Ja, aber.

8. Oktober 2015

Es sind diese zwei Worte, die einem eigentlich augenblicklich einen Brechreiz verursachen, wann immer sie auftauchen im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Flüchtlingspolitik und Flüchtlingsunterbringung. Ja, aber. Sie kennen das, ich habe ja nichts gegen…aber. Und auch hier im Odenwald hört man sie jetzt immer öfter, die zwei Worte, ganz besonders in Hardheim, einem kleinen Städtchen, hoch oben im Landkreis, einem Städtchen, das gerade drauf und dran ist, deutschlandweit berühmt zu werden, vielleicht auch stellvertretend für andere. Stern-TV war schon da, die FAZ, die Süddeutsche, ein Team vom ZDF. Und das alles wegen dieser zwei Worte und der Flüchtlinge.

Denn das ja, aber, das kommt hier, in Hardheim, im Odenwald, in der nordbadischen Provinz, plötzlich auch aus anderen Mündern, nicht nur aus denen der üblichen Verdächtigen. Ja heißt dann …ja, wir wollen helfen, ja, wir haben da auch eine christliche Pflicht, ja, wir sehen die Not der Flüchtlinge, ja, wir wollen sie willkommen heißen, ja, wir wissen, daß sie am wenigsten an der Misere schuld sind.

Aber heißt …aber wir können bald nicht mehr, wir gehen auf dem Zahnfleisch, wir fühlen uns völlig alleingelassen, es sind zuviele, es ist viel zu viel Arbeit für die Ehrenamtlichen und auch für die Bürgermeister, die Gemeinden. 

Stellen Sie sich also ein Städtchen wie dieses Hardheim vor, 4700 Menschen wohnen da, und inzwischen gibt es rund 1000 Flüchtlinge. Rechnet man das mal auf München um, schreibt der Reporter von der Süddeutschen Zeitung, rechnet man das also mal auf München um, dann müsste die Weltstadt mit Herz 300.000 Flüchtlinge beherbergen und versorgen, nur mal so als Beispiel. Oder: Oh, weh, man weiß nicht, wo man anfangen soll mit der Hilfe bei diesem schrecklichen Flüchtlingsdrama, seufzt die Freundin aus der kleinen reichen Stadt bei Frankfurt, das ist nicht so sehr weit weg vom Odenwald, 20.000 Menschen wohnen in dem reichen Städtchen, 128 Flüchtlinge sind da gelandet, berichtet sie am Telefon, hundertachtundzwanzig, vielleicht sind es auch 135, so genau habe ich dann nicht mehr nachgefragt, sondern stumm mal überlegt, wie das eigentlich geregelt ist mit der Verteilung, ohne Ergebnis allerdings.

Ich stelle mir vor, wie das zumindest hier in der nordbadischen Provinz derzeit so zugeht. Wenn im Landratsamt das Telefon klingelt und auf dem Display schon wieder die Nummer der Karlsruher Verteil-Einrichtung aufblinkt, dann bekommt der Landrat vermutlich inzwischen einen Herzstillstand. Dann kommen schon wieder Busse voller müder, abgekämpfter Menschen, in Tages- oder Stundenfrist, die müssen irgendwo hin, um die muss sich irgendwer kümmern. Ihr macht das schon, sagen die am anderen Ende der Telefonleitung in ihrer eigenen Verzweiflung vielleicht, hat ja noch immer funktioniert bei Euch, wer weiß das schon

Die Mitarbeiter der Verwaltung, die Bürgermeisterämter rotieren, Unterkünfte werden notdürftig hergerichtet, wenn es denn überhaupt welche gibt, per e-mail und whatsapp und facebook werden die Ehrenamtlichen in Gang gesetzt. Die, die immer da sind, kommen, die hatten in ihrem früheren Leben auch noch zwei, drei oder fünf andere Ehrenämter, in Sportvereinen, im Gemeinderat und bei den Kleintierzüchtern, aber dafür bleibt jetzt nur noch wenig Zeit, so stelle ich mir das zumindest vor. Die Ehrenamtlichen in Baden-Württemberg sind komplett überlastet, hat das Rote Kreuz jetzt schon vermeldet, und die Rekrutierung neuer Helfer ist nahezu ausgereizt.

Wer helfen will, der hilft schon längst, in der Provinz ist Helfen Ehrensache, manche helfen zehn, zwölf Stunden am Tag, viele sind in der Flüchtlingshilfe neben ihrem Brotjob engagiert, sammeln Kleider, geben Deutschunterricht, betreuen die Kinder in den großen Unterkünften, begleiten Menschen zu Behörden, zum Einkaufen. Die also, die immer da sind, die gehen inzwischen zum Teil schon am Stock, weil immer mehr Busse kommen und immer mehr Menschen, waschen Sie mal die Kleidung von über 600 Leuten, sagt eine hilfsbereite Frau aus Hardheim, seit Wochen bestaunt sie gemeinsam mit den Flüchtlingen die zehn Waschmaschinen und die Trockner in der großen Unterkunft in der Kaserne, nur leider gab es bislang keine Anschlüsse dafür, kein Wasser, keinen Strom, und ein Ansprechpartner war nicht aufzufinden. Die Frau Merkel sagt, wir schaffen das, aber wer ist „wir“, und vorallem wie?, fragt sie.

Ja, liebe Leute, hat die Landesregierung neulich dem Hardheimer Bürgermeister mit auf den Weg gegeben, als der für einen vorübergehenden Aufnahmestopp für sein kleines Städtchen werben wollte. Liebe Leute, die leeren Kasernen stehen, wo sie stehen. Auch in Hardheim. Jahrelang habt Ihr davon profitiert, von dieser Bundeswehr, sollte das wohl auch heißen, und nun müsst Ihr halt in diesen sauren Apfel beißen.

Ja, aber! möchte man jetzt selber fast schon rufen, ja, alles gut und recht, aber wer hilft denn mal den Kommunen und den Helfern? Den Helfern hier in Hardheim und denen auf den Dörfern? Denen, die sich hier tagein, tagaus die Hacken abrennen und tun und machen und keine Ahnung haben, ob das vielleicht noch jahrelang so weitergeht? Denen also, die mit ihrem freiwilligen unbezahlten Engagement den sozialen Frieden aufrecht halten, weil sie die Weichen für ein Miteinander stellen, oder es zumindest doch versuchen. Denen, die keine Willkommensfähnchen geschwenkt haben und keine Fotos auf facebook posten, sondern die einfach da sind, ohne viele Worte, immer.

Ohne die wäre hier schon längst alles zusammengebrochen, sagen Kommunalpolitiker mit Blick auf diese Helfer. Ohne uns könnte die Gemeinde das nicht mal in Ansätzen stemmen, sagt ein Helfer in Hardheim, und das klingt nicht wirklich stolz, eher müde und erschöpft nach tagelangem Dauereinsatz, oben an der Kaserne, bei den Flüchtlingen.

 

 

 

 

 

Den erwähnten Artikel aus der Süddeutschen Zeitung verlinke ich Ihnen mal hier, ich finde ihn sehr spannend, es ist aber ein Bezahl-Artikel und ich weiß nicht, ob der Link auch wirklich funktioniert, schaun mer mal.

Und hier gibt es noch einen Link zu einer sehr sehenswerten  und Grimme-online-Award-nominierten Internet-Langzeitreportage des SWR über Meßstetten, einem Nest irgendwo in Baden-Württemberg, das mit der Flüchtlingspolitik klarkommen muß.

 

 

  • 17 Kommentare
  • Astridka 8. Oktober 2015
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    Ich verfolge nun die Hardheim – Geschichte, seit sie aufgekommen ist, klar, hab ich ja ein Bild vor Augen…
    Ich habe bis jetzt feststellen müssen, dass die Einwände – außer sie kommen aus der rechten Ecke und haben sonst kein anderes Fundament – meistens darin begründet sind, dass Menschen in diesen Einrichtungen, Krankenhäusern etc. an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen und dabei keinerlei Wertschätzung ihrer Leistung erfahren, stattdessen sich mit unglaublich bürokratischen Verhaltensweisen herumschlagen müssen und Ignoranz auf höherer politischer Ebene.
    Der Rest im Lande, der nicht in der Nähe solcher Einrichtungen lebt, kriegt ja gar nichts mit ( und sollte deshalb die Klappe halten oder mit anfassen ). So ist das jedenfalls hier in der Großstadt, wo die meisten fernab von Flüchtlingsunterkünften leben.
    Ich wünschte den Hardheimern schon, dass sich die politische Ebene mal einfühlt, was das Zahlenverhältnis so bewirkt. Es kann ja nicht nur darum gehen, die Menschen mit Kleidung, Essen, Dach überm Kopf zu versorgen.
    Von meiner Mutter weiß ich aus ihren Erzählungen von über dreijährigem Flüchtlingsdasein, in welche Agonie & Hoffnungslosigkeit man da verfällt, wenn man nur auf seinem Feldbett zu liegen hat & alle Kopfläuse ausgerottet. Eine Einbindung der Flüchtlinge in sinnvolle Tätigkeiten für sich und ihr Überleben wäre da sicher eine Möglichkeit, dem gegenzusteuern… ( Hier in Brühl haben die Flüchtlinge die Fußgängerzone gereinigt als Dankeschön. Ist mir zwar peinlich, dass sie unseren Dreck wegräumen, aber sicher auch eine Beschäftigungstherapie ).
    So, jetzt sollte ich auch endlich was tun, statt hier im netz herumzuhängen.
    LG
    Astrid

    • LandLebenBlog 8. Oktober 2015
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      Tja, aber wenn das eben hauptsächlich ehrenamtliche stemmen sollen, wie soll das gehen?

      • Astridka 9. Oktober 2015
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        Ne, das meine ich auch nicht. Sozialarbeiter hatten lange kaum Arbeitsangebote, Lehrer für Deutsch als Fremdsprache nur prekäre Arbeitsverhältnisse -es wird doch Geld vom Bund zur Verfügung gestellt – doch hoffentlich nicht nur für nicht angeschlossene Waschmaschinen?
        Das Rote Kreuz hat sich doch auch schon kritisch geäußert – wo bleiben die? Außen vor?
        Ich denke, dass der Öffentlichkeitsdruck in puncto Hardheim sich ja aufzubauen beginnt…

        • LandLebenBlog 9. Oktober 2015
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          Die Ehrenamtlichen Rotkreuzler sind überall im Einsatz. Ich glaube, hauptamtliche gibt es hier kaum.

  • Matthias Eberling 8. Oktober 2015
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    In einem Nachbarort, Langenlonsheim, sollen in einer leerstehenden Fabrik demnächst 3000 Flüchtlinge einquartiert werden. Der Ort hat 4000 Einwohner. Ich bin mal gespannt, wie dieses Experiment ausgeht. Im Dorf werden die Leute keine Jobs und Wohnungen bekommen, das gibt so ein kleiner Ort nicht her.

    • LandLebenBlog 8. Oktober 2015
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      3000 auf 4000? Wer denkt sich sowas aus?

  • waswegmuss 8. Oktober 2015
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    Gestern abend war es in unserer Abendrunde. Die Bilder wie nach dem Krieg, Messenmassen mit ihrem Bündel auf der Straße. Das hat Deutschland schon mal weggesteckt. Öfter sogar. Nur ohne die Freiwilligen ginge da nichts.
    Ich schwiff ab: Vom Ehrenamtstitel wollen viele nichts mehr wissen. Shake hands mit Politikern schon mal gar nicht mehr, gerade und weil einige* sich an der Flüchtlingskatastrophe dumm und dämlich verdienen.
    Meines Erachtens ist das die Sollbruchstelle. Wir können nur hoffen, dass die Stimmung nicht kippt.

    *Das sind in dem Falle nicht die Fluchthelfer.

    • LandLebenBlog 8. Oktober 2015
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      Meine Sorge. Auf jeden Fall wird es bei vielen Engagierten bald viel Frust geben, fürchte ich.

  • Jens Arne Männig 8. Oktober 2015
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    Wenn der Hardheimer Bürgermeister meint, man habe ja jahrelang profitiert von der Bundeswehr, dann ist das nur die eine, durch die Gnade des Vergessens allmählich etwas verschwimmende Seite der Medaille.

    In der Zeit des Kalten Krieges hatten wir in jedem zweiten Dorf Bundeswehr oder US Army – in genau dem Gebiet, das der frühere Buchener Landrat Joseph Rozzoli Ende der Zwanzigerjahre noch als »Abseits der Heerstraße« bezeichnet hatte. Wir waren Tieffluggebiet, in dem die Starfighter- und Phantom-Piloten auch schon mal mit deutlich weniger als 100 Meter Flughöhe über die Hügel donnerten. Und zweimal im Jahr war Manöver, schließlich befanden wir uns ja mittem im Fulda Gap, dem Landstrich, in genau dem das Einfallen des Russen erwartet wurde.

    Während der Manöver zogen die Bewohner der Ortsmitten, durch die damals noch die Bundesstraße 27 führte, nach Möglichkeit immer zu Verwandten auf die Aussiedlerhöfe, weil wegen des Lärms der Militärkolonnen sonst an Schlaf nicht mehr zu denken war. Und danach wunderte man sich regelmäßig über massive Flur- und Waldschäden, und einmal mehr wurden die wieder von den Panzern in den Boden gerammten Bordsteine ausgetauscht. Und in der Zeit zwischen den Manövern trauten sich viele junge Frauen nicht in diese Disko, jene Kneipe oder das eine oder andere Dorffest, weil sich die Horden betrunkener Soldaten dort nur sehr bedingt gentlemanlike aufführten.

    Nein, es war nicht alles gut damals – und die Probleme waren auch keinesfalls kleiner oder weniger als heute. Wenn auch einige wenige von der Omnipräsenz des Militärs wirtschaftlich profitiert haben mögen.

    Es scheint eine unabwendbare Tatsache zu sein, dass sich das Sozialverhalten kasernierter Menschen (siehe oben) nur selten zum Besseren verändert. Weshalb man sich auch mal überlegen sollte, ob die Kasernierung von Flüchtlingen – meist jung, männlich und unter Umständen hormongeladen und traumatisiert – die besten Voraussetzungen für eine gute und schnelle Integration schafft.

    • LandLebenBlog 8. Oktober 2015
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      Tja, aber was ist die Lösung? Gestern auf der bürgerversammlung in Hardheim fragte jemand nach Plan B, und ich fragte mich da, wie eigentlich Plan A aussieht.

      • Jens Arne Männig 9. Oktober 2015
        Antworten

        Plan A ist der Wunsch der politisch Verantwortlichen, wiedergewählt zu werden.

        Plan B wäre eine dezentrale Unterbringung in kleinen Wohngruppen. Wir alle wissen, wie viele Wohnungen in der Region leerstehen. Jede Wohngruppe, besser noch jeder Asylbewerber, hat einen Einheimischen als Paten in der Nachbarschaft, der ihm hilft, sich einzuleben und Anschluss an die kulturellen und sozialen Strukturen des Landes und der Region zu bekommen.

        Ja, ich weiß: Ich träume.

  • Michael Hahl 8. Oktober 2015
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    Auf der Rückseite imagetauglicher Merkelsprüche kommt die nackte Wahrheit zum Vorschein.

    • LandLebenBlog 8. Oktober 2015
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      Die Wahrheit ist auf jeden Fall mal die: allein mit Sprüchen ist niemanden geholfen und die Helfer brauchen Hilfe.

  • Franziska 8. Oktober 2015
    Antworten

    Bin heute erschrocken, als ich im Netz die benimmregeln der hardheimer für Flüchtlinge las. Manches ist durchaus nachzuvollziehen. Aber manches macht sprachlos. .. ja aber. ..

    • LandLebenBlog 9. Oktober 2015
      Antworten

      Ja, Hardheim wird gerade mit mehreren Geschichten berühmt, aber auch da ist vielleicht manches etwas differenzierter zu sehen, als es bei den kollektiv aufjaulenden Kritikern zu lesen ist, aber das ist jetzt wieder ein anderes Thema…;-(

  • Roswitha 9. Oktober 2015
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    Viele Menschen helfen! Aber mit einer Verwaltung, die Verantwortung so splittet, dass zwar Waschmaschinen und Trockner geliefert werden, aber der einzig sinnvolle nächste Arbeitsgang des Anschlusses nicht stattfindet – wie sollte man damit umgehen?
    Unnötige Bürokratie macht auch Chaos, und Helferinnen und Helfer müde.

    • Astridka 9. Oktober 2015
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      Genau da sehe ich das Problem. Und Meckern & Lamentieren kostet mindestens so viel Kraft wie helfen, macht aber viel schlechtere Stimmung, auch bei einem selber.
      Und was die Träume von Jens angeht: Die leer stehenden Häuser kenne ich nur zu gut. Ob die Bereitschaft noch so wie früher da ist, Patenschaften zu übernehmen, weiß ich nicht. Bei meinen Eltern wäre das klar gewesen, die Jüngeren kenne ich nicht so, habe aber auch patente, anpackende Personen in der Familie erlebt.
      Wichtig finde ich auch, die Stimmung nicht so runterzuziehen hierzulande und sich solche Posts „reinzuziehen“:
      http://blogs.stern.de/helferininnepal/registrierung_serbien/
      LG
      Astrid

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