Jetzt neu!

Ich habe mich neulich ein bisschen mit Redakteuren aus dem eigenen Hause gezankt auseinandersetzen müssen, die mich zum gefühlt 265sten mal zu meinem Umzug von der Stadt aufs Land interviewen wollten, im Rahmen eines sogenannten Kollegengespräches. Die geplante Sendung trug den immer wieder gern gehörten Titel Landlust, Landfrust, und ich sollte also darüber berichten, wie es sich so anfühlt, als Großstädterin auf dem Dorf.

Ach, Kinder!, rief ich ins Telefon, wie so eine Großmutter, die von den Enkeln genervt ist, wobei die Enkel hier im Zweifelsfall älter und erfahrener sind als ich selber, Ach, Kinder!, rief ich also, das ist doch nun wirklich ausgelutscht, ich bin seit 17 Jahren hier, ich bin doch längst schon nicht mehr neu! Es entstand eine kurze Stille in der Leitung, es war erst ein sphärisches Rauschen zu hören, dann holte mein Gesprächspartner tief Luft, Wenn man bei Dir im Blog so liest, und wenn man Dich sonst so hört, dann klingt das alles aber immer neu. Sehr neu sogar. 

Ich sage es nur ungerne, aber der Kollege hatte recht. Es klingt nicht nur neu, es fühlt sich auch so an, nach 17 Jahren noch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Neues entdecke, sehe, erfahre, rieche, beobachte, höre, fotografiere. Oft ist es, als sei ich völlig neu hier, als ginge ich mit den Augen der staunenden Touristin durch die Gegend, obwohl ich nun schon 17 lange Jahre hier bin.

Umgekehrt stolpere ich zu Ostern durch Berlin, meine Heimatstadt, der ich vor 25 Jahren den Rücken gekehrt habe. Nichts hier ist mehr, wie es war, wie ich es in Erinnerung habe, alles, wirklich fast alles ist neu hier, aber ich sehe es nicht, ich bemerke es kaum, weil ich ja meine, ich kenne mich hier aus, ich komme von hier, ich habe das alles jahrelang schon gesehen, ich muss schon gar nicht mehr hingucken.

Mir scheint, dahinter steckt irgendein kleines Geheimnis. Jeden Tag neu schauen, auch auf vermeintlich  längst Gesehenes und längst Entdecktes. Vielleicht braucht es dafür einen Umzug, raus aus dem Vertrauten, rein ins Unbekannte. Von der Großstadt aufs Dorf. Vom Nordpol nach Hawaii, von Hamburg nach Bayern, was weiß denn ich.  Aber vielleicht braucht es auch gar keinen Um-zug, nur ein Um-denken. Ein Neu-Denken, Neu-Fühlen, Neu-Hingucken.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mit den Hunden raus und schauen. Ob die Blüten der Obstbäume noch die selbe Farbe haben wie gestern. Ob der Reiher wieder am See ist. Wie die Wolken ziehen und ihre Schatten über die Felder werfen. Ob der kleine Ameisenhaufen im Unterholz schon größer geworden ist. Wie sich der Hahn schüttelt und plustert, wie ein nasser Hund, das sieht immer wieder witzig aus. Wie der Bussard über den Wiesen flatternd nach Mäusen Ausschau hält. Mit dem Bauern plaudern, ihn befragen, irgendetwas lernen. So tun, als wäre alles völlig neu. Undsoweiter, undsoweiter, naja, Sie wissen schon.

 

 

Der Jägerhof.

Ich bin ein grosser Freund klarer Linien und Formen, und je klarer und leerer ein (Wohn-)Raum ist, umso besser. Das lässt sich im wirklichen Leben nicht immer konsequent durchhalten, aber bei uns daheim haben unzählige Möbelstücke unzählige Rollen statt Füße, Sofas, Regale, kleine Tische, große Tische, um bei Bedarf von hier nach da gerollert zu werden, um wiederum an anderer Stelle Platz für Leere zu schaffen.

Diese Übersichtlichkeit hat schon manches mal dazu geführt, dass Odenwälder Besücher uns beim Betreten des Hauses fragen, wann dann die Möbbl g’liefert werre, sie denken an Schrankwände und schweres Polstermobiliar, aber seis drum. Wir fühlen uns wohl, wir haben alles, was wir brauchen, mal steht es hier, mal steht es da, und dazwischen sind Klarheit und Leere.

So war es nur folgerichtig, dass Freunde mich anlässlich meines jüngsten Geburtstages in den Jägerhof nach Kaltenbrunn einluden.

Der Jägerhof ist so eine Art Mischung aus Odenwälder Jurassic Park und Dschungelbuch, man fühlt sich wie weiland Mogli, durch den Urwald streifend, zwischen kindlichem Staunen und Schaudern, oder wie Alice im Wonderland (den Friedhof der Kuscheltiere erwähne ich an dieser Stelle nicht.). Nie weiß man so genau, wer oder was hinter der nächsten Ecke lauern möge. Sind die ausgestopften Tiere wirklich ausgestopft?, oder werden sie Dir im nächsten Moment ins Gesicht springen? Darf ich an der Liane hier ziehen, oder bricht dann der ganze schöne Jägerhof in sich zusammen? Sitzen unter dem Tisch noch Gestalten, und hörst Du nicht leise ein Kichern und Murmeln? Spricht aus den blinkenden Lichterketten nicht ein geheimer Code? Vielleicht der, der die Jurassic-Park-Saurier zum Leben erweckt? Erwacht nicht vielleicht überhaupt all das hier des Nachts zu heimlichem Leben?

Ich wage mir nicht auszumalen, wieviele Stunden ihres Lebens die Dame des Hauses mit der Dekoration der Räume verbringt. Zu jeder Jahreszeit wird das Passende dekoriert, die Ostertage waren noch vergleichsweise harmlos, habe ich mir sagen lassen, an Weihnachten wird es nahezu überirdisch, da kommen Sie dann vielleicht nur noch mit der Machete oder dem Harvester voran.

Auch will ich mir nicht ausmalen, wie Fundus und Lager des Hauses aussehen mögen, aber im Odenwald haben wir ja gottlob Platz genug, und sei es für 2.610 ausgeblasene Ostereier, 382 Häschen, 355 Stoff-Schmetterlinge, 45 Stoff-Sonnen und 1 Stoff-Mond, 89 Lichterketten aller Formen und Farben, 65 Weihnachtsmänner, 17 Nikoläuse, 37 Halloweenmasken, 458 Kürbisse, 2.643 Sternchen, 47 Engelchen, 12.976 Serviettchen, 99 Püppchen, 797 Kügelchen, 4 Tischbrunnen, 32 laufende Kilometer Blätterlianen und 38.000 Plastikschneeflocken.

Am allerwenigsten wage ich mir auszumalen, wie man hier bei einer Familienfeier mit kleinen oder gar halbwüchsigen Kindern jemals heil wieder hinauskommen soll, ohne alles in Schutt und Asche zu hinterlasssen, alles lädt zum Anfassen und versehentlichen-Runterreißen ein, ich stelle mir vor, wie Klein-Pascal hier an irgendeinem Ast, irgendeiner Girlande zieht und dort Tante Elvira unter dem tosend herunterbrechenden Kunststoff-Flieder begraben wird. Wie Wasserfälle – , nein, wie die Niagarafälle rauschen in der entgegengesetzten Ecke des Raumes die Vorhänge von Lichterketten hernieder und reißen blinkend den Patenonkel mit zu Boden, so irgendwie stelle ich mir das vor. Beim Versuch, die Lichterketten und den Patenonkel zu retten, stößt Klein-Pascals Mutter versehentlich an den mannshohen Zimmerbrunnen, woraufhin einhundertzweiundachtzig Osterhäschen und neunundsiebzig ausgeblasene Eier auf und über den Fußboden kullern, während sanft einhundertzwo schneeweiße Daunenfedern durch den Raum schweben. Daraufhin bekommt der 18jährige Cousin von Klein-Pascal einen allergischen Niesanfall, die Wände wackeln, undsoweiter, undsoweiter. Loriot läßt schön grüßen.

To cut a long story short, wie der Odenwälder sagt: Wenn Sie einen Sinn für derlei haben, so oder so, dann müssen Sie da hin, das ist alles wirklich äußerst sehenswert, und die Frau des Hauses freut sich sicher über Komplimente, sie hat zudem aus ihrer Dekoleidenschaft so eine Art Geschäft gemacht, sie können in einem kleinen Lädchen beim Jägerhof auch allerlei Dekokram kaufen.

Und das Allerbeste: Das Essen war vorzüglich, ich kann es gar nicht anders nennen. Gut bürgerlich und frisch vom Schuss, ich hatte ein hervorragendes Wildgulasch, das sich gemeinsam mit hausgemachten Knödeln auf dem Teller türmte, das Arrangement hatte in etwa die Größe des Zimmerbrunnens, es kostete einen vergleichsweisen Spottpreis und war natürlich auch nett dekoriert.

Und das Allerallerbeste: Wenn Sie den Chef zu sprechen bekommen, – also, wenn Sie ihn in all der Dekoration überhaupt finden, zwischen Engelchen, Schmetterlingen, Häschen und blinkenden Girlanden, – wenn Sie ihn in alldem irgendwo erblicken, dann sprechen Sie ihn auf Fritzi an. Fritzi war eine zahme Wildsau, genauer gesagt ein Eber, er liebte den Mann, und der liebte ihn, er hat dazu wirklich herzerwärmende, herzzerreißende, wunderbare Geschichten zu erzählen. Sie können ihn auch nach dem Rehkitz fragen, das er mit der Flasche großgezogen und dann später immer wieder im Wald getroffen und gestreichelt und mit ihm geplaudert hat, nein, es sind wirklich wundervolle Geschichten, ganz ehrlich. Kurzum: Wunderbare Gespräche, wunderbares Essen, herrlicher Abend.

 

Wenn Sie auch mal zum Jägerhof am gefühlten Ende (oder Anfang) der Odenwälder Welt möchten: Hier ist der Link zur Website des kleinen Familienbetriebes. Sie sollten vorher unbedingt anrufen, sagt der Chef, sie haben nicht immer zu den angegebenen Öffnungszeiten wirklich geöffnet, manchmal kommt etwas dazwischen, die Gesundheit, oder der Wechsel der Dekoration oder so. 

 

 

 

Heimat. Ein Geruch.

Meine Heimatstadt und ich, wir haben uns im Zorn getrennt. Nach 20 Jahren – die im ungerechten Rückblick alle unschön waren – habe ich Berlin verlassen. West-Berlin. Damals ein Provinznest, allerdings eines von gigantischen Ausmaßen. Riesig, aber bieder, brav, beschaulich. Ich packte ein paar Umzugskisten und ging weg und würdigte die Stadt 16 lange Jahre keines Blickes mehr.

Foto: pogobuschel_pixelio.de

Es zog mich hierhin und dorthin, acht Umzüge in 10 Jahren, bis ich schließlich tief in der süddeutschen Provinz gelandet bin. Treue Leser kennen die Geschichte: Balsbach im Badischen. 361 Einwohner, so eine Art Kreuzung, ein Gasthaus und ein kleines Bäckerlädchen. Das alles auch bieder, brav, beschaulich – aber irgendwie doch anders.

Wenn ich heute im Wald unterwegs bin, oder auf den Feldern, mutterseelenallein, zwischen blühendem Wasserdost und duftender Kamille, über mir der weite Himmel, dann denke ich: ich bin angekommen. Immerhin. Aber ankommen ist ja irgendwie das Gegenteil von Heimat, zumindest chronologisch.

Irgendwann war es mal wieder an der Zeit, in die Heimat zu fahren. Heimat? Viele Jahre später. Wie eine Fremde stolperte ich durch diese Stadt Berlin, getrieben von wogenden Touristenmassen, Lärm, Dreck, Hektik. Ich kannte hier niemanden mehr, alles war vertraut und doch verstörend anders, und um die Orte meiner Kindheit machte ich noch einen großen Bogen.

Eine alte Tante gibt es noch, sie besuche ich manchmal, wie einen Gast führt sie mich durch die Stadt, die doppelt so groß geworden ist, und doppelt so schnell, doppelt so laut und doppelt so aggressiv. Mein altes, spießiges West-Berlin hat schon lange eine Neue: Ost-Berlin. Lebt ein neues Leben in trauter Zweisamkeit. Ich gehöre schon lange nicht mehr dazu. Will ich auch gar nicht, denke ich.

Foto: Peter von Bechen_pixelio.de

Bis ich in der U-Bahn sitze. Oder an der Spree. Oder in einem Café am Bahnhof Zoo. Die Gerüche sind es, die mich einlullen. Nasser Berliner Asphalt. Der warme Dunst der Berliner U-Bahn, der aus den Schächten quillt. Doppeldecker-Duftreiz. Der modrige Atem der Spree.

Es ist, als wollte mich die Stadt einhüllen und betäuben und sentimental machen. Als wollte sie mich in ihre Arme nehmen und mir ins Ohr flüstern: Ach, komm, so schlimm war es nicht. Lass uns die Zeit zurückdrehen und es nochmal versuchen miteinander. Die Stadt holt aus zum olfaktorischen Emotionalangriff. Die Attacken gehen durch die Nase ins Gehirn, von da direkt ins Herz, dorthin, wo vielleicht das Heimatgefühl verankert ist, auf ewig, ob man das will oder nicht.

Foto: Rainer Sturm_pixelio.de

Solange ich in Berlin unterwegs bin, selten genug, versuche ich, nur flach zu atmen. Bloß nicht zuviel von diesen Gerüchen in die Nase, in den Körper, ins Gedächtnis ziehen. Alles schön draußen lassen. Tief durchatmen kann ich später wieder, wenn ich zurück auf dem Land bin. In meiner neuen Heimat, die sich langsam, langsam diesen Namen auch verdient.

Wenn ich dann wieder durch den Wald wandere oder über die Felder, mutterseelenallein, über mir der weite Himmel, dann mogelt sich in den Duft von blühender Kamille manchmal plötzlich der Geruch von nassem Berliner Asphalt hinein, von U-Bahn, Spree und Doppeldecker. Warum auch immer.

Dann bekomme ich ein bisschen Heimweh. Wonach auch immer.

 

 

 

Diesen Text habe ich in ähnlicher Form vor Jahren schon einmal veröffentlicht. Er kommt mir immer in den Sinn, wenn von Heimat die Rede ist. So auch jetzt wieder, nachdem auf diesem neuentdeckten Blog zu einer Blogparade aufgerufen wurde. Sehr spannend.

 

 

12 von 12.

Zwölf Bilder, die den Zwölften eines Monats dokumentieren, darum bittet regelmäßig die Frau mit den Kännchen, also bitte. Bei mir war das heute ein ganz normaler Arbeitstag mit einer ganz normalen Mittagspause, morgens warnte das Auto vor Straßenglätte, und nachmittags hätte man im Gartencafé sitzen können, wenn es hier denn sowas gäbe. Also, meine zwölf Bilder, bitte hier entlang:

Naturwecker.

Wetterwarnung.

Forellen Frühstück bringen. Am Ufer toben die Hunde, die sieht man aber nicht.

Themensammlung.

Reportertermin.

Schnelle Mittagspause am Wegesrand.

Arbeiten im Akkord.

Ich schufte, Lieselotte und die Rapunzel-Langhaar-Sau schlafen.

Befolgen Sie die Aufforderungen unseres Personals und verlassen Sie das Büro. Feierabend.

 

 

 

Feierabend.

Hier muss mal wieder ein bisschen Landschaft her. Also bin ich heute nach Feierabend noch losgezogen, Hund an der einen, Kamera an der anderen Hand. Genau gesagt bin ich nur aus dem Büro  raus und an der Ampel rechts hochgefahren.

Vor lauter blühenden Schlehen und Kirschbäumen und grünen Feldern und weiten Blicken weiß man gar nicht, wo man zuerst anfangen soll mit dem Knipsen, es artet förmlich in Stress aus, Sie dürfen mich gerne bemitleiden. Ich weiß ja nicht, wie Ihr Feierabendambiente so aussieht, bei Bedarf bemitleide ich auch gerne Sie.

Spritzmittelästhetik.

Alle Bilder: bei Mosbach.