„Jammern macht’s auch nicht besser“

6. Mai 2020

Wir befinden uns im Jahre 1971 n.Chr. Ganz Gallien Baden-Württemberg ist von den Römern der Gemeindereform besetzt… Ganz Baden-Württemberg? Nein! Ein von unbeugsamen Badenern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

Ja, so in etwa müssen Sie sich das vorstellen mit dem kleinen Dörfchen Gerolzahn bei Walldürn. Wie die berühmten ersten Sätze aus jedem Asterix und Obelix-Heft. Wie mit den Galliern und den Römern. Bis 1975 haben die sich da oben in Gerolzahn standhaft geweigert, der Gemeindereform von 1971 zuzustimmen. Die wollten nicht einfach mit sich machen lassen. Wäre ja noch schöner. Unbeugsam und trotzig haben sie sich jahrelang der Landesregierung entgegengestellt und damit mehr als einen Verwaltungsbeamten in die schiere Verzweiflung getrieben.

Und so muß man sich das vielleicht auch mit Gerolzahnern wie Kurt Meidel vorstellen. Der läßt doch nicht einfach mit sich machen. Der wird sich doch von einem unsichtbaren Virus nicht das gesamte Geschäft zerlegen lassen. Nee, der nimmt die Dinge in die Hand. Und wehrt sich, soweit möglich. Und vergißt bei alldem nicht die gute Laune und die Zuversicht.

Meidel hat an diesem Mittag nicht viel Zeit zum Schwätzen, es ist ein Sonntag, und er muß in der Zeit zwischen 12 und 14 Uhr 60 Essen fertigmachen, quasi auf die Minute genau. So auf die Minute genau, wie die Abholer bestellt sind, um das Essen abzuholen. Sie kommen mit Körben und Kisten zum Gasthaus Linde, und einer schleppt mehrere Dutzend Schnitzelportionen in einem gigantischen Behältnis davon, zu zweit müssen sie das Ding tragen. Für ein einziges Schnitzel fahre ich doch nicht den weiten Weg, sagt er lachend, da mache ich doch gleich eine Sammelbestellung. Offenbar will er seine gesamte Heimatstadt mit Schnitzeln versorgen.

Meidel hat also nicht viel Zeit zum Schwätzen, so gut läuft heute das Mittags-Geschäft, zumindest den Umständen entsprechend. In der Küche ist die sprichwörtliche Hölle los, die halbe Familie packt mit an, es dampft und brodelt, zischt und brät und brutzelt, Ehefrau Katrin Meidel ruft die Bestellungen durch die gekachelte Küche, Kurt antwortet mit irgendwelchen Tischnummern, alle sind ständig in Bewegung, irgeneiner füllt dauernd irgendwas in Behältnisse, irgendwer beschriftet dauernd, schleppt, trägt, überreicht, kassiert.

Wenn ich jammere, wirds auch nicht besser, sagt Meidel zwischen einem Rehbraten und dem Bärlauch-Pesto. Und dann grinst er, verborgen unter der Stoff-Maske, aber man sieht sein Grinsen trotzdem, weil bei Kurt Meidel immer auch die Augen mitlächeln oder – lachen. Daran wird Corona erstmal nichts ändern, und auch von der Nerverei mit den Versicherungen wird Meidel sich nicht unterkriegen lassen, von diesem Versicherungskram, von dem Meidel ebenso unerquickliche Dinge berichtet wie einige seiner Kollegen.

Auch bei Meidel sind zahlreiche große Veranstaltungen abgesagt worden, Hochzeiten, Kommunion, 90. Geburtstag, so Sachen halt. Soweit er die Stornierungen bisher kennt, sind ihm bis jetzt dadurch 2.800 Essen weggebrochen. Zweitausendachthundert. Sie können im Gegensatz zu mir vielleicht rechnen, dann überschlagen Sie mal, was das bedeutet. Von den fehlenden ganz normalen und spontanen Mittags-und Abendessens-Gästen ganz zu schweigen.

Ganz zu schweigen auch von den Wallfahrern.Die Linde in Gerolzahn ist die letzte Station zahlreicher großer Gruppen von Fußpilgern, die von sonstwoher kommen und auf dem Weg zum Heilig-Blut-Altar in Walldürn sind. In der Hauptwallfahrtszeit, in den vier Wochen nach Pfingsten, pilgern da vermutlich täglich irgendwelche frommen Pilger bei ihm vorbei. Und manche gleich in Hundertschaften, alleine in der Fußgruppe aus Köln kommen in einem Jahr 300, im nächsten Jahr 600 Leute, sie fallen alle quasi gleichzeitig in der Linde ein, wollen sich schnell stärken, essen, trinken, pullern, und brechen dann wieder auf.

Auch das alles dieses Jahr: essig. Die Wallfahrt ist abgesagt, kein einziger Pilger wird bei der Linde in Gerolzahn Station machen wollen. Ha, blöd halt, wirklich schade, sagt Meidel im Vorübergehen, und er wäre nicht Kurt Meidel, wenn er nicht gleich lachend anfügen würde Dafür habe ich jetzt ein neues Hobby, die Gartenarbeit! Ich habe ja schon säckeweise Samen gekauft! Zu gerne würde er gleich mal den Gemüse- und den Blumengarten zeigen, aber er muß ja kochen, die 60 Essen wollen fertig werden.

Und dann wird er aber doch noch mal ganz ernst, weil es ihm wirklich ernst ist. Das klitzekleine Gerolzahn hat laut Wikipedia 134 Einwohner, vielleicht sind es auch 135 oder 136. Und gefühlt jeder von denen, – jeder! -, hat in den vergangenen Wochen bei mir Essen bestellt, viele davon gleich mehrfach, sagt Meidel. Diese Unterstützung, diese Solidarität, das ist unglaublich.

(Klick!) Hier gehts zur Website der Linde in Gerolzahn.

Ich stelle Ihnen hier in loser Folge ein paar Gaststätten und Restaurants aus meiner Nachbarschaft vor, die derzeit irgendwie mit dieser Corona-Krise umgehen müssen. Die Grund- Idee dazu habe ich hier bei diesem großartigen Fotografen abgeguckt, auf den mich ein Blogleser hingewisen hat. Ich mache sowas sonst nur ungerne, Ideen abgucken, aber ich glaube, für einen guten Zweck darf man auch mal abgucken. Wenn Sie bisher ohnehin immer mal essen gegangen sind und sich das auch derzeit irgendwie leisten können: Unterstützen Sie die Wirtschaften und Restaurants in Ihrer Nähe. Sie müssen kein take-away-Fan sein, hier gehts nicht um Ästhetik im Alltag, sondern um Solidarität. Ganz einfach. Und Gutscheine, Sie können jetzt auch Gutscheine kaufen und dann später verschenken, wenn die Restaurants alle wieder in ihren ganz normalen Alltag zurückgekehrt sind. Und nein, ich bekomme für diese Werbung kein Geld, ich mache das aus reiner… Naja, Sie wissen schon.

Bisher waren wir zu Besuch bei einer (Klick) Pizzeria in Limbach, einem Griechen in Walldürn, beim Engel in Balsbach, beim amerikanischen Fliegerstübchen , beim Buchener Hotel-Restaurant Prinz Carl, in der Heidersbacher Mühle und in der Hardheimer Wohlfahrtsmühle. Sie alle stehen einfach stellvertretend für die großen und kleinen gastronomischen Betriebe auch in Ihrer Gegend, egal, ob urige Schnitzel-und-Pommes-Butze oder piekfeines Restaurant.

  • 4 Kommentare
  • Astridka 6. Mai 2020
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    Noch so ein Lokal, in dem wir oft gegessen und gefeiert haben, zuletzt den 60. Hochzeitstag meiner Eltern… Den Ort mag ich so gerne, ruhig, luftig und in meiner Erinnerung immer mit blauem Himmel ( na ja, war immer Sommer, August oder Spargelzeit, wenn wir dort waren ).
    Deine Reihe verschafft mir jede Menge „flashbacks“ in die nunmehr auch nicht mehr allerjüngste Vergangenheit
    Alles Gute!
    Astrid

  • Hauptschulblues 6. Mai 2020
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    H. kann nur zum wiederholten Mal sagen, wie sehr er Ihren Blog mag. (Die Bayern sagen: „Der“ Blog.)

  • Ele 6. Mai 2020
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    Das Solidarische am Ende gefällt mir. So sind se, die kleinen Dörfer. Und solange das so ist, gibt es keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken und stumm zu verzweifeln.
    Gruß und weitermachen und Humor nicht verlieren, Ele

  • Hans Dieter Kiener 12. Mai 2020
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    Ich weiß, liebe Friederike, zwar immer noch nicht, wo Gerolzahn zu finden ist. Das läßt sich aber nachholen und bis dahin gestehe ich, dass ich über Deine Reportage in Wort und exzellenten
    Fotos mal wieder sehr begeistert und durchaus auch ein wenig amüsiert war. Amüsiert, weil Du
    ja diesen humorvollen, subtilen und doch knackigen Stil pflegst, der einem Schwaben oft leider
    abgeht. Außerdem würde auch ich, wie viele andere Deiner Fans, mal gerne auf dieser Wacholder-
    heide mit spanischem oder südfranzösischem Flair wandern. Auch die Fotos von dort – richtig
    Klasse! Danke und Grüße ins gelobte, so herrlich ruhige Land!

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