Es geht nicht vor und nicht zurück, das eine Taxi versperrt dem anderen den Weg, zu eng die Straße, und zugeparkt die Kreuzung. Jetzt fahr doch, Du blöder Kanake!, brüllt mein Taxifahrer Richtung Windschutzscheibe, jeh doch dahin, wo de herkommst und hüte Kamele, statt hier in Berlin Taxe zu fahrn, Mann!. Ich sitze stumm auf der Rückbank und wäge kurz ab, was zu tun ist. Halte mein Maul und sage nix, die Zeit drängt, und ich bin ohnehin erschöpft, Aussteigen ist keine Option. Wir sind halt in Berlin, denke ich bei mir und schweige. Und gebe dem Taxifahrer am Ende das traditionell-obligatorische Trinkgeld, darüber ärgere ich mich im Nachhinein am meisten. Die uralte Tante hätte vermutlich laut gelacht und dann streng gesagt Jetzt mach ma halblang, Jungchen!, aber sie lebt nicht mehr, und ich kämpfe mich zum fünften Mal innerhalb von acht Wochen durch meine alte Heimatstadt, weil weiterhin Nachlassdinge zu regeln und Abschiede zu organisieren sind.

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In einem Blumenladen in feiner Gegend kaufe ich einen großen Rosenstrauß für die Nachbarin, die so unglaublich viel hilft. Der Kunde vor mir verlangt nach einer einzelnen gelben Rose, für eine Beerdigung, sagt er. Für eine Beerdigung? echot die Blumenfrau, wird da zufällig eine Wohnung frei?

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Der Handwerker im Treppenhaus hat vom Tod der Tante gehört, Mein Beileid, sagt er mechanisch, wissen Sie schon, was aus der Bude wird? Er sagt das tatsächlich, Bude, und ich zucke kurz zusammen.

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Ich muß in die Friedrichsstraße, ins Herz der Stadt. Ach Du Scheiße, wie soll ick denn da hinkommen?, fragt der nächste Taxifahrer, allet Baustelle, allet jesperrt. Wo er denn da langfahren müsse, will er von mir wissen, ich habe leider keine Ahnung. Irgendwie schaffen wir es doch, vorbei an ganzen mehrstöckigen Siedlungen von Bürocontainern, halb Berlin scheint aus Bürocontainern zu bestehen, und ich denke kurz darüber nach, ob man nicht reich werden würde, wenn man irgendwie ins Berliner Bürocontainergeschäft einstiege. Man könnte da eigentlich nichts falsch machen, die Stadt ist im Wandel und im Bau, seit Jahrzehnten und vermutlich bis ins nächste Jahrtausend noch. Die Stadt ist Bürocontainer, Dauerbaustelle, Einbahnstraße, Sackgasse und Umleitung in einem, immerzu und überall.

Romantik können sie ja.

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Im Wandel ist auch die Berliner Stadtverwaltung, die Neuwahlen stehen an, die Wahl zum Abgeordnetenhaus im September 2021 war Voll-Schrott, wie die Bild-Zeitung nicht ganz zu unrecht schreibt. Für die Wahl-Wiederholung müssen neue Mitarbeiter eingestellt, andere aus ihren bisherigen Abteilungen abgezogen werden. Mehrere Bürgerämter werden nun für ein paar Wochen ganz geschlossen, damit Berlin sich in aller Ruhe und mit voller Konzentration auf die Neuwahl vorbereiten kann.

Ich danke dem Herrn im Himmel, dass er die uralte Tante dann doch schon Anfang Oktober zu sich gerufen hat, so bekommen wir ihre Urne noch im Dezember unter die Erde, nach acht oder zehn Wochen Warterei. Als hätte er von der Berliner Unfähigkeit, Wahlen abzuhalten und nebenbei auch noch Beerdigungen zu organisieren, gewußt, der liebe Gott. Wäre die Tante Anfang November gestorben, hätten wir vermutlich mit einer Beisetzung bis lange nach den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im Frühjahr 2023 warten müssen. Dit is Berlin. Oder wie Friedrich Merz sagen würde: Die Visitenkarte Deutschlands. Der Mann hat Humor. Und Berlins Regierende Bürgermeisterin, die humor-lose Frau Giffey, sagt, wer Berlin kritisiert, ist ja bloß neidisch.

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Der Geschäftsmann berichtet, er sei neulich mehrere Tage lang beruflich in Norddeutschland unterwegs gewesen, Bremen, Kiel, diese ganzen Kleinstädte da, und abends nach 22 Uhr nichts mehr zu Essen zu bekommen, keine Kneipe, keine Bar. Die stehen ja auch alle so früh auf, da in der Provinz, erklärt er mir. Kein Wunder, die müssen ja auch früh ins Bett, was sollen die anderes machen, wenn da so gar nix los ist. Während ich noch über eine halbwegs sinnvolle Antwort nachdenke, sagt er Et is halt nich Berlin. Und damit ich es auch wirklich verstehe, wiederholt er, deutlich betont: Et! is! halt! nich! Berlin!

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Am Ende mehme ich Abschied von der sich auflösenden Wohnung der Tante, Abschied von der Stadt. Ich hasse Abschiede, ich hasse das in-die-Länge-ziehen von Abschieden, das Umarmen und Winken und Ach-komm-doch-bald-wieder, das Meld-Dich-mal-ja?, ich bin keine gute Abschiednehmerin, ich drehe mich am liebsten um und gehe, kurz und schmerzlos.

Aber nicht mal das kriegt Berlin hin, oder vielleicht will die Stadt mich auch nicht gehen lassen, einfach so; jedenfalls stehe ich am Bahnhof und es tut sich nichts, die Bahn zögert den Abschied hinaus, so gut sie das eben kann, schon kurz hinter Berlin stehen wir wieder mehr als dass wir fahren, Baustellen, Notarzteinsätze, kaputte Weichen und ein Triebwerkschaden, und am Ende sitze ich statt sechseinhalb Stunden ganze zehn Stunden in stickigen Zügen und denke über Berlin und meinen Abschied nach.

Aber irgendwann komme ich dann doch am klitzekleinen, menschenleeren Bahnhof an, nur die Rollen meines Rollkoffers auf dem Asphalt sind zu hören, vollgestopft mit Erinnerungsstücken rumpelt er über den unebenen Grund. Vor dem Bahnhof steht einsam in der Nacht ein leerer Linienbus, und gegenüber schließt der Dönermann seine Dönerbude zu. Noch 40 Minuten geht es mit dem Auto über Land und durch die Wälder, treue Leser kennen diese immergleiche Szene schon, mal springt ein Reh über die schmale Straße, mal sitzt regungslos ein Fuchs im Straßengraben, und zweimal muß ich das Fernlicht abblenden, weil Gegenverkehr kommt. Und dann bin ich irgendwann zuhause, – naja, Sie wissen schon.

7 Kommentare zu “Dies und Das vom Tage.”

  1. Liebe Friederike,
    vielen herzlichen Dank für den “Bericht aus der Großstadt” und ‘Hut ab’ vor der Fähigkeit, sich in so unterschiedlichen Welten zu bewegen und diese mit so viel Atmosphäre beschreiben zu können!
    Einen schönen 2. Advent allen Leser*innen wünscht,
    Gabriela

  2. Berlin! Mir graust es vor den Tagen zwischen den 7. und 15. Dezember d.J., wenn ich mir dieses Irrenhauses der Familie zuliebe nach 8 Jahren mal wieder leibhaftig antue.

    Außerirdisches 4. Welt-Land vom Planet der Affen ohne jegliche Unterhaltungswert. Selbst Mordor unter Sauron mit seiner Armee von Ghûl-Matronen ist eine Wohlfühloase dagegen.

    Immerhin! Wir werden uns diversen lukullischen Genüssen in genderfreien Zonen hingeben, auf das uns die Hölle wegen des Verstoßes gegen die 5. Todsünde – der Gula https://www.die7todsuenden.info/?cat=10 – gewiss ist.

    Einen friedlichen und geruhsamen 2. Advent Allen, die guten Willens sind.

  3. Sehr amüsant! Ich lobe mir die “Kleinstadt” Bremen.
    Liebe Grüße, Juliane
    P.S. Das Foto (Blick ins Bürohaus) ist toll.

  4. Bei Ihren Schilderungen fällt mir – warum auch immer – der Satz “Der morbide Charme der Bourgeoisie”ein. Warum auch immer (Hoffentlich habe ich Burschoasie jetzt richtig geschrieben) :-)

  5. Ach, das gute olle Kölle ist dann doch eine Alternative. Badisch Sibirien wird es nicht mehr. Dennoch ganz herzliche Grüße in die alte Heimat!
    Astrid

  6. Es ist schon recht interessant, mir, in Österreich lebend, erscheint Berlin eine Reise Wert zu sein, vielleicht auch, weil mir Berlin von Freunden immer als bunt und offen geschildert wurde. Wenn ich hier aber lese und ja schon einiges gelesen habe, dann wird das Gefühl mächtig, ziemlich viele entnervte und entmenschlichte Wesen seien dort am Vegetieren.
    Nun ja, das Reisen ist jetzt ohnehin kein Thema. Und eigentlich weiß ich ja ganz genau, wohin ich gehöre: in die Stille! Manchmal ist halt auch Abwechslung angesagt, aber vielleicht weniger in einer Stadt, die der Stadt, in deren Peripherie ich lebe, in einigem so ähnelt. Mich machen all die Baustellen und die Häuser, die in den Himmel streben sollen, überhaupt nicht glücklich. Diese vielen Umleitungen, Kräne, Staus, usw.

    Jedenfalls wieder einmal ein toller Artikel, mit ganz vielen Zwischentönen, die klar machen, wofür das Herz der beherzten Autorin schlägt!

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