Einstreu.

einstreu

 

Nur mal so eingestreut.

Weil es doch mit mir umgeht.

 

Saß die Frisur?

(Nein, definitiv nicht.)

 

Und die Klamotte?

(Ganz schlecht, hat der Moderator gesagt, viel zu düster.)

 

Und mein blödes Geplapper?

(Naja, kriegen wir irgendwie hin. Wird alles zurechtgeschnitten.)

 

 

Das (klick!) Fernsehen war da. Im Odenwald. Genauer gesagt in Buchen. Eine ganze Woche lang. Fünf Tage, fünf Reportagen. Die kleine Stadt als großer TV-Star.

 

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Wer also ab heute abend mal reinschauen will, – bitte sehr.

 

Kann mir ja dann erzählen, wies war. Ich selber besitze ja leider kein Empfangsgerät.

Ich bin mit LandLeben beschäftigt, da kann ich nicht auch noch vor der Glotze sitzen.

 

 

 

(und weiß jetzt auch wieder, warum ich nie zum Fernsehn wollte: Sieben Stunden Drehzeit für einen Vier-Minuten-Beitrag. Nee, für sowas bin ich viel zu ungeduldig.)

 

 

 

 

 

 

 

 

Einstreu.

einstreu

 

Nur mal so eingestreut.

Weil es doch mit mir umgeht.

 

 

 

Generalprobe für das große Konzert.  Te Deum, Bruckner, Mass of the Children, Rutter, dazu ein Brandenburgisches von Bach.

 

200 Sänger. Inklusive Kinderchor. Ein wimmelnder Haufen singender, kreischender, kichernder  Zwerge.  Weil die Zwerge aber nur bei Rutters Kindermesse zum Zuge kommen, müssen sie schon während der stundenlangen Proben über weite Strecken einfach still stehen und abwarten.

 

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Einige der zugekauften Profimusiker aus den umliegenden großen Städten, Würzburger Geigen, Mannheimer Bratschen und Posaunen, Heidelberger Kontrabässe, hätten schon bei der ersten telefonischen Anfrage hörbar die Augenbrauen hochgezogen, berichtet der Chorleiter. Buchen im Odenwald, naja, was kann das schon werden. Können die Bauern da überhaupt singen? Sie können, und außerdem wird gutes Geld gezahlt. Na gut, also dann.

 

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Nach der Generalprobe sind dann einige der Musiker auf ihn zugekommen, sagt der Chorleiter. Also, wir haben ja schon manchmal mit Kinderchören zu tun gehabt. Mit großstädtischen, natürlich. Das ist ja ganz unglaublich hier. Was macht Ihr denn mit denen, daß die so begeistert bei der Sache sind?  So konzentriert.  So diszipliniert. Gebt Ihr denen irgendwelche Medikamente?

 

Und der eine singende Zwerg – die Kleine, die das Bein so nachzieht, die mit dieser bunten Kindergehhife auf Rollen, in der ersten Reihe: Ich hab gleich gedacht, oh weh, wenn die im Gewimmel mal nicht von den anderen über den Haufen gerannt wird. Wie mutig von den Eltern, die da mitsingen zu lassen. Oder verantwortungslos. Aber die anderen Zwerge helfen der sogar. Die nehmen ja richtig Rücksicht.

 

Nein, sowas haben wir noch nicht erlebt.

 

Danke, daß wir dabei sein dürfen.

 

Bitte. Immer gerne.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einstreu.

einstreu

 

Nur mal so eingestreut.

Weil es doch mit mir umgeht.

Wir haben seit zwei Tagen nur ein Gesprächsthema. In den Hühnerstall eines befreundeten Landwirts ist ein Hund eingebrochen, 35 von 40 Hühnern hat er getötet, blitzschnell, völlig durchgedreht. Alles voller Blut und Federn. Die Tiere noch bei lebendigem Leib geschnetzelt.

 

Ich muß mich zwischendurch daran erinnern, daß es noch echte Katastrophen auf der Welt gibt. Echte Katastrophen. Von unfassbarem Ausmaß. Der Taifun Haiyan. Zehntausende von Toten. Ich lese davon in der Zeitung. Einen Fernseher haben wir nicht, bewegte Bilder zur Abendbrotzeit gibt’s also keine. Und den Weg bis auf die Startseite von google-news haben die Opfer von Haiyan heute früh auch schon nicht mehr geschafft. Mir ist es recht. Ich muss das nicht auch noch sehen. Es reicht, wenn ich es weiß.

Und das Thema daheim und im Bekanntenkreis ist jetzt ohnehin ein anderes: die gemetzelten Hühner. Der böse Hund.

 

Verblöden wir alle, die wir auf dem Land leben? Interessiert uns nicht mehr, was auf der Welt drumrum passiert? Ist das der vielzitierte Rückzug ins Private? Gleichgültigkeit? Resignation? Oder waren wir früher, in der Stadt, auch schon so? Wollen wir uns schützen, weil Haiyan halt so weit weg ist und unser Mit-Leiden (oder unsere heimliche Sensationsgier) auch niemandem hilft? Liegts daran, daß wir die Hühner eben kannten, selber Hühner haben, selber einen Hund? Daß wir aber keinen Filipino kennen?

Was tun? Hier konkrete Hühner-Hilfe anbieten? Da Geld spenden? Aber wem? Aber wo? Die Hühnerhilfe kommt direkt an, da sind wir sicher. Aber was wird mit meinem schönen Geld? Kommt das auch so an, wie ich es will? Beim Diakonischen Werk könnte ich spenden, das steht mir nah, kirchlich und so.

Auf der Homepage kann man unter 10 Katastrophen auswählen, für welche davon man online 90 Euro geben möchte. Mir täte das nicht weh. 90 Euro. Von mir aus auch 500 Euro. Zu verkraften.

Ein Anfang.

Oder ein Faß ohne Boden?

Und dann?

Vielleicht sollte ich den Hühner-Katastrophen-Landwirt fragen.

Wie er das eigentlich so sieht.

 

 

 

 

 

Einstreu.

einstreu

 

Nur mal so eingestreut.

Weil es doch mit mir umgeht.

 

 

 

 

Schade, daß Menschen immer wieder wegziehen. Junge Zugezogene ziehen wieder weg. Fühlen sich fremd hier und wollen nicht länger in der (vermeintlichen) Provinz bleiben als beruflich unbedingt nötig. Drei Freunde allein in den vergangenen sechs Monaten.

Ältere wollen gehen, weil sie den Rest ihres Lebens nicht hier verbringen wollen. Zu einsam, zu fremd,  alles, oft auch noch nach all den Jahren. Viele kündigen es an, manche ganz konkret. Dieser Tage erst wieder: „Ich glaube, ich will weg.“

Schade, man hatte sich ja doch aneinander gewöhnt. (außerdem hasse ich Abschiede.)

Ich: bleib da.

 

 

Einstreu

einstreu

Nur mal so eingestreut.

Weil es doch mit mir umgeht.

Morgens um Sieben ist die Welt im Odenwald noch in Ordnung. Und das Dorf menschenleer. (Tagsüber sieht es auch nicht viel anders aus, aber das ist eine andere Geschichte.)

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Seit acht Jahren gehe ich diese Straße jeden Morgen entlang. Mutterseelenallein. Mal hin, mal zurück. Zu Beginn oder am Ende der großen Morgenrunde. Rechts das Hündchen, links der Hund.

Seit fast 3000 Tagen begegnen mir immer wieder die selben Autos der selben Menschen. Der junge Kerl, mit dem ich neulich sogar ein gutes Stündchen an seinem Ziegengehege geplaudert habe. Der Mann , der schon ein paarmal in unserem Haus zu Gast war. Der fröhliche Rentner (der schon bei uns klassiche Musik zum Besten gegeben hat), auf dem motorisierten Weg zum Bäcker. Die Frau, neben der ich beim Dorffest auf der Bierbank gehockt habe. Und, und, und.

Und?

Nix. Kein Gruß, kein Hup, kein Wink.

Blick starr geradeaus.

Die sehen wir einfach nicht.

Wenn die nicht zuerst grüßt, grüßen wir auch nicht.

Wir grüßen erst, wenn die grüßt.

So einfach ist das.

Doch: es gibt welche, die grüßen beim Vorbeifahren. Von sich aus. Wenige. Immer: Die polnischen Arbeiter, die für den Bauunternehmer am Rand des Dorfes schuften. Die grüßen und hupen und winken und lachen, bevor der Tag noch richtig aufgewacht ist. Neulich hat sich einer grinsend aus dem LKW-Fenster gelehnt, Polnisch-Deutsch-Kurpfälzisch-Odenwälderisch: „Keen Wunnerrr, daß ma Disch in Rrrradio net heerrrrt, wann Du hierrrr bleed rrrrumschlappe tust“.

Die duzen mich sogar.

Einstreu.

einstreu

Nur mal so eingestreut.

Weil es doch immernoch mit mir umgeht.

Heute vor einer Woche: Sommerkonzert des Dorf- Chores. Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal auf Bierbänken in der Abendsonne gesessen. Die Konzertbühne eine LKW-Ladefläche, mit selbstgemalten Bildern dekoriert.

Volkslieder, Operettenmelodien und Beatles-Medley. Neckische Kostüme. Trotzdem dann doch nichts fotografiert. Wir sind ja nicht im Zoo. Auch nicht in der Berliner Philharmonie, in der ich als Jugendliche abendelang saß (Schülerkarte 5 Mark, freie Platzwahl)und Karajan beguckte und Anne-Sophie Mutter zuhörte und Yehudi Menuhin, und dabei meinte, das sei ja alles selbstverständlich. Für jeden.

In der Dorfkonzertpause lauwarme Würstchen von der Freiwilligen Feuerwehr und kaltes Bier aus der Flasche. Ein bißchen hier und da geplaudert. Wenn sich schon mal einer traut, mit uns zu plaudern. Der Bürgermeister traut sich. Und der Installationsmeister Alois auch. Noch ein, zwei andere.

Um uns rum das pralle Leben, laut und ein bißchen kreischig und sehr odenwälderisch. 361 Einwohner hat das Dorf, 300 Besucher sind da. Auf der Bühne 80 sangesfrohe Nachbarn. Alle haben einen Heidenspaß.

Nur ich irgendwie nicht.

Einstreu

einstreu

Nur mal so eingestreut.

Weil es doch mit mir umgeht…

Kükencontent. Wie Katzencontent. Geht immer. Und juckt mich immer in den Fingern. Aber ich kann doch nicht immer hier sitzen und Küken kieken und Küken posten.

Früher ging kein Tag ohne dauernd google-news und spiegel-online. Brüllende Schlagzeilen, schon morgens nach dem Aufstehen. Bad news is good news. (Mit einem Teil dieses Geschäftes verdiene ich mein täglich Brot, ganz nebenbei bemerkt.)

Ganz schlimm: Freche Schnüffel-Amerikaner gucken in meinen Rechner rein. (eigentlich egal, da sind ja derzeit fast nur Küken drin). Gottseidank: Frau Merkel nimmt die Sache in die Hand. Der Wahlkampf läuft auf vollen Touren. Herr Steinbrück sagt was Wichtiges, und die CDU im Land regt sich über irgendetwas auf. Frau Schwarzer zankt mit Bushido (who the hell ist Bushido?).

Ach so, auch das noch: Blutbad in Bagdad. 65 Tote. Am Bodensee ein Seebeben. Die Geothermie ist schuld. Der Eurohawk eine Pleite. Mein schönes Steuergeld. Die Bayern zerlegen die Hamburger, auf dem Fußballplatz. Und überall im Rest der Welt ist Krieg, klein oder groß. Liest man, weiß man.

Und ich sitze hier und kieke Küken.

Und weiß aktuell nur, daß es wichtig ist, dreimal täglich Brennnesseln und Löwenzahn fürs Kükenfutter kleinzuhacken.

Und suche händeringend nach einem Rezept für Marmelade.

Und nach einem für die Lammkeule heute abend.

Zeige dem staunenden Nachbarskind die Deutschen Riesen im Garten.

Denke darüber nach, ob ich morgen oder lieber über-morgen auf den höchsten Berg steige, den Sonnenaufgang zu bestaunen.

Ob ich den Rotschwänzchen die Einflugschneise zu ihrem Nest freischneiden soll, damit sies etwas leichter haben.

Und was wir mit den vielen Kirschen machen dieses Jahr.

Denke darüber nach, wo wir die Äpfel lagern werden.

Und wann der Mann endlich das Kaminholz bringt.

Und darüber, wann und wieso sich eigentlich die Perspektiven so grundlegend verschoben haben.