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Ein durch und durch fauler Sonntag auf dem Lande. Das heißt, zwischendurch kam ich doch mal ins Rennen, als nämlich Ziege Luise ein Loch im Ziegenzaun fand und dann durch den Garten rannte, durch den genau in diesem Moment auch Hund Lieselotte rannte, und dann rannten sie lustig hintereinanderher, und ich rannte, und der Gatte rannte, dabei hätten wir uns das ganze Gerenne sparen können, weil die beiden tatsächlich nur lustig miteinander rennen wollten. Aber jedenfalls sind wir erst alle gerannt, und dann mussten wir den Zaun reparieren. Bis zum nächsten mal.

In diesem Sinne: Mein Protipp an alle Ziegenhalter im Lande: sparen Sie sich einfach die albernen und zeitraubenden Kontrollgänge am Ziegenzaun – warten Sie einfach darauf, dass Ziegen und Hunde und Gatten durch den Garten rennen, dann wissen Sie unzweifelhaft bescheid, dass irgendwas mit dem Ziegenzaun nicht in Ordnung ist.

Und ansonsten: Am 12. des Monats zwölf Bilder von Müßiggang und Sonntagsruhe. Die Bloggerin mit den Kännchen wünscht sich das, und ich bin gerne wieder dabei, so langweilig der Tag heute auch für die Bildbetrachter gewesen sein mag. Ich fands herrlich.

Huch. Schon sooo spät.

Die Katze kommt ja hier auch viel zu selten vor.

Schön lesen, bis das lustige Wettrennen ausbricht.

Also, ran an die Arbeit.

Dann wieder im Schatten dösen.

Damit wir nicht verhungern, bringt die Nachbarin einen Kuchen.

Das alte Hündchen döst auch.

Abends gießen.

Und übers Abendessen nachdenken.

 

Und nachher vielleicht noch Perseiden gucken. Und sich was wünschen. Weltfrieden könnte ein schlauer Wunsch sein, oder irgend sowas in der Art, Glaube, Liebe, Hoffnung, Amen undsoweiter.  Und morgen früh dann wieder krachend in der Realität ankommen. Ich werde mich ab 9 Uhr im Landgericht auf nüchternen Magen mit einem fiesen Mord beschäftigen. Also, rein beruflich, versteht sich.

Und was haben Sie so vor?

 

 

 

Unterwegs.

Es kam vergleichsweise plötzlich, blieb einen Moment und ging dann wieder. Der Herr Kachelmann hatte mich gewarnt, aber ich musste natürlich trotzdem raus.

Bei Weisbach am Katzenbuckel.

Hui.

Oh, was fliegt denn da?

Bei Balsbach. Vor dem Wetter hergefahren. Und schnell heim.

 

 

 

 

WMDEDGT.

Herrjeh, die Zeit verrennt, heute ist schon wieder der Fünfte des Monats, August in diesem Fall, und an jedem Monats-Fünften will die freundliche Frau Brüllen von uns ein bisschen Tagebuchbloggerei lesen. Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, will sie wissen, kurz WMDEDGT.

Also bitte. Was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Gute Frage. Zumal an einem Sonntag ohne einen einzigen Termin. Aber irgendwas ist ja immer. Morgens ist vorallem derzeit Kühle, ja nachgeradezu erfrischende Kühle. So stellt sich die verantwortungsbewusste Hundehalterin den Wecker auf 5 Uhr 30, na, da staunen Sie.

Eine knappe Stunde geht es im sanften Morgenlicht über die Felder, jetzt können die Hunde noch rennen, ohne einen Hitzschlag zu erleiden. Auf der Weide liegt ein neugeborenes Kälbchen, will mir scheinen, vielleicht ist es in der Nacht zu Welt gekommen. Die Mutter schlotzt und muht abwechselnd, und das alles sieht sehr friedlich aus, und ansonsten ist tiefe Stille hier draußen.

Endstation der Hunderunde ist der Forellenteich, kühl und schattig das Grundstück, und Frau Lieselotte stakst durchs eiskalte Wasser wie durch ein Kneipp-Becken, während das alte Hündchen nur dasitzt und glotzt. Forellen füttern, nach dem Reiher, diesem Drecksviech, Ausschau halten und ihn mit gereckter Faust und wilden Flüchen vertreiben. Noch in der Ferne höre ich sein hämisches Kichern.

Auf dem Rückweg Grünzeug für die Ziegen sammeln, ich stapfe mit der Heckenschere durch die Landschaft, schneide Himbeeren, Buchenzweige, Erle. Vieles ist schon am Strauch verwelkt, die Trockenheit fordert ihre Opfer. Am Wegesrand liegen die riesigen Äste von Apfelbäumen, die unter der Last der Früchte abgebrochen sind, auch hier zerkratze ich mir Arme und Beine und bediene mich.

Zuhause dann die tägliche Runde: Hühnerstall, Kükenstall und Ziegenstall. Alles in Ordnung, alle froh und munter. Und hungrig: die Ziegen mümmeln erst das angeschleppte Laub und wollen dann zum Nachtisch an meinem vormittäglichen Lesestoff nagen.

Freiwillig ein Standardwerk über die Geschichte Badens im Ziegen- und Hühnerauslauf zu lesen, ist in etwa so, wie sonntags den Wecker auf 5 Uhr 30 zu stellen, nicht so wirklich vergnügungssteuerpflichtig, aber eben mir doch ein Bedürfnis. Ich  habe neulich festgestellt, dass ich so gar nichts über den Dreißigjährigen Krieg weiß, und ich finde, das sollte sich ändern.

2018 ist es genau 400 Jahre her, dass dieser Krieg ausbrach, Auslöser war der Prager Fenstersturz, ja, da klingelt irgendwas im Hirn, ganz hinten, da habe ich mal in der Schule was davon gehört; mein alter Geschichtslehrer Dr. Melzer wippte begeistert und elastisch vor der Tafel herum, seine Frisur war so wirr wie die  Skizzen mit Pfeilen und Kreisen, die er an die Tafel warf und die ich nicht verstand. Die mir nebenbei gesagt auch herzlich egal waren. Es erschloss sich mir leider nicht, warum das interessant und wichtig sein sollte, und so fiel ich in den üblichen Geschichtsstundenschlaf, der gefühlt 30 Jahre, bis zum Westfälischen Frieden, dauerte.

Dabei gilt dieser Krieg als eine der traumatischen Erfahrungen der Deutschen, habe ich gelernt, 30 grauenhafte Jahre lang, man muss sich das mal vorstellen, und auch hier im Odenwald hat er gewütet und seine Spuren hinterlassen. Der Odenwald war zwar kein Kampfgebiet, aber doch Durchzugsregion für Soldaten aus allen Himmelsrichtungen, und er hat auch hier, Hand in Hand mit der Pest,  dafür gesorgt, dass am Ende bis zu zwei Drittel der Bevölkerung ausgelöscht waren. Getötet, verhungert, geflohen.

Irgendwo las ich, dass in ganz Baden – und eben auch im Odenwald – Auswanderer aus der Schweiz kamen, um die ausgestorbenen Dörfer wieder aufzubauen, zu beleben. Wieso ausgerechnet Schweizer, ausgerechnet in den kargen Odenwald? Und ausgerechnet evangelische Schweizer ins tiefste Katholikenland? – Ich finde dazu auch in dem inzwischen angenagten Standardwerk nicht viel – falls da also jemand einen Literaturtipp hat – immer gerne her damit.

Am Vormittag schaue ich Hühnern, Ziegen und dösenden Hunden zu, ihre Ruhe überträgt sich auf mich, und ich genieße die Muße. Ein Zustand, den es in den ersten 48 Jahren meines Lebens nicht gab, und den ich noch ein bisschen üben muss. Falls Sie das Thema mehr interessiert als der Dreißigjährige Krieg: an der Freiburger Universität gibt es seit Kurzem sogar einen vielbeachteten Sonderforschungsbereich zum Thema Muße, ich hatte mal das Vergnügen, den zuständigen Professor zu treffen. Noch nie hatte ich soviel Stress wie mit diesem Uni-Projekt zur Muße!, sagte er genervt und müde. Mir klang das irgendwie unlogisch, aber ich habe ja auch nicht studiert.

Ansonsten denke ich beim Kaffee auf der Terrasse darüber nach, ob ich nicht doch mal einen Podcast starten sollte, reizen täte es mich schon, – aber wollte das irgendjemand hören? Und wie wäre der aufgebaut? Literarisch, kolumnistisch oder reportagehaft? Features vom Lande? Oder gar eine Interviewreihe? Ach, ich weiß es nicht. Will ich auch in meiner Freizeit noch mit dem Mikrofon durch die Gegend rennen? Wäre das Last oder Lust? Fragen über Fragen. Ja, das kommt davon, wenn man sich der Muße hingibt.

Dann doch lieber wieder was Sinnvolles tun: den uralten Terrassentisch einölen. Und dabei bemerken, dass mein Geo und ich in den nunmehr fast 18 Jahren des Zusammenlebens bislang nur ein einziges Möbelstück gekauft haben, ein Sofa für Atelier und Kamin, rollbar durch das ganze Untergeschoss. Ansonsten alles alt, alles aus Bordmitteln, wie der Gatte sagt. Wir arbeiten auf oder um, wir schleifen ab und streichen neu, oder bringen, wie beim besagten Tisch, erst siebzehn Schichten Farbe auf, die wir nun mal allesamt abgekratzt haben, um in diesem Jahr das alte Holz zu betrachten.

Ok, für den Terrassenfußboden muss uns noch was einfallen.

Dann rasch den Sommerurlaub buchen. Rasch, wohlgemerkt. Und gleich bezahlt. Bevor es sich der allzeit unschlüssige Gatte wieder anders überlegt. Wäre nicht vielleicht Ostsee schön? (Frau recherchiert stundenlang, präsentiert fünf mögliche Ferienhäuser). Ach, ich glaube doch, Tirol wäre besser. (Frau recherchiert stundenlang, präsentiert fünf mögliche Ferienhäuser). Aber der Wolfgang, der war doch in Masuren, wie wäre denn das? (Frau, leicht genervt, recherchiert und präsentiert fünf mögliche Ferienhäuser). Und wenn wir vielleicht doch lieber nach Südspanien ….? (Frau explodiert und beißt in die Kante des frisch geölten Terrassentischs).

Nun ist das jetzt also auch erledigt, und falls es Sie interessiert: es geht in die Vogesen.

Am Nachmittag fährt mein Geo durch den Odenwald ins Bayerische zu einer Ausstellungseröffnung und einem Geburtstagsbesuch, ich schleppe mich derweil kurz durch die Sonne mit den Hunden und genieße danach bei den Freunden auf dem Aussiedlerhof einen Eiskaffee im schattigen Garten.

 

Jetzt noch das Abendprogramm: Forellen füttern, Ziegen, Hühner, Küken versorgen, gemeinsam kochen (mit dem Gatten, nicht mit Ziegen, Hühnern, Küken), essen, schlafen gehen. Oder es zumindest versuchen. Bei dieser Hitze kann doch kein Mensch schlafen. Vielleicht doch, morgens ab 5 Uhr, bis 30 Minuten später schon der Wecker klingelt und die Arbeit ruft.

Heute also war komplette Muße, komplettes Nichtstun angesagt. Davon dann aber doch eine ganze Menge, will mir scheinen.

 

 

 

P.S. Oha, hier kommen die ersten Leser-Reaktionen und Hinweise  zu den Neu-Odenwäldern aus der Schweiz nach dem 30jährigen Krieg, sehr spannend: Klick!

 

 

 

Unterwegs.

Die Hitze nervt, aber viel schlimmer ist die Dürre. Wenn es jede Nacht regnen täte, könnten von mir aus tagsüber 50 Grad auf den Odenwald herunterbratzeln, das wäre unschön, aber auszuhalten. So verwelkt und vertrocknet alles um uns herum, und die Landwirte geraten in tiefe Verzweiflung.

Wo sie sonst vier Schnitte von der Wiese holen, ist es in diesem Sommer bisher einer, und so manchem Viehhalter geht schon das Futter aus. Die Weiden sind braun und staubig, und wo vor ein paar Wochen noch die Bächlein plätscherten, steht jetzt unbeweglich ein dunkles feuchtes Etwas, wenn überhaupt. Wohl den Seen, die einen Zu- und einen Ablauf haben. Alle anderen sitzen bald auf dem Trockenen.

Der Mülbener See.

 

 

*****

Im vergangenen Jahr haben wir 25 oder 30 Kilo Kartoffeln geerntet, in diesem Jahr sind es mit ein bisschen gutem Willen fünf. Fünf mickrige Kilo. Gleiche Anzahl Reihen, gleiche Anzahl Stöcke. Mitten in der Mittagshitze wollte mein Geo gestern ernten, ich maulte natürlich und  stellte mich ein auf eine stundenlange Plackerei, stärkte mich zuvor mit Hefeweizen-alkoholfrei, zog den Blaumann an und die Handschuhe, stopfte die ohnehin schon verschwitzen Haare unter ein Kopftuch, setzte die Sonnenbrille auf und machte mich auf den beschwerlichen Weg zur Arbeit, Richtung Kartoffelbeet.

Nach drei Minuten waren wir fertig, kaum drei Hände voll winziger gelber Kartoffeln hatten wir dem steinharten Boden abtrotzen können, so groß wie Mirabellen. Allenfalls. Es ist zum Weinen. Der Herr Helms hat im Übrigen für den SPIEGEL mit der Kartoffel telefoniert: Klick!

 

*****

 

Frisches Wasser!, schreien die zahlreichen Ziegenhandbücher, Ziegen brauchen immer frisches Wasser! Ich schleppe also wie ein Ziegenstreber täglich einen Eimer schönes, klares Leitungswasser ins Gehege, koste es, was es wolle, ich putze den Eimer regelmäßig aus, wie sich das gehört, und wenn der Eimer nicht so klein wäre, hätte ich mich vermutlich schon hineingesetzt, so verlockend-erfrischend sieht das Wasser darin aus.

Neben dem Eimer steht eine olle Tonne, sie steht da einfach in der Gegend herum und sammelt verirrrtes, verwelktes Laub, verwehten Sand und ein paar Regentropfen, die gefühlt noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen. Eine bräunlich-grüne Brühe, die mir täglich zuruft, ich möge da doch endlich mal für Ordnung sorgen und die Tonne samt glitschigem Inhalt aus dem Gehege entfernen. Aber Disziplin und Ordnung sind ja leider nicht so meins.

Und, Sie ahnen es: Die Ziegen trinken am liebsten aus der ollen Tonne, sie lachen sich schief über das wunderbar teure klare Leitungswasser, das ich mit Mühen herbeischleppe, sie nuckeln an der grünlichen Brühe herum und freuen sich über allerlei Suppeneinlagen.

Es ist wie bei Hauskatze Emmy, die trinkt auch lieber aus der Klosettschüssel als aus dem sauberen Napf sauberes Wasser, und die Hunde stürzen sich auf alles Brackwasser am Wegesrand, das Römer oder Germanen oder Kelten oder wasweißichwer hier hinterlassen hat. Komme ich mit frischem Wasser in sauberen Schalen, glotzen sie empört, als wollten sie sagen Hallo, gehts noch???.

Wahrscheinlich lästern alle Tiere nachts heimlich über mich und über die ganzen albernen Ratschläge in der Fachliteratur, über all das Frische, Klare, Neue. Hahahahahaaa, frisches Wasser, was soll denn dieser Blödsinn??, je abgestandener, umso besser!  Also eigentlich ja wie im richtigen Leben.

 

 

 

Antons Familie.

Im Nachbardorf ist Familientreffen. Die Nachfahren und Angehörigen vom Anton sind zusammengekommen, sie tun das alle Jubeljahre mal, sie freuen sich über das Wiedersehen, man isst und trinkt und schwätzt, die Erwachsenen sitzen bei Kaffee und Kuchen und später beim Abendessen, und die Kinder spielen auf dem Fußballplatz.

Die Autos auf dem Parkplatz haben Kennzeichen aus allen Teilen der Republik, Berliner sind da und Münchner, Mainzer und Karlsruher, dazu Nummernschilder, die nicht mal ich mehr zuordnen kann, eine Frau ist aus Andalusien angereist, und natürlich jede Menge Odenwälder. Sie erzählen sich gegenseitig aus ihrem Leben der vergangenen Jahre, sie frischen Erinnerungen auf, ach, weißt Du noch, und sie reden immer wieder mal vom alten Anton.

Der alte Anton ist tatsächlich alt geworden, fast 90, und 1962 ist er gestorben. Geblieben sind viele Erinnerungen, viele Geschichten und noch viel mehr Nachfahren. 140 Männer, Frauen und Kinder haben sich zum Familientreffen in Wagenschwend angemeldet, das sind aber längst nicht alle, sagt eine junge Frau, die das Treffen organisiert hat. Die Brasilianer sind dieses Jahr nicht dabei, sagt eine andere. Aber sie haben eine Whatsapp geschickt! Von Brasilien auf den Sportplatz in Wagenschwend im Odenwald.

Anton Damm hatte zehn Kinder, und etliche davon hatten wieder ein halbes Dutzend Kinder, und so ist der Stammbaum in vergleichsweise kurzer Zeit gewachsen und gewachsen, ein dicker Stamm mit vielen Ästen und unzähligen Zweigen, ein fröhliches, verschlungenes Dickicht der Verwandtschaften.

Die Familienmitglieder tragen beim Treffen kleine handgeschriebene Namensschilder, auf denen nicht nur der eigene Name, sondern auch noch der der direkten Vorfahren notiert ist, damit alle sich gegenseitig erkennen und gleich zuordnen können. Ach, dann bist Du die Cousine vom Erich seiner Schwester? Ach, Erika! Du warst doch der Hilde und dem Kurt ihre Tochter!?

Was für den Außenstehenden komplett verwirrend ist, stellt mitunter auch die Familienmitglieder selber vor kurzfristige Denksportaufgaben. Ich blicke das alles nicht!, raune ich verzweifelt einer eleganten Dame aus München zu, die neben mir sitzt. Machen Sie sich keinen Kummer, ich auch nicht immer! antwortet sie lachend.

Und bei alledem ist der Anton immer dabei. Ich stelle mir vor, dass er das alles sieht und sich freut!, sagt eine. Dass der Anton eben nicht nur ein Vater, Großvater und Urgroßvater war, sondern auch ein besonderer Mann für das Dorf, für die Region, das spielt beim Familientreffen auch eine Rolle, aber nicht die Wichtigste. Die Kinder wissen damit nichts mehr anzufangen, aber wenn sie uns fragen, erzählen wir, sagt eine ältere Frau, eine von Antons Enkelinnen.

So erzählen die Nachfahren dann die spannende Geschichte vom Anton, der das Kaiserreich erlebt hat, die Weimarer Republik, die Zeit der Nationalsozialisten und die noch junge Bundesrepublik. Und das alles als einer, der mitgestalten, sich einbringen wollte.

Anton Damm wird 1874 im winzigen Wagenschwend geboren, tief im Odenwald. Er wird Landwirt und Küfer, macht seinen Militärdienst, übernimmt irgendwann die Landwirtschaft der Eltern. Die große weite Welt ist weit, weit weg, schon Mannheim und Heidelberg eine halbe, mühsame Tagesreise entfernt. Aber Anton Damm will gestalten und mitmischen, er wird erst Gemeinderat, dann Bürgermeister seines Heimatdorfes, schließlich sogar Kreisrat. Alles ehrenamtlich, versteht sich.

1920 dann zieht Anton Damm, der Landwirt und Küfer aus dem kleinen Wagenschwend, über einen sicheren Listenplatz in den Berliner Reichstag ein, als Abgeordneter der Zentrumspartei. Im Reichstag sitzt nun ein Mann, der die Interessen des badischen Hinterlandes aus genauester Kenntnis der Sachlage heraus zu vertreten weiß, heißt es bei der Partei. Für uns Hinterländer (…) muß die Kandidatur namentlich die Landwirte des Odenwaldes mit Stolz und besonderer Freude erfüllen.

Bis 1932 ist Damm Abgeordneter des Berliner Reichstages, und das kleine Wagenschwend im Odenwald, seine Heimatbasis, ist eine Hochburg der Zentrumspartei. Noch bei den Wahlen im März 1933 guckt die NSDAP in die Röhre, das Zentrum erreicht mehr als doppelt so viele Stimmen im Dorf. Und der immer noch amtierende Bürgermeister Anton Damm ist den Nazis ein Dorn im Auge.  Nur mit Polizeigewalt lässt Damm sich zwingen, am Tag nach der Wahl die Fahnen der nationalen Erhebung zu hissen, und die Gründung von SA und SS für Wagenschwend bezeichnet er als völlig überflüssig, heißt es sinngemäß in einem Schreiben gegen den Anti-Hitler-Bürgermeister. 

Es kommt, wie es kommen musste: Damm tritt freiwillig zurück, naja, Sie wissen schon, nach 24 Jahren als Bürgermeister. Die Pension muss er sich im Nachhinein erstreiten. In den kommenden Jahren lebt er als Vertreter für Messwein, es heißt, er habe keine Wirtschaft in der Region mehr betreten, um ja nicht den Hitler-Gruß zeigen zu müssen. Im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 werden insgesamt drei Haftbefehle gegen ihn erlassen, aber einer seiner Nachfolger im Bürgermeisteramt kann ihm den Kopf noch aus der Schlinge ziehen.

Schließlich erlebt Damm das Kriegsende und die Gründung der Bundesrepublik, und auch hier will er mitgestalten. Er gründet die CDU im Dorf mit, und auf den Tag genau 24 Jahre nach seinem Zwangs-Rücktritt als Bürgermeister wird er im Mai 1957 Ehrenbürger des kleinen Ortes. 1962 stirbt er mit 88 Jahren.

 

Antons unzählige Nachfahren, die 140 Teilnehmer am Familienfest im Sportheim, und all die anderen, sie kennen die Geschichte, oder auch nicht, sie sind stolz auf ihren Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater, oder auch nicht, aber sie sind alle durch ihn verbunden. Durch diesen ungewöhnlichen Landwirt und Küfer aus dem kleinen Dorf im Odenwald, der offenbar getan hat, was er für richtig hielt. Er hatte strenge Prinzipien, sagt eine der vielen Verwandten, und es klingt, wie es früher geklungen hat: wie etwas Gutes.

Wenn er jetzt dabei wäre, sagt eine Verwandte, dann würde er bestimmt mitfeiern, er würde sich wieder seine merkwürdige lange Pfeife ins Gesicht stecken, und alle hätten Angst um den schönen weißen Rauschebart. 

Dann feiern sie weiter. Heute abend und morgen früh, und irgendwann fahren sie in alle Himmelsrichtungen wieder nach Hause, die Nachfahren vom Anton.

 

 

P.S Was ich hier über Anton Damms Geschichte zum Besten gebe, habe ich dem freundlichen Herrn Neser aus Obrigheim zu verdanken. Der Mann ist extrem bewandert in (regionaler) Geschichte und hat mir freundlicherweise einen seiner Vorträge zur Verfügung gestellt, die er über Anton Damm gehalten hat. Ich nehme nicht an, dass er mein Blog liest – trotzdem Danke dafür! Hier (Klick!) bei wikidingsbums können Sie auch nochmal nachlesen. 

P.P.S. Historiker und Bierkenner anwesend? Folgende Frage taucht nämlich im Damm-Clan immer wieder auf: es gibt da ein spanisches Bier mit Namen Damm. Und man wüsste nun doch gerne, wer da genau dahinter steckt. Vielleicht gibt es noch unbekannte Verwandte, die einst erfolgreiche Bierbrauer in Spanien wurden?

 

 

 

 

 

Sternenklar.

Es gibt ja Leute, die behaupten, daß es jenseits der nächstgrößeren Städte hier, Mannheim oder Heidelberg, dass es also jenseits dieser Städte Richtung Osten ganz schnell ganz schön finster wird. Ich habe wirklich keine Ahnung, was genau damit gemeint sein könnte.

Ich erinnere mich aber an meine erste klare Winternacht im Odenwald, minus 20 Grad kalt war es und so finster, daß man die Hand vor Augen nicht mehr sah. Dafür gefühlte fünf Millionen Sterne, der ganze Himmel war voll von leuchtend hellen Punkten, sowas hatte ich noch nie gesehen. Fast nahm es einem den Atem, fast bedrängend war der übervolle Sternenhimmel.

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Langer Rede kurzer Sinn: hier oben ist es gottlob ganz schön finster. Finsterer als sonstwo. Und wenn Sie also in der Gegend wohnen und noch nicht wissen, wo und wie Sie heute MoFi kieken wollen, dann hätten wir da einen Tipp für Sie.

Hoch oben, bei Waldbrunn-Weisbach, treffen sich regelmäßig ein paar Hobby-Astronomen, immer mittwochs und zusätzlich immer bei besonderen Himmels-Events versammeln sie sich hier, bauen ihre Gerätschaften auf, fachsimpeln, glotzen in die Röhren oder in die Sterne.

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Sie gucken Sonne, Mond und Sterne, zanken über Venus und Saturn (Ringdurchmesser 340.000 Kilometer?, völliger Blödsinn, es 345.000 Kilometer, also ehrlich, weiß man doch.), springen zwischen den Geräten hin und her (guckma hier, schnell! Sonneneruptionen. Haste das auch?), zeigen stolz ihre Meteoritensammlungen herum (hier, schaun Sie mal: Agoudal Imilchil, hab nur ich, hat hier sonst keiner!) und warten ansonsten, daß es finster wird, so richtig finster.

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Ihr mittwochabendlicher Treffpunkt ist die kleine Jugendsternwarte Weisbach, aus einer Privatinitiative entstanden, wie so vieles hier im Odenwald. Ein bißchen provisorisch sieht das aus, ein bißchen self-made, und das ist es auch. Aus dem Boden gestampft in mehr als 2000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden und mit kleiner, aber feinster Sternenguckertechnik ausgerüstet.

Schulklassen können hier tagsüber die Sonne beobachten oder abends die Sterne, oder Zirkumhorizontalbögen suchen, was denn sonst, oder per Internet im Klassenzimmer verfolgen, was das Weisbacher Teleskop in einer Nacht gesehen hat.

Mittwochsabends treffen sich hier also die alten Hasen und die Sternen-Freaks, da sitzen studierte Physiker und gelernte Maurer, Pfarrer oder pensionierte Kommissare beieinander und warten, bis es dunkel wird. Beim Warten sind wir alle gleich, sagt einer, denn an der Uhr kann keiner drehen. Astronomische Lebensweisheit.

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Wenn Sie also noch auf der Suche nach dem Zirkumhorizontalbogen in Ihrem Leben sind, wenn Sie endlich die Kirkwoodlücken in Ihrer Vita füllen oder den Asteoridengürtel etwas enger schnallen wollen, oder wenn Sie da einfach ein paar Wünsche an das Schicksal hätten, die gefälligst mal erfüllt gehörten, dann wären Sie mittwochsabends an der Weisbacher Sternwarte zur rechten Zeit am rechten Platz. Sternschnuppenschauer, Perseiiden, na, Sie wissen schon. Heute abend umso mehr. MoFi undsoweiter. Sie werden nicht alleine sein da oben, gute Stimmung garantiert, und lernen kann man auch noch was. Die nächste MoFi-Chance dieser Art haben Sie ja erst in etwas über 100 Jahren, und ob Sie dann noch abends alleine raus nach Weisbach wollen, naja, ich weiß ja nicht.

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Nicht schön, aber selten: Saturn durchs Teleskop geknipst.

Die kleine Sternwarte in Waldbrunn-Weisbach ist heute ab 18 Uhr geöffnet. Vielleicht sieht man sich.

 

 

Dieser Beitrag ist hier schon mal vor etwas über zwei Jahren erschienen, da war auch irgendwas am Himmel los. Ich habe ihn heute nochmal eingestellt, aus Gründen. Großartigste Mondfinsternis des Jahrtausends, Sie wissen schon. 

 

Die alte Linde.

Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich damals nicht dabei gewesen bin, mit der Kamera am besten. Ich hätte ein Foto davon gemacht, wie sieben traurige Gestalten sich dem kleinen Hügel im klitzekleinen Waldkatzenbach nähern, wie die sieben Männer jeweils einen dürren Stecken mit einem Wurzelballen in der Hand vor sich hertragen, wie sie dann diese sieben Setzlinge in sieben kleine Erdlöcher setzen und die kahlen Stecken am Schluß mit einem Seil zusammenbinden.

Ich hätte fortan jeden Monat ein Bild von den zusammengebundenen Lindenbäumchen gemacht, immer aus der selben Perspektive, 370 Jahre lang, dann hätte ich 4.400 Fotos gehabt und die zu einem Zeitrafferfilm zusammengebastelt, und man hätte innerhalb weniger Minuten mitverfolgen können, wie aus den sieben Setzlingen, wupp, wupp, wupp, wupp, wupp, die riesig-mächtige Dorflinde von Waldkatzenbach entstanden ist.

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Die Geschichte mit den sieben Männern ist nicht bewiesen, aber schön: Sieben Väter sollen es gewesen sein, deren Familien den 30jährigen Krieg überlebt hatten, all das Morden und Töten, das auch hier in der Region, auf dem Winterhauch, tobte. Angeblich waren sie die einzigen Überlebenden im Dorf, und zum Dank pflanzte also ein jeder von ihnen 1648, nach dem Westfälischen Frieden, sein Bäumchen in Waldkatzenbach.

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Frau Lieselotte zum Größenvergleich. Sie hat die Statur eines zierlichen Schäferhundes.

Die Bäumchen wuchsen und wuchsen, der eine Friede ging, der nächste Krieg stand vor der Tür, die Männer zogen in die Schlachten und kamen wieder heim oder auch nicht, so ging das über Jahre und Jahrhunderte. Heute ist aus den sieben dünnen Sommerlinden ein mächtiger Baumkoloss geworden, der inzwischen das Waldkatzenbacher Kriegerdenkmal krönt, als Teil davon. Als stummer Zeuge der Geschichte, als einer, der all das gesehen hat, was da auf den Gedenktafeln in knappen Worten angedeutet wird, all die Schlachten und all die Toten und Vermissten all der vielen Kriege.

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Auf das ungewöhnliche Naturdenkmal weist ein Schild hin, das inzwischen auch so aussieht, als sei es von 1648, die Schrift ist kaum noch zu entziffern, das Holz ist rissig und vermodert. Hey, möchte man dem Schild zurufen, guck Dir mal den Baum da an, der hat bald 400 Jahre auf dem Buckel, und Du gehst jetzt schon in die Knie? Jetzt reiß Dich mal zusammen. Angeblich soll es bald erneuert werden, das wäre höchste Zeit.

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Wenn Sie mal in der Gegend sind, statten Sie doch der alten Linde einen Besuch ab und grüßen sie von mir. Hier bekommen Sie die entsprechende Karte und noch ein paar sehr spannende Hintergrundinformationen. Und wenn Sie sich für Baum-Geschichten interessieren, hier hatten wir neulich schon mal eine.

 

 

 

Dieser Beitrag ist hier schon mal vor knapp zwei Jahren erschienen. Weil sich der Beginn des Dreißigjährigen Krieges im Sommer 1618 aber nun aktuell zum 400. mal jährt, stelle ich ihn hier nochmal ein. Außerdem ist die Sache mit den Kriegen und dem massenhaften Sterben auf der Welt ja leider zeitlos aktuell, will mir scheinen. Und ich meine, die Hinweisschilder seien inzwischen erneuert, das wäre ja schön. 

 

 

 

Unterwegs.

Vom Himmel hoch, da kam es her, und mit ein bisschen gutem Willen konnte man es als eine Art Regen bezeichnen. Und ich musste ohnehin mit den Hunden raus und die Forellen füttern, also fuhr ich an Mais- und Sonnenblumenfeldern vorbei, Richtung Wald. Ich liebe den Geruch nasser Felder nach langer Trockenheit, oder den Geruch des feuchten Waldbodens.

Getreidefeld.

Sonnenblumen.

Maisfeld. Sieht man doch.

Das Regenglück war nur von kurzer Dauer. Meine Versuche, dem Wetter mit einem anständigen Regentanz auf die Sprünge zu helfen, sind leider kläglich gescheitert. Da will man nun endlich mal das vor Jahrzehnten erworbene Schulwissen nutzbringend einsetzen, und dann fällt einem auf, dass sie Dir in der legendären Tanzschule Finck in der Berliner Ahornallee den Regen-Tanz eben leider gar nicht beigebracht haben. Es ist ein Kreuz mit der Bildungspolitik in Deutschland. Wenn die damals schon den Prophezeiungen in Sachen Klimawandel Gehör geschenkt hätten, tja, dann hätten sie uns den Regentanz sicher beigebracht. Naja, Schwamm drüber.

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Im Wald bin ich in eine Herde von Krötenbabies hineingeraten, winzige Kreaturen, die überall auf dem nassen Weg herumhopsten, in großen Sprüngen, als eilten sie zu einer Verabredung oder einem geschäftlichen Termin. Es war kaum möglich, nicht auf sie zu treten, nur mit allerlei Verrenkungen und Ausfallschritten, vorwärts, vorwärts, seitwärts, ran! war es mir überhaupt möglich, ohne massenhaftes Morden voranzukommen, wahrscheinlich sah ich aus wie ein betrunkener Disco-Fox-Tänzer in Zeitlupe, aber da kamen mir nun doch die elementaren Grundkenntnisse des Gesellschaftstanzes wieder zugute.

Leider etwas unscharf, dafür mit Wanderschuh-Spitze zum Größenvergleich.

Mich fragte heute jemand hier auf dem Blog per Kommentar Was denken Sie im Odenwald über das, was neben der teilweisen Abgeschiedenheit geschieht? Ich dachte da im Wald so bei mir, während ich also meine krötenlebensrettenden Verrenkungen vollführte, durchaus darüber nach, dass um mich herum die Welt in Stücke fällt, und Menschen ertrinken, und andere Menschen vor Gericht kommen, weil sie Ertrinkende vor dem Ertrinken retten. Nur mal so als Beispiel, es gibt ja leider noch genug andere Beispiele, nahezu überall auf dieser Welt, wo eben jene Welt in Stücke fällt. Aber das fiel mir ein, während ich, Schritt für Schritt, über das Leben der kleinen Baby-Kröten entschied und einen slow-motion-Veitstanz aufführte, um das Schlimmste zu verhindern. Mit anderen Worten: Es ist kompliziert. Verdammt kompliziert. Alles.

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Ich liebe den Wald besonders bei Regen. Es knistert und knastert dann überall, die Tropfen fallen auf die Blätter, und die Blätter zittern und knistern; so laut ist selbst der sanfteste Regen im Wald, dass die Rehe das Unterholz verlassen und hinaus auf die Felder gehen, weil sie vor lauter Geknister und Geknaster nicht mehr hören können, wenn sich der Feind nähert. So hat mir das ein Jäger erklärt, und seitdem höre ich in der Stille das Geknister und Geknaster umso lauter. Ich hätte ihm auch heute gerne weiter gelauscht – allein, es näherten sich plötzlich im ansonsten menschenleeren Wald zwei quietschgelbe Planwagen mit dicken Pferden vorne dran und vielen Menschen innen drin.

Die Menschen saßen stumm und schauten in den Wald und in den Nieselregen, und sie lauschten der Musik aus den Bord-Lautsprechern. Bergvagabunden sind wir, ja wir! brüllte Heino (oder werauchimmer) aus den Boxen, und an einer Stelle des Refrains stieß der Kutscher (oder werauchimmer) jedes Mal einen Tiroler Jodler aus, der vermutlich bis hinein ins tiefe Neckartal zu hören war.  So zuckelten sie lärmend an mir und den stummen Hunden vorbei, sie glotzen schweigend, und Heino sang, und ich vergass vor lauter Schreck, ein Foto von der Begegnung zu machen.

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Ich habe mich heute abend ein bisschen zu den Ziegen in den Stall gesetzt, eigentlich hatte ich den Stall nur zur Nacht schließen – und vielleicht noch ein Gute-Nacht-Lied singen wollen, aber ich setzte mich also in den staubigen Stall und beriet mich mit den Ziegen über die Weltenlage. Sie haben dazu ja eher wenig Hilfreiches beizutragen, aber sie lassen sich dann, nach kurzem Zögern, kraulen und streicheln, sie strecken mir ihre Hälse entgegen und die Ohren, sie wollen gekratzt und geschrubbelt werden. Zwischendurch kommen sie mit ihrer Schnauze ganz nah an mein Gesicht, es ist, als wollten sie mich beschnuppern oder mir etwas ins Ohr flüstern, ich fühle ihren warmen Atem und streiche ihnen dann über ihre samtweiche Schnauze. Und da ist er dann wieder, dieser Moment, in dem man sich einbilden könnte, die Welt wäre ein friedlicher Ort und alles wäre perfekt.

 

 

 

Obstphilosophie

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals einen solchen Sommer hatten, hier oben in dieser Region, die im Untertitel Badisch-Sibirien heißt. Sie heißt so aus etlichen mehr oder weniger lustigen Gründen, die sich dem Zugereisten erst nach und nach erschließen, und einer der Gründe ist natürlich das Wetter. Immer kälter und nasser als anderswo.

In diesem Jahr ist alles anders, die Wiesen und Weiden verdorren, Weizen und Gerste leiden, was grün war, ist gelb, mit jedem Windstoß fegt wild der Staub über die Landschaft, und auf dem Schotter-Weg runter zum See fühle ich mich manchmal ein bisschen wie die verwegenen Automobilisten bei der Rallye Paris-Dakar, so groß sind die Staubwolken, die ich weithin sichtbar hinter mir herziehe.

Es hat seit Wochen nicht geregnet, ach, was sage ich, es ist vielleicht schon Monate her, dass mal irgendwas vom Himmel fiel, das man mit gutem Gewissen als Regen bezeichnen könnte. Fritzi und Luise, die beiden Ziegen, sind schon eine gefühlte Ewigkeit bei uns, und noch nie haben die beiden hier einen Guss erlebt.

Mein Geo, eigentlich bekennender Hitzefan, steht wimmernd vor all den vertrockneten Stauden und Blumen im Garten, er redet den darniederliegenden Kartoffelpflanzen gut zu, dass sie sich doch bitte vom staubigen Boden wieder erheben mögen, und er beobachtet allerlei anderes essbares Grünzeug beim Verschrumpeln und Vertrocknen.

Täglich entscheiden wir aufs Neue, wen oder was wir ethisch-moralisch und vorallem ökologisch vertretbar noch gießen sollen, die Tomaten kriegen ein bisschen Wasser, die Gewürze und die drei Geranien, ja, die auch. Geranien sind leider spießig und äußerst durstig, aber schön anzusehen. Ästhetik im Alltag, das muss schon sein, dem Petrus‘ sein trockner Humor hin oder her.

Wasser sammeln wir in Bütten in Handwasch- und Spülbecken und schütten es dann abends auf die lechzenden Pflanzen, ein paar übriggebliebene Bröckchen vom Abendessen sind immer dabei, oder ein Rest Milch, aber das hat noch keinem geschadet. Schließlich müssen wir allesamt kämpfen, ums Überleben, ja, die Lage ist ernst.

Und wenn ich zwischendurch mal gar nicht mehr weiß, was ich tun soll, wenn Hunde und Katzen und Ziegen und Hühner versorgt, und die spießigen Geranien gegossen sind, dann setze ich mich unter den Apfelbaum hinten im Garten und philosophiere ein bisschen. Was soll man schon anderes tun, hier in der Provinz. Der Apfelbaum jedenfalls hängt voll mit Äpfeln – besser gesagt: er hing voll mit Äpfeln. Auch er hat derzeit Hitzestreß, wie vermutlich wir alle, und er löst das ganz clever. So zumindest habe ich das hier gelernt, von Haus aus habe ich ja keine Ahnung von derlei Dingen.

Also, wenn es dem Apfelbaum zu stressig wird, wenn die Äste voll hängen und schwer und immer schwerer werden, von unten aber kein Wasser, kein Lebenselixier zu erwarten ist, dann macht er sich einfach frei. Von allem überflüssigen Ballast. Er schmeißt die kleinen Äpfel von sich, alles, was nicht unbedingt nötig ist zum Leben, wird abgeworfen. Der Baum konzentriert sich dann quasi auf sich selber, er ent-lastet sich, um wieder neue Kräfte zur Verfügung zu haben. Er lässt los, was nur an ihm zehrt.

Mir kommt das ausgesprochen schlau vor, und manchmal denke ich, es gibt da die eine oder andere gestresste Freundin, den einen oder anderen Bekannten am Rande des Burn-outs, den würde ich gerne mal unter den Apfelbaum setzen. Siehste!, würde ich dann oberschlau sagen und ein wichtiges Gesicht dazu machen, Siehste, der Baum macht das richtig. Wenn alles zuviel ist: Last abwerfen, sich aufs Wesentliche konzentrieren. Sich freimachen, um wieder besser atmen zu können. Los-lassen. Ja, ja, Sie kennen das aus den Psychokolumnen der Frauenzeitschriften. Aber ich finde, das klingt durchaus schlüssig und geradezu philosophisch.

Natürlich tut es mir auch leid um die kleinen Schrumpeläpfel, die da abgeworfen werden. Aber bestimmt ist es so: Irgendwann kommt der Regen, und dann tritt irgendeine Wildsau auf den Schrumpelapfel drauf, der Kern wird in die feuchte Erde gedrückt – und siehe da: ein paar Jahre später steht da wieder ein wunderbares kleines Apfelbäumchen.

Hach.

Naja, Sie wissen schon.

 

 

 

 

12 von 12.

Sie kennen das inzwischen, zwölf Bilder vom Zwölften des Monats, so will es die Dame mit den Kännchen, und ich mache immer gerne mit. Das ist nun heute ein Donnerstag, und Donnerstag ist Frei-Tag, – so, wie Freitag auch Frei-Tag ist, falls Sie verstehen, was ich meine. Arbeitszeitreduzierung undsoweiter, Lebensqualitätssteigerung, naja, Sie wissen schon.

Ich habe das mit dem Frei-Tag heute relativ wörtlich genommen, nur ein bisschen gearbeitet, dazu shoppen im Raiffeisenmarkt, den Ziegenstall ausgemistet, in der Sonne gesessen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Obwohl man ja mit Blick auf die Weltenlage eigentlich die Hände gen Himmel werfen und rufen müsste Ey, Alter! Soll das ne Prüfung sein, oder was? Meine Freundin macht das in allerlei Notlagen so, es vereinfacht die Situation nicht, macht einem aber ein bisschen Luft. Ich kann das also nur empfehlen.

Aber ich schweife ab. Hier nun die 12 von 12.

Morgenrunde

 

Fundstück 1

 

Fundstück 2: Das hat hier offenbar jemand mitten im Unterholz versehentlich verloren.

 

Ich war eine saftig grüne Weide. Damals, als es hin und wieder noch regnete.

 

Nur ein ganz bisschen.

 

Leergut entsorgt. Die Container werden leider auch vom wiederholten Knipsen nicht schöner.

 

Treppenwitz im Raiffeisen.

 

Stinkendes Stroh.

 

Die Idee mit dem Sitzsack (für mich) im Garten war ja echt super.

 

Sonnenbad zwischendurch.

 

Perspektivenwechsel.

Jetzt noch die Ziegen mit Grünzeug füttern, die Forellen draußen am See mit Fischfutter und den Gatten mit freilaufendem Thai-Huhn aus dem Odenwälder Nachbardorf. Heute bin ausnahmsweise ich für die Küche zuständig. Wird schon schiefgehen. Naja, Sie wissen schon.