Rückzug IV

20. März 2020

Nah ran, an die Menschen, an die Geschichten, die Themen, das ist mein journalistisches Mantra. Funktioniert aber derzeit nicht. Abstand halten. Aber trotzdem nicht zurückziehen, ganz im Gegenteil. Die Leute wollen informiert werden, aktuell und zuverlässig, und natürlich regional vor Ort. Ich glaube, wir sind in den Redaktionen gefordert wie schon lange nicht mehr. Nie hatte ich so sehr das Gefühl, dass das Bedürfnis nach Information geradezu existentiell ist.

Nah, dran beim Interview, aber auf Abstand. Und ja, der kleine Mikrofonkopf wird hinterher desinfiziert.

Ach, wie oft hatten wir schon das, was wir den K-Fall oder eine Lage nennen. Da brennt irgendwas in einem Chemieunternehmen, da gibt es eine Geiselnahme, da ist irgendwo ein kleines Flugzeug abgestürzt oder ein Zug entgleist, dann schaffen wir den ganzen Tag wie blöd, hauen stündlich neue Informationen raus, arbeiten von einem Moment zum anderen, und das im Akkord. Das haben wir gelernt, mit solchen Situationen können wir umgehen.

Aber am Ende des Tages sind wir froh, wenn Ruhe einkehrt und irgendwann das Thema abgearbeitet ist. Wir gehen dann heim und sagen Puh, war das ein Tag!, wir fahren den hochgeknallten Blutdruck wieder runter, und dann schlafen wir diesen eigentümlichen Rausch aus, in dem wir uns als Reporter für mehrere Stunden befunden haben. Eine Mischung aus äußerster Anspannung, höchster Konzentration, körperlicher Anstrengung und journalistischer Leidenschaft ist das, und vielleicht kann das nur nachempfinden, wer auch hin und wieder mit solchen Lagen zu tun hat.

Aber diese Lage ist anders.

Seit Tagen schläft das Städtchen, schläft der Landkreis, das öffentliche Leben, mal abgesehen von den hirnlosen Vollidioten, die weiterhin Grill- und Corona-Parties an Flüssen, Seen oder in Parks veranstalten. Und das öffentliche Leben schläft ja auch nur scheinbar, hinter den Kulissen rennen und schuften die Leute, in den Ämtern, den Rathäusern, in den Krankenhäusern. Sie alle bereiten sich darauf vor, dass das alles erst noch richtig ernst wird, und dass es Wochen, wenn nicht Monate dauern könnte.

So geht auch die Lage bei uns in den Redaktionen schon seit einer Woche, und sie wird noch eine Woche so gehen, und noch eine, und noch eine. Und noch eine. Ende offen. Ununterbrochen piepst der Rechner und spuckt neue EMails aus, ununterbrochen stellen sich neue Fragen, neue Themen. Wer ist wie betroffen?, welche Branche macht jetzt was?, wohin müssen sich Hilfesuchende wenden?, was wird eine Ausgangssperre bedeuten?, und wie bereiten sich die Krankenhäuser vor? Wir produzieren Meldungen und Beiträge am laufenden Band, und manchmal, wenn ein Beitrag fertig ist, hat sich das Thema schon wieder erledigt und geht nicht mehr auf den Sender, sondern den Weg alles Irdischen. Ab in den Müll. Macht nichts, weiterschaffen.

Wie organisieren wir die tägliche Arbeit in der Redaktion? Viele Kollegen sind im Home-office, manche in Quarantäne, die Mannschaft ist geschrumpft, die Großraumbüros geleert, das Programm will gefüllt werden, so dringend wie nie. Wie können wir Interviews führen, ohne rauszugehen, ran an die Menschen? Welche technischen Möglichkeiten gibt es? Was für Sendeformen können wir noch machen, welche nicht mehr?

Ich sitze derweil alleine in meinem kleinen Korrespondenten-Büro im Städtchen, wieder fünf Tage die Woche statt eigentlich drei. Ich habe manchmal schon, halb Ernst, halb Spaß, gejammert, dass das nicht nur der tollste, sondern auch der einsamste Job ist, den mein Arbeitgeber zu vergeben hat. Derzeit bin ich gottfroh darum, weit und breit niemand, der mich anstecken oder nervös machen könnte. Ja, auch ich werde zwischendurch nervös.

Ich vermeide inzwischen auch die Interviews face-to-face, vermeide geschlossene Räume und werde bestimmt nicht zu irgendeiner Gemeinderatssitzung gehen, die es derzeit noch gibt, zumindest im Terminkalender. Aber was es heute noch gibt, kann morgen schon abgesagt werden, naja, Sie wissen schon. Viele Interviews gehen über das Telefon, über Whatsapp oder andere Wege, die ich noch ausprobieren muss, siehe oben. Zum Glück bin ich halbwegs Technik-affin. Und zum Glück gibt es da doch die Kollegen, weit weg und doch so nah, die helfen mit Rat und Tat via Skype oder Video-Chat.

A propos helfen und Rat und Tat. Der Odenwald wäre nicht der Odenwald, wenn nicht schon jetzt ein Heer von freiwilligen Helfern bereitstünde für die Zeit, wenn es wirklich ernst wird oder werden sollte. Ich könnte sie, privat versteht sich, alle küssen vor lauter Begeisterung, aber das darf man ja auch nicht mehr. Außerdem wären es viel zu viele zum Küssen.

Jedenfalls hat das Rote Kreuz im Kreis eine Hotline eingerichtet, die für alle praktischen Fragen und Hilfeleistungen zuständig ist. Hier haben nach grade mal einem Tag schon 60 Gruppen und Initiativen ihre Telefonnummern und ihr Hilfs-Angebot hinterlegt, das können Hilfe-suchende Anrufer dann in Anspruch nehmen, die Ehrenamtlichen vom DRK koordinieren das alles. Hinter den 60 Kontaktadressen verbirgt sich jeweils mindestens ein Dutzend Helfer, so stehen also quer durch den riesigen Landkreis schon mehrere Hundert Helfer bereit für Einkäufe, Erledigungen, was man halt so braucht, wenn man vielleicht irgendwann nicht mehr rausdarf oder – kann.

So ist also die Lage in der Lage. Stay tuned. Und wenn Sie Fragen haben: Ich weiß die Antworten auch nicht unbedingt. Aber hier werden Sie geholfen, wenn Sie im Neckar-Odenwald-Kreis wohnen:

  • 3 Kommentare
  • Waltraud Kessler-Helm 20. März 2020
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    Du machst einen suuuuper Job, bist immer für alle da. Bleibt Beide gesund. Danke für alles, Friederike

    • LandLebenBlog 20. März 2020
      Antworten

      Machen grade ganz viele Kollegen in den Redaktionen einen super Job. Und ich arbeite da ja echt noch unter privilegierten Bedingungen… bleibt IHR auch gesund!

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