Ruhe.

Bei wirklich kniffligen Recherchen klinke ich mich gerne einmal aus. Verlasse das Arbeitszimmer und richte mich im Garten ein. Laptop, wlan, Händi machens möglich, gerne auch an Samstagen, das ist nicht mehr ganz Arbeitswoche und noch nicht ganz Wochenende. 

Da sitze ich dann unter dem riesigen Walnussbaum, schaue übers Dorf, denke nach und recherchiere in der Sonne. Die Glocken am Kloster läuten, die Hühner staksen durch die Wiese, Geo werkelt schweigend im Gemüsegarten. Und irgendwo bellt der berühmte Hund. Die Inspiration kommt da von ganz alleine.

dreihühner

Stadt, Land, Flucht ist so ein Thema, das mich derzeit umtreibt. Warum wollen Menschen aufs Land? Was treibt sie in die Provinz, und wovon träumen sie?  Während ich suchend durchs www surfe, brummt Schmitte Erwin mit dem Traktor gemächlich durchs Dorf, den Buckel rauf, den Buckel runter.

Hat der eigentlich auch einen zweiten Gang, der Traktor?, ruft Geo aus dem Gemüsegarten zu mir rüber. Hä? frage ich zurück, denn just in diesem Moment startet Nachbar 1.0 seinen Aufsitzrasenmäher, mit seinen überdimensionierten Ohrenschützern saust er über den  Rasen und träumt vielleicht von einer Harley Davidson. Meine Inspiration springt kurzzeitig vor Schreck auf einen WalnussAst, und die Kinder des Nachbarn kreischen juchzend durch den Garten, immer vor dem brummenden Ungetüm her.

Akustische Ablenkung hin oder her: Ich bin im Netz fündig geworden: mehr als jeder zweite Stadtbewohner kann sich laut einer aktuellen forsa-Umfrage einen Umzug aufs Land vorstellen.

Aha, na also, da ham wirs doch, rufe ich Geo zu, dessen Aufmerksamkeit inzwischen von Nachbar 2.0 gefordert wird. Der veranstaltet jetzt auf der Pferdekoppel eine Art Parallel-Mähen, lautstark und synchron. Am entgegengesetzten Ende des Dorfes füttert irgendwer die schrill wimmernde Wippsäge mit Holz für den Winter. Hä? ruft Geo zurück.

Ich lese unbeirrt weiter: 91 Prozent der Befragten wünschten sich mehr Nähe zur Natur, und 86 Prozent erhofften sich von einem Leben auf dem Lande „gute Luft“. Gute Luft,  Geo, schreie ich, die gute Luft isses!

Was für ein Luftkissen? schreit Geo zurück. Soviel zumindest lese ich von seinen Lippen ab, denn inzwischen hat auch Nachbar 3.0 mit einem High-Tech-Gartengerät die open-Air-Bühne betreten und bietet jetzt eine theatralische Mischung aus Ein-Mann-Ballett und Motorsensenmassaker dar. Das dazugehörige Geräusch weckt Erinnerungen an die letztjährige Zahnwurzelbehandlung. Geo im Gemüsegarten macht ein entsprechendes Gesicht. Keine Bange, in zwei Stunden ist der fertig.

Zurück zur Arbeit, volle Konzentration auf die Recherche: Jetzt kommts, schreie ich Richtung Gemüsegarten, während vor dem Haus eine 37köpfige Gruppe Mannheimer Motorradfahrer vorbeiblubbert und nun auch noch unser JoHahn vor lauter Aufregung ohrenbetäubend kräht, als ginge es um sein Leben.: 87 Prozent der über 18jährigen Städter wollen wegen der Ruhe aufs Land.

Jetzt kläffen auch unsere Hunde.

Wegen der was?, brüllt Geo.

(Wegen der Ruhe.)

 

 

 

Dieser Beitrag ist hier schon vor ein paar Jahren mal erschienen, am gestrigen Samstag fiel er mir wieder ein. Aus Gründen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – liebe ich das LandLeben. 

 

 

 

G’schafft.

Wir haben die wenigen regenfreien Stunden genutzt, um mal ein bisschen im Garten aufzuräumen. Also, so richtig. Mit Kettensäge und Baumschere und Heckenschere und so. Und vorallem mit Hilfe des netten Freundes aus dem Nachbardorf, der kam mit dem quietschroten Traktor und schnitt und sägte und rupfte und pfiff dabei ein fröhliches Lied und fuhr das ganze Grüngeraffel am Ende zum Grüngutplatz, gleich zwei Fuhren, soviel war angefallen bei unserer herbstlichen Putzaktion.

Ja, gut, werden Sie jetzt sagen, aber was ist daran denn so berichtenswert? Gar nichts. Eben. Dachte ich zumindest. (An dieser Stelle müssen Sie sich das Geräusch vorstellen, wenn jemand tief Luft holt, um noch etwas nachzuschieben.)

sdr

dav

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Jedenfalls erschien, während wir also mit Hilfe einer Harke und einer Mistgabel allerlei Grünzeug auf den Hänger wuchteten, rein zufällig der Dorfchronist. Das ist, wie bei Dorfchronisten üblich, ein ehemaliger Lehrer, der sich seit Jahrzehnten um das Dorfgeschehen kümmert und alles Bemerkenswerte in Wort und Bild festhält. Der Chronist fuhr also rein zufällig bei uns vorbei, und er hatte rein zufällig seine Kamera dabei, mit der er alsdann unser geschäftiges Tun digital festhielt. Ich nehme an, für die nächste Ausstellung Historische Momente im Dorfgeschehen. Familie LandLebenBlog räumt endlich mal im Dschungel-Garten auf. Wunder werden wahr. Die Dorfgemeinschaft atmet auf. Oder was weiß ich. Man darf gespannt sein.

Ich werde Sie auf dem Laufenden halten.

 

 

Babylon ist überall.

Ich bin dann mal weg. Urlaub und so, na, Sie wissen schon. Und werde in den kommenden Tagen darüber nachdenken, ob ich hier im Blog nicht öfter mal Audios anbieten sollte, für die Lesemuffel. So wie hier, testweise. Mit einem Post aus dem vergangenen Jahr.

Anregung, Kritik, Beschwerden herzlich willkommen. Aber warten Sie nicht auf eine Antwort. Ich bin jetzt schließlich mal weg. Urlaub, na, Sie wissen schon.

 

 

 

In den ersten Monaten im Odenwald habe ich mir manchmal deutsche Untertitel gewünscht. Irgendwie unten im Bildrand, wenn man jemanden anschaut, aus dessen Mund in viel zu schneller Reihenfolge vollkommen unverständlichen Laute herausquellen. Oder eine Art eingebaute Übersetzungshilfe im Kopf, ein Hirn-integriertes Computer-Dolmetscher-Programm, Odenwald-Translator 2000. Oder so.

 

Foto: Thommy Weiss/pixelio

Foto: Thommy Weiss/pixelio

 

Bei den ersten Interviews, bei Gesprächen im Dorf und in der Gastwirtschaft habe ich ernsthaft Probleme zu folgen, nicke immer nur und mache bestätigend Hmm – in der Hoffnung, der Befragte hat tatsächlich etwas zu-bestätigendes von sich gegeben. Manchmal, wenn ich bestätigend Hmm mache, guckt mein Gegenüber skeptisch, nur die ganz Mutigen fragen nach: Hawwe Sie des v’rstanne?. Nein, ….nicht bis ins Detail, muss ich dann zugeben.

 

Foto: Tony Hegewald/pixelio

Foto: Tony Hegewald/pixelio

 

Meistens wiederholt mein Gegenüber genau die selben, unverständlichen Laute, nur ein paar Dezibel lauter. Vielleicht ist die Frau vom Radio ja schwerhörig. Außerdem offenbar arrogant. Wer hochdeutsch redet, ist meistens arrogant. Die Antworten fallen entsprechend einsilbig aus.

 

 

Irgendwann begreife ich – und ändere mein System: Seit ich bei Gesprächen mit Odenwälder Urgesteinen so breit berlinere, dass sich meine arme preußisch-hochdeutsche Mutter im Grabe herumdrehen würde, läuft die Kommunikation wie geschmiert. Zumindest, was die Ausführlichkeit der Antworten betrifft. Ob Bayerisch oder Sächsisch, Berlinerisch oder die Odenwälder Mischung aus Kurpfälzisch und Fränkisch: Im Dialekt ist man in jedem Fall auf Augenhöhe. Verstehen tue ich trotzdem oft genug nur Bahnhof.

 

 

Foto: ediathome/pixelio

Foto: ediathome/pixelio

 

 

In der alten Else Bungenstab finde ich eine geduldige Lehrmeisterin, die mich in die Höhen und Tiefen des Odenwälder Dialektes einführt und es rasend komisch findet, wenn ich sie in ihrer bullerheißen Küche wieder einmal völlig ratlos anglotze. Dann lacht die dicke Frau mit dem fröhlichen Gesicht, wiederholt den Satz doppelt so laut wie vorher, zerhackt ihn in einzelne Silben, fuchtelt dabei mit den Händen in der Luft herum, bis ich endlich begriffen habe, worum es geht.

 

 

 

Meisten erzählt sie mir von ihren Töchtern: Die Ähnd, die Anna und die Anna-Anna. Merkwürdige Namen, denke ich mir anfangs, aber ich traue mich nicht nachzufragen. Seis drum. Die eine Tochter (die ähnd) ist jedenfalls heute dibbe, (drüben, vermutlich beim Nachbarn), die andere (die anner) hat sich nach obbe-dobbe verzogen (nach oben, in ihr Zimmer) und die Dritte im Bunde (die anner anner) ist uff B’suuch. Ach so.

 

 

 

Im richtigen Leben heißen die drei Mädchen s’Veronika, s’Marion und s’Annette. Frauen sind ja mitunter noch sächlich im Odenwald. Die zwee Buwwe, beides gestandene Männer um die 50, sind nicht sächlich, sondern wortkarg, was mir an manchen Tagen ganz recht ist, wenn Mutter und Töchter schon meine gesamte bi-linguale Konzentration in Anspruch nehmen.

 

Foto: Markus Wegner/pixelio

Foto: Markus Wegner/pixelio

 

 

Zackern, Scheier, Feier, Kiwwel, Kinner, Erwet – die Familie bombardiert mich in der kleinen, saunawarmen Wohnküche zu Übungszwecken lautstark mit Worten, die vielerorts als ausgestorben gelten. Was mich nicht umbringt, stählt mich im Kulturkampf, denke ich mir und lerne wie eine fleißige Schülerin.

 

 

Streberhaft gebe ich abends mein neu erworbenes Wissen an Geo weiter. Du mechst a Krach wies Scheierndohr, wanns implumbe dut! deklamiere ich, als Geo mal wieder einen Höllenlärm im Garten veranstaltet. Ein Krach wie ein einstürzendes Scheunentor, schiebe ich die Übersetzung in eine lebende Sprache gleich hinterher. Klingt aus Deinem Munde reichlich peinlich, stellt Geo nüchtern fest. Wo er recht hat, hat er recht. Ich will ja auch kein Odenwälderisch reden. Aber wenigstens verstehen.

 

 

Trotzdem bin ich bis heute immer wieder mal auf die Hilfe von Dolmetschern angewiesen. Als ich dem Handwerker im Haus etwas umständlich erklären will, dass ich die Badewanne gerne symmetrisch in die Ecke eingepasst hätte, guckt er mich erst ratlos an. Sein Kollege springt mir bei: Weescht, Karle, hibbe wie dibbe!. Ganz einfach. Ganz weltmännisch.

 

 

 

 

 

Aber selbst jetzt, wo ich einen Gutteil der Worte zumindest vom Hörensagen kenne, lauern immer noch Sprachfallen. Interkulturelle Unterschiede, lingual.

 

Sagt der Stadtmensch A, hört der Landmensch gegenüber mitunter B. Umgekehrt genauso. Sagen die hier X, hören meine Berlin-Brandenburgischen Ohren plötzlich Y. Deutsch ist eben nicht gleich Deutsch. Der Sub-text (so nannte man das auf der Journalistenschule) lauert zwischen den Zeilen.  Oder auch nicht. Als neulich jemand zu mir sagt Du bist ja richtig goldig, bin ich schwer beleidigt. Drei Tage Funkstille. Goldig? Kann der ja gleich sagen, na, Du bist vielleicht bescheuert. Machte man in meinem Teil Berlins so. Goldig gleich bescheuert. Musste erst mal drauf kommen, daß die das hier vielleicht ganz anders meinen. Vielleicht sogar ganz nett. Unvorstellbar für Berlin-Westender Ohren, aber:  im Bereich des Möglichen. 

Bewundere ich wortreich Else Bungestabs feuerspeienden Bullerofen in der Küche, schaut die mich an, als wollte ich sie veräppeln. Dabei bin ich ernsthaft neidisch auf das gute Stück.

 

Foto: B.Stolze/pixelio

Foto: B.Stolze/pixelio

 

Kulturelle Sprachdifferenzen gibts aber genauso zwischen Städtern und Städtern. Aus mir spricht die leidvolle Erfahrung. Als ich einst im Überschwang der Gefühle mein Kleener zu meinem Kölner Liebsten sagte, mit langgezogenem eee, war das junge Glück ernsthaft in Gefahr. Mein Karnevalsprinz drohte, die Beziehung augenblicklich zu beenden. Kleen? Was soll denn DAS heißen, bitteschön? Äh….Die intimste Liebesbezeugung, zu der eine Berlinerin sich hinreißen läßt, was denn sonst? Lieber geht nimmer. Kam aber gar nicht gut. Nach einer vierwöchigen Intensivbehandlung beim Psychotherapeuten – Mediation und so –  konnten wir das sprachliche Mißverständnis schlußendlich aufklären. Gottseidank.

 

Seitdem spreche ich keine Liebesbezeugungen mehr aus.

Ich denke sie allenfalls noch.

 

Ist sicherer.

 

 

 

 

 

 

 

Hooja, hooja, ho.

 

 

Den idyllischen  Dorfplatz gibt es nicht mehr. Dort, wo sich einst im Mai junge Frauen und Männer zum Tanz trafen und sich so ganz nebenbei die Zukunft vieler Bauernhöfe entschied, dort, wo die Alten im Schatten der Bäume saßen und die Neuigkeiten des Dorfes austauschten, dort stehen jetzt rostige Glascontainer auf zubetoniertem Grund. Zum Tanzen fährt man eine Viertelstunde weit in die nächste Disco, Neuigkeiten bringt die Satellitenschüssel auf dem Dach ins Haus.

 

Ein paar Männer treffen sich noch regelmäßig, im Gasthaus, am Stammtisch. Der Gemeinderat kommt nach getaner Arbeit montags manchmal hierher, die Damen mittwochs nach der Singstund. Dann ist es ein bisschen so wie früher auf dem Dorfplatz.

 

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Man schwatzt und lacht und isst und trinkt. Grapefruitschorle oder Württemberger Lemberger-mit-Trollinger, dazu Wiener Schnitzel oder Wurstplatte, kalter Krabbencocktail oder heißes Toast Hawaii. Das ist ja wie in den Sechzigern!, sagt Freund Manne aus der Großstadt beim Blick über die Speisekarte staunend. Ich dachte, Toast Hawaii sei ausgestorben. Großstadt-Anna bestellt den Krabbencocktail, löffelt andächtig Krabben und dicke rosa Remouladensoße aus einem Bowle-Glas. Herrlich! Wie früher, sagt sie kauend.

 

 

Wer etwas zu feiern hat auf dem Land und etwas auf sich hält, der geht ins Gasthaus. Dann holen die alten Väter und die Großväter aus dem Schrank die guten Schuhe und den guten Anzug, der seit 1950 seinen Dienst tut. Knarzend und ein bisschen steif bewegen sich die Alten durch die fröhliche Festgesellschaft, duften nach Seife oder Brillantine. Relikte aus einer anderen Zeit. Die Frauen bringen in Plastikbehältern Torten mit und süße Kuchen, die älteren tragen Odenwälder Haute Couture, geraffte Kleider, knisternde Blusen. Die Haare hochgesteckt, die Lippen glänzend,  die Wangen fleckig gerötet in der heißen Gasthausluft.

 

 

Festliche Gesellschaften engagieren manchmal einen Alleinunterhalter im weißen Anzug, oder Onkel Erhard. Der ist Alleinunterhalter von Natur aus,  singen kann er, und ein Keyboard hat er auch. Tief stampfen rhythmisch die Bässe durch das Gasthaus, ein bisschen deutscher Schlager, eine Rumba für die Damen, ein Foxtrott für die Herren. Wenn der Mann am Keyboard dann enthusiastisch Damenwahl!! ins Mikro ruft und durch die überdimensionierte tragbare Lautsprecheranlage einen elektronischen Tusch hinterherschickt, geht ein Gekicher und Gegacker durch den Raum.

 

 

Foto. Rainer Sturm/pixelio

Foto. Rainer Sturm/pixelio

 

 

Neulich sitzen Geo und ich bei Toast Hawaii und Käsespätzle in einem Gasthaus, während nebenan gefeiert wird. Schöööne Maid, hast Du heut für mich Zeit? tönt der 70er Jahre-Schlager dumpf durch die hellbraunen Kunstleder-Falttüren, die den Festsaal vom Speiseraum trennen. Alle haben einen Heidenspaß da drüben, und alle singen mit, Junge, Alte. Beim Refrain dröhnt das ganze alte Gasthaus. Hooja, Hooja, Hooooo.

 

Geo will auch mitsingen. Hooja, Hooja, Hoooo! brummt er einen Halbton zu tief, aber begeistert, zwischen einer Scheibe Kochschinken und einem Stück Ananas durch den Raum.  Die zwei einsamen Touristen am Nachbartisch (Kölner; das fremde Autokennzeichen ist uns doch gleich aufgefallen vorhin) schauen amüsiert zu uns herüber. Schsch! zische ich Geo an. Bist Du verrückt? Die halten uns noch für Einheimische!

 

Geo starrt mich kauend an. 

Na und? Sind wir doch auch. Irgendwie gefühlt zumindest. 

Oder nicht?

 

 

Wo er recht hat, hat er recht.

 

Hooja, Hooja, Hooo.

 

 

 

 

 

 

 

 

Blaumanns Bilderbuchwochenende

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Wird doch. Langsam aber sicher.

 

 

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Am Heiligen Sonntag gewaschen. Sieht hoffentlich keiner.

 

 

 

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Einpflanzen im Odenwald: erst ab Mai.

 

 

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JoHahn, coole Socke.

 

 

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Herr Hase. Der Neue.

 

 

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Herr Albrecht. Ganz der Alte.

 

 

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Der Herzdame zeigen, wos das beste Futter gibt.

 

 

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Das Diet. Remember?

 

 

Hmm, lecker. Rudi-Steiner-Hühnerkackejauche.

Hmm, lecker. Rudi-Steiner-Hühnerkackejauche.

 

Und jetzt vier Wochen in die pralle Sonne. Wie das duftet!!

Und jetzt vier Wochen in die pralle Sonne. Wie das duftet!!

 

 

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Wir ham auch schon mal schlauer ausgesehen.

 

 

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Eine Rumba. Oder so.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nix los hier.

 

 

Wir fragen uns aber schon manchmal, ob Euch das hier nicht ein bisschen langweilig wird, gibt Großstadt-Manne beim Dorfspaziergang zu bedenken.

 

Manne, der als erfolgreicher Industriekaufmann um die halbe Welt jettet und sein privates Häuslebauer-Glück (und den hoch sechsstelligen Kredit dafür) unter den Schloten eines international agierenden Chemie-Giganten gefunden hat, mitten drin im Gewimmel einer Stadt, die sich selbst für eine Groß-Stadt hält.

Manne wäre froh, ich würde wieder in Berlin leben.  Dann könnten sie dort mal vorbeischauen. Coole Stadt.  Leider wohne ich nun tief im Nirgendwo.

 

Ja, ich meine… hier ist doch gar nichts los!, pflichtet Anna vorsichtig bei. Ganz am Anfang unserer Provinzkarriere haben sie uns manchmal besucht, die beiden, mit ihren Großstadtkindern und in schicken outdoor-Jacken. Und alles vermutlich ziemlich langweilig gefunden. Weil ja hier nichts los ist.

 

morgenrunde

 

 

Während Geo eben zu einem Wie? Nichts los? anheben will, öffnet sich über uns ein Fenster. Else Bungenstab ist völlig aufgelöst: Um Gottes Willen!, kreischt sie mit spitzer Stimme aus dem Fenster, haben Sie schon gehört, was passiert ist?

 

Unter ihrer rosafarbenen Kittelschürze bebt der ganze große Körper. Der Schreck fährt uns in die Glieder, vor meinem geistigen Auge spult in Zeitraffer ein Horrorfilm nach dem nächsten ab. Was denn? brülle ich besorgt zurück und mache mich auf das Schlimmste gefasst.

Die Bungenstab zwängt sich noch ein Stück weiter durch das schmale Fenster.

Wissen Sies noch nicht?

Der Metzger hat abgesagt!

 

 

Ach, Du Schande, sagt Geo, ehrlich betroffen. Mein Land-erfahrener Gatte erfasst den Ernst der Lage sofort. Klein-Großstadt-Rafi starrt sprachlos Else Bungenstab an.

 

 

 

 

Wochenlang hat sich Else Bungenstab auf diesen Schlachttag vorbereitet, hat mit den erwachsenen  Töchtern und Söhnen riesige Töpfe und Wannen geschrubbt, Schüsseln, Kochlöffel und furchterregende Messer zurechtgelegt, Dosen und Gläser im Keller für Wurst und Innereien poliert. Das Schwein steht nichtsahnend im finstren Stall.

 

Und nun das: Drei Tage vor dem Schlachttag sagt der Metzer ab. Von der Leiter gefallen, ein gebrochener Arm: So kann man keine Sau schlachten.  Ja, so was hab ich noch nicht erlebt! schreit Else Bungenstab aus dem Fenster auf die Dorfstraße.

 

Wie: Sau schlachten? Wie: Metzger kann nicht kommen? Manne und Anna verstehen nur Bahnhof.

 

 

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Schnell macht die Geschichte im Dorf die Runde. Ein schrecklicher Unfall, viele Verletzte, darunter auch der Metzger – der Wintervorrat in Gefahr. Bis zum Abend am Stammtisch im Gasthaus ist der Metzger schwerst-verletzt und liegt auf der Intensivstation, droht der betroffenen Familie zudem der Hungertod: Stille Post in Kubach.

 

 

Kennt nicht irgendeiner einen Metzger?, fragt der Schmitte-Alfons am Stammtisch in die angestrengt nachdenkliche Runde, bevor er die zweite SauerSchorle bestellt. Hirne rattern, Namen fallen auf den blankgeputzten Wirtshaustisch. Ein paar Anrufe später gibt es ihn, den Müller-Karle aus dem Nachbarort, und er hat tatsächlich noch einen Termin frei. Der Wirt schreit die Frohe Botschaft in das Telefon, als müsse er die Entfernung zwischen Gast-Haus und Bungenstab-Haus ohne digitale Hilfe überwinden.

Dem Himmel sei Dank!, schreit Else Bungenstab genau so laut zurück ins Telefon.

 

 

Abends melden sich Manne und Anna noch einmal per Handy, zurück in der großen Stadt. Gut heimgekommen, alles paletti, wir haben ja ein Navi, sagt Manne lässig und bedankt sich artig für das Wochenende auf dem Lande. Und: Was ich noch fragen wollte… wie ist denn die Geschichte mit dem Metzger ausgegangen?

 

Alles paletti!, antworte ich noch lässiger.

 

 

Und sonst?

 

Sonst war nicht viel los.

 

 

Foto: Klaus Hilger.

Foto: Klaus Hilger.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einfach umhacken.

 

 

Die ollen Bäume hacke ich Ihnen auch noch um!, verspricht der Alte und zwinkert meiner Freundin Jana verschwörerisch zu. Jana wohnt in einer Wohnung in der nächsten Kreisstadt und sucht nun mit meiner Hilfe ein Häuschen auf dem Lande, vorerst nur zur Miete.

 

Dieses hier hat es uns besonders angetan: ein kleines, verwinkeltes Hexenhäuschen mitten auf einer Wiese mit alten Birnbäumen, einem Nussbaum, einer Kastanie. Schattige Plätze, die nach einem Glas Rotwein in lauer Sommernacht geradezu schreien. Die ollen Bäume hacke ich Ihnen auch noch um, wiederholt der potentielle Vermieter hoffnungsfroh.

 

Obstbaumwiese

Foto: Klaus Hilger

 

Wenn Sie die ollen Bäume auch noch umhacken, können Sie sich Ihr ganzes kleines Häuschen gleich in die Haare schmieren, antwortet Jana in der ihr eigenen westfälisch-direkten Art. Verdutzt schaut der Mann sie an. Aber Bäume machen doch nur Dreck, gibt er zu bedenken. Die Bäume bleiben, oder wir gehen!, sagt Jana noch einmal bestimmt.  Am Ende bleiben die Bäume, und Jana unterschreibt ihren Mietvertrag.

 

Jeden Herbst, wenn sie ganze Nachmittage damit verbringt, kontemplativ Laub zu harken, eimerweise Nüsse für die Speisekammer und Kastanien fürs Feuer zu sammeln und sich bei alldem über ihr archaisches Leben auf dem Lande freut, kommt der Vermieter von gegenüber angeschlurft. Ich habe ihnen ja angeboten, die ollen Bäume auch noch umzuhacken! Aber Sie wollten ja nicht!

Ich liebe diese Bäume. Und ich liebe diese Arbeit, antwortet Jana dann, und der Vermieter schüttelt nur den Kopf. Städter.  Bekloppte. 

 

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Foto: Rainer Sturm/pixelio.de

 

 

Der junge Häuslebauer im Neubaugebiet am Rande des Nachbardorfes hat gleich kurzen Prozess gemacht. Dort, wo der Garten hinsoll, stehen auf wilder Wiese ein paar alte Apfelbäume, knorzige Gewächse mit Flechten und Moosen, deren dicke Äste sich in alle Himmelsrichtungen strecken.

 

Die müssen mal als erstes weg. Schließlich braucht die Kleine Platz zum Spielen. Und was zum Klettern! Mit ein paar Freunden aus dem Dorf sägt und hackt er einen Tag lang, dann werden die Stümpfe und die Wurzeln mit dem Traktor aus der Erde gerissen, das ganze Grundstück umgebaggert.

Auf schütterem Rasen, Marke Gartenfachmarkt, stehen ein paar Wochen später eine pinkfarbene Plastik-Rutsche und eine hellblaue Kunststoffkinderkletterburg. An einem wackligen Metallgerüst baumelt eine Gummischaukel.

 

Sauerei. Unsereiner musste selbst in Berlin noch auf doofen Bäumen herumklettern.

Foto: T.Schröder/pixelio
Sauerei. Unsereiner musste selbst in Berlin noch auf doofen Bäumen herumklettern.

 

Die idyllische Struktur der alten Ortschaften, von meinen Großstädtern besuchsweise bewundert, ist mancherorts schon in Gefahr auf dem Land.  Die Obstbaumwiesen verschwinden, und Neubausiedlungen mit dem Charme von Fertighauscentern strecken von außen ihre Arme Richtung altes Dorf.

Hier bauen moderne Landmenschen pflegeleichte Bungalows oder wuchtige Einfamilienhäuser mit ausgestanzten Gucklöchern und Türen von der Stange,  Modell „Toskana“ oder „Allgäu“, die  sich an kein Verhältnis halten,  sich nicht an Wind, Wetter oder Traditionen orientieren.  So, wie der Oma ihr klein Häuschen das noch tat.

 

Marke Garmisch. Oder Modell Schluchsee.

Foto. Hörnchen118/pixelio

 

Statt hinter hölzernen Fensterläden verbarrikadieren sich die Bewohner hinter Plastikrollläden, die elektrisch heruntersummen, sobald es dämmert. Energetisch sinnvoll. Ums Haus herum ein bisschen Rasen aus der Tüte, ein paar Verbundsteine, ein Car-Port und Garagen, die so groß sind, dass sie früher einer ganzen Odenwald- Familie Platz geboten hätten.

 

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Foto: Angelina Ströbel/pixelio.
Immer schön pflegeleicht.

 

Nichts hier soll nach Landleben aussehen, nichts nach deutscher Provinz riechen. Zur gleichen Zeit verfallen im Dorfkern die alten Bauernhäuser. Mit ein bißchen Glück bekommt man hier ein Haus für unter 100.000 Euro, aber mit ein bißchen Pech entpuppt die Immobilie sich als Büchse der Pandora. Als Faß ohne Boden.  Im schlimmsten Fall kommt dann auch noch der Denkmalschutz.

 

Viel zu teuer, viel zu aufwändig ist oft genug die Sanierung, billig genug das Bauland. Junge Familien können oft nicht anders als neu bauen. Selbst, wenn sie es wollten.  Nur eines wollen sie eben gewiß nicht: Der Oma ihr klein Häuschen übernehmen. Dabei gibts inzwischen sogar Geld vom Staat und der EU, das man bekommt, wenn man alte Baustubstanz im Ortskern wiederbelebt. Schließlich geht es auch um Landverbrauch. Nur leider reicht das offensichtlich nicht als Anreiz.

 

Sonnige Aussichten. Oder so.

Foto: w.r.wagner/pixelio.
Sonnige Aussichten. Oder so.

 

Was kostet denn bei Ihnen der Quadratmeter?  habe ich in den ersten Odenwälder Wochen mal den Bürgermeister gefragt. Bauland, erschlossen? 49 Euro, hat er geantwortet. 49 Euro?? wiederholt Geo wie ein ungläubiges Echo. Finden Sie das zu teuer?, fragt der Bürgermeister, ehrlich besorgt. Finden wir nicht. Schließlich kosten Grundstücke, die nicht mal eine Fahrstunde entfernt liegen, mitunter schon das Zehnfache.

 

 

Wir entscheiden uns trotzdem gegen einen Neubau, für ein vergleichsweise altes Haus. Immerhin steht es schon eine Weile leer herum und verlottert zusehends. So häßlich, daß es keiner haben will. Das aller-hässlichste Haus im ganzen Odenwald, pflege ich zu sagen, aber Geo widerspricht dann immer. Es lebt eben von innen, sagt er etwas esoterisch. Wahrscheinlich sehen das die Bewohner der Neubauhäuser an den Dorfrändern genauso.

 

 

Ein ehemaliges Gasthaus aus den 60er Jahren haben wir gekauft und saniert, mitten im Dorf, trotzdem leider ohne EU-Zuschüsse, grottenhässlich von außen, auch jede Ordnung  sprengend, aber optimal von innen: wenige, aber riesige, helle Räume, viele Fenster , hohe Wände. Das Haus bietet alles, was ein freischaffender Künstler-Geo braucht.  XXL-Türen und ein großes Tor.  In seinem letzten Junggesellenatelier stellte mein Künstler erst bei einem Bildverkauf fest, daß das verkaufte Bild, oh schreck,  ja leider gar nicht durch die Tür passt, und sowas soll ihm nicht nochmal passieren.

Dazu ein riesiger Garten mit Bäumen und Büschen, die Scheune, die Hühnerwiese. („Das ist doch kein Garten“, hat mal der Besuch eines Gartenordnungs-liebenden Nachbarn beim Blick über den Zaun gewispert,  – nicht ahnend, dass mein Geo direkt hinter dem Zaun auf allen Vieren durch den Rudi-Steiner-Kompost kroch, „das ist doch ein Dschungel!“)

 

 

 

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Ich weiß auch nicht, wer diese Männer sind, die da in meinem Eßzimmer sitzen. Ist aber auch schon ein paar Jahre her.

 

 

Hässlich, aber wenigstens traditionsreich: Das ist mein Trost. In unserem Esszimmer haben bis in die 80er Jahre die Paare aus dem Dorf ihre Hochzeiten gefeiert, haben sich abends die Männer am Stammtisch getroffen. Jeder Dorfbewohner über 40 hat in den Pensionszimmern des Hauses, in denen wir heute leben und arbeiten,  irgendwann mal einen legendären Rausch ausgeschlafen.

 

Zum Einzug hat der Ortsvorsteher uns eine dicke Sammlung alter Fotos geschenkt: Das Gasthaus „Löwen“: Bilder vom winzigen Vorgängerbau um 1900, Bilder von der stolzen, ausladenden „Löwen“-Wirtin am Tresen ihres schicken neuen 60er-Jahre-Klotzbaus, Fotos von wilden Hochzeitspartys. Unsere Nachbarin haben wir auf einem der Fotos wiedererkannt, beim Hochzeits-Tanz in unserem Esszimmer.

 

Party2

 

Als kleine Reminiszenz an die Löwen-Vergangenheit des Hauses haben wir versucht, so wenig wie möglich zu verändern. Haben die honiggelben Glasscheiben in den Türen zwischen Gastraum und Küche belassen, die so scheußlich sind, dass es fast schon wieder schön ist, haben das knallrote Kunststoff-Metallgeländer an der 60er Jahre-Treppe, die Aufschrift „WC Damen“ am kleinen Bad erhalten.

 

Das Haus ist nicht hässlich, es ist authentisch, tröstet mich der beratende Architekt. 60er Jahre auf Odenwälderisch.

 

Na, immerhin. Dann hab ich ja gut reden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Frage der Dialektik.

Eine Odenwälder Bekannte berichtet, ihr hoch seriöser Arbeitgeber lege großen Wert darauf, daß die hoch seriösen Mitarbeiter seines hoch seriösen Unternehmens bei Gesprächen mit hiesiger Kundschaft kein Hochdeutsch sprechen. Sondern Dialekt. Je breiter, desto besser. Jedenfalls unter keinen Umständen Hochdeutsch.

Hochdeutsch klingt intelligent.

Also arrogant und abgehoben.

Un so wolle mir ja net wirke, odda?

 

Nein, wer will das schon. Blöd nur, daß ich außer Hochdeutsch wenig kann. Dialekt haben sie uns im Berlin meiner Jugend ja verboten. Hochdeutsch mussten wir reden.

Hochdeutsch klingt intelligent.

Also wohlerzogen, weltgewandt, gebildet.

 

Kommste ganz schön durcheinander hier.

Weißte jetzt aber auch immer mehr, warum die sich alle manchmal so schwer tun mit Zugereisten wie mir.

 

Foto. Claudia Brefeld/pixelio

Foto. Claudia Brefeld/pixelio

 

 

 

 

 

Erste Hilfe.

Icke so neulich, früh morgens:

Fotomotiv zwischen zwei Dörfern gesucht (und gefunden).

Auto mit Warnblinke an den Randstreifen geklemmt.

Mit gesenktem Kopf und Kamera in der Hand übers Feld gestolpert.

rauhreif

 

Nähert sich langsam ein Transporter mt einem jungen Kerl am Steuer. Nie zuvor gesehen.

Alles in Ordnung? Oder brauchen Sie Hilfe?

 

Zu Beginn meines Landpomeranzendaseins habe ich das für eine besonders dämliche Form der Anmache gehalten.

Aber die meinen das ernst.

Die sind hier so.

 

 

Wildes Treiben.

Freund Klaus war seit heute früh eingeschlossen in den eigenen vier Wänden. Ein Gefangener im eigenen Haus. Der Aussiedlerhof umstellt von bewaffneten Männern. Die Straßen ringsherum gesperrt, kein Durchkommen. Ich wollte auf einen Kaffee zu ihm und seiner Frau. Zu gefährlich, bleib bloß weg, sagt er am Telefon. Wir sind hier im Auge des Orkans, überall Geballer und Gebelle.

Foto: Klaus Hilger, ausm Vorgarten heraus, sozusagen.

Foto: Klaus Hilger, ausm Vorgarten heraus, sozusagen. Die Herren warten auf die Sau.

Treibjagd im Odenwald. Muß wohl sein, hin und wieder. Wer – wie wir – den Speisezettel voller Wildfleisch hat, muß sich mit sowas arrangieren. So oder so.

Es ist schon ein paar Jahre her, da war ich zum ersten Mal selber zu einer Treibjagd eingeladen. Naja, was heißt „eingeladen“ – sie brauchten noch ein paar Mann Fußvolk, und in ihrer Not nahmen sie auch eine Frau. Die Not muß groß gewesen sein, denn bis dato hatte es noch nie eine Frau gegeben, die bei einer Treibjagd rund ums Dorf als Treiberin dabei war.

Ein historischer Moment also sozusagen, als ich in dicker Hose, dicker Jacke und mit dicken Schuhen am Ausgangspunkt auftauche. Als ich mich – ganz Großstädterin – höflich vorstelle und erkundige: „Ich gehöre zu den Treibern – wo muß ich hin?“: Geraune und Geglotze, aber leider keine Auskunft.

Die Lage ist trotzdem schnell durchschaut am Anfang dieser Treibjagd damals. Auf dem einen Haufen stehen die Jäger, ältere Herren zumeist, in feinem Loden, schwere Waffe um die Schulter. Kläffende, ungeduldige Hunde, die als ordinärer Dackel durchgehen würden, aber in Wirklichkeit alpenländische Bracken sind oder niederösterreichische Schweißhunde.

Die Herren wärmen sich an diesem eisigen Morgen schon mal auf und glühen vor. In die Tassen fließt die Jägerschorle, halb Kaffee, halb Cognac. Morgens um Acht. Ob die nachher noch gut zielen können? Naja, egal, jetzt kann ich nicht mehr kneifen.

Auf der anderen Seite des Hofes das Fußvolk. Die Treiber. Die Landwirte aus dem Dorf, die den Sauen mal so richtig den Appetit auf ihren Mais verderben wollen. Für sie ist die Treibjagd eine Art Schadensbegrenzung. Feindesabwehr im Voraus. Zum Vergnügen machen sie hier nicht mit, eher aus Notwendigkeit. In Gummistiefeln und Anoraks sind sie angerückt, bekommen grellgelbe Schutzwesten, damit die Jäger auch nach Jägerschorle noch Keiler von Treiber unterscheiden können. Auf den einen sollen sie schießen, auf den anderen bitte nicht, lautet die Anweisung.

Was sie mit mir anfangen sollen, wissen die Treiber jetzt noch nicht so recht. Ob ich überhaupt schon mal im Wald war? Ja, war ich. Gut. Ob ich brüllen kann? Kann ich auch, mach ich mit meinem Mann fast jeden Tag, haha. Der Punkt geht an mich. Und Ausdauer? Hab ich, keine Sorge. Na, dann.

Im Hänger eines Traktors geht es für die Treiber rumpelnd an den Start, alles schaukelt durcheinander, so kommt man sich trotz Wind und Kälte näher. Und die ersten Rufe, gegen den Motorenlärm: „Paßt mir uff die Fraa Kroitzsch uff!!“ Der Treiber-Chef befiehlt, und alle passen auf. Helfen mir am Ziel sogar gentlemanlike vom Hänger runter. Die Jäger fahren derweil in ihren Range-Rovern mit Sitzheizung an ihre vorher festgelegte Position.

In den kommenden fünf Stunden stolpere ich durchs Odenwälder Unterholz und bearbeite mit einem langen Stock wild brüllend die Bäume, die sich mir in den Weg stellen. Das erste und letzte Mal in meinem Leben so laut gebrüllt habe ich als Teenie auf einer Schülerdemo am Wittenbergplatz. Ging damals wahrscheinlich gegen Atomkraft. Heute gehts gegen Odenwälder Schweinereien. Durch unseren Höllenlärm sollen die Sauen aufgeschreckt und den Jägern vor die Flinte getrieben werden. Wir laufen, stolpern und kriechen nach einer unsichtbaren Choreografie durchs Dickicht, immer da lang, wo die Sauen vermutet werden.

Sehen kann ich die Mit-Treiber nicht. Nur hören. Irgendwo rechts neben mir: ein Baß: Hooooo, hoooo! Zack!, kracht der Stock gegen den Baum. Hooo hoo! Zack! Von links hinten ein dünner Tenor: oioioioioiiiiii! Zack! Oioioioiiiiii! Zack! Dazwischen immer wieder die fernen Rufe des An-Treibers: „Is die Fraa noch do??“. Irgendeiner aus meiner Nähe brüllt dann zurück in den Wald „Jooo!! Do isse!!“ Das erste mal eine Frau dabei – und die dann auf Nimmerwiedersehen im Wald verschollen, ein Albtraum für die Jagdgesellschaft, offensichtlich.

Nach zwei, drei Stunden werden wir uns schon vertrauter, obwohl – oder vielleicht grade weil keiner den anderen sieht: „Is des Mädle noch do???“, brüllt inzwischen der Chef durch den Wald, und ich denke „meint der mich??“, brülle vorwitzig „JA“ zurück, zwischen hohohooo! und oioioioiiiii! und Zack!

Am Ende geht es noch durch ein regendurchweichtes Rapsfeld. Die Pflanzen locker 2 Meter hoch. Alles voller Wasser, der Blick reicht keine 20 Zentimeter weit. Da liegen sie sicher drin, bestimmt der An-Treiber den Einsatz, ich mache mir vor Angst fast in die klatschnassen Hosen, mime aber die erfahrene Treiberin. Am Ende angekommen, sehe ich aus wie nach einer Schlammschlacht und damit so, wie alle anderen auch. „Gut gemacht, Mädle“ adelt mich der 16jährige mit der oioioiii-Fistelstimme, der die ganze Zeit in meiner Nähe war.

Geschossen wurde seinerzeit nichts. Vielleicht waren die Sauen einfach schlauer als wir. Ich ertappe mich, daß ich mich in solchen Momenten heimlich freue. Für die Sauen. Mädle halt.

Ich war seitdem noch auf ein paar Treib- und Drückjagden, dann nicht mehr als bestaunte Exotin, sondern als ganz normales Mitglied der jeweiligen Jagdgesellschaft. Vor ein paar Monaten wurde in der Nähe ein Treiber erschossen, von einem Querschläger. Ich bleibe jetzt erstmal zuhause.