„Wir fummeln uns so durch.“

5. Mai 2021

Dass man an einem Sonntagabend mal in Ruhe mit Freunden oder Verwandten telefonieren kann, das kannte Agnes Keller schon lange nicht mehr. Sonntagabends war immer so viel los, in der Küche, in den Gasträumen, da war an Telefonieren gar nicht zu denken. Und auch, als die Gastwirte ihre Restaurants schließen mussten und der Engel in Balsbach kurzerhand auf take-away umstellte, da war sonntags immer noch genug zu tun. Das lief richtig gut, sagt die Chefin.

Aber die Begeisterung nimmt ab, das merken wir sehr deutlich. Jetzt kann Agnes Keller auch mal abends telefonieren, sie hat mehr Ruhe, als ihr lieb ist. Das Take-away-Geschäft im Dorfgasthaus läuft, aber eben lange nicht mehr so gut wie am Anfang der Pandemie. Die Leute sind allgemein müde, sie haben keine Lust mehr, das wirkt sich eben auch auf die Gastronomie aus. Manchmal telefoniert die Gastwirtin aus Balsbach auch mit langjährigen Stammgästen, die würden so gerne kommen, und ich würde sie so gerne empfangen.

Aber seit Monaten ist da niemand, den man empfangen könnte, den man bekochen oder am Tisch bedienen dürfte. Die Aushilfen sind alle abgemeldet, die Angestellten in Kurzarbeit.

Auch die Gästezimmer sind schon vorbereitet, irgendwann sollen doch mal wieder Urlauber im Engel übernachten. Alles gewienert und geputzt, umgeräumt, gerichtet. Im Dachgeschoß hat es vor ein paar Monaten gebrannt, das Gelände war über Wochen eine Art Baustelle, da war genug zu tun. Außerdem eine neue Heizung, jetzt rufen der Garten, der Acker. Langweilig wurde es der Familie nicht.

Dem alten Oskar, dem Seniorchef, dem wird es vielleicht doch manchmal langweilig, er kann nicht viel mehr tun als unten in der leeren Gaststube zu sitzen und zu warten. Auf den normalen Betrieb, auf Gäste, mit denen er endlich wieder schwätzen kann, auf bessere Zeiten. Oskar, früher Postbote, war und ist Gastwirt mit Leib und Seele, er wartet und wartet. Als über 90jähriger hat er schon manches mitgemacht, aber sowas hab ich noch nicht erlebt.

Seine Tochter Agnes, die heutige Engel-Wirtin, wäre nicht die Engel-Wirtin, wenn sie nicht auch im Lockdown noch die Zuversicht behalten würde, auch nach all den Monaten noch. So ein Familienbetrieb wir unserer hat Vorteile, kein Vergleich mit einem Gasthof in der Stadt. Keine Pacht, keine Miete, viele helfende Hände. Noch haben wir keine Existenzangst, und noch kann ich nachts schlafen, sagt Agnes Keller. Wir fummeln uns so durch. Es gibt so viele Häuser, so viele Kollegen, denen es noch viel schlechter geht als uns.

Wir haben vor ziemlich genau einem Jahr beim Engel in Balsbach schon mal nachgefragt, wie es denen so geht. Auch bei mehreren anderen Gastronomen hier in der Region. Bei denen wollen wir jetzt nach 12 Monaten nochmal hören, wie sie zurechtkommen, so nach und nach. Die Fotos stammen noch von den ersten Besuchen, damals, Ende April 2020.

Die Geschichten aus dem ersten Lockdown finden Sie hier:

Ich muß warten und hoffen – die Heidersbacher Mühle

Alle kennen Oskar – der Engel in Balsbach

Jammern machts auch nicht besser – die Linde in Gerolzahn

Wir haben keine Ahnung – Ferraros Pizzeria

Die Stammkunden retten uns – Prinz Carl in Buchen

Ich war wie gelähmt – Wiegmans Fliegerstübchen Walldürn

Das tut schon weh – Wohlfahrtsmühle in Hardheim

Was bleibt mir anderes übrig – das Alte Wasserwerk in Walldürn

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