Prioritäten.

Der Typ ist mir gleich aufgefallen. Ich habe ja durchaus einen Sinn für attraktive Männer. In diesem Fall fasziniert mich aber weniger sein Aussehen, sondern vielmehr das, was er tut.

Samstag Vormittag, ein Supermarkt auf dem Lande, in den Vogesen, am gefühlten Ende der Welt. Genau gesagt gibt es in dem winzigen Provinznest drei riesige Supermärkte, oder sogar vier, aber der Leclerc ist vermutlich der feinste von ihnen, und sicher auch der teuerste, weil un-discounterisch.

Foto: M.E./pixelio.de

Und brechend voll ist er an diesem Morgen. Wenn ich mir die halbausgestorbenen Dörfer rundum anschaue, dann frage ich mich, wo plötzlich all diese Menschen herkommen. Sie kaufen ein, als gäbe es kein Morgen, oder als drohe den französischen Vogesen eine Hungersnot. Der Vollständigkeit halber muss ich allerdings erwähnen, dass das hier an jedem Wochentag so zugeht, nicht nur samstags.

In dem gigantischen Laden jedenfalls steht dieser attraktive Franzose mittleren Alters, er steht vor der Blumenkohl- Auslage, die allein schon die Ausmaße eines Handballfeldes hat, wie das halt in Frankreich so ist. In diesem Moment gibt es nur den Mann und den Blumenkohl. Er steht in einer Mischung aus Konzentration und Meditation vor den Kohlköpfen und scheint die anderen Kunden gar nicht mehr wahrzunehmen, die in Dutzenden und nach einer genetisch angelegten Choreographie (oder der französischen Straßenverkehrsordnung, wer weiß das schon) an ihm vorbei drängeln, schieben, fachsimpeln, lachen oder sich gegenseitig ihre XXL-Einkaufswagen in die Hacken rammen.

Der Mann steht also vor knapp 100 Blumenkohlen, er scannt mit seinen Augen die Auslage ab, dann hebt er langsam die Arme und umfasst mit zartem Griff einen Blumenkohl, vorsichtig, wie ein Neugeborenes, hebt er den Kohlkopf aus der Auslage und beugt sich langsam über ihn, um an den weißen Röschen zu schnuppern. Sehr behutsam tut er das, fast wirkt es wie eine sakrale Handlung.

Der Blumenkohl allerdings scheint seinen sakralen oder olfaktorischen Anforderungen nicht gerecht zu werden, vorsichtig legt er ihn zurück in die entstandene Lücke, scannt wieder die gesamte Auslage und schreitet sie langsam ab, hebt vorsichtig den nächsten heraus, beugt sich über ihn, schnüffelt. Drei-, viermal geht das so, bis der Mann sich für einen Blumenkohl entschieden hat, der sowohl in der Druck-, wie auch der Riechprobe erfolgreich abschneidet. Der  Auserwählte wandert vorsichtig in eine hauchdünne Plastiktüte und wird dann auf all den anderen Gütern im XXL-Einkaufswagen behutsam abgelegt.

Foto: Herbert Dazo/pixelio.de

Dass mich das so dermaßen fasziniert, dass ich den Mann minutenlang anstarre, entlarvt mich dabei natürlich als doofe Deutsche. Kein anderer schenkt der heiligen Handlung irgendeine Aufmerksamkeit, denn im Prinzip macht der Mann ja, was offenbar alle Franzosen machen, wenn sie Nahrungsmittel einkaufen: riechen und fühlen, ehrfürchtig tasten und drücken, fachmännisch probieren und auf der Zunge zergehen lassen.

An der Käsetheke stehen diese Typen, die in ihren ausgeleierten Acryl -Jogginghosen zu wohnen scheinen, der Hosenboden nach unten verrutscht, freier Blick auf die Kimme, gerne auch mal unrasiert (das Gesicht, die Kimme sowieso) und mit wild bedruckten T-Shirts über der etwas zu dicken Brust. Sie stehen an der Käsetheke, wahlweise Fisch-oder Fleischtheke, vergessen für einen Moment ihre brüllenden rotznasigen Blagen, die im riesigen Einkaufswagen zwischen den Schätzen wie in einem Bällebad hocken und lautstark zanken, sie probieren hier, probieren dort.

Sie fachsimpeln mit der etwas mausgrauen Verkäuferin, die für einen Moment die schönste und wichtigste Frau in ihrem Leben zu sein scheint, sie entscheiden, verwerfen, plaudern, probieren nochmal und nochmal und entscheiden erst dann. Die erstandene Ware wird hernach nicht mit männlicher, lässig-cooler Geste in den Wagen geworfen, sondern eher gebettet, zu den brüllenden Kindern und zu all den anderen wertvollen Schätzen.

Am Ende sind die Einkaufswagen randvoll gefüllt, wie Güterwaggons so groß, alles wird noch einmal sorgfältig auf das Förderband an der Kasse gelegt, dann wiederum halbwegs sorgfältig in den Wagen verstaut. Die Digitalanzeige an der Kasse zeigt in der Regel eine dreistellige Summe, das scheint hier normal zu sein, und niemand beschwert sich, dass er an der Kassenschlange hinter jemandem gelandet ist, der eben mal 238 Artikel zu bezahlen hat.

Das Warten hat ja auch eine gesellschaftliche Komponente, man kommt mit Vorder- oder Hintermann ins Gespräch, über die Qualität der Weine, des Käses, des aktuellen Rinderfilets im Angebot. Nein, die Pilze habe ich noch nicht mitgenommen… der Sommer!, ach, ach, der Sommer!, alles viel zu trocken…. Aber die Wachteln da hinten im Regal, haben Sie die gesehen?, davon habe ich mir gleich sechs Stück eingepackt.

Dann geht es mit dem prall gefüllten Wagen quer über den gigantischen Parkplatz, vorbei an all diesen kleinen, praktischen Autos, die alle zu fahren scheinen, zumindest hier auf dem Land. Chromblitzende Familienvans mit den Ausmaßen eines Leopard- Panzers der Bundeswehr findet man hier ebensowenig wie diese technikstrotzenden 280 PS- Einfamilienhäuser, die auf deutschen Supermarktparkplätzen das Bild bestimmen, Sie kennen das: je billiger der Discounter, desto größer die Autos davor.

Hier stehen kleine neue Autos herum, kleine alte Autos, und klitzekleine uralte Autos, Dreckschleudern und knatternde, hustende Rostlauben, die von einem langen Leben und allerlei schlechten Straßen erzählen. Hauptsache, die kleinen Neuen und die Schrottschüsseln fahren von A nach B und transportieren die Schätze nach Hause.

Prioritäten setzen nennt man das wohl.
Savoir vivre, naja, Sie wissen schon.

 

 

 

P.S: Ich bin ermuntert worden, diesen Beitrag zur Blogparade #SalonEuropa des Museums Burg Posterstein hinzuzufügen, was ich hiermit natürlich gerne mache. Was die Geschichte mit Europa zu tun hat? Wir fahren doch alle dauernd quer durch Europa. Und sollten uns vielleicht hie und da das Eine oder Andere abgucken. Zum Beispiel, dass Geld besser in gute Lebensmittel investiert wäre als in schicke Autos. Meine janz persönlische Meinung, wa. Naja, Sie wissen schon. 

 

 

 

 

Naturalien.

Wir hatten gestern abend mal wieder sehr netten Besuch zum Essen in unserer ollen Scheune KunstHalle, das ist ein etwas spezieller Ort zum Essen, und insgesamt etwas unpraktisch, was den Küchenservice angeht, treppauf, treppab, die Küche ist gefühlte 500 Meter und unzählige Treppenstufen vom Esstisch entfernt, aber irgendwie ist ein Abend da eben doch auch sehr schön. Also, wir finden das zumindest, und Besuch findet das meistens auch so.

Und überhaupt ist das Unschlagbare an diesem etwas anderen Esszimmer, dass die Gastgeber durch das ständige Rauf- und Runter-Gerenne nach einem überüppigen Mahl mehr Kalorien verbrannt als zu sich genommen haben, na, wenn das nichts ist.

Jedenfalls haben wir in der Regel durchaus wohlerzogenen Besuch, und der bringt zu einer Einladung logischerweise ein Gastgeschenk mit, ein Mitbringsel quasi, das macht man ja so, das kann man schon im Knigge nachlesen, falls irgendjemand von Ihnen da regelmäßig hineinschaut, in den Knigge.

Ich nahm also in diesem Fall ein Glas wunderbarer selbstgemachter Marmelade entgegen und zum Anlass, mal über Gastgeschenke hierzulande nachzudenken, und darüber, wie man das wohl in der Stadt handhabt. Ich schätze, man handhabt es dort zumindest irgendwie anders, aber ich habe keine Ahnung und kann mich nicht erinnern an alte Berliner Zeiten, soweit ist das schon gekommen.

So ließ ich also mal die Mitbringsel vor meinem inneren Auge vorbeimarschieren, die in unserem Bekanntenkreis munter und großzügig ausgetauscht werden, man muss sich das wie einen liebevollen Naturalienhandel vorstellen, wir lassen uns von der Natur beschenken und schenken fröhlich weiter.

Das haben bestimmt schon die alten Knaben im Paläolithikum  so gemacht, der Paranthropus robustus hat ja auch nicht in irgendeinem Kruschtellädchen irgendeinen Schruz gekauft, den keiner braucht und keiner will; oder nehmen Sie den Homo erectus,  der hat ja, wenn er die Freunde in der Nachbarhöhle besuchte, auch keine unoriginelle Flasche Riesling aus dem Rewe mitgebracht, sondern ein Stück Säbelzahntiger oder einen feschen Feuerstein oder einen schönen Strauß Farne, so stelle ich mir das zumindest vor. Und so ist das letzten Endes auf dem Lande auch.

Wir schenken, wenn wir eingeladen sind, gerne – logo – freilaufende Eier von glücklichen Hühnern, ein Mitbringsel, das sich inbesondere in den vergangenen Wochen zum echten Kassenschlager entwickelt, ohne, dass dabei die Kasse klingeln würde. Wir verschenken außerdem mal eine Kiste Kartoffeln aus dem Garten, eine Flasche Holunderblütensirup, ein Körbchen Holunderbeeren. Gläserweise getrocknete Steinpilze an Nicht-Sammler (bei allen anderen ernten Sie damit nur ein müdes Lächeln, das nur mal als Tipp.).

Wir bringen etwas ruppige Blumensträuße aus eigener Zucht mit, dazu wahlweise Zucchini oder Tomaten oder unser selbstgemachtes Suppengewürz. Zu besonderen Anlässen eine Dose Wurst vom heimischen Metzger. Zu einem Geburtstag in einem Frankfurter Nobelviertel brachten wir dieser Tage als Mitbringsel ein glückliches, wenngleich gerupftes, splitterfasernacktes Huhn von den Ausmaßen eines Truthahns mit, in einer durchsichtigen Plastiktüte, der Beschenkte freute sich sehr, der Rest der illustren Gäste guckte irgendwie komisch. Aber glauben Sie mir, auch daran gewöhnt man sich als Landmensch. 

Umgekehrt bekommen wir die tollsten Gastgeschenke, wenn wir Freunde zu uns einladen. Die einen bringen Marmelade mit, oder einen Sack bereits geputzten Feldsalat, die anderen selbstgebrannten Schnaps, Freund H. knallt uns wortlos einen Rehrücken auf die Anrichte, oder eine Wildschweinkeule, das Ehepaar aus dem Nachbardorf bringt frischgefangene Forellenteile mit, mal als Sushi, mal geräuchert, mal auch gleich den ganzen Fisch, direkt aus dem See.

Besonders lieben wir auch jene Bekannte, die uns bei jedem Besuch mit einem Sack guter echter Korken beglückt, ohne die entsprechenden Flaschen dazu, wohlgemerkt; die Korken werden zu Anzündern für das Kaminfeuer und verhindern über die Monate Oktober bis Mai den Odenwälder Tod durch Erfrieren. Ebenso lieben wir die Freundin, die körbeweise Tannenzapfen mitbringt, zum selben Zweck.

Ja, wenn Sie mir das alles früher erzählt hätten, da hätte ich auch irgendwie komisch geguckt. Ich war über Jahre Stammgast bei Nanu-Nana in Wilmersdorf, die Berliner unter Ihnen werden sich erinnern, dort habe ich mein Geld hinein- und irgendwelchen blödsinnigen Schwachsinn wieder hinausgetragen, der dann andere Menschen erfreuen sollte. Keine Ahnung, ob das je geklappt hat mit dem freuen.

Jedenfalls habe ich mich mit großer Begeisterung an die ländliche Art der Mitbringselei gewöhnt. Nur an eines kann und will ich mich zugebenermaßen bis heute nicht gewöhnen: An diese merkwürdige Sitte, als Geschenk ein Päckchen Filterkaffee mitzubringen. Gibts hier auch noch, immer wieder. Den Präsentkorb mit Dosenwurst, Prosecco, Filterkaffee und siebzehn Metern durchsichtiger Knisterfolie. Ich habe keine Ahnung, wo das herkommt. So arg will ich dann doch nicht werden. Sollte ich Ihnen also jemals ein halbes Pfund Filterkaffee schenken, erinnern Sie mich dran.

 

 

 

 

P.S.: Kaum waren gestern abend die Gäste gegangen, hopste unter dem Esstisch eine gigantische und gigantisch-hässliche Kröte hervor, vielleicht hatte sie ja schon seit Tagen dort gesessen, oder sie war auch ein Mitbringsel, ach, was weiß denn ich, auf dem Lande muss man ja mit allem rechnen, was das angeht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Erntezeit.

Bei uns beginnt jetzt die Erntezeit, wir können all das aus dem Gemüsegarten holen, was Sturm, Frost, Hagel und Schneckenattacken überlebt hat, das ist in diesem Jahr zugegebenermassen nicht besonders viel, aber wir erfreuen uns an jeder noch so kleinen Ernte. Bei den Zucchini tun wir uns mit der Einhaltung der EU-Größenverordnung noch ein bisschen schwer, aber die Erbsen sind alle 1a.

Sieht aus wie eine alleinerziehende Kegelrobbe mit ihren Babies, ist aber unser ganzer Stolz.

 

Erbsenreisig erbsendreissig.

Für das Gefummel mit den Erbsen und der Pulerei fielen mir allerlei nicht ganz jugendfreie Umschreibungen ein, lassen wir es bei dieser hier: es ist eine sehr meditative Arbeit.

Aller Anfang ist mühsam, aber im Verlauf der Arbeit wird es auch nicht besser.

Am Ende haben wir wunde Finger, aber mehr als 700 Gramm zusammengepult, oder ganz genau 1750 Erbsen, ich habe das nicht wirklich gezählt, sondern mit einem wissenschaftlich fundierten mathematischen Verfahren ermittelt. Wir haben hier ja sonst nichts zu tun, an einem Samstag vormittag auf dem Lande. Und Montag ist der Mangold fällig.

 

 

 

Pilzzombie.

Es sind diese grausamen Zeitgenossen, die mich mit einem einzigen dahingeworfenen Wort in den Wahnsinn treiben. Vorgebliche Freunde, die so ganz am Rande etwas erwähnen und dabei unschuldig tun, als wüssten sie nicht, dass damit der Tag, die Woche, der Monat für mich gelaufen ist.

Du, der Egon hat neulich die ersten Steinpilze gefunden, oder Ach, angeblich gibt es schon Pfifferlinge, sagen sie ganz und gar beiläufig, und ich bilde mir ein, sie grinsten dabei ein bisschen fies.

Ich höre dieses Wort, sei es Pilz, Steinpilz oder Pfifferling, und augenblicklich schalte ich in den Pilzmodus um. Ich kann da selber gar nichts ändern, es geht ganz von alleine, es kommt quasi über mich. So Jekyll-and-Hyde-mäßig.

Ich werde zum Pilzzombie.

Der Blick wird starr und ist fortan nur noch ins Unterholz gerichtet. Frau Lieselottes Ausbildung an der langen Schleppleine interessiert mich nicht mehr die Bohne, sobald ich im Wald bin, und das bin ich spätestens ab dann fast dauernd, dreimal täglich Minimum. Die Hunde ziehen und zerren und verwickeln sich um Bäume und Gebüsche, Rehe und Wildsäue fliehen verschreckt, das alles ist mir völlig wumpe, ich stolpere und strauchele mit gesenktem Haupt durchs Unterholz und glotze und glotze.

Das heißt, eigentlich glotze ich gar nicht so sehr, ich schnüffele vielmehr, der echte Pilzkenner orientiert sich ja am Geruch, ich schnüffele also fortwährend, obwohl ich überhaupt kein Pilzkenner bin, schnüffschnüffschnüff, das führt auf Dauer zu einer gewissen Hyperventilation, begleitet von leichten Ohnmachts- und Schwindelgefühlen. Macht nichts, mich hält nichts und niemand auf.

Ich stolpere also schnüffelnd und glotzend, ich krieche und krauche über den Waldboden, Äste und Zweige verfangen sich im Haar und bereiten sich dort auf ein Leben als Vogelnest vor, sie schlagen mir die Brille von der Nase und hinterlassen Schmisse im Gesicht, die jeden Verbindungsstudenten vor Neid erblassen ließen, Brombeerranken verkratzen mir die Arme. ach, was, das bisschen Blut!, und zerreißen mir das T-Shirt.

Manchmal gehe ich auch mit dem Gatten auf Tour, wir nennen das Spazieren, in Wirklichkeit ist es nur ein neuerlicher Beutezug. Das ist für Außenstehende ein vielleicht etwas eigentümliches Bild, wir gehen nebeneinander her und starren auf die jeweils eigene Seite des Weges, stundenlang sind sich nur die Hinterköpfe freundlich zugewandt.

Bei Gesprächsbedarf brabbelt jeder in seine Richtung Unterholz, ins vermeintliche Pilzparadies hinein, meistens aber eher ins Nirvana und völlig unverständlich für den anderen. Das macht aber nichts, weil der andere in seiner Pilzfixiertheit ohnehin nicht zuhört. Ich könnte in solchen Momenten sagen Mein lieber Geo, ich lasse mich scheiden, oder Liebster, wir bekommen Zwillinge!, der Gatte würde nur rufen Boah!, Wahnsinn!, da!, guck mal, da hinten!

Ey, immer mit der Ruhe, werden Sie jetzt sagen, die Pilzsaison hat doch noch gar nicht richtig angefangen. Jahahaaa, das weiß ich auch, Sie kleiner Schlauberger, die Saison fängt erst dann wirklich an, wenn am Waldrand Autos mit HD- oder HN-Kennzeichen stehen, schon am frühen Morgen, oder gar Kleintransporter mit polnischen und allerlei anderen fremdländischen Kennzeichen. Dann kann man sicher sein, dass es im Wald tatsächlich was zu holen gibt. Aber ich bitte Sie: Wer will dann noch Pilze haben, wenn sie alle haben können? Echt jetzt. Ich will die Erste sein, gefälligst.

Foto: Dagmar Schmitt, pixelio

Wenn Sie also von diesen Tagen an, bis tief in den Oktober hinein, eine merkwürdige Gestalt im Wald treffen, mit wirrem Haar und irrem Blick, hyperventilierend taumelnd, mit verschrammelierten Armen, einem Stoffbeutel vom Apotheker und einem Messer in der Hand: ruhig Blut, das bin nur ich. Ich beiße nicht, ich will nur Pilze. Sie dürfen ruhig näherkommen und mich ansprechen, selbst, wenn ich vermutlich darauf gar nicht reagiere.

Nur eines will ich Ihnen sagen: Kommen Sie mir bloß nicht mit dem üblichen und völlig verständnislosen Spruch meiner Odenwälder Dorfnachbarschaft. Wieso machen Sie sich die Mühe? Pilze kann man doch auch kaufen, sogar tiefgefroren!

Dann haue ich.

 

 

P.S. Für alle mitlesenden Pilzfreunde aus Heidelberg und Heilbronn und was weiß ich wo. In Wirklichkeit gibt es im Odenwald gar keine Pilze. Ehrlich. Ich habe noch nie einen einzigen gesehen. Sie können also getrost zuhause bleiben. Oder ganz woanders suchen. Odenwald? Lohnt sich nicht, die Fahrt. Wirklich, glauben Sie mir. Sparen Sie sich das Benzingeld und kaufen sich davon ein paar schöne Pilze im Supermarkt. 

 

 

 

Blaumanns Erzählungen.

Der Blaumann hängt da so herum, im übertragenen wie im tatsächlichen Sinne, es gibt nicht viel zu tun im Garten, vorallem, wenn man kein Gewächshaus hat. Und wenn man in einer Gegend lebt, die im Untertitel Badisch-Sibirien heißt. Der freundliche Gärtner im Nachbardorf sagt, wir sollten noch ein bißchen warten und bis dahin zugucken und erstmal noch die Ernten des vergangenen Jahres aufbrauchen.

Blaumann

Die größte Ernte des vergangenen Jahres ist jetzt eben aufgebraucht, die Kartoffelhorde ist leer, leerer geht es nicht, wir haben die letzten Überlebenden in andächtiger Stille gebraten und gegessen. Die Kartoffel-Ernte insgesamt war so lala, wir hatten es mit der Heideniere versucht, der Kartoffel des Jahres.

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Um die wurde ein gewisser Hype gemacht, um die Heideniere, manche Menschen widmen ihr Leben ja der Erhaltung oder Wiederentdeckung historischer Kartoffelsorten, das hatte uns beeindruckt, außerdem die merkwürdige Form. Nierenartig, ist ja klar. Nun waren unsere Heidenieren zwar äußerst schmackhaft und durchaus nierenartig, als Bezugsgröße dürfen Sie sich hierzu aber die Niere eines Eichhörnchens vorstellen. Oder die einer Schildkröte, oder eines Goldfisches, falls diese Tiere überhaupt soetwas haben.

Jedenfalls war ein Gutteil der Nieren-Kartoffeln mikroskopisch klein, das mag an der Sorte liegen oder an unserem Boden oder an beidem. Das aber sorgte regelmäßig für Ausbrüche der unflätigen Art, wenn mein Geo einmal mehr darauf bestand, die Kartoffeln vor dem Kochen zu schälen. Versuchen Sie mal, dicke Bohnen zu schälen, oder verkrumpelte Erbsen, mit dem Sparschäler, dann verstehen Sie, worum es geht.

Ich kann mich in solchen Fällen stets auf meine halbwegs akkurat lackierten Fingernägel berufen, Du, Geo, ich würd ja wirklich gerne schälen, aber schau mal, das geht doch dann alles futsch, und Geo fällt auf diesen miesen Trick auch jedes Mal noch rein, insofern habe ich in der vergangenen Kartoffelsaion nicht ein einziges mal geschält, immer nur er. Erwähnen Sie also bei der nächsten Begegnung mal das Wort Heideniere und warten Sie ab, was passiert.

 

Also: dieses Jahr neue Kartoffelsorte. Irgendjemand eine Idee?

 

 

 

Alles in Butter.

So geht das auf dem Lande: während andere ein neues Computerspiel unter dem Tannenbaum vorfinden, oder einen Thermomix (wenn Sie mich fragen, sollte einem schon das Wort Thermomix den Appetit verderben, aber bitte), während anderswo also allerlei high-tech verschenkt wird, habe ich ein altes Butterfaß aus einem ebenso alten Odenwälder Haushalt verehrt bekommen.

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Das gute Stück ist nicht ganz dicht, also steht das Butterfaß nun für ein paar Tage im Wasserfaß, auf das es sich zusammen- bzw auseinanderziehe.

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Die passende Milch schaukelt noch in irgendeinem warmen Euter in der Nachbarschaft, das ist also kein Problem. Reinschütten, kurbeln, stundenlang, fertig ist die Butter, so stelle ich mir das nun vor, als ursprünglich supermarkt-H-Milch-sozialisiertes Berliner Kind.

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Falls irgendwer es besser weiß und schlaue Tipps hat – bitte sehr, ich höre.

 

 

 

 

Holz vor der Hütte.

Ja, so sieht das aus, wenn man mal Urlaub hat und nicht zum Arbeiten ins Büro fahren muß. Sondern zum Arbeiten zuhause bleiben kann. Holz vor der Hütte, Sie wissen schon. Das ist ja eine feine Sache, wenn es nur da bleiben könnte, vor der Hütte. Es muß nur leider aber rein. Bevor der Winter kommt. Haha, FeuerHolz macht mehrfach warm, sagt der Lieferant grinsend und fährt mit seinem brummenden Traktor davon. Aber es ging ja schnell, sehen Sie selbst.