St. Die

Ich wollte mal so ein richtiges, typisches, französisches Kleinstädtchen besuchen, schnuckelige Fachwerkhäuser, bunte Fassaden, schmale Gassen, naja Sie wissen schon. Also sind wir spontan nach St. Die gefahren. Ein Reinfall sondergleichen. Aber sowas von. Allerdings nur auf den ersten Blick.

St. Die des Vosges ist alles andere als ein typisches französisches Städtchen. Nix Fachwerk, nix bunte Fassaden. Die 17.000-Einwohner-Stadt ist komplett (komplett!) im Stil der 50er Jahre erbaut, nüchtern und sachlich, wie Architektur-Kenner es nennen würden. Unter diesem Aspekt ist St. Die natürlich durchaus spannend, aber wohnen wollte ich hier nicht, bei aller Liebe zur modernen Architektur. Wenn schon Frankreich, dann bitte richtig.

Wir gehen etwas ernüchtert in eine kleine, sehr hübsche Patisserie in diesen 50er Jahre-Arkaden, die junge Chefin hinter der Theke ist das, was man früher zauberhaft genannt hätte, und leider fällt mir gar kein anderes Wort ein, sie ist einfach zauberhaft, mit einem strahlenden Lächeln und ebenso strahlenden Augen. Während wir auf unseren Kaffee warten, nutze ich das allgegenwärtige WLAN, um mal herauszufinden, was es denn mit dieser Stadt auf sich hat, abgesehen von der prächtigen Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert, die wir natürlich auch anschauen wollen.

St. Die ist das, was die Nationalsozialisten stolz Verbrannte Erde nannten. Auf ihrem Rückzug im November 1944 wollten sie den vorrückenden Alliierten nichts hinterlassen als eben diese verbrannte Erde. Eine Wüstenei, mit der nichts mehr anzufangen wäre, keine Zukunft mehr denkbar. Niemand sollte mehr ein Dach über dem Kopf- , oder im bevorstehenden Winter ein warmes Haus haben.

So waren die Deutschen auch in St Die. Zunächst trieben sie fast 1000 Jungs und Männer zusammen und deportierten sie zur Zwangsarbeit nach Mannheim. Dann plünderten sie Häuser und Geschäfte, raubten LKW-weise, was ihnen wertvoll erschien, schlugen alles andere kurz und klein. Sie kamen mit Flammenwerfern und Granaten, legten mehr als 2000 Gebäude in Schutt und Asche. Fünf Tage lang war die ganze Stadt ein einziges brennendes Trümmerfeld, und am Ende die größte Ruinenstadt in ganz Ostfrankreich, wie ich hier auf dieser sehr interessanten Website nachgelesen habe.

Während ich das also schnell überfliege auf dem Smartphone und mir die erste Enttäuschung über die vermeintlich hässliche Architektur dieses Ortes im Halse stecken bleibt, serviert die zauberhafte Chefin uns strahlend Kaffee und Croissants. Wir entschuldigen uns, dass wir nur so wenig französisch sprechen, sie entschuldigt sich, dass sie kein Deutsch kann, leider, leider, sagt sie.

Weil mein Geo noch rauchen möchte, bestelle ich mit perfekter französischer Aussprache, aber mit leider komplett verkehrter Vokabel einen Fahrstuhl, einen ascenseur, woraufhin die zauberhafte junge Frau lachend die Augen aufreißt und damit noch hübscher aussieht als ohnehin schon. Non, non, non, sagt sie, ascenseur: und dann macht sie eine schnelle Bewegung mit der Hand, rauf und runter, rauf und runter, Sie meinen cendrier, einen Aschenbecher. Dann lachen wir sehr herzlich miteinander, und jedes Mal, wenn sie nach uns und unseren Wünschen schaut, hier draußen unter den Arkaden, wird der ascenseur zum Running Gag.

Beim Gehen bedanke ich mich für den guten Kaffee, die feinen Croissants und natürlich auch für den Fahrstuhl, dann lachen wir wieder miteinander, sie winkt und sagt Danke für Ihren Besuch.

Und wenn Sie mich fragen: Das ist Europa.

 

 

 

P.S. Ich glaube fast, das könnte nochmal ein Beitrag für die Blogparade #SalonEuropa werden, zu der das Museum Burg Posterstein aufgerufen hat. Also bitte.

 

WMDEDGT.

Der Fünfte des Monats, Tagebuchbloggen, Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, kurz wmdedgt, naja, Sie wissen schon. Die Frau Brüllen möchte von uns einen kleinen Abriss eines stinknormalen Tages, also bitte sehr.

So ganz stinknormal ist das natürlich nicht, denn wir sind im Urlaub. Der Hund da oben im Bild fasst das im Prinzip eigentlich schon sehr gut zusammen, was wir hier so tun in den Vogesen, aber Faulenzen wird ja auf die Dauer auch langweilig, weil man nie genau weiß, wann man fertig ist damit, deswegen tun wir also noch anderes. Zumindest zwischendurch.

Auf Gallenkoliken warten zum Beispiel. Ja, Sie haben richtig gelesen. Ich warte. Mal mit, mal ohne Erfolg. Heute blieb ich verschont, da freut man sich. Keine Bange, sagt der deutsche Arztfreund zu meinen detaillierten Beschreibungen der dramatischen Szenerie am Telefon, da musste durch, is blöd, aber nicht gefährlich. Man wird halt nicht jünger. Nicht mal im Urlaub.

Leider wird man auch nicht satt. Der französische Zwieback gilt zwar unter Connaisseusen als das non-plus-ultra der internationalen Zwieback-Kunst, hat aber noch niemanden jemals wirklich satt gemacht. Also gibt es zum Frühstück erst einen kleinen Zwieback, dann einen großen Hunger. Und dazu einen feinen Kümmel-Fenchel-Tee. Ja, da staunen Sie.

Und weil ungewöhnliche Vorkommnisse in diesem Urlaub offenbar groß im Kommen sind, fahre ich nach dem Frühstück schon wieder Richtung Deutschland, Richtung Saarland. Ein Todesfall im Freundeskreis, da fährt man hin. Ein alter Mann ist da gestorben, ein Vater, Opa, Uropa, das geht in Ordnung, und die Trauerfeier im riesigen Familienkreis ist wunderschön, ich kann es gar nicht anders sagen. Ich finde ja überhaupt Feiern in riesigen Familienkreisen immer ausgesprochen beneidenswert, aus Gründen, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte. Oder nur ein romantisierendes Vorurteil, das müssen jene entscheiden, die einen riesigen Familienkreis ihr Eigen nennen.

Jedenfalls fahre ich bei strahlender Sonne und milder Luft ein paar Stunden über Land, das Navi lotst mich von einem Dorf ins nächste, über Nationalstraßen und Rue Dingsbums und Avenue Sowieso, das Navi spricht alle diese französischen Namen amerikanisch aus, das ist zuweilen lustig, erfordert vom Fahrer allerdings auch allerlei phonetische Phantasie.

Die Dörfer sind alle sehr hübsch, aber auch sehr ausgestorben, das hat auch wieder einen romantischen Reiz, ist aber vermutlich für die Dagebliebenen nicht der Brüller. Die Szene bei Regenwetter würde man vermutlich trostlos nennen.

In Frankreich scheint das Land noch deutlich strukturschwächer und reizärmer zu sein als im angeblich so strukturschwachen Odenwald, so wirkt es beim Passieren zumindest. Kein Cafe, kein Restaurant, an jeder Ecke Häuser zu verkaufen, Läden zu vermieten, die entsprechenden Schilder sehen so aus, als würden sie schon seit 1870/71 erfolglos nach Käufern oder Mietern rufen.

Und wieder mal ärgere ich mich, dass ich zuwenig Französisch spreche, andernfalls wäre ich auf dem Rückweg von der Beerdigung mal ausgestiegen und hätte irgendjemand angequatscht, ein paar Leute sind immerhin hie und da unterwegs in den Dörfchen.

Meine Französisch-Sprachkenntnisse sind aber in etwa auf dem Niveau eines Kleinkindes, also lasse ich das und fahre weiter über Land, vorbei an riesigen Feldern, über eine lange Birken(!)-Allee, ich tuckere hinter Traktoren und Schulbussen her und bewundere über -zig Kilometer die Rückfront eines dieser merkwürdigen Winzmobile, die hier gerne von Rentnern gefahren werden, Maximalgeschwindigkeit 15 Stundenkilometer. Überholen verboten, ja, gut. Aber ich habe ja Zeit. Ich habe ja Urlaub.

Umme Ecke vom Ferienhaus.

Am Abend bin ich zurück im Ferienhaus, die Hunde bellen und wedeln wie wild, mein Geo freut sich und kocht eine Diät für mich, Kalbsschnitzelchen mit Spargelrisotto oder sowas in der Art. Es schmeckt herrlich und ich lasse sicherheitshalber zwei Drittel der Portion stehen. Nur wer jemals eine Gallenkolik hatte, kann das verstehen.

Dann sitzen wir in diesem fremden und doch schon vertrauten Häuschen bei Kerzenschein in der Küche, wir essen und trinken und reden, dem Anlass angemessen, über das Leben und über den Tod. Und darüber, ob sich gläubige Menschen wohl mit dem Sterben leichter tun als nicht-gläubige. Und darüber, wie man im Jetzt lebt, im Heute, und nicht dauernd im Gestern, im Morgen.

Man sollte das ja überhaupt viel öfter tun: im Heute leben, im Jetzt. Zumindest könnte man ja mal anfangen, es regelmäßig zu üben. Heute. Spätestens morgen.

 

 

 

 

My car is my castle.

Odenwälder Einkaufsfahrt mit zwei jungen Männern aus Afrika. Oder: Wie man ein Weltbild zerstört.

Ich: Kommt rein, aber wundert Euch nicht über den Gestank hier drin.

Er: Oh, it’s ok.

Ich: We use to transport dogs and the cat and chicken and goats in this car.

Stille

Stille

Er: GOATS???

A goat.

Ich: Yes. Goats. We have to transport them somehow.

Er: Hmhm.

Stille.

Autofahrgeräusch

Stille.

Er: Are you GERMAN?

Ich: Yes.

Stille

Er: I mean, were you BORN in Germany?

Ich: Yes. You mean, because of the goats in the car?

Stille.

Er: But you have another car?

Ich: Nein. Das ist mein einziges Auto.

Er: Hmhm. …ok.

Stille.

Stille.

Stille.

 

 

 

 

 

Subsahara.

Die Dorfbevölkerung war eingeladen dieser Tage, den Hinweis hatte ich im Amtsblättchen gelesen. Es ging um ein erstes Kennenlern-Gedöns mit den neuen Nachbarn hier im klitzekleinen Ort. In diesem Ort, tief in der vermeintlichen Provinz, der ausser einer kleinen Kreuzung, einem gelben Briefkasten und einer Gastwirtschaft auf den ersten Blick nicht wirklich viel zu bieten hat. Mittendrin, im alten Dorfschulhaus, wohnen seit nicht mal zwei Wochen zwölf Männer aus Subsahara-Afrika. Zu Kolonialzeiten nannte man das Schwarzafrika – Togo, Gambia, Somalia, auch Eritreer sind dabei.

Als ich ein bißchen überpünktlich ankomme, warten hoffnungsvoll und zuversichtlich ein paar wenige leere Stühle im Raum, und überhaupt ist es sehr leer, so insgesamt. Während ich noch unschlüssig herumstehe, kommen der Ortsvorsteher und der Bürgermeister, und dann diese und jene, und der und der und die und die, und plötzlich müssen mehr Stühle her, und immer mehr Menschen kommen, vom Kleinkind bis zur Rentnerin, und es werden Stühle geschleppt und gerückt, und dann muß der schicke neue Rolladen-Raumteiler hochgerollt werden, um den Saal zu vergrößern, und immer mehr Leute kommen, und es werden immer mehr Stühle geschleppt und Stühle gerückt.

Am Ende sind es 30 oder 40 Leute aus dem 300-Seelendorf, die kennenlernen und vielleicht auch Hilfe anbieten wollen. Zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, mal so ganz grob gerechnet. Und am Ende gibt es konkrete Hilfsangebote und einen kleinen Helferkreis und eine Liste, in die alle anderen eintragen sollen, ob und wie auch sie die neuen Nachbarn unterstützen können.

Falls Sie jetzt auf eine Pointe warten: Es gibt keine.

Ich wollte das einfach mal nur so erzählt haben. Aus Gründen.

 

 

 

 

 

Gardinenpredigt.

Ich war dieser Tage bei den Freunden auf dem Aussiedlerhof, es war der vielleicht letzte schöne Spätsommerabend, am Himmel lachten der Mond und die Sterne, im Stall gegenüber muhten und schnauften die Kühe, ein leichter Wind wehte den Geruch von reifen Äpfeln und Pflaumen und feuchter schwarzer Erde heran, und über allem hing eine friedliche Ruhe.

Aber natürlich täuschte die Bilderbuch-Idylle, aber sowas von, denn es brauchte auch hier wieder nur ein paar Minuten, dann saß, Zack!, zwischen Wein- und Wassergläsern, zwischen Salat und Salzstreuer der Herr Maaßen mit am Tisch, und die Frau Merkel, die Frau Nahles, der Seehofer-Horstl natürlich sowieso, Zack!, Zack!, Zack!, und überhaupt die ganze Große Koalition und alle die da oben. Wir kamen vom Sozi-Hölzchen aufs CDU-Stöckchen, zählten uns gegenseitig sämtliche vermeintlichen Polit-Verfehlungen der vergangenen 10 bis 20 Jahre auf, redeten uns in Rage und schüttelten im Takt dazu die Köpfe über die da oben. Sie kennen das.

Ein Symbolfoto. Von gestern. Bei Waldhausen.

Ach!, seufzte ich ins allgemeine Lamento hinein, – ich seufze das immer, wenn ich nicht mehr weiterweiß -, ach, was soll man denn den Leuten sagen gegen ihre Politikverdrossenheit? Viel fällt mir da bald nicht mehr ein. Dann wurde die Entenbrust aufgetragen, wir versanken eine Weile in gefräßiges Schweigen, wie meine Urgroßmutter zu sagen pflegte, und wechselten danach das Thema.

In den kommenden Tagen habe ich ein bißchen über Politik nachgedacht, vor allem über die da unten. Die vor Ort. Macht man ja vielleicht viel zu selten, sowas. Ich dachte an die vielen kleinen Bürgermeister (und die paar Bürgermeisterinnen hierzulande) in ihren klitzekleinen Rathäusern (wenn ich das so sagen darf, als arrogante Berlinerin, naja, Sie wissen schon), in ihren Amtsstuben, die nicht selten noch den modrigen Charme der 60er und 70er verströmen. Mit einer Handvoll Mitarbeiter und für vergleichsweise moderates Gehalt reißen sie sich jeden Tag den Arsch auf, Sie verzeihen das Kraftwort, aber man kann es gar nicht anders sagen.

Sie kümmern sich um Kläranlagen und um Kindergärten, um Laternen und Latrinen, um Bauanträge, Bürgersteige, Nahversorgung, Grundversorgung, Einzelhandel und Verkehr. Um Kneippbecken und Grünanlagen. Um Flüchtlinge, Glasfaser und Gewerbesteuer, um Friedhof und um Leichenhalle, um Spielplätze und Hundekot. Ja, ich entnehme den ständigen Mahnungen im hiesigen Amtsblatt, dass auch Hundewürste immer wieder ein Thema sind, mit dem man sich im Rathaus herumzuschlagen hat, denken Sie bitte daran, wenn ihr Fiffi beim nächsten Mal seinen Haufen in andrer Leuts Vorgarten oder auf ein Urnengrab (sic) setzt, das kann doch nicht so schwer sein, Himmelherrgottsakranocheemool.

Und noch eines zeichnet die braven Bürgermeister hierzulande aus. Sie treffen ihre Wähler täglich, und das ist manchmal vielleicht auch nur so halb-lustig. Beim Bäcker und beim Metzger sowieso, dazu beim Vereinsfest, bei der Züchterschau, beim Jubiläumsturnen der Damengymnastikgruppe, beim Geburtstag des Pfarrers, bei der Blasmusik, beim Chorfest, auf dem Sportplatz. Überall dort, wo Bürgermeister semi-freiwillig ihre Abende und ihre Wochenenden verbringen, während unsereiner auf dem Sofa hockt und in die Glotze glotzt und über die da oben schimpft.

Von Ortschafts- und Gemeinderäten will ich da noch gar nicht reden, von all jenen, die das auch noch ehrenamtlich machen, sich zur Wahl stellen und dabei riskieren, abgewatscht zu werden, dann Akten wälzen, Sitzungen absitzen, sich sehen lassen, sich beschimpfen lassen.

Sie ahnen, worauf ich hinauswill? Politikverdrossenheit hin oder her – vergessen Sie doch einfach die da oben. Oder von mir aus: empören Sie sich. Aber gucken Sie auch ein paar Etagen tiefer. Richtung Rathaus. Richtung Gemeinderat, Richtung Dorf. Wenn Ihrer Ansicht nach irgendwas grundlegend schief läuft, dann engagieren Sie sich gefälligst. Mikrokosmos im Makrokosmos, Sie wissen schon. Vor Ort. Da, wo man was ändern kann. Kann man, glauben Sie mir. Möglichkeiten gibts genug, nun stellen Sie sich nicht so an. Ortschaftsrat, Gemeinderat, Kirche, Vereine, Sie werden schon was finden. Auf jeden Fall engagierte, motivierte Mitstreiter. Das tut ja schon mal gut genug bei all der Maulerei der 82 Millionen Spitzenpolitiker, die im Moment in Deutschland mitreden, mitmaulen und mitregieren wollen. Und dann: einfach machen.

Botschaft angekommen?

Bitte. Danke. Ende der Gardinenpredigt.

Himmelherrgottsakranocheemool.

 

 

 

 

 

12 von 12.

Zwölf Bilder am Zwölften eines Monats, bitte sehr, das wünscht sich die Frau mit den Kännchen, und hier kann man auch andrer Leuts 12von12 begucken. bei uns war das ganz und gar nix Aussergewöhnliches heute, ein bisschen Büroarbeit, ein schnelles Mittagessen, das den Namen kaum verdient hat, ein Termin, Büroarbeit, Hundekram, naja, Sie wissen schon.

Morgenrunde. Mit Lichtblick. Kann man ja brauchen in dieser Welt. 1/12

2/12

Bürotrichterhund. Hört nix, dank Trichter. 3/12

 

Icke. Höre alles, dank Technik. 4/12

 

Auf dem Weg zu wegweisenden Terminen. Gassi. 5/12

 

Immer regelmäßig zu Mittag essen, hat der Arzt empfohlen. 6/12

 

Große Ereignisse werfen ihre Dixies voraus. 7/12

 

Ja, so können Termine hier auch mal aussehen. 8/12

 

Ich geh ja schon wieder. 9/12

 

Zurück im Büro. Zimmer mit Aussicht. 10/12

 

Terrassen-Feierabend. 11/12

 

Und nur ein schlichtes, schnelles Essen, sagt der Gatte. 12/12

 

 

 

 

 

Das macht man halt so.

Da war vor vielen Jahren dieser nette Kollege mit dem wundervollen Namen Pius. Ich war neu hier auf dem Land und tat mich mit dem Eingewöhnen schwer, und er sagte Angekommen bist Du in der neuen Heimat, wenn Du das erste Mal auf eine Beerdigung gehst. 

Dass es dann ausgerechnet seine Beerdigung war, auf die ich ein paar Monate später ging, war wie eine bittere Ironie des Schicksals, aber jedenfalls denke ich seitdem bei jeder Beerdigung an Pius und seine Worte.

Ich bin wohl inzwischen angekommen, und ich war schon auf einigen Beerdigungen hier in der vermeintlichen Provinz. Vieles ist mir dabei immernoch fremd und neu. Die Tradition zum Beispiel, den Angehörigen ein bisschen Geld zu schenken. An der Kapelle ist unter dem Kondolenzbuch ein kleiner Briefkasten aufgehängt, dorthinein kommen die Umschläge mit Geldscheinen, und jeder bringt so einen Umschlag, wirklich jeder.

Das erste Mal wurde ich mit dieser Sitte konfrontiert, als im fernen Darmstadt meine Mutter gestorben war und ich die entsprechende Anzeige in die hiesige Zeitung gesetzt hatte. In den kommenden Tagen flatterten allerlei Odenwälder Beileidskarten ins Haus, und in vielen davon steckte ein großer oder kleinerer Geldschein.

Ich war befremdet, um es mal vorsichtig zu formulieren. Absolut befremdet. Meinten die Leute, ich könne alleine die Beerdigung nicht bezahlen? Kannten die meinen Kontostand? Sollte ich von dem Geld Blumen und Kränze mit den Namen der Spender bestellen? Sollte ich Tod und Trauer mit schnödem Mammon besiegen? Fragen über Fragen.

Es geht um ein Zeichen der Solidarität mit dem Trauerhaus, hat mir dieser Tage ein Odenwälder Freund gesagt, und er fügte dann die Sätze an, die ich doch eigentlich so grässlich finde. Das gehört sich halt so. Das haben wir schon immer so gemacht. 

Ein Symbolbild.

Also habe auch ich neulich zum ersten mal bei einer Beerdigung Geld in einen Umschlag – und den Umschlag in das kleine Briefkästchen unter dem Kondolenzbuch gesteckt. Das gehört sich halt so. 

Und so stand ich da auf dem Friedhof vor der Kapelle, und von allen Seiten strömten die Leute aus dem Dorf herbei, alte und junge, zu Fuß, mit dem Auto, dunkel gekleidet. Schweigend kamen immer mehr, der exakt geformte Halbkreis vor der vollbesetzten Kapelle wurde größer und größer, und fast sah es aus, als wollte er einen schützenden Bogen um die Trauerfamilie im Inneren der Kapelle bilden. Ich fand das ein sehr tröstliches Bild.

Wenn einer aus dem Ort gestorben ist, geht man zu der Beerdigung, das macht man halt so, das gehört sich halt so. Ob man ihn kannte, ob man ihn mochte, das scheint zweitrangig zu sein, es ist eine alte Tradition, und es hat etwas mit Respekt zu tun.

Manchmal höre ich Menschen über diese Tradition schimpfen – Menschen, die weggezogen sind aus ihrem Heimatdorf, raus in die Stadt. Wie verlogen das sei, sagen sie, wie aufgesetzt die Trauer. Dass manche aus reiner Neugierde kämen, die Tratsch- und Klatschtanten – und -onkel des Dorfes nur schauen wollten, wer da so kommt und wer nicht. Und wenn schon, denke ich mir. Die müssten dann selber damit klarkommen, wenn sie sich morgens im Spiegel angucken.

Und überhaupt dachte ich so vor mich hin bei dieser Beerdigung. Dass diese Sätze manchmal so verkehrt gar nicht sind: Das gehört sich einfach so. Das gehört sich nicht. Das macht man so. Das macht man nicht. Wenn es um Anstand, Respekt oder gute Erziehung geht. Oder um das, was zumindest ich darunter verstehe. Ich kann daran gar nichts Provinzielles finden. Im Gegenteil.

Aber vielleicht werde ich ja auch nur einfach alt.

 

 

 

 

WMDEDGT.

Es ist der Fünfte des Monats, und das ist traditionell der Tag, an dem die freundliche Nachbarbloggerin wissen will, was wir eigentlich so treiben, den lieben, langen Tag. Treue Leser kennen das, hier erfahren Sie mehr und können auch die anderen entsprechenden Beiträge nachlesen. Tagebuchbloggen nennt man das, und ich mache immer wieder gerne mit. Auch an so vergleichsweise unspektakulären Tagen wie heute.

Also, was mache ich den ganzen Tag, hier in der vermeintlichen Provinz? Ich stehe erstmal auf. Sie ja wohl auch. Dann Kaffee in dunkler Küche, ja, es ist wieder soweit, morgens, wenn der Wecker klingelt, ist es stockefinster in der Küche. Dem Hahn zuhören, dem neuen, der Gatte bestand darauf, also musste ein Hahn her. Die vorprogrammierten Konflikte mit der freundlichen Nachbarin wird er zu gegebener Zeit lösen, großes Ehrenwort.

Raus mit den Hunden, große Runde, am See die Forellen füttern und Grünzeugs für die Ziegen sammeln. Is klar. So macht man das als überzeugte Landpomeranze. Zuhause dann rasch Ziegenstall checken, Ziegen füttern, Hühnerstall checken, Hühner füttern, übellaunige Katze reinlassen und Katze füttern, zu guter Letzt die Hunde füttern. Soweit das mit den Hunden einfach so geht, Frau Lieselotte musste dieser Tage einen Teil ihrer Rute beim Tierarzt lassen und trägt seitdem ohne jede Anmut, ohne jeden Stolz, einen überdimensionierten Plastiktrichter auf dem Kopf.

Das sieht nicht nur behämmert aus, wie eine Mischung aus Buchemer Faschenacht und Weltraumhündin Laika (oder wie die hieß) am Weltraumbahnhof Baikonur, es ist auch behämmert, vorallem nervenaufreibend, weil das gute Tier im fünf-Sekunden-Takt bei jedem krachenden Andotzen des Trichters an einem x-beliebigen Möbelstück, einer Tür oder dem Fußboden hysterische An- und Ausfälle bekommt, ja, man gönnt sich ja sonst nix, morgens um Sieben. Da ist die Welt schon nicht mehr in Ordnung.

Dann Abfahrt ins Büro, mit dem betrichterten Hund auf der Rückbank. Der Hund glotzt hechelnd aus dem Fenster und ich denke mir, es ist vielleicht gar nicht so verkehrt, die Welt mal durch einen milchigen Plastiktrichter hindurch zu sehen, alles ist ein bisschen verschwommen, eine weichgezeichnete Traumlandschaft, wie weiland die Fotos von Herrn Hamilton, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, mit und ohne Grausen.

Weil aber das Leben einer Journalistin tief im Odenwald nicht immer weichgezeichnet ist, muß ich mich heute im Büro mal wieder auch mit unerfreulichen Dingen befassen, mit den allgegenwärtigen Mobilfunklöchern hierzulande beispielsweise, mit dem Kampf der kleinen Kommunalpolitiker gegen die Windmühlenflügel der großen Mobilfunkpolitik. Mit Apothekenrecht und einem Medikamentenversandhandel. Mit dem Wiederaufbau einer abgebrannten Flüchtlingsunterkunft. Damit, dass die Hälfte aller antelefonierten Gesprächspartner im Urlaub ist, während ich hier sitze und schwitze.

Zum Mittagessen gibt es unterwegs ein paar Pflaumen und Äpfel, frisch vom Baum gepflückt, das erfüllt zwar den Tatbestand des Mundraubs, ist aber lecker. Und außerdem hat mich ja niemand erwischt. Könnteste mit einem Arbeitsplatz in Berlin-Mitte ja ooch nich so einfach machen. Wa.

Am Nachmittag wieder sitzen und schwitzen und telefonieren und formulieren und Hörerfragen beantworten und Beiträge basteln und Post sichten und den Trichterhund bemitleiden, der sich vorwurfsvoll-stumm in sein Trichterschicksal fügt.

Schlußendlich Feierabend, zumindest so halb. Den Trichterhund zuhause abliefern, nach den Ziegen und den Hühnern schauen, einen Kaffee mit Geo, dem Göttergatten, trinken und mir von seinem Tag berichten lassen. Dann wieder los ins Städtchen, eine abendliche Ausstellungseröffnung im Bezirksmuseum Buchen. Ich bin gespannt.

Danach werde ich ins Bett fallen und dem knarzenden Trichterhund auf seiner Hundematte lauschen und von einer weichgezeichneten Welt träumen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 

 

 

Herbst.

Und plötzlich ist es Herbst. Zumindest fühlt es sich so an. Grau und verhangen, kühl und windig. Die Böen schütteln die Bäume und lassen die dicken Äste brechen, voll mit Äpfeln und Birnen. Überall liegen sie herum, die stummen Zeugen dieses Obst-Jahres. Selten habe ich die Bäume so voll hängen sehen wie in diesem Sommer.

Die Früchte kullern in den Straßengraben oder lassen sich direkt auf der Fahrbahn zu Mus verarbeiten, dicke, schmierige Teppiche aus Apfel- und Birnenmus breiten sich da aus. Manch einer sammelt das Obst, eine mühsame Arbeit, stundenlang gebückt und auf Knien, aber es bringt ein paar Euro bei der Saftpresserei im Nachbardorf, oder ein paar Dutzend Liter eigenen Saft.

Ich laufe mit den Hunden über die einsamen Felder, ich fahre durch die sonntäglich-verschlafenen Dörfer und versuche, mit dem Gegensatz zwischen dem himmlischen Frieden hier und dem aggressiven Geschrei und Gepöbel anderswo irgendwie klarzukommen.

Gar nicht so einfach. Naja, Sie wissen schon.