Im Vorbeifahren.

Treue Leser kennen das Procedere bereits: Die Kamera wird willenlos aus dem fahrenden Auto auf alles gerichtet, was da so vorbeizieht, und fast ebenso willenlos wird auf den Auslöser gedrückt. Manches wird schief und krumm, manches etwas unscharf, aber so bekommen Sie mal einen unmittelbaren Eindruck von dem ganzen Drumherum hier. Und wenn Sie jetzt noch ahnen, wo wir diesmal unterwegs waren, sind Sie schon ein echter Profi.

 

 

 

 

 

Ruhe.

Bei wirklich kniffligen Recherchen klinke ich mich gerne einmal aus. Verlasse das Arbeitszimmer und richte mich im Garten ein. Laptop, wlan, Händi machens möglich, gerne auch an Samstagen, das ist nicht mehr ganz Arbeitswoche und noch nicht ganz Wochenende. 

Da sitze ich dann unter dem riesigen Walnussbaum, schaue übers Dorf, denke nach und recherchiere in der Sonne. Die Glocken am Kloster läuten, die Hühner staksen durch die Wiese, Geo werkelt schweigend im Gemüsegarten. Und irgendwo bellt der berühmte Hund. Die Inspiration kommt da von ganz alleine.

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Stadt, Land, Flucht ist so ein Thema, das mich derzeit umtreibt. Warum wollen Menschen aufs Land? Was treibt sie in die Provinz, und wovon träumen sie?  Während ich suchend durchs www surfe, brummt Schmitte Erwin mit dem Traktor gemächlich durchs Dorf, den Buckel rauf, den Buckel runter.

Hat der eigentlich auch einen zweiten Gang, der Traktor?, ruft Geo aus dem Gemüsegarten zu mir rüber. Hä? frage ich zurück, denn just in diesem Moment startet Nachbar 1.0 seinen Aufsitzrasenmäher, mit seinen überdimensionierten Ohrenschützern saust er über den  Rasen und träumt vielleicht von einer Harley Davidson. Meine Inspiration springt kurzzeitig vor Schreck auf einen WalnussAst, und die Kinder des Nachbarn kreischen juchzend durch den Garten, immer vor dem brummenden Ungetüm her.

Akustische Ablenkung hin oder her: Ich bin im Netz fündig geworden: mehr als jeder zweite Stadtbewohner kann sich laut einer aktuellen forsa-Umfrage einen Umzug aufs Land vorstellen.

Aha, na also, da ham wirs doch, rufe ich Geo zu, dessen Aufmerksamkeit inzwischen von Nachbar 2.0 gefordert wird. Der veranstaltet jetzt auf der Pferdekoppel eine Art Parallel-Mähen, lautstark und synchron. Am entgegengesetzten Ende des Dorfes füttert irgendwer die schrill wimmernde Wippsäge mit Holz für den Winter. Hä? ruft Geo zurück.

Ich lese unbeirrt weiter: 91 Prozent der Befragten wünschten sich mehr Nähe zur Natur, und 86 Prozent erhofften sich von einem Leben auf dem Lande „gute Luft“. Gute Luft,  Geo, schreie ich, die gute Luft isses!

Was für ein Luftkissen? schreit Geo zurück. Soviel zumindest lese ich von seinen Lippen ab, denn inzwischen hat auch Nachbar 3.0 mit einem High-Tech-Gartengerät die open-Air-Bühne betreten und bietet jetzt eine theatralische Mischung aus Ein-Mann-Ballett und Motorsensenmassaker dar. Das dazugehörige Geräusch weckt Erinnerungen an die letztjährige Zahnwurzelbehandlung. Geo im Gemüsegarten macht ein entsprechendes Gesicht. Keine Bange, in zwei Stunden ist der fertig.

Zurück zur Arbeit, volle Konzentration auf die Recherche: Jetzt kommts, schreie ich Richtung Gemüsegarten, während vor dem Haus eine 37köpfige Gruppe Mannheimer Motorradfahrer vorbeiblubbert und nun auch noch unser JoHahn vor lauter Aufregung ohrenbetäubend kräht, als ginge es um sein Leben.: 87 Prozent der über 18jährigen Städter wollen wegen der Ruhe aufs Land.

Jetzt kläffen auch unsere Hunde.

Wegen der was?, brüllt Geo.

(Wegen der Ruhe.)

 

 

 

Dieser Beitrag ist hier schon vor ein paar Jahren mal erschienen, am gestrigen Samstag fiel er mir wieder ein. Aus Gründen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – liebe ich das LandLeben. 

 

 

 

Unterwelt.

Unserer heutiger Ausflugstipp tut nur so, als wäre er eine ganz harmlose Geschichte. In der zweiten Hälfte entwickelt er sich zur Horrorstory für Klaustrophobiker. Sie sollten dann lieber nicht weiterlesen. Anm.d.Red.).

Im Übrigen ist das ein Tipp für alle, die heute der Hitze entfliehen möchten. Ich sage nur: konstante 11 Grad oder sowas in der Art, das klingt doch sehr erfrischend. Deswegen habe ich diese Geschichte auch nochmal aus dem Archiv hervorgeholt. 

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Rudolf Gaukel hat sich schon seit ein paar Tagen gewundert. Immer, wenn der Sprengmeister im Eberstadter Steinbruch ein Bohrloch in den massiven Fels getrieben hat und nun seine Sprengstoffpatronen dort hineinsteckt, verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen. Der Berg scheint die Patronen zu verschlucken, als wolle er sich von ihnen nicht zerreißen lassen; Gaukel linst in das schwarze Bohrloch, weg sind die Patronen.

Am 13. Dezember 1971 bereitet Gaukel wieder eine Sprengung im Steinbruch vor, diesmal fällt ihm nichts Außergewöhnliches auf, er steckt die Patronen in den Berg, drückt auf den Zünder, mit einem Knall explodieren die Patronen im Gestein. Als der Rauch sich verzogen hat, klafft im Fels ein riesiger Spalt.

Durch diesen Spalt klettern Gaukel und seine Kollegen, und was sich ihnen da im Inneren des Berges präsentiert, soll schon wenige Tage später von Experten als „eine der schönsten und größten Höhlen Süddeutschlands“ eingestuft werden. Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist entdeckt, und Rudolf Gaukel hat eine Geschichte geschrieben, die sich noch seine Urenkel gegenseitig erzählen werden.

Danke, daß ich in der Höhle fotograferen durfte. Ist sonst nämlich nicht erlaubt.

Die Höhle ist damals groß und schön, aber leider völlig unbegehbar. Ein bis zwei Millionen Jahre hat die Erde hier unentdeckt vor sich hingetropft, und Tropfen für Tropfen sind urtümliche Gebilde entstanden, gigantische Stalagmiten und Stalaktiten, die merkwürdigsten Formen. Der Boden besteht aus tiefem Schlamm, der mit festem Griff die Stiefel derer packt, die nun als erste hier hineinkommen und mit dem Lichtkegel ihrer Taschenlampen atemlos die Gebilde an Decken und Wänden abtasten.

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Das winzige Eberstadt, weit ab aller Touristenströme, findet sich plötzlich in den überregionalen Schlagzeilen wieder, und die Eberstadter selber packen Leitern und Seile und klettern neugierig an der Felswand empor, um einen Blicks ins „Große Loch“ zu werfen.

Weil europäische Förderprogramme und Gelder für strukturschwache Regionen noch nicht erfunden sind, muß die Gemeinde selber zusehen, was mit der Höhle wird. Der Bürgermeister organisiert den Ausbau mit fast einhundert freiwilligen Helfern höchstpersönlich, mehr als 7000 Stunden schuften die Männer ehrenamtlich, um aus dem Loch im Berg die touristische Attraktion zu machen, die die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute ist.

Nur knapp zwei Jahre, nachdem Rudolf Gaukel sich gewundert hat, wieso der Berg den Sprengstoff kurzerhand verschluckt, wird die Höhle feierlich für Publikum geöffnet. 3,5 Millionen Menschen waren seitdem hier und haben sich auf den rund 600 Meter langen Weg durch die Unterwelt gemacht.

PopArt in der Höhle. Gibts aber nur bei besonderen Anlässen.

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Langer Rede kurzer Sinn: ein Besuch lohnt sich. Grade bei und nach Sauwetter. Dann tropft und fließt und plätschert es überall, und der Besucher bekommt tief in der Höhle eine Ahnung davon, wie die Tropfsteine in den vergangenen Millionen Jahren entstanden sind. Aber auch bei den Temperaturen dieser Tage lohnt sich der Besuch, da drinnen ist es, siehe oben, herrlich frisch und angenehm kühl.

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Die Eberstadter Tropfsteinhöhle ist dabei nur der Anfang. In unmittelbarer Nähe haben Höhlenforscher in den vergangenen Jahren gleich zwei weitere Höhlen entdeckt, eine davon ist bereits auf einer Länge von fast dreieinhalb Kilometern erkundet und übertrifft damit die Dimensionen der Eberstadter Höhle deutlich.

 

„Die Befahrung dieser Höhle ist mit erheblichen Strapazen verbunden. Für Besucher ist sie derzeit nicht zugänglich“, heißt es dazu auf der HöhlenHomepage. Was die rasende Provinzreporterin einst natürlich umso mehr anregte, mal einen Blick in diesen Teil der Unterwelt zu werfen. Die Höhlenforscher waren von dem Interesse so begeistert, daß sie flugs einen lustigen kleinen Presseausflug in die neuentdeckte Höhe organisierten.

Hätte ich gewußt, was mich erwartet, hätte ich das Maul gehalten. Es war ein Albtraum, aber ein spannender, zugegeben. Und der einzige journalistische Termin in meiner bisher 25jährigen Karriere, nach dem ich gleich zwei Schnäpse brauchte.

Dabei hätte ich es ahnen können: denn schon gleich am provisorischen Eingang in die Neuentdeckung muss eine Kollegin passen und umkehren: zwei Kilo zu viel auf den Rippen, so kommt man nicht in eine Höhle. Felsspalten und Ritzen sind so eng, daß es anderthalb Stunden lang nur bäuchlingsrobbend vorwärts geht. Irgendwo vor- und irgendwo hinter einem hört man das Schnaufen und Ächzen derer, die mitrobben.

Wer jetzt darüber nachdenkt, in welcher Lage und in welcher Tiefe und mit welchem Felsgewicht über sich er hier durch Mutter Erdes Gebärmutter kriecht, hat verloren. Dann pumpt die Magengrube kleine Panikwellen nach oben, erst schnüren sie Dir den Hals zu und machen das Atmen schwer, dann wird der eingekeilte Brustkorb heiß, der Kopf. Die Höhle hat Dich im Schwitzkasten, in einer Art steingewordener Zwangsjacke, und nahezu bewegungsunfähig musst Du weitere Kraftreserven mobilisieren, um die Panik dahin zurückzuschicken, wo sie herkommt.

Einige Stellen sind so eng, daß man den Anorak ausziehen muß, den dicken Pulli auch, sonst ist kein Durchkommen. Der Fels reibt am Rücken, mal stößt das Kinn, mal der Hinterkopf an den Stein. Hinter manchem Spalt geht es koppheister in die Tiefe, man streckt die Arme noch ein bißchen weiter vor, irgendwann muß ja mal sowas wie ein Boden kommen. Wenn es mal auf allen Vieren statt direkt auf dem Bauch mit seitwärts gedrehtem Kopf vorangeht, sind wir schon froh. Die Kontaktlinsen beschlagen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (in der man besser nicht darüber nachdenkt, daß man den ganzen Weg ja irgendwann auch wieder zurück muß), nach einer gefühlten Ewigkeit also können wir uns das erste mal aufrichten. Und stehen in einem riesigen Dom, in dem locker ein großes Mietshaus Platz hätte. Der Schlamm ist unberührt, seit Jahrmillionen, die Lichtkegel tasten sich durch die absolute Finsternis, leise tropft es hier und da, an Wänden und Decken wachsen die eigentümlichsten Gebilde. Ästhetik der Unterwelt. Uns bleibt endgültig die Luft weg. Die erheblichen Strapazen sind für einen Moment vergessen.

Nein, ich sehe nicht immer so aus. Im normalen Leben trage ich saubere Kleidung, und manchmal kann ich sogar lächeln.

Als wir nach Stunden wieder aus der Unterwelt auftauchen, ist es inzwischen später Abend, in einer kleinen Holzhütte auf dem Gelände des Steinbruchs gibt es Bratwürste und Schnaps.

Nach diesem Ausflug in die Nachbarschaft genieße ich die Eberstadter Tropfsteinhöhle heute umso mehr. Gut ausgebaute Wege, nur manchmal muß man den Kopf einziehen, ansonsten alles sehr bequem. Auf diese Weise auch die neuentdeckte Höhle auszubauen – undenkbar. Würde vermutlich Millionen kosten. So bleiben Hohle-Stein- und Kornäckerhöhle also für die Öffentlichkeit verschlossen. Und unsereiner gehört zu den ganz wenigen Menschen, die da mal einen Blick in die Erdgeschichte werfen durften. Hat ja auch was.
Insofern bin ich heute froh, daß ich nicht gekniffen habe.

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Hier gehts zur HöhlenHomePage.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Vorbeifahren.

Treue Leser kennen das Procedere: Wir gondeln zwecks Ausflug durch die Gegend, der Gatte am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz, und während der rasenden Fahrt halte ich die Kamera aus dem Fenster und knipse mehr oder minder willenlos alles, was mir vor die Linse kommt. So entstehen die etwas anderen Impressionen einer Region, mal verwackelt oder unscharf, oder schief und krumm, auf jeden Fall ungeschönt und ziellos. Also bitte. Vielleicht erraten Sie ja auch, wo wir diesmal unterwegs waren.