Eine Frage der Ehre.

Friedhof

Das Grab auf dem Friedhof liegt ein bißchen abseits, zwanzig Schritt von den Gräbern der Einheimischen entfernt. „Hanka  Szandzielerz“ steht auf dem schlichten Stein, geboren 1920 irgendwo in Polen, gestorben 1945, hier im Odenwald. Eine junge Zwangsarbeiterin, unmittelbar vor Kriegsende im Nachbardorf getötet, bei einem Schusswechsel zwischen amerikanischen Soldaten und ortsansässigen Deutschen.

 

Das Grab der Polin sieht zu jeder Jahreszeit gepflegt aus, immer steht eine frische Topfpflanze, eine Vase mit frischem Blumen in der Einfassung. Die Frauen aus dem Dorf teilen sich seit fast 60 Jahren die Arbeit. Der Grabstein –  so abseits von den anderen – , die Grab-Pflege als Ehren-Amt: Das rührt mich.

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Dabei habe ich mich mit dem Wort „Ehre“ lange schwergetan. Klingt so allzu deutsch. „Ehren-Amt“? Noch schlimmer. Klang nach Vereinsmeiern und Wichtigtuerei.

Bis ich aufs Land, in den Odenwald, gezogen bin. Jetzt klingt es anders.

 

Ohne Ehrenamt ginge hier gar nichts mehr“, sagt manchmal unser Bürgermeister, und es wirkt, als wisse er nicht so genau, ob er darüber traurig sein soll oder stolz. Zu wenig Geld fließt in die Region, der Bürgermeister muss jeden Euro, den er ausgibt, zweimal umdrehen. „Der Staat zieht sich zurück aus der Fläche“, wie es immer so schön heißt. Da hilft auch alles Protestieren nicht, sagt die Erfahrung.  Die Gemeinden sind hier deswegen schon lange auf  Helfer angewiesen. Und das sind dann die Ehren-amtlichen.

 

Und die langen, wenn es sein muss, richtig hin. Da werden ganze Dorfplätze neu gestaltet, Feuerwehrgerätehäuser saniert und Sporthallen renoviert, alte Scheunen zum Dorfmuseum oder Vereinsheim ausgebaut. „Aufruf: Freiwillige Helfer gesucht!“ steht dann in kleinen Anzeigen im Amtsblatt, „Kuchen- und Getränkespenden willkommen!“. Männer und Frauen schuften und wuchten, hämmern und sägen, streichen und tapezieren, Bauunternehmer spenden Baumaterial, die Installationsfirmen Waschbecken und Kloschüsseln, die Transporteure transportieren ehrenamtlich. Maler, Verputzer, Fliesenleger, Gärtner, Hausfrauen und Mütter verbringen ihre Freizeit auf der Baustelle. Wochenlang. Monatelang.

 

In einem Dorf ganz in der Nähe haben sie ein altes, verfallenes Wasserschloss wieder hergerichtet, zum neuen Dorfmittelpunkt gemacht, mit Museum und Jugendraum. Mehr als 10.000 Arbeitsstunden haben die Männer und Frauen des Dorfes geleistet, ehrenamtlich. Unbezahlbar. Auf den Staat wartet man in solchen Dingen schon lange nicht mehr. Nicht mal hier, im tiefschwarzen Odenwald.

Foto: Rike/pixelio

Foto: Rike/pixelio

Ein paar Kilometer entfernt von uns haben die Dorfbewohner sich per Schaufel und Bagger ehrenamtlich bis ins www gebuddelt. Der Ort war digitales Niemandsland, zu aufwändig war der Anschluß den Netzbetreibern. Zu wenig User, zu viele Kilometer Kabeltrasse wären nötig. Der Profit bliebe da ja auf der Strecke. Wie überall hier auf dem Land. Ein, zwei Treffen im Dorfgemeinschaftshaus, die obligate Anzeige im Dorfblättchen, und es konnte losgehen.

Nach drei Wochen ehrenamtlicher Plackerei bei Wind und Wetter war die Kabeltrasse fertig, das kleine Dorf konnte ans global village angeschlossen werden. Die Geschichte ging durch alle Medien, logisch. Ehre, wem Ehre gebührt.

 

Ich sage inzwischen (frei nach John F. Kennedy) auch:  Ich bin eine Ehrenamtliche. Klingt ziemlich bescheuert. Zugegeben. Macht aber Sinn. Auf jeden Fall mehr, als zuhause zu sitzen und darüber zu maulen, daß alles den Bach runtergeht.

 

 

 

 

9 Kommentare

  1. Hut ab vor dieser Ehren-amtlichkeit! Hier in der Großstadt verstecken sich noch zu viele hinter der Allgemeinheit und sitzen im Kämmerlein und maulen. Ich wurde in einer Gegend geboren wo jeder dem anderen half und irgendwie auch aufeinander angewiesen war, das prägt. Ich brauch nicht lang überlegen wenn nach Hilfe gefragt wird.
    Schön dass es noch viele Ehrenamtliche gibt, die was bewegen können und wollen.

  2. ja…dies ist die eine Seite der Medaille – aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung…sagt man einmal ja – dann ist man immer dabei. Deine Arbeit wird „Selbstverständlich“ fürs Ehrenamt soviel Zeit wie nur irgendwie möglich und nach kurzer Zeit nimmt es Überhand und man fühlt sich ausgenutzt und gibt man das Ehrenamt auf – Oh! -geht ja gar nicht!
    Nach 13 Jahren Ehrenamt wurde meine Auszeit nicht so leicht hingenommen.

    • Kenn ich. Und leider gibt es noch immer zuwenig „Anerkennungs-Kultur“ bei all den Institutionen, die ehrenamtlichen Einsatz erwarten, bzw auf ihn bauen. Stimmt schon.

  3. Ehrenamt wird heutzutage immer wichtiger – gerade auf dem Land. Es rührt mich zu hören, dass es noch Gegenden gibt, wo die Menschen zusammenhalten und nicht aufeinander zeigen und sagen „Gugg mal die Lotte hat heut aber ein hässliches Kleid an“ Man kann gemeinsam so viel erreichen!

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