Wetterchen.

Ich habe den frühen Feierabend genutzt, um auf einen Katzensprung zum Katzenbuckel (626 Meter hoch) zu fahren. Der liegt bei uns quasi umme Ecke. Die Fotos dazu stehen ja nun doch in einem gewissen Gegensatz zu jenen aus dem letzten Großstadt-Post. Hat auch was. Ich wollte Ihnen das nicht vorenthalten. Und nein, ich bin nicht nass geworden, wir sind einfach in dem engen Katzenbuckel-Turm stehengeblieben, bis der schlimmste Graupelschauer vorbei war.

 

 

 

 

 

Ortstermin.

Wir wollten mal wieder ins hessische Ausland, und wir wollten mal wieder auf einen schönen Wochenmarkt, und so hat es uns nach Hirschhorn verschlagen, zur Perle am Neckar. Gut, das mit dem hessischen Ausland hat ohne Probleme und Grenzkontrollen funktioniert, das mit dem Wochenmarkt war eher eine gewisse Pleite, oder wir hatten mal wieder was Falsches erwartet, das kommt hierzulande manchmal vor.

Der Wochenmarkt ist übersichtlich, wie auf dem Lande leider häufig üblich, das Städtchen ist es auch. Aber hübsch. Sie sollten sich aber besseres Wetter heraussuchen. Und ich werde das nächste mal nicht nur das smartphone, sondern eine echte Kamera bemühen.

 

 

 

GummihosenBiber.

Ich musste heute dienstlich die Gummihosen anziehen, und die Gummistiefel, ich erwähne das an dieser Stelle nur, damit der Fanclub Gummihose hier endlich mal wieder fündig wird, das Wort Gummihose nämlich zählt zu den am häufigsten wiederkehrenden Suchbegriffen in meiner Blogstatistik, der liebe Himmel weiß, warum.

Wie dem auch sei, ich war zu einem Spaziergang durchs überschwemmte Unterholz verabredet, auf der Suche nach Biber-Spuren, und da trägt die Frau von Welt natürlich Gummihose. (So, und nun sollte es aber genug sein, liebe Freunde der Gummihose.)

Ich folgte also mehr oder weniger willenlos dem freundlichen Biber-Berater des Landkreises, kreuz und quer ging es durch Wasser und Matsch, über Baumstämme und Äste unter der Wasseroberfläche, es war eine gewisse sportliche Herausforderung, ich rief dem Biber-Berater über das Platschen und Gurgeln des Wassers zwischendurch wankend und strauchelnd zu, dass ich im Erwachsenen-Becken des Berliner Olympiastadions den Freischwimmer gemacht habe, ich dementsprechend nicht ertrinken würde, – es war also eine Herausforderung, die aber reich belohnt wurde.

Biberdamm.

Der freundliche Biber-Berater berät nicht etwa die Biber, wie der Name zunächst vermuten ließe, das heißt, vielleicht berät er sie heimlich doch, aber in erster Linie berät er alle möglichen Leute, die sich durch den Biber gestört fühlen. Und es werden immer mehr, sowohl Biber als auch Gestörte, also solche, die sich gestört fühlen oder tatsächlich gestört werden.

Sobald der Biber auftaucht, gibt es immer erstmal einen kleinen Ärger, sagt der Biber-Berater. Manchmal auch gleich einen großen. Während sich die Naturschützer freuen, dass der Biber nach knapp 200 Jahren im Landkreis fast flächendeckend endlich wieder heimisch ist, ärgern sich Landwirte und Waldbesitzer über umgenagte Bäume, gestaute Bäche, nasse Flächen auf Äckern oder Wiesen. Und die erste Frage lautet immer Wer bezahlt mir das?, sagt der Biber-Berater mit etwas gequältem Lächeln.

Manchmal versteht er den Ärger, wenn der Biber ernsthaften Schaden anrichtet, in der Landwirtschaft, in der Nähe von Kläranlagen oder Forellzuchtteichen. Manchmal versteht er ihn nicht. Beraten tut er immer, es gibt Wochen, da wird er drei, viermal gerufen, in irgendeinen Wald, an ein Ufer, auf einen Acker. Ich bin ja froh, wenn die Leute mich rufen und nicht gleich selber kurzen Prozess machen mit dem Biber oder seinen Bauten, alles schon vorgekommen. So ein blöder Biberdamm ist schnell abgetragen mit ordentlichem Gerät.

Biberburg.

So um 1830 wurde der letzte baden-württembergische Biber erlegt, seitdem war es Essig mit dem dicken Nager. Irgendwann besannen sich Bayern und Hessen eines Besseren und siedelten wieder Biber an und aus, was daraus über die Jahre und Jahrzehnte an putzigen bilateralen Biberbabies entstand, zieht inzwischen also wieder durch Baden-Württemberg. So sehr, dass man im hiesigen Landwirtschaftsministerium schon laut darüber nachdenkt, wie einer möglichen Plage Herr zu werden wäre.  

Um all das geht es also, während wir da durch Wasser und Unterholz steigen, vorbei an Dämmen und Burgen und Höhlen und Gängen, vorbei an angenagten Douglasien, gefällten Weiden, rund um den kleinen versteckten See, den ich noch nie zuvor gesehen habe und den offenbar nur Ortskundige kennen, quer durch einsames, urwüchsiges Gelände. Im Gestrüpp liegen alte Benzinkanister und junge Plastiktüten, Kunststofffetzen und Getränkedosen, ein gelber Müllsack flattert im Wind, ich trete versehentlich in eine leergegessene Gut-und-günstig-Hähnchen-Lyoner-Verpackung.

Gibt es eigentlich auch einen Abfallberater für den hiesigen Wald und seine Besucher?, frage ich den freundlichen Biber-Berater, bei dem müsste ja auch ununterbrochen das Telefon klingeln.  Er werde das herausfinden, verspricht der Biber-Berater, und dann werden wir mal bei dem anrufen und uns beklagen. Und dann grinsen wir beide ein bisschen mühsam und vertiefen das Thema nicht weiter.

 

 

 

 

 

Arsch kalt.

Wenn der Odenwälder sagt, es sei arg kalt da draußen, dann läuft das meistens phonetisch auf sowas ähnliches wie arsch kalt heraus, der dialektisch sozialisierte Odenwälder kann da gar nichts dafür und hat doch gar nicht mal so unrecht. Nichtsdestotrotz, arg hin, arsch her, stapfe ich hier täglich bis zur Unkenntlichkeit vermummt durch die Felder, mache hin und wieder auch mal Fotos, ja, da müssen Sie nun durch.

Ich muss ja schließlich auch da durch, wenn man bis zur Unkenntlichkeit vermummt ist, wird das Hantieren mit einer Hundeleine, zwei dicken Handschuhen und zwei Kameras zur logistischen Herausforderung, außerdem hatte es heute abend in der Dämmerung minus 6 Grad und scharfen Wind, also bitte.

Alle Fotos: Wagenschwend.

 

 

Herrjeh.

Schuhsohlen und Spikes knarzen heute früh bei jedem Schritt auf den vereisten Wegen, die Sonne blitzt durch kahle Bäume, kein Mensch weit und breit, nur die Vögel piepsen laut, als wollten sie sich durch ihr Geschrei aufwärmen. Nachvollziehbar wäre das, wenn ich ein Vöglein wäre, würde ich bei minus 8 Grad morgens im Wald auch rumbrüllen, um mich warm zu machen, anstatt nur stumm und bibbernd auf nackten Ästen herumzusitzen.

Im Tiefschnee die Spuren von Hase, Fuchs und Rehen, oben in den Wipfeln ab und zu eine Böe des eisigen Windes, der draußen auf den Feldern die Kälte vor sich hertreibt. Ansonsten tiefe Stille.

Heute früh.

Ich wurde dieser Tage nach meinem emotionalen Verhältnis zum Wald gefragt. (Ja, genau so habe ich auch erstmal geguckt.). Genau genommen war es eine Vorwarnung, man wird mich zu meinem emotionalen Verhältnis zum Wald befragen, mit Kamera und Mikrofon, herrjeh, demnächst, für ein (klick!) ganz spannendes Projekt.  Ich habe also zugesagt, und seitdem denke ich über mein emotionales Verhältnis zum Wald nach. Mit mal mehr, mal weniger Erfolg.

Letztes Jahr. Oder vorletztes. Weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls ist das mit dem Wald wie mit meinem Leben allgemein, es gibt einen Wald früher und einen Wald heute, Berlin vs süddeutsche Provinz, naja, Sie wissen schon, das beides unterscheidet sich nicht unerheblich.

Wald früher, das war der Berliner Grunewald. Für mich damals der einzig bekannte Wald überhaupt. Bei gutem Wetter voll wie auf der Kirmes, man trat sich förmlich einander auf die Füße, ganz Berlin war unterwegs im Grunewald beim ersten Sonnenschein, die Städter brauchten frische Luft und Auslauf, und beides suchten sie im Grunewald. Fußgänger, Radfahrer, Mountainbiker, Kinderwägen, Roller, Reiter, Polizei auf Pferden und zu Fuß, rechts vor links und so. Überall hörte man immerzu die Autos von der Avus, die Müllkörbe quollen über, und manchmal traf man eine aufgescheuchte Wildsau. So habe ich das in Erinnerung.

Bei schlechtem Wetter traute ich mich nicht in diesen Wald, bei schlechtem Wetter war es allzu einsam dort, es trieb sich allerlei gefährliches Gesindel da herum, so hörte man, manchmal entdeckten sie da eine aufgeschlitzte Leiche oder irgendetwas anderes sehr Unerfreuliches. So fand ich den Wald eigentlich immer doof, bei gutem Wetter zu voll, bei schlechtem Wetter unheimlich und einsam. Außerdem musste man immer in stinkenden BVG-Bussen erstmal da hinfahren, nein, das war mir alles viel zu blöd.

Ja, Sie ahnen es, das alles sieht natürlich heute ganz ganz anders aus. Ich habe den Wald vor der Haustür, und ich habe ihn lieben gelernt. Wann immer es geht, streife ich durch den Wald, mitunter zweimal täglich, ich liebe die Stille und die Einsamkeit des Waldes. Fast nie trifft man hier jemanden, es scheint, als ginge der Landmensch per se nicht zum Spazieren, zur Erholung in den Wald, der Wald ist seit Jahrhunderten Arbeitsplatz und Rohstofflieferant, nicht Freizeitgelände.

Manchmal hört man die Kettensägen jaulen im Unterholz, dann das Ächzen und Krachen eines Baumes beim Umfallen, und ganz selten schleicht ein Auto über die Wege, der Jäger inspiziert sein Revier. Dass ich hier Wanderer treffe, oder Spaziergänger, das gibt es vielleicht alle zwei, drei Wochen einmal, und immer meine ich erst, meinen Augen nicht trauen zu können. Ein Mensch! Im Wald!

Einsamkeit und Stille haben hier nichts Bedrohliches, im Gegenteil. Ich mag diese tiefe Ruhe, die ja gar keine Ruhe ist, sondern bei genauem Hinhören ein Konzert unterschiedlichster Geräusche, eine Euphonie des Waldes. Vögel zwitschern, Äste knacken, Baumstämme quietschen und knurren im Wind, der Wind selber rauscht in den Kronen und raschelt durch die Blätter, hin und wieder bellen Reh oder Fuchs. Manchmal schimpft lauthals der Eichelhäher, oder keckert eine Amsel, und in den kleinen Gräben neben dem Weg gurgeln Wasser und Schlamm. Und wenn ich nicht gerade zornig mit den Hunden herumschreie, was ich aus pädagogischen Gründen hin und wieder tun muss, dann höre ich dazu nur meinen eigenen Atem und das Knarzen der Schritte auf dem Weg.

Das alles erdet ungemein, ich kann Ihnen das also nur empfehlen. Wenn Sie ein gestresster Manager sind, sollten Sie ja überhaupt hin und wieder in den Wald und Bäume umarmen, das liest man in den Zeitschriften, die beim Frisör ausliegen, habe ich mir sagen lassen. Bäume umarmen tue ich manchmal auch, wenn keiner guckt, und in der Regel ist ja ohnehin nie jemand da, der gucken könnte, wenn ich hier im Wald unterwegs bin. Ich habe zudem ein Buch geschenkt bekommen, da ist die Rede davon, dass Bäume sich sogar miteinander quasi heimlich unterhalten, ich bin dem noch nicht nachgegangen, soweit bin ich dann noch nicht.

Auf jeden Fall wäre ich in meinem nächsten Leben gerne Waldschrat. Waldschrätin. Ich würde in einer Hütte im Unterholz leben, den Vöglein und den Bäumen bei ihren Unterhaltungen zuhören und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Einen Internetanschluss bräuchte ich schon, und Strom sowieso, aber ich denke, das ließe sich wohl machen.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss noch ein bisschen über mein emotionales Verhältnis zum Wald nachdenken, bevor die mit Mikrofon und Kamera anrücken und ich etwas Schlaues dazu sagen soll, herrjeh.

 

 

 

Von oben.

Ich hatte heute das Vergnügen, bei gefühlten minus 18 Grad und scharfem Wind ein paar Stündchen mit den Kollegen vom Landesschau-Mobil durch Mosbach zu schlendern, was dabei rausgekommen ist, können Sie ab 6. Februar im Fernsehen sehen. Das nur mal als Tipp am Rande.

Jedenfalls waren wir in diesem Zuge auch auf dem Mosbacher Rathausturm, das alleine ist schon ein gewisses Abenteuer, da mit der gesamten Fernsehausrüstung hinaufzuklettern. Vorbei an dem Mosbacher Lumpenglöckle, um das sich eine hübsche Legende rankt, die ich aber vor lauter Aufregung leider vergessen habe im Interview zu erwähnen. Ihnen erzähle ich das auch ein andermal. Heute müssen Sie sich erstmal mit einem Blick vom Turm begnügen.

 

 

 

 

 

 

 

Der Winter und ich: Eine Hassliebe.

Es gibt da diese Geschichte von mir, wie ich als Kleinkind von meinen Geschwistern beigebracht bekam, wie man auf dem Bauch rodelt. Direkt vor der Haustür, im Berliner Brixpark mit seinen halbwegs steilen Hängen, die uns damals waghalsig gefährlich vorkamen. Wenn man nicht rechtzeitig bremste, krachte man am Ende der 20 Meter langen Piste in den Vordermann oder landete auf einem der gefrorenen kleinen Seen, es war alles sehr aufregend.

Hornbach.

Jedenfalls hatten mir meine großen Geschwister also diese ganz besonders aufregende Variante des Schlittenfahrens beigebracht, und eines Mittags hielt es mich vor lauter sportlichem Tatendrang nicht mehr in meinem Gitterbettchen, ich kletterte da irgendwie raus und machte mich also in Feinripp-Unterhose, Feinrippunterhemd und Socken auf den Weg zur Rodelbahn, statt brav und leichtbekleidet  Mittagsschlaf zu halten.

Ich fand das zwar etwas frisch so insgesamt, aber eben doch sehr aufregend;  die Begeisterung meiner Mutter allerdings, als sie mich bleich vor Sorge wieder einsammelte, Stunden später, ihre Begeisterung also hielt sich in Grenzen. Ich verstand das gar nicht, und es dauerte auch gar nicht sooo lange, bis die blaugefrorenen Körperteile wieder eine halbwegs natürliche Farbe angenommen hatten.

Damals liebte ich den Winter. Die Schlittenfahrten, meistens in passender Kleidung, gehören zu meinen schönsten Berliner Kindheitserinnerungen. Dazu Schlittschuhlaufen auf den kleinen Seen im Brixpark, oder die großen Touren über den Wannsee und die Krumme Lanke mit den Nachbarskindern, alles zugefroren, man fuhr mit dem Bus hin, glitt stundenlang mit den Schlittschuhen über das Eis, immer geradeaus, immer geradeaus, das Gepäck auf einem Schlitten hintendran, und am Ende stieg man an völlig anderer Stelle wieder in einen völlig anderen Bus nachhause ein.

Als ich älter wurde und sich mein Berliner Bewegungsradius erweiterte, fing ich an, den Winter zu hassen. Winter in der Großstadt, in Berlin zumal, ist so ziemlich das Scheußlichste, was man sich vorstellen kann. Winter in Berlin, das war für mich grauer Dreck und Modder, schwarze Schneehaufen am Straßenrand, Splitt und Sand, glitschige Pfützen, knallharte Eisplacken auf dem Trottoir, ewig grauer Himmel über ewig grauer Stadt.

Wenn der Bus mit Schmackes an die Haltestelle fuhr, bekamen die Wartenden erstmal eine Matschfontäne ab, das sah zwar ausgesprochen lustig aus, aber nur, solange man nicht selber plötzlich dastand wie ein vom Dreck begossener Pudel. Die Bürgersteige waren schlecht geräumt, man eierte wie auf Seifenlauge, manchmal über Wochen, die sich zur gefühlten Ewigkeit hinzogen.

Ich trug natürlich weder Handschuhe noch Mütze, ich bitte Sie, wie sieht das aus? Auch winterfestes Schuhwerk war verpönt, man wollte schließlich schick aussehen, auch wenn man dafür manchmal auf die Fresse fallen musste, was nun wiederum in der Regel nicht so irre schick aussieht, aber wer schön sein will, muss leiden, naja, Sie wissen schon.

Bei Waldbrunn.

Langer Rede kurzer Sinn: Seit ich auf dem Lande lebe, liebe ich den Winter wieder. Also, meistens. Manchmal hasse ich ihn noch, aber meistens mag ich ihn, ganz ehrlich.

Ich liebe die verschneiten Landschaften, die weiße Weite und das völlig Unberührte. Ich mag die Kälte und den scharfen Wind. Ich sehe inzwischen da draußen aus wie die Teilnehmerin einer Polarexpedition, wenn es sein muss, ich habe alle Eitelkeit ab- und mir jede Menge professionelle Winterkleidung zu-gelegt.

Wenn die Wege nicht geräumt sind, wanke ich über die verschneiten Felder wie ein angetrunkener Tanzbär in slow-motion, ich kämpfe schnaufend und schwitzend gegen die Elemente und finde es herrlich. Der Kaffee nach dem Spaziergang schmeckt übrigens dreimal so gut wie der vor dem Spaziergang, das nur als Tipp für Sie, ich habe noch nicht herausgefunden, woran das liegt, aber genauso ist es.

Bei Wagenschwend.

 

Katzenbuckelsee

Ich liebe es, wie der Schnee alle Geräusche verschluckt und wie die Hunde begeistert in die Tiefe tauchen wie in einen Jungbrunnen. Ich werde dann immer neidisch und möchte mich hinlegen und wie früher einen Schnee-Engel machen.

Manches aber hasse ich bis heute: Die ewig beschlagenen Autoscheiben. Die Pfützen im Fußraum. Die dauer-klammen Schuhe und die nassen Handschuhe. Den Dreck, den der Winter mit ins Haus bringt. Die Eisbollen, die sich in den Hunden bilden und die noch über Stunden kleine Seen überall im Haus hinterlassen, weil ich zu faul bin, die Bollen mit der Hand herauszufummeln.

Ich hasse das Geräume und Geschiebe rund ums Grundstück, morgens in aller Herrgottsfrühe. Wohl dem, der eine BSR hat. Ich hasse die Angeber mit ihren schicken Schneefräsen, auf die ich doch so neidisch bin. Alle haben eine Schneefräse, nur wir mal wieder nicht, es ist zum Weinen.

Und ich hasse diese stundenlange Anzieherei. Drei Pullis, Strumpfhosen und Skihose, Socken und Stiefel, Anorak, Schal, Handschuhe, Fellmütze, wenn ich um eine bestimmte Uhrzeit aus dem Haus will, muss ich eine halbe Stunde vorher mit den äußerst aufwändigen textilen Vorbereitungen beginnen. Mal eben raus ist Essig.

Wagenschwend.

Vielleicht sollte ich es doch wieder so machen wie damals als Kind am Brixplatz, kurzentschlossen, hopplahopp!, in Feinrippunterhemd und Söckchen, gar nicht lange fackeln, gar nicht lange nachdenken, einfach raus ins Freie, hui, ist das ein Spaß. Es würde eine Menge Zeit sparen, ja, Lebenszeit geradezu,  die man dann stattdessen da draußen nutzen könnte, das ist natürlich nichts für verfrorene Weicheier, aber vielleicht wäre das wirklich die Lösung.

Ich werde mal darüber nachdenken.

 

 

 

Angeregt wurde ich zu diesem Post von der freundlichen AstridKa, die ähnliche Winter-Geschichten auf ihrem Blog sammelt, schauen Sie da mal vorbei, es lohnt sich. 

Und falls Sie zwar Berlin kennen, aber den Berliner Brixpark noch nicht, dann besuchen Sie den mal. Das lohnt sich auch. Wenn Sie im Winter da vorbeischauen, können Sie vielleicht auch Rodeln gehen. Aber ziehen Sie sich warm an. Und grüßen Sie den Park von mir. 

 

 

Scheiss-SPD-Schnaps.

Wir haben da mal wieder was gelernt, über Traditionen auf dem Lande. In der Silvesternacht. So gehen wir also um einiges Wissen bereichert ins Neue Jahr, das kann ja nie schaden.

Foto: Hilger.

Tradition Nummer 1 war uns bislang tatsächlich völlig unbekannt, obwohl wir es nach der Erfahrung vom vergangenen Jahr eigentlich hätten wissen können, aber verdrängt hatten. Die Tradition Nummer 1 besagt angeblich, dass zu später – oder besser  früher – Stunde sternhagelvolle leicht angetrunkene Halb-Kinder und Jugendliche an all jenen Häusern Sturm klingeln, in denen noch ein Licht brennt. Das war bei uns der Fall, und es war nach 2 Uhr. Vor der Haustür eine unüberschaubare Menge grinsender Gestalten, die mit etwas schwerer Zunge freundlich so eine Art Frohes Neues wünschen, das zumindest habe ich mir aus dem Gehörten zusammengereimt, und die um alkoholhaltige Getränke bitten.

Wir wollen Schnaps!, sagte einer etwas zu laut und stimmbrüchig kieksend und leitete damit zu Tradition Nummer 2 über. Aber nicht so einen Scheiß-SPD-Schnaps! Ich habe, um mir und den verbliebenen Gästen die Bande vom Hals zu halten, kurzerhand behauptet, bei uns im Haus gäbe es überhaupt nur Scheiß-SPD-Schnaps, nie habe es hier etwas anderes gegeben, es entstand ein Murren und ein zögerliches Hin- und Her-Wanken Richtung Hauseingang, das ich unhöflicherweise mit einem abrupten Ja, tut mir leid, Jungs!, beendete. Und die Tür schloss, um mich wieder den tatsächlich eingeladenen Gästen zu widmen.

Wir haben den Rest der Nacht dann damit verbracht, darüber zu debattieren, ob sich das Scheiß nun auf die SPD oder auf den Schnaps bezog, einige Gäste waren der Meinung, ersteres sei eindeutig der Fall, ganz unabhängig von der Qualität des hochprozentigen Getränkes. Manche Dörfer hier waren doch so schwarz, dass man beim Durchfahren an einem Sommertag das Licht anschalten musste, warf einer in die Runde. Da trinken die doch keinen Sozi-Schnaps.

Ich erinnerte mich dann: Ich besaß tatsächlich mal eine Flasche Selbstgebrannten vom hiesigen SPD-Landtagsabgeordneten, die nur noch viertelsvolle Pulle hatte ich ein Jahr zuvor in meiner Not der angeheiterten Meute aus dem Fenster gereicht, um mir, siehe oben, den ungebetenen Besuch vom Leib zu halten. Daran hatten die Jungs sich , im Gegensatz zu mir, doch erinnert, so hackevoll können sie also gar nicht gewesen sein. Allein der SPD-Name auf der Schnapsflasche hatte ihnen offenbar den Genuss verleidet, obwohl der Schnaps nach Kennermeinung wirklich etwas richtig Feines war.

Also, bitte. Nun habe ich für die kommenden Jahreswechsel und ähnliche Gelegenheiten einen cleveren Trick parat. Bei uns gibt es ab heute nur noch SPD-Schnaps. Oder grünen Tee. Vielleicht auch ein paar Müsliriegel, garantiert öko und ohne Gentechnik, ist klar. Linksdrehendes Naturjogurt. Quinoa-Bratlinge, Grünkernchips und einen 68er Willy-Brändy.  Gerne auch einen schweren roten Gerhard Schröder aus dem Rheingau. Im schlimmsten Fall einen bappsüßen Claudia-Rothkäppchen-Sekt oder eine Künast-Sauerschorle. Morgens um 2 Uhr wird gefälligst gegessen und getrunken, was auf den Tisch kommt.

Und dann war ich heute auch noch draußen. Herrlicher Tag. Neujahrsspaziergang. Auch sone Tradition. Außerdem noch eine Radtour mit dem Hund bei minus 4 Grad. Wollte ich Ihnen nicht vorenthalten. Jetzt brauche ich aber erst mal einen kräftigen Lafontaine, Mosel-Saar-Ruwer, Jahrgang 85. Zum Aufwärmen, naja, Sie wissen schon.