Die Windsors sind überall.

Ich gestehe: als alte Preussin habe ich eine (selbstverständlich heimliche) Liebe zu Adelskram und Dschingderassabumm, zu schicken Paradeuniformen und königlichen Hochzeiten. Letztere würde ich mir, wenn ich ein Fernsehgerät besäße, immerzu im Fernsehen anschauen, aber da ich nun nicht im Besitz eines TV-Empfängers bin, spare ich mir das.

Spare mir auch die Sturzbäche an Rührungstränen, die ich zweifellos vergießen würde, wenn Prinz Dingelskirchen seiner Prinzessin das Ja-Wort gibt und alle jubeln. Als kleinen Trost lese ich wenigstens beim Friseur alles, was man über den europäischen Hochadel und die Königshäuser dieser Welt wissen muß. Und unter der Trockenhaube sieht ja keiner, wenn ich wieder flenne.

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Und glücklicherweise lebe ich ja nun im Odenwald. Am Busen der englischen Monarchie, mal etwas vereinfacht gesagt. Und wenn mir mal wieder nach King und Queen ist, nach ein bißchen heiler Welt in diesen merkwürdigen Zeiten, dann ziehe ich einfach die Wanderschuhe an und laufe los. Erst Richtung Mudau, dann ins Gebüsch.  Dann vorbei an den stummen Zeugen einer Zeit, die lange schon vergangen ist.

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Aber so stumm sind die Zeugen gar nicht. Wenn man nur genau hinhört, erzählen sie romantischen Schöngeistern wie mir eine Geschichte. Und die geht ungefähr so:

Es war einmal eine junge Prinzessin, die heiratete – hier, im Odenwald – einen alten Knacker namens Emich Carl zu Leiningen. Erst kamen zwei Kinder, dann starb der Emich-Carle, und die schöne Prinzessin guckte schön dumm aus der Wäsche.

Ich stelle mir vor, sie weinte Nacht für Nacht (weil das Leben einer alleinerziehenden Mutter schon damals auch im Odenwald nicht einfach war, Prinzessin hin oder her), und ihr zehnjähriger Sohn Carl-Friedrich-Wilhelm tröstete sie auf seine kindliche Art (das musste ich jetzt behaupten, um Carl-Friedrich-Wilhelm hier einzuführen, der wird nämlich gleich noch ziemlich wichtig.).

Wie dem auch sei: trotz verheulter Augen, trotz der Kinder fand sich einer: Eduard August heiratete die schöne Witwe 1818, und weil Ede dem englischen King George sein Bruder war, zog das frischgetraute Paar mitsamt den schon vorhandenen Kindern nach England. Nicht ohne vorher mitten im Odenwald noch eine Tochter zu zeugen, die später von Beruf Königin werden sollte. Queen Victoria.

Bingo.

Können Sie folgen? Unser Oudewälder Buuu Carl-Friedrich-Wilhelm ist mithin also ein Halbbruder von Vikki, der Königin. Und Vikki selber eine waschechte Odenwälderin, so gesehen.

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Über all das also denke ich nach, während ich in der hintersten Ecke des Odenwaldes, in der aller-hintersten Ecke, durch einen großen Wildpark laufe. In dem es zwar am hellichten Tag kein Wild zu sehen gibt, dafür aber jede Menge uralter, riesiger Bäume, wie man sie sonst kaum noch sieht. Ein paar verstreute Häuser, und ein Schloß, das – huch! – so gar nicht hierher passen will.

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Und so geht die Geschichte ungefähr weiter: Der kleine Carl Friedrich Wilhelm fand das Leben im Dunstkreis des englischen Hofes zwar ziemlich cool, und auch sein neuer Vater war ok, aber  Nacht für Nacht (so stelle ich mir das vor), weinte unser Odenwälder Bübchen vor lauter Heimweh in die Kissen.  Seine kleine (Halb)Schwester, Königin Victoria, hatte natürlich keinen blassen Schimmer, wovon der Gute sprach und konnte deshalb wenig trösten. Klassische Patchworkfamilienproblematik, undsoweiter.

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To cut a long story short: irgendwann war Carle alt genug, um allein zurück nach Germany zu gehen, zurück in seinen geliebten Odenwald. Und dort mal gleich ein Schloß zu bauen, in einem Wildpark, den sein leiblicher Vater selig noch angelegt hatte. Und weil ein Teil seines Herzens aber eben auch für die Engländer schlug, ließ er sich ein Odenwälder Windsor-Castle bauen. Die steingewordene Verbindung zwischen Odenwald und dem englischen Thron.

(Ja, Ihr Architekturkenner, eigentlich ist Schloß Waldleiningen eine eins-zu-eins-Kopie von Abbotsford, ich weiß. Windsor Castle klingt aber besser, und wer kennt schon Abbotsford?)

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So.

Noch Fragen?

Ja, das Schloß wird heute noch genutzt, als psychosomatische Klinik am Ende der Welt. Kein HändiNetz, keine Verkehrsanbindung, kein Dorf weit und breit. Sehr erholsam für ruhebedürftige Manager mit Burn-out und Erfolgsfrauen in der Streßfalle.

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Ja, ein Besuch lohnt sich unbedingt. Schloß Waldleiningen liegt auf der Route zahlreicher Rundwanderwege. In das Gebäude selber kommt man leider nicht hinein, die un-freundlichen Verbotsschilder über-all machen das über-deutlich. Aber wenn man vorher mal den Fürschten anruft, dann vielleicht. Siehe unten. Oder man geht sonntags mal in einen evangelischen Gottesdienst in die Kapelle. Das Schloß nämlich ist, tief im Katholikenland, ein Hort der Reformation gewesen, aber das ist jetzt wieder eine andere Geschichte.

Und: Nein, ob Queen Victoria jemals hier war, um ihren Odenwälder Halbbruder mal wieder zu besuchen, das weiß ich nicht. Angeblich ja und angeblich nein.

Ich für meinen Teil treibe mich immer mal im Park herum, in der Hoffnung, daß Prinz Charles vorbeischaut. Ohne die blöde Camilla.

Leider bislang ohne Erfolg.

 

 

Und wers nun ganz genau wissen will, was es mit den Leiningern und dem Schloß und überhaupt so auf sich hat, der schaut am besten mal hier auf die Homepage von Schloß Waldleiningen. Da werden Sie geholfen.

Und hier kann man nochmal über den Bauherrn vons Janze nachlesen, Carl-Friedrich-Wilhelm zu Leiningen, genannt Kalle.

Und Abbotsford, wer kennt schon Abbotsford? Wikipedia natürlich. Und alle Walter-Scott-Fans, logo.

Dieser Artikel ist im Feburar 2014 schon mal hier erschienen, aber jetzt war ich wieder einmal da und habe ein bißchen rumgeknipst, angeregt durch den Kollegen da, der treibt sich da beruflich rum, danke für den Tipp!

 

 

 

 

 

 

 

16 Kommentare

  1. Ein Windsor-Schloss im Odenwald! Und verwandt ist der Odenwald mit dem englischen Königshaus! Tolle Geschichte, klasse erzählt und wunderbar bebildert.
    Schöne Grüße aus der Hauptstadthölle!

    • Aber meine Chancen, Prinz Charles zu treffen, wären in Berlin vermutlich höher als hier im Wald… Oder? Vielleicht sollte ich also doch mal wieder… Naja.

  2. Also ich war ein paar Mal schon im Schloss – wenn man einen Termin mit dem Fürsten hat – sind die Schilder gar nicht so abweisend…

    Das Beste an Schloss Waldleinigen ist die Ruhe – nein, Ruhe triffst nicht: Stille ist das Wort der Wahl. Wenn man dort aus dem Auto steigt, die Ohren noch gewöhnt an die Fahrzeug- und Umgebungsgeräusche des lauten Odenwalds und dort aussteigt und die Autotür zuschlägt, dann steht man mutterseelenallein im Wald und das kann ganz schön befremdlich sein.

    Du weißt hoffentlich auch, dass „unser“ Andreas Fürst zu Leiningen, dem das Schloss Waldleiningen gehört, auf Rang 123 der Erbfolge für Queen Elisabeth steht?

    Jetzt muss er nur noch die 122 anderen loswerden, dann ist der Weg frei auf den Thron… 😉

    http://freepages.rootsweb.ancestry.com/~wakefield/history/britsucc.html

    • Rang 123? Nicht schlecht! Nein, das wusste ich nicht. Weiß jetzt aber umso mehr, warum Charly Charles mir lieber ist. 😉 Und die Beschilderung rund ums Haus und im Haus fand ich extrem un-freundlich, aber es ist eine Weile her, daß ich das mal genauer betrachtet habe, vielleicht hat sich der Ton verbessert.

        • Naja, aber gerade die wären vielleicht glücklich über ein paar freundliche Worte…. Und gerade die Engländer machen das ja vor, statt „Rauchen verboten!!“ steht da „Thank you for not smoking“. Klingt doch netter, oder? Ich hatte schon mal darüber nachgedacht, dem Fürsten mal meine freundlichere-Verbotschilder-Hilfe anzubieten….

    • Oha, der Wanderwalter ist mein Stichwort. Ich hab bis heute nicht begriffen, wie der funzt und wie ich die App dafür aufs Händi kriege. Jetzt kenn ich ja offenbar jemanden, der mir da mal nachhilfe erteilt, haha!!

  3. ich war auch schon bei den „sieben Zwergen hinter den sieben Bergen im dunklen Wald“ und habe im grauen November Schneewittchen besucht, welche dort im Schloß ihre Depressionen ausheilen wollte – leider ohne Erfolg. Kein Wunder – kalt, trist, einsam und erdrückendes Gemäuer – für mich wäre das nix, fühlte mich irgendwie unwohl und soviele gestresste Manager und Erfolgsfrauen waren dort auch nicht zu finden – wahrscheinlich doch zu schnöde.
    Aber wenn ich diese wunderbar erzählte Geschichte vorher gelesen hätte, wäre ich wohl etwas erfürchtiger durch das Gemäuer und den Park.

    • Viele sind da aber offenbar sehr zufrieden, lese ich bei den Beurteilungen im Internet, aber die Abgeschiedenheit und das Ambiente sind sicher nicht jedermanns (jederfraus) Sache.

  4. Aha, zur Abwechslung mal Geschichten aus dem Odenwald…
    „Den Leininger“ kennt man ja aus Erzählungen ( und so manches durch häufige Friseurbesuche ), das Schloss ist mir völlig neu.
    GLG
    Astrid

  5. Pingback: Kaffeehauskultur. – LandLebenBlog

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