„Was bleibt mir anderes übrig?“

18. April 2020

Es gibt keine Vorstellungen und keinen Zeitplan, was die Restaurants angeht, sagt der Reporter über die aktuellen Verhandlungen, als ich grade wieder losfahre, Richtung Zuhause. Ich drehe das Radio im Auto ein bisschen lauter: Wieviele Betriebe in der Gastronomie das überleben, und wieviele pleite gehen werden, das steht in den Sternen. Der Moderator dankt für den Bericht, und dann kommen die Staumeldungen.

Ich werde kämpfen, hat Sofia Syropoulou eben noch gesagt, in ihrer Taverne im Alten Wasserwerk in Walldürn. Und dann strahlt sie dieses strahlende Lächeln, bei dem gleich die ganze Frau, die ganze Umgebung strahlt. Was bleibt mir denn anderes übrig?, fragt sie. Und Sie bezieht das wohl auf beides: darauf, dass sie kämpfen wird, und darauf, dass sie strahlt. Was bleibt ihr denn anderes übrig.

Die Gäste im Alten Wasserwerk kommen nicht nur wegen der guten griechischen Küche zu Sofia Syropoulou, sondern auch wegen des Ambientes und der Atmosphäre, wegen des Ortes. Wegen des schönen Biergartens. Take-away bei Sofia, das sind sie nicht gewöhnt, das haben viele schlichtweg nicht auf dem Schirm. Die Bestellungen laufen nicht wirklich gut.

Trotzdem ist Sofia jetzt immer mittwochs bis sonntags da, bereitet Gyros und Bifteki und Salate zu, schnippelt Kartoffeln für die selbstgemachten Pommes. Ich kann derzeit eigentlich kaum planen, kaum kalkulieren. Wieviel Fleisch muß ich einkaufen, wieviele Kartoffeln schnippeln? Gibt es zwei Bestellungen – oder zwölf? Es ist ein Glücksspiel, jeden Tag aufs Neue. Ein Ohr immer Richtung Telefon, ein Auge immer Richtung Notizblock für die Vorbestellungen.

Vor vier Wochen haben wir zumachen müssen, erinnert sich Sofia noch genau an diesen Tag. Und der erste, der am nächsten Morgen gleich angerufen hat, war mein Vermieter. Sie solle sich wegen der Miete keine Sorgen machen, hat er gesagt, die setzen wir jetzt erstmal aus. Auch mit den Stadtwerken hat Sofia einen Weg gefunden, sie zahlt aktuell nicht die sonst übliche hohe Pauschale, sondern nur das, was im Moment tatsächlich verbraucht wird. Das waren alles schon so großartige Hilfen, sagt die Griechin.

Das Wasserwerk betreibt Syropoulou schon seit vier Jahren, die ersten zwei Jahre hier waren extrem schwer. Ende 2018 war der Durchbruch geschafft, 2019 brummte der Laden endlich so richtig. An manchen Abenden habe ich sechzig, achtzig Essen gemacht. Und jetzt das. Ich habe diese Anfangszeit hier geschafft, da werde ich auch das schaffen.

Ihr griechischer Koch ist gleich zu Beginn der Krise zurück zu seiner Familie nach Griechenland, ihre Service-Kräfte hat sie nach Hause geschickt. Wenn es hier wieder losgeht, wo kriege ich dann einen Koch her, und wo die Leute für den Service? Meine bisherigen Helfer haben bis dahin vielleicht andere Jobs, und finden Sie hier auf dem Land mal so schnell Ersatz im Service! Diese Fragen, überhaupt alles, die ganze Situation raubt ihr dann schon auch den Schlaf, sagt sie, heute früh habe ich um halb Fünf in der Küche gesessen und Kaffee getrunken, ganz normal ist das nicht.

So lange das Wetter gut ist und sie nicht in die Küche muß, verbringt Sofia momentan viel Zeit draußen vor dem Alten Wasserwerk. Den Biergarten schön machen, Bänke und Stühle herrichten. Und Pflanzenkübel lackieren. Es muß doch alles hübsch sein, wenn es wieder losgeht, sagt sie, und dann strahlt sie wieder.

Hier (Klick!) gehts zur Website vom Alten Wasserwerk, da finden Sie alles, was Sie derzeit wissen müssen.

Ich will Ihnen hier in loser Folge ein paar Gaststätten und Restaurants aus meiner Nachbarschaft vorstellen, die derzeit irgendwie mit dieser Corona-Krise umgehen müssen. Die Grund- Idee dazu habe ich hier bei diesem großartigen Fotografen abgeguckt, auf den mich ein Blogleser hingewisen hat. Ich mache sowas sonst nur ungerne, Ideen abgucken, aber ich glaube, für einen guten Zweck darf man auch mal abgucken. Wenn Sie bisher ohnehin immer mal essen gegangen sind und sich das auch derzeit irgendwie leisten können: Unterstützen Sie die Wirtschaften und Restaurants in Ihrer Nähe. Sie müssen kein take-away-Fan sein, hier gehts nicht um Ästhetik im Alltag, sondern um Solidarität. Ganz einfach. Und Gutscheine, Sie können jetzt auch Gutscheine kaufen und dann später verschenken, wenn die Restaurants alle wieder in ihren ganz normalen Alltag zurückgekehrt sind. Und nein, ich bekomme für diese Werbung kein Geld, ich mache das aus reiner… Naja, Sie wissen schon.

  • 8 Kommentare
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  • Ulla 19. April 2020
    Antworten

    Ja, es ist sehr traurig wie gerade die Hotelerie- und Gaststättenbranche gebeutelt ist. Ich selber war in meinen Lehr- und Wanderjahren im In- und Ausland dort beschäftigt war, kann alles sehr gut nachvollziehen. Auch vermisse ich es ab
    und zu essen zu gehen und Kontakt zu anderen Leuten zu haben. Mein Lieblings Italiener um die Ecke macht jetzt Abholservice, so komme ich wenigsten gelegentlich in den Genuss und kann ihn ein wenig unterstützen.

  • Valantis Karas 20. April 2020
    Antworten

    Mama, du weißt, wir haben schwerere Zeiten überstehen müssen und ich glaube daran, dass wir auch diese Zeit überstehen werden. Das Wasserwerk war dein Traum, dafür hast du dein ganzes Leben gekämpft und du hast es geschafft du bist ins wunderschöne Walldürn gezogen im schönen Odenwald. Ich erinnere mich als ich das erste mal da war und dachte WOW wir werden ein Stück Griechenland hier in dem wunderschönen Ort weitergeben. Ein Stück Liebe, ein Stück Genuss und natürlich ein Stück von dir. Nur Gott weiß, wie es weitergeht und ich bete für dich damit dein Traum NIEEEEE zu Ende geht

  • Panagiotis Giouvanoglou 20. April 2020
    Antworten

    Das Restaurant in Walldürn zeigt uns einen schönen Einblick über die freundliche Atmosphäre der griechischen Mentalität. Ich wünsche euch persönlich nur das Beste und
    hoffe, dass ihr diese schwierige Zeit meistert. Nur das Beste. Ich freue mich auf den nächsten Besuch. Liebe Grüße Panagiotis

  • Atha G. 20. April 2020
    Antworten

    Ein tolles Konzept mit einem Preis-Leistungs-Verhältnis das seinesgleichen sucht. Die organisatorische Umsetzung als Einzelkämpferin zeugt von handwerklichem und planerischem Können.
    Sofia versteht es, ihre griechischen Wurzeln mit klassischen Elementen zu schmackhaften und kraftvollen Gerichten zu verbinden. Serviert werden diese interessanten Speisen stets mit einem Lächeln in einem gemütlich-modernem Ambiente. Das Alte Wasserwerk verdient Aufmerksamkeit und zwar jenseits aller bestehenden Attribute. Auf der schön gestaltenden Terrasse kann eine Auszeit vom Alltag genommen werden und die Stunden an lauen Sommerabenden mit Freunden genossen werden.
    Moderne griechische Küche in höchster Kunst. Für aufgeschlossene Feinschmecker und Genießer. Lassen Sie sich bestechen von wahrhaft göttlichen Kombinationen; die Leichtigkeit ist Trumpf, die Asse sind Kräuter, Olivenöl und eine lebendige Frische machen einen Besuch unvergessen.
    Sofia, ich wünsche dir für die bevorstehende Zeit viel Kraft und Geduld, aber vor allem viel Gesundheit, denn davon kann keiner genug bekommen!

    Beste Grüße aus Düsseldorf
    Atha G. (Der Superkellner!)

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