Must-haves.

Es gibt Dinge, von denen wusste ich damals, als ich noch in der Großstadt lebte, nicht einmal, dass sie existieren. Geschweige denn, wofür man sie verwenden sollte. Dinge, ohne die ein Überleben auf dem Lande aber schlechterdings unmöglich ist.

Heute: Fliegenklatschen.

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Ich erinnere mich an eine elegante Freundin meiner Großmutter in Berlin. Die Dame trug im Sommer stets einen Fächer bei sich, was mich sehr beeindruckte. Der bunt bestickte Fächer war, so schien es mir, ununterbrochen im Einsatz, er wurde gewedelt und geschwenkt, und wenn er einmal nicht gebraucht wurde, dann baumelte er friedlich und mit einem Kettchen festgemacht am runzeligen Handgelenk der alten Dame.

So in etwa müssen Sie sich das im Odenwald auch vorstellen, nur müssen Sie Fächer durch Fliegenklatsche ersetzen. Heiß genug für einen Fächer ist es in normalen Jahre eher selten, Badisch-Sibirien trägt seinen Namen nicht umsonst, dafür erleben wir hier sommers eine Invasion der Fliegen. Und wenn wir Invasion sagen, meinen wir auch Invasion.

So wird die Fliegenklatsche zum unentbehrlichen Accessoire des Landmenschen. Ich habe auch in dieser Hinsicht viel von der alten Else Bungenstab gelernt. Die dicke Frau in ihrer Kittelschürze, Gott hab sie selig, Else Bungenstab also saß völlig regungslos am Küchentisch, wie versteinert sah sie aus, in der Hand die Fliegenklatsche, die zwischen Mai und September an ihr festgewachsen schien. So regungslos saß die alte Bungenstab, dass nur das leichte Zucken, das geradezu aufreizende, winzige Wippen der Fliegenklatsche einen ahnen ließ, dass die Frau am Leben war und hellwach am Treiben in der Küche teilnahm. Es war die Ruhe vor dem Sturm, die sie so sitzen ließ.

Und plötzlich, ZACK!, schnellte die Fliegenklatsche auf den Tisch, auf Teller, Tassen, Tortenstücke. Und nochmal ZACK!, ZACK, ZACK!, Rückhand, Vorhand, Serve and Volley, die Klatsche sauste hernieder und erinnerte an die Glanzzeiten der Steffi Graf, die Trefferquote der Frau Bungenstab war dabei absolut bewundernswert, ich habe, wie gesagt, von ihr sehr viel gelernt. Wortlos wurden nach einer letzten geschmetterten Vorhand die Fliegenleichen mit einem Wisch vom Tisch gewischt, mit einem Gesichtsausdruck, der eiskalte Entschlossenheit ausdrücken sollte, hunderte von Leichen kamen so zusammen, was sage ich: es waren vermutlich tausende.

Auch bei uns liegen die Fliegenklatschen im Sommer immer in erreichbarer Nähe, und eine immer auf dem Esstisch. Ich gebe zu, in alten Berliner Zeiten wäre mir das – wie soll ich sagen – zumindest befremdlich vorgekommen, eine Fliegenklatsche auf dem Mittagstisch, die Reste der Fliegenbeine, Fliegenköpfe kleben in den Ritzen, wir können schließlich nicht nach jedem Mord die Fliegenklatsche putzen. Sie liegt da also neben Tafelsilber und Kristall, die Mordwaffe neben dem Essbesteck. Zimperlich darf halt nicht sein, wer auf dem Land lebt.

Den echten Landmenschen – das noch als Tipp zum guten Schluss – erkennt man übrigens daran, dass er die ganze Klatscherei mit keinem Wort erwähnt. Sie gehört einfach dazu im Sommer, nicht der Rede wert. Kommen Sie also jemals in die Verlegenheit, hierzulande an einem Tisch mit mehreren Personen zu sitzen, die sich unterhalten, dann ignorieren sie das DauerKlatschen und das Morden einfach ganz gelassen. Sprechen Sie ruhig weiter, als wäre nichts geschehen. Meine Frau hatte ja jetzt ZACK! diese böse Zahnoperation ZACK!…ZACK! und die Medikamente KLATSCH! hat sie nicht vertragen, wir mussten sie ZACK! mit dem Notarzt PATSCH! in die Klinik fahren. 

Überreagieren Sie auch nicht, wenn Sie selbst zum Ziel der Fliegenklatsche werden. Die Umsitzenden wollen nur Ihr Bestes und handeln im Übrigen wie aus einem angeborenen Reflex heraus.

Reden Sie einfach ZACK! weiter. So, PATSCH!, als wäre nichts geschehen.

 

 

 

P.S. Diesen Beitrag habe ich hier vor zwei Jahren schon mal veröffentlicht, ich musste ihn jetzt aus dem Archiv wieder hervorkramen. Aus Gründen. Naja, Sie wissen schon.

*klatschend und mordend ab*

 

 

 

 

Aussiedler.

Ich musste heute mal wieder an diesen Besuch vor einigen Jahren denken, aus Gründen. Der Freund aus Berlin kam über Land hier angefahren, ein wahrer Menschenfreund und Vorkämpfer für den Weltfrieden, ein im besten Sinne radikaler Christenmensch, der sich immer und überall für alles und jeden einsetzt.

Jedenfalls kam er also nach langer Fahrt über die Dörfer hier an und stieg bereits wutentbrannt aus dem Auto, er knirschte mit den Zähnen und hatte einen so dicken Hals, dass er mit seiner Zornes-Krawatte kaum durch die geöffnete Autotür passte. Statt einer herzlichen Begrüßung bellte er allerlei Vorwürfe, Das ist ja wohl das Allerletzte!, schnaubte er, das Al-ler-letzte, wie Ihr mit den Rußlanddeutschen umgeht! Echt jetzt, ey, wo bin ich hier gelandet?

Dazu muß man nun wissen, dass gerade hier im Landkreis jede Menge Russlanddeutsche leben, die meisten von ihnen seit den 80er Jahren, da waren die großen Aus- und Übersiedlungen, die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern. Ein Gutteil der sogenannten Aus- und Übersiedler kam nach Süddeutschland, und besonders im kleinen Städtchen um die Ecke empfing man sie durchaus mit offenen Armen, hierher, hierher! von wegen der Einwohnerzahlen undsoweiter.

Jedenfalls kamen ganz viele, und die meisten sind bis heute geblieben und gehören inzwischen gut und gerne einfach dazu. Ohne die Aus- und Übersiedler könnte der Mittelstand in unserem Landkreis einpacken, pflegt man hier zu sagen, und da ist bestimmt was Wahres dran.

Umso mehr staunte ich etwas ratlos über die Vorwürfe des Großstädters. Ihr interniert die Leute außerhalb der Dörfer, irgendwo in dieser Odenwälder Pampa, fuhr der fort, wie kann das sein? Er schimpfte dann noch allerlei über Lager und Ghettos,  Menschenrechte und Integration, über Teilhabe und gesellschaftliche Verantwortung, und ich wunderte mich letzten Endes nur, dass er nicht auf dem Fuße umdrehte, um diese grauenhafte Gegend zu verlassen.

Er ließ sich dann doch auf einen Kaffee nieder, was zunächst zu einer Beruhigung der Nerven und dann zur Aufklärung der rätselhaften Wut führte.

Wir haben dann sehr herzlich gelacht.

 

 

 

Erntezeit.

Bei uns beginnt jetzt die Erntezeit, wir können all das aus dem Gemüsegarten holen, was Sturm, Frost, Hagel und Schneckenattacken überlebt hat, das ist in diesem Jahr zugegebenermassen nicht besonders viel, aber wir erfreuen uns an jeder noch so kleinen Ernte. Bei den Zucchini tun wir uns mit der Einhaltung der EU-Größenverordnung noch ein bisschen schwer, aber die Erbsen sind alle 1a.

Sieht aus wie eine alleinerziehende Kegelrobbe mit ihren Babies, ist aber unser ganzer Stolz.

 

Erbsenreisig erbsendreissig.

Für das Gefummel mit den Erbsen und der Pulerei fielen mir allerlei nicht ganz jugendfreie Umschreibungen ein, lassen wir es bei dieser hier: es ist eine sehr meditative Arbeit.

Aller Anfang ist mühsam, aber im Verlauf der Arbeit wird es auch nicht besser.

Am Ende haben wir wunde Finger, aber mehr als 700 Gramm zusammengepult, oder ganz genau 1750 Erbsen, ich habe das nicht wirklich gezählt, sondern mit einem wissenschaftlich fundierten mathematischen Verfahren ermittelt. Wir haben hier ja sonst nichts zu tun, an einem Samstag vormittag auf dem Lande. Und Montag ist der Mangold fällig.

 

 

 

12 von 12.

Am Zwölften eines jeden Monats wünscht sich die freundliche Nachbarbloggerin mit den Kännchen zwölf Fotos, die den Tag dokumentieren. Hier kann man alle Beiträge anschauen, glauben Sie mir, das lohnt sich durchaus. Also bitte, meine zwölf Bilder vom Zwölften. Aus dem Leben einer rasenden Landpomeranze. Heute von morgens bis spät abends dienstlich unterwegs. Immer schön der Reihe nach.

Mistwetter.

 

Trotzdem unterwegs. Zwangsläufig.

 

Erster Interviewtermin.

 

Nächster Termin. Staatsrechtsunterricht für Flüchtlinge.

 

Nächster Termin. Mal rasch nach Heilbronn zum Polizeipräsidium.

Stadtluft schnuppern.

Und endlich wieder aufm Land. Nach gefühlten 200 Kilometern Fahrerei. Zuhause.

 

 

 

 

Es lebe die Blase.

Der Herr Osang hat sich auf ein grosses Abenteuer eingelassen. Der Autor des Nachrichtenmagazins Spiegel ist im Zusammenhang mit der Beerdigung Helmut Kohls von Hamburg aus (oder von Berlin, was weiß denn ich) nach Ludwigshafen gefahren. Und nach Speyer. In den anderen Teil Deutschlands, wie es in der Überschrift heißt. Dem entnehme ich, dass Herr Osang noch nie in einem West-Bundesland war, und vielleicht noch gar nie in der vermeintlichen Provinz.

Rheinbrücke bei Ludwigshafen. Foto: F.Betz_pixelio.de

Ludwigshafen ist hässlich, lese ich in dem Artikel im aktuellen Spiegel (leider finde ich ihn nicht online, um ihn hier zu verlinken, aber das mit Ludwigshafen wusste ich zugegebenermaßen schon vorher) Ludwigshafen also ist hässlich, so hässlich, das noch jeder Pissbahnhof in Vorpommern und jede Autobahntankstelle in Sachsen-Anhalt wie ein blühender Zukunftsort dagegen aussieht.

Und in Speyer regnet es.

Es gibt in der Domstadt Cafes mit merkwürdigem Namen (Cafe Hindenburg zum Beispiel), das Hotel, in dem Herr Osang übernachtet, ist (natürlich) aus den Sechzigern, und vor dem Fenster steht als Attraktion ein Jumbojet (gemeint ist vermutlich das weltbekannte Technikmuseum). Herr Osang findet das alles offenbar bemerkenswert-befremdlich, und dann fährt er wieder heim.

Altstadt Speyer. Foto: Holger Knecht/pixelio.de

Ich sitze ein bisschen ratlos vor dem Beitrag und wundere mich, aber, hey!, Herr Osang hat sich auf ein echtes Abenteuer eingelassen. Horizonterweiterung, neue Erfahrungen in der westdeutschen Provinz und so, ein Journalist entdeckt die Welt, naja, Sie wissen schon. 

Die Welt entdecken, insbesondere die deutsche Provinz, das wollte auch der mehrfach preisgekrönte Zeit-Redakteur Henning Sußebach. Und so zieht er sich in seiner Hamburger Großstadt-Redaktion die Wanderschuhe an und läuft los, einmal von Nord nach Süd durch Deutschland, er vermeidet Städte und Straßen, er schlägt sich quasi durchs Unterholz und quer übers Land.

Am Anfang will er nur sein Heimatland entdecken, von Neugierde und Abenteuerlust getrieben, am Ende weiß er, dass er nicht viel weiß, vom Leben da draußen, in dieser ganz anderen Welt, auf dem Land, in der vermeintlichen Provinz.

Ein Symbolbild. In Wirklichkeit sind das meine Botten.

Den Menschen auf dem Land sind ganz andere Themen wichtig als mir in der Großstadt, und sie bewerten manches anders, stellt er erstaunt fest, das fängt bei der Energiewende an und hört bei den Schweinefleischpreisen noch lange nicht auf. Und ja, auch auf dem Land gibt es Nette und Doofe, und die meisten aber sind sehr gastfreundlich dem Wanderer aus der großen Stadt gegenüber, die beißen nicht, die wollen nur spielen. Und berichten wollen sie, von ihrem Leben hier auf dem Land, und gerne Herrn Sußebachs Fragen beantworten.

Der Herr Sußebach fragt und fragt und staunt und staunt, es ist eine Mischung aus Alice im Wunderland und Harry Potter im Verbotenen Wald, in der geheimnisvollen Fremde, die Wanderung wird zur Verwunderung, und der ZEIT-Redakteur Sußebach fängt an, ein bisschen nachzudenken über die Blasen, die allgemeinen Filterblasen und die journalistischen im Besonderen. Hier können Sie das nochmal nachlesen, machen Sie das, es lohnt sich. Herr Sußebach hat was gemerkt und durchaus selbstkritisch hinterfragt, das ist ja immerhin schon was und aller Ehren wert. Das Buch dazu gibt es natürlich inzwischen auch, (nein, ich kriege kein Geld für diese Werbung), ich werde es mir kaufen, da führt kein Weg dran vorbei.

Unterdessen denke ich auch über die Blasen nach, die großen und die kleinen. Die durchlässigen und die komplett versiegelten. Und ich stelle mir vor, man würde es umgekehrt machen: Der Redakteur der Hinterposemuckeler Heimatzeitung führe nach München, Berlin oder Hamburg, und er würde in einer Artikelserie seine Erlebnisse schildern. In der Stadt ist es ganz voll, würde er schreiben, und Es gibt nicht nur Kriminelle in Berlin und Hamburg. Oder Wie ich einmal mit der U-Bahn zu einem Popkonzert in der Berliner Waldbühne fuhr. Und Stellt Euch vor, der Wohnungsmarkt ist gnadenlos in diesen Städten. 

Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, ob das echte publizistische Kracher wären, diese Geschichten, ob es dafür einen Preis für investigativen Journalismus zu gewinnen gäbe. Das mag auch daran liegen, dass inzwischen selbst jeder allerletzte Hinterposemuckeler Leser längst in Berlin und Hamburg, in München oder Dresden war, manch einer sogar schon in New York, Paris und London, mit offenen Augen und Ohren.

Wenn der Herr Sußebach auf seine nächste Tour aufbricht, werde ich ihn gerne mal hier in den tiefen Odenwald einladen. Er ist inzwischen, das entnehme ich dem Interview, ein großer Freund der sonst so gern belächelten Lokalredaktionen, der kleinen Heimatzeitungen, der vermeintlichen Käseblättchen. Schon dafür hat er sich einen Orden und ein Abendessen hier verdient, ich werde dann Reh oder Wildsau braten für ihn, und vielleicht irgendwas mit Grünkern, von wegen Regionalität und so.

Und zwischen Hauptgang und Dessert werden wir darüber reden, wieso Lokaljournalisten in der Provinz sich mitunter immer noch als die journalistischen Stiefkinder fühlen, als die, die keine Ahnung haben von der Welt. Warum ich mich manchen Kollegen gegenüber immer noch rechtfertigen muss, dafür, dass ich hier im Wald lebe und arbeite, statt in den großen Metropolen, in den coolen Medienhäusern. Dafür, dass ich, Journalistenpreise hin oder her, auf die angebliche Karriere gepfiffen und mich runter (oder rauf), zu den eigentlichen Geschichten, ran an die Leute, rauf aufs Land, begeben habe.

Warum es offenbar immer noch so viele großartige Grossstadtredakteure gibt, die mir und der ganzen Welt zwar alles über den Nahost-Konflikt erklären können, über die Energiewende und das Rußlandembargo, oder uns die Außenpolitik von Trump zerpflücken, die Landwirtschaft und auch den Umweltschutz, die überhaupt das ganze Leben komplett verstehen und erläutern, die aber noch nie eine Dienstreise auf die Schwäbische Alb, in den tiefen Odenwald oder nach Mecklenburg gemacht haben.

Und ich werde mit ihm einen Plan aushecken. Ein deutsch-deutsches Journalisten-Austauschprogramm. Großstadtredakteur tauscht vorübergehend mit Provinzschreiber, Metropolreporter mit Landkorrespondentin. Ich weiß nicht, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, mir schiene das doch durchaus zielführend, und nicht nur die Journalisten hätten was davon. Nicht, dass wir auf dem Land das wirklich nötig hätten, wir wissen ja schon alles über das Leben in der großen Stadt, aber wir würden natürlich trotzdem mitmachen, naja, Sie wissen schon. Harry Potter lässt schön grüßen. 

 

 

 

P.S.: Lieber Herr Sußebach, über Reh und Wildsau können wir ja dann noch sprechen. Vielleicht sind Sie ja Vegetarier. Oder Veganer. In der Stadt sind ja alle Veganer. Habe ich gelesen. Dann mache ich eben was Veganisches, wir sind da ganz flexibel.

 

 

 

WMDEDGT.

Ja, ist es denn zu glauben, die Zeit rennt, und mit dem Alter wird das immer schlimmer, naja, Sie wissen schon. Und jetzt ist also schon wieder der Fünfte eines Monats, genauer gesagt der Fünfte im Juli, wenn ich das richtig sehe, also fragt die freundliche Frau Brüllen einmal mehr, was ich heute so gemacht habe. Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, kurz wmdedgt. Tagebuchbloggen nennt man das, und ich bin gern dabei.

Das war heute der stinknormale Tag einer rasenden Reporterin in der vermeintlichen Provinz, also bitte sehr, wenn Sie möchten, begleiten Sie mich einfach. Nach dem ersten Kaffee gehts um 7 Uhr auf die große Hunderunde, durch die Felder und Wälder und raus zum See, Forellen füttern.

Still liegt er da am Waldrand, der See, die Forellen führen sich auf wie junge Hunde, sobald man das Grundstück betritt, sie planschen erst fröhlich in meine Richtung und schwimmen dann eilend neben mir her zur Futterstelle, ich spreche natürlich mit ihnen, und wenn ich ganz leise bin, höre ich sie schmatzen und juchzen und nach dem Futter rufen, es ist eine Wonne. Fast möchte ich jeder einzelnen einen Namen geben, aber letzten Endes sind sie doch schwer zu unterscheiden, 500 planschende Forellen im See, da kann man schon mal durcheinander kommen, also lassen wir das besser mit den Namen.

Außerdem muss ich weiter, ins Büro im kleinen Großen Kreisstädtchen, die Arbeit ruft.

Auf dem radio-logischen Programm steht heute ein Beitrag über eine Frau, die ich gestern kennengelernt habe, sie macht ein Ehrenamt der etwas anderen Art, sie bringt freiwillig und im Namen der Kirche Menschen unter die Erde, mal salopp gesagt. Begräbnisdienstleiterin nennt sich das offiziell, ein Amt, das also auch Laien ausüben dürfen, und neuerdings sogar Frauen, na, wenn das im Odenwald mal gut geht. Aber die Begegnung mit der Frau war herzerfrischend, aus dem geplanten Kurz-Interview-Termin wurde ein angeregtes Gespräch, Fortsetzung folgt hoffentlich. Jetzt also den Beitrag dazu machen, schreiben, sprechen, produzieren und den Kollegen im Funkhaus rüberbeamen.

Dann ein rasanter Themenwechsel. Von der ehrenamtlichen katholischen Begräbnisfrau zum Castortransport an den Neckar, mal rasch eine vermeintliche Gassirunde mit dem Bürohund am Kernkraftwerksgelände Obrigheim gemacht, Bürohund Lieselotte muß ja schließlich ganz plötzlich ganz dringend raus, musst Du doch? nicht wahr, und ich kann nebenher ganz unverfänglich-unschuldig ein paar Fotos von den Absperrungen, den Sichtschutzwänden und dem Transportschiff machen und die aktuelle Lage checken. Das nenne ich mal investigativen Journalismus vom Allerfeinsten, aber hallo. Den Pulitzerpreis werde ich dann mit Frau Lieselotte teilen, ist ja klar.

Nur leider tut sich nicht so wirklich Wegweisendes am Kernkraftwerk, ein leerer Castortransporter wird hin- und hergeschoben, die Schiffe dümpeln im Wasser, also fahren wir zurück ins Büro, für einen neuerlichen Themenwechsel. Jetzt steht die Wallfahrt in Walldürn auf dem Programm, dann Rechtsstaat-Unterricht für Flüchtlinge in Mosbach, und die Meinung der evangelischen Kirchen in der Region zu Afghanistan. Im Schweinsgalopp also  durch die aktuellen Themen der kleinen großen Odenwälder Welt, ein Potpourri des Landlebens. Mein täglich Brot, heute besonders abwechslungsreich.

Dazu ein Schwätzchen am Büro-Fenster mit einer 30köpfigen Gruppe schwäbischer Hausfrauen auf Mosbacher-Altstadt-Besuch, die sich als eingefleischte Fans ihres Heimatsenders outen, sowas hat man immer gerne, denen erzähle ich dann noch ein bisschen was von der Kurpfalz allgemein und radio-logisch, ja, ich bringe da tatsächlich etwas zusammen, ich staune selber immer wieder, aber das habe ich von meinem Chef gelernt.

Der hat mir einst auch beigebracht, wie ich in aggro-Diskussionen über Rundfunkbeiträge und Co argumentieren kann, auch das muss ich heute am Bürofenster noch anwenden. Mein Gegenüber ist aber leider nicht so wirklich einsichtig. Vielleicht sollte ich einfach weniger ans Fenster gehen, das würde Zeit und Nerven sparen.

A propos Zeit: Nu is Feierabend, und wir machen uns auf den Weg nach Hause, Bürohund Lieselotte und ich. Geschafft haben wir genug für heute. Also rein in die Odenwälder rush-hour.

Über Kilometer fährt vor mir ein Auto, Feierabendverkehr auf dem Lande, der Verkehrsinfarkt ist nicht mehr fern, ich ahne das. Und ich ahne, dass ich vor dem Fotografieren während der Fahrt vielleicht mal meine Windschutzscheibe putzen sollte, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

28 Grad zeigt das Thermometer immernoch, selbst hier oben im Hohen Odenwald, in Badisch-Sibirien. Jetzt ein Kaffee auf der Terrasse, später noch ein bisschen Gartenarbeit, dann nochmal an den See, Forellen füttern. Ich bin da ja derzeit für Heranwachsende zuständig, immerfort haben sie Hunger, sie fressen einem die Haare vom Kopf, bis sie eines Tages dick und rund sind und gebraten und gegrillt werden. Wenn Sie Kinder haben, werden Sie wissen, was ich meine. Also zumindest im ersten Teil des Satzes.

 

 

 

 

 

 

 

Was schön war.

Ich sitze da in der Küche und lasse mir von der Kaffeetasse die Hände wärmen, ich genieße das Alleinsein im Haus, draußen ist es oll und kühl, ich träume so vor mich hin, und die Hunde schnarchen im Wohnzimmer, wie sie das nach der ersten großen Morgenrunde gerne tun.

Wie ich da also so vor mich hinsitze, sehe ich im Augenwinkel plötzlich etwas durch unseren umzäunten Garten schleichen, eine große dunkle Gestalt, kaum zu erkennen zwischen Büschen und Bäumen.

Die Hunde schnarchen selig weiter, ich beneide sie manchmal um diese innere Ruhe, aber in solchen Momenten genieße ich nicht mehr das Alleinsein im Haus, sondern ich denke Ey, Leute, ich bezahle Euch fürs Aufpassen, nicht fürs Schlafen! Ihr werdet eines Tages noch verpennen, wenn ich von einem Einbrecher hinterrücks gemeuchelt werde. Aber letzten Endes hat das ja alles keinen Sinn, bei uns hapert es mit der Mensch-Tier-Kommunikation gleich auf mehreren Ebenen, so stehe ich also auf und gehe todesmutig und ohne Hunde in den Garten. Hallo, wer da?? 

Guten Morgen, ruft es fröhlich aus dem Gebüsch zurück, der Freund aus dem Nachbardorf ist es, mit seinem Traktor vor dem Tor und einem ganzen Haufen furchterregender Werkzeuge, jetzt reißt er auch schon an den übermannshohen, wackelnden, morschen Zaunpfosten herum, er reißt und stemmt und hämmert und sägt, er schnauft und ächzt und schwitzt, und zwischendurch pfeift er zu den Liedern, die plärrend aus seinem Traktoren-Radio herauskommen.

Was um aller Welt machst Du da?, frage ich ganz am Anfang, das ist zugegebenermaßen eine saudumme Frage, denn ich sehe ja, was er macht: er repariert unseren Zaun. Geo hat doch neulich erzählt, dass der Zaun in die Knie geht, also mache ich Euch das jetzt, sagt der Freund, und es klingt, als sei es das Natürlichste von der Welt.

Nach einer Stunde Ackerei fehlen dem Freund ein paar Stickl, und ich höre nach mehrmaligem Nachfragen heraus, dass es sich bei Stickl um handelsübliche HolzPfosten handeln muss, also machen wir einen kurzen Ausflug zum Raiffeisenmarkt ein paar Dörfer weiter, wir lachen und schwätzen im Auto und freuen uns diebisch auf die Gesichter, wenn uns beide jemand im Raiffeisenmarkt sieht. Die verheiratete Frau und der gutaussehende Mann aus dem Nachbardorf, sie treffen sich heimlich, um Stickl zu kaufen, und Legemehl und Körnerfutter und einen Topf Basilikum haben sie auch noch mitgenommen, sie hat das alles erstmal bezahlt, er lässt sich auch noch aushalten von ihr, mit Legemehl und Hühnerkörnerfutter, na, da hört sich doch wohl alles auf. 

Also, kurzum, wir amüsieren uns köstlich auf Kosten möglicher ländlicher Tratschmäuler (die es im Odenwald selbstverständlich garnirgends nie gibt), am Ende des Mittags steht der Zaun wieder wie festgemauert in der Erden, es gibt Kaffee und ein kühles Bier, und dann brummt nach ein paar Stunden der verschwitzte Freund davon.

Ich stehe in der Mitte der Dorfstraße und blicke dem Traktor noch einen Moment hinterher und winke, und dann weiß ich nicht, ob ich glücklich oder beschämt sein soll, wegen des kaputten Zaunes, der nun wieder ganz ist, ohne unser Zutun, nur dank andrer Leuts selbstverständlicher Hilfe. An manche Aspekte des Landlebens bin ich offenbar immer noch nicht so richtig gewöhnt.

 

 

 

Man kommt zu nichts.

Hier ist soviel los, man kommt zu nichts. Ich weiß nicht, wer das mit dem idyllischen Leben auf dem Lande erfunden hat, aber glauben Sie mir, es ist ein Märchen, im Zweifelsfall aus dem Hause der Gebrüder Grimm. Oder was weiß ich. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss weitereilen.

 

 

 

 

Volksfrömmigkeit.

Das Wort von der „Volksfrömmigkeit“ kenne ich auch erst, seit ich auf dem Lande lebe. Und was sich dahinter verbirgt, habe ich im Lauf der Jahre Stück für Stück verstanden. Zumindest erahne ich es, so ganz nachempfinden kann man es vielleicht gar nicht, wenn man nicht mit dieser tiefen Volksfrömmigkeit aufgewachsen ist.

Und so nehme ich einmal mehr, halb staunend, halb neidisch, zur Kenntnis, welche Aufregung der Brand einer winzigen Kapelle verursacht hat, dieser Tage in Walldürn. Die kleine Kapelle hat die Ausmaße einer geräumigen Bushaltestelle, vier Kniebänke haben darin Platz, eine Mutter Gottes steht da, an den felsenartigen Wänden viele kleine Bilder, und irgendwo ein Rosenkranz. Ganz Walldürn scheint in heller Aufregung, die Zeitungen sind voll von der Geschichte, das Feuer in der Wallfahrtstadt schlägt solche Wellen, dass die Story es sogar bis zu spiegel-online schafft.

Als ich als rasende Reporterin an den Ort des Geschehens gerast bin, ist das Feuer längst gelöscht, nicht einmal zwei Stunden dauerte der Einsatz, dann liegt der Wallfahrtsplatz wieder still und menschenleer in der Morgensonne. Oben, ein paar hundert Meter von der großen Wallfahrtsbasilika entfernt, an der kleinen ausgebrannten Kapelle, schauen Anwohner durch die Absperrungen der Feuerwehr auf die verrußte Mutter Gottes und den zerstörten Andachtsraum, mit betroffenen Gesichtern und einem tiefen Seufzen.

Noch gar nicht lange her, da wurde die kleine Kapelle saniert, viele in Walldürn haben dafür Geld gespendet, die Kapelle gehört zum Leben in Walldürn dazu, 365 Tage im Jahr, sagt ein Mitarbeiter des Rathauses. Als Ort der stillen Andacht, des Gebetes. 

Unglaublich, dass die Mutter Gottes das Feuer überstanden hat, sagen die Leute. Sie sei aus Porzellan, steht in der Zeitung. Nein, sie ist aus Gips, flüstert mir einer zu, und jetzt, mit all dem Löschwasser im Körper, wird sie vielleicht ein bißchen dicker. Und dann lächelt er verlegen, weil er auch nicht so recht weiß, was er davon halten soll.