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Zwölf Bilder, die den Zwölften eines Monats dokumentieren, das wünscht sich ja immer die freundliche Frau mit den Kännchen, ich bin heute sehr spät dran, ich musste arbeiten. Also, so richtig, meine ich. für meinen Arbeitgeber und für Geld, naja, Sie wissen schon. Das tue ich jetzt um 21 Uhr 15 immer noch, aber das macht nichts, ich unterbreche mal eben, um Sie ein bisschen an diesem merkwürdigen Tag teilhaben zu lassen.

 

Merk-würdige Fundstücke von der morgendlichen Hunderunde:

Dann zu einem dienstlichen Termin. Wohnmobilkonvoiweltrekordversuch in Walldürn, was es nicht alles gibt. Mit einer very britishen Schiedsrichterin des Guiness-book-of-Records-Verbandes.

Fröhliche Camper getroffen. Ich beneide solche Leute manchmal. Ehrlich.

So ein Konvoi von fast 700 Wohnmobilen, der dauert. Also zwischendurch ein bisschen den Odenwälder Wald erkundet und zumindest etwas frische Luft geschnappt, von wegen Feinstaub undsoweiter. Das böse D-Wort sagen wir an dieser Stelle gar nicht.

Und schnell wieder zurück aus dem tiefen Wald an die brüllend-laute Weltrekordstrecke und zur gestrengen Schiedsrichterin, mit Mikrofon und allem PiPaPo.

Dann endlich durchatmen und heimfahren, durch den Wald und über die Felder, anders wäre da sowieso kein Durchkommen vor lauter Wohnmobilen überall.

Unterwegs kurz Guten Tag gesagt und über die Merkwürdigkeiten dieser Welt nachgedacht.

Zuhause überraschender lieber Besuch, der fachmännisch des Gatten merkwürdigste Kunstwerke begutachtet.

 

Dann fängt die eigentliche Arbeit an. Zwischendurch hat der Mann das Essen gekocht, Huhn mit – dreimal dürfen Sie raten, siehe oben. Und ich schaff jetzt weiter, gute Nacht.

 

 

 

 

Unterwegs.

Ich bin heute dienstlich auf der grössten und modernsten Getreideannahmestelle zwischen Heilbronn und Würzburg unterwegs gewesen, das ist nicht so sehr die Postkartenidylle, die man hier ansonsten gewöhnt ist, war aber doch sehr spannend. Weizen, Hafer, Gerste sieht auf den Odenwälder Feldern ja sehr romantisch aus, aber irgendwo muss das Zeugs ja hin, wenn es einen Sinn machen soll.

Ich habe mich da jedenfalls mal in experimenteller Landwirtschafts-Fotografie versucht, ich hatte ja sonst kaum was zu tun heute, ähem, naja, Sie wissen schon. 

 

 

 

 

WMDEDGT.

Immer am Fünften eines Monats fordert uns die freundliche Frau Brüllen aus dem Nachbarblog dazu auf, hier mal detailliert zu berichten, was wir eigentlich den ganzen Tag so machen. Was machst Du eigentlich den ganzen Tag, kurz (klick!) WMDEDGT, is klar.

Ich mache samstags traditionell gar nichts, ich wasche nicht mein Auto, ich mähe keinen Rasen und ich zupfe auch kein Unkraut vor der Haustür, genau genommen mache ich all das ja sowieso niemals. Ja, irgendwann musste es herauskommen, aber die Dorfgemeinschaft weiß das alles ohnehin schon längst.

Ich mache also samstags einfach gar nichts, wobei dieses GarNichts heute vergleichsweise ereignisreich war, also zumindest für selbsternannte Landpomeranzen wie mich.

Da ist zuerst mal die obligatorische HundeRunde am frühen Morgen, die uns heute unter Schäfchenwolken durch Sonnenblumenfelder führt, und natürlich an den See, zur Fütterung der Forellen, treue Leser kennen das bereits.

Am frühen Morgen deshalb, weil ich es so will, ja, wirklich, ich stelle mir selbst an Wochenenden den Wecker, weil ich den frühen Morgen für die schönste Tageszeit halte. Ich muss die Hunde dann immer bitten, doch mit mir hinauszugehen, vielleicht…, also, wenn sie es irgendwie einrichten könnten.., usw,  sie gähnen mich träge an, und aus ihren Augen spricht der entsetzte Morgenmuffel. Klarer Fall für den Tierschutz!, maulen sie, und dann rappeln sie sich langsam auf und folgen mir genervt nach draußen.

Die Hütte am See.

Nach der Hunderunde und dem zweiten Kaffee geht es über die breiten Avenidas des Odenwaldes zu einem ausgewachsenen Geburtstagskind am vermeintlichen Ende der Welt…

…und dort auf Tuchfühlung mit allerlei Vierbeinern rund ums Haus.

Ja, so habe ich auch geguckt. Die Geschichte erzähle ich Ihnen aber ein andermal.

Und wenn wir schon unterwegs sind, erlauben wir uns einen Abstecher in die nächstgrößere Stadt, das ist ja immer aufregend. Und außerdem gibt es auch hier liebe Freunde, die wir spontan treffen, wir haben heute einen für unsere Verhältnisse ungewöhnlich geselligen Tag.

Ein kleines Gedränge und Geschiebe in der Fußgängerzone, im historischen Altstadtkern, da sind tatsächlich Touristen unterwegs, und nicht zu knapp, sogar Asiaten haben wir gesehen, es ist ja kaum zu glauben, ein untrügliches Zeichen für die Tourismusfähigkeit einer Stadt. Die Flusskreuzfahrten machen hier Station, die Schiffe spucken dicke Menschentrauben aus, und das Städtchen freut sich über soviel Zulauf. Und wir freuen uns, weil es ein sehr hübsches Café und den besten (weil und einzigen) Fischladen weit und breit gibt.

Durch Wälder und Felder geht es gegen Mittag wieder nach Hause, vom Bayernland ins Badische, wir lassen die Gerüche der Stadt hinter uns, den Fischduft und die Touristenparfüms, der Wind wirbelt durchs Auto, wir tauchen wieder ein in feuchtwarmen Walddunst und die Gerüche von frisch geschlagenem Holz und Silage.

Unterwegs begegnen wir den wochenendlichen Motorradrasern mit Kennzeichen von sonstwo, die im Odenwald heulend und jaulend ihre Todessehnsucht ausleben. Na, der stirbt auch nicht im BETT, pflegte meine Großmutter beim Anblick dieser motorisierten Kampfhornissen zu sagen, Gott hab sie selig. Wir kommen dennoch unfallfrei zuhause an, das ist ja schon mal was.

Nach so viel Stadt, nach so viel Fahrerei gehe ich dann erstmal wieder mit den Hunden raus, nachmittags sind sie ja durchaus zu begeistern mit Spaziergängen, und ich genieße die Ruhe im Wald. Dabei fällt mir die ehemalige Chefin ein, sie pflegte zu sagen Ich bevorzuge die Stille, ich fand das viele Jahre ziemlich dämlich eigenwillig, inzwischen aber habe ich verstanden und den Satz zu einer meiner Leitlinien gemacht. Ich. bevorzuge. die. Stille. Und wenn ich nicht mindestens einmal am Tag Stille genieße, werde ich ungenießbar.

Hahaha, werden Sie sagen, ausgerechnet die Quasselstrippe aus dem Radio braucht Stille, das ist ja wohl ein Scherz, und noch dazu ein Widerspruch in sich. Nein, ich glaube, es ist mehr etwas von Ursache und Wirkung. Ich werde darüber mal nachdenken und einen philosophisch-sozialkritischen Essay verfassen. Aber nicht heute, Sie müssen sich da leider noch gedulden.

Ein wasserfallartiger Regenguss scheucht uns nach Hause, die Bäume biegen sich, die Welt geht vorübergehend unter. Das Küken draußen im Garten absolviert die Prüfung zum ersten Schwimmabzeichen seines kleinen Lebens, während wir hektisch die Knoblauchernte dieses Jahres retten. Sollen die Knollen lieber in der Küche trocknen als an der durchnässten Hauswand.

Dann will ich endlich weiterlesen, mal in aller Ruhe, ich habe das Buch gestern angefangen und den ersten Teil trotz aller anfänglichen Skepsis regelrecht verschlungen. Ich gebe Ihnen bescheid, wenn ich mehr weiß.

Stattdessen aber muss ich Fischrezepte studieren, für das Abendessen. Siehe oben, Fischgeschäft und so. Wären wir doch bloß zuhause geblieben. Aber vielleicht habe ich ja vor dem Schlafengehen noch mal Zeit und Ruhe für Lektüre. Also, so gegen 20 Uhr. Mit den Hühnern undsoweiter, naja, Sie wissen schon. 

 

 

 

Was schön war.

Ich liege da neulich nachts im Bett, was soll man sonst nachts auf dem Lande schon tun, draußen tobt ein ordentliches Gewitter mit tosendem Regen und Sturm und Dauergeblitze, das ganze Schlafzimmer wird im Sekundentakt hell ausgeleuchtet, ich erwäge, mir mitten in der Nacht im Bett die Sonnenbrille aufzusetzen, und an Schlaf ist nicht zu denken.

Manchmal überkommen mich in solchen Momenten trübe Gedanken, ich sinniere dann über die Schlechtigkeit der Welt; und an diesem Tag sind einmal mehr diese hirnlosen Vollpfosten durch die Nachrichten gegangen, die irgendwelchen Rettungskräften bei irgendeinem schweren Unfall gaffend den Weg versperren, die Sanitäter anpöbeln und sich filmend ergötzen an Blut und Scherben auf der Fahrbahn, naja, Sie wissen schon. Über derlei Schwachmaten denke ich also nach, auch noch, als das Unwetter draußen längst vorbei ist, und jetzt kann ich vor lauter Zorn über die bekloppte Menschheit nicht mehr schlafen. Sie kennen das.

Jedenfalls liegt inzwischen bleierne schwarze Stille über dem winzigen Dorf, und langsam dämmere ich doch hinfort in meine Träume und in Morpheus‘ Arme, bis plötzlich die Sirene anspringt, gegenüber, am Vereinsheim. Ich weiß nicht, ob Sie jemals neben einer anspringenden Sirene gelegen haben, aber glauben Sie mir, Sie stehen augenblicklich senkrecht im Bett. Die Sirene heult so brüllend laut, dass die Luft vibriert, Sie spüren das Heulen im ganzen Körper, Ihr Herz klopft etwas schneller, der Ton schwillt an, als wolle er die Fenster im Dorf zum Bersten bringen, er steht ein Weilchen, dann schwillt er wieder heiser ab. Und wieder schwillt er an, steht brüllend und wird röchelnd leiser.

Die Stille danach ist noch stiller und bleierner als vorher; wenn die Sirene endlich wieder verstummt, wirkt es, als sei das Dorf in ein schalldichtes Vakuum gefallen, in ein tiefes schwarzes Loch, in dem es keinerlei Geräusche gibt. Selbst der alte Hund im Zwinger nebenan verstummt, und das will schon was heißen.

Nach ein paar Minuten dieser tiefsten Stille aber hört man leises Türenklappen, hier hinten und da vorne, schnelle Schritte auf Asphalt und knirschendem Kies, Autotüren, Zündung und Motoren. Nebenan und am anderen Ende des Dorfes, und mittendrin, die Geräusche wehen von allen Ecken durch die Stille.

Feuerwehrmänner und -frauen sind, wie ich, aus dem Bett gefallen, und jetzt rennen sie los, hinein in die unfreundliche schwarze Nacht, in einen ungewissen Einsatz. Freiwillig und unbezahlt. Geschult in zahllosen Lehrgängen, ausgebildet an allerlei merkwürdigen Geräten und Maschinen, alles nebenher und ehrenamtlich.

Vielleicht werden die Männer und Frauen heute nacht nur ein paar umgestürzte Bäume zersägen und die Straße wieder freiräumen müssen, vielleicht auch einen Autofahrer aus seinem zermalmten Wagen herausschneiden, oder seine blutigen Einzelteile von der Fahrbahn sammeln. Vielleicht müssen sie ein Feuer löschen und Eltern und Kinder aus einem brennenden Haus retten. In ein paar Stunden jedenfalls werden Sie wieder bei ihrem eigentlichen Job antreten, in einem schicken Büro oder in einer Werkstatt, übermüdet, pflichtbewusst.

Ich liege da im Bett und höre also das leise Getrappel und das Türenklappen, die Motoren und die vorbeifahrenden Autos, und ich denke so für mich: was für ein beruhigendes Geräusch. Und dann drehe ich mich um und versuche, endlich einzuschlafen.

 

 

 

Must-haves.

Es gibt Dinge, von denen wusste ich damals, als ich noch in der Großstadt lebte, nicht einmal, dass sie existieren. Geschweige denn, wofür man sie verwenden sollte. Dinge, ohne die ein Überleben auf dem Lande aber schlechterdings unmöglich ist.

Heute: Fliegenklatschen.

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Ich erinnere mich an eine elegante Freundin meiner Großmutter in Berlin. Die Dame trug im Sommer stets einen Fächer bei sich, was mich sehr beeindruckte. Der bunt bestickte Fächer war, so schien es mir, ununterbrochen im Einsatz, er wurde gewedelt und geschwenkt, und wenn er einmal nicht gebraucht wurde, dann baumelte er friedlich und mit einem Kettchen festgemacht am runzeligen Handgelenk der alten Dame.

So in etwa müssen Sie sich das im Odenwald auch vorstellen, nur müssen Sie Fächer durch Fliegenklatsche ersetzen. Heiß genug für einen Fächer ist es in normalen Jahre eher selten, Badisch-Sibirien trägt seinen Namen nicht umsonst, dafür erleben wir hier sommers eine Invasion der Fliegen. Und wenn wir Invasion sagen, meinen wir auch Invasion.

So wird die Fliegenklatsche zum unentbehrlichen Accessoire des Landmenschen. Ich habe auch in dieser Hinsicht viel von der alten Else Bungenstab gelernt. Die dicke Frau in ihrer Kittelschürze, Gott hab sie selig, Else Bungenstab also saß völlig regungslos am Küchentisch, wie versteinert sah sie aus, in der Hand die Fliegenklatsche, die zwischen Mai und September an ihr festgewachsen schien. So regungslos saß die alte Bungenstab, dass nur das leichte Zucken, das geradezu aufreizende, winzige Wippen der Fliegenklatsche einen ahnen ließ, dass die Frau am Leben war und hellwach am Treiben in der Küche teilnahm. Es war die Ruhe vor dem Sturm, die sie so sitzen ließ.

Und plötzlich, ZACK!, schnellte die Fliegenklatsche auf den Tisch, auf Teller, Tassen, Tortenstücke. Und nochmal ZACK!, ZACK, ZACK!, Rückhand, Vorhand, Serve and Volley, die Klatsche sauste hernieder und erinnerte an die Glanzzeiten der Steffi Graf, die Trefferquote der Frau Bungenstab war dabei absolut bewundernswert, ich habe, wie gesagt, von ihr sehr viel gelernt. Wortlos wurden nach einer letzten geschmetterten Vorhand die Fliegenleichen mit einem Wisch vom Tisch gewischt, mit einem Gesichtsausdruck, der eiskalte Entschlossenheit ausdrücken sollte, hunderte von Leichen kamen so zusammen, was sage ich: es waren vermutlich tausende.

Auch bei uns liegen die Fliegenklatschen im Sommer immer in erreichbarer Nähe, und eine immer auf dem Esstisch. Ich gebe zu, in alten Berliner Zeiten wäre mir das – wie soll ich sagen – zumindest befremdlich vorgekommen, eine Fliegenklatsche auf dem Mittagstisch, die Reste der Fliegenbeine, Fliegenköpfe kleben in den Ritzen, wir können schließlich nicht nach jedem Mord die Fliegenklatsche putzen. Sie liegt da also neben Tafelsilber und Kristall, die Mordwaffe neben dem Essbesteck. Zimperlich darf halt nicht sein, wer auf dem Land lebt.

Den echten Landmenschen – das noch als Tipp zum guten Schluss – erkennt man übrigens daran, dass er die ganze Klatscherei mit keinem Wort erwähnt. Sie gehört einfach dazu im Sommer, nicht der Rede wert. Kommen Sie also jemals in die Verlegenheit, hierzulande an einem Tisch mit mehreren Personen zu sitzen, die sich unterhalten, dann ignorieren sie das DauerKlatschen und das Morden einfach ganz gelassen. Sprechen Sie ruhig weiter, als wäre nichts geschehen. Meine Frau hatte ja jetzt ZACK! diese böse Zahnoperation ZACK!…ZACK! und die Medikamente KLATSCH! hat sie nicht vertragen, wir mussten sie ZACK! mit dem Notarzt PATSCH! in die Klinik fahren. 

Überreagieren Sie auch nicht, wenn Sie selbst zum Ziel der Fliegenklatsche werden. Die Umsitzenden wollen nur Ihr Bestes und handeln im Übrigen wie aus einem angeborenen Reflex heraus.

Reden Sie einfach ZACK! weiter. So, PATSCH!, als wäre nichts geschehen.

 

 

 

P.S. Diesen Beitrag habe ich hier vor zwei Jahren schon mal veröffentlicht, ich musste ihn jetzt aus dem Archiv wieder hervorkramen. Aus Gründen. Naja, Sie wissen schon.

*klatschend und mordend ab*

 

 

 

 

Aussiedler.

Ich musste heute mal wieder an diesen Besuch vor einigen Jahren denken, aus Gründen. Der Freund aus Berlin kam über Land hier angefahren, ein wahrer Menschenfreund und Vorkämpfer für den Weltfrieden, ein im besten Sinne radikaler Christenmensch, der sich immer und überall für alles und jeden einsetzt.

Jedenfalls kam er also nach langer Fahrt über die Dörfer hier an und stieg bereits wutentbrannt aus dem Auto, er knirschte mit den Zähnen und hatte einen so dicken Hals, dass er mit seiner Zornes-Krawatte kaum durch die geöffnete Autotür passte. Statt einer herzlichen Begrüßung bellte er allerlei Vorwürfe, Das ist ja wohl das Allerletzte!, schnaubte er, das Al-ler-letzte, wie Ihr mit den Rußlanddeutschen umgeht! Echt jetzt, ey, wo bin ich hier gelandet?

Dazu muß man nun wissen, dass gerade hier im Landkreis jede Menge Russlanddeutsche leben, die meisten von ihnen seit den 80er Jahren, da waren die großen Aus- und Übersiedlungen, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern. Ein Gutteil der sogenannten Aus- und Übersiedler kam nach Süddeutschland, und besonders im kleinen Städtchen um die Ecke empfing man sie durchaus mit offenen Armen, hierher, hierher! von wegen der Einwohnerzahlen undsoweiter.

Jedenfalls kamen ganz viele, und die meisten sind bis heute geblieben und gehören inzwischen gut und gerne einfach dazu. Ohne die Aus- und Übersiedler könnte der Mittelstand in unserem Landkreis einpacken, pflegt man hier zu sagen, und da ist bestimmt was Wahres dran.

Umso mehr staunte ich etwas ratlos über die Vorwürfe des Großstädters. Ihr interniert die Leute außerhalb der Dörfer, irgendwo in dieser Odenwälder Pampa, fuhr der fort, wie kann das sein? Er schimpfte dann noch allerlei über Lager und Ghettos,  Menschenrechte und Integration, über Teilhabe und gesellschaftliche Verantwortung, und ich wunderte mich letzten Endes nur, dass er nicht auf dem Fuße umdrehte, um diese grauenhafte Gegend zu verlassen.

Er ließ sich dann doch auf einen Kaffee nieder, was zunächst zu einer Beruhigung der Nerven und dann zur Aufklärung der rätselhaften Wut führte.

Wir haben dann sehr herzlich gelacht.

 

 

 

Erntezeit.

Bei uns beginnt jetzt die Erntezeit, wir können all das aus dem Gemüsegarten holen, was Sturm, Frost, Hagel und Schneckenattacken überlebt hat, das ist in diesem Jahr zugegebenermassen nicht besonders viel, aber wir erfreuen uns an jeder noch so kleinen Ernte. Bei den Zucchini tun wir uns mit der Einhaltung der EU-Größenverordnung noch ein bisschen schwer, aber die Erbsen sind alle 1a.

Sieht aus wie eine alleinerziehende Kegelrobbe mit ihren Babies, ist aber unser ganzer Stolz.

 

Erbsenreisig erbsendreissig.

Für das Gefummel mit den Erbsen und der Pulerei fielen mir allerlei nicht ganz jugendfreie Umschreibungen ein, lassen wir es bei dieser hier: es ist eine sehr meditative Arbeit.

Aller Anfang ist mühsam, aber im Verlauf der Arbeit wird es auch nicht besser.

Am Ende haben wir wunde Finger, aber mehr als 700 Gramm zusammengepult, oder ganz genau 1750 Erbsen, ich habe das nicht wirklich gezählt, sondern mit einem wissenschaftlich fundierten mathematischen Verfahren ermittelt. Wir haben hier ja sonst nichts zu tun, an einem Samstag vormittag auf dem Lande. Und Montag ist der Mangold fällig.

 

 

 

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Am Zwölften eines jeden Monats wünscht sich die freundliche Nachbarbloggerin mit den Kännchen zwölf Fotos, die den Tag dokumentieren. Hier kann man alle Beiträge anschauen, glauben Sie mir, das lohnt sich durchaus. Also bitte, meine zwölf Bilder vom Zwölften. Aus dem Leben einer rasenden Landpomeranze. Heute von morgens bis spät abends dienstlich unterwegs. Immer schön der Reihe nach.

Mistwetter.

 

Trotzdem unterwegs. Zwangsläufig.

 

Erster Interviewtermin.

 

Nächster Termin. Staatsrechtsunterricht für Flüchtlinge.

 

Nächster Termin. Mal rasch nach Heilbronn zum Polizeipräsidium.

Stadtluft schnuppern.

Und endlich wieder aufm Land. Nach gefühlten 200 Kilometern Fahrerei. Zuhause.

 

 

 

 

Es lebe die Blase.

Der Herr Osang hat sich auf ein grosses Abenteuer eingelassen. Der Autor des Nachrichtenmagazins Spiegel ist im Zusammenhang mit der Beerdigung Helmut Kohls von Hamburg aus (oder von Berlin, was weiß denn ich) nach Ludwigshafen gefahren. Und nach Speyer. In den anderen Teil Deutschlands, wie es in der Überschrift heißt. Dem entnehme ich, dass Herr Osang noch nie in einem West-Bundesland war, und vielleicht noch gar nie in der vermeintlichen Provinz.

Rheinbrücke bei Ludwigshafen. Foto: F.Betz_pixelio.de

Ludwigshafen ist hässlich, lese ich in dem Artikel im aktuellen Spiegel (leider finde ich ihn nicht online, um ihn hier zu verlinken, aber das mit Ludwigshafen wusste ich zugegebenermaßen schon vorher) Ludwigshafen also ist hässlich, so hässlich, das noch jeder Pissbahnhof in Vorpommern und jede Autobahntankstelle in Sachsen-Anhalt wie ein blühender Zukunftsort dagegen aussieht.

Und in Speyer regnet es.

Es gibt in der Domstadt Cafes mit merkwürdigem Namen (Cafe Hindenburg zum Beispiel), das Hotel, in dem Herr Osang übernachtet, ist (natürlich) aus den Sechzigern, und vor dem Fenster steht als Attraktion ein Jumbojet (gemeint ist vermutlich das weltbekannte Technikmuseum). Herr Osang findet das alles offenbar bemerkenswert-befremdlich, und dann fährt er wieder heim.

Altstadt Speyer. Foto: Holger Knecht/pixelio.de

Ich sitze ein bisschen ratlos vor dem Beitrag und wundere mich, aber, hey!, Herr Osang hat sich auf ein echtes Abenteuer eingelassen. Horizonterweiterung, neue Erfahrungen in der westdeutschen Provinz und so, ein Journalist entdeckt die Welt, naja, Sie wissen schon. 

Die Welt entdecken, insbesondere die deutsche Provinz, das wollte auch der mehrfach preisgekrönte Zeit-Redakteur Henning Sußebach. Und so zieht er sich in seiner Hamburger Großstadt-Redaktion die Wanderschuhe an und läuft los, einmal von Nord nach Süd durch Deutschland, er vermeidet Städte und Straßen, er schlägt sich quasi durchs Unterholz und quer übers Land.

Am Anfang will er nur sein Heimatland entdecken, von Neugierde und Abenteuerlust getrieben, am Ende weiß er, dass er nicht viel weiß, vom Leben da draußen, in dieser ganz anderen Welt, auf dem Land, in der vermeintlichen Provinz.

Ein Symbolbild. In Wirklichkeit sind das meine Botten.

Den Menschen auf dem Land sind ganz andere Themen wichtig als mir in der Großstadt, und sie bewerten manches anders, stellt er erstaunt fest, das fängt bei der Energiewende an und hört bei den Schweinefleischpreisen noch lange nicht auf. Und ja, auch auf dem Land gibt es Nette und Doofe, und die meisten aber sind sehr gastfreundlich dem Wanderer aus der großen Stadt gegenüber, die beißen nicht, die wollen nur spielen. Und berichten wollen sie, von ihrem Leben hier auf dem Land, und gerne Herrn Sußebachs Fragen beantworten.

Der Herr Sußebach fragt und fragt und staunt und staunt, es ist eine Mischung aus Alice im Wunderland und Harry Potter im Verbotenen Wald, in der geheimnisvollen Fremde, die Wanderung wird zur Verwunderung, und der ZEIT-Redakteur Sußebach fängt an, ein bisschen nachzudenken über die Blasen, die allgemeinen Filterblasen und die journalistischen im Besonderen. Hier können Sie das nochmal nachlesen, machen Sie das, es lohnt sich. Herr Sußebach hat was gemerkt und durchaus selbstkritisch hinterfragt, das ist ja immerhin schon was und aller Ehren wert. Das Buch dazu gibt es natürlich inzwischen auch, (nein, ich kriege kein Geld für diese Werbung), ich werde es mir kaufen, da führt kein Weg dran vorbei.

Unterdessen denke ich auch über die Blasen nach, die großen und die kleinen. Die durchlässigen und die komplett versiegelten. Und ich stelle mir vor, man würde es umgekehrt machen: Der Redakteur der Hinterposemuckeler Heimatzeitung führe nach München, Berlin oder Hamburg, und er würde in einer Artikelserie seine Erlebnisse schildern. In der Stadt ist es ganz voll, würde er schreiben, und Es gibt nicht nur Kriminelle in Berlin und Hamburg. Oder Wie ich einmal mit der U-Bahn zu einem Popkonzert in der Berliner Waldbühne fuhr. Und Stellt Euch vor, der Wohnungsmarkt ist gnadenlos in diesen Städten. 

Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, ob das echte publizistische Kracher wären, diese Geschichten, ob es dafür einen Preis für investigativen Journalismus zu gewinnen gäbe. Das mag auch daran liegen, dass inzwischen selbst jeder allerletzte Hinterposemuckeler Leser längst in Berlin und Hamburg, in München oder Dresden war, manch einer sogar schon in New York, Paris und London, mit offenen Augen und Ohren.

Wenn der Herr Sußebach auf seine nächste Tour aufbricht, werde ich ihn gerne mal hier in den tiefen Odenwald einladen. Er ist inzwischen, das entnehme ich dem Interview, ein großer Freund der sonst so gern belächelten Lokalredaktionen, der kleinen Heimatzeitungen, der vermeintlichen Käseblättchen. Schon dafür hat er sich einen Orden und ein Abendessen hier verdient, ich werde dann Reh oder Wildsau braten für ihn, und vielleicht irgendwas mit Grünkern, von wegen Regionalität und so.

Und zwischen Hauptgang und Dessert werden wir darüber reden, wieso Lokaljournalisten in der Provinz sich mitunter immer noch als die journalistischen Stiefkinder fühlen, als die, die keine Ahnung haben von der Welt. Warum ich mich manchen Kollegen gegenüber immer noch rechtfertigen muss, dafür, dass ich hier im Wald lebe und arbeite, statt in den großen Metropolen, in den coolen Medienhäusern. Dafür, dass ich, Journalistenpreise hin oder her, auf die angebliche Karriere gepfiffen und mich runter (oder rauf), zu den eigentlichen Geschichten, ran an die Leute, rauf aufs Land, begeben habe.

Warum es offenbar immer noch so viele großartige Grossstadtredakteure gibt, die mir und der ganzen Welt zwar alles über den Nahost-Konflikt erklären können, über die Energiewende und das Rußlandembargo, oder uns die Außenpolitik von Trump zerpflücken, die Landwirtschaft und auch den Umweltschutz, die überhaupt das ganze Leben komplett verstehen und erläutern, die aber noch nie eine Dienstreise auf die Schwäbische Alb, in den tiefen Odenwald oder nach Mecklenburg gemacht haben.

Und ich werde mit ihm einen Plan aushecken. Ein deutsch-deutsches Journalisten-Austauschprogramm. Großstadtredakteur tauscht vorübergehend mit Provinzschreiber, Metropolreporter mit Landkorrespondentin. Ich weiß nicht, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, mir schiene das doch durchaus zielführend, und nicht nur die Journalisten hätten was davon. Nicht, dass wir auf dem Land das wirklich nötig hätten, wir wissen ja schon alles über das Leben in der großen Stadt, aber wir würden natürlich trotzdem mitmachen, naja, Sie wissen schon. Harry Potter lässt schön grüßen. 

 

 

 

P.S.: Lieber Herr Sußebach, über Reh und Wildsau können wir ja dann noch sprechen. Vielleicht sind Sie ja Vegetarier. Oder Veganer. In der Stadt sind ja alle Veganer. Habe ich gelesen. Dann mache ich eben was Veganisches, wir sind da ganz flexibel.