Aufrüsten.

Ich gehöre ja nun wirklich nicht zu jenen Menschen, die immerzu die Katastrophe herbeireden, ich bin keiner von diesen Apokalyptikern, die ständig schwarz sehen und sich die Zukunft nur in den finstersten Farben ausmalen. Nein, bewahre. Aber ich habe da neulich bei einem dienstlichen Termin mal wieder etwas gelernt, – ja, das soll vorkommen -, was mich ein bisschen stutzig gemacht hat. Genauer gesagt, hat es mich in allerhöchste Alarmbereitschaft versetzt.

Um es in einem Satz zu formulieren: Die Bundesregierung geht angeblich davon aus, dass ein jeglicher in Deutschland, also Sie und ich und unsere Schwiegermütter und die Patenkinder, die in der Stadt und die auf dem Lande, dass wir also allesamt darauf eingestellt sind, so ganz praktisch, einen Stromausfall von zehn bis 14 Tagen halbwegs problemlos zu überstehen.

Ja, sehen Sie, genau so habe ich auch geguckt.

Ich habe dann auch nochmal ein bisschen nachgefragt und mich auch anderweitig informiert und bin schlussendlich zu der Erkenntnis gekommen, dass erstens ein längerer Stromausfall aus mehreren Gründen so unwahrscheinlich gar nicht ist, dass zweitens ich nicht mal fünf Tage halbwegs problemlos überstehen würde, und drittens ein langer Stromausfall auf dem Lande noch ein Spaziergang wäre gegen einen langen Stromausfall in der Stadt. Umso mehr bin ich froh und glücklich, dass ich auf dem Lande lebe. Aber ich wiederhole mich.

Um meinem Landpomeranzendasein nun also noch die Krone aufzusetzen, und mich im Übrigen für alle Eventualitäten vorzubereiten und zu stählen gegen die Unbillen der anfälligen digitalgesteuerten Energieversorgung, rüste ich mich nun also aus und auf.  Ja, lachen Sie ruhig, wir sprechen uns dann beim Stromausfall wieder. (Späßle g’macht, wir können uns beim Stromausfall gar nicht sprechen, es sind ja dann alle Leitungen tot, haha.). Zu meinem Bekanntenkreis zählt zufällig ein hochoffizieller Katastrophenschützer vom Deutschen Roten Kreuz, der sich normalerweise an den entlegensten Enden der Welt mit Pest und Cholera herumschlägt und nun aber seinen Katastrophen-Fokus netterweise vorübergehend auf das Szenario Stromausfall im Odenwald legte, das hat die Recherche erheblich vereinfacht und verleiht dem Ganzen einen Hauch Abenteuer.

Den Haushalt ergänzen seit ein paar Tagen schon ein kleiner Gaskocher nebst Gaskartuschen, und die entsprechende italienische Espressokanne für den morgendlichen Kaffee, das ist mal das allerwichtigste, sowie ein zweiflammiger Spirituskocher und Spiritus für eventuelle Mittagessen. Außerdem drei hübsch anzusehende batteriebetriebene Sturmlampen (das klingt auch so herrlich dramatisch). Taschenlampen? Haben wir seit Jahren überall griffbereit herumstehen, also bitte, ein bisschen wissen wir ja schon, was sich gehört hier draußen.

Auf der Katastrophenstromausfalleinkaufsliste stehen desweiteren mehrere Päckchen Kerzen und ein paar Einmachgläser. Aufgetautes Gemüse aus dem Eisschrank hält ja nicht ewig von alleine. Dazu mehrere Kanister (oder soll ich das Trinkwasser, anfangs noch aus der Leitung, später vom Notbrunnen, vielleicht in Plastiktüten sammeln?) und ein Satz Eimer für Spülwasser. Ja, die Klosettspülung geht früher oder später angeblich auch nicht mehr. Behaupten die zumindest, ich will das gar nicht glauben, ich werde da meinen persönlichen Katastrophenschützer nochmal fragen müssen.

Aber zur Not kann unsereiner ja auch in den Garten gehen, Sie verstehen, was ich meine, ich möchte das hier nicht weiter ausführen, habe aber diesbezüglich einst im afrikanischen Busch durchaus viel Praktisches gelernt. Das könnte ich in einem Berliner oder Hamburger oder Stuttgarter Hochhauskomplex ja nie und nimmer anwenden, mein malawisches Wissen. Wohl dem, der auf dem Lande lebt.

Auch ein Werkstattofen soll demnächst noch angeschafft werden, mit Herdplatte, den wollten wir schon lange, und auf der Terrasse steht neben dem Kaminholz ein Feuerkorb, über dem man grillen oder braten könnte, was die gut gefüllte, dann aber auftauende Tiefkühltruhe noch so hergibt oder was die jagenden Freunde herbeischleppen. Des Gatten batteriebetriebener Weltempfänger ist bereits abgestaubt und durchgecheckt, neue Batterien gekauft. Überhaupt: Batterien. Wenn wir von allem im Leben so viel hätten wie von Batterien. Auf Batterien reimt sich Benzin – auch davon haben wir ohnehin immer einen kleinen Not-Vorrat.

Haltbare Lebensmittel haben wir eigentlich immer auf Vorrat im Haus, allein von unseren Pasta-Ressourcen könnten wir wochenlang leben, ach, was sage ich, monatelang, der wahl-italienische Mann an meiner Seite sorgt dafür. Die eigenen Kartoffeln im Keller, und im Sommer allerlei im Garten. Eier liefern die braven Hühner im Stall, und wenn es ganz arg käme, dann müssten wir eben auch – naja, lassen wir das.

Hach, ich finde, das klingt doch alles irgendwie auch ganz aufregend. Und wir sind gerüstet, wenn es vielleicht morgen schon einen fetten blackout gibt. Oder übermorgen. Oder nächste Woche, was weiß denn ich. Irgendwann kommt er, und wir werden vorbereitet sein.  Die Bundesregierung wäre stolz auf mich.

 

 

P.S. Wenn Sie sich mal in das Thema einlesen wollen, bitte sehr: Es gibt da eine erbauliche (klick:) Handreichung. Und die Erkenntnis, dass – je länger man sich mit dem unerfreulichen Thema befasst, umso mehr Fragen auftauchen. Fragen Sie mal in Ihrer Kommune nach, wie es da mit der Vorsorge aussieht. Oder fragen Sie lieber nicht.

Sie können auch (klick!) hier mal nachlesen, wie das seinerzeit im Münsterland war. Ich glaube, es war nicht lustig.

 

 

 

12 von 12.

Zwölf Bilder vom Zwölften eines Monats, das wünscht sich die Frau mit den Kännchen, drüben im Nachbarblog. Dem kommen wir wie meistens gerne nach, also bitte sehr. Arbeiten, wenn andere Rosenmontag feiern, lautete heute das Motto im Büro, naja, Sie wissen schon. 

Herrgottsfrüh. Fertigmachen zur Hunderunde.

 

Stockefinstre Nacht da draußen.

 

Aber selbst im Odenwald wird es inzwischen morgens wieder hell. So halbwegs.

 

Frühstück am See. Oder so ähnlich.

 

Und dann mal was schaffen.

 

Der Hund schafft auch was.

 

 

Rosenmontagsreporterin. Ausgerechnet.

 

 

 

Früher Feierabend, ausnahmsweise.

 

Also nochmal raus.

 

Schönstes Winterwetter.

 

Zu früh gefreut.

 

Zum Feierabend also wieder in ein fettes Schneegestöber geraten. Jetzt erstmal trocknen, Hunde füttern, Essen kochen. Die Bilder dazu müssen Sie sich denken, ich habe die Zwölf ja leider schon voll.

 

 

Haute Couture.

Es hat da vor geraumer Zeit mal wieder einen Alarm gegeben, frühmorgens, in der Dämmerung, ein Anruf aus der Redaktion, ein schwerer Busunfall im nahegelegenen Städtchen. Dutzende verletzte Kinder, alle Sendeanstalten Deutschlands wollten was von mir, ach, was sage ich, die ganze Welt wollte Berichte, Fotos, Filme, und so fuhr ich also hastewattkannste los. Rasende Reporterin auf dem Lande, undsoweiter, naja, Sie wissen schon.

Ich war dann also vor Ort, ich berichtete, ich fotografierte und interviewte, ich sendete in alle Welt, es war nahezu pulitzerpreisverdächtig, undsoweiter, ich gab alles, ich überschlug mich förmlich selber, es blieb mir nicht viel anderes übrig, immer die Zeit im Nacken, ich jonglierte mit der Technik, mit dem smartphone, dem Mikro, dem Übertragungswagen, ich half den eilends angereisten Kollegen vom Fernsehen, also, es war bei allem traurigen Anlass natürlich insgesamt eine superduper Perfomance, undsoweiter, undsoweiter, blablabla.

Das wurde hinterher auch durchaus gelobt, anständige Arbeit, seriöse Berichterstattung, Frau Kollegin, ich klopfte mir selber auf die Schulter und war zufrieden, im rein professionellen Sinne.

Was aber offenbar sehr viel mehr und sehr viel nachhaltiger bei den Beteiligten vor Ort einschlug als die von mir geleistete hervorragende journalistische Arbeit, war: mein Outfit. Ja, Sie haben richtig gelesen. (Die Feministinnen unter Ihnen dürfen sich aber schon gleich wieder beruhigen, es kommt anders, als Sie denken.)

Ich war am frühen Morgen losgerast, so, wie der liebe Herrgott mich für die ländlichen Hunderunden ausgestattet hat, es war ja keine Zeit zum Umziehen. Dreckiger Anorak (über den ich schnell noch die Dienstjacke gezogen hatte, das Michelin-Männchen lässt grüßen), olle Hunde-Hose und: Gummistiefel. Schließlich goß es in Strömen, ich musste zu einem schweren Unfall, ich erwartete nicht ganz zu unrecht  Löschwasser und Blutlachen und Pfützen, also ließ ich in der Eile die Gummistiefel an. Dass sie ohnehin mein  – vielleicht nicht schickstes, aber eben liebstes Schuhwerk sind, wissen treue Leser längst.

So gummistiefelte ich also vor Ort durch die Gegend, durch aufgeregte Menschenmengen, vorbei an ungezählten Rettungskräften, ich saß auch in der offiziellen Pressekonferenz in meinen verdreckten grünen Gummistiefeln, ich machte hier einfach meinen unerfreulichen Job. Ich gebe zu, andere Kollegen waren deutlich fescher angezogen, und ein bisschen genierte ich mich auch. Sie müssen verstehen, sagte ich hier und da entschuldigend, ich komme direkt von der Hunderunde auf den Feldern. Naja, was man halt so sagt. wenn man sich komplett falsch angezogen fühlt.

Ja, Sie ahnen es, die Geschichte nimmt hier eine Wendung. Denn offenbar schlugen meine Gummistiefel wie die sprichwörtliche Bombe ein. Eine Kollegin berichtete tags drauf, sie sei mehrfach auf mich und meine Gummibotten angesprochen worden, nachdem sich die Lage vor Ort etwas beruhigt hatte. Und sie beteuerte, sie habe aus den Gummistiefel-Fragen so eine Art Bewunderung herausgehört. So, als habe sich noch nie eine Reporterin in Gummistiefeln bei einem Einsatz sehen lassen. Man habe sogar registriert, dass es sich bei meinem Gummistiefel um ein besonderes Profi-Modell handele, und manch einer habe anerkennend bis hochachtungsvoll mit dem Kopf genickt.

Ich kann Ihnen sagen: Es war mir ein inneres Freudenfeuerwerk, die gummigewordene Erfüllung meiner Landpomeranzenträume, und ich frage Sie: was ist dagegen denn ein blöder Pulitzerpreis?

Der dienstliche Gummistiefeleinsatz ist inzwischen fast vier Wochen her, holte mich aber gestern erneut ein. Von wegen Nachhaltigkeit und so. Mir wurde bei einer Pressekonferenz zu einer kulturellen Großveranstaltung (zu der ich ausnahmsweise halbwegs anständig angezogen war)  ein  sehr seriös wirkender Herr vorgestellt, dessen Gesicht ich wohl schon mal gesehen hatte, den ich aber nicht gleich einordnen konnte. Geht mir manchmal so, man wird ja leider auch nicht jünger.

Ach, Sie sind doch die Frau mit den Gummistiefeln!, sagte er. Wir haben uns vor ein paar Wochen bei diesem Unfall gesehen. Wir sprachen kurz über den Fortgang der Dinge, dann über Gummistiefelqualitätsmerkmale und darüber, ob die Franzosen tatsächlich die besten Gummistiefelproduzenten sind (Ich meine: ja.).

War ja ein schrecklicher Anlass, zu dem wir uns da dienstlich begegnet sind, sagte der freundliche Herr zum Abschied, vielleicht treffen wir uns beim nächsten Mal ja unter netteren Vorzeichen. Klaro, immer gerne. Und von mir aus ab sofort immer in Gummistiefeln.

 

 

 

P.S. Soweit wir wissen, geht es inzwischen dem Großteil der verletzten Kinder und Jugendlichen wieder deutlich besser. Und die Feuerwehren und die Rettungskräfte, die rund 200 freiwilligen (!) Einsatzkräfte, haben einen riesen Job gemacht. Wie immer eigentlich. Ist ja auch so ein Lieblingsthema von mir.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Must-haves.

Es gibt Dinge, von denen wusste ich damals, als ich noch in der Großstadt lebte, nicht einmal, daß sie existieren. Geschweige denn, wofür man sie verwenden sollte. Dinge, ohne die ein Überleben auf dem Lande aber schlechterdings unmöglich ist.

Heute: Gummistiefel. Aus Gründen. Ich trage eigentlich seit Wochen nichts anderes mehr. Ach, was sage ich: seit Monaten. Der Odenwälder Winter ist eben auch nicht mehr das, was er mal war. Also bitte. Gummistiefel. 

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Nein, in alten Berliner Zeiten wusste ich definitiv nicht, was echte Gummistiefel sind. Ich hatte wohl irgendwelche Gummi-Stiefel, die so taten, als seien sie wasserfest und praktisch, aber sie waren weder das eine noch das andere. Sie waren rot mit weißen Punkten, ließen in der ersten Pfütze gleich an vielen Stellen Wasser rein und brachten es dabei noch fertig, mir im Laufen die Strümpfe auszuziehen, bis ich gänzlich barfuß in dem nassen Schuh stand und mit dem großen Zeh an einen SockenKlumpen stieß. Ich habe sie gehasst.

Als Teenie legte ich mir dann das Modell Krabbenkutter zu, blau mit weißen Nähten, oder umgekehrt, was weiß denn ich, jedenfalls schick anzusehen, aber leider ganz genauso unbrauchbar und wenig wasserdicht. Aber was soll ich Ihnen sagen? Ich dachte, des g’hört so. Ich hatte keine Ahnung. Und, glauben Sie mir, wenn Sie in irgendeinem schicken Schuhgeschäft in irgendeiner schicken Stadt mal schicke Gummistiefel kaufen – vergessen Sie es. Sie haben keine Ahnung.

Inzwischen bin ich Expertin auf dem Gebiet der Gummistiefel, und wenn es ein einziges Kleidungsstück gibt, auf das ich nie und nimmer mehr verzichten werde, dann sind es Gummistiefel. Ich besitze derzeit fünf Paar, schwarz und grün, für alle politischen und unpolitischen Gelegenheiten. Und wenn ich, selten genug, in eine Sinn- und Lebenskrise gerate, wie sie manchmal Frauen meines Alters überfällt und die nur durch sofortige Frustkäufe in den Griff zu bekommen scheint, dann gehe ich zum Raiffeisenmarkt und erstehe: Gummistiefel.

Es gibt nichts Schöneres, als völlig unbesorgt durch Jauche, Matsche, Pampe zu marschieren, durch nasse Wiesen morgens oder durch den Hühnerstall am Abend. Was kümmern mich Kuhfladen und Hühnerkacke? Alles kein Problem, der Gummistiefel ist der heldenhafte Beowulf unter den Schuhen, er hält unter Einsatz seines Gummis alles Böse von mir fern. Verregnete Herbstwochen sind mir die liebsten, und im Winter geht es durch den schmoddergrauen Schneematsch in einem italienischen Modell mit Filz und Futter innendrin.

Auch bei dienstlichen Terminen gehe ich nie ohne, mein feinster handgemachter Edel-Kautschuk-Gummi-Schuh, Le Chameau Vierzon Jersey Ld (das nur als Hinweis für die Kenner unter Ihnen) ist bei jeder Fahrt dabei im Kofferraum, man weiß ja nie. Eben noch Empfang mit dem Ministerpräsidenten, mit Absatzschühchen undsoweiter, danach Termin bei einem Schweinehalter, oder gar ein radio-logischer Alarm, Großfeuer, Zugunglück und Hochwasser – die Frau von Welt trägt ihre Gummistiefel am besten also immer bei sich.

Mir ist, beruflich wie privat, als könne ich mit den Gummistiefeln unbeschadet durch die Ursuppe des Lebens stapfen, als könnten mir die Niederungen dieser Welt nur wenig anhaben, wenn ich nur immer meine Gummistiefel trüge. Am liebsten würde ich sie gar nie ausziehen, aber, naja, Sie wissen schon.

Dabei, so scheint es mir, genießen Gummistiefel auf dem Lande keinen guten Ruf. Man hält sie wohl für rückständig und unmodern, und außer mir will offensichtlich kaum wer wie ein Bauer aussehen.

Ich trage sie dafür umso lieber, immerzu und überall. Dass ich sie zum Schlafen ausziehe, ist gerade alles. Manchmal ziehe ich sogar extra Gummistiefel an, um Eindruck zu schinden und meine Botschaft in die Welt zu tragen. Im Raiffeisenmarkt zum Beispiel, da also, wo man einen guten Gummistiefel noch zu schätzen weiß. Ich stapfe samstags morgens in das Shopping-Eldorado für die Landfrau, habe die Stiefel vorher noch ein bißchen vollgesaut im Hühnerstall, schreite andächtig quietschend die Gänge mit den Harken und den Spaten ab wie Queen Mum die Ehrenformation, vorbei an Düngemitteln, Ferkelzangen, Einweckgläsern, und vermittle mit jedem Knarzen meiner Gummistiefelsohlen auf dem glatten Kachelboden, daß ich doch allzu gern dazugehören würde.

 

 

Dieser Text ist hier vor knapp drei Jahren schon mal erschienen, ich musste jetzt häufig an ihn denken, wettertechnisch undsoweiter. Deswegen erscheint er jetzt nochmal und dokumentiert damit auch meine ungebrochene Liebe zu Gummistiefeln. Bis dass der Tod uns scheidet, naja, Sie wissen schon. 

 

 

Wahlkampf.

Bei uns in der Gemeinde tobt der Wahlkampf. Man kann sich das in etwa vorstellen wie bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen, nein, um Himmelswillen, nicht, was die Qualität der Bewerber angeht, nein, nein, ganz und gar nicht, aber in Sachen Aufwand. Also, zumindest so ähnlich. Vielleicht eine Nummer kleiner. Naja, Sie wissen schon. 

Die Bewerber schreiten jedenfalls seit Wochen zielgerichtet durch die Dörfer, warm verpackt, bei Wind und Wetter, Schneetreiben und Regen, sie klingeln an den Türen, sie werfen Handzettel in Briefkästen, ihre Geschwister, Ehefrauen, Kinder helfen ihnen, manchmal sieht man einen ganzen verfrorenen Tross mit gebündelten Handzetteln und Broschüren durch die Dämmerung ziehen, und wenn es hierzulande tagsüber Fußgänger gäbe, würden die Kandidaten sie sicher ansprechen oder einen kleinen Stand aufbauen mit give-aways und warmem Kaffee. Weil es hier aber keine Fußgänger gibt, praktizieren sie die aufsuchende Wahlwerbung, sie schalten außerdem Anzeigen im Ortsblättchen, sie grüßten zu Weihnachten und Neujahr, sie laden ein zu Veranstaltungen im Grünen Baum, in der Limbacher Mühle, in Dorfgemeinschaftshäusern und lassen sich dort Löcher in den Bauch fragen.

Bei uns also geht es um die Frage, wer in den kommenden acht Jahren auf dem Bürgermeistersessel Platz nimmt, in diesem kleinen, verwinkelten Rathaus, das doppelt so viele Treppenstufen hat wie Mitarbeiter, und drei- oder viermal so alt ist wie der derzeitige, demnächst pensionierte Amtsleiter. In dieser Gemeinde mit ihren sieben Ortsteilen und rund 3500 Wahlberechtigten, irgendwo im Odenwald. Es geht darum, wer sich hier verkämpfen will für die Zukunftssicherung der Gemeinde, für die Ansiedlung junger Familien, für besseren Nahverkehr und neue Straßenlaternen, für Schulen, Kindergärten, Apotheken oder Ärzte. Die Liste ist lang, der Arbeitstag eines Bürgermeisters ist noch länger. Das ist kein Job für Faulpelze. Nicht mal einer für Leute, die gern um 17 Uhr nach Hause gehen.

Der letzte Wahlkampf vor acht Jahren sei vergleichsweise ruhig gewesen, sagt der scheidende Bürgermeister, genau genommen sagt er Der letzte Wahlkampf war stinklangweilig, das lag nicht zuletzt daran, dass es nur einen Bewerber gab, logo, den Amtsinhaber höchstpersönlich. Ich glaube mich zu erinnern, dass es doch einen weiteren Bewerber gab, von dieser Wir-wollen-eh-nicht-gewählt-werden-und-finden-alles-doof-Bewegung, wie hieß die noch?, also, wie dem auch sei, der Kandidat war keine wirkliche Hausnummer und wurde angeblich leibhaftig auch nie gesehen.

Bei der Gemeinsamen Kandidatenvorstellung dieser Tage in der Sport- und Festhalle sitzen da oben auf dem Podium nun also gleich drei ernstzunehmende Bewerber um das Amt. Das mag man nun für ein Zeichen dafür halten, wie sensationell aussergewöhnlich und hochattraktiv die kleine Gemeinde im Odenwald ist, wie ganz besonders reizvoll der Posten als Bürgermeister hier. Das ist aber sicher auch ein Zeichen für den Generationenwechsel: in vielen Gemeinden der Region gehen derzeit die alten Bürgermeister in den Ruhestand, da drängen die Jüngeren und die ganz Jungen nach.

So wird diese Wahl vermutlich nicht so stinklangweilig wie die vorhergegangene, die Leute hier gehen zu den einzelnen Veranstaltungen, horchen, kieken, fragen, bei der Kandidatenvorstellung in der Sporthalle drängen sich die Besucher auf 575 Stühlen, viele weitere müssen stehen. Rund 20 Prozent der Wahlberechtigten sind also an diesem Abend anwesend, hallo?!, ich meine, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, rechnen Sie das mal auf Berliner Verhältnisse um, da bräuchten Sie eine Sporthalle, in die ein paar hunderttausend Menschen passen müssten, die müssen Sie erstmal finden, und das ganze interessierte Publikum dazu.

 

Der amtierende Bürgermeister hofft auf eine Wahlbeteiligung von 70% und mehr, Da zeigen wir es mal den wahlmüden Städtern!, sagt er noch dazu, es ist der immer wieder gerne gehörte Vergleich mit der Stadt, auf hohe Wahlbeteiligung ist man stolz auf dem Land.

Derweil studiert mein freischaffender Geo die Handzettel und die konkreten oder vagen Wahlversprechen, er sucht überall nach Hinweisen auf Kunst und Kultur in der Gemeinde, allein, er sucht vergeblich. Was man da alles machen könnte!, ruft er täglich dreimal völlig unvermittelt in die Stille des Wohnzimmers,  ich falle vor Schreck vom Stuhl und wage zu erwidern, dass es vielleicht tatsächlich in einer kleinen Gemeinde, tief im strukturschwachen Odenwald, zunächst andere, noch dringendere Schwerpunkte geben könnte, Nahverkehr, medizinische Versorgung, Schulen, Kindergärten, und dann bekommen wir ernsthaft Ehestreit, Bist Du nun mit einem Künstler verheiratet oder nicht?, ruft mein Geo erbost und haut mit der Faust auf den Tisch, und vielleicht hat er ja doch auch ein bisschen recht, und jedenfalls bin ich froh, wenn die Wahl am nächsten Sonntag rum ist. Und entschieden, hoffentlich.

 

 

 

 

Brilliant.

Schwarzweiß-Fotografie ist ja sehr en vogue, aber bei Landschaftsaufnahmen aus dem schönen Odenwald – so wie heute mittag – bevorzuge ich doch in der Regel weiterhin den Brilliant-Modus für besonders kräftige Farben. Naja, Sie wisssen schon.

 

 

 

Woanders.

Wir waren ein paar Tage unterwegs, so eine kleine Auszeit zum Jahresanfang, bevor nun der Alltag wieder losgeht. Wir waren im Münsterland, das klingt in meinen Ohren immer ganz grauenhaft spießig, Münsterland, wir kannten es nicht und sind deswegen gezielt da hingefahren. Getreu dem alten englischen Motto Know Your country first!. Freunde von uns waren in Südafrika, andere in den Schweizer Alpen zum Skilaufen, und wir also, naja, im Münsterland. Know Your country first, und wenn es noch so spießig klingt.

Und was soll ich Ihnen sagen: das Münsterland ist ganz großartig. Topfeben, weit und großzügig, der Blick bis an den Horizont. In die eine Richtung sehen Sie das vergangene Wochenende, und in die andere das kommende. Sagt man da so. Ein Eldorado für Radfahrer, dazu offensichtlich seit jeher wohlhabend. Alle Naslang stolpert man über Schlösser und Burgen, über die Herren von Bodelschwingh und über die Frau von Droste-Hülshoff, alles ist voller Backsteinbauten, die Leute sind redselig und freundlich. Fette Gutshöfe überall, die nächsten Nachbarn einen halben oder ganzen Kilometer entfernt, wilde Pferde, Auerochsen und Fasane.

Wir informieren uns als fachkundige Touristen natürlich immer zuerst über Acker- und Baulandpreise (pro Quadratmeter, voll erschlossen), beides ist in unseren Ohren leider horrend, die Immobilienpreise auch, wir scheinen also nicht die Einzigen zu sein, die es dort schön finden. Und mein Geo wird seinen Traum vom Leben im Münsterland auch gleich wieder begraben müssen. Naja, aber nochmal hinfahren können wir ja jederzeit.

Da wohnt die Frau Corinna. Das Gewässer ist allerdings rein meteorologisch bedingt.

Nicht zuletzt, um die freundliche Nachbarbloggerin Corinna nocheinmal zu besuchen, die wir nun also endlich mal im wirklichen Leben kennengelernt haben, ich bin ja inzwischen ein großer Fan von Blind-Dates mit netten Menschen aus dem Internet und wurde da noch nie enttäuscht. Falls Sie mal im Münsterland unterwegs sein sollten, in einer etwas angenehmeren Jahreszeit, machen Sie doch bitte einen Abstecher zum Hofsafari-Café, Lage und Aussicht sind herrlich, und dann grüßen Sie die Menschen und die Rindviecher von mir und lassen sich den Kuchen schmecken. Vorher können Sie sich hier noch ein bisschen informieren, mit wem Sie es da überhaupt zu tun haben.

 

 

 

 

Schön hier.

Wieder ein neues Jahr, wieder werden wir alle ein Jahr älter, so ist das leider. Und das geht ja gerade so weiter, nächstes Jahr, übernächstes Jahr, überübernächstes Jahr, die Jahre bringen allerlei Überraschendes und gleichzeitig immer dasselbe: wir werden immer älter, krummer, buckliger. Und irgendwann, – naja, Sie wissen schon: sind wir dann wirklich alt. 

Wenn Sie in der Region leben und noch nicht sooooo alt sind, sich aber hin und wieder Gedanken machen, wie das denn so wird, dann habe ich hier eine spannende Geschichte für Sie, einen Gastbeitrag von Frau Ulla. Frau Ulla heißt im richtigen Leben Ulla Brinkmann und ist Journalistin in Mosbach und – Achtung – Mitinitiatorin eines Wohnprojektes, in dem es, Sie ahnen das bereits, ums Wohnen im Alter geht. Hier im Odenwald, versteht sich.

Voila:

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Wenn ich alt werde…, hat mich die Landlebenbloggerin vor geraumer Zeit für die Rubrik „Menschen“ gefragt, und ich habe geantwortet: „…bleibe ich hier. Wir gründen gerade eine Ollen-WG!  Gegründet ist sie inzwischen, die Ollen-WG, und hat die Rechtsform einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Ganz „hier bleiben“ tue ich nicht; fünf, sechs Kilometer weiter aber hat das Projekt schon ziemlich konkrete Formen angenommen. Das Grundstück ist gekauft, das Planungsbüro hat geplant, die Gruppe ist gewachsen. Vor allem zusammengewachsen.

Oh, sogar Hunde sind dabei. Und Freundin Ulla ist die Vierte von links.

Dabei bin ich noch nicht richtig alt, 58 gerade geworden, was manchen über ein Projekt wie das unsere staunen lässt. Das wundert wiederum mich. Denn Gedanken darüber, wie und wo und mit wem ich mein Alter verbringen will, die mache ich mir schon viel länger. So wie der prominente WG-Senior Henning Scherf. Der war nicht viel über 50, als der ehemalige Bürgermeister von Bremen ebendort eine Wohngemeinschaft für Ältere gründete. In der lebt er seit vielen Jahren und berichtete auch hierzulande begeistert davon.

Die Idee, im Alter nicht nur nicht allein zu sein, sondern die Lebensumstände dafür selbst zu gestalten, früh genug  und mit anderen zu gestalten, war zunächst eine Idee, dann ein Funke, der andere erfasste, dann ein Projekt, an dem gemeinsam gebaut wurde und wird. Mit jeder und jedem Neuen kam frischer Wind in die Sache. Das wirkt sich aus auf unser Gemeinschaftswerk und ist symptomatisch für unser Konzept. Miteinander und füreinander könnte es simpel überschrieben sein. Die beiden Wörtchen sind jedoch die Essenz dessen, was uns antreibt. Alle haben Bedürfnisse, Vorstellungen, Möglichkeiten; nicht immer sind es die gleichen. Es muss angepasst, erweitert, gestrichen werden. Am Ende der Diskussionen steht ein Konsens. So haben wir eine gute Kultur des Miteinanders entwickelt, in der auch Raum ist für Zweifel.

Apropos Raum: der ist am Fuße des Henschelbergs in Mosbach gefunden, ein 2000 m² großes Hanggrundstück, auf dem (noch) ein alter Bauernhof steht. Er wird weichen in den nächsten Monaten. Die Lage erfüllt  wichtige Vorstellungen: zentrumsnah soll unser Standort sein,  gut angebunden, grün und ruhig. Der Lage und seiner Geschichte verdankt sich auch der Name unserer GbR: Henschelberghof.

Einen Hof für gemeinschaftliche Aktivität wird es dort geben. Mehr noch: ein eigenes Häuschen mit Gemeinschaftsküche hinten im Hang. Gemeinschaftlich bauen wir auch ein Gäste-Appartement, wo gegebenenfalls eine Pflegekraft untergebracht werden kann.  Die Gartenterrassen und Nutzräume, ja, sogar die Laubengänge verstehen wir als Räume der Begegnung. Ohne Muss. Wem der Sinn gerade nicht nach Gemeinschaft steht, hat den Platz dazu in den eigenen Räumen, auf den eigenen Balkonen.

Acht Wohneinheiten auf drei Ebenen sind geplant, sechs schon belegt. Vier Paare sind wir bisher, und zwei Frauen. Auf unterschiedlichen Wegen erfuhren unterschiedliche Menschen von unserem Vorhaben, zeigten Interesse einzusteigen. Wir beschnupperten uns, gingen kleinere oder längere Wegabschnitte miteinander, gingen aus unterschiedlichen Gründen wieder auseinander oder machten uns zusammen auf den weiteren Weg. Ein Ziel haben wir ja.

Denn: Ende 2020 wollen wir drin sein. Dann bin ich noch 60 oder gerade 61. Alt genug für eine Ollen-WG? Jetzt schon weiß ich: Gut, dass wir so früh angefangen haben. „Ihr werdet euch noch wundern“ beginnt Udo Jürgens Rentner-Song. Dem Refrain, dass das Leben mit 66 Jahren anfange, stimmen wir in dieser plakativ-verkürzten Betrachtungsweise allerdings nicht zu. Aber dass das Leben im Alter mit seinen besonderen Anforderungen für uns ein Anfang ist, dem wir uns bewusst stellen und den wir gemeinsam aktiv anpacken, das nehmen wir gern in Anspruch – und Angriff.

„schönhier“ steht über einer anderen Landlebenblog-Rubrik. Dass es dort, wo wir hinziehen und wo es uns hinzieht, schön sein wird, davon sind wir überzeugt. 2020 heißt es für unseren Henschelberghof: „schönhier!“ Wer sich angesprochen fühlt von unserem Vorhaben, kann Kontakt knüpfen über diese Mail-Adresse: henschelberghof@yoneo.de. Zwei Wohneinheiten um die 70 m² sind noch frei…