Breitscheidplatz.

Meine Heimatstadt und ich, wir haben uns im Zorn getrennt. Nach 20 Jahren habe ich Berlin verlassen. West-Berlin. Damals ein Provinznest, allerdings eines von gigantischen Ausmaßen. Riesig, aber bieder, brav, beschaulich. Wir wohnten in Neu-Westend, und wenn wir in die Stadt wollten, fuhren wir zum Breitscheidplatz. Er war damals – in meiner Erinnerung zumindest – das betulich-spießige Zentrum der halbierten Metropole. Die Gedächtniskirche erzählte etwas von Frieden und Völkerverständigung, und davon, dass man aus der Geschichte lernen müsse, jaja, sagten wir und nickten andächtig, die Berliner gingen zum Shoppen ins Europacenter, das jedermann nur als Europa-Tzenta kannte, mit hartem  TZett am Anfang und lautem berliner a am Ende.

Am Breitscheidplatz sah ich die ersten Teenie-Kinofilme, John Travolta undsoweiter, bei citymusic kaufte ich meine ersten Langspielplatten und fuhr sie am Ende stolz wie Bolle mit der U-Bahn Linie 1 nach Hause. Die Touristen nervten, aber sie waren zu ertragen, und besser als rund ums KaDeWe am nahen Wittenbergplatz war es hier allemal. Am Breitscheidplatz diskutierte man nicht die Weltenlage oder die große Politik, die interessierte keinen, hier war alles in Ordnung, außer der hässliche Wasserklops, über den regten sich alle auf, das waren so die Themen dort. Viel mehr Sorgen hatten wir ja nicht.

Irgendwann packte ich also die Umzugskisten und machte mich davon. Es zog mich hierhin und dorthin, acht Umzüge in zehn Jahren, bis ich schließlich tief in der süddeutschen Provinz gelandet bin. Balsbach im Badischen. 361 Einwohner. Auch bieder, brav, beschaulich – aber irgendwie doch anders. Sie kennen die Geschichte. Wenn ich heute im Wald unterwegs bin, oder auf den Feldern, mutterseelenallein, über mir der weite Himmel, dann denke ich: ich bin angekommen. Immerhin. Aber ankommen ist ja irgendwie das Gegenteil von Heimat, zumindest chronologisch.

Manchmal erwähnt die alte Tante in Berlin am Telefon den Breitscheidplatz, sie wohnt da um die Ecke, ist oft hier unterwegs. Und jedes Mal setzt sie dabei einen Teil meines Gehirns in Wallung, in dem ich Klänge und Gerüche abgespeichert habe, wider Willen mitunter, über Jahre und Jahrzehnte. Breitscheidplatz, das riecht immer ein bißchen muffig, warum auch immer, ich hatte damals das Europa-Tzenta und den Bahnhof Zoo im Verdacht, es roch wie alte Kaufhaus-Abluft, warm und vertraut, aber eben doch ein bisschen muffig. Und Breitscheidplatz klingt nach friedlicher Vertrautheit, nach Teenie-Träumen von der großen weiten Welt, nach liebenswertem berliner Spießertum.

Ich stelle mir das mit diesen Erinnerungen vor wie mit einer alten Jacke, sie ist warm und kuschelig, passt aber längst nicht mehr, sie ist zerfranst und zu klein geworden, sie riecht ein bisschen und ist völlig aus der Mode, aber man kann sich doch von ihr nicht trennen, man hängt sie nach ganz hinten in den Schrank, wer weiß, vielleicht kann man sie eines Tages noch gebrauchen oder weitergeben. Ihr Geruch bleibt nicht im Schrank, er breitet sich auch leise im Zimmer aus, egal, wo Du wohnst und wie oft Du umziehst, den Geruch wirst Du nicht los. Bahnhof Zoo. Brixplatz und Herder-Schule, Bohnerwachs und nasser Berliner Asphalt. Der warme Dunst der Berliner U-Bahn, der aus den Schächten quillt. Doppeldecker-Duftreiz. Der modrige Atem der Spree. Oder eben auch Breitscheidplatz. Alles gespeichert in meinem Kopf, alles olfaktorisch verknüpft mit Erinnerungen.

Seit gestern abend sind die Gerüche und die Klänge in meinem Kopf wieder ganz präsent, sie streiten mit all den anderen Klängen und Bildern, die da vom Breitscheidplatz herüberkommen, aus dieser altvertrauten Ecke, fassungslos sitze ich vor dem Bildschirm, so oder so, und es fühlt sich an, als sei ich eben doch noch Berlinerin, trotz aller Umzüge, trotz der neuen Heimat, die sich ihren Namen langsam verdient.

Vielleicht legt man das nie ab, denke ich, während ich mutterseelenallein auf den Odenwälder Feldern unterwegs bin heute früh, vielleicht kann man sich noch so wehren, man wird die alten Klänge, die Gerüche und Erinnerungen eben nie mehr los. Vielleicht werden sie aber auch eines Tages überlagert, von neuen Erinnerungen und neuen Klängen und Bildern und Gerüchen, vielleicht werden sie den Tatsachen angepasst, aber ich bin mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob ich das auch wirklich will.

Und dann bekomme ich sowas wie Heimweh. Nach den spießigen Zeiten, nach der ereignislos-friedlich-langweiligen Jugend unter dem Himmel über Berlin. Nach den Tagen, als der scheußliche Wasserklops-Brunnen der einzige Aufreger am Breitscheidplatz war. Heimweh und Sehnsucht, wonach auch immer.

Ach, was weiß denn ich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berlin, Berlin.

Da sitze ich manchmal tief im Oudewald und lese die Zeitungen aus meiner Heimatstadt, digital, das ist ja heutzutage alles möglich. Und Berlin ist ja nun nicht irgendeine Stadt, wie Wanne-Eickel oder Bergisch-Gladbach meinetwegen, Berlin ist die Stadt schlechthin, die coolste aller deutschen Metropolen. Genau.

Arm, aber sexy. Ich wage gar nicht mir auszumalen, wie es wäre, wenn Berlin reich wäre. Reich und sexy, dann würden vermutlich alle austicken, und der Berliner an sich käme aus seinem Lokalstolz gar nicht mehr heraus. So aber wird er immer mal wieder auf Normalmaß zurückgestutzt. Nein, ich erzähle jetzt nicht nicht wieder was vom BER-Desaster, das würde andernorts als Provinzposse allererster Güte durchgehen, aber Berlin ist ja eben nicht Provinz, um Himmelswillen, sondern sexy Hauptstadt. Also, Schwamm drüber.

Aber a propos Provinz: wenn Sie aus ebendieser kommen und demnächst einen Trip nach Berlin planen, in diese coolste aller Metropolen, wenn Sie sich also als Landei in die große GlitzerGlamour-Welt trauen, dann gebe ich Ihnen nur rasch zwei aktuelle Tipps mit auf den Weg. Ich bin ja als regelmäßige Leserin von Tagesspiegel, Mottenpest, B.Z. und anderen Gazetten bestens informiert. Also, bitte.

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Ein Symbolbild. Foto: Markus Hein/pixelio.de

Erstens: Wenn Sie mit einem schicken neuen Bus der BVG fahren, und das tun Touristen immerzu und überall, und über 100 solcher schicken neuen Busse gibt es in Berlin, wenn Sie also mit einem solchen Bus fahren, dann wundern Sie sich nicht, wenn es ein bißchen müffelt. Das tut es in Berliner Bussen zwar immer, nach Döner-Bäuerchen und Dosenbier und manchmal auch nach Schlimmerem, aber in den schicken Neuen müffelt es nun ganz besonders.

Eine olfaktorische Mischung aus Katzenpipi und verwester Leiche, berichten Fahrgäste, den Busfahrern tränen die Augen und schmerzen die Köpfe, aber die kennen die Route ja im Schlaf, insofern ist das nicht so schlimm. Die Busse sind nagelneu und aus holländischer Produktion und waren sicher auch nicht billig, aber leider stinken sie wie blöd, Herr Martenstein hat hier einen sehr hübschen Text dazu geschrieben. Der Geruch verursacht offenbar halbwegs einen Brechreiz, ist aber keineswegs gesundheitsschädlich, der Senat hat das natürlich prüfen lassen, und auf den ist ja Verlass. Machen Sie sich also keine Sorgen.

Zweitens: Wenn Sie auf Spree oder Havel in Seenot geraten und nach der Polizei rufen, also nach der Wasserpolizei, dann stellen Sie sich darauf ein, dass es ein bißchen länger dauert. Die Schiffe sind alle uralt, dem Aussehen nach aus dem vorletzten Jahrhundert und dementsprechend langsam, bitte haben Sie dafür Verständnis.

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Nochn Symbolbild. Foto: Erwin Lorenzen/pixelio.de

Natürlich hat die Berliner Polizei ein neues und sehr schnelles Boot, das hat sie vor 14 Jahren (sic) bestellt und das ist nun geliefert worden, und alle waren froh und glücklich, aber bei der Jungfernfahrt entlang des Kanzleramts lief mal gleich Wasser in den Motorraum. Ja, das kann passieren. Das gute Stück hat eine Dreiviertel Million gekostet und liegt nun also wieder auf dem Trockenen. Die Heizung funktioniert aber auch nicht, insofern wird es den Handwerkern nicht langweilig mit dieser Neuerwerbung. Alle sind jetzt sehr enttäuscht, hier können Sie das nachlesen, aber ich würde sagen, wenn man 14 Jahre auf den großen Tag gewartet hat, machen die paar Monate nun auch nichts mehr.

 

In diesem Sinne: Ihnen eine gute Reise nach Berlin, und grüßen Sie mir meine coole Heimatstadt, die manchmal so erfrischend provinziell sein kann. Vielleicht mag ich sie eben dafür umso mehr.

 

 

 

 

 

Berliner Begegnung.

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Sehen Sie die zwei schwarzen Pünktchen am unteren Rotorenblatt? Kein Dreck.

 

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Sondern zwei Arbeiter. Ich hörte sie, bevor ich sie entdeckte….

 

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Und ick dachte mir so: wer berlinat denn da, so hoch oben, inne Luft? Ha’ick Halluzinationen oder wat?

 

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Plaudern ging leider nich. Nur Brüllen ging. „Ick bin ooch aus Berlin!“, habe ich gebrüllt. Und „Willkommen im Odenwald!“ „Is ja schön hier!“, haben sie zurückgebrüllt. War etwas mühsam. Aber trotzdem nett.

 

 

 

NoroVirus.

Echte Berliner haben eine Lizenz zum Lästern. Man erwirbt sie quasi schon bei der Zeugung, sofern der Stammbaum astrein berlinerisch ist, spätestens aber beim Passieren des Geburtskanals, ganz automatisch. Wenn Sie schon mal mit Berlinern zu tun hatten, werden Sie das vielleicht bemerkt haben.

Das Wort Lästern ist dabei vermutlich aber falsch, denn der Berliner lästert nicht, sondern verkündet nur die Wahrheit. Seine Wahrheit. Det is jetz aba nur meine janz persönlische, janz objektive Meinung, wa, fügt er an Statements gern bescheiden an.

Ich habe als gebürtige Berlinerin auch so meine janz persönlische, janz objektive Meinung zu den verschiedensten Themen. Zu anderen Städten zum Beispiel. London, Paris und New York lasse ich unter dem Stichwort „Stadt“ gerade noch gelten, alles andere ist mehr oder weniger indiskutabel. Völlig überflüssig, quasi. Brauchenwa janich drüber reden. Brauchen wir auch nicht drüber zu lästern, es lohnt sich einfach nicht, aus der Berliner Warte. Da, wo ich jetzt lebe, im Odenwald, da gibt es auch Städte, eine Große Kreisstadt sogar, aber ich meine, nein, ehrlich, da sagen wir jetzt nichts dazu. Große Kreisstädte oder auch die viel zitierten Mittelzentren, die nehmen wir einfach – mit einer Mischung aus Rührung und Nachsicht- zur Kenntnis und kommentieren das nicht weiter.

 

Es gibt aber diese Kategorie der Städte, da erwacht auch in mir wieder das Berliner Lästermaul. Bei diesen Städten, die gar keine Städte sind, sondern aufgeblasene Dörfer, stein-gewordene Blähungen. Provinz-Nester, die irgendwann einmal tief Luft geholt haben, damit sie obenrum größer aussehen, wie der alternde Playboy am Rand des Schwimmerbeckens, der so lange den Atem anhält, bis die Äuglein hervortreten und die junge Blonde vorbeigegangen ist, Basedow läßt grüßen, aber was tut man nicht alles.

Käffer, die sich am liebsten noch ein Bad vor ihren Namen kleben, weil das schick aussieht und die Immobilienpreise in die Höhe treibt. Vor den Fertighäusern (Modell Toskana) parken dunkle SUVs, Du bist, was Du hast, und im Rathaus regiert seit 25 Jahren derselbe Zweireiher mit Goldknöpfen.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich will ja nicht lästern, aber ich war neulich mal wieder in einer solchen Stadt. Ich fuhr also knapp zwei Stunden über die Autobahn, Richtung Norden, vorbei am Frankfurter Flughafen, das alles wirkt ja durchaus schon ein bißchen urban da oben, dann vorbei an ein paar Mega-Einkaufszentren mit shop-in-shop-System, wobei dort jeder Shop schon größer ist als das Dorf , in dem ich lebe.

Dann hinein in dieses hübsche Städtchen, vorbei an Galerien und Kosmetikstudios, an Juwelieren und an vielen schicken Rechtsanwaltskanzleien. Überhaupt fällt ja in derlei Städten häufig auf, daß es besonders viele schicke Rechtsanwaltskanzleien gibt, und daß die vielen schnuckeligen Galerien von geschiedenen Rechtsanwaltsgattinnen geführt werden, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

Ich parke also meinen praktischen kleinen Fiat-Panda mit dem Drei-Buchstaben-Kennzeichen irgendwo zwischen berühmtem Hundertwasserhaus und eleganter Tanzschule und begebe mich in das Getümmel der Geburtstagsfeier, deren Gast ich nunmal heute abend bin.

Die anderen Gäste sind freundlich desinteressiert, sie sehen alle gleich aus, und alle so, als seien sie seit ihrer Geburt schon 40 Jahre alt, angehende Star-Juristinnen und VWLer, perfekt-unperfekte Frisuren und angesagte Brillen, echte Städter eben, dazu Häppchen und Musik, und viele identische Kinder mit altdeutschen Namen. Ich habe auch meine angesagte Brille aufgesetzt und versuche ansonsten, mich anzupassen und nicht aufzufallen. Und es wäre vielleicht ein netter Abend geworden, wenn ich nicht irgendwann am Rande meinen Fiat Panda erwähnt hätte.

Du fährst einen (Kunstpause) Fiat Panda? Vorübergehend entsteht eine peinliche Stille im Raum, in den Augen der Umstehenden leuchten Fragezeichen, stumm werden vielsagende Blicke getauscht, die Sekunden dehnen sich aus zu Stunden. Fiat-Panda klingt plötzlich wie Noro-Virus. Einer der jungdynamischen Familienväter murmelt etwas von Sitzheizung und blootooth-Schnittstelle, und ich stottere, daß dieses Modell nicht mal über elektrische Fensterheber verfügt, kein Mensch braucht sowas, und daß in dem Fahrzeug im Übrigen Hühner und Hunde und Hasen transportiert werden, und plötzlich klingt Fiat-Panda nicht nur wie Noro-Virus, sondern auch wie Bauern-Trampel, und der Abend ist gelaufen, aber die Möchtegernestädter haben ihr Gesprächsthema.

Ich könnte das Ruder jetzt vielleicht noch rumreißen, ich müsste einfach rufen, hahaha, reingefallen, Ihr blöden Provinzspießer, ich bin Berlinerin, und ich habe immerhin 25 Jahre in Berlin gelebt, mittendrin, Charlottenburg, das hätte alle sehr beeindruckt und auf normales Maß zurückgestutzt, versuchen Sie das mal, das klappt in diesen Kreisen wirklich immer, aber ich lasse diese Chance ungenutzt vorüberziehen. Der olle Fiat Panda hängt über der ganzen Geburtstagsgesellschaft und über dem ganzen kleinen aufgeblähten Nest, dessen Bewohner mich fassungslos anglotzen. Ich habe mich als Gesprächspartner selber aus dem Rennen geschossen. Volle Pulle.

Der Abend wird trotzdem dann noch nett, weil ich alte Berliner Freunde wiedertreffe, wir tauschen Erinnerungen an das Leben in der Großstadt aus, und lästern ein bißchen, auch wenn das sonst so gar nicht meine Art ist. Am Ende mache ich mich dann mit meinem Fiat Panda auf den Weg in die Dunkelheit. Ich kurbele per Hand die Fenster runter und lasse den Nachtwind ins Auto und freue mich auf mein schlaftrunkenes 360-Seelen-Dorf im Odenwald, das mir in dieser Nacht noch ein bißchen sympathischer geworden ist, als es mir bis dato ohnehin schon war.

 

 

Stadt.Land.Stuss.

Liebe Frau Fetscher, verehrte Kollegin,

 

Sie haben da diesen Artikel geschrieben, neulich im Berliner Tagesspiegel. Das ist schon ein paar Wochen her, aber Ihr Text geht mir nicht aus dem Kopf.

Schickt die Flüchtlinge nicht auf die Dörfer!, war der Titel, und drunter gab es die Zusammenfassung: Nirgendwo ist der einzelne Mensch der örtlichen Bevölkerung so ausgeliefert wie in der Provinz. Wer von Krieg traumatisiert ist, braucht keine feindselige Umgebung. Sondern Stadtluft und Möglichkeiten. Warum Flüchtlinge ins Zentrum der Gesellschaft gehören – Ein Plädoyer.

 

 

Nirgendwo ist der einzelne Mensch der örtlichen Bevölkerung so ausgeliefert wie in der Provinz, da haben Sie schön recht. Ein gräßlicher Zustand, und die syrische Familie im Nachbardorf, die von einem einheimischen Ehepaar an die Hand genommen und in den deutschen Alltag eingeführt wird, die tut mir jetzt schon leid. Wo soll das enden? Oder die vier afrikanischen Frauen im kleinen Städtchen nebenan, um die sich acht Odenwälder Frauen kümmern und die unter Sachspenden schon ächzen, nee, also ehrlich. So geht das hier allerorten, oft gibt es deutlich mehr Helfer als Flüchtlinge, eine bedrohliche Auslieferungsübermacht quasi, ich kann das alles gar nicht aufzählen, man muß sich das mal vorstellen.

 

Und überall die provinzielle Vetternwirtschaft: da kennt einer einen, der einen kennt, und der könnte einen neuen Mitarbeiter gut gebrauchen, und dann bekommt ein Flüchtling einen Job. Um den Friseur aus Damaskus rissen sich gleich mehrere, hin- und hergerissen ist der arme Mann. Und wenn es irgendwo mal hakt, dann kennt einer einen, der den Landrat kennt, und dann wird da schnell mal angerufen, kurzer Dienstweg, alles vermutlich hart an der Grenze zu Unmenschlichkeit und Illegalität. Und ich sage Ihnen, wir erleben das hier täglich. Schlimm ist das.

 

Wer von Krieg traumatisiert ist, braucht keine feindselige Umgebung. Nochmal: bingo. Dann lieber Berlin, nur so als Beispiel. Eine buntschillernde Metropole, mit Stadtluft und jeder Menge Möglichkeiten, deren täglicher Polizeibericht (ja, den lese ich, so zum Vergnügen) voll von fröhlich-freundlichen Begegnungen zwischen einheimischen Schwachmaten und Menschen fremder Herkunft ist. Da wird in der U-Bahn beleidigt, geprügelt und erstochen, auch in der S-Bahn und in Bussen, da fuchteln angeheiterte Berliner Großgeister mit Samuraischwertern/Baseballschlägern/Zaunlatten in Flüchtlingswohnheimen herum, da pissen singende Nazis am hellichten Tag gegen die Stelen der Holocaust-Gedenkstätte,  – aber wenigstens ist da was los! Und sicher meinen die das gar nicht so. Wenn ich da unterwegs wäre, mit einer falschen Hautfarbe, ich nähme soetwas mit einem amüsierten Augenzwinkern zur Kenntnis. Sind doch niedlich, diese pickeligen Typen in den schwarzen Bomberjacken.

 

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Ein Symbolbild. Unwirtliche Gegend meets Bleiwüste.

 

Hier auf dem Land hingegen hört und liest man nichts, und das ist ja schon feindselig genug. Hoch verdächtig außerdem. Hier findet ja immer alles hinter zugezogenen Gardinen und hinter vorgehaltener Hand statt. Und wenn sich in einem 360-Seelen-Dorf 40 potentielle ehrenamtliche Helfer für die Flüchtlingsarbeit treffen, noch bevor die ersten Flüchtlinge überhaupt da sind, dann sollte einen das nun wirklich stutzig machen. Geradezu konspirativ rotten sich die Menschen hier zusammen, im erwähnten Beispiel sind das immerhin zehn Prozent der Bevölkerung, und das ist in anderen Dörfern nicht anders, herrjeh. Man muß sich Sorgen machen.

 

Aber wen wunderts? Ressentiments und Bildungsferne von Randgruppen sowohl in ländlichen Gebieten als auch in der Bevölkerung der Banlieues ähneln einander. Genau.so.ist.es. Besonders hier in Baden-Württemberg. Gehen Sie da mal auf ein Dorf – ich meine, da sind der Wedding und die Gropiusstadt doch ein Dreck dagegen! Ressentimentsbeladene Randgruppen, wo man nur hinschaut, man traut sich selber nicht mehr auf die Straße. Bildungsferne Bauern halt. Dauernd in der Angst, es könnte ihnen einer die Butter vom Brot nehmen. Unglücklich und unzufrieden. Wahrscheinlich verprügeln die ununterbrochen in irgendwelchen finstren Ecken arme andre Menschen, zwecks Frustabbau, nur liest man leider nie davon, siehe oben. Naja, gleichgeschaltete Presse, undsoweiter, Sie wissen schon.

 

Baracken und Kasernen in unwirtlicher Gegend sind dabei keine Hilfe, sondern eine unmenschliche Zumutung. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Und ich meine, mal ehrlich, die gesamte deutsche Provinz besteht ja aus nichts anderem als aus Baracken und Kasernen. In unwirtlicher Gegend. Aber es kommt noch schlimmer: Bei uns im Kreis sind Flüchtlingsfamilien in Einfamilienhäusern untergebracht. Und in Wohnungen. Tür an Tür mit den übergriffigen Nachbarn, denen sie so hilflos ausgeliefert sind, siehe oben.

Man muß sich das mal vorstellen.

 

(Ironie-Modus: AUS.)

 

 

Liebe Frau Fetscher, ich könnte jetzt noch zahllose weitere Zitate aus Ihrem beispiellos bornierten Text herauspicken, oder viele Beispiele hier aus der Provinz mit Links verlinken, aber es ist mir allzu mühsam und zu dumm. Irgendwo las ich, sie seien aus Tübingen und lebten nun in Berlin, in Ihrem Zentrum der Gesellschaft, ich könnte jetzt sagen, aha, das erklärt alles, und das sind mir die Allerliebsten, manchmal bin ich dann eben doch wieder gerne gebürtige und arrogante berliner Großstadt-Zicke, aber ich verkneife mir das nun. Fest steht, daß Sie offenbar ganz gerne in Schwarz-Weiß denken und nur wenig Ahnung von Stadt und Land haben, oder daß Sie – was noch schlimmer wäre – von einem Dorf auf alle Dörfer schließen, ohne je in der deutschen Provinz wirklich unterwegs gewesen zu sein.

 

Ich lade Sie herzlich ein, kommen Sie doch gerne mal bei uns vorbei, hier in den deutschen Süden, und machen sich ein Bild. Ich würde Sie dann auch mit all den vielen Leuten zusammenbringen, die hier sehr aktiv sind in der Flüchtlingsarbeit. Ich kann Ihnen allerdings nicht versprechen, daß die Zeit haben für Sie, die haben nämlich alle Hände voll zu tun. Und vermutlich wenig Bock auf Berliner Journalisten, die Ihnen einmal mehr erklären wollen, wie schlimm das hier so zugeht auf dem Land.

 

 

 

P.S. Ja, auch hier gibt es sicher etliche Schwachmaten, die am Stammtisch diesen oder jenen Blödsinn loslassen. Und auch hier gab es inzwischen vereinzelt hörbare Proteste. Aber nicht auf den Dörfern, sondern ausgerechnet da, wo die Bewohner immer gern betonen, daß sie ja in einer Stadt leben. Honi soit qui mal y pense. Alles Weitere können Sie hier nochmal nachlesen, im Grunde passt der Text bis heute.

 

 

 

 

Deswegen.

In einem 360-Seelen-Nest tief in Deutschlands Süden vor dem Kamin sitzen, den rumpelnden Schneeräumertraktoren vor dem Fenster zuhören, wie sie die einzig ernstzunehmende Straße im Dorf von der weißen Last befreien und Texte aus und über Berlin lesen. Texte aus der pulsierenden Großstadt. Texte über das, was mal meine Heimat war.

 

Texte über Lärm und Dreck und Aggression und Verdrängungswettbewerb. Texte über urbanes Leben, über weltläufiges Getümmel, über die Freiheiten und Großzügigkeiten der Stadt, über Leben und leben-lassen in der Metropole. Über die Annehmlichkeiten der Weltstadt.

 

Was hält Dich in der Stadt? Was hält Dich in Berlin? Wieso ziehst Du nicht aufs Land? 

 

Das hatte ich von fünf Berliner Bloggern in den vergangenen Wochen wissen wollen. Als Antwort kamen extrem lesenswerte Texte vom Kiezneurotiker, von Amelie, von kreuzbergsuedost, von Ackerbau Pankow und vom Kiezschreiber.

 

Danke, daß Ihr mitgemacht habt!

 

Wer nochmal die volle Ladung Berlin braucht, die volle Dröhnung Großstadt, mit allem Für und Wider, der kann die Texte hier nochmal aufrufen:

 

Dass ich gehe, steht fest. 

 

Berlin, Berlin. 

 

Aufs Land – oder lieber auf die Insel?

 

Was mich in Berlin hält.

 

Berlin. 

 

 

In dem 360-Seelen-Dorf also vor dem Kamin sitzen und diese Texte lesen. Unruhig werden, sehnsüchtig (ein bißchen) und heimwehkrank (ein bißchen). Alten Erinnerungen beim Aufsteigen zusehen. Guten (ein paar), wie schlechten (ein paar mehr). Dann wieder: zufrieden mit dem Status quo. Ich wollte da nicht mehr leben. Derzeit nicht. Vielleicht nicht nie mehr, aber jetzt nicht.

Jetzt ist Dorf dran, mit allem Für und Wider.

 

Auch deswegen:

 

 

 

 

 

Stinknormale Bilder einer stinknormalen Landschaft.

 

Einfach vor die Tür gehen, in die Natur.

 

Morgens, mittag, abends.

 

Das würde ich derzeit nicht eintauschen wollen.

 

Nicht mal gegen ein Leben in Berlin.

 

 

 

 

 

Berlin.

Senioren, die einen schlohweißen Pferdeschwanz, Jeans mit Bügelfalte und eine Schirmmütze mit dem Logo der Denver Broncos tragen.

Die beiden Jugendlichen, die eine alte Backsteinmauer mit ihren Spraydosen dekorieren. Sie grinsen mich an, als ich in einem Park in der Nähe der Yorkbrücken an ihnen vorüberschlendere. Ich grinse zurück.

Jede zweite Kellnerin ist eigentlich Schauspielerin, jeder zweite Kellner Musiker, und alle studieren gerade irgendwas.

Eine steinalte Frau kommt vorüber, sie zieht in Zeitlupe ein bis über den Rand vollgepacktes, »Hackenporsche« genanntes Rollwägelchen hinter sich her, als gelte es, die nächsten sieben Tage im Luftschutzkeller zu verbringen.

Bier wird auf der Straße getrunken, Döner zweifuffzich.

Alte Mietskasernen. Im Vorübergehen sieht man in Fenster und auf Balkone, kurze Szenen des menschlichen Lebens, das sich so offen und ungespielt zeigt wie in Neapel.

Der herrliche Duft von Buletten weht auf den Bürgersteig, bisweilen auch schwere Wirsingwolken. Aus dem offenen Fenster einer Erdgeschosswohnung klingt hell wie ein Glockenspiel das Porzellan, als offenbar ein paar Teller aus dem Schrank genommen werden.

Alte Männer mit schweren Bäuchen und Nachkriegswirrenpomadenfrisur (»Brisk«, kein Wet-Gel), Frauen mit hässlich gemusterten Pullovern und stocksteifgesprayten Dauerwellen, an denen man sich vermutlich schwer verletzen kann.

Wenn die Bäume in den Parks im Wind rauschen, hört es sich an wie Meeresbrandung.

 

Diese Stadt schäumt jede Sekunde über vor Gedanken. Es gibt so viele Ideen – großartige und schnell vergessene -, dass niemand sie jemals festhalten könnte. Und du glaubst, man würde sich ausgerechnet an dich erinnern?

Auf der Straße trifft man schräge Leute, die Selbstgespräche führen. Da gibt es die »Kläffer«, die lautstark unverständliches Zeug herausbellen, die »Agitatoren«, die in endlosen Monologen die politischen Probleme der Welt erörtern, und die murmelnden »Flucher«, die nur »Scheiße, Scheiße« oder »Totschlagen müsste man die« vor sich hin brabbeln.

Verträumte Villenviertel. Verspielte schneeweiße Fassaden.

Überall Baustellen. Die ernsten, konzentrierten Gesichter der Arbeiter.

An der Frittenbude vor der Tankstelle beugen sich unrasierte Gesichter über eine Gekröserolle namens Currywurst.

In der U-Bahn verwelkte Angestelltengesichter, Kopftücher, Einkaufstüten, leises Scheppern aus Kopfhörern und die unvermeidliche Litanei eines Straßenmagazinverkäufers. Eine Frau, um die fünfzig und mit Dauerwelle, füllt mit dem strengen Blick einer Zollbeamtin ein Kreuzworträtsel lückenlos aus. Nur die Studenten und Touristen reden und lachen.

Ein ockerfarbener spiralförmiger Kothaufen, der von grün und blau schillernden Fliegen umkreist wird. Verdauungsrückstände des besten Freundes, den der Mensch angeblich hat.

In ihren Kiezen ist die Stadt ganz bei sich, hier kann sie sich geben, wie sie nun einmal ist: alltäglich, banal, irgendwie gerade beschäftigt, manchmal schlecht gelaunt, manchmal mit einem frechen Grinsen im Gesicht.

Die Fleischereifachverkäuferin in einem ärmellosen Polyesterkittel, die Haut der Oberarme hängt herunter wie Teigfladen. Diese Frauen bekommen nach all den Jahren hinter der Fleischtheke selbst etwas Wurstiges. Gesicht und Hände sehen aus wie rohes Fleisch, korrespondierend zur Hautfarbe das korallenrote Papier, in das die Ware gepackt wird. Eingekittelte Körper wie Presswürste. Ihre unscheinbaren Gesichtszüge – Punkt, Punkt, Komma, Strich – sind in einen speckig glänzenden Fleischbrei eingesunken.

 

Bergmannstraße, Simon-Dach-Straße, Oranienburger Straße: Je beliebter eine Straße ist, desto öder wird das Angebot. Irgendwann ist Gastronomie das Hauptgeschäft, weil die wechselnde Laufkundschaft keine Autos oder Waschmaschinen kaufen will. Dann sitzen Touristen Touristen gegenüber und denken, hier wäre die „Szene“.

Tüten-Paula, die früher inmitten ihrer Plastiktüten und Müllsäcke auf dem Ku’damm gesessen und die Leute angepöbelt hatte.

Eine meterlange Junkie-Spur eingetrockneter Blutstropfen zieht sich am Rand der Treppe entlang, die zur U-Bahnstation hinabführt.

Das „Petrocelli“ in der Motzstraße war in den neunziger Jahren das einzige Restaurant auf der Welt mit drei verschiedenen Toiletten: »Uomini«, »Donne«, »Misti«. Letztere war für den transsexuellen Kellner gedacht, durfte aber auch ausnahmsweise von Behinderten genutzt werden.

Der melancholische Singsang des verschwundenen ostpreußischen Dialekts eines Hausbewohners. „Näi, näi, ich wäiß nich, de Leite sind so komisch jewordn. Komm ich am friehen Morjen ausm Keller, sieht mich de alte Schmittchen und hat se jebrillt. Jebrillt hattse, dabei hab ich se nüscht jetan.“ Das gerollte R, der Tonfall vergeblicher Mahnung und Wehmut, der im Ostpreußischen mitschwingt. „Un de villen junge Leite. Immer nur ihr Tanzvergniejen im Koppe und jläich datt jroße Jeld machen wollen. Ohne Arbäit. Von morjens frieh bis obends ham wir missen arbejten. Mir hatten ja nüschte, als der Russe kam. Jeden Tach Kartoffeln ham wir jejessen. Nu, so is alles jekommen. So is es jewesen.“ Aus seiner Wohnung riecht es nach gekochtem Gemüse und körperlichen Ausdünstungen, so als sei die ganze vorhandene Luft schon mehrfach von tuberkulösen Greisen ein- und ausgeatmet worden.

MyFest in Kreuzberg. Tofuwürste und Unterschriftensammlungen. Erster Mai. Gutmenschenkirmes mit eingebauter Weltverbesserung („der Erlös geht an die feministische Antifa-Kita Bad Oldesloe“). Und anschließend gibt es den unvermeidlichen Demonstrationszug, hennarotgefärbte deutsche Gründlichkeit, Marschordnung und bei Bedarf auch Schlachtordnung, wenn es zum Kampf gegen die Knüppelgarde des Polizeipräsidenten geht.

Berlin steht nicht kurz vor dem totalen Chaos, wie es die Medien gerne berichten, sondern kurz vor der totalen Ordnung.

Eisenwarenladen C. Adolph am Savignyplatz: Das ganze Geschäft scheint nur aus großen dunklen Holzschubladen zu bestehen, in denen sich tausend geheimnisvolle Dinge verbergen. Man wartet am Verkaufstresen und gibt beim Verkäufer seine Bestellung auf, wenn man schließlich an der Reihe ist. Der Verkäufer kennt sich in dem Labyrinth mit der größten Selbstverständlichkeit aus, stellt für Laienohren völlig unverständliche Detailfragen, zieht ein Apothekerschublädchen auf und legt umgehend das gewünschte Ding auf den Tresen. Hier konnte man früher noch einzelne Schrauben und abgezählte Nägel kaufen.

Berlin-Mitte: Menschen, die es eilig haben, Menschen mit bedeutenden Berufen, klaren Meinungen und unerschütterlichen Einstellungen zu allen wesentlichen Fragen. Dazwischen schlendern Touristen, lächelnd und staunend wie Kinder.

 

Nachts ist die Stadt aus Licht, sie wird durchsichtig. Alles ist vergessen, keine Narben mehr zu sehen. Das Licht löscht alles Vergangene aus. Die Preußen, die Nazis, die Mauer. Fahrräder werfen ihre kleinen Lichtflecken auf die Straße, Autos gleiten mit ihren fetten Doppelaugen wie U-Boote über den Asphalt.

Die berühmte Berliner Luft. Sie riecht nach Autoabgasen, die einen Metallgeschmack im Mund hinterlassen, nach dem Bratfett der Imbissbuden, nach billigem Parfüm. Im Sommer riecht die warme feuchte Luft außerdem nach Urin, Hundekot und Verfall. Nach einem Regenschauer ist es besonders schlimm. Man ist froh über eine frische Brise, die den Gestank der Stadt vertreibt. Vom Blumenladen bis zum Müllwagen strömt alles einen eigenen Geruch aus, am Wannsee riecht es nach Kiefern und im Görlitzer Park nach Haschisch. Früher hat Berlin im Winter nach Kohle gerochen.

Jeder Passant schwimmt in einer kleinen Wolke seiner alltäglichen Gerüche vorüber. Ein älterer Herr riecht nach Zigarren, ein Mann Anfang dreißig dünstet sein Deodorant aus, die Kinder duften süß wie Bonbons. In den Kneipen eine säuerlich-muffige Mischung aus Zigarettenqualm, Mundgeruch, abgestandenem Bier und undefinierbaren Gewürzen.

Schwarz gekleidete Rentnerinnen, die an heißen Sommertagen mit ihren Einkäufen keuchend in irgendeinem Hauseingang stehen. Alkoholiker auf Parkbänken, umgeben von leeren Bierdosen und anderem Unrat. Alte und junge Menschen mit Kinderwagen. Gruppen von umherstreifenden Jugendlichen, eine Mischung aus Virilität und Irrsinn, die sich jederzeit und überall plötzlich wie ein Gewitter entladen kann. Die notorischen Jogger, die albernen Walker und die rastlosen Skater. Menschen, die von ihrem Fensterbrett aus die Welt beobachten.

Im Winter verkriecht sich alles Leben hinter die Steine. Aber unsichtbar hinter den leblosen Fassaden pocht das Blut durch Venen und Arterien. Fleisch und Knochen, Schmerz und Wahnsinn, Liebe und Hass, Gier und Mitleid, Stumpfsinn und Apathie.

Spaziergänge am Morgen, wenn die Stadt erwacht und überall geschäftige ernste Menschen unterwegs sind. Läden und Cafés werden aufgeschlossen, Lastwagen entladen, kurze Gespräche geführt.

 

Ich sitze im Doppeldeckerbus oben in der ersten Reihe und betrachte die Stadt. Linie 100. Neben mir hat ein älteres Ehepaar aus Toledo Platz genommen, auf dem Schoß der Frau liegt ein Reiseführer.

Eine große Stadt hat mehr als eine Eigenschaft, sie ist nicht einfach nur hässlich oder nur schön, nur laut oder nur lebendig. Eine große Stadt hat alle Farben und alle Formen, sie lacht und weint zugleich, ohne Zeit für Erklärungen oder Entschuldigungen.

Der Berliner Südwesten, auf charmante Weise überaltert. Hier kommen drei Beerdigungsinstitute und fünf Apotheken auf einen Spielzeugladen.

Es kreischt, es jault, unten rubinrot, oben sandgelb, die Scheiben dank der mühevollen Kleinarbeit vieler Jugendlicher blind gekratzt, und dann steht sie vor dir: die Berliner S-Bahn.

Parkett in den alten Treppenhäusern, dunkelrote Kokosfaser, gedrechselte Geländerpfosten.

Schöne Friedhöfe, hässliche Neubauten. Die Zeit der Ruinen, der Kriegskrüppel und Witwen ist vergessen.

Im Zentrum, am Brandenburger Tor oder am Potsdamer Platz, trifft man schon längst keine echten Berliner mehr. Die Eingeborenen haben sich tief in den Dschungel zurückgezogen.

Das normale Berlin kommt in keinem Reiseführer vor. Die bis auf halber Höhe mit Holz getäfelten und mit historischen Drucken geschmückten Wände eines Gasthauses. Der Mann mit dem Seehundschnauzbart und Halbglatze, der Eisbein mit Erbspüree isst und dazu seine Molle trinkt.

 

Berlin macht es einem anfangs nicht leicht, vor allem im trüben Winter nicht. Hier wird niemand mit offenen Armen empfangen, die Stadt ist Neuankömmlingen gegenüber schon immer gleichgültig gewesen. An die Geschäftigkeit, Spottlust und eilige Oberflächlichkeit muss man sich erst gewöhnen. Es dauert lange, bis man die dicke Haut Berlins durchstoßen hat und zum Kern, „ans Einjemachte“ sozusagen, vordringt, zur proletarischen Behaglichkeit und zur tiefen Lebenslust der Menschen, zu ihrem derben Humor und ihrer zähen Beharrlichkeit. Die Nestwärme, die an Rhein und Donau womöglich in größerem Maße vorhanden ist, stellt sich hier oft erst nach vielen Jahren ein. Wenn man sich aber in Berlin eingelebt hat, wenn man sich die Elefantenhaut der Metropole zu eigen gemacht hat und sich in ihr wohlfühlt, will man die Stadt nie wieder verlassen.

„Entschuldigen Sie vielmals die Störung, aber ich befinde mich leider in der unangenehmen Situation, völlig ohne Bargeld zu sein. Ob Sie mir wohl bitte freundlicherweise mit ein wenig Kleingeld aushelfen wollen?“ Der Mann ist um die Sechzig und spricht mit einem Wiener Akzent. Wer mich mit solch ausgesuchter Höflichkeit anspricht, dem gebe ich gerne etwas. Wenn alle Menschen in Berlin so freundlich wären wie die Bettler, würden wir im Paradies leben.

Rechtsanwalts- und Apothekerkinder aus der ganzen Republik, die in die Hauptstadt kommen und ein paar Jahre Revolution spielen, bevor sie in ihre Heimatstadt zurückkehren und Karriere machen. Millionen Menschen kommen, Millionen Menschen gehen. Sie springen auf der alten Tante Berlin herum wie Kinder auf einem Sperrmüllsofa.

Die Greisin im Café hat eine Haut wie zerknittertes Backpapier, eine zerzauste Perücke, und ihre Unterlippe hängt wie ein Tropfen herunter, während sie mich mit ihren kleinen entzündeten Augen mustert. Die lavendelfarbenen Äderchen auf ihren Wangen sehen aus wie ein Flussdelta.

 

 

 

 

Gastbeitrag von kiezschreiber Matthias Eberling. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, was sie in der Stadt hält. Eberling war lange Jahre in Berlin, lebt heute in der Provinz. 

Was mich in Berlin hält.

Was mich in Berlin hält und warum ich nicht aufs Land ziehe.

 

Friederike hat mich gefragt, ob ich für das Landlebenblog nicht einen Beitrag schreiben will, warum ich in Berlin bin und warum ich nicht aufs Land ziehe. Da ich das Landlebenblog sehr gerne mag, habe ich natürlich gerne zugesagt. Da beginnen allerdings die Probleme schon (Im Folgenden wird es länger dauern, bis ich endlich zum Thema komme. Aber für diesen Sprung braucht man halt ein bisschen Anlauf).

 

 

 

Nach Berlin kam ich 1997. Nach einem Jahr Auslandsstudium musste ich mich zusammen mit meiner Freundin um das berufliche bzw. studentische Weiterkommen kümmern. In Bayern oder Thüringen, unseren Heimatländern, hätten wir beide nichts an einem Ort gefunden. Von einer Mitstudentin kam der Tipp, es doch mal in Berlin zu versuchen. Dort ergab sich tatsächlich für uns beide eine Perspektive. Ich war in den sieben Jahren davor sechs Mal umgezogen und hatte sicher nicht die Vorstellung, dass ich länger als zwei, drei Jahre in Berlin bleiben würde. Little did I know.

 

 

 

Berlin war die erste richtige Großstadt, in der ich wohnte, und es herrschte ein etwas anderer Umgangston, als ich ihn aus Augsburg, Jena oder Edinburgh kannte.* Nun bin ich nicht gerade ein Fan der Unfreundlichkeit, aber ich lernte es bald zu schätzen, dass man zumindest klare und direkte Rückmeldungen bekam.

 

 

Nach den kurzen Jahren in Thüringen war mir auch klar, dass ich wenig Lust hatte, wieder irgendwo im Westen zu wohnen. In Jena hatte ich gesehen, wie praktisch für alle Leute das Leben komplett auf den Kopf gestellt wurde, zu Hause in Bayern hatte ich nicht das Gefühl, als sei irgendjemand bewusst, was eigentlich gerade geschieht, sondern man zerbrach sich weiter den Kopf über triviales Zeug. In Berlin hat und hatte man allerdings die ganzen sozialen und politischen Probleme immer deutlich und unmittelbar vor Augen. Ich halte das für einen Vorteil. Manche Dinge treffen einen dann zumindest nicht unvorbereitet. Wenn ich ab und zu nach Hause ins Allgäu komme, komme ich mir manchmal vor wie in einem Museumsbauerndorf.

 

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Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich keine richtige Vorstellung von der Stadt, weder Christiane F. noch David Bowie hatten auf mich besonderen Eindruck gemacht; ich hatte insbesondere auch keine irgendwie gearteten großstädtischen Ausstiegsfantasien. Das hatte ich alles schon in der Provinz abgearbeitet. Da ich insoweit keine Erwartungen hatte, konnte ich die Stadt so nehmen wie sie war.

 

 

 

Unser Hochzeitsfoto 2000 zeigt meine Frau und mich vor der Haustür unserer Mietwohnung an der Brunnenstraße, das Haus mit abgeplatztem Putz und Schmierereien an der Tür. War uns beiden gar nicht aufgefallen, führte bei einigen anderen aber zu Stirnrunzeln. Mitte wurde uns dann aber doch irgendwann zu viel, so dass wir 2002 nach Pankow zogen. Für ein Kind vom Dorf wie mich war es dort verträglicher. Nicht umsonst ist der Untertitel meines Blogs „Irrelevantes von den Wegesrändern des kleinstädtischen Berlins“. Über die Jahre haben meine Frau und ich zwar des Öfteren die Arbeitsplätze gewechselt, irgendwie aber den Moment zum Absprung verpasst. Unsere Kinder sind Berliner (Reinickendorfer sogar).

 

 

 

 

Als Zugezogener, insbesondere wenn man aus Bayern oder Schwaben kommt, sieht man sich bald mit der Frage konfrontiert, ob man überhaupt in Berlin wohnen darf. Einige hier sind der Meinung, eher nicht (das ist auch bei Zugezogenen sehr beliebt, man nimmt das eigene Ankunftsdatum, und beschließt nach eingehendem und objektivem Überlegen, dass alle, die nach einem kamen, eigentlich schon zu viel sind). Ich muss zugeben, dass ich da etwas bockig bin, weil ich es vom Allgäu her gekannt habe, dass überall die Berliner waren (bei uns kamen auch die Vorsitzenden vom Trachtenverein aus Berlin).

 

 

Die Änderungen in der Stadt sind sicher beängstigend, aber manchmal frage ich mich, ob den Berlinern klar ist, dass das kein exklusiv Berliner Phänomen ist. Es wird nur wenige geben, die die Orte ihrer Kindheit und Jugend jetzt noch genau so wiederfinden. An meinem Heimatort stehen Neubauten auf den Wiesen, auf denen ich früher Grashüpfer gefangen habe. Der Ort ist inzwischen doppelt so groß, weil nach und nach die München-Pendler immer weiter ins Umland fliehen. Die Bauern bauen jetzt nur noch Biomasse-Mais und Raps an, die Kühe stehen nur noch im Stall und nicht mehr auf der Weide. Auch dort: Es ist nix mehr wies mal war. Um nicht falsch verstanden zu werden: Der Unterschied zu Berlin ist klar: Eine Verdrängung der angestammten Wohnbevölkerung findet dort nicht in dem Maße statt. ,

 

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Ich finde die unfertige und zugemüllte Stadt interessant. Vielleicht auch eine Nachwirkung einer Kindheit in einer Umgebung, die vom Siebziger-Jahre-Zweckbauten-Chic geprägt war.  Auch Natur findet man in Berlin genug; nicht zuletzt das Unkraut, das sich ausdauernd einen Weg bahnt. Meine Kinder kennen wahrscheinlich mehr Tiere als ich in dem Alter, bei uns gab’s eigentlich nur Kühe; in Pankow auf dem Kinderbauernhof gibt’s dazu noch Esel und Schweine. Und wie schon vorher geschrieben, man hat nicht die Möglichkeit, die harte Wirklichkeit der Stadt auszublenden. Wenn man in Berlin regelmäßig S- und U-Bahn fährt, hat man eine klare Vorstellung davon, was so im Land los ist. Und trotzdem muss man der Stadt lassen, dass sie zwar nicht unbedingt gut gelaunt, aber doch recht entspannt und pragmatisch ist und aus den merkwürdigen und manchmal erschütternden Voraussetzungen das Beste macht. Das ist etwas, was mir über die Jahre immer mehr imponiert.

 

 

Ich habe das Gefühl, dass man auf dem Lande bei ähnlichen Problemen mehr zur Überreaktion neigt als in Berlin.

 

 

Natürlich hätte ich gerne etwas mehr Ruhe (und z.B. nicht die Flugzeuge im Landeanflug Tegel 400 m über meinem Dach). Aber wenn ich mich ans Dorf erinnere, erinnere ich mich vor allem auch an die Kreissägen am Samstag um 8 Uhr. Natürlich hätte ich gerne mehr Sauberkeit, etwas mehr Landschaft als in den märkischen Steppen. Trotzdem mag ich nicht mehr aufs Land ziehen. Ich komm da her. Ich kenn das. Das Landleben hat zwar den großen Vorteil, dass es überschaubar ist, dass man von einigen eher unangenehmen Erscheinungen der Neuzeit verschont bleibt. Allerdings sollte man sich nicht täuschen lassen, die paradiesischen Zustände gibt’s vielleicht in der Phantasie und in der „Landlust“, aber nicht in den Gegenden, die ich etwas besser kenne.

 

 

In der Kleinstadt, aus der ich kam, wurde in unserer Straße einmal ein Mord begangen. Es gab einen Feuerteufel, der verschiedene Häuser angezündet hat, der sich dann als Sohn aus dem Haus gegenüber herausstellte. Mir hat einmal jemand ein Messer an die Kehle gehalten, einem Freund von mir jemand eine Pistole an den Kopf. Aus Schul- und Kindergartenzeiten haben viele nicht das 20. Lebensjahr erreicht, weil sie bei Autounfällen umkamen. Harte Drogen waren ohne Weiteres verfügbar. Allgäu, nicht Neukölln. (Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: ich will hier nicht den Eindruck einer alpenländischen Ghetto-Jugend erwecken; meine Jugend war eher wohl behütet. Was ich sagen will: Eine heile Welt gibt es nirgends.)

 

 

Die Fassade auf dem Land  ist sicherlich schöner, die Deliktshäufigkeit geringer, aber die Menschen sind, wie sie sind, egal wohin man geht. Und der größere Zusammenhalt auf dem Land geht gerne einher mit stärkerer Ausgrenzung anderer. Mir ist bewusst, dass diese Erkenntnisse anekdotisch und nicht empirisch sind, aber jeder, der nun tatsächlich paradiesische Zustände irgendwo in der Botanik beschreiben kann, taugt auch nicht zur Widerlegung. Mein Punkt ist lediglich, dass es genauso wahrscheinlich und möglich ist, angenehme Leute und eine glückliche Umgebung in Berlin zu finden wie an irgendeinem anderen Ort. Hängt wahrscheinlich ein bisschen von einem selber ab, wo man Frieden findet. Aber an kaum einen anderen Ort sieht man die Buntheit, Schönheit und auch die Hässlichkeit der Menschen deutlicher als in Berlin. Und das finde ich immer mehr bewundernswert.  Vielleicht gibt es irgendwann einen Grund, wieder einen anderen Ort zu suchen. Aber das wird dann eher weniger mit der Stadt, als mit anderen Dingen zu tun haben.

 

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*Zwei Beispiele, die mir vom Beginn im Gedächtnis bleiben: Als wir nach längerer Wohnungssuche fündig wurden, und in den Wedding zu Domäne fuhren, um eine paar Lampen zu kaufen, kam mir beim Möbelhaus ein Typ entgegen, der seinem halbwüchsigem Sohn gerade erzählte: „Det Sofa bringen wir Mama mit – die freut sich dann ein Loch in den Arsch.“ Später habe ich einmal gesehen, wie bei einem Einkaufszentrum ein junger Typ schnell herausrannte, sich hektisch umsehend, hinter ihm mit einigem Abstand der Verkäufer eines Gemüsestandes, der ihm hinterherruft, der junge Typ kommt zu einer Ampel, rennt bei Rot rüber, der verfolgende Verkäufer läuft noch hin, läuft aus und bleibt an der Ampel stehen, der Typ ist entkommen. Der Chor der Berliner, die das alles interessiert angesehen haben: „Mensch, musste schon schneller loofen, wenn du den kriegen willst!“ „So wird das nichts!“ etc.

 

 

 

 

 

Gastbeitrag von Ackerbau Pankow

Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, was sie in der Stadt hält, Ob Landleben nicht cooler wäre.

 

 

 

 

 

 

Aufs Land oder lieber auf die Insel?

Von Berlin aufs Land ziehen… Ist es total bescheuert? Würde ich es tun? Darüber habe ich mir die
letzten Tage Gedanken gemacht, nachdem mich Friederike vom Landleben-Blog gefragt hat, ob ich
Lust habe, einen Gast-Artikel zu schreiben.

 
Ich bin in Berlin geboren, aber ich gebe zu, dass ich an der Stadt nicht wirklich hänge. Es beginnt
schon beim Dialekt. Ich kann berlinern, aber vermeide es tunlichst. Allein schon weil meine Mutter
dazu immer sagt: „Das klingt wie „Prenzlauer Berg, dritter Hinterhof!“. Auch wenn DAS
mittlerweile wohl eher ein Kompliment wäre, stammt dieser Ausspruch noch aus Zeiten, als der
Prenzlauer Berg eher eine Art MV war. Vom Publikum her.
Die berühmte Berliner Schnauze ist für mich auch ein Grauen. Jedes Mal, wenn ich in
Süddeutschland bin, denke ich „die sind alle so freundlich hier, was ist los?!“.

 

 
Wegziehen wäre prinzipiell gut vorstellbar, aber aufs Land?
Da ich sehr viel in Berlin unterwegs bin, kenne ich mittlerweile fast jede Ecke. Überall bin ich
schon einmal gewesen, habe ich die letzten Jahre auch so manche ungeahnt schöne Gegend
gefunden, aber es bleibt dabei: ich hänge nicht an dieser Stadt. Sie ist dreckig, arm und schon seit
Jahren nicht mehr sexy.
Wenn ich in der Innenstadt unterwegs bin, rollen die Rollkoffer um mich herum. In meinen
Lieblingsclub, in dem ich einst jedes Wochenende verbrachte, sind nur noch Touristen. Im
Friedrichshain und Prenzlauer Berg wird man umzingelt von Ü40-Müttern mit grauem Haar, die
Kinderwägen mit integriertem Fellhandschuhen herumrollen und selbst (!) Smalfolk-Mützen tragen.
Im gleichen Apfel-Design wie der Body des Babys.
Und der Rest der Stadt… der wirkt oft sehr alt. Oder grau. Oft beides gleichzeitig.
Mich hält hier nichts. Eigentlich.

 

 

 


Im letzten Jahr hat für mich die Chance bestanden, aufs Land zu ziehen. In einen kleinen Ort nahe
Heidelberg. Dort lebten meine Schwiegereltern und als klar war, dass sie dort nicht mehr allein
leben können, stellte sich die Frage: ziehen wir hin oder sie nach Berlin? Alte Leute sollte man nicht
„verpflanzen“, andererseits kannten sie in ihrem Ort eh kaum jemanden. Obwohl sie dort über 40
Jahre gewohnt haben, waren sie in der „Dorfgemeinschaft“ nicht wirklich angekommen und lebten
zurückgezogen. Das Klischee, in einem Dorf würden alle aufeinander irgendwie achten, hat sich
nicht bestätigt.
Und wir alle aufs Land, damit sie dennoch dort bleiben können?
Eigentlich haben mich immer schon die Besuche auf dem Land immer nach kurzer Zeit genervt.
Mehrfach bin ich nach wenigen Tagen abgereist, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe – was nur
zum Teil an der Verwandtschaft, zum großen Teil aber an der Umgebung lag. Vermutlich wäre es
wirklich nichts für mich gewesen. Mir fehlt dort vieles.
Es fängt bei der Infrastruktur an. Ich fahre nicht gerne Auto, aber auf dem Land ist man ohne völlig
aufgeschmissen. In manchen Orten gibt es nicht einmal einen Supermarkt. Und überall immer mit
dem Bus oder Bahnen hinfahren? Im Ort meiner Schwiegereltern fährt immerhin alle halbe Stunde
ein Bus. Das empfinde ich bereits als relativ wenig. Zumal abends irgendwann gar nichts mehr geht.
Gut, die Tram bei uns fährt nachts auch nicht, aber dann gibt es einen Taxi-Service. Ich würde nie
stranden. Dort schon.

 

 

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Rainer Strurm/pixelio.de

 

 

 

Mir würden auch die Bahnhöfe und Flughäfen fehlen. Dass ich nach Tegel mit dem Fahrrad fahren
kann, finde ich großartig. Und dass ich mit einem günstigen Bahnticket durch die Gegend fahren
kann, finde ich auch super. Und der Bahnhof ist leicht erreichbar und alle Züge halten in Berlin.

 

 

 

Und was ich auf dem Land auch nicht mag: dieses ständige Beobachten der Mitmenschen. Im Ort
meiner Schwiegereltern hatte ich immer den Eindruck, unter Dauerbeobachtung zu stehen. Läuft
man die Straße herunter, wird gehupt und gewunken. Während man noch grübelt, wer das denn jetzt
war, ist derjenige auch schon weiter. Das finde ich unheimlich.

 

 

 

 

Auch die soziale Kontrolle ginge mir zu weit. Eine Freundin von mir lebt auf dem Land in Bayern.
Einmal habe ich mit ihr geskypt. Plötzlich meinte sie, sie müsse sich mal kurz unter dem Tisch
verstecken, der Pfarrer schleiche ums Haus und sie mag gerade nicht mehr ihm reden. Ich saß
damals in unserer Wohnung im dritten Stock und konnte mir nicht ansatzweise vorstellen, dass ein
Pfarrer durch die Fenster schaut, suchend, ob man denn zu Hause ist.

 

 

 

Aber auch andere Formen der Kontrolle gibt es mehr auf dem Land. Ich habe sie selbst erlebt: man
geht mit den Kindern auf den Spielplatz. Es ist menschenleer. Man denkt, nirgendwo kommt jetzt
jemand daher, der der Ansicht ist, einem seine Meinung aufzudrücken. Aber dann, nachdem man
schon eine Stunde dort war, dann geht plötzlich ein Fenster auf und jemand brüllt einem
Erziehungstipps wie „ziehen Sie dem Kind etwas wärmeres an!!“ über die halbe Straße.

 

 

 

DAS war für mich im letzten Jahr das Schlüssel-Erlebnis, dass ich niemals aufs Land ziehen
möchte. Ich werde da vermutlich paranoid und bekomme Verfolgungswahn – vor Pfarrern vor
Fenstern, vor fremden Leuten, die anscheinend immer an Fenstern stehen und Autos, die wegen mir
hupen. Und vor Leuten, deren Dialekt ich überhaupt nicht verstehe.

 

 

 

Aber letzte Woche hat mich jemand auf eine andere Idee gebracht. Sie erzählte, dass sie nach La
Réunion (denn es ist in der EU) ziehen wird, sobald ihre Kinder erwachsen sind. Da sie
alleinerziehend und teilzeitarbeitend ist, wird ihre Rente so niedrig sein, dass sie hier ¾ ihres Geldes
für Heizung und Strom ausgeben würde– das will sie mit einem Umzug in nicht so heizintensive
Gebiete verhindern. Das ist gar nicht mal so eine schlechte Idee… Allerdings ist so eine kleine Insel
ja irgendwie auch ganz schön ländlich…

 

 

Gastbeitrag von Amelie aus Berlin. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, was sie eigentlich noch in der Stadt hält. Obs auf dem Land nicht viel schöner wäre.

 

 

Berlin, Berlin.

Ich liebte Berlin schon, bevor ich das erste Mal dort war. Allein der Name, mit der langgezogenen zweiten Silbe, war mir Verheißung und Versprechen. Berlin, das war eine Insel im fernen Osten, über der eine andere Sonne schien als über der Stadt am Main, in der ich aufgewachsen war.
Die Schwester meiner Großmutter hatte hier Erfolge als Kammersängerin gefeiert und ein wildes Leben voller Streit und Liebe mit ihrem Mann, dem Komponisten, geführt. Die beiden bewohnten eine riesige 7-Zimmer-Wohnung mit Stuck, Flügeltüren und Intarsienparkett in Charlottenburg, in einem ebenso prächtigen Altbau, der neben einem herrschaftlichen Entrée auch über einen vergitterten Aufzug in der Mitte des Treppenhauses verfügte, wie ich ihn nur aus französischen schwarz-weiß-Filmen kannte.

 

 

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Später überließen sie die Wohnung ihrem Sohn, einem Musiker und Marxisten, der dort eine Kommune gründete, in der ein Raum ganz und gar dem Andenken und der Lektüre Karl Marx gewidmet war: der Boden mit rotem Teppich ausgelegt, an den Wänden Regale mit marxistischer Literatur und in der Zimmermitte eine Säule mit der Büste des Verehrten. Das war Berlin.
Berlin war aber auch der Zufluchtsort für Wehrdienstverweigerer, es war die Stadt hinter der Mauer, die Künstler und Kreative aus aller Welt anzog und inspirierte. Selbst geteilt war sie die größte Stadt der Republik und nicht nur wegen ihrer Lage, als Enklave in einem mir fremden Land, ganz anders als alle anderen Städte in Deutschland, die ich kannte. Wilder, rauer, cooler, und außerdem gab es Doppeldeckerbusse.

 

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Irgendwann war es dann soweit: ich durfte nach Berlin fahren, ganz alleine, mit dem Zug, durch den gefährlichen Osten. Die ganze Fahrt über starrte ich aus dem Fenster und versuchte mir ein Bild von der deutschen demokratischen Republik, dem grauen Unrechtsstaat mit Autos aus Pappmaché, zu machen. Was ich sah, war jede Menge herbstliche Landschaft, nebelverhangen, ohne Hügel, ohne Berge, ohne Menschen.
Wie aufgeregt ich war, als der Zug schließlich am Bahnhof Zoo einfuhr! Der Moment, in dem ich ausstieg und den ersten tiefen Atemzug der weltberühmten und vielbesungenen Berliner Luft tat, bleibt mir unvergessen. Yeah!
Bahnhof Zoo, das war nicht einfach irgendein Bahnhof, sondern Schauplatz des Lebens von Christiane F., deren Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mich derart fasziniert hatte, dass eine Drogenkarriere mir außerordentlich erstrebenswert erschien und fest eingeplant war. Frankfurt war dafür zwar auch bestens geeignet, aber für meine Bedürfnisse viel zu klein. Ich wollte Anonymität, ein Häusermeer, Abstand zu meiner Familie, in deren Nähe ich nicht glücklich werden konnte. Ich wollte in der gleichen Stadt leben, in der schon David Bowie und Iggy Pop, beide Ikonen meiner frühen Jugend, ein paar Jahre verbracht hatten.

 

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Einige Jahre später war es dann soweit: ich packte meinen Hausrat zusammen, mietete einen Wagen und fuhr nach Berlin, um zu bleiben. Das düstere Instrumentalstück Neuköln (tatsächlich nur mit einem `l´geschrieben) und die Geschichte der Christiane F., in Gropiusstadt aufgewachsen, führten zu der Entscheidung, mir in Neukölln eine Bleibe zu suchen. Im Sommer 1994 hatte ich endlich den Sprung in die Hauptstadt aller Totalitarismen geschafft und stürzte mich mit voller Wucht und mit Anlauf in mein neues Leben. Die ersten Jahre waren nichts als taumeln und leiden. An einer Stadt, in der der Grundton ein aggressiven Bellen oder ein nasales Schnarren zu sein scheint. Ein Ham wa nich, kriejn wa ooch nich, Atze, icke und Alta-Mißklang. Hack hier Auskunft zu stehn?
Der Reichstag wurde verhüllt, der Potsdamer Platz bebaut, der Osten schrittweise mit Zuckerguss verkleistert, die Love Parade wummerte durch die Stadt, die Linden dufteten, die Sommer waren heiß, die Liebe flüchtig und der Himmel so weit. Nach fünf langen Jahren im tiefsten Neukölln, zog ich schließlich in die ehemalige Luisenstadt, nach Kreuzberg Süd-Ost, wo ich im Geiste schon längst Zuhause war. Mein Bäcker, meine Stammkneipe, mein Kino, meine Parks, mein Friseur, meine Bekannten, meine Freunde, mein Dorf.
Und hier bin ich nun, erfüllt von einer nicht enden wollenden, innigen Hassliebe, in die sich zunehmend auch Trauer mischt, denn das Berlin, das ich lieben gelernt habe gibt es nicht mehr. Ausverkauft, verprenzelbergt, zugebaut, uffjerüscht und immer fremder. Brache für Brache wird mit luxuriösem aber einfallslosem Eigentum zugebaut, Altbauten saniert und entmietet. Die Hobrecht´sche Mischung, die Berlin so einzigartig gemacht hat, gibt es nur noch in wenigen Ecken der Stadt.
Spielten früher die Arbeiterkinder mit dem Sohn des Studienrates im gleichen Hausgang, so haben wir inzwischen die gleichen Verhältnisse wie überall: Reiche verdrängen die Armen aus dem Innenstadtbereich und lassen sich beim Delikatessenfressen bewachen. Subkultur weicht Monokultur, Vielfalt weicht Ödnis. Der Neoliberalismus hat Berlin fest im Griff und verändert das Gesicht der Stadt und damit das Lebensgefühl rasant.

 

 

Berlin, dein Gesicht hat keine Sommersprossen mehr.

 

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Manchmal, wenn die Sehnsucht nach der Trauminsel von früher sehr groß wird, fahre ich nach Charlottenburg, Tegel oder an den Plötzensee. Da ist es noch so, wie ich es kenne, mein Berlin.
Und immer mal wieder trage ich mich mit dem Wunsch oder vielleicht auch nur der Idee, Berlin den Rücken zuzukehren und an einen Ort zu ziehen, an dem die Landschaft schöner, die Menschen freundlicher, die Wege kürzer, die Luft besser und das Leben stressfreier ist. Zum Beispiel nach Franken, in den Odenwald. Wo die Winter weiß und nicht schwarzgrau sind, wo kein eisiger Ostwind dir in die Knochen fährt, wo keine Hipster mit Fusselbärten und keine Biomütter mir auf den Zeiger gehen, wo diese ganze Großmäuligkeit einer Hauptstadt ganz weit weg und die Provinz so unprätentiös und freundlich ist.
Kein selbstherrliches Getue – be like Berlin– und keine Geldsäcke aus aller Welt. Kein Elend am Kotti , keine Junkies, keine Horden von Alkis am U-Bahnaufgang. Kein Lärm, kein Schmutz, abgesehen von den Traktoren und der fruchtbaren Erde. Ruhe.
Das wäre doch schön!
Aber ich kann hier nicht weg. Ich gehöre doch hierher. Je konkreter der Gedanke wird, Berlin zu verlassen, umso klarer wird mir, wie wenig mir das möglich ist, wie tief ich hier verwurzelt und wie sehr ich Großstädterin bin. Ich brauche das Häusermeer, die Vielfalt, den Lärm. Den Stress, den schnellen Wandel, die Anonymität, street art, Hundebesitzer an jeder Ecke, U-Bahn, S-Bahn, zahllose Museen, Kinos, Vielfalt, Theater und Parks. Schwimmbäder, Kneipen, Punks, internationale Restaurants und Imbisse, türkische Geschäfte, Moscheen und Synagogen. Die Spree, die Havel, die Kanäle, die Seen. Die großen Prachtstraßen: Kaiserdamm, Karl-Marx-Allee. Die Spuren jahrhundertelangen Imperialismus. Die Laubenpieper, Schultheiss und Molle.

 

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Ich kann nicht ohne diese Stadt sein, die mich genau so belebt, wie sie mich martert.
Was sollte ich auf dem Land? Spazieren gehen, Gemüse pflanzen, mich einem Lesezirkel anschließen, in den Kirchenchor gehen? Kann ich auch hier.
Das einzige Argument, das für ein Leben auf dem Lande sprechen würde, ist die Ruhe. Die Stille, die nur manchmal unterbrochen wird vom Tuckern der Landmaschinen und dem Ruf eines Milans. Ab und an vielleicht noch der Schuss eines Jägers oder das Brummen einer Biene. Das war´s. Stille. Ruhe. Entspannung. Ein weiter Blick. Nicht immer gleich mit dem Auge an der nächsten Häuserwand kleben bleiben. Der Geruch von Heu und Erde. Geodelte Felder, kühler Wald und sanfte Hügel. Grün.
Aber kann ich dafür all das aufgeben? Würde mich nicht die Langeweile schnell im Schraubgriff haben, würde mich die soziale Kontrolle nicht zu sehr einengen, die Überschaubarkeit der Möglichkeiten innerlich verkümmern lassen? Die Stille mich erschlagen und allein die schiere Existenz einer freiwilligen Feuerwehr oder eines Schützenvereins mich deprimieren? Würde ich mich nicht unendlich einsam fühlen in der Idylle, die mir fremd bliebe?
Ich befürchte, dass das Land für mich nur taugt, um mich von der Stadt, von Berlin zu erholen und Kraft zu sammeln. Runterkommen, ruhig werden um dann in die nächste Runde zu gehen.

 

 

Manchmal wünschte ich, es wäre anders. Ich könnte mich darauf einlassen. Eine alte Schule kaufen, oder einen Bahnhof, es mir schön machen und mit der Ruhe, meinen Gedanken und mir selbst glücklich werden. Aber ich kann nicht. Berlin ist für mich das Lebenselixier, das mein Blut am Fließen und die Glut am Glühen hält.

 

 

Solange die Gentrifizierung mich nicht zwingt, an den Stadtrand zu ziehen, bleibe ich hier und träume von der Ruhe auf dem Land.

 

 

 

 

 

Gastbeitrag von kreuzbergsüdost. Ich hatte von Berliner Bloggern wissen wollen, ob und was sie in Berlin hält. Ob nicht manchmal die Provinz lockt. Ob sie es nicht machen wollen wie ich: abhauen, aufs Land gehen. Auslöser war dieser Beitrag über das, was mal meine Heimat war: Ach, Berlin.