Unterwegs.

Die uralte Tante schaut staunend in die muntere Runde. Die hippe Bar ist proppenvoll und laut, alles schwätzt, lacht, trinkt, isst. Janz schön wat los hier!, sagt sie im Vorbeigehen zu dem ebenso hippen jungen Kellner. Der verdreht nur die Augen. Is ma wieda typisch, jezz brummts, aber den janzen Nachmittach war sooo tote Hose, ick hab hier nur rumjestanden und mir die Eia jekrault. Die 85jährige Tante stutzt nur kurz, dann lacht sie und lotst mich zu einem der letzten freien Plätze.

Ja, Sie ahnen es, wir sind nicht im Odenwald. Wir sind in Berlin. War mal wieder Zeit, das Tantchen zu besuchen. In meiner Heimatstadt, quasi. Ich habe das im Übrigen gleich verbunden mit einem akustischen Auftritt im Radio, ich habe ja da so eine Mission, und es gab da so eine Sendung beim DeutschlandRadio.

Da verbrachte ich also einen Vormittag, im Gespräch mit der Moderatorin in Köln und anderen Teilnehmern der Sendung, quer durch die halbe Republik, aber eben mutterseelenallein in einem Berliner Hörfunk-Studio. Wunder der Technik. So gesehen bin ich das ja gewöhnt. Wenn Sie mal reinhören wollen, bitte sehr, der Klick aufs Bild führt Sie direkt zur Sendung:

Klick aufs Bild, husch, zur Sendung.

So gehe ich also schon am frühen Morgen durch Wilmersdorf und Schöneberg, zu Fuß, der Morgen ist kalt und herrlich klar, es ist nicht viel Verkehr, es riecht, wie es immer riecht in Berlin, und aus einigen Hauseingängen kommen alte Männer und Frauen mit ihren Dackeln und Pinschern und schlurfen lustlos Richtung Grünfläche. So, wie es alte Männer und Frauen seit Jahrhunderten in Berlin getan haben und noch Jahrhunderte tun werden.

Berlin und ich, wir haben uns ja seinerzeit im Streit getrennt. Zumindest war ich froh, dass ich endlich wegkam. 25 Jahre Berlin, eine Kindheit, eine Jugend, und ein bisschen Erwachsensein dazu, und alles im ungerechten Rückblick schrumpelig und trist, um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich nahm also meinen Rucksack, den tatsächlichen und den übertragenen, und ging. Und kehrte nie wieder an jene Ort in dieser riesigen Stadt zurück, die das Leben so trist und schrumpelig gemacht hatten. Naja, Sie wissen schon. 

Natürlich war ich ein paar mal in Berlin in den vergangenen Jahrzehnten, das bereits erwähnte  uralte Tantchen besuchen, das ich von Herzen liebe und das gottlob in einer anderen Ecke Berlins lebt. Das Ur-West-Berliner Tantchen, das bis heute insgeheim nicht verstehen kann, wieso ich aufs Land gezogen bin, verblödet man da nicht?, fragte sie früher regelmäßig in ihrer unnachahmlich diplomatischen Art. Inzwischen hat sie resigniert. Aber ansonsten ist sie wirklich liebenswert. Ihren weltgewandten Freunden und Bekannten stellt sie mich als die Nichte aus dem Odenwald vor, und schiebt sofort ein energisches Natürlich born and bred in Berlin! hinterher, aber sowas von!

Seit knapp 30 Jahren also mache ich einen großen Bogen um die Orte meiner Kindheit, meiner Jugend. Den Rucksack habe ich zwar seinerzeit ja mitgenommen, aber ich hab noch einen Koffer in Berlin, lalaa, die Schrumpligkeiten/vergang’ner Zeiten, die hab ich alle in dem kleinen Koffer drin, naja, Sie kennen derlei Koffer vielleicht.

Genau gesagt, steht mein Koffer in Berlin Neu-Westend. Da fuhr früher die legendäre Linie 1 hin, aber inzwischen heißt sie U2 oder irgendsowas, jedenfalls fahre ich zielstrebig und mit ein bisschen flauem Gefühl im Magen Richtung Westend. Wittenbergplatz, Zoo, Ernst-Reuter-Platz, Oper, Theo, Westend, mal in der Kurzform. Mit der U-Bahn in die Kindheit, in die Jugend. Zum ersten Mal nach 30 Jahren.

Beim Aussteigen aus dem miefigen U-Bahn-Waggon habe ich kurz die Angst, Neu-Westend könnte jetzt gleich zu einem veritablen Haken ausholen, zu einer strammen Linken, und mir ordentlich eins in die Magengrube geben. Stattdessen nimmt das Viertel mich in seine Arme, die so runzlig sind wie die Damen, die immer noch im Wiener Caffeehaus sitzen, mit ein bisschen zu blonden Haaren und ein bisschen zu goldenem Schmuck, und die auch hier drinnen früher ihre Pelzhüte nicht von der frisch ondulierten Frisur nahmen.

Ich gehe die Wege, die ich 25 Jahre lang gegangen bin, ewig weit habe ich sie in Erinnerung, aber ich gehe wie mit Siebenmeilenstiefeln, die Kilometer aus der Erinnerung schnurren zu kurzen Distanzen zusammen, die Reichsstraße herunter, schon bin ich am Brixplatz.

Was in meinem Kopf riesengroß war, ist in Wirklichkeit winzigklein. Die Straße, die Häuser, der Spielplatz, der Park. Und völlig unverändert, auch nach 30 Jahren noch. An manchen Klingelschildern entdecke ich wohlvertraute Namen, auf dem Spielplatz sehe ich die Holzdächer, von denen ich mehr als einmal beim unerlaubten Klettern runtergeflogen bin, und im Park die Seen, in denen ich unfreiwillig schwimmen gelernt habe, zwischen Enten und grüner Grütze.

Komm, sagt Neu-Westend, wir gehen noch mal Deinen Schulweg, Du kennst ihn ja. Zwölf Jahre bin ich den gegangen, schlafwandlerisch. Auch hier kommt mir alles plötzlich winzig vor, winzigklein und unverändert, als sei das Viertel geschrumpft und die Zeit stehengeblieben.

 

Ick kieke, staune, wundre mir und gehe zurück, vorbei an der kleinen Kapelle der Engländer, am Kloster, über die Preußenallee also, wo immernoch zweimal die Woche Markt ist.

Wiener Caffeehaus, Cafe Kuhn und Westend-Klause, alles wohl vertraut und alles unverändert. Und alles winzigklein. In einer Mischung aus Verwunde- und Erleichterung tauche ich wieder in den gallegrünen U-Bahnhof ein. Hier!, ruft Neu-Westend mir hinterher, nimm Deinen Koffer mit, er ist ja gar nicht mehr so schwer. 

Zurück in Schöneberg muss ich der Tante natürlich berichten. Neu-Westend war ja immer furchtbar spießig!, sagt sie in ihrer bereits erwähnten diplomatischen Art. Ja, aber es wirkt auch so winzig, ist das Viertel geschrumpft oder was?, frage ich ratlos. Nee…, sagt die Tante, vielleicht bist Du aber ganz gross geworden.

Und dann gehen wir zum Essen, wieder in die hippe Bar mit dem Typen mit den jekraulten Eian. Die  85jährige Tante will es so, ick bin jespannt, wat der heute wieda so vom Stapel lässt. Dafür liebe ich Berlin. Und vielleicht kann ich mich ja jetzt auch wieder mit Neu-Westend anfreunden.

 

 

 

Vergleiche.

Jetzt stellen Sie sich doch bitte mal vor, Sie haben sich Pest und Cholera gleichzeitig eingefangen, da helfen keine Medikamente, da hilft nur Bettruhe. Und, sobald Sie wieder kriechen können, leichte Bewegung an frischer Luft. Empfiehlt mein Hausarzt immer gerne. Jahahahaaaa, aber was machen Sie denn, wenn Sie in der Mitte einer Großstadt leben? Leichte Bewegung an frischer Luft?

In Berlin am Tauentzien vielleicht, oder im Stuttgarter Talkessel? Wo bitte gibt es da frische Luft? Oder sollen Sie vielleicht erst anderthalb Stunden mit irgendeiner S-Bahn Richtung frische Luft fahren, um sie herum allerlei verrotzte Gestalten, die Pest und Cholera im Sekundentakt ausniesen und -husten? Na, ich weiß ja nicht.

Ich hatte das Vergnügen am vergangenen Wochenende, da hatte ich noch keine Pest und keine Cholera, aber ich war in Berlin, mittendrin, in der Berliner Luft, von deren Qualität ja schon die Schöneberger Sängerknaben schwärmten. Der Himmel über Berlin weiß, warum. Offenbar sind die nie aus ihrem Schöneberger Sängerheim rausgekommen, vermutlich waren die noch nie am Kudamm, Kranzlereck. Oder am Tauentzien. Da stinkt es aus allen verfügbaren Rohren, eine Mischung aus pupwarmer Kaufhausabluft, Billigdeodoranten und Abgasen. Denken Sie sich noch eine Reihe von zwanzig viel zu engen Umkleidekabinen bei hochsommerlichen 40 Grad im Schatten dazu, mit schwitzenden Menschen, die sich schnaufend an- und ausziehen, dann kommen Sie der Sache näher.

Also, wie dem auch sei: Ich habe mir da wirklich Gedanken gemacht, von wegen der frischen Luft. Wie machen die das? Wie bekommt denen das? Wie werden die jemals gesund, bei Pest und Cholera und dem dringenden Wunsch nach frischer Luft? Ich habe keine Ahnung.

Ich habe bloß den üblichen Rat des Arztes befolgt (ohne ihn überhaupt konsultiert zu haben), und führe Pest und Cholera derzeit täglich kurz an der frischen Luft aus. Gemeinsam mit den Hunden und anderen Patienten. Ohne großen Aufwand, direkt vor der Haustür. Und ich bin sehr dankbar dafür. Und hoffentlich bald wieder gesund.

Ja, so glotze ich derzeit auch.

Gibt kein schlechtes Wetter, – naja, Sie wissen schon.

 

Das taut auch noch weg. Irgendwann.

Na, also. Wird doch.

 

 

 

 

 

Stippvisite.

Ich bin über die Ostertage also mal eben nach Berlin gefahren, sehr spontan, weil kettenrauchende 82jährige Patentanten mitunter für Überraschungen gut sind. Diese Überraschung hieß irgendwas zwischen Getraudenkrankenhaus und gerissene Herzklappe und es klang alles wenig österlich, also habe ich mich auf den Weg in meine Heimatstadt gemacht. Um das vorweg zu nehmen: es sieht alles besser aus als befürchtet, die hochverehrte Patentante ist nicht nur kettenrauchend, sondern auch noch zäh wie preußisches Leder, falls es sowas gibt, naja, Sie wissen schon. 

Ich pendle also von Samstag mittag bis Sonntag mittag immerzu mit der U-Bahn zwischen Neukölln und Wilmersdorf, ich erledige ein paar Sachen, ich habe keine Eile, die Patentante läuft mir nicht davon, sie schlurft ein bisschen wacklig über die Krankenhausgänge und freut sich, wenn ich da bin, wann auch immer. Ich pendele also von hier nach da und versuche, die Gerüche der alten Heimat nicht so tief einzuatmen, hier habe ich davon ja eben erst berichtet, aber in Neukölln ist das so eine Sache. Gehen Sie mal durch Neukölln, ohne Gerüche aufzunehmen, das ist ja schier unmöglich. Allerdings riecht es hier kaum nach Berlin, sondern eher nach der ganzen Welt, aber vielleicht ist das ja auch dasselbe.

Ich laufe treppauf, treppab, die Stufen zu den U-Bahnhöfen, ich mache das bewusst ganz gemächlich, das alles soll ja nicht in Stress ausarten. Die Menschen drängeln und hasten an mir vorbei, die U-Bahn haucht ihren dumpfen Atem voraus durch den Tunnel, sie kündigt damit ihr Kommen an. Schon fangen die Leute an zu rennen und zu hetzen, hastig werden Fahrkarten entwertet, Tüten und Taschen gerafft, schnell, schnell, die Bahn kommt, wir dürfen sie nicht verpassen. Wer nach vorne in den Zug möchte, fängt an zu laufen, im Joggingschritt den Bahnsteig entlang, durch die wogenden Massen, durch die Touristen, die tun, was sie immer schon am besten konnten: im Weg herumstehen.

Die Leute drängeln und hasten, als führe nur diese einzige U-Bahn, als müsste man auf den nächsten Zug mehrere Stunden warten, als sei die Ankunft des Zuges eine Seltenheit. Ganze vier Minuten muss man auf der Linie 7 auf die nächste U-Bahn warten, um genau zu sein, vier Minuten, die offenbar nicht verschenkt werden dürfen. Vier Minuten, die vielleicht über ein ganzes Schicksal, über ein halbes Leben entscheiden können, was weiß denn ich. Wahrscheinlich war ich früher genauso.

Jetzt stehe ich also da und gucke verwundert auf all das Gerenne und Geschiebe, und als es mir zu blöd wird mit dem Gedrängel, trete ich milde grinsend einen Schritt zurück aus der Menge, wie so ein in sich ruhender Buddha, Zurückbleiben bitte!, befiehlt die automatische Stimme, die Türen schließen sich fauchend und klappend, und ich warte eben auf die nächste Bahn, in vier Minuten. Und dann denke ich: Vielleicht habe ich in all den Jahren auf dem Land ja doch schon richtig was gelernt.

 

 

 

Heimat. Ein Geruch.

Meine Heimatstadt und ich, wir haben uns im Zorn getrennt. Nach 20 Jahren – die im ungerechten Rückblick alle unschön waren – habe ich Berlin verlassen. West-Berlin. Damals ein Provinznest, allerdings eines von gigantischen Ausmaßen. Riesig, aber bieder, brav, beschaulich. Ich packte ein paar Umzugskisten und ging weg und würdigte die Stadt 16 lange Jahre keines Blickes mehr.

Foto: pogobuschel_pixelio.de

Es zog mich hierhin und dorthin, acht Umzüge in 10 Jahren, bis ich schließlich tief in der süddeutschen Provinz gelandet bin. Treue Leser kennen die Geschichte: Balsbach im Badischen. 361 Einwohner, so eine Art Kreuzung, ein Gasthaus und ein kleines Bäckerlädchen. Das alles auch bieder, brav, beschaulich – aber irgendwie doch anders.

Wenn ich heute im Wald unterwegs bin, oder auf den Feldern, mutterseelenallein, zwischen blühendem Wasserdost und duftender Kamille, über mir der weite Himmel, dann denke ich: ich bin angekommen. Immerhin. Aber ankommen ist ja irgendwie das Gegenteil von Heimat, zumindest chronologisch.

Irgendwann war es mal wieder an der Zeit, in die Heimat zu fahren. Heimat? Viele Jahre später. Wie eine Fremde stolperte ich durch diese Stadt Berlin, getrieben von wogenden Touristenmassen, Lärm, Dreck, Hektik. Ich kannte hier niemanden mehr, alles war vertraut und doch verstörend anders, und um die Orte meiner Kindheit machte ich noch einen großen Bogen.

Eine alte Tante gibt es noch, sie besuche ich manchmal, wie einen Gast führt sie mich durch die Stadt, die doppelt so groß geworden ist, und doppelt so schnell, doppelt so laut und doppelt so aggressiv. Mein altes, spießiges West-Berlin hat schon lange eine Neue: Ost-Berlin. Lebt ein neues Leben in trauter Zweisamkeit. Ich gehöre schon lange nicht mehr dazu. Will ich auch gar nicht, denke ich.

Foto: Peter von Bechen_pixelio.de

Bis ich in der U-Bahn sitze. Oder an der Spree. Oder in einem Café am Bahnhof Zoo. Die Gerüche sind es, die mich einlullen. Nasser Berliner Asphalt. Der warme Dunst der Berliner U-Bahn, der aus den Schächten quillt. Doppeldecker-Duftreiz. Der modrige Atem der Spree.

Es ist, als wollte mich die Stadt einhüllen und betäuben und sentimental machen. Als wollte sie mich in ihre Arme nehmen und mir ins Ohr flüstern: Ach, komm, so schlimm war es nicht. Lass uns die Zeit zurückdrehen und es nochmal versuchen miteinander. Die Stadt holt aus zum olfaktorischen Emotionalangriff. Die Attacken gehen durch die Nase ins Gehirn, von da direkt ins Herz, dorthin, wo vielleicht das Heimatgefühl verankert ist, auf ewig, ob man das will oder nicht.

Foto: Rainer Sturm_pixelio.de

Solange ich in Berlin unterwegs bin, selten genug, versuche ich, nur flach zu atmen. Bloß nicht zuviel von diesen Gerüchen in die Nase, in den Körper, ins Gedächtnis ziehen. Alles schön draußen lassen. Tief durchatmen kann ich später wieder, wenn ich zurück auf dem Land bin. In meiner neuen Heimat, die sich langsam, langsam diesen Namen auch verdient.

Wenn ich dann wieder durch den Wald wandere oder über die Felder, mutterseelenallein, über mir der weite Himmel, dann mogelt sich in den Duft von blühender Kamille manchmal plötzlich der Geruch von nassem Berliner Asphalt hinein, von U-Bahn, Spree und Doppeldecker. Warum auch immer.

Dann bekomme ich ein bisschen Heimweh. Wonach auch immer.

 

 

 

Diesen Text habe ich in ähnlicher Form vor Jahren schon einmal veröffentlicht. Er kommt mir immer in den Sinn, wenn von Heimat die Rede ist. So auch jetzt wieder, nachdem auf diesem neuentdeckten Blog zu einer Blogparade aufgerufen wurde. Sehr spannend.

 

 

Breitscheidplatz.

Meine Heimatstadt und ich, wir haben uns im Zorn getrennt. Nach 20 Jahren habe ich Berlin verlassen. West-Berlin. Damals ein Provinznest, allerdings eines von gigantischen Ausmaßen. Riesig, aber bieder, brav, beschaulich. Wir wohnten in Neu-Westend, und wenn wir in die Stadt wollten, fuhren wir zum Breitscheidplatz. Er war damals – in meiner Erinnerung zumindest – das betulich-spießige Zentrum der halbierten Metropole. Die Gedächtniskirche erzählte etwas von Frieden und Völkerverständigung, und davon, dass man aus der Geschichte lernen müsse, jaja, sagten wir und nickten andächtig, die Berliner gingen zum Shoppen ins Europacenter, das jedermann nur als Europa-Tzenta kannte, mit hartem  TZett am Anfang und lautem berliner a am Ende.

Am Breitscheidplatz sah ich die ersten Teenie-Kinofilme, John Travolta undsoweiter, bei citymusic kaufte ich meine ersten Langspielplatten und fuhr sie am Ende stolz wie Bolle mit der U-Bahn Linie 1 nach Hause. Die Touristen nervten, aber sie waren zu ertragen, und besser als rund ums KaDeWe am nahen Wittenbergplatz war es hier allemal. Am Breitscheidplatz diskutierte man nicht die Weltenlage oder die große Politik, die interessierte keinen, hier war alles in Ordnung, außer der hässliche Wasserklops, über den regten sich alle auf, das waren so die Themen dort. Viel mehr Sorgen hatten wir ja nicht.

Irgendwann packte ich also die Umzugskisten und machte mich davon. Es zog mich hierhin und dorthin, acht Umzüge in zehn Jahren, bis ich schließlich tief in der süddeutschen Provinz gelandet bin. Balsbach im Badischen. 361 Einwohner. Auch bieder, brav, beschaulich – aber irgendwie doch anders. Sie kennen die Geschichte. Wenn ich heute im Wald unterwegs bin, oder auf den Feldern, mutterseelenallein, über mir der weite Himmel, dann denke ich: ich bin angekommen. Immerhin. Aber ankommen ist ja irgendwie das Gegenteil von Heimat, zumindest chronologisch.

Manchmal erwähnt die alte Tante in Berlin am Telefon den Breitscheidplatz, sie wohnt da um die Ecke, ist oft hier unterwegs. Und jedes Mal setzt sie dabei einen Teil meines Gehirns in Wallung, in dem ich Klänge und Gerüche abgespeichert habe, wider Willen mitunter, über Jahre und Jahrzehnte. Breitscheidplatz, das riecht immer ein bißchen muffig, warum auch immer, ich hatte damals das Europa-Tzenta und den Bahnhof Zoo im Verdacht, es roch wie alte Kaufhaus-Abluft, warm und vertraut, aber eben doch ein bisschen muffig. Und Breitscheidplatz klingt nach friedlicher Vertrautheit, nach Teenie-Träumen von der großen weiten Welt, nach liebenswertem berliner Spießertum.

Ich stelle mir das mit diesen Erinnerungen vor wie mit einer alten Jacke, sie ist warm und kuschelig, passt aber längst nicht mehr, sie ist zerfranst und zu klein geworden, sie riecht ein bisschen und ist völlig aus der Mode, aber man kann sich doch von ihr nicht trennen, man hängt sie nach ganz hinten in den Schrank, wer weiß, vielleicht kann man sie eines Tages noch gebrauchen oder weitergeben. Ihr Geruch bleibt nicht im Schrank, er breitet sich auch leise im Zimmer aus, egal, wo Du wohnst und wie oft Du umziehst, den Geruch wirst Du nicht los. Bahnhof Zoo. Brixplatz und Herder-Schule, Bohnerwachs und nasser Berliner Asphalt. Der warme Dunst der Berliner U-Bahn, der aus den Schächten quillt. Doppeldecker-Duftreiz. Der modrige Atem der Spree. Oder eben auch Breitscheidplatz. Alles gespeichert in meinem Kopf, alles olfaktorisch verknüpft mit Erinnerungen.

Seit gestern abend sind die Gerüche und die Klänge in meinem Kopf wieder ganz präsent, sie streiten mit all den anderen Klängen und Bildern, die da vom Breitscheidplatz herüberkommen, aus dieser altvertrauten Ecke, fassungslos sitze ich vor dem Bildschirm, so oder so, und es fühlt sich an, als sei ich eben doch noch Berlinerin, trotz aller Umzüge, trotz der neuen Heimat, die sich ihren Namen langsam verdient.

Vielleicht legt man das nie ab, denke ich, während ich mutterseelenallein auf den Odenwälder Feldern unterwegs bin heute früh, vielleicht kann man sich noch so wehren, man wird die alten Klänge, die Gerüche und Erinnerungen eben nie mehr los. Vielleicht werden sie aber auch eines Tages überlagert, von neuen Erinnerungen und neuen Klängen und Bildern und Gerüchen, vielleicht werden sie den Tatsachen angepasst, aber ich bin mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob ich das auch wirklich will.

Und dann bekomme ich sowas wie Heimweh. Nach den spießigen Zeiten, nach der ereignislos-friedlich-langweiligen Jugend unter dem Himmel über Berlin. Nach den Tagen, als der scheußliche Wasserklops-Brunnen der einzige Aufreger am Breitscheidplatz war. Heimweh und Sehnsucht, wonach auch immer.

Ach, was weiß denn ich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin, Berlin.

Da sitze ich manchmal tief im Oudewald und lese die Zeitungen aus meiner Heimatstadt, digital, das ist ja heutzutage alles möglich. Und Berlin ist ja nun nicht irgendeine Stadt, wie Wanne-Eickel oder Bergisch-Gladbach meinetwegen, Berlin ist die Stadt schlechthin, die coolste aller deutschen Metropolen. Genau.

Arm, aber sexy. Ich wage gar nicht mir auszumalen, wie es wäre, wenn Berlin reich wäre. Reich und sexy, dann würden vermutlich alle austicken, und der Berliner an sich käme aus seinem Lokalstolz gar nicht mehr heraus. So aber wird er immer mal wieder auf Normalmaß zurückgestutzt. Nein, ich erzähle jetzt nicht nicht wieder was vom BER-Desaster, das würde andernorts als Provinzposse allererster Güte durchgehen, aber Berlin ist ja eben nicht Provinz, um Himmelswillen, sondern sexy Hauptstadt. Also, Schwamm drüber.

Aber a propos Provinz: wenn Sie aus ebendieser kommen und demnächst einen Trip nach Berlin planen, in diese coolste aller Metropolen, wenn Sie sich also als Landei in die große GlitzerGlamour-Welt trauen, dann gebe ich Ihnen nur rasch zwei aktuelle Tipps mit auf den Weg. Ich bin ja als regelmäßige Leserin von Tagesspiegel, Mottenpest, B.Z. und anderen Gazetten bestens informiert. Also, bitte.

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Ein Symbolbild. Foto: Markus Hein/pixelio.de

Erstens: Wenn Sie mit einem schicken neuen Bus der BVG fahren, und das tun Touristen immerzu und überall, und über 100 solcher schicken neuen Busse gibt es in Berlin, wenn Sie also mit einem solchen Bus fahren, dann wundern Sie sich nicht, wenn es ein bißchen müffelt. Das tut es in Berliner Bussen zwar immer, nach Döner-Bäuerchen und Dosenbier und manchmal auch nach Schlimmerem, aber in den schicken Neuen müffelt es nun ganz besonders.

Eine olfaktorische Mischung aus Katzenpipi und verwester Leiche, berichten Fahrgäste, den Busfahrern tränen die Augen und schmerzen die Köpfe, aber die kennen die Route ja im Schlaf, insofern ist das nicht so schlimm. Die Busse sind nagelneu und aus holländischer Produktion und waren sicher auch nicht billig, aber leider stinken sie wie blöd, Herr Martenstein hat hier einen sehr hübschen Text dazu geschrieben. Der Geruch verursacht offenbar halbwegs einen Brechreiz, ist aber keineswegs gesundheitsschädlich, der Senat hat das natürlich prüfen lassen, und auf den ist ja Verlass. Machen Sie sich also keine Sorgen.

Zweitens: Wenn Sie auf Spree oder Havel in Seenot geraten und nach der Polizei rufen, also nach der Wasserpolizei, dann stellen Sie sich darauf ein, dass es ein bißchen länger dauert. Die Schiffe sind alle uralt, dem Aussehen nach aus dem vorletzten Jahrhundert und dementsprechend langsam, bitte haben Sie dafür Verständnis.

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Nochn Symbolbild. Foto: Erwin Lorenzen/pixelio.de

Natürlich hat die Berliner Polizei ein neues und sehr schnelles Boot, das hat sie vor 14 Jahren (sic) bestellt und das ist nun geliefert worden, und alle waren froh und glücklich, aber bei der Jungfernfahrt entlang des Kanzleramts lief mal gleich Wasser in den Motorraum. Ja, das kann passieren. Das gute Stück hat eine Dreiviertel Million gekostet und liegt nun also wieder auf dem Trockenen. Die Heizung funktioniert aber auch nicht, insofern wird es den Handwerkern nicht langweilig mit dieser Neuerwerbung. Alle sind jetzt sehr enttäuscht, hier können Sie das nachlesen, aber ich würde sagen, wenn man 14 Jahre auf den großen Tag gewartet hat, machen die paar Monate nun auch nichts mehr.

 

In diesem Sinne: Ihnen eine gute Reise nach Berlin, und grüßen Sie mir meine coole Heimatstadt, die manchmal so erfrischend provinziell sein kann. Vielleicht mag ich sie eben dafür umso mehr.

 

 

 

 

 

Berliner Begegnung.

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Sehen Sie die zwei schwarzen Pünktchen am unteren Rotorenblatt? Kein Dreck.

 

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Sondern zwei Arbeiter. Ich hörte sie, bevor ich sie entdeckte….

 

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Und ick dachte mir so: wer berlinat denn da, so hoch oben, inne Luft? Ha’ick Halluzinationen oder wat?

 

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Plaudern ging leider nich. Nur Brüllen ging. „Ick bin ooch aus Berlin!“, habe ich gebrüllt. Und „Willkommen im Odenwald!“ „Is ja schön hier!“, haben sie zurückgebrüllt. War etwas mühsam. Aber trotzdem nett.

 

 

 

NoroVirus.

Echte Berliner haben eine Lizenz zum Lästern. Man erwirbt sie quasi schon bei der Zeugung, sofern der Stammbaum astrein berlinerisch ist, spätestens aber beim Passieren des Geburtskanals, ganz automatisch. Wenn Sie schon mal mit Berlinern zu tun hatten, werden Sie das vielleicht bemerkt haben.

Das Wort Lästern ist dabei vermutlich aber falsch, denn der Berliner lästert nicht, sondern verkündet nur die Wahrheit. Seine Wahrheit. Det is jetz aba nur meine janz persönlische, janz objektive Meinung, wa, fügt er an Statements gern bescheiden an.

Ich habe als gebürtige Berlinerin auch so meine janz persönlische, janz objektive Meinung zu den verschiedensten Themen. Zu anderen Städten zum Beispiel. London, Paris und New York lasse ich unter dem Stichwort „Stadt“ gerade noch gelten, alles andere ist mehr oder weniger indiskutabel. Völlig überflüssig, quasi. Brauchenwa janich drüber reden. Brauchen wir auch nicht drüber zu lästern, es lohnt sich einfach nicht, aus der Berliner Warte. Da, wo ich jetzt lebe, im Odenwald, da gibt es auch Städte, eine Große Kreisstadt sogar, aber ich meine, nein, ehrlich, da sagen wir jetzt nichts dazu. Große Kreisstädte oder auch die viel zitierten Mittelzentren, die nehmen wir einfach – mit einer Mischung aus Rührung und Nachsicht- zur Kenntnis und kommentieren das nicht weiter.

 

Es gibt aber diese Kategorie der Städte, da erwacht auch in mir wieder das Berliner Lästermaul. Bei diesen Städten, die gar keine Städte sind, sondern aufgeblasene Dörfer, stein-gewordene Blähungen. Provinz-Nester, die irgendwann einmal tief Luft geholt haben, damit sie obenrum größer aussehen, wie der alternde Playboy am Rand des Schwimmerbeckens, der so lange den Atem anhält, bis die Äuglein hervortreten und die junge Blonde vorbeigegangen ist, Basedow läßt grüßen, aber was tut man nicht alles.

Käffer, die sich am liebsten noch ein Bad vor ihren Namen kleben, weil das schick aussieht und die Immobilienpreise in die Höhe treibt. Vor den Fertighäusern (Modell Toskana) parken dunkle SUVs, Du bist, was Du hast, und im Rathaus regiert seit 25 Jahren derselbe Zweireiher mit Goldknöpfen.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich will ja nicht lästern, aber ich war neulich mal wieder in einer solchen Stadt. Ich fuhr also knapp zwei Stunden über die Autobahn, Richtung Norden, vorbei am Frankfurter Flughafen, das alles wirkt ja durchaus schon ein bißchen urban da oben, dann vorbei an ein paar Mega-Einkaufszentren mit shop-in-shop-System, wobei dort jeder Shop schon größer ist als das Dorf , in dem ich lebe.

Dann hinein in dieses hübsche Städtchen, vorbei an Galerien und Kosmetikstudios, an Juwelieren und an vielen schicken Rechtsanwaltskanzleien. Überhaupt fällt ja in derlei Städten häufig auf, daß es besonders viele schicke Rechtsanwaltskanzleien gibt, und daß die vielen schnuckeligen Galerien von geschiedenen Rechtsanwaltsgattinnen geführt werden, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

Ich parke also meinen praktischen kleinen Fiat-Panda mit dem Drei-Buchstaben-Kennzeichen irgendwo zwischen berühmtem Hundertwasserhaus und eleganter Tanzschule und begebe mich in das Getümmel der Geburtstagsfeier, deren Gast ich nunmal heute abend bin.

Die anderen Gäste sind freundlich desinteressiert, sie sehen alle gleich aus, und alle so, als seien sie seit ihrer Geburt schon 40 Jahre alt, angehende Star-Juristinnen und VWLer, perfekt-unperfekte Frisuren und angesagte Brillen, echte Städter eben, dazu Häppchen und Musik, und viele identische Kinder mit altdeutschen Namen. Ich habe auch meine angesagte Brille aufgesetzt und versuche ansonsten, mich anzupassen und nicht aufzufallen. Und es wäre vielleicht ein netter Abend geworden, wenn ich nicht irgendwann am Rande meinen Fiat Panda erwähnt hätte.

Du fährst einen (Kunstpause) Fiat Panda? Vorübergehend entsteht eine peinliche Stille im Raum, in den Augen der Umstehenden leuchten Fragezeichen, stumm werden vielsagende Blicke getauscht, die Sekunden dehnen sich aus zu Stunden. Fiat-Panda klingt plötzlich wie Noro-Virus. Einer der jungdynamischen Familienväter murmelt etwas von Sitzheizung und blootooth-Schnittstelle, und ich stottere, daß dieses Modell nicht mal über elektrische Fensterheber verfügt, kein Mensch braucht sowas, und daß in dem Fahrzeug im Übrigen Hühner und Hunde und Hasen transportiert werden, und plötzlich klingt Fiat-Panda nicht nur wie Noro-Virus, sondern auch wie Bauern-Trampel, und der Abend ist gelaufen, aber die Möchtegernestädter haben ihr Gesprächsthema.

Ich könnte das Ruder jetzt vielleicht noch rumreißen, ich müsste einfach rufen, hahaha, reingefallen, Ihr blöden Provinzspießer, ich bin Berlinerin, und ich habe immerhin 25 Jahre in Berlin gelebt, mittendrin, Charlottenburg, das hätte alle sehr beeindruckt und auf normales Maß zurückgestutzt, versuchen Sie das mal, das klappt in diesen Kreisen wirklich immer, aber ich lasse diese Chance ungenutzt vorüberziehen. Der olle Fiat Panda hängt über der ganzen Geburtstagsgesellschaft und über dem ganzen kleinen aufgeblähten Nest, dessen Bewohner mich fassungslos anglotzen. Ich habe mich als Gesprächspartner selber aus dem Rennen geschossen. Volle Pulle.

Der Abend wird trotzdem dann noch nett, weil ich alte Berliner Freunde wiedertreffe, wir tauschen Erinnerungen an das Leben in der Großstadt aus, und lästern ein bißchen, auch wenn das sonst so gar nicht meine Art ist. Am Ende mache ich mich dann mit meinem Fiat Panda auf den Weg in die Dunkelheit. Ich kurbele per Hand die Fenster runter und lasse den Nachtwind ins Auto und freue mich auf mein schlaftrunkenes 360-Seelen-Dorf im Odenwald, das mir in dieser Nacht noch ein bißchen sympathischer geworden ist, als es mir bis dato ohnehin schon war.

 

 

Stadt.Land.Stuss.

Liebe Frau Fetscher, verehrte Kollegin,

 

Sie haben da diesen Artikel geschrieben, neulich im Berliner Tagesspiegel. Das ist schon ein paar Wochen her, aber Ihr Text geht mir nicht aus dem Kopf.

Schickt die Flüchtlinge nicht auf die Dörfer!, war der Titel, und drunter gab es die Zusammenfassung: Nirgendwo ist der einzelne Mensch der örtlichen Bevölkerung so ausgeliefert wie in der Provinz. Wer von Krieg traumatisiert ist, braucht keine feindselige Umgebung. Sondern Stadtluft und Möglichkeiten. Warum Flüchtlinge ins Zentrum der Gesellschaft gehören – Ein Plädoyer.

 

 

Nirgendwo ist der einzelne Mensch der örtlichen Bevölkerung so ausgeliefert wie in der Provinz, da haben Sie schön recht. Ein gräßlicher Zustand, und die syrische Familie im Nachbardorf, die von einem einheimischen Ehepaar an die Hand genommen und in den deutschen Alltag eingeführt wird, die tut mir jetzt schon leid. Wo soll das enden? Oder die vier afrikanischen Frauen im kleinen Städtchen nebenan, um die sich acht Odenwälder Frauen kümmern und die unter Sachspenden schon ächzen, nee, also ehrlich. So geht das hier allerorten, oft gibt es deutlich mehr Helfer als Flüchtlinge, eine bedrohliche Auslieferungsübermacht quasi, ich kann das alles gar nicht aufzählen, man muß sich das mal vorstellen.

 

Und überall die provinzielle Vetternwirtschaft: da kennt einer einen, der einen kennt, und der könnte einen neuen Mitarbeiter gut gebrauchen, und dann bekommt ein Flüchtling einen Job. Um den Friseur aus Damaskus rissen sich gleich mehrere, hin- und hergerissen ist der arme Mann. Und wenn es irgendwo mal hakt, dann kennt einer einen, der den Landrat kennt, und dann wird da schnell mal angerufen, kurzer Dienstweg, alles vermutlich hart an der Grenze zu Unmenschlichkeit und Illegalität. Und ich sage Ihnen, wir erleben das hier täglich. Schlimm ist das.

 

Wer von Krieg traumatisiert ist, braucht keine feindselige Umgebung. Nochmal: bingo. Dann lieber Berlin, nur so als Beispiel. Eine buntschillernde Metropole, mit Stadtluft und jeder Menge Möglichkeiten, deren täglicher Polizeibericht (ja, den lese ich, so zum Vergnügen) voll von fröhlich-freundlichen Begegnungen zwischen einheimischen Schwachmaten und Menschen fremder Herkunft ist. Da wird in der U-Bahn beleidigt, geprügelt und erstochen, auch in der S-Bahn und in Bussen, da fuchteln angeheiterte Berliner Großgeister mit Samuraischwertern/Baseballschlägern/Zaunlatten in Flüchtlingswohnheimen herum, da pissen singende Nazis am hellichten Tag gegen die Stelen der Holocaust-Gedenkstätte,  – aber wenigstens ist da was los! Und sicher meinen die das gar nicht so. Wenn ich da unterwegs wäre, mit einer falschen Hautfarbe, ich nähme soetwas mit einem amüsierten Augenzwinkern zur Kenntnis. Sind doch niedlich, diese pickeligen Typen in den schwarzen Bomberjacken.

 

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Ein Symbolbild. Unwirtliche Gegend meets Bleiwüste.

 

Hier auf dem Land hingegen hört und liest man nichts, und das ist ja schon feindselig genug. Hoch verdächtig außerdem. Hier findet ja immer alles hinter zugezogenen Gardinen und hinter vorgehaltener Hand statt. Und wenn sich in einem 360-Seelen-Dorf 40 potentielle ehrenamtliche Helfer für die Flüchtlingsarbeit treffen, noch bevor die ersten Flüchtlinge überhaupt da sind, dann sollte einen das nun wirklich stutzig machen. Geradezu konspirativ rotten sich die Menschen hier zusammen, im erwähnten Beispiel sind das immerhin zehn Prozent der Bevölkerung, und das ist in anderen Dörfern nicht anders, herrjeh. Man muß sich Sorgen machen.

 

Aber wen wunderts? Ressentiments und Bildungsferne von Randgruppen sowohl in ländlichen Gebieten als auch in der Bevölkerung der Banlieues ähneln einander. Genau.so.ist.es. Besonders hier in Baden-Württemberg. Gehen Sie da mal auf ein Dorf – ich meine, da sind der Wedding und die Gropiusstadt doch ein Dreck dagegen! Ressentimentsbeladene Randgruppen, wo man nur hinschaut, man traut sich selber nicht mehr auf die Straße. Bildungsferne Bauern halt. Dauernd in der Angst, es könnte ihnen einer die Butter vom Brot nehmen. Unglücklich und unzufrieden. Wahrscheinlich verprügeln die ununterbrochen in irgendwelchen finstren Ecken arme andre Menschen, zwecks Frustabbau, nur liest man leider nie davon, siehe oben. Naja, gleichgeschaltete Presse, undsoweiter, Sie wissen schon.

 

Baracken und Kasernen in unwirtlicher Gegend sind dabei keine Hilfe, sondern eine unmenschliche Zumutung. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Und ich meine, mal ehrlich, die gesamte deutsche Provinz besteht ja aus nichts anderem als aus Baracken und Kasernen. In unwirtlicher Gegend. Aber es kommt noch schlimmer: Bei uns im Kreis sind Flüchtlingsfamilien in Einfamilienhäusern untergebracht. Und in Wohnungen. Tür an Tür mit den übergriffigen Nachbarn, denen sie so hilflos ausgeliefert sind, siehe oben.

Man muß sich das mal vorstellen.

 

(Ironie-Modus: AUS.)

 

 

Liebe Frau Fetscher, ich könnte jetzt noch zahllose weitere Zitate aus Ihrem beispiellos bornierten Text herauspicken, oder viele Beispiele hier aus der Provinz mit Links verlinken, aber es ist mir allzu mühsam und zu dumm. Irgendwo las ich, sie seien aus Tübingen und lebten nun in Berlin, in Ihrem Zentrum der Gesellschaft, ich könnte jetzt sagen, aha, das erklärt alles, und das sind mir die Allerliebsten, manchmal bin ich dann eben doch wieder gerne gebürtige und arrogante berliner Großstadt-Zicke, aber ich verkneife mir das nun. Fest steht, daß Sie offenbar ganz gerne in Schwarz-Weiß denken und nur wenig Ahnung von Stadt und Land haben, oder daß Sie – was noch schlimmer wäre – von einem Dorf auf alle Dörfer schließen, ohne je in der deutschen Provinz wirklich unterwegs gewesen zu sein.

 

Ich lade Sie herzlich ein, kommen Sie doch gerne mal bei uns vorbei, hier in den deutschen Süden, und machen sich ein Bild. Ich würde Sie dann auch mit all den vielen Leuten zusammenbringen, die hier sehr aktiv sind in der Flüchtlingsarbeit. Ich kann Ihnen allerdings nicht versprechen, daß die Zeit haben für Sie, die haben nämlich alle Hände voll zu tun. Und vermutlich wenig Bock auf Berliner Journalisten, die Ihnen einmal mehr erklären wollen, wie schlimm das hier so zugeht auf dem Land.

 

 

 

P.S. Ja, auch hier gibt es sicher etliche Schwachmaten, die am Stammtisch diesen oder jenen Blödsinn loslassen. Und auch hier gab es inzwischen vereinzelt hörbare Proteste. Aber nicht auf den Dörfern, sondern ausgerechnet da, wo die Bewohner immer gern betonen, daß sie ja in einer Stadt leben. Honi soit qui mal y pense. Alles Weitere können Sie hier nochmal nachlesen, im Grunde passt der Text bis heute.

 

 

 

 

Deswegen.

In einem 360-Seelen-Nest tief in Deutschlands Süden vor dem Kamin sitzen, den rumpelnden Schneeräumertraktoren vor dem Fenster zuhören, wie sie die einzig ernstzunehmende Straße im Dorf von der weißen Last befreien und Texte aus und über Berlin lesen. Texte aus der pulsierenden Großstadt. Texte über das, was mal meine Heimat war.

 

Texte über Lärm und Dreck und Aggression und Verdrängungswettbewerb. Texte über urbanes Leben, über weltläufiges Getümmel, über die Freiheiten und Großzügigkeiten der Stadt, über Leben und leben-lassen in der Metropole. Über die Annehmlichkeiten der Weltstadt.

 

Was hält Dich in der Stadt? Was hält Dich in Berlin? Wieso ziehst Du nicht aufs Land? 

 

Das hatte ich von fünf Berliner Bloggern in den vergangenen Wochen wissen wollen. Als Antwort kamen extrem lesenswerte Texte vom Kiezneurotiker, von Amelie, von kreuzbergsuedost, von Ackerbau Pankow und vom Kiezschreiber.

 

Danke, daß Ihr mitgemacht habt!

 

Wer nochmal die volle Ladung Berlin braucht, die volle Dröhnung Großstadt, mit allem Für und Wider, der kann die Texte hier nochmal aufrufen:

 

Dass ich gehe, steht fest. 

 

Berlin, Berlin. 

 

Aufs Land – oder lieber auf die Insel?

 

Was mich in Berlin hält.

 

Berlin. 

 

 

In dem 360-Seelen-Dorf also vor dem Kamin sitzen und diese Texte lesen. Unruhig werden, sehnsüchtig (ein bißchen) und heimwehkrank (ein bißchen). Alten Erinnerungen beim Aufsteigen zusehen. Guten (ein paar), wie schlechten (ein paar mehr). Dann wieder: zufrieden mit dem Status quo. Ich wollte da nicht mehr leben. Derzeit nicht. Vielleicht nicht nie mehr, aber jetzt nicht.

Jetzt ist Dorf dran, mit allem Für und Wider.

 

Auch deswegen:

 

 

 

 

 

Stinknormale Bilder einer stinknormalen Landschaft.

 

Einfach vor die Tür gehen, in die Natur.

 

Morgens, mittag, abends.

 

Das würde ich derzeit nicht eintauschen wollen.

 

Nicht mal gegen ein Leben in Berlin.