Die, die immer da sind.

Wir haben uns das ja nicht ausgesucht, wir nicht und die da auch nicht, sagt die junge Frau und lächelt ein bißchen verlegen unter ihrem Mundschutz und zuckt mit den Schultern und macht eine Kopfbewegung zu denen da drüben, die da gerade aus dem Bus aussteigen. Aus Karlsruhe kommen sie, das heißt, eigentlich aus Afrika und Syrien und Eritrea und aus dem Kongo und aus Pakistan und was weiß ich woher.

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Und jetzt sind sie wieder alle da. Die, die immer da sind. Immer dann, wenn Not am Mann und an der Frau ist, wenn es um Leib und Leben geht, wenn es brennt oder wenn irgendwo ein Chaos droht. Freiwillige Feuerwehren, Rotes Kreuz, THW und wie sie alle heißen. Ehrenamtlich. Eine Freizeitbeschäftigung der etwas anderen Art.

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Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen in Ihren uralten Kisten angebrummt, aus dem Auspuff qualmt der Charme der Sechziger, und coole Städter würden sich halb schieflachen über die Gefährte, die da noch im Dienst sind auf dem Land. Egal, Hauptsache, die Wagen fahren und bringen die Trupps von einem Einsatzort zum nächsten.

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Organisiert hat das einmal mehr der freundliche Herr K., treue Leser kennen ihn ja schon, hier war von ihm schon mal die Rede. Diesmal war er zwischendurch nicht immer freundlich, er entschuldigt sich bei allen, die es abbekommen haben, vor versammelter Mannschaft. Ich war zu einigen von Euch ein bißchen unfreundlich, das tut mir leid, das war der Streß. Die vielen Männer und die Frauen nicken, macht nichts, Schwamm drüber, das kennen wir ja alle selber. 

72 Stunden hatte die Verwaltung Zeit, sich vorzubereiten auf die Ankunft neuer Flüchtlinge. 300 Männer, Frauen und Kinder würden kommen, hieß es Ende der Woche, und die Menschen sollten schon am Sonntag eintreffen. Zwei leerstehende Gebäude einer Kaserne hat das Land sich ausgeguckt, als Bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtung, sehr spontan, um das größte Chaos zu vermeiden. Das Land entscheidet, hopplahopp, und wir hier müssen zusehen, wie wir das hinbekommen, sagt einer, Amtshilfe heißt das ganz offiziell, man könnte es auch Kraftakt nennen, oder Meisterleistung. Wie an so vielen Orten dieses Landes, überall in diesen Tagen.

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Die Bundeswehr richtet in einer Hauruckaktion die zwei Gebäude her, dann kommen all die Ehrenamtlichen zum Zug. Feldküchen müssen her und was zu essen für die Flüchtlinge, warme Mahlzeiten, belegte Brote, bis das Land einen Caterer schickt, Kaffee und Tee und Apfelschorle.

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Seit Stunden sind die Helfer auf den Beinen, bauen Zelte auf, verlegen Leitungen, schleppen Tische und Bänke, organisieren mobile Klos und Büro-Plätze für die erste Registrierung. Richten in der Kaserne soetwas wie eine Notfallpraxis ein, für die medizinische Versorgung derer, die da kommen.

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72 Stunden, das war ja durchaus sportlich, sagt der freundliche Herr K., aber wir haben gezeigt, daß wir das können. Wie eine großangelegte Katastrophenübung sei das, sagt er, nur, daß es eben keine Übung ist. Die Einsatzkräfte hier im Odenwald, die schaffen das, sagt er. Und ja, die allermeisten, das sind Ehrenamtliche, rund hundert Männer, Frauen, jedes Alter, die hatten eigentlich was andres vor an diesem Wochenende. Das Weltgeschehen fragt nur selten nach den Freizeitplänen irgendwelcher Odenwälder Ehrenamtlichen.

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Nach stundenlangem Gerenne und Gehetze dann stundenlanges Warten auf die Flüchtlinge, die Busse kommen später als geplant, Kaffee und heißes Wasser blubbern in den Kesseln, die Helfer sind müde. Das ist das Anstrengendste, sagt eine, dieses Rumstehen, diese Warterei. 

Irgendwann kommt dann der erste Bus, die Menschen steigen aus, jetzt geht die Arbeit richtig los. Freundlich, ohne Hektik. Halb Deutsch, halb Englisch. Bitte hier entlang!, Kommen Sie bitte hier herüber!, Is that your bag?, Please come with me. Spricht irgendjemand Italienisch?, fragt eine junge Helferin in die Runde.

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300 müde Menschen werden amtlich registriert, sie bekommen ihre Zimmer gezeigt, die Duschen, müssen zur medizinischen Kontrolle. Draußen regnet es, in den Zelten ist die Luft dick und klamm, der Umgangston höflich.

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Wir haben uns die Situation ja nicht ausgesucht, sagt die junge Frau und lächelt verlegen unter ihrem Mundschutz und zuckt mit den Schultern, wir nicht und die da auch nicht. Hier werden keine bunten Fähnchen geschwenkt, keine welcome-Transparente in die Höhe gehoben, keine juchuu-ich-war-dabei-Fotos für facebook gemacht. Die Helfer helfen einfach. Der Verwaltung und damit auch den Flüchtlingen, oder umgekehrt, ganz, wie Sie wollen.

Mein Tag geht irgendwann zuende. Ich fahre nach Hause, die Helfer bleiben. Ja, ich bin auch ehrenamtlich engagiert, ein kleines bißchen nur, Pipifax gegen diese Art von Arbeit hier, aber ich tue, was ich kann, an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Themen. Und ich denke darüber nach, was wäre, wenn ich gar nichts täte, also wirklich gar nichts. Wenn ich mich, – bei all den Möglichkeiten, die ich habe, oder wenn ich mehr Zeit und Geld hätte als andere -, wenn ich mich also jeden Abend in den Fernsehsessel setzen und in die Glotze starren und schlaue Reden führen würde, darüber, was man denn so alles tun müsste auf dieser schlimmen Welt. Wenn das mein Beitrag zum gesellschaftlichen Leben wäre. Ich glaube, ich würde mich in Grund und Boden schämen.

 

 

 

 

17 Kommentare

  1. „Des mache mer scho“, höre ich da in meinem inneren Ohr, weil schaffen mehr Spaß macht, als zu Hause auf dem Sofa vor der Glotze hängen, da kenn ich meine Pappenheimer ( das ist anerkennend & freundlich gemeint ). Unsereiner, durch bürgerliche Gene versaut, denkt zu viel nach, und dann ist die Arbeit schon erledigt. Hier wird man momentan nach Hause geschickt. Und Deutsch für Nichtmuttersprachler kann ich ( noch? ) nicht unterrichten…
    GLG
    Astrid

  2. Die Gesellschaft wird von ehrenamtlichen und dem Mittelstand getragen – also genau von der Bevölkerungsgruppe, welche mit immer mehr Belastungen zurecht kommen muss, finanziellen Einschnitten zu kämpfen hat – der Bevölkerungsgruppe, der ständig mit gesetzlichen Auslegungen erklärt wird, dass etwas nicht geht.

    Die wirtschaftliche Elite unseres Landes findet man bei Hilfsaktionen nicht – auch nicht nachts, wenn es mal wieder brennt.

    Ach doch – wir werden die Wirtschaftselite wieder finden –
    wenn sie Geld mit dem Bau und der Vermietung von Sozialwohnungen verdienen wird. Wenn sie die Einnahmen aus dem Verkauf von Hilfsgütern zählt oder Ausgaben für „Spenden“ in ihrer Bilanz Steuerlastmindernd einträgt und zuvor marketingtechnisch heraus stellt und sich selbst feiert ….

    Liebe Ehrenamtliche – sucht mal das Feld im Steuerformular über die Anrechnung ehrenamtlich geleisteten Stunden ;-)

    Seid stolz auf euch – ihr seid das Rückgrat unserer Gesellschaft – das macht vielleicht auch etwas glücklich – und Glück kann man nicht kaufen ;-)

  3. Das liest sich wie bei uns. Die Stadt, in der ich wohne bekam morgens bescheid, dass 150 Leute kommen und dann musste improvisiert werden. Klappte gut, es wurden auch bald ein Fest ausgerichtet und ein Theaterstück aufgeführt für die neuen Mitbürger, ein Kaufhaus mit Spenden von Kleidung etc. aufgemacht und so was alles. Das war im Juli, und es hieß Provisorium, jetzt ist es eine Dauereinrichtung und es steht immer wieder in der Zeitung, dass noch mehr Raum gesucht wird damit die Leute irgendwo bleiben können. Mittlerweile auch in Schulen wo gerade normaler Betrieb ist. Betreut werden soll das ganze natürlich möglichst ehrenamtlich und es ist auch viel guter Wille und Engagement da, aber es gibt eben auch Dinge für die schlichtweg Qualifikation notwendig ist, damit es nicht im Desaster endet, wie beispielsweise im medizinischem Bereich, wenn es über Ersthilfe hinausgeht. Aber es wollen zum Glück viele Menschen helfen (einige leider auch nur daher weil es gerade in ist).

      • Das wäre schön. In Nachbarstädten von hier ist es leider anders. Da hat es nicht nur schon gebrannt und öffentlich gepöbelt und verletzt, da hat es auch wenig Helfer. Die fragen hier an, ob wer kommen kann. Da wir aber unter anderem etwa 1500 Leute hier haben, die untergebracht und versorgt werden müssen und im Idealfall auch integriert und irgendwie beschäftigt (Sport, Spiel für die Kinder, Deutsch für Anfänger) und gerade Containerlager aufgebaut werden, geht das nicht. Allerdings hängt sich eine an sich sehr arme angrenzende Stadt, in der es auch schon zu Vorfällen kam und in der wenig Hilfsbereitschaft bei den Bürgen ist, hier extrem bei der medizinischen Versorgung mitrein, die schicken Personal, das dort selbst kaum abkömmlich ist, stellen Krankenhausbetten zur Verfügung und ähnliches, obwohl sie selbst hart an der Grenze sind.

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  5. …nicht nur sprachlich (mal wieder) unerreicht, sondern auch sehr berührend. Denke über meinen so lange gefassten und sehnsüchtig vorbereiteten Vorsatz nach, mal endlich für eine kleine Weile ohne Ehrenamt zu sein… Und freue mich über meinen Jüngsten, der gestern nicht nur seine Kuscheldecke und Fußballtrikots hergab. Und über meinen Mittleren, der sich in England gerade als erstes mit einem Syrer angefreundet hat. Und schließe mich meiner Ältesten an, die findet, an „ihrem“ Gymnasium sei ja jetzt wieder Platz, seit die Hauptschule umgezogen ist, für Deutschunterricht. Ein Anfang…

    • Kannste mal sehen. Aber ich werde jetzt auch Ehrenämter abgeben. Hilft ja keinem, wenn man ehrenamtlich über die eigenen grenzen geht. Dann lieber an einer einzigen Stelle, aber da richtig.

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