Es fragen treue Blogleser und Blogleserinnen bereits nach, ob alles in Ordnung sei, neun Tage hat sie schon nix geschrieben, die Landlebenbloggerin, da ist doch irgendwas im Busch. Ganz schlimm ist das – nicht, dass die Leute nachfragen, das rührt mich sehr – nein, die neuntägige Bloggerflaute ist ganz schlimm. Keine Ideen, keine Zeit, keine Themen.

Themen gäbe es freilich genug, die blöde Pandemie, deren Namen wir hier nicht nochmal nennen wollen, dazu das ewig graue Wetter, der plötzliche Krankenhausaufenthalt der 86jährigen Lieblingstante, die Sorgen, die Arbeit. Naja, Sie wissen schon. Damit es mir nicht langweilig wird, schickt der liebe Gott erst einen Hexenschuß und da hinein noch eine Gallenkolik, ja, danke, Du mich auch. Ich meine, jetzt mal ehrlich: wollen Sie solche Geschichten aus der beschaulichen Provinz lesen? Eben.

Der Sturm war auch noch. Vergleichsweise harmlos, lässt er aber doch die Bäume knicken und führt dazu, dass wir darüber nachdenken, welchen Weg man nehmen müsste, um aus dem Dorf herauszukommen, ohne durch einen gefährlich schwankenden Wald zu müssen. Es. Gibt. Keinen. Solchen. Weg. Doch!, einen einzigen, hinüber ins Nachbardorf, das ist dann auch wieder von Wald eingekesselt, aber naja. Fahren wir also nur bis zu den Freunden im Nachbardorf zu einem kleinen Filmabend, Super-8, ohne Ton, aber in den leuchtenden Farben der Siebziger, ja, wie großartig ist das denn.

Auf der selbstgebastelten Leinwand zieht das Dorf an uns vorüber, und mit ihm eine Festgesellschaft, wir sehen eine Kirche und viele Herren mit Hüten, und Frauen frisch vom Friseur, wir sehen die beiden Gastwirtschaften, die schon lange geschlossen sind, und eine schicke Tankstelle vor dem Gasthaus Linde, von der hatten wir bis dahin nur gehört. Wir sehen, wie ein Bräutigam Geld in die Zuschauer- und Gästemenge wirft, er muß sich den Weg freikaufen, den die Kinder auf der Straße versperren, ohne Geld kommen Hochzeits-Opel Admiral und VW-Käfer nicht weiter.

Guck mal, die Scheune gibts bis heute! rufen wir, und Ach, wie herrlich!, und Nein, wie sehen die denn alle aus?, und wir bilden uns ein, dass das damals die gute alte Zeit war und die Leute lange nicht so viele Sorgen hatten wie wir heute. Naja, Sie wissen schon. Und irgendwann ist die Super-8-Film-Spule leer, es wird dunkel, der alte Filmapparat schnurrt noch ein bißchen, und wir seufzen ein bißchen.

Auf dem Weg zum Forellenteich heute morgen ein paar wenige Sturm-Spuren in der Landschaft. Der Platz vor dem Forellenteich ist auch von Sturm und Regen in Mitleidenschaft gezogen, leider erkennt man das nicht auf den ersten Blick, und ich lenke das Auto energisch-elegant in eine unsichtbare Matschmulde, aus der es kein Zurück gibt.

Da hilft kein Schaukeln und kein Gasgeben, kein vorsichtiges Heraustasten, kein fein abgestimmtes Auf und Ab mit Kupplung, vorwärt-rückwärts, wir probieren alles, was wir in all den Jahren auf dem Lande gelernt haben, nehmen Holzbretter und Decken zu Hilfe und müssen am Ende doch passen. Es gibt kein Entrinnen, es gibt nur jaulende Geräusche und einen jaulenden Gatten, fliegende Dreckbrocken und immer tiefere Mulden unter den durchdrehenden Reifen, und ich denke so bei mir, ja, das beschreibt die momentane gesamte Weltenlage eigentlich ganz gut.

Aber es gibt ein Telefon und ausnahmsweise und wider Erwarten sogar Empfang, der Freund aus dem nahegelegenen Dorf muß kommen und uns herausziehen, das Auto, den Gatten und mich. Nicht, dass es uns am Ende noch langweilig wird – oder sagte ich das bereits?

Ja, lustig und abwechslungsreich ist das Leben auf dem Lande. Das versuche ich aktuell auch einem jungen Kollegen zu vermitteln, ich finde mich als Ausbildungsbeauftragte für vier Wochen wieder, und der junge Kollege wäre vermutlich sehr viel lieber ins Korrespondentenbüro nach Washington oder wenigstens Brüssel oder Berlin gegangen. Nun also stattdessen Odenwald, naja, Sie ahnen, was ich meine.

Es tat mir am Anfang ja auch ein bißchen leid für ihn, aber ich nehme meinen Ausbildungsauftrag ernst, und nach einer Woche in der vermeintlich tiefsten Provinz entwickelt der Kollege bereits erste Ansätze, sich als Kämpfer für die benachteiligte strukturschwache Region zu fühlen, er sieht überall Themen und Geschichten, ey, hier kannste ja die Beiträge nur so rausballern!, sagt er und ich sage ja, genau! und freue mich ein bißchen.

Noch drei Wochen teilen wir also Büro und Rechner und Auto und Themen und Gedanken, und ich werde dauernd etwas erklären und Fragen beantworten und mich auch dauernd selbst hinterfragen müssen, das kann noch sehr spannend werden, das Konzept gefällt mir. Und Jugendsprech muß ich lernen, und warum eine Insta-Story manchmal mehr Sinn macht als ein Insta-Reel und wieso machen wir eigentlich nicht gleich live bei facebook, live aus dem Odenwald?

#AusDemLebenEinerRegionalReporterin
Oh, liiiiebe Zeit, im Odenwald ist doch nichts los!
Womit um alles in der Welt beschäftigt man sich denn da so als rasende Reporterin?

Wir haben uns in dieser Woche von einem eleganten Unternehmer sein weltweit tätiges Unternehmen zeigen lassen und den Landwirtschaftsminister interviewt. Eine Stunde später sitzen wir auf der Couch in der winzigen Wohnung eines Rentners, der von Altersarmut betroffen ist und nach Abzug der Miete 400 Euro zum Leben hat. Wir haben uns über die hoffentlich endlich beginnende Urlaubssaison im Odenwald informiert und Interviews in einem Hotel und in einem Feriendorf gemacht und nebenbei den höchsten Berg des Odenwaldes bestaunt. Wir waren bei einem Prozeß im Landgericht, wurden aber gleich wieder nach Hause geschickt. Verhandelt wurde unter Ausschluß der Öffentlichkeit, schwerer sexueller Mißbrauch, und am Ende muß der Angeklagte für elf Jahre ins Gefängnis. Auf einer Kreistagssitzung gibt es Kaffee und Kuchen, und wir berichten nebenbei über die finanzielle Situation der kreiseigenen Kliniken. Außerdem über die Pläne der Buchener Faschenachter für die anstehende online-Faschenachts-Phase. Über einen Großeinsatz der Polizei an einer Schule, weil Jugendliche es lustig finden, mit Graffitis Anschläge anzudrohen, und wenn die Schule dann von Beamten und Hunden durchsucht wird, während drüber ein Hubschrauber kreist, dann gibt es schulfrei, hahaha! Ich habe eine neue Pfarrerin in Buchen getroffen, Hintergrundgespräch zum Kennenlernen, sowas schadet nie. Wir haben einen Dreh fürs Fernsehen akribisch geplant und wieder abgesagt. Und noch ein bißchen Kleinkram. Langweilig war die Woche so gesehen nicht.

5 Kommentare zu “Die Ruhe nach dem Sturm.”

  1. Liebe Friederike,
    so ein wunderbar ausführlicher Blogbeitrag entschädigt denn doch für die längere Phase der Abstinenz— DANKESCHÖN 😊
    Mit Vor-Freude auf den nächsten Beitrag allerbeste Grüße, Gabriela

  2. Darf ich wenig klugscheißen? Es gibt keine durchdrehenden Reifen, nur durchdrehende Räder. Wenn die Reifen alleine durchdrehen, so ganz für sich, dann… stimmt was nicht.

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