Sich zeigen, nicht schweigen.

Nachmachen und Kopieren ist unter Bloggern nicht wirklich beliebt, aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme und kupfere gnadenlos ab. Bei der Kölner Fotografin Smilla Dankert, die Gesicht und Flagge zeigt und das Wort ergreift. Also, jetzt ich, und dann hoffentlich Sie. Egal, zu welchem Thema Sie selber im Netz unterwegs sind: es gibt Themen, zu denen kann und darf man irgendwann nicht mehr den Mund halten. Vorallem dann nicht, wenn so viele andere das hassverzerrte Maul weit aufreißen.

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Foto: Hilger.

Also: Gesicht zeigen. Sie sehen hier sonst eigentlich nie Fotos von mir, zumindest keine ernstgemeinten. Und dieses hier ist ein paar Monate alt, derzeit sehe ich ein wenig mitgenommen aus. Mitgenommen von diesem und von jenem, und mitgenommen von der Entwicklung in Deutschland. Wobei: was heißt eigentlich Entwicklung? Neulich las ich in irgendeiner großen Zeitung, drei Millionen Menschen engagierten sich aktuell für Flüchtlinge, die Zahl muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, nur leider sieht und hört man dazu ansonsten wenig. Und wenn, dann kommt wieder irgendeiner irgendwo hervorgekrochen und schreit etwas von Gutmenschen und Lügenpresse.

Mitgenommen bin ich von dem Hass in diesem Land. Von dem Hass, der mit wutverzerrter Grimasse Menschen beschimpft, der mit kippender Stimme schreit und brüllt, unsägliche Transparente in die Höhe hält oder auch mal selbstgebaute Galgen, der Brandsätze schleudert und Flüchtlingsunterkünfte blockiert, der jede Menschlichkeit verloren hat und für alle Argumente taub sein will. Der im Internet von Gaskammern faselt und von an die Wand stellen, von Abschaum, Gesockse, Bazillen und Zecken. Der Beifall klatscht, wenn anderen Menschen angst und bange wird, und begeistert johlt, wenn Kinder weinend um ihr Leben fürchten.

Ich habe keinen Fernseher, ich klicke mich schon lange nicht mehr durch die online-News, ich höre seit Monaten kein Radio mehr, ich will das alles nicht, aber der Hass scheint seinen Weg zu finden, überall und immerzu scheint er durchzusickern und konfrontiert mich mit der rauhen Wirklichkeit. Oder zumindest mit einem Teil davon. Ich weiß nicht, wo dieser Hass herkommt. Denen, die jetzt Wir sind das Volk! brüllen, oder anderswo anderes, denen ein verächtliches Ihr seid das Pack! vor die Füße zu spucken und sich dann zurückzulehnen bei einem guten Glas Wein, das ist herrlich einfach, macht nur wenig Sinn. Ich will auch darüber nachdenken, wo der Hass herkommt, und vorallem: dagegenhalten.

Nein, ich schwenke keine welcome-Fähnchen, und ich trinke auch nicht gleich mit jedem Fremden Brüderschaft. Warum auch? Ich sage auch nicht mantraartig Wir schaffen das, selbst wenn ich davon überzeugt bin. Wenn dieses Europa, das sie uns seinerzeit als Solidargemeinschaft verkauft haben, als einen Verbund von Freunden für den Frieden (und ich habe lange Zeit daran sogar geglaubt, ist das nicht rührend?), wenn dieses Europa also wenigstens das Papier wert wäre, auf dem die europäischen Verträge stehen, dann würden wir das schaffen. Aber locker. 700 Millionen Europäer würden das doch bitte schaffen, auch, wenn am Ende drei oder fünf oder acht Millionen Menschen neu hinzukämen.

Während die in Europa also noch jämmerliches Flüchtlingspoker spielen, oder miesen Schwarzer Peter, was weiß ich, währenddessen will ich weiter tun, was getan werden muß. Mich dem Hass entgegenstellen. Offen auf Fremde zugehen, Hilfe leisten, Hilfe anbieten. Mich vor Vorurteilen und vor Verallgemeinerungen hüten. Meine eigenen Ängste überwinden. Mich auf meine christlichen Grundwerte besinnen, und mich daran erinnern, wie es war, als ich selber fremd und unerwünscht war. Kurz gesagt: Mensch sein. Ganz einfach.

So, und was hat das jetzt auf einem Blog über das Landleben zu suchen? Erstmal gar nichts, siehe oben. Oder doch: ich lebe in einer der strukturschwächsten Gegenden im reichen Baden-Württemberg, die Region ist bitterarm und hier wohnen die schwärzesten Keiler, heißt es immer so schön. Aber es funktioniert mit dene Asyllannde, und das, obwohl manches winzige Dorf vor echte Herausforderungen gestellt ist, schon zahlenmäßig.

Wir machen auf den kleinsten Dörfern die besten Erfahrungen, sagt der Mann vom Landratsamt, und ich glaube ihm gerne. Die Odenwälder mögen erstmal maulen oder Angst haben, aber am Ende packen ganz viele mit an, wenn die Fremden kommen. Pragmatisch, praktisch, gut. Natürlich gibt es Probleme, und natürlich gibt es Vollidioten, einheimische ebenso wie geflüchtete. Aber der Hass hat hier noch keinen sichtbaren oder hörbaren Platz. Dafür liebe ich diese Region, und dafür bin ich stolz auf diese Odenwälder. (Das sagt die Berlinerin in der Provinz, das muß man sich mal vorstellen.). Und ich bete, daß das so bleibt.

 

 

Wenn Sie zu dem Thema Flüchtlinge in der tiefen Provinz noch ein bißchen nachlesen wollen, wir hatten es dazu ja schon ein paar mal hier, bitte sehr: hier oder hier zum Beispiel. Oder hier. Alles nicht ganz aktuell, aber immernoch topaktuell – falls Sie verstehen, was ich meine. Allen, die immernoch meinen, Stadt = gut, Provinz = schlimm sei das besonders ans Herz gelegt.

 

 

18 Kommentare

  1. Das Wissen darum, dass überall Menschen so denken wie Du, die vielen Helferinnen und Helfer bei der Integration, auch die Menschen, deren Christentum oder Humanismus sich nicht nur in Fensterreden zeigt, all das hilft weiter.
    Wo kommt die Angst her? Und: Vielleicht ist Politik zu wichtig, um sie den Verantwortlichen zu überlassen, sind wir alle verantwortlich. Helfen wir mit, jetzt und für die Zukunft.

  2. Ich habe mir nie wegen der Finanzkrise Sorgen gemacht, oder wegen der Ukraine oder Griechenland. So langsam mache ich mir aber inzwischen doch Sorgen. Nicht wegen der Flüchtlinge, sondern wegen der Debatte um sie. Die Stimmung wird hysterisch und ich habe das Gefühl, manche suhlen sich in ihren angeblichen Ängsten und in einer Opferrolle.

    Mit den fünfzehn Syrern im Dorf haben wir bisher gute Erfahrungen gemacht. Sie werden von drei Frauen betreut und grüßen höflich auf den Gassen. Mehr kann man nach drei Wochen noch nicht sagen.

    Wieso bist du nur s/w? Deine Vierbeiner setzt du liebevoller in Szene.

  3. Nach bald drei Monaten Afrika, kurz vor Ende unserer Reise, stelle ich eines mal wieder zweifelsfrei fest: SOOO einfach – nur mal wegen schoenerem Wetter etwa – wechselt man nicht die Kultur… Auf gar keinen Fall. Selbst wenn man die freie Wahl hat/ haette.

  4. Warum man nichts hört von den geschätzten 3 Millionen Menschen, die in der Flüchtlingshilfe tätig sind, fragst Du. Ich denke, es liegt daran, daß wir eh schon viel von unserer Freizeit und unseren Gedanken ganz konkret mit diesem Thema verbringen – bei mir jedenfalls sind vor allem mental keine Ressourcen übrig, mich zusätzlich lautstark zu äußern.
    Dazu kommt, daß ich eh nicht sonderlich konfliktfreudig bin, und ich habe wirklich Angst vor dem Tag, an dem ich gefordert bin, mich den Lauten, den Selbstgerechten entgegenstellen zu müssen.
    Warum man aber in den Medien vergleichsweise wenig von diesen 3 Millionen Menschen hört, das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist es auch nur ein gefühltes „wenig“, weil das laute, das hetzerische sich schneller verbreitet und eindrücklicher einprägt. Und weil „die Politik“ dem so sehr nachgibt. Die Umfrage der Bertelsmann-Stiftung
    https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/EZ_eupinions_2016_01_DT.pdf
    zeigt ja, daß in den meisten EU-Ländern die Politik weniger integrationsbereit ist als die Bevölkerung.

  5. Solche Beiträge geben mir wieder Mut ?. Wenn man mal wieder in direkter Umgebung anderes zu hören bekommt und sich fragt wie das sein kann. Das Europa was uns verkauft wurde existiert nur wenn Geld fließt, wenn man wirklich zusammen anpacken muss und auch mal was tuen soll verabschieden sie sich Reihen Weise.
    LG aus dem Westerwald
    Desiree

  6. Toller Kommentar. Da ich es selber nicht besser auszudrücken vermag, werde ich auf deinen Beitrag verweisen. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.
    Liebe Grüße
    Vera

  7. Sehr gut geschrieben…DANKE für diesen Post, das macht mir Mut…wir sind vielleicht nicht so laut…aber wir sind mehr, als man denken mag. Und das ist es, was ich gerade so dringend brauche: von anderen hören, die genauso denken wie ich, daher noch einmal: DANKE…und weiter so!
    Liebe Grüße…Silke-Lara

  8. ich freue mich sehr welche Wellen Annas Aufruf schlägt, wie unterschiedlich die Beiträge ausfallen und alle insgesamt eins machen: Mut sich zu zeigen und laut zu werden. Nie wieder Faschismus, ist nicht nur ein Slogan …
    danke und herzliche Grüsse unbekannter Weise
    Ulli

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