Auf zu neuen Ufern!

9. September 2022

Auf zu neuen Ufern! ruft uns das vergilbte und verknitterte Plakat am Bahnhof Osterburken seit Jahrzehnten zu, und so ganz genau wissen wir nicht, was damit gemeint sein könnte. Wer bitteschön fährt denn von Osterburken ins Biosphärenreservat Elbe? Vielleicht bezieht es sich ja auch auf die allgemeine Weltenlage, oder auf den Bahnhof selber, der möchte nämlich gekauft und saniert werden, zumindest in Teilen. Er gehört inzwischen der Stadt, aber auf den Bahnsteigen hat immer noch die Bahn die Hand drauf. Das ist der Attraktivität des Ortes nur so semi zuträglich, aber naja, Sie wissen schon.

Da geht kein Mensch freiwillig rein.
Raja hingegen ist tatsächlich ein Geheimtipp.

Jedenfalls ist der Bahnhof Osterburken infrastrukturell ein echter Hotspot, eben liegt er noch still und verlassen, dann rauschen die Züge heran und spucken schwallartig Menschen aus, so geht das den ganzen Tag, Osterburken ist ein echter Bahnknoten. Hatte früher sogar zwei Bahnhöfe, einen badischen und einen württembergischen, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, und lag direkt an der umsteigefreien Achse Verbindung Berlin-Rom. Ja, da staunen Sie.

Wenn Sie da demnächst mal an einem Sonntag unterwegs sind, zum Einsteigen oder Umsteigen, und wenn Sie ein bißchen Zeit haben, weil der Zug mal wieder 183 Minuten Verspätung hat ein bißchen später kommt, dann habe ich hier auch den passenden Tipp für Sie: Am Gleis 1 in einem kleinen Ausstellungsraum präsentiert die Fotogruppe Osterburken bis Anfang Oktober eine Schau von Tierportraits. Immer sonntags von 11 bis 16 Uhr. Das sind durchaus sehenswerte Fotos, erstaunlich viel ländliches Getier, aber wen wundert das. Ich habe auch Hühner und ein Kuh-Maul beigesteuert. Also: herzliche Einladung, man sieht sich an Gleis Eins, Bahnhof Osterburken.

Foto: Jutta Mutschler

Freunde der Fotografie haben da auch die Möglichkeit, die legendäre Fotogruppe mal näher kennenzulernen, wir freuen uns nämlich immer über neue Mitglieder. Legendär ist die Gruppe, weil die Mitglieder (außer mir, ähem) dauernd irgendwo irgendwelche Preise abräumen, wir haben Leute aus dem Großraum Osterburken dabei, aber auch Fotografen aus dem Main-Tauber- und dem Rhein-Neckar-Kreis, aus Heidelberg und sonstwo. Die scheuen den weiten Weg nicht. Weil die Gruppe halt so, naja – so gut ist. Und außerdem ist die Anfahrt denkbar einfach, mit der Bahn. Gleis 1, naja, Sie wissen schon. Die fallen quasi aus der Bahn in unseren Gruppenraum rein. Sehr praktisch.

  • 12 Kommentare
  • Erhard Kolesinski 9. September 2022
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    Super, interessant, kurzweilig

  • Madame Veleda 9. September 2022
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    Die Zeitgenossen waren mit der umsteigefreien Verbindung anscheinend nur so mittelmäßig zufrieden.

    „ Charakteristisch für die Verhältnisse, wie sie sich herausgebildet haben, und am meisten in die Augen fallend für das reisende Publikum ist der Schnellzug Berlin—Mailand. Der nächste Weg geht, wie ein Blick auf die Karte zeigt, durch Württemberg. Allein in Wahrheit wird die Sache so gemacht: dieser Schnellzug, der von Berlin über Würzburg geführt wird, teilt sich in Osterburken, und der Hauptzug wird mit einem großen Umweg über Heidelberg und Karlsruhe—Basel nach Arth-Goldau geführt, nur ein Wagen — allerdings erst nach langen und schwierigen Verhandlungen seitens der Württembergischen Verwaltungen — geht über Stuttgart, Jmmendingen, Zürich. Von Zürich ab wird dieser Wagen einem gewöhnlichen Personenzug angehängt; denn man hat so außerordentlich viel Zeit, nach Arth-Goldau zu kommen, daß es nicht notwendig ist, einen Schnellzug laufen zu lassen, und der Zug wartet noch eine halbe Stunde, bis der große Zug, der einen so großen Umweg gemacht hat, von Basel her einfährt. Eine solche Verzerrung der natürlichen Verkehrsverhältnisse muß unter allen Umständen mißbilligt werden.“

    Verhandlungen des Reichstages. – Berlin, 1904
    Bd.: 198. 1903/05 S. 1203
    40. Sitzung Dienstag, den 23. Februar 1904
    https://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00002808/image_352

    • LandLebenBlog 9. September 2022
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      Herrliches Fundstück!

  • Gabriela 9. September 2022
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    Genau!

  • Jaegle, Mabel und Walter 9. September 2022
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    Wirklich! Ihre Fotos, aber auch die Texte dazu und für “Allgemein”, TOLL mit Dank und wetier so! Aber nicht Osterburken hatte zwei Bahnhöfe, sondern Adelsheim. Nichts für Ungut!!!

    • LandLebenBlog 9. September 2022
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      oha! dann bin ich falsch informiert!

  • WuM 9. September 2022
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    Wo ist denn mein Kommentar geblieben, das nur wenige Minuten gezeigt wurde?

    • LandLebenBlog 9. September 2022
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      Huch, keine Ahnung, vielleicht hat der Blog schluckauf!? Oder ist jetzt alles zu sehen?

  • WuM 9. September 2022
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    Wunderbar, alles wieder “rucher”

  • WuM 9. September 2022
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    Natürlich “r0cher”!!!

  • C Stern 9. September 2022
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    Die Schwarz-Weiß-Szenen vom Bahnhof sind spitze! Das städtische Flair wirkt in dieser Art jedenfalls authentischer als in Farbe.
    Schade, dass die Werke der Fotogruppe so gar nicht erreichbar sind für mich, denn Tierportraits finde ich tierisch genial.
    Grüße aus dem Nachbarlande!

  • Alwin 11. September 2022
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    > Da geht kein Mensch freiwillig rein.

    Och ja, ich würde das schon tun. Auch wenn “Dame” draufsteht. Unser örtlicher (na, 18 km entfernt, aber man ist da ja nicht so, und immerhin, auch im Winter fährt hin und wieder ein Bus), also, wo war ich? Ach ja, unser Bahnhof hat schon seit Jahren kein Klo mehr, weder “Dame” noch “Herr”. Wenn du dringend musst, dann setzt du dich auf ALLES, ja, sofern vorhanden! Aber was ich mal auf einem Autobahnparkplatz erleben durfte, das war grandios: Ich ging mit reichlich Druck auf dem Enddarm und voller Vorfreude ins öffentliche Klo, und da war EIN LOCH. Keine Kloschüssel, kein nichts, nur die freie Aussicht in die Kanalisation.
    Das “Dame”-Abteil hatten sie zugesperrt.
    Denkt euch den Rest.

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