Die Leibhaftigen.

Die alte Tante aus Berlin hat angerufen. Ich liebe sie von Herzen, sie ist meine Patentante, 80 Jahre alt und gut in Schuß und ständig unterwegs in der Millionenstadt, die mal meine Heimat war. Nur in einer Frage werden wir nicht einig. Die alte Tante hält Berlin seit jeher für den Nabel aller Welt, gesellschaftlich, politisch und auch kulturell, nur hier ist man direkt am Puls des Zeitgeschehens, hier spürt man überall den Atem der Geschichte, den warmen und den bitterkalten, da können nicht mal London, Hamburg oder Rom mithalten. Ein Leben anderswo ist schlichtweg komplett undenkbar.

Ein Leben tief im Odenwald ist so komplett undenkbar, daß wir darüber kaum noch reden, es gäbe doch nur Streit. Da bei Euch im Wald, verblödet man da nicht?, fragt sie, mit schöner Regelmäßigkeit und Unterton, ich erzähle ihr dann dies und das, und dann schweigen wir ratlos miteinander, nein, in dieser Sache kommen wir nicht zusammen.

Dieser Tage hat sie also wieder einmal angerufen, und wir plaudern über Hinz und Kunz, und natürlich kommt die Rede auf das Thema dieser Zeit. Die Flüchtlinge. Im Fernsehen verfolgt sie das ja alles, das Chaos und die Hilfsbereitschaft und die Aufmärsche von Rechts im Osten, die Zustände am Lageso, unfassbar alles, erdrückend, beängstigend, alle diese Bilder im Fernsehen und die Berichte im Radio, man mag schon nicht mehr einschalten. Wir haben die Flüchtlingsmassen nach dem Weltkrieg doch auch irgendwie geschafft, warum wirkt das denn jetzt alles so chaotisch?, fragt sie.

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Und stell Dir vor, sagt sie, ich war dieser Tage mit der U-Bahn unterwegs, Richtung Turmstraße, da bin ich ja sonst nie. Die U-Bahn brechend voll mit Menschen, ausgemergelt, müde, weinende Kinder, erschöpfte Mütter, das waren tatsächlich alles Flüchtlinge, das habe ich am Armbändchen erkannt, sagt die 80jährige Tante, die täglich kreuz und quer durch diese Stadt fährt. Das hatte ich ja so noch nie gesehen. Flüchtlinge, leibhaftig, wie im Fernsehen. Da war das Thema plötzlich mal zum Greifen nah, sagt sie, bass erstaunt, mitten in Berlin.

Oh, sage ich, und erzähle ihr dann doch mal wieder ein bißchen über die Provinz, in die es mich verschlagen hat. Kaum eine Gemeinde gibt es mehr, die noch nicht mit Flüchtlingen zu tun hat. Noch im hintersten Eck werden Dorfgasthöfe und Hotels und leerstehende Supermärkte zu Unterkünften, es gibt kleine Privatquartiere, große Gemeinschaftsunterkünfte, eine riesige Erstaufnahmestelle in einer ausrangierten Kaserne. Weil der Platz schon nicht mehr reicht, werden demnächst winterfeste Zelte aufgestellt, hier und da. So klein, wie die Städtchen und die Dörfer sind, hat jeder da so seine Berührungspunkte mit den Neuen, ob er will oder nicht. Als kommunalpolitischer Ehrenamtlicher, als Helfer bei Rotem Kreuz und Feuerwehr, als Nachbar, als Lehrer, als Vereinsmeier, als Mitarbeiter auf dem Rathaus. Ich wette, hier kennt zumindest jeder irgendjemanden, der irgendwie konkret zu tun hat mit den Flüchtlingen, sage ich ins Telefon. Oh, sagt da die Tante ihrerseits, ich hatte keine Ahnung, daß das so präsent ist, da bei Euch im Wald.

Wir plaudern noch ein bißchen übers Wetter und über eine schicke neue Ausstellung, über ihren Job bei Liebermann am Wannsee, und natürlich über die Familie. Und am Ende frage ich mich einmal mehr, wer eigentlich näher an den Realitäten dran ist: die großen Städte – oder die Dörfer auf dem flachen Land.

 

5 Kommentare

  1. Das klingt ein bisschen wie bei mir. Nur nicht mit so großen örtlichen Abstand. Meine Mutter und ihre alte Tante (auch um die 80) wohnen in einer Stadt mit über 500.000 Einwohnern, ich in einer mit ungefähr 120.000. Für die beiden ist das der viel zitierte „Arsch der Welt“. In meiner Stadt gibt es viele Flüchtlinge, bei denen verglichen mit hier, nur sehr wenige (obwohl direkt neben meiner Mutter welche wohnen, man könnte also Kontakt haben). Tante zu mir: „Du, ich seh das immer im Fernsehen, ich kann mir das gar nicht richtig vorstellen.“ Tante drei Tage später zu mir: „Du, ich bin Bus gefahren, da saß eine Familie. Die haben einen Zettel gehabt mit der Meldebehördenadresse oder so für Asyl. Die sind ja echt mitten in der Stadt drin. Mir taten die leid, die fanden sich gar nicht zurecht.“ Habe dann erzählt wie das bei uns ist, dass in meiner unmittelbaren Nähe über 500 Leute, wenn die Zahlen stimmen, zusammengepfercht sind. „Was, bei dir am Arsch der Welt?“
    Ich teilte ihr dann noch mit, dass der freundliche Mensch (ihrer eigenen Meinung nach), der ihren Rollator repariert hat auch Flüchtling ist, sie also schon direkten Kontakt hatte. Da bekam sie große Augen.

  2. Mein Rollator wurde auch im Sommer von einem ehemaligen Flüchtling repariert. Tadellos! Das der das konnte war bei uns tatsächlich Thema. Und nein, ich schäme mich nicht das zu schreiben. Meine Altersgruppe musste anders an die fremden Menschen gewöhnt werden. Nun leben wir auch damit und ich finde recht gut.

  3. 1:0 für euch in der Provinz!
    Ich bin auch erst vor einer Woche „meinen“ ersten Flüchtlingen begegnet, die in einer Turnhalle am Rand des kleinen Parks in meiner Nähe untergebracht sind. Und ein paar hatten keine Lust mehr aufs Fußballspielen, sondern wollten wissen, was da diese Städter auf der Hundewiese eigentlich treiben…
    Man kann dem Problem in der Großstadt tatsächlich entgehen…
    LG
    Astrid

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