Rolltreppenvorsatz.

Zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen gehört Rolltreppefahren. Ja, da staunen Sie. Aber man gönnt sich ja sonst nichts.

Nun ist Rolltreppefahren eine Tätigkeit, zu der ich hier auf dem Lande eher selten komme, denn es gibt im ganzen großen Landkreis nur ein oder zwei Rolltreppen, die diesen Namen auch verdienen. Bevor ich also Entzugserscheinungen bekomme, fahre ich hin und wieder in große Städte, um hier meiner rollenden Treppen-Leidenschaft zu frönen.

Genau gesagt, fahre ich natürlich immer nur nach Berlin, in meine Heimatstadt. Rolltreppen gibts da en masse, und es sind natürlich, Berlin, Berlin, die besten und schönsten und längsten Rolltreppen überhaupt in der ganzen Welt. Is klar.

Jedenfalls habe ich aber diesmal einen Fehler gemacht, einen ganz entscheidenden. Ich bin, weil es auf dem Weg lag, zum Rolltreppefahren ins KaDeWe gegangen, vorbei an den finster blickenden Türstehern, die nicht jedermann und jederfrau in diesen Tempel des Konsums einlassen. Offenbar sah ich, wenn schon nicht nach Geld, aber doch wenigstens vertrauenserweckend aus, jedenfalls ließen sie mich passieren, und ich fuhr, zunächst beseelt, vom Erdgeschoß in den 6. Stock, drehte auf dem Absatz um und fuhr wieder hinunter.

Zwischen Erdgeschoss und 1. Etage bin ich also noch beseelt, dann überfällt mich auf dem Weg in die 2. Etage eine gewisse Irritation. Zwischen 2. und 3. Etage verwandelt die sich in ungläubiges Staunen, und spätestens ab der 4. Etage in einen gewissen Menschenhass. In Etage 6 und auf dem Rückweg in einen veritablen Menschenhass.

Es mag daran liegen, dass ich tatsächlich inzwischen die Landpomeranze bin, zu der ich mich selber schon lange ernannt habe, jedenfalls bin ich am Ende komplett erschlagen. Dieser Luxus. Diese Preise. Diese Verkäuferinnen! Dieser süßlich-schwere Geruch von teurem Parfüm. 60.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Sechzigtausend Quadratmeter. Hallo? Das ist deutlich mehr Fläche als meine Wohn-Gemeinde Limbach mit ihren sieben Ortsteilen hat.

60.000 Quadratmeter vollgestopft mit edlem, überflüssigem Schund. Vollgestopft mit Menschen, die rempeln und knuffen und schieben und drängeln beim Tanz um das Goldene Kalb. Die sich, so kommt es mir im Vorbeifahren auf der Rollstreppe vor, herablassen, das eine oder andere Stück zwecks genauerer Prüfung vom Bügel zu nehmen. Die ihre Einkäufe schließlich wie nebenbei, fast verächtlich, auf die Kassentresen knallen, die platinöse Kreditkarte danebenknallen und hernach alles mit unbewegter Miene in die elegante Papiertasche stopfen. Die sie dann auch wie ein Statussymbol vor sich hertragen, lässig, aber unübersehbar. Perfektes understatement. Und ich mitten drin auf der Rolltreppe mit meiner abgewetzten rotweißen Ampelmännchen-Tasche aus LKW-Plane. Peinlich, peinlich, echt jetzt.

Kaufen, kaufen, kaufen. Reduziert! Sale! 30 Prozent!, schreien die Leuchtreklamen. Überall. Die Leute sind wie irre. Die Stadt ist überfüllt, und Weihnachten schon lang vorbei. Was machen die alle mit all dem Zeug, frage ich mich.

Im KaDeWe, dit sind doch allet bloss blöde Touristen, sagt das uralte berliner Tantchen, das lieber zu Karstadt am Ku’damm geht. Auf ihre unnachahmlich charmante Berliner Art. Hier wie da erkennt man die Touristen tatsächlich daran, wie sie dem Alltag vor den Türen der Konsumtempel begegnen. Der Berliner an sich, so habe ich das jedenfalls seinerzeit gelernt, ignoriert seine Umgebung komplett, würdigt sie nicht eines Blickes. Zumindest nicht, wenn er im unschönen Gedränge der Großstadt unterwegs ist, oder nachts in der U-Bahn. Kein Blickkontakt, kein Lächeln, keinerlei erkennbare Reaktion auf unvorhergesehene Ereignisse oder merkwürdige Gestalten. Immer geradeaus starren, durch alle Mitmenschen hindurch. Das hält einem manche Nerverei vom Leibe. Für Sie getestet.

Daran erkennt man aber die Touristen: Wie sie vor dem glitzernden Kaufhaus ängstlich den humpelnden Typen fixieren, der mit seiner bettelnden Hand in ihre Richtung wankt. Der wird doch nicht…? Was mach ich jetzt? Wie sie auf dem Prachtboulevard die Obdachlosen anstarren, die in der Nähe der U-Bahn-Schächte liegen, da, wo der unterirdische Bahnhof durch Gitter wärmend muffige Luft ausatmet. Guck mal. Schlimm, gell.

Ich kriege das alles nicht zusammen. Das Elend, die Verschwendung. Ganz Berlin ist voll von Geschäften, voll von Gedrängel, voll von Einkaufstüten, voll von Kreditkarten. Du brauchst Dies!, und Du brauchst Das!, schreien die Plakate und die Schilder, Jetzt ein Cappuccino! oder Currywurst!!, und ich ahne, dass ich dem Geschrei eventuell erliegen könnte, diesem Konsum-Sog, wenn ich wieder hier wohnen würde. Wenn ich es denn überhaupt bezahlen könnte, all das.

Ach, es ist kompliziert. Ich bin froh, als ich wieder zuhause im Dorf bin. Hier gibt es ja nicht mal mehr den kleinen Bäcker, bei dem ich in einen Konsumrausch taumeln könnte. Und auf jeden Fall werde ich zukünftig wieder nur und ausschließlich in Berliner Bürogebäuden Rolltreppe fahren. Oder in U-Bahnhöfen. Mein Vorsatz fürs Neue Jahr. Von wegen Seelenfrieden und so. Naja, Sie wissen schon.

Richtig oder falsch.

Es war bei einer Abendveranstaltung vor einigen Wochen. Da durfte ich ein paar Dutzend Zuhörern etwas von meinem Werdegang von Berlin ins nordbadische Hinterland berichten, naja, Sie wissen schon, das Übliche. Die Damen und Herren lauschten und staunten und fragten nach, es war eine muntere Gesprächsrunde, und natürlich stellte irgendwer dann die bei solchen Gelegenheiten immerwiederkehrende Frage nach der Kultur.

Ja, vermissen Sie denn hier auf dem Land nicht die richtige Kultur? fragte eine ältere Dame mit ratlosem Blick, und ich sagte nein, nein, ganz und gar nicht, und faselte irgendwas von Schülertickets in Berlin, die mir seinerzeit ermöglichten, für fünf Mark und bei freier Platzwahl all die Großen Kultur-Stars hautnah zu erleben, Herbert von Karajan, Yehudi Menuhin, Anne-Sophie Mutter, naja, lauter so Leute halt, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern. Wir gingen für billig Geld in die Deutsche Oper und in die Philharmonie, manchmal auch ins Theater, meistens aber irgendwas mit Musik. Und wir hielten es für selbsverständlich.

All das faselte ich also so herum bei dieser Abendveranstaltung, um damit deutlich zu machen: Ich hatte als Kind und Jugendliche genug richtige Kultur, mein Bedarf ist gedeckt.

Später, auf der Heimfahrt im Auto dachte ich dann so bei mir Häää? Was heißt denn hier überhaupt richtige Kultur? Als gäbe es auch eine falsche. Stadtkultur ist richtig und Landkultur ist falsch? Nigel Kennedy und die Berliner Philharmoniker sind richtig, und der Musikverein Knödelbutzhausen ist falsch?

Vielleicht können wir uns darauf einigen: Nigel Kennedy oder Igor Levit oder wie sie alle heißen, mit den Berliner Philharmonikern oder sonstwem sind das Eine, und das Konzert vom Musikverein im Dorfgemeinschaftshaus ist das Andere. Nicht richtig oder falsch, einfach anders.

Wobei ich inzwischen ein großer Fan guter Konzerte in Dorfgemeinschaftshäusern bin, weil so viel Begeisterung dabei ist, soviel Herzblut, so viel (Achtung, mein Lieblingswort:) Ehrenamt. Weil es in der Pause heiße Würstchen und Bier und Limo aus der Flasche gibt. Weil hinter der Theke die Jungs vom Fußballverein unentgeltlich schuften, oder die nicht-musizierenden Mitglieder vom Musikverein.

Weil auf dem Programm schon lange keine Schrammel-und Marsch-Musik mehr steht, sondern coole Arrangements, fetzige Songs, manch ein anspruchsvoller Klassiker. Weil im Orchester 11jährige mitspielen und 70jährige. Weil das Publikum begeistert strömt, wenn ein-, zwei Mal im Jahr der Musikverein zum großen Konzert im Dorf einlädt. Menschen, die in der Mehrzahl niemals nach Mannheim oder Heidelberg oder Stuttgart zu einem (klassischen) Konzert fahren würden. Warum auch immer. Der Weg zu weit, die Preise zu hoch, die Befangenheit zu groß, ich habe keine Ahnung.

Und wie ich da also spät abends heimfuhr im Auto und über richtige und falsche Kultur nachdachte, kam mir noch eine Frage in den Sinn, die mir vielleicht die Experten unter den Lesern beantworten können. Warum treten die großen Stars der (Klassik-)Branche eigentlich immer nur in den ebenso großen Häusern auf? Im Mannheimer Rosengarten, in der Hamburger Elbphilharmonie, in Berlin und München?

Wieso nicht mal im Balsbacher Dorfgemeinschaftshaus und in der Fahrenbacher Festhalle, im Ravensteiner Schloss oder im Limbacher Feuerwehrgerätehaus? Am Gelde hängts vermutlich, 120 Euro für eine Konzertkarte sind hier nicht drin. Ansonsten bin ich sicher, das Publikum würde strömen, die Karten wären in Stundenfrist ausverkauft. Und das Ambiente wäre mal was anderes. Sehr viel origineller, im wahrsten Wortsinn. Die Besucher vielleicht doppelt so dankbar wie in den großen Häusern. Die Begeisterung wäre so groß, dass manch einer zwischen den einzelnen Sätzen der Beethoven-Sinfonie wild klatschen würde, der kulturbeflissene Städter weiß: das tut man nicht, aber so what?

Und noch einen unschätzbaren Vorteil hätte das: Für diese Art der Kultur müssten nicht immer wir in die Stadt fahren, sondern die Stadt müsste für den Kulturgenuss zu uns kommen, rauf in den Wald und in die Berge. Das wär ja auch mal was.

Übrigens: Falls Sie sich für Klassik interessieren, aber noch keinen rechten Zugang finden, kann ich Ihnen den Herrn Yoran sehr empfehlen. Der sieht mit seiner Batschkapp und dem Berliner Hipsterbart jetzt nicht sooo klassisch aus, hats aber richtig drauf, klassische Musik zu vermitteln. Es gibt da diesen Podcast bei Krautreporter, dazu muß man vermutlich Krautreporter abonniert haben, so wie ich. Lohnt sich. Ansonsten kann man den auch anderswo hören, googlen Sie einfach mal nach *Gabriel Yoran, Schleichwege zur Klassik*. Super Sache.

Zu Hilfe.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von irgendeiner höheren Macht ausging, dass alle Welt auf einmal ernsthaft krank würde. Der Gatte und ich. Gleichzeitig. Und diese merkwürdige Fügung war die allererste und geschah zu der Zeit, da alle anderen den Heiligabend feierten.

Und jedermann ging, dass er sich behandeln ließe, ein jeglicher in sein Krankenhaus. Erst mein Geo ins Uniklinikum Würzburg, ein paar Tage später ich in die kleine, aber feine Provinzklinik. Mit Krankenwagen und Blaulicht und allem pipapo. Halbe Sachen machen wir ja nicht.

Da lagen wir nun an Heiligabend herum, der eine in Bayern in guten Händen, die andere in Nordbaden in ebenso guten Händen. Statt festlichem Weihnachtsessen also Tabletten und Infusionen, statt feierlicher Musik das Brummen irgendwelcher Monitore und Blutdruckmessgeräte. Und statt der eingeladenen (und wieder ausgeladenen) Weihnachts-Gäste: Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte.

Der Weihnachtsbaum vorm Krankenzimmer.

Und wie ich da so herumliege am Heiligabend im neonhellen Krankenzimmer, denke ich bei mir: Das war vielleicht das beste Weihnachtsfest meines Lebens. Ja, da staunen Sie.

Ich staune auch. Und ich frage mich, ob das vielleicht so ein Land-Ding ist, so ein Dorf-Ding. Jedenfalls überschwemmte uns quasi eine Welle der Hilfsbereitschaft. Evangelium der Tat und so, naja, Sie wissen schon. Net schwätze, mache.

Die hilfsbereiten Menschen schossen plötzlich aus dem Boden wie die Pilze. Eine übernahm von jetzt auf gleich die zwei zurückgelassenen Hunde, die zwar süß, aber doch eine gewisse Herausforderung sind; die andere versorgte die immerhungrige Katze, der Dritte schleppte täglich Körner herbei und fütterte die Hühner. Andere kramten in ihren Kleiderschränken nach frischer Wäsche und trugen sie ans Krankenbett, wieder andere schickten digitale Grüße oder machten aufmunternde Besuche, in Buchen und in Würzburg, fröhliches Klinik-Hopping sozusagen, über die Landesgrenzen hinweg, sie brachten Weihrauch, Myrrhe und Gold Obst und Saft und Kuchen wie weiland die Heiligen Drei Könige.

So viel Anteilnahme, so viel Hilfsbereitschaft, so viel aufrichtiges Mit- und Füreinander: Ich lag da also am Heiligabend im neonhellen Odenwälder Krankenzimmer und dachte an meinen Geo im neonhellen bayerischen Krankenzimmer, und nebenbei dachte ich so bei mir Was für ein Geschenk! Was für eine großartige Erfahrung! und Was für ein saucooler Heiligabend! Ja, genau so dachte ich das. Und dann musste ich natürlich doch ein bisschen flennen, aber nur vor Begeisterung und Dankbarkeit und lauter Weihnachtsfreude.

Und dann musste ich noch an das uralte Tantchen im Berliner Hinterhof denken. Beste Lage Wilmersdorf, aber eben doch ein Wohn-Monstrum mit gefühlt 200 Mietparteien. Wenn die da eines Tages mal in Not ist. In gesundheitlicher Not. Und mit 85 Jahren kann das durchaus mal passieren.

Naja, Sie wissen schon.

(Von Herzen: Danke für die vielen Wünsche auf vielen Kanälen. Es geht uns allen wieder gut, gottlob.)

Schöne Bescherung.

Ich wollte ihnen an dieser Stelle eigentlich eine besinnliche Geschichte erzählen, irgendwas über Heiligabend, das böte sich in dieser Jahreszeit ja durchaus an. Nun bin ich kein Freund von Heiligabend-Gedöns, um es mal vorsichtig zu formulieren, und ein Freund von Besinnlichkeit bin ich eigentlich auch nicht. Und überhaupt. Jedenfalls muss ich jetzt stattdessen mal was über Land-Krankenhäuser sagen, aus Gründen, naja, Sie wissen schon.

Heutzutage ein Krankenhaus zu betreiben, ist ja nun offensichtlich nicht vergnügungssteuer-pflichtig. Wenn Sie kommunaler Träger sind, schon zweimal nicht. Und wenn Ihr Krankenhaus dann auch noch auf dem Land steht, irgendwo in der vermeintlichen Provinz, na dann: Prost Mahlzeit.

Jede Menge Krankenhäuser im ländlichen Raum stecken tief in den roten Zahlen, ja, da staunen Sie. 12 Mio Euro Miese wird die hiesige Klinik mit ihren zwei Standorten in diesem Jahr vermutlich einfahren. Das Krankenhaus im reichen Nachbarkreis macht übrigens ähnlich hohe Schulden, nur spricht darüber niemand. Was sind schon acht, zehn oder zwölf Millionen? Der reiche Landkreis deckt das Defizit mit einem müden Lächeln.

Den Kommunalpolitikern hier im strukturschwachen Odenwald hingegen bleibt das Lächeln längst im Halse stecken. Denn die Defizite fressen dem Landkreis quasi die letzten Haare vom Kopf. Die allerletzten. Und damit den einzelnen Gemeinden vor Ort, denn die bringen ja über die Kreisumlage das Geld, das der Landkreis ausgibt.

Aber auch die Kommunen pfeifen finanziell schon lange auf dem letzten Loch, zumindet die meisten von ihnen. Wenn irgendwann Bürgermeister und Gemeinderäte die dringend nötige Schulsanierung streichen müssen, weil das Krankenhausdefizit steigt und steigt und der Kreis deswegen die Umlage nach oben schraubt und schraubt – dann kann irgendwas nicht stimmen.

Aber was stimmt denn da nicht? Ach, es ist kompliziert. Aber ein paar Sachen habe ich verstanden, so halbwegs: Die Gesundheitspolitik ist schuld. Weil sie zum Beispiel nicht anerkennen will, dass Krankenhäuser im ländlichen Raum anders funktionieren müssen als Krankenhäuser in der großen Stadt. Weil Patienten auf dem Lande anders sind als Patienten in der großen Stadt. Weil die gesamte Bevölkerungsstruktur eine andere ist, demografisch und so weiter. Weil aber die alte Dame mit der Blutdruckverwirrung oder dem kurzfristig entgleisten Zuckerwert die volle Zuwendung erwartet und bekommt, finanziell leider aber gar nichts bringt.

Weil die Notaufnahme ständig voll ist, seit es immer weniger Hausärzte auf dem Land gibt. Weil jeder Notaufnahme-Patient im Durchschnitt über 100 Euro Kosten verursacht, das Krankenhaus aber pro Patient nur 30 Euro-ungrad erstattet bekommt. Weil immer mehr Dummbratzen meinen, es sei eine gute Idee, Samstags abends mit dem seit vier Wochen eingewachsenen Zehennagel in die Notaufnahme zu humpeln. Oder mit der seit acht Tagen vereiterten Wunde. Am besten voher noch den Notarzt rufen, da kommen die mit Blaulicht und ich spare mir die lange Wartezeit im Krankenhaus, haha! Und wehe, wenn die nicht alle sofort springen! Cleverles gibts überall und immer mehr, alles schon gehört.

Weil die Suche nach guten ÄrztInnen und gutem Pflegepersonal auf dem Lande noch mal schwieriger ist als in München, Hamburg und Berlin. Weil in der Not externe Honorarkräfte bezahlt werden müssen, und das ist ziemlich teuer. Wenn ich morgen ausfalle, je nun, dann bleibt meine Arbeit im schlimmsten Fall mal ein paar Wochen liegen. Die treuen Radiohörer werden’s überleben. Aber wenn der hauseigene Chirurg morgen ausfällt – je nun, dann bleiben die Patienten eben ein paar Wochen unbehandelt, oder wie?

Weil viele Fachärzte offenbar immer noch lieber nach auswärts überweisen und nicht ins kreiseigene Krankenhaus. Warum auch immer. Der Prophet im eigenen Land und so. Weil sie vielleicht vor 34 Jahren mal schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ich habe keine Ahnung. Weil die Patienten dann nicht nachfragen. Weil: der Schwager der Nachbarin, dem sein Cousin, der hat auch mal was ganz Blödes erlebt in den Kreiskrankenhäusern, also dann besser nicht dort hin im Falle eines Falles. (Das sind dann womöglich die, die am lautesten schimpfen, wenn es eines Tages keine vernünftigen Krankenhäuser mehr gibt auf dem Land.)

Weil Vieles vielleicht einfach schlechtgeredet wird. Auch so eine deutsche Angewohnheit. Reinigungskraft unfreundlich: die ganze Klinik Mist. Eine Ärztin im Streß kurz angebunden: die ganze Klinik Mist. Essen schmeckt nicht: die ganze Klinik Mist. Hier sind zuviele Ausländer!, maulte vor Monaten jemand neben mir in der Notaufnahme, mit Blick auf die diensthabenden Ärzte aus dem fernen Morgenland. Leider war ich aufgrund rockender Gallensteine seinerzeit nicht schlagfertig genug, um zurückzufragen Was täten Sie und ich jetzt ohne diese Ärzte?

Ach, es ist kompliziert, ich sagte es bereits. Und ich bin da befangen, zugegeben. Weil ich im kleinen Provinzkrankenhaus bisher nur die besten Erfahrungen gemacht habe. Nicht viele, aber eigentlich nur gute, fast ausnahmslos. Alles immer kompetent und sehr bemüht, alles immer freundlich. Und sei es nachts um Drei. Meine Erfahrung.

Stand heute, 21. Dezember 2019, muß ich sogar noch eines draufsetzen. Es sieht so aus, als hätten die meinem scheinbar kerngesunden und mopsfidelen Geo gewissermaßen das Leben gerettet. Schon lange offenbar saß er Freund Hein auf dessen Schippe, quasi mit einer halben Pobacke und ohne es zu merken. (Sie kennen Freund Hein nicht? Das ist der Typ mit der Sense. Irgendwo hat der angeblich auch noch ne Schippe, ach, was weiß denn ich.) Da haben sie in Minutenschnelle das Nötige veranlasst und ihn damit heruntergezerrt von der Schippe, mit vereinten Kräften und in allerletzter Sekunde. Den Rest haben dann heute freundliche Spezial-Spezialisten in Würzburg erledigt.

Schippe hin, Sense her: Freund Hein (Stand heute) kann uns mal, und ich bin einfach nur sehr dankbar. Das wird man wohl noch sagen dürfen.

Und übrigens: Frohe Weihnachten allerseits.

*Falls Ihnen doch mal eine mißgelaunte und genervte Pflegekraft begegnen sollte: Schauen Sie sich für einen Moment auf der Station um, begucken Sie sich die anderen Patienten, denken Sie über Arbeitsbelastung, Dienstpläne und Gehaltsbögen nach. Oder über die eigene Anspruchshaltung. Das hilft. Und macht dankbar und mitunter sogar demütig. Oder Sie machen es wie mein halbitalienischer Onkel, Gott hab ihn selig. Er baute sich vor miesepetrigen Verkäuferinnen, Sekretärinnen, Arzthelferinnen auf, mobilisierte seinen gesamten halbitalienischen Charme und sagte Wissen Sie eigentlich, wie wunderschön Sie wären, wenn Sie nur einmal lächeln würden? Das war natürlich reichlich chauvi-mäßig, half aber. Fast immer.

Was bemerkenswert war.

Ich habe hier jüngst mal wieder ein paar Dinge erlebt, die durchaus bemerkenswert waren. Es gibt ja dafür eigentlich die Rubrik Was schön war, aber in diesem Fall waren die Erlebnisse nicht schön. Allerdings auch nicht un-schön. Aber eben doch bemerkenswert. Naja, Sie wissen schon.

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Anstehen an der Fleisch- und Käsetheke im Supermarkt. Die ältere Kundin vor mir hat ein Äuglein auf den gigantischen Rollbraten in der Auslage geworfen, will aber vor dem Erwerb wissen, mit was er wohl gefüllt sei. Die Fachverkäuferin hebt den Drei-Kilo-Rollbraten aus der Theke, sie nimmt ihn wie einen Säugling in den Arm und fährt dann mit dem spitzen Zeigenfinger und dem ebenso spitzen Fingernagel tief in die hintere Öffnung des armen Rollbratens. Sie dreht und pult, und bringt mit Finger und Fingernagel einen Klumpen Füllung ans Tageslicht und spricht: Zwiwwel un‘ Worschtbrät.

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Spät abends noch eine Hunderunde über die stockfinsteren Felder. Auf dem Rückweg am Feldrand springt aus dem Gebüsch eine schwarze Gestalt auf mich zu und brüllt furchterregend Uuuuaaaaarrrgh! Ich bekomme fast einen Herzinfarkt Ich bleibe zumindest mal stehen. Noch im Sprung, quasi halb in der Luft, dreht sich die Gestalt, oder sie versucht es zumindest und ruft, wörtlich, Scheiße!, oh Scheiße!, ich wollte meinen Bruder erschrecken, nicht SIE!! Das tut mir so leid! Die Worte des Bedauerns gehen ein bisschen unter, denn Hund Lieselotte bellt wie wild, wer wollte es ihr verdenken. Lieselotte bellt, und der junge Kerl ist untröstlich, und wenn es nicht stockfinstere Nacht wäre, würde man seine Birne vermutlich dunkelrot leuchten sehen. Ich selber finde das alles erstaunlicherweise natürlich sehr lustig, aber ein bisschen tut er mir auch leid, denn er wird ob der Peinlichkeit kein Auge zutun in dieser Nacht. Große-Jungens-Scherze auf dem Land. Naja, Sie wissen schon.

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Ich war heute arbeiten, Samstag hin oder her, das war nicht schön, aber auch nicht schlimm, ich musste mein Büro an Kollegen ausleihen, also alles anschalten, einweisen, dann Leine ziehen. Die Zeit habe ich mit der neuen Kamera und dem Hund auf den matschig-grauen Feldern verbracht, das war nun wieder ausgesprochen schön. Trotz Wetter. Ein bisschen rumknipsen und ausprobieren und dem Tag beim Dämmern zuschauen und den Schäfchen beim Spielen und Ruhen. Sehr schön war das, geradezu grandios. Ich kann Ihnen das sehr empfehlen, wenn Sie dieser Tage zufällig irgendwo eine Schafherde sehen, einfach mal dazusetzen und glotzen, es gibt fast nichts, was eine Seele mehr beruhigt.

12 von 12

Heute in zwölf Tagen ist Heiligabend, ich wollte das an dieser Stelle mal anmerken. Nicht, dass es am Ende wieder heißt, Sie hätten von nichts gewußt. Demnach ist heute also der 12. Dezember, und wie an jedem Zwölften eines Monats sind wir Bloggerinnen und Bloggerinskys aufgefordert, unseren Tag in zwölf Bildern zu dokumentieren, das wünscht sich die Frau mit den Kännchen, und ich bin gerne wieder dabei.

Dabei gab es heute eigentlich nicht wirklich was zu dokumentieren, Donnerstag ist bei mir immer Freitag, also frei-Tag, ebenso wie Freitag Frei-Tag ist. Ich habe das heute sehr ernst genommen und eigentlich überhaupt nichts gemacht. Also, fast nichts, aber bitte, sehen Sie selbst, was ich so rumgeknipst habe mit dem Händi, während die wunderbare neue Nikon D7100 auf ihren ersten Einsatz wartet.

Guten Morgen erstmal.
Oh, Überraschung in Weiß.
Hunderunde morgens.
Akkus aufladen. Im wörtlichen und im übertragenen Sinne. In der Steckdose und auf dem Sofa.
Schöne Aussichten am Mittag.
Auf einem finstren Dachboden herumgekruschtelt. Eine Mischung aus Füllhorn und Büchse der Pandora. Zu bieten hätte ich aktuell: fünf Spinnräder, acht Fleischwölfe und siebenhundertdrölfzig TonTöpfe in blaugrau.
Oha.
Aus Berlin-Charlottenburg. Ausgerechnet. Ja, bin ich denn nicht mal auf einem Odenwälder Dachboden sicher vor der Charlottenburger Vergangenheit?
Runter vom Dachboden, rein in die Küche. Die Rosenkohl-Ernte des Jahres. Unser ganzer Stolz, leider aber kümmerlich.
Ja, sie isst sogar rohen Rosenkohl, die alte Dame. Wenn man sie läßt.
Frau Lieselotte hält sich unauffällig im Hintergrund und wartet, bis ihre Küchen-Chance kommt. Zustände sind das!
Und jetzt aber Feierabend. Alkoholfrei und bappsüß, aber naja.

Und jetzt geht der Gatte an den Herd und bereitet Spaghetti mit Garnelen, und dann werden wir ein bisschen plaudern beim Essen und danach, und dann werde ich rückblickend denken, dass der Tag sooo schlecht gar nicht war.

Dämmerung.

Die Kollegen aus dem Funkhaus in der großen Stadt haben mich heute mal wieder in eine der hinteren Ecken des Landkreises geschickt. Oder in eine der vorderen, das hängt nun ganz von der Betrachtungsweise ab.

Jedenfalls war es schon gegen Feierabend, als ich dort meinen Dienst erledigt hatte, und so ging ich vor der Rückfahrt noch eine kleine Runde mit Hund Lieselotte und knipste ein bisschen mit dem Händi herum.

Eisig wehte der Wind, und ich war natürlich nicht wirklich offroad-tauglich angezogen, aber ich merkte das vor lauter Begeisterung gar nicht. Ich kann mich ja an Landschaft im Allgemeinen und Besonderen in der Regel kaum satt sehen, was kümmern mich da kalter Wind und Minusgrade? Im Gegenteil: je mehr ich schaute und mich begeisterte, umso wärmer wurde mir.

Es dämmerte und dämmerte und wurde immer schummriger und vermutlich auch immer kälter, und wie ich da so an dem kleinen Wäldchen vorbei lief, schimpften Amseln und Drosseln von hoch oben auf mich herab. Das einzige Geräusch weit und breit. Mal abgesehen von meinem und Frau Lieselottes Geschnaufe.

Und auf einmal fühlte ich mich zurückversetzt in diese Zeit, als man mit Einbruch der Dämmerung heim musste im Winter. Wie ich da in vermodderten Schneehosen und mit irgendeinem ollen Anorak durch die Straßen im Berliner Westend gestiefelt bin, völlig verschwitzt und mit glühenden Wangen. Die Kufen des Schlittens, den ich hinter mir herzog, machten zwischendurch raue Kratzgeräusche auf dem gesalzenen Fußweg, ansonsten verschluckte der Schnee jeden Lärm.

Wir kamen aus dem Ruhwaldpark oder aus dem Brixi oder vom Teufelsberg, wir waren gerodelt, es war dunkel geworden. Und aus den Bäumen riefen die Vögel. Als wollten sie uns scheuchen, schneller zu laufen, damit wir pünktlich zu Hause wären. Oder als schimpften sie, weil wir sie störten, wasweißdennich. Es klang nach Sommer, war aber Winter.

Ich habe mir bis zum heutigen Tage nie auch nur einen einzigen Gedanken zu diesen Vogel-Rufen gemacht, aber plötzlich hat mich das so vertraute Geräusch mitten im Odenwälder Nirgendwo völlig unvermittelt zurück in die Berliner Vergangenheit katapultiert. Merkwürdige Sache, sowas.

Ich tappte da also heute nachmittag über die Felder am hinteren vorderen Ende des Landkreises, ich dachte so über alte Zeiten nach und war begeistert von der Natur um mich herum und merkte die Kälte nicht. Dabei fiel mir nun wiederum ein, dass auch das wohl früher schon so war. Es gibt da die schöne Geschichte, wie mein großer Bruder mir beibrachte, bäuchlings auf dem Schlitten liegend zu rodeln, hui!, voll die steile Buckel-Piste hinten im Brixpark runter. Ich muss Drei oder Vier gewesen sein und seinerzeit noch ziemlich furchtlos. (Netterweise brachte mir mein Bruder auch das Bremsen bei, denn wer im Brixpark an der steilen Buckel-Piste nicht bremst, landet im See. Die Nachbarsjungen Jörg und Jakob haben das seinerzeit mehrfach getestet.)

Jedenfalls war ich eine derart begeisterte bäuchlings-auf-dem-Schlitten-liegend-Rodlerin, dass ich in einer der täglich verordneten Mittagsruhen aus meinem Gitterbett kletterte und mich im Schiessser-Feinripp-Unterhemd und auf Ringelsöckchen an meiner mittagsruhenden Mutter vorbei auf den Weg machte, um mein neu erworbenes Rodel-Können im tief verschneiten Brixpark anzuwenden.

Es gab eine gute Stunde später daheim eine gewisse Unruhe, weil mein Bett leer war, alle warmen Anziehsachen aber noch da. Irgendwann sammelte mein großer Bruder mich dann von der Piste, ich war natürlich empört. Aber trotz nackter Arme und Beine, und trotz klitschnassem Feinripphemdchen und vereisten Ringelsocken gut temperiert, von wegen der Begeisterung.

Ich werde mir das also als Rezept für den bevorstehenden Winter merken: Wenn es knackekalt wird, irgendwas suchen, wofür man sich begeistern kann.

Das wird sich doch wohl finden lassen.

Ausflugstipp.

Das Wetter ist dazu angetan, den ganzen Tag lang reglos auf der Couch zu liegen und dem Geknister und Geknaster des Regens auf dem Dach zu lauschen. Wahlweise in die Gummiklamotten zu steigen und mit den Hunden durch Matsch und Modder zu marschieren, getreu dem Motto Halb zog es ihn, halb sank er hin, um mal hier unauffällig den guten alten Goethe zu zitieren. Freiwillig macht man ja die Hunderunden eher nicht bei dieser gräßlichen Witterung, Gummihosen hin oder her.

Wir haben uns dennoch heute aufgerafft und es am Ende nicht bereut. Deswegen jetzt hier der kleine Ausflugstipp. Egal, wie das Wetter am morgigen Sonntag ist, Sie sollten sich Richtung Hirschhorn aufmachen, wenn Sie irgendwo in der Ecke wohnen und einen Sinn für Kunst und kühles Bier und Kaffee oder Kuchen haben. Das alles bekommen Sie nämlich irgendwo da draußen hinter Hirschhorn beim Herrn Folkerts.

am kommenden Wochenende 7. und 8, Dez. ist bei mir offenens Atelier, "Vun do die Zweite" von 14:30 – mindestens 18 Uhr….

Gepostet von Enno Folkerts am Montag, 2. Dezember 2019

Der Herr Folkerts ist quasi ein Kollege vom Künstlergatten, eine norddeutsche Frohnatur mit einer künstlerischen Bandbreite, die schon schwer beeindruckt. Und sein Atelier in der ehemaligen Pappfabrik irgendwo im Unterholz bei Hirschhorn ist allein schon sehens- und beneidenswert. Und kaufen kann man die Werke im Übrigen auch.

Die fotorealistischen Fensterbilder sind sensationell. Die Holzarbeiten wunderschön. Die wilden Abstrakten erfreuen Fans von Emil Schumacher. Und die Akte, die man unter anderem bewundern kann, nun, die würde ich mir jetzt nicht ins Wohnzimmer hängen, aber sie sind eine Hommage an Egon Schiele. Und mir als preußischer Protestantin dann doch ein bißchen allzu realistisch, hüstel, hüstel. Wobei: der Akt vor dem dunkelroten Hintergrund, gleich rechts, wenn man reinkommt, den lassen Sie mir bitte hängen. Den hole ich bei Gelegenheit, ich muß nur noch das Geld zusammenkratzen. Liebe auf den ersten Blick. Coup de foudre, wie der Franzose sagt. Ich und Akt. Kannste Dir nicht ausdenken. Is aber so. Ja, so gehts mitunter, wenn man in ein Künstler-Atelier stolpert. Naja, Sie wissen schon.

Offenes Atelier Enno Folkerts, Waldmichelbacher Str.2 in Hirschhorn-Langenthal, am Sonntag, 8. Dezember, 14.30 bis 18 Uhr

Kleine Wunder.

Es ist wieder Haar-Eis-Zeit im Odenwald. Die Zeit der kleinen gefrorenen Wunder. Und ich habe mal wieder die Kamera im Auto liegenlassen, is ja klar. Deswegen zeige ich Ihnen die kleine slide-Show, die bei der letzten Haar-Eis-Zeit entstanden ist, im Februar war das, und schon da hatte ich für einen Moment das Gefühl, die Welt wäre ein wunderbar-verzauberter und friedlicher Ort.

Vor ein paar Jahren habe ich diese Gebilde noch für eine Art hochgiftigen Industrieschnee gehalten, sowas in der Art kannte ich aus Ludwigshafen, oder für böse kristallisierte Chemtrails oder so, naja, typisch Großstädter halt. Inzwischen weiß ich es besser, siehe Link unten. Und die slide-show mit Musike möge für eine winzige Entspannung in diesen aufgeregten Zeiten sorgen.

Hier ein sehr spannender Link zur Erklärung vons Janze. Mit Zeitrafferfilmchen. Jeden Tag den Horizont erweitern.

Und das sagt wikidingsbums zum Haareis.