Sonntag auf dem Lande.

Auf dem Programm stand an diesem Sonntag die Einweihung des sanierten Vereinsheimes im Dorf, da musste ich natürlich hin, das ist ja Ehrensache. Saniertes Vereinsheim heißt hierzulande in der Regel: jede Menge freiwillige Helfer, tausende von ehrenamtlichen Arbeitsstunden, Geldspenden aus der Bevölkerung, und Sachspenden dazu. 

Sowas würde in der Großstadt gar nicht funktionieren, sagt der Herr Minister in seinem Grußwort, und wie immer hat er recht, und alle applaudieren. Wahrscheinlich gibt es kaum eine Familie im Dorf, die nicht in irgendeiner Form mitgeholfen hat bei der Sanierung.

Heute also wird gefeiert, mit allem Pipapo, mit Grußworten und Dankesreden, mit einem Diakon, der das Gebäude weiht, mit Großer Gott wir loben Dich und Vaterunser, wie das auf dem Lande halt so geht, mit Steak und Bier und mit Kaffee und Kuchen.

Zwischendurch möchte ich aufspringen und rufen Hey Leute, Ihr seid super, ich weiß das, ich bin aus der Großstadt, Ihr seid so wunderbar weit weg von dieser Scheiß-egal-Mentalität, Ihr kümmert Euch, Ihr packt mit an!, und ich sehe mich im Geiste auf den sorgfältig geschmückten Tisch steigen und im schick sanierten Vereinsheim eine flammende Rede für das bürgerschaftliche Engagement in der vermeintlichen Provinz halten, und auf all jene schimpfen, die sich faul zurücklehnen und sagen Pffff….soll der Staat doch machen! Soll die Stadt doch zahlen!

Ich kann mich – Sie ahnen es – gerade noch beherrschen, was sollten denn die Leute denken?, ich bleibe schön auf meinem Stühlchen sitzen und lausche dem Liederkranz  und den freundlichen Grußworten des Ministers und des Bürgermeisters und denke mir meinen Teil, ganz still, ohne flammende Rede.

Dann wird noch ein Lied gesungen, das behauptet, dass jeder in den Himmel komme, der in unsrem Dörfchen wohnt, und einer raunt mir grinsend zu Das gilt auch für Evangelische! Und am Ende esse ich ein Stück Käsekuchen, den irgendeine Nachbarin gebacken und hier hergeschleppt hat, in so einem Torten-Trage-Dingens, wie es sie hier wohl in jedem Haushalt gibt, bloß in meinem nicht, und dann gehe ich nach Hause.

Und der Rest des Sonntags so:

 

 

 

 

Elvira.

Ich sehe die beiden vor mir, wie sie da im ersten Stock ihrer wunderschönen alten Mühle sitzen, er arbeitet am Computer, sie schaut aus dem Fenster. Ein kleines Gewitter kündigt sich an, das sieht von hier oben immer besonders wild-romantisch aus, in dieser Einsamkeit, keine Straße, kein Nachbarhaus weit und breit. Nur unten das kleine Bächlein, die grünen Hänge, die uralten Bäume, die vom aufkommenden Wind gezaust werden.

Sie lebt seit ihrer Geburt hier, der Vater war Müller, der Großvater auch. Manches hat sie hier schon erlebt, diese Mühle tief unten im Tal ist Teil von ihr, ein Leben anderswo nicht vorstellbar. Mit ihrem Mann hat sie alles hergerichtet, es sieht aus wie eine Mischung aus Schöner Wohnen und Märchenbuch.

Jetzt also tröpfelt es, das ist schön anzusehen, und aus dem Tröpfeln wird ein handfester Sommerregen, das kann dem Gemüsegarten nicht schaden. Der Sommerregen geht über in Hagel und Sturm, die Bäume biegen sich, der Regen rauscht und rauscht, es hört gar nicht mehr auf, nun wird ihr langsam doch ein bisschen mulmig da oben am Fester.

Das Wasser kommt plötzlich nicht nur vom Himmel, sondern auch von rechts und von links und jetzt von allen Seiten, es schießt die Hänge von oben hinunter Richtung Haus, es schießt aus dem Wald und über die Kieswege, die braune Brühe im Bach steigt und steigt, und es regnet und regnet und stürmt, und aus dem kleinen Bächlein wird in Minutenschnelle ein reißender Fluß.

Längst ist auch er aufgestanden vom Schreibtisch, er stellt sich neben seine Frau ans Fenster, und entsetzt beobachten die beiden, wie das Wasser immer mehr wird, immer näher kommt. Wie es hinten an die kleine, massiv gebaute Hütte prallt, die doch so hoch über dem Bach steht. Wie die reißenden Fluten an ihre eigene Hauswand donnern, wie sich mit dumpfem Grollen die riesigen Sandsteinquader unten am Bach in Bewegung setzen und wie gigantische Murmeln flußabwärts kollern. Diese Geräusche vergessen wir nie, sagt sie.

Foto: privat

 

Foto: privat

 

Foto: privat

 

privat

Die braunen Fluten zerfetzen die Wiesen unten am Bach, was bleibt, sind riesige, klaffende Wunden aus Erde und Geröll. Eine alte Eiche stürzt auf die Wohnhütte und vollendet, was die Wassermassen begonnen haben. Der Großteil des Gemüsegartens wird fortgerissen, das Ehepaar läuft nun im Haus herum, hektisch, ratlos, wie traumatisiert, erinnert sie sich, und als das Schlimmste vorbei war, habe ich die Fotos gemacht. Und ein paar Videos mit dem Handy, auf ihnen hört man das Brüllen des Wassers, das Poltern der Steinbrocken.

Die Eheleute wissen zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ihr ungebetener Besuch da unten an der Mühle Elvira heißt, und dass Sturmtief Elvira in den kommenden Tagen noch viele Menschen in vielen süddeutschen Orten heimsuchen wird. Völlig unerwartet erwischt Elvira die Gemeinden, sie richtet Millionenschaden an und hinterlässt die vielzitierte Spur der Verwüstung. Allein der großen SV-Versicherung beschert Elvira insgesamt rund 10.000 Schadensmeldungen, überflutete Keller und halbe Häuser, zerstörte Straßen, Gebäude, Autos, weggeschwemmte Brücken, durchnässte Heizkessel und schwimmende Öltanks.

Auf den Tag genau ein Jahr ist das her, dass Elvira auch bei dem Ehepaar unten an der Mühle ihre Visitenkarte hinterließ, und noch immer werden die beiden täglich an Elvira erinnert. Die Schäden sind noch lange nicht alle beseitigt, wir sind beide berufstätig, wir brauchen immer wieder schweres Gerät, das dauert alles, sagt sie. Vieles bekommen sie finanziell ersetzt, aber machen müssen wir es dann halt schon selber. Vieles ist schon gerichtet, aber an vielen Ecken sieht es immernoch wüst aus. Auch manche Versicherungsfrage ist noch ungeklärt.

 

Elvira hat mitgerissen und zerstört, was ihr in die Finger kam, und sie wird nicht nur die Bewohner der alten Mühle noch lange beschäftigen. Elvira sorgt auch dafür, dass die beiden jetzt immer nervös erst auf den Computer, dann Richtung Himmel starren, wenn ein Gewitter angesagt ist, vorbei ist die Unbeschwertheit früherer Zeiten, als die Frau sich über das wild-romantische Blitzen und Donnern und Gurgeln hier unten freuen konnte.

Und ich stelle mir vor, wie Elvira da unten irgendwo im Gebüsch sitzt, oder irgendwo in der Region auf einem Hausdach, und das alles beobachtet und fies grinst. Damit Ihr nur mal eine kleine Ahnung bekommt, denkt sie sich, und dann lacht sie vielleicht hämisch.

 

 

Auch viele andere Orte in meiner Nachbarschaft hat Elvira getroffen, aus Billigheim-Allfeld hatte ich seinerzeit von den Aufräumarbeiten ein paar Bilder mitgebracht, wenn Sie die nochmal anschauen möchten: klick!

 

LandLust.

Ich möchte ja die Großstädter unter Ihnen nicht neidisch machen, aber das war gestern mal wieder so ein Tag, der einen dran erinnert hat, wie genial es ist, auf dem Lande zu leben. Falls man das je vergessen haben sollte.

Rucksack packen mit kleinem Proviant, aus der Haustüre treten, sich nach links wenden (oder nach rechts, das ist in diesem Zusammenhang aber sowas von wurst), und dann sechs Stunden lang durch die Natur wandern, mehr oder weniger mutterseelenallein. In diesen sechs Stunden zwei Straßen überqueren, die diesen Namen mit viel gutem Willen tatsächlich verdienen. Am Abend müde und glücklich wieder heimkehren.

Ich sags ja nur mal so.

 

 

 

 

Danke.

Ich habe da ein wunderbares Buch geschenkt bekommen, das ist schon ein paar Wochen her, ich habe mich natürlich auch dafür bedankt, und längst schon wollte ich es hier im Blog mal vorstellen. Irgendwas kam mir dazwischen.

Jedenfalls ist es ein Buch für Hühnerfans, und solche, die es werden möchten, mit ganz herrlichen Fotos und sehr netten Zeichnungen, so ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann, um ein bisschen darin zu blättern. Und lernen tut man auch noch was.

Wenn Sie das interessiert, können Sie ja mal googlen, das gibt es sicher irgendwo zu kaufen, ich für meinen Teil habe es, wie gesagt, geschenkt bekommen. Von einer Städterin natürlich. Die war eine treue Blogleserin und hatte irgendwie einen Narren an meinen Hühnern gefressen, sie schickte mir immer wieder Zeitungsartikel über die Intelligenz der Hühner und über die Rassekunde, erkundigte sich nach der Eierproduktion und nach dem Gesundheitszustand der lieben Kleinen, nach meinem übrigens auch immer wieder, der spielte ja auch mal zwischendurch eine Rolle. Zumal die bloglesende Hühnerfreundin eben nebenbei auch noch meine Chefin war. Ihr Schreibtisch stand zwar 80 Kilometer von meinem entfernt, aber Chefin is Chefin.

Keine Ahnung, wo sie nun auch noch dieses wunderbare Buch aufgetrieben hatte, jedenfalls kam vor einigen Wochen wieder einmal ein Paket von ihr, darin das Hühnerbüchlein, mit einem freundlichen handgemalten Grinsemännchen und dem schriftlichen Hinweis Das MUSSTE jetzt noch sein!. 

Ich wollte das Buch also, siehe oben, längst hier schon vorgestellt haben. Weil ich ja auch wusste, dass sie eifrig mitliest. Und einen Kaffeeplausch hatten wir vage ausgemacht, dieser Tage sollte er nun stattfinden, bei ihr daheim. Ein offizielles Abschiedsfest war auch schon fest geplant und im Kalender eingetragen, Vorruhestand, krankheitsbedingt, was weiß denn ich. Aber jetzt kam eben was dazwischen.

Liebe Chefin. Grüß mir die viel zu vielen alten und jungen Kollegen, die Dir jetzt vielleicht wieder über den Weg laufen. Wenn es da, wo Du jetzt bist, einen halbwegs vernünftigen Internet-Zugang gibt, kannste ja immer mal wieder hier vorbeischauen. Ich würde mich freuen. Ich werde die Hühnergeschichten fortan immer speziell Dir widmen.

Und: Danke. Für alles.

 

 

 

Hüffenhardt.

Ja, da kommen einige von Ihnen jetzt vermutlich arg ins Grübeln. What the hell ist Hüffenhardt? Ich nehme Ihnen das nicht übel, gleichwohl sollten Sie sich den Ortsnamen merken. Oder mal googeln unter der Rubrik news. Dann merken Sie gleich: Das winzigkleine Hüffenhardt am Rande des Odenwaldes liegt nicht nur ganz in meiner Nähe, sondern derzeit auch mitten im Zentrum eines bundesweiten Orkans.

Zumindest in Pharmazeutischen Kreisen. Interessiert Sie nicht? Naja, wann immer Sie in eine Apotheke gehen, haben Sie mit Pharmazie zu tun. Und wenn Sie das nächste Mal in eine Apotheke gehen, dann lassen Sie mal das Wörtchen Hüffenhardt fallen, der Apotheker bekommt dann vermutlich sooo eine Krawatte.

Foto: Claudia-Hautumm/pixelio

So oder so können Sie in diesem geheimnisvollen Hüffenhardt derzeit ein Lehrstück in Sachen Infrastruktur im ländlichen Raum verfolgen.

Die Geschichte, das Drama in mehreren Akten, geht in groben Zügen so:  Es war einmal eine Apotheke in der kleinen Gemeinde Hüffenhardt. Die machte aber eines Tages zu, und es fand sich beim besten Willen kein Nachfolger, niemand wollte eine Apotheke in der 2000-Seelen-Gemeinde übernehmen, nein, danke, der Hüffenhardter Bürgermeister war betrübt, und manch ein Hüffenhardter Bürger war es auch.

Nun aber bekam eine führende Versandapotheke mit Sitz in Holland Wind von der Apothekenflaute in Hüffenhardt und sah seine Stunde gekommen. Vielleicht ein bisschen Geld verdienen, kostenlose Publicity und außerdem die juristischen Grenzen in Sachen Deutsches Apothekenrecht ausloten und ausreizen – wo ginge das besser als hier? Die Versender bauten in den leerstehenden Räumen der Apotheke eine Art Internetterminal auf, der Kunde schiebt sein Rezept in einen Schlitz, unterhält sich vielleicht per Videochat mit einem freundlichen Mitarbeiter in Holland, und schwupps, kommt das gewünschte Medikament aus dem Automaten gepurzelt.

Foto: Mario Heinemann/pixelio

Schon im Vorfeld schrieen die deutschen Apothekerverbände Zeter und Mordio. Nein, mit Nächstenliebe und mit Begeisterung für die Pharmazie habe so eine Internet-Versandapotheke generell schon mal gar nichts zu tun, orakelte mit schicksalsschwerer Stimme und gesenktem Haupt ein Verbandsvorsitzender in die laufenden Kameras, die Zuschauer schwankten zwischen Erstaunen (ach so? keine Nächstenliebe?) und Empörung (die wollen Geld verdienen, gibts denn sowas?). Und überhaupt müsse man alles tun, um derlei Geschäfte zu verhindern. Schließlich sei ein solcher Automat ja auch gefährlich, wenn er die falschen Präparate ausspuckt. Hüffenhardt war schon in aller Munde, bevor das erste Medikamentenpäckchen überhaupt aus dem Automaten fiel.

Irgendwann wurde der hochmoderne Apothek-o-mat mit deutsch-holländischer Chatfunktion schließlich eröffnet und keine 48 Stunden später schon wieder geschlossen, das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe wollte es so. Es gibt da ein paar rechtliche Fallen und etliche Gesetze, die Lage ist für Laien reichlich unübersichtlich, jedenfalls machte der Laden wieder dicht. Um zwei Tage später wieder zu eröffnen, derzeit gibt es dort aber nur rezeptfreie Medikamente, wenn ich das richtig verstanden habe. Der Versandhändler hat Klage gegen die Schließung eingereicht, so lange das Verfahren in der Mache ist, soll es wenigstens auf Schmalspur weitergehen.

Die Pharmaziebranche fährt währenddessen weiterhin alle Geschütze gegen den kleinen Automaten im klitzekleinen Hüffenhardt auf. Meiner aktuellen Lieblingszeitschrift, der Deutschen Apotheker-Zeitung (nicht zu verwechseln mit der Apotheken-Umschau, wann greifen die das Thema endlich auf?), meiner aktuellen Lieblingszeitschrift also entnehme ich, dass bayerische Verbandsvertreter sich nun fragen Wer beliefert eigentlich den bösen Automaten, da in Hüffenhardt in Baden-Württemberg?

Foto. I. Vista/pixelio

Aha, aha, nun also kommen wir der Sache langsam näher. Irgendwo sitzt da ein mieser Kerl, der das auch noch unterstützt, das Hüffenhardter Automatentreiben. Im Schutze der Dunkelheit müsse der wohl heimlich vorfahren, und husch, husch, den Automaten hektisch befüllen, um dann wieder in die rabenschwarze Nacht zu verschwinden. Vielleicht tut auch er es nicht einmal aus Nächstenliebe, sondern nur aus reiner Geldgier? Dem will man doch nun auf die Schliche kommen, der Präsident des Bayerischen Apothekerverbandes fordert jetzt alle deutschen Großhändler auf, an Eides statt zu erklären, dass sie damit nichts zu tun haben und ihre Hände in Unschuld waschen. Und wehe, einer weigert sich.

Das also ist das Hüffenhardter Drama in mehreren Akten, Ende völlig offen. Ich sitze davor und bin hin- und hergerissen von der Handlung, den Akteuren. Ich sehe da wie auf einer kleinen Bühne einen knallharten Geschäftsmann, der in Hüffenhardt und anderswo in Deutschland richtig Geld verdienen will. Ich sehe ein kleines Dorf, in dem es keine Apotheke mehr gibt, umgeben von kleinen Dörfern, in denen es in zehn Jahren vielleicht auch keine Apotheke mehr gibt. Ich sehe Herren in Anzügen, die sich die Haare raufen und laut schreien, auf Paragrafen verweisen, mit dem ausgestreckten Finger auf diese und auf jene zeigen und mit dem öffentlichen Pranger drohen.

Ich warte derweil noch auf den Auftritt eines weiteren Protagonisten, der mit kühlem Kopf ein bisschen Ruhe in die wirre Handlung und in das Geschrei bringt. Der wird dem Publikum dann erklären, warum so viele Apotheken auf dem Land denn überhaupt dichtmachen, und was denn da die Lösung wäre. Ob alternative Geschäftsmodelle denkbar sind. Und was sich an der Politik vielleicht auch ändern muss, damit es wieder reizvoll wird, Apotheker auf dem Land zu sein. Von wegen Nächstenliebe und so. Und vielleicht auch finanziell. Auf diesen Protagonisten in dem Drama warte ich jetzt also sehnsüchtig. Vielleicht tritt er ja im fünften Akt auf, nach der Pause.

 

 

 

Brennglas.

Stellen Sie sich vor Ihrem inneren Auge mal eine Weltkarte vor. Und zeichnen Sie im Geiste überall dort Flammen und Blitze ein, wo es in den vergangenen 70 oder 80 Jahren Krieg gegeben hat oder aktuell gibt, wo Menschen sich gegenseitig umgebracht haben auf irgendwelchen idiotischen Schlachtfeldern, oder wo auch heute Blut fließt im Namen irgendeiner Ideologie, irgendeines Wahns, wo Menschen hassen und töten und selber gehasst und getötet werden.

Und jetzt zoomen Sie mal rein in diese Weltkarte, zoomen Sie Richtung Europa, dann Richtung Deutschland. Jetzt vergrößern Sie Süddeutschland, Sie sehen bald ziemlich groß Heidelberg und Mannheim, und gar nicht weit davon zoomen Sie in dieses Mittelgebirge, den Odenwald, immer weiter hinein, immer weiter hinein, auf all die winzigen Dörfer, die vielen Felder und den Wald. Irgendwann entdecken Sie hier zwischen Wiesen und Wäldern Wagenschwend, ein winziges Nest, Sie zoomen noch ein bisschen näher ran, und dann erkennen Sie den Friedhof.

Wenn Sie jetzt ganz genau hingucken, dann sehen Sie ein Häufchen Menschen da beim Friedhof, es regnet in Strömen, die Menschen sitzen geschützt in der Friedhofskapelle, und der Musikverein spielt unter dem Kapellenvordach, damit die Noten nicht nass werden. Ein paar Polen sind da, und jede Menge Wagenschwender und auch ein paar Besucher aus den Nachbardörfern. Außerdem ein echter polnischer Konsul im feinen Zwirn, ein Landrat, der Bürgermeister, Journalisten, Fotografen.

Draußen, auf dem Friedhof, im strömenden Regen, steht das Grab von Hanka. Hanka Szendzielarz, die polnische Zwangsarbeiterin in Wagenschwend, die noch kurz vor Kriegsende bei einer Schießerei im Gasthaus Linde ums Leben kam. Seit Jahrzehnten pflegen die Frauen des Dorfes das Grab, sie pflegten es auch in all den Jahren, als die Hanka einfach nur die Hanka war.

Inzwischen aber weiß man: Hanka, das war die Frau von Zygmunt Szendzielarz, und der gilt heute als polnischer Nationalheld, jedes Kind in Polen kennt seinen Namen, sagt der polnische Journalist, der an diesem Tag in Wagenschwend dabei ist. Zygmunt befehligte die polnische Heimatarmee, die erst gegen die Deutschen, später gegen die Russen kämpfte – unter den Kommunisten galt er als Verbrecher, heute ist er posthum gefeierter Nationalheld.

Seine Frau Hanka, Mutter seiner kleinen Tochter, – Hanka also war einst von den Nazis von der Straße weg verhaftet worden, sie kam in KZs und schließlich über Umwege als Zwangsarbeiterin in den Odenwald, Zygmunt ging in den Untergrund und wurde Anfang der 50er Jahre von den Russen zum Tode verurteilt und umgebracht. Die gemeinsame Tochter hat erst vor wenigen Jahren und kurz vor ihrem eigenen Tod vom Grab der Mutter in Wagenschwend erfahren und es noch einmal besucht.

Seit 1945 also liegt Hanka auf diesem Wagenschwender Friedhof begraben, und jetzt hat der Museums- und Geschichtsverein dafür gesorgt, dass aus dem schlichten Grab eine kleine Gedenkstätte wird, mit deutsch-polnisch-englischer Informationstafel und einer Sitzbank, und das alles also wird heute auf dem Friedhof eingeweiht, es werden Reden gehalten, der Musikverein in grüner Lodentracht spielt die deutsche und die polnische Nationalhymne, und die Europahymne am Ende noch dazu, ein kleiner Männerchor singt, der Konsul bedankt sich im Namen der Republik Polen und mit einem Grabkranz dafür, dass die Wagenschwender Bürger sich all die Jahre so rührend und rührig um Hankas Grab und ihre Geschichte gekümmert haben. Landrat und Bürgermeister sprechen vom Krieg und vom Frieden, von Völkerverständigung und von Europa, und zwei Geistliche, ein Pole, ein Deutscher, erbitten den Segen dazu und weihen die neue Grabanlage, und alle zusammen sprechen das Vaterunser, wie das halt so geht auf dem Land.

Auch Mitglieder der Familie Szendzielarz sind aus Danzig angereist, eine ehemalige Lehrerin für polnische Literatur und eine junge Frau, die in Warschau Trickfilme für das amerikanische Fernsehen produziert, dazu ein Archäologe, der in seiner Freizeit nichts anderes tut, als nach den Knochen von gefallenen und verschwundenen Partisanenkämpfern in Polen zu graben, sie alle stehen da heute im Regen auf diesem Friedhof tief im Odenwald und erinnern an Hanka und Zygmunt und ihre Geschichte und an den Hass, der seinerzeit alles bestimmte, überall und immerzu. Es geht mal auf Deutsch, mal auf Polnisch, es wird hierhin und dorthin übersetzt, und alle verstehen sich, es wird auch gelacht zwischendurch, es werden unter den Regenschirmen Hände geschüttelt und Einladungen ausgesprochen, nach Polen, nach Deutschland.

Diese ganze Geschichte ist wirklich irre, sagt der polnische Journalist, der im großen Berlin für die deutsche Welle und deren Polnisches Programm arbeitet, er guckt sich nocheinmal um auf dem winzigen Friedhof, der Blick von hier oben geht weit ins Land, da sind der Musikverein und der Männerchor und die Leute aus dem Dorf unter ihren Regenschirmen, vielleicht wähnt sich der junge Reporter aus der Hauptstadt im falschen Film. Oder genau im richtigen, wer weiß das schon.

Irgendwann zerstreut sich die Gruppe, Konsul und Landrat steigen in ihre Autos und fahren davon, die Menschen gehen zu Fuß zurück ins Dorf, nach Hause. Und jetzt können auch Sie eigentlich wieder aus dem Bild hinaus-zoomen, ganz langsam, weg vom Friedhof und vom winzigen Wagenschwend, vergrößern auf Baden-Württemberg, dann auf ganz Deutschland, bis sie wieder die ganze große Weltkarte vor Ihrem inneren Auge sehen. Mit all den Flammen und Blitzen und all den Orten, an denen es kracht und knallt.

 

 

Unterwegs.

Der Freund in Mannheim freut sich auf den Grillabend mit den Nachbarn, Achtzehn Grad! flötet er ins Telefon, und ich meine, eine klitzekleine Gehässigkeit heraushören zu können. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, wir hier oben in Badisch-Sibirien fühlen uns ja manchmal benachteiligt, obwohl wir es überhaupt nicht sind. Also, nur selten jedenfalls. Vielleicht beim Wetter. Aber sonst eigentlich gar nicht.

 

 

 

 

Jetzt neu!

Ich habe mich neulich ein bisschen mit Redakteuren aus dem eigenen Hause gezankt auseinandersetzen müssen, die mich zum gefühlt 265sten mal zu meinem Umzug von der Stadt aufs Land interviewen wollten, im Rahmen eines sogenannten Kollegengespräches. Die geplante Sendung trug den immer wieder gern gehörten Titel Landlust, Landfrust, und ich sollte also darüber berichten, wie es sich so anfühlt, als Großstädterin auf dem Dorf.

Ach, Kinder!, rief ich ins Telefon, wie so eine Großmutter, die von den Enkeln genervt ist, wobei die Enkel hier im Zweifelsfall älter und erfahrener sind als ich selber, Ach, Kinder!, rief ich also, das ist doch nun wirklich ausgelutscht, ich bin seit 17 Jahren hier, ich bin doch längst schon nicht mehr neu! Es entstand eine kurze Stille in der Leitung, es war erst ein sphärisches Rauschen zu hören, dann holte mein Gesprächspartner tief Luft, Wenn man bei Dir im Blog so liest, und wenn man Dich sonst so hört, dann klingt das alles aber immer neu. Sehr neu sogar. 

Ich sage es nur ungerne, aber der Kollege hatte recht. Es klingt nicht nur neu, es fühlt sich auch so an, nach 17 Jahren noch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Neues entdecke, sehe, erfahre, rieche, beobachte, höre, fotografiere. Oft ist es, als sei ich völlig neu hier, als ginge ich mit den Augen der staunenden Touristin durch die Gegend, obwohl ich nun schon 17 lange Jahre hier bin.

Umgekehrt stolpere ich zu Ostern durch Berlin, meine Heimatstadt, der ich vor 25 Jahren den Rücken gekehrt habe. Nichts hier ist mehr, wie es war, wie ich es in Erinnerung habe, alles, wirklich fast alles ist neu hier, aber ich sehe es nicht, ich bemerke es kaum, weil ich ja meine, ich kenne mich hier aus, ich komme von hier, ich habe das alles jahrelang schon gesehen, ich muss schon gar nicht mehr hingucken.

Mir scheint, dahinter steckt irgendein kleines Geheimnis. Jeden Tag neu schauen, auch auf vermeintlich  längst Gesehenes und längst Entdecktes. Vielleicht braucht es dafür einen Umzug, raus aus dem Vertrauten, rein ins Unbekannte. Von der Großstadt aufs Dorf. Vom Nordpol nach Hawaii, von Hamburg nach Bayern, was weiß denn ich.  Aber vielleicht braucht es auch gar keinen Um-zug, nur ein Um-denken. Ein Neu-Denken, Neu-Fühlen, Neu-Hingucken.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mit den Hunden raus und schauen. Ob die Blüten der Obstbäume noch die selbe Farbe haben wie gestern. Ob der Reiher wieder am See ist. Wie die Wolken ziehen und ihre Schatten über die Felder werfen. Ob der kleine Ameisenhaufen im Unterholz schon größer geworden ist. Wie sich der Hahn schüttelt und plustert, wie ein nasser Hund, das sieht immer wieder witzig aus. Wie der Bussard über den Wiesen flatternd nach Mäusen Ausschau hält. Mit dem Bauern plaudern, ihn befragen, irgendetwas lernen. So tun, als wäre alles völlig neu. Undsoweiter, undsoweiter, naja, Sie wissen schon.