflugstipp für Sie. Falls Sie Pferdefan sind. Und die entsprechende Klamotte haben. Sie wissen ja: es gibt kein schlechtes Wetter, nur undsoweiterundsoweiter. Also bitte, Sie sind doch nicht aus Zucker.

Jedenfalls gibt es da oben im Hohen Odenwald, ganz bei uns um die Ecke,  diese Stutenmilchfarm, Demeter und so. Da werden, wie der Name bereits andeutet, Stuten gemolken zur Gewinnung von – logo – Stutenmilch. Die ist ziemlich wohlschmeckend und ganz furchtbar gesund noch dazu, deswegen wird die Odenwälder Stutenmilch auch in aller Hergotts Länder exportiert. Und überhaupt ist das hier oben eine von den ältesten und größten in ganz Deutschland, deswegen lohnt sich ein Besuch durchaus. Hier können Sie mal Näheres nachlesen.

Jedenfalls hoppeln da überall auf riesigen Weiden Stuten und Fohlen herum, dass es eine reine Wonne ist. Auch die Melkstände sind durchaus sehenswert, Sie können sich das alles morgen anschauen, beim Tag der Offenen Tür auf dem Kurgestüt, (klick!)  hier können Sie einen Blick ins Programm werfen.

Ich selber werde definitiv nicht da sein, denn Mutter Natur hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, wenn es um meine Liebe zu Pferde geht; sobald ich nur einen Stall betrete, können Sie eigentlich gleich den Notarzt rufen, mit seinem Spezialequipement für  – oder besser noch: gegen – den allergischen Schock. Ich war unter Einsatz meines Lebens einmal bei einem Rundgang durch die Melkställe dabei und kann Ihnen daher aber versichern, dass sich ein Besuch lohnt.

Nur bei einem müssen Sie aufpassen: Man kann da oben auch Pferde kaufen, auch ganz süße Fohlen. Sollten Sie also mit Ihren kleinen, komplett pferdeverliebten Töchtern da hingehen: Obacht! Nicht, dass hinterher ich schuld bin.

 

 

 

Unterwelt.

Unserer heutiger Ausflugstipp tut nur so, als wäre er eine ganz harmlose Geschichte. In der zweiten Hälfte entwickelt er sich zur Horrorstory für Klaustrophobiker. Sie sollten dann lieber nicht weiterlesen. Anm.d.Red.).

Im Übrigen ist das ein Tipp für alle, die heute der Hitze entfliehen möchten. Ich sage nur: konstante 11 Grad oder sowas in der Art, das klingt doch sehr erfrischend. Deswegen habe ich diese Geschichte auch nochmal aus dem Archiv hervorgeholt. 

image

 

Rudolf Gaukel hat sich schon seit ein paar Tagen gewundert. Immer, wenn der Sprengmeister im Eberstadter Steinbruch ein Bohrloch in den massiven Fels getrieben hat und nun seine Sprengstoffpatronen dort hineinsteckt, verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen. Der Berg scheint die Patronen zu verschlucken, als wolle er sich von ihnen nicht zerreißen lassen; Gaukel linst in das schwarze Bohrloch, weg sind die Patronen.

Am 13. Dezember 1971 bereitet Gaukel wieder eine Sprengung im Steinbruch vor, diesmal fällt ihm nichts Außergewöhnliches auf, er steckt die Patronen in den Berg, drückt auf den Zünder, mit einem Knall explodieren die Patronen im Gestein. Als der Rauch sich verzogen hat, klafft im Fels ein riesiger Spalt.

Durch diesen Spalt klettern Gaukel und seine Kollegen, und was sich ihnen da im Inneren des Berges präsentiert, soll schon wenige Tage später von Experten als „eine der schönsten und größten Höhlen Süddeutschlands“ eingestuft werden. Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist entdeckt, und Rudolf Gaukel hat eine Geschichte geschrieben, die sich noch seine Urenkel gegenseitig erzählen werden.

Danke, daß ich in der Höhle fotograferen durfte. Ist sonst nämlich nicht erlaubt.

Die Höhle ist damals groß und schön, aber leider völlig unbegehbar. Ein bis zwei Millionen Jahre hat die Erde hier unentdeckt vor sich hingetropft, und Tropfen für Tropfen sind urtümliche Gebilde entstanden, gigantische Stalagmiten und Stalaktiten, die merkwürdigsten Formen. Der Boden besteht aus tiefem Schlamm, der mit festem Griff die Stiefel derer packt, die nun als erste hier hineinkommen und mit dem Lichtkegel ihrer Taschenlampen atemlos die Gebilde an Decken und Wänden abtasten.

DSC_9399

DSC_9382

DSC_9385

Das winzige Eberstadt, weit ab aller Touristenströme, findet sich plötzlich in den überregionalen Schlagzeilen wieder, und die Eberstadter selber packen Leitern und Seile und klettern neugierig an der Felswand empor, um einen Blicks ins „Große Loch“ zu werfen.

Weil europäische Förderprogramme und Gelder für strukturschwache Regionen noch nicht erfunden sind, muß die Gemeinde selber zusehen, was mit der Höhle wird. Der Bürgermeister organisiert den Ausbau mit fast einhundert freiwilligen Helfern höchstpersönlich, mehr als 7000 Stunden schuften die Männer ehrenamtlich, um aus dem Loch im Berg die touristische Attraktion zu machen, die die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute ist.

Nur knapp zwei Jahre, nachdem Rudolf Gaukel sich gewundert hat, wieso der Berg den Sprengstoff kurzerhand verschluckt, wird die Höhle feierlich für Publikum geöffnet. 3,5 Millionen Menschen waren seitdem hier und haben sich auf den rund 600 Meter langen Weg durch die Unterwelt gemacht.

PopArt in der Höhle. Gibts aber nur bei besonderen Anlässen.

DSC_9389

DSC_9392

Langer Rede kurzer Sinn: ein Besuch lohnt sich. Grade bei und nach Sauwetter. Dann tropft und fließt und plätschert es überall, und der Besucher bekommt tief in der Höhle eine Ahnung davon, wie die Tropfsteine in den vergangenen Millionen Jahren entstanden sind. Aber auch bei den Temperaturen dieser Tage lohnt sich der Besuch, da drinnen ist es, siehe oben, herrlich frisch und angenehm kühl.

DSC_9396

Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist dabei nur der Anfang. In unmittelbarer Nähe haben Höhlenforscher in den vergangenen Jahren gleich zwei weitere Höhlen entdeckt, eine davon ist bereits auf einer Länge von fast dreieinhalb Kilometern erkundet und übertrifft damit die Dimensionen der Eberstadter Höhle deutlich.

 

„Die Befahrung dieser Höhle ist mit erheblichen Strapazen verbunden. Für Besucher ist sie derzeit nicht zugänglich“, heißt es dazu auf der HöhlenHomepage. Was die rasende Provinzreporterin einst natürlich umso mehr anregte, mal einen Blick in diesen Teil der Unterwelt zu werfen. Die Höhlenforscher waren von dem Interesse so begeistert, daß sie flugs einen lustigen kleinen Presseausflug in die neuentdeckte Höhe organisierten.

Hätte ich gewußt, was mich erwartet, hätte ich das Maul gehalten. Es war ein Albtraum, aber ein spannender, zugegeben. Und der einzige journalistische Termin in meiner bisher 25jährigen Karriere, nach dem ich gleich zwei Schnäpse brauchte.

Dabei hätte ich es ahnen können: denn schon gleich am provisorischen Eingang in die Neuentdeckung muss eine Kollegin passen und umkehren: zwei Kilo zu viel auf den Rippen, so kommt man nicht in eine Höhle. Felsspalten und Ritzen sind so eng, daß es anderthalb Stunden lang nur bäuchlingsrobbend vorwärts geht. Irgendwo vor- und irgendwo hinter einem hört man das Schnaufen und Ächzen derer, die mitrobben.

Wer jetzt darüber nachdenkt, in welcher Lage und in welcher Tiefe und mit welchem Felsgewicht über sich er hier durch Mutter Erdes Gebärmutter kriecht, hat verloren. Dann pumpt die Magengrube kleine Panikwellen nach oben, erst schnüren sie Dir den Hals zu und machen das Atmen schwer, dann wird der eingekeilte Brustkorb heiß, der Kopf. Die Höhle hat Dich im Schwitzkasten, in einer Art steingewordener Zwangsjacke, und nahezu bewegungsunfähig musst Du weitere Kraftreserven mobilisieren, um die Panik dahin zurückzuschicken, wo sie herkommt.

Einige Stellen sind so eng, daß man den Anorak ausziehen muß, den dicken Pulli auch, sonst ist kein Durchkommen. Der Fels reibt am Rücken, mal stößt das Kinn, mal der Hinterkopf an den Stein. Hinter manchem Spalt geht es koppheister in die Tiefe, man streckt die Arme noch ein bißchen weiter vor, irgendwann muß ja mal sowas wie ein Boden kommen. Wenn es mal auf allen Vieren statt direkt auf dem Bauch mit seitwärts gedrehtem Kopf vorangeht, sind wir schon froh. Die Kontaktlinsen beschlagen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (in der man besser nicht darüber nachdenkt, daß man den ganzen Weg ja irgendwann auch wieder zurück muß), nach einer gefühlten Ewigkeit also können wir uns das erste mal aufrichten. Und stehen in einem riesigen Dom, in dem locker ein großes Mietshaus Platz hätte. Der Schlamm ist unberührt, seit Jahrmillionen, die Lichtkegel tasten sich durch die absolute Finsternis, leise tropft es hier und da, an Wänden und Decken wachsen die eigentümlichsten Gebilde. Ästhetik der Unterwelt. Uns bleibt endgültig die Luft weg. Die erheblichen Strapazen sind für einen Moment vergessen.

Nein, ich sehe nicht immer so aus. Im normalen Leben trage ich saubere Kleidung, und manchmal kann ich sogar lächeln.

Als wir nach Stunden wieder aus der Unterwelt auftauchen, ist es inzwischen später Abend, in einer kleinen Holzhütte auf dem Gelände des Steinbruchs gibt es Bratwürste und Schnaps.

Nach diesem Ausflug in die Nachbarschaft genieße ich die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute umso mehr. Gut ausgebaute Wege, nur manchmal muß man den Kopf einziehen, ansonsten alles sehr bequem. Auf diese Weise auch die neuentdeckte Höhle auszubauen – undenkbar. Würde vermutlich Millionen kosten. So bleiben Hohle-Stein- und Kornäckerhöhle also für die Öffentlichkeit verschlossen. Und unsereiner gehört zu den ganz wenigen Menschen, die da mal einen Blick in die Erdgeschichte werfen durften. Hat ja auch was.
Insofern bin ich heute froh, daß ich nicht gekniffen habe.

DSC_9401

 

Hier gehts zur HöhlenHomePage.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die gute alte Zeit.

Die gute alte Zeit war ja in der Regel gar nicht so gut, wie wir uns das rückblickend gerne zurechtbiegen, aber manchmal denke ich in diesen Tagen, vielleicht war sie dann doch gut, zumindest besser als diese Welt, wie sie sich uns heute präsentiert, sobald wir in der Zeitung oder in der Glotze oder im Internet nach den Neuigkeiten des Tages suchen.

So gesehen müssen wir ja die Neuigkeiten gar nicht suchen, sie springen uns aus allen Kanälen förmlich an, mit Hass verseucht und mit Blut beschmiert. So beginnt manch ein Tag schon mit einer kleinen bis großen Verzweiflung, und ich ertappe mich dabei, wie ich all diese Kanäle ausschalten und mich mal netteren Dingen widmen möchte, zumindest für einen Moment.

In diesem Sinne wird das hier jetzt ein ganz und gar unbeschwerter Ausflugstipp für alle, die in der Region unterwegs sind und sich mal ein paar nette Stunden gönnen möchten. Ich für meinen Teil werde jedenfalls morgen, am Pfingstmontag, ins Freilandmuseum Gottersdorf gehen und dort in die 50er Jahre eintauchen. Kalter Hund, Käseigel und Petticoat ist da einmal im Jahr das Motto, und ich fürchte, ich werde es ganz herrlich finden.

Das Haus Bär am Rande des Museumsgeländes ist quasi das steingewordene 50er-Jahre-Gefühl, und es ist insofern eine ganz besondere Art der Geschichtsvermittlung, weil viele der Besucher sich mit wohligem Schaudern und Oh nein! und Schau mal, das hatten wir auch! noch allzugut an diese Zeit erinnern und allerlei Anekdoten zum Besten geben. Bei Historikern übrigens heißt es immer, die Fünfziger Jahre seien eine Zeit der Sehnsucht gewesen, und vielleicht sind sie uns ja damit dann doch näher, als wir denken. Ach, was weiß denn ich. 

Für das leibliche Wohl ist jedenfalls bestens gesorgt, wie das bei solchen Veranstaltungen hier immer so schön heißt, es gibt stilecht Käseigel und Kalten Hund und Toast Hawaii, wobei letzteres hier auf den Speisekarten der Odenwälder Gastronomie eigentlich noch völlig normaler Bestandteil ist. Und sicher gibt es irgendeinen pappsüße Bowle zum Trinken, aus bunten Gläsern. Oder Blümchenkaffee. Und Musik aus den Fuffzigern gibt es auch, die vermutlich so schlimm ist, das es schon wieder schön sein wird.

Alles Weitere lesen Sie am besten hier auf der Website des Museums nach, und vielleicht haben Sie ja morgen Lust auf eine kleine Zeitreise. Vielleicht bekommen Sie eine Ermäßigung, wenn Sie mit Pomade im Haar kommen, oder in einem Nyltex-Hemd. Und die Push-Benachrichtigungen für aktuelle News aus aller Welt, die schalten Sie auf Ihrem smartphone am besten vorher aus.

 

 

 

Der Jägerhof.

Ich bin ein grosser Freund klarer Linien und Formen, und je klarer und leerer ein (Wohn-)Raum ist, umso besser. Das lässt sich im wirklichen Leben nicht immer konsequent durchhalten, aber bei uns daheim haben unzählige Möbelstücke unzählige Rollen statt Füße, Sofas, Regale, kleine Tische, große Tische, um bei Bedarf von hier nach da gerollert zu werden, um wiederum an anderer Stelle Platz für Leere zu schaffen.

Diese Übersichtlichkeit hat schon manches mal dazu geführt, dass Odenwälder Besücher uns beim Betreten des Hauses fragen, wann dann die Möbbl g’liefert werre, sie denken an Schrankwände und schweres Polstermobiliar, aber seis drum. Wir fühlen uns wohl, wir haben alles, was wir brauchen, mal steht es hier, mal steht es da, und dazwischen sind Klarheit und Leere.

So war es nur folgerichtig, dass Freunde mich anlässlich meines jüngsten Geburtstages in den Jägerhof nach Kaltenbrunn einluden.

Der Jägerhof ist so eine Art Mischung aus Odenwälder Jurassic Park und Dschungelbuch, man fühlt sich wie weiland Mogli, durch den Urwald streifend, zwischen kindlichem Staunen und Schaudern, oder wie Alice im Wonderland (den Friedhof der Kuscheltiere erwähne ich an dieser Stelle nicht.). Nie weiß man so genau, wer oder was hinter der nächsten Ecke lauern möge. Sind die ausgestopften Tiere wirklich ausgestopft?, oder werden sie Dir im nächsten Moment ins Gesicht springen? Darf ich an der Liane hier ziehen, oder bricht dann der ganze schöne Jägerhof in sich zusammen? Sitzen unter dem Tisch noch Gestalten, und hörst Du nicht leise ein Kichern und Murmeln? Spricht aus den blinkenden Lichterketten nicht ein geheimer Code? Vielleicht der, der die Jurassic-Park-Saurier zum Leben erweckt? Erwacht nicht vielleicht überhaupt all das hier des Nachts zu heimlichem Leben?

Ich wage mir nicht auszumalen, wieviele Stunden ihres Lebens die Dame des Hauses mit der Dekoration der Räume verbringt. Zu jeder Jahreszeit wird das Passende dekoriert, die Ostertage waren noch vergleichsweise harmlos, habe ich mir sagen lassen, an Weihnachten wird es nahezu überirdisch, da kommen Sie dann vielleicht nur noch mit der Machete oder dem Harvester voran.

Auch will ich mir nicht ausmalen, wie Fundus und Lager des Hauses aussehen mögen, aber im Odenwald haben wir ja gottlob Platz genug, und sei es für 2.610 ausgeblasene Ostereier, 382 Häschen, 355 Stoff-Schmetterlinge, 45 Stoff-Sonnen und 1 Stoff-Mond, 89 Lichterketten aller Formen und Farben, 65 Weihnachtsmänner, 17 Nikoläuse, 37 Halloweenmasken, 458 Kürbisse, 2.643 Sternchen, 47 Engelchen, 12.976 Serviettchen, 99 Püppchen, 797 Kügelchen, 4 Tischbrunnen, 32 laufende Kilometer Blätterlianen und 38.000 Plastikschneeflocken.

Am allerwenigsten wage ich mir auszumalen, wie man hier bei einer Familienfeier mit kleinen oder gar halbwüchsigen Kindern jemals heil wieder hinauskommen soll, ohne alles in Schutt und Asche zu hinterlasssen, alles lädt zum Anfassen und versehentlichen-Runterreißen ein, ich stelle mir vor, wie Klein-Pascal hier an irgendeinem Ast, irgendeiner Girlande zieht und dort Tante Elvira unter dem tosend herunterbrechenden Kunststoff-Flieder begraben wird. Wie Wasserfälle – , nein, wie die Niagarafälle rauschen in der entgegengesetzten Ecke des Raumes die Vorhänge von Lichterketten hernieder und reißen blinkend den Patenonkel mit zu Boden, so irgendwie stelle ich mir das vor. Beim Versuch, die Lichterketten und den Patenonkel zu retten, stößt Klein-Pascals Mutter versehentlich an den mannshohen Zimmerbrunnen, woraufhin einhundertzweiundachtzig Osterhäschen und neunundsiebzig ausgeblasene Eier auf und über den Fußboden kullern, während sanft einhundertzwo schneeweiße Daunenfedern durch den Raum schweben. Daraufhin bekommt der 18jährige Cousin von Klein-Pascal einen allergischen Niesanfall, die Wände wackeln, undsoweiter, undsoweiter. Loriot läßt schön grüßen.

To cut a long story short, wie der Odenwälder sagt: Wenn Sie einen Sinn für derlei haben, so oder so, dann müssen Sie da hin, das ist alles wirklich äußerst sehenswert, und die Frau des Hauses freut sich sicher über Komplimente, sie hat zudem aus ihrer Dekoleidenschaft so eine Art Geschäft gemacht, sie können in einem kleinen Lädchen beim Jägerhof auch allerlei Dekokram kaufen.

Und das Allerbeste: Das Essen war vorzüglich, ich kann es gar nicht anders nennen. Gut bürgerlich und frisch vom Schuss, ich hatte ein hervorragendes Wildgulasch, das sich gemeinsam mit hausgemachten Knödeln auf dem Teller türmte, das Arrangement hatte in etwa die Größe des Zimmerbrunnens, es kostete einen vergleichsweisen Spottpreis und war natürlich auch nett dekoriert.

Und das Allerallerbeste: Wenn Sie den Chef zu sprechen bekommen, – also, wenn Sie ihn in all der Dekoration überhaupt finden, zwischen Engelchen, Schmetterlingen, Häschen und blinkenden Girlanden, – wenn Sie ihn in alldem irgendwo erblicken, dann sprechen Sie ihn auf Fritzi an. Fritzi war eine zahme Wildsau, genauer gesagt ein Eber, er liebte den Mann, und der liebte ihn, er hat dazu wirklich herzerwärmende, herzzerreißende, wunderbare Geschichten zu erzählen. Sie können ihn auch nach dem Rehkitz fragen, das er mit der Flasche großgezogen und dann später immer wieder im Wald getroffen und gestreichelt und mit ihm geplaudert hat, nein, es sind wirklich wundervolle Geschichten, ganz ehrlich. Kurzum: Wunderbare Gespräche, wunderbares Essen, herrlicher Abend.

 

Wenn Sie auch mal zum Jägerhof am gefühlten Ende (oder Anfang) der Odenwälder Welt möchten: Hier ist der Link zur Website des kleinen Familienbetriebes. Sie sollten vorher unbedingt anrufen, sagt der Chef, sie haben nicht immer zu den angegebenen Öffnungszeiten wirklich geöffnet, manchmal kommt etwas dazwischen, die Gesundheit, oder der Wechsel der Dekoration oder so. 

 

 

 

Moderne Moderne.

Mit Tipps zu moderner Architektur oder mit Hinweisen auf Ausstellungen international renommierter Künstler kann ich ja im Odenwald eher selten dienen, um es mal vorsichtig zu formulieren, deswegen fahre ich hin und wieder woanders hin, um Sie dann auf dieses oder jenes hinzuweisen. Schließlich ist das hier auch ein Service-Blog, also bitte.

Wenn Sie also demnächst mal wieder irgendwo in Holland unterwegs sind, dann sollten Sie das nigelnagelneue Voorlinden-Museum bei Den Haag besuchen, das liegt völlig in der Pampa und doch sehr zentral, wie ja in Holland eigentlich fast alles. Wenn Sie spannende Architektur und ebensolche moderne Kunst suchen, sollten Sie da wirklich hin.

Drinnen gibt es klassische moderne Kunst zu sehen und moderne moderne Kunst, bei ersterer bin ich noch ganz dabei, bei letzterer hin- und hergerissen zwischen Verarschen-kann-ich-mich-selber und Aha, aha, sehr interessant, hmmm....ähem.  Dabei hatte ich mir wirklich vorgenommen, nicht mit dem Blick der selbsternannten Landpomeranze zu schauen, sondern mit dem ach so geschulten Auge der ach so weltläufigen offenen Berlinerin.

Da stockt das Herz der Hühnerhalterin. Ich habe mich beherrschen können, mal dagegenzutippen.

1000 bunte Brokkolihälftenstempeldrucke

In diesem Zusammenhang muss der Künstler der aktuellen Sonderausstellung genannt werden, Martin Creed, immerhin Turner-Preisträger, und damit eine ganz heiße Nummer in der Szene. Einer seiner künstlerischen Leitsprüche steht auch auf hübschen Stoff-Täschchen, die Kunstinteressierte im Museumsshop erwerben können, um sie dann bei der nächsten Vernissage unauffällig in die Kameras der anwesenden Kultur-Reporter zu halten. Oder um damit Brokkoli auf dem Markt für den nächsten VHS-Kunstkurs zu kaufen, was weiß denn ich: Art is shit. Art galleries are toilets. Curators are toilet attendants. Artists are bullshitters. Wie das jetzt mit der – bereits mehrfach auf internationalen Schauen gezeigten – Klosettpapierrollenpyramide zusammenzubringen ist, weiß ich aber auch nicht.

Ich habe mich aber nach wenigen Metern in diesem Teil der Ausstellung entschieden, das alles nicht gesellschaftskritisch oder auf der Metaebene interpretieren zu wollen, wie ich es ja sonst eigentlich immer und überall tue, Landpomeranze hin oder her, sondern die Sache mit Humor zu nehmen, man kommt auf diese Weise wirklich auf seine Kosten und am Ende mit einem breiten Grinsen aus dem Museum heraus, das ist doch was.

Keine Frage der Perspektive – die Dame mit den roten Hosen ist extrem nah an dem Paar dran.

Keinesfalls auslassen sollten Sie in der ständigen Sammlung den Koloss von Richard Serra, open ended, ich nehme ja an, der steht dauerhaft da, ich habe mich dabei erwischt, wie ich darüber nachdachte, mit was für einem Gerät sie das Teil hier wohl hineinmanövriert haben, mit einem Lanz oder einem JohnDeere oder einem Schollkran, und ich habe heimlich nach Schweißnähten und Spuren auf dem Fußboden gesucht, alles leider vergeblich, es ist und bleibt ein Rätsel.

Vielleicht wurde das Museum auch drumrum gebaut, möglich wäre das, und verdient hätte das Stück es allemal. Sie ahnen, ich bin ein großer Serra-Fan, wenn Sie mal einen treffen, grüßen Sie ihn und verlaufen Sie sich nicht darin, es ist nicht ganz einfach, cool zu bleiben, wenn man zu Anflügen von Beklemmungen neigt, aber ich habe ja wieder herausgefunden, sonst könnte ich das hier ja gar nicht schreiben.

Und nun stellen Sie sich bitte einen solchen Serra mal auf einem grünen Odenwald-Hügel vor, mit weitem Blick ins Land, das wäre wie ein Paukenschlag und ein Tourismus-Kracher noch dazu. Die Leute kämen in Scharen, glauben Sie mir. Serra zieht immer. Oder gleich ein ganzes Museum, ein richtig feines? Warum bauen reiche Privatiers dauernd Museen in Holland und sonstwo, aber nie im Odenwald? So richtig cool, mit einem Skulpturenlandschaftspark drumherum? Das wäre mal was. Aber ob die Odenwälder da mitziehen? Ich werde mich mal darum kümmern müssen.