Kleine Perlen.

23. Oktober 2021

Der Ordensmann steht in der Tür seiner kleinen Steinhütte, über die Mönchskutte hat er einen Parka gezogen, ihm ist sichtbar kalt, er wirkt ein bißchen krank oder müde, vielleicht auch beides, aber er strahlt uns an, als wir uns dem Tor zur Abtei nähern. Über holprige, schmale Straßen sind wir hierher gefahren, vorbei an Ortschaften, die sich nicht entscheiden können, ob sie für Menschen oder Industrie gebaut worden sind, vorbei an vielen leerstehenden Gebäuden, verlassenen Höfen, Koppeln und Weiden, plätschernden Bächen und Eichenwäldern.

Die Landschaft ist schön hier in den Vogesen, wunderschön. Die winzigen Ortschaften waren vielleicht auch mal schön, aber das dürfte lange her sein. Morbider Charme, so nennt man das wohl, naja, Sie wissen schon. In einigen der Dörfer könnte ich den ganzen Tag fotografieren, das Verlassene, das Verfallene, das Graue oder Sandsteinfarbene, die geschlossenen Fensterläden, die leeren Schaufenster, die Zu-Verkaufen-Schilder, die Baugerüste, die irgendwer mal an seinem Haus aufgestellt hat, um die Eternit-Fassade auszubessern, und irgendwie muß ihm dann was dazwischen gekommen sein, jedenfalls sehen die Baugerüste inzwischen genauso alt und verlassen aus wie das ganze Haus. Das Wort Landflucht scheint über vielen der Ortschaften zu schweben, Frankreich ist ein Zentralstaat, Paris ist weit weg.

Durch diese Landschaft der Gegensätze also sind wir gefahren, irgendwo tief in den Vogesen, zu diesem frierenden Mönch. Ja, wir dürfen die Abtei und die Klostergärten gerne besichtigen, nein, die Hunde müssen leider draußen bleiben, macht dann acht Euro pro Person. Acht Euro? wiederholt mein Geo ein bißchen ungläubig, wir sind hier am Ende der Welt, tief in der tiefsten Provinz, und da wollen die acht Euro für irgendeinen Klostergarten? Ja, isso, von irgendwas müssen wir leben, sagt der deutsch-sprachige Mönch und lächelt freundlich. Wir zahlen und laufen los, in die Klostergärten der Abtei von Autrey.

Wir tauchen gleichsam ein in eine andere Welt. Wie verzaubert liegt der riesige Garten da in der herbstlichen Sonne, und ein bißchen wirkt es, als habe der liebe Gott hier das Aquarellieren geübt, teilweise trägt er ein bisschen dick auf mit den Farben, überall leuchtet es rot und gelb und grün und gold. Fast 4000 Pflanzen teilen sich das riesige Gelände, wir gehen über breite Kieswege und über schmale sandige Pfade, mal durch eine gigantische Bambus-Hecke hindurch, mal direkt am Ufer des Sees oder an den vielen kleinen Wasserläufen entlang, mal geht es über eine Holzbrücke, dann vorbei an Sitzplätzen im Schatten irgendwelcher exotischer Bäume. Es ist ein Traum, mitten im vermeintlichen Niemandsland. Eine echte Perle am Wegesrand, mit der wir nicht gerechnet haben.

Beim Rausgehen erzählt uns der frierende Bruder im Kassenhäuschen noch ein bißchen was über die christliche Gemeinschaft, die das Ganze hier am Laufen hält und mit einer Gärtnerei und Gästezimmern ihren Lebensunterhalt verdient. Gebet und Gemeinschaft sei für sie das Wichtigste, sagt der Ordensmann und zieht sich die Parka-Kapuze über den Kopf, um sich vor dem schneidenden Wind zu schützen. Ich frage ein bißchen halbwegs kenntnisreich nach, (wozu habe ich schließlich ein paar Jahre für die Kirche gearbeitet?) er antwortet gerne, es geht um Erweckungserlebnisse und Zungenrede, um Charisma und Vatikan, ich bin da protestantisch-skeptisch, aber spannend ist es allemal. Und für den Rest des Tages haben wir Gesprächsstoff genug, so viel steht fest.

Mir sind diese (kulturellen) Perlen ja ohnehin die liebsten: Die, mit denen man nicht gerechnet hat. Irgendwo da draußen, wo man schon genau hingucken und hinhören muß, um die geheimen klitzekleinen Großartigkeiten einer Region zu entdecken. Wo sich ein paar Leute zusammentun, um irgendetwas aufzubauen oder zu erhalten oder zu hegen und zu pflegen; wo sie irgendwas vermitteln wollen, mit viel Herzblut und viel Zeit; etwas, von dem sie durch und durch überzeugt sind, dass es bedeutsam und erzählenwert ist. Nicht, weil man damit in Scharen zahlende Besucher anlocken und ordentlich Geld verdienen will. Sondern einfach, weil es ist, wie es ist. Klostergärten irgendwo in den Vogesen. Ein winziges Heimatmuseum. Eine kleine Gedenkstätte.

Aufm Land ist nichts los, da gibt es ja keine Kultur, ich weiß nicht, wie oft ich mir diesen Satz aus großstädtischen Mündern noch anhören soll. Ja, nee, is klar.

Ihr müsst halt nur genauer hingucken! Sapperlott, das kann doch nicht so schwer sein.

  • 4 Kommentare
  • Hauptschulblues 24. Oktober 2021
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    “Auf`m Land ist nichts los, da gibt es ja keine Kultur”. Welch blöder Spruch, nicht wahr?

  • Franz Herken 25. Oktober 2021
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    Welch wunderschöne Bilder, danke dafür. Adresse vermerkt für die nächste Urlaubsfahrt in diese Richtung, auch dafür herzlichen Dank.

  • N. Aunyn 25. Oktober 2021
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    Die “Gemeinschaft der Seligpreisungen” gibt es auch im deutschen Sprachraum – immer an sehr schönen Orten – wie oft bei Klöstern. Ursprünglich, also bei ihrer Gründung, war der Name der Gemeinschaft: “Der Löwe von Juda und das Geopferte Lamm”.

  • Rosi 4. November 2021
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    das sind Kraftbilder ..

    liebe Grüße
    Rosi

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