Ich geh am Stock, Frau Schmidt.

24. April 2014

 

Frau Schmidt hat mir einen Blogstock zugeworfen. Und weil Frau Schmidt aus Berlin – und unsere Bekanntschaft noch sehr jung ist, will ich ihn gerne auffangen. Wahrscheinlich war er ursprünglich für schöngeistige Autoren gedacht, siehe die ersten drei Fragen, und vermutlich war er eigentlich aus Brandenburger Kiefer oder Bürke, mit ü.

Ich mache jetzt zwangsläufig einen Provinznotizbloggerstock draus, gute Odenwälder Buche, handgeschnitzt. Sehn Sie mir das bitte nach, Frau Schmidt.

 

Blogstock massiv.
Blogstock massiv.

 

 

1. Frage – Was machst du mit Papier?

Schreibenderweise: gar nichts mehr. Schmierzettel allenfalls. Oder mal ein Liebesbriefchen an den Gatten. Ansonsten alles digital. Beruflich habe ich Papier gehasst. Es hat mich angestarrt und ausgelacht, bleich und weiß, wie es da vor mir in der Schreibmaschine klemmte.

Und immer dann, wenn die Zeit besonders drängte – und bei tagesaktuellen Journalisten drängt sie leider ganztags – hat das doofe leere Blatt besonders laut gegrinst.

 

Aber doch: privat benutze ich Papier auch noch bis heute. Altes Zeitungspapier. Lege damit die Kotwannen im Hühnerstall aus. Aber ob das jetzt die Antworten waren, die Frau Schmidt sich vorgestellt hat?

 

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2. Frage – Was muss stimmen, damit du schreiben kannst?

Nicht viel. Nur das Gerüst im Kopf muß stehen. Und der Anfang. Dann interessiert mich das Drumherum nicht mehr.

In diesem Moment tobt sich grad der Nachbar mit dem AufsitzRasenmäher aus. 1017 Dezibel. Stört mich gar nicht. (Allenfalls, weil ich sehr neidisch bin auf diesen AufsitzRasenmäher. Ehrlich wahr.) Irgendwer mäht immer auf dem Land. Insofern.

 

 

 

3. Frage – Welche Bilder hast du im Kopf?

Beim Schreiben: Gar keine. Komischerweise. Das merke ich jetzt erst, wo ich gefragt werde. Ich höre eher Melodien im Kopf, Satzmelodien, Sprachmelodien. Einen Rhythmus. Liegt vermutlich daran, daß ich gelernt habe, fürs Sprechen zu schreiben. Da braucht auch das Gedruckte seinen Klang.

 

 

 

4. Frage – Was für eine Oma/Opa wirst du einmal werden?

Ich werde hoffentlich mal eine Komische Alte. Ohne Enkel.

 

 

 

5. Frage – Freiheit ist … ?

Der elektrisch-elektronische Klapperatismus, der mir jeden Abend, den Gott werden läßt, den Hühnerstall ganz von alleine schließt. Dem Himmel sei Dank für diese neugewonnene Freiheit.

 

Das Tor zur Freiheit. Nieder mit der Hühchendiktatur.
Das Tor zur Freiheit. Nieder mit der Hühnchendiktatur.

 

6. Frage – Dummheit bedeutet für mich … ?

Daß wir so lange ohne diesen Klapperatismus ausgekommen sind. Wie kann man nur so blöd sein. Aber die Diktatur der Hühner hat uns eben jahrelang beherrscht. Wir konnten nicht mal mehr klar denken.

 

 

 

7. Frage – Mit welchem berühmten Menschen möchtest du einen Tag verbringen und warum?

Mit   Henry Thoreau Mischung aus Waldschrat und Gentleman, aus Anarchist und Philosoph. Und Schriftsteller sowieso.

 

Ich erinnere mich, daß meine Großmutter mir ein Buch von ihm schenkte, eine Zitatesammlung, da war ich vielleicht 14 oder 15, mitten in Berlin. Und ich weiß noch, daß ich dachte: was soll der ganze Wald-Quatsch mir bloß sagen?

Heute weiß ich es. Aber ich wohne ja auch nicht mehr in Berlin, sondern in Badisch-Sibirien, das ist noch ein bißchen weiter weg als Thoreaus Blockhütte seinerzeit. Ich würde ihn jede Menge fragen wollen. Wo zum Beispiel das Buch abgeblieben ist, das meine Großmutter mir damals usw. Und warum ich nicht schon längst viel mehr über Thoreau gelesen habe.

 

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8. Frage – Worüber kannst du dich so richtig aufregen?

Hier auf dem Land: Über die Doppelmoral. Sich beim Mittagessen über die neue SchweinePutenHühnerodersonstwasMastanlage im Nachbardorf empören. Ach Gott, die armen, armen Tiere. Auf dem Teller das Schnitzel vom Discounter.

 

 

 

9. Frage – Was ist dein Anteil, die Welt ein bisschen besser zu machen?

Ich versuche, die eigene Doppelmoral zu halbieren. In jeder Hinsicht. Gelingt aber auch nicht immer.

Und a propos Doppelmoral:  ich schaffe jetzt endlich die Kaffee-Kapsel-Maschine ab, auch wenn sie den weltbesten Cappuccino macht. (Keine Widerrede. Ist so.)  Aber sie hat mich doppelt und dreifach moralisch  um den Schlaf gebracht.

 

 

 

10. Frage – Was bleibt übrig, wenn man in 200 Jahren an dich denkt?

In zweihundert Jahren? Da denkt keine Sau mehr an mich. Nicht mal die Kühe im Dorf erinnern sich dann noch. Und leider wird es keinen literarischen Nachlass geben. Vielleicht sollte ich aber mal wenigstens meinen Namen in einen Odenwälder Baumstamm einritzen. Das wär mal was. Das bliebe. Vielleicht. Wäre zwar nicht in Berlin, aber immerhin.

 

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11. Frage – Was ist ein perfekter Tag für dich?

Einer draußen. Stundenlang unterwegs mit weitem Blick, und zwischendurch ein paar Brote aus dem Rucksack und ein Schluck Kaffee aus der Thermoskanne. Und im Schatten eine Zigarette ( jawohl, nu isses raus), selbstgedreht. Und am Ende hundemüde sein.

So gesehen hatte ich jüngst gleich eine ganze Woche ganz perfekt. „Wanderurlaub“ nannte sich das, weil das aber so gräßlich spießig klingt, nennen wir es einfach die perfekte Woche.

 

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Meine 11 Lieblingsblogs soll ich hier jetzt noch vorstellen. Gibts nicht. Sorry. Gibt nur meine Blogrolle. Alle lesenswert. Und in die hinein werfe ich jetzt diesen Blogstock. Wer fangen mag, der fange. Und beantworte die Fragen 1 bis 11 erneut für sich. Und uns.

 

 

  • 11 Kommentare
  • waswegmuss 25. April 2014
    Antworten

    Zur Entwöhnungfrage (No 9) hätte ich einen todsicheren Tipp: Der Mombacher Kreisel in Mainz-Mombach, also der mit dem Frosch und nicht der mit dem Kreisel.
    Daran grenzt die Nespressoraffinerie und stößt fortwährend eine Cappucinowolke aus. Bei herannahendem Gewitter kumuliert dieser Gestank mit dem der Bakterientätigkeit in der Kläranlage auf der anderen Seite. Fürderhin schmeckt das Zeugs ebenso.

    • Friederike 25. April 2014
      Antworten

      Na, das ist ja mal ein lecker Tipp! ;-) Und gibts da tatsächlich die echte, wahrhaftige Nespressoraffinerie????

      • waswegmuss 26. April 2014
        Antworten

        Jau, so groß wie das Betonwerk am anderen Ende des Mainzrheins.
        (Ich übertreibe nur ganz selten)

  • rosmarin 25. April 2014
    Antworten

    ich merke, dass unsere perfekten tage nahezu identisch aussehen (inkl. des rauchzeichens im schatten) und stelle ebenfalls mit erstaunen fest, dass ich beim schreiben keine bilder sehe, sondern die worte höre.
    es ist herrlich diese stöckchen zu lesen (und den müllerstock oben anzustarren) und wunderbar, dass ihre blogrolle so lang ist, und ich daher das stöckchen großzügig den anderen überlasse.
    grinz&greetz Ro

    • Friederike 25. April 2014
      Antworten

      Na, das ist doch mal eine Erkenntnis! Wir sollten darauf eines Tages bei einem Zigarettchen an-rauchen, äh anstoßen!

      • rosmarin 26. April 2014
        Antworten

        oh bitte ja gern…. und dann mit liveshow des klaperatismus :-)…

  • Anna Schmidt 25. April 2014
    Antworten

    Die Frau Schmidt hat sich so gefreut (Anna reicht durchaus, Frau Schmidt sagt kaum einer). Und erwartungsgemäß hat es viel Spaß gemacht, die Antworten zu lesen. Besonders gefallen hat mir der Klapperatismus, das schwarz-rote Bündnis und die Freiheit! Und sone komische Alte möchte ich auch mal werden (mit Enkeln) – auf dem Land. Aber das wird sicherlich einmal Mecklenburg sein, am See.

    Ich mache jetzt auch ein paar Rauchzeichen und überlege, wie ich weiter an meinem Blog basteln kann, damit er so unterhaltsamen und schön wie dieser werden kann. (Der Versuch zählt ja ;-) ) Ich komme immer wieder gerne vorbei, lerne, lese, freue mich an den Inhalten und Bildern. Respekt!

    Und danke! :-) Und viele Grüße aus der großen Stadt.

    Anna – mit guter Laune!

    • Friederike 25. April 2014
      Antworten

      Hat ja nun leider lange genug gedauert, meine Antwort, der blöde Urlaub und die doofen Feiertage kamen dazwischen. ;-) Und Dein Blog gefällt mir gut, und das, obwohl ich als alte Neu-Westenderin eigentlich eine angeboren-arrogante Abneigung gegen alles habe, wo „Steglitz“ vorne dran steht.;-)

      • Anna Schmidt 25. April 2014
        Antworten

        Gut, dass Steglitz sei mir bitte verziehen – das war mein 23 Umzug hierher. Ich habe also durchaus eine Menge anderer Orte quer durch die Republik und im Ausland gesehen, um zu wissen, dass es nette Menschen überall gibt. Sogar im Netz! ;-) Und auch in Steglitz – Lichterfelde um genau zu sein.

        Mit meinem Blögchen bin ich noch etwas zögerlich, da ich ja eigentlich aus der Grafik (mit Stift) und nicht aus der Schreiberei komme – aber es macht halt schon Spaß!

        Blöde Urlaube und doofe Feiertage finde ich immer ziemlich prima … die Zeiten dazwischen allerdings auch! :-) Grüße auf´s Land!

  • Landei 30. April 2014
    Antworten

    Wegen der Doppelmoral die Kaffeekapselmachine gar nicht erst angeschafft, aber wo soll man hin mit seinem schlechten Gewissen wegen der Katzenfutter`kapseln´?
    Man kann es vielleicht kompensieren mit den nicht vorhandenen `Rauchzeichen´.
    So hat jeder sein Päckchen zu tragen.
    Schöne Grüße aus dem hessischen Odenwald.

    • Friederike 1. Mai 2014
      Antworten

      Trockenfutter?!

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