Kommen und gehen.

Die Jahreszeiten kommen und gehen, es ist der ewiggleiche Kreislauf, und manchmal denke ich, nirgendwo ist man diesem Kreislauf so nahe wie auf dem Lande. In der Natur. Wenn man sie denn wahrnimmt.

Jeden Tag bin ich da draußen, die Hunde wollen es so, jeden Tag laufe ich morgens die selbe Strecke. Und jeden Tag sehen die Wiesen und die Felder anders aus, man kann den Jahreszeiten beim Kommen und Gehen fast zusehen. Ganz zart und langsam geht hier was, kommt da was, aus dem Acker sprießen die ersten grünen Hälmchen, woanders verblühen die roten Blüten, dafür kommen die gelben, die Blätter verfärben sich, sie fallen ab, alles ganz leise und behutsam, aber unübersehbar.

So richtig bäääm! macht es im ewiggleichen Kreislauf aber auch manchmal, so richtig deutlich und massiv. Zack!, Wieder ein Jahr vorüber, wieder ein Jahr älter, wieder ein Schritt weiter Richtung Ende. Wenn die Kühe reingeholt werden, von der Weide zurück in den Winterstall, dann kommt mir das so vor. Bääm!. Aus und vorbei, der Sommer, der Herbst, das ganze Jahr, zack!, Ende Gelände. Unwiederbringlich.

Monatelang haben die Tiere draußen gestanden, jetzt ist es Zeit, wieder in den Stall zu gehen. Im nächsten Frühjahr wieder raus, im nächsten Spätherbst wieder rein. Dann wieder raus, dann wieder rein. Ich ertappe mich dabei, dass ich nachrechne, wie oft ich das noch mit-erleben werden kann und darf, diesen Kreislauf. Zehnmal? Zwanzigmal? Dreißigmal?

Miterleben, wie der Landwirt in Ruhe und mit beruhigender Stimme die Tiere zusammentreibt, hinein in das Gatter vor dem alten Stall unter Bäumen. Wie er da so über die riesige Weide geht, mit weit ausladenden Schritten, – ob er da auch nachdenkt über diesen Kreislauf, darüber, dass nun schon wieder ein Jahr rum ist? Er schon wieder ein Jahr älter wird? Ein Jahr Lebenszeit vergangen ist, einfach so?

Dann miterleben, wie die schnaufenden Kühe und Kälber in den Triebwagen gelotst werden, ohne Hektik, wieder mit beruhigender Stimme, selten mit einem aufmunternden „Auf jetzt!“, immer nur ein paar auf einmal, damit sie noch ein bisschen Bewegungsfreiheit haben. Im Schritttempo geht es dann über den Weg runter zum Stall ins Dorf, es ist ein Drängeln und Schieben, bis alle sich im Wagen sortiert haben und halbwegs gleichmäßig hinter dem Traktor herlaufen.

Die Alten kennen das Procedere, aber ich kann nicht sagen, ob sie gerne Richtung Stall ziehen, oder lieber auf der Weide blieben. Für die Kälber ist der Weg neu, sie tippeln aufgeregt mit, immer die Nähe zur Mutter suchend. Immer mal wieder gibt es ein gewisses Durcheinander, der Wagen hält an, neue Aufstellung, weiter geht’s. Wie im richtigen Leben, denke ich so bei mir, wenn größere Veränderungen anstehen.

Am Ende des Tages sind die Tiere im Stall, die Weiden stehen leer. Keine Kühe mehr, kein Geräusch. Nur die Zäune und ein paar matschige Kuhfladen erinnern stumm daran, dass die Fläche bis eben noch belebt war. Die Wiesen warten jetzt, bis ihre Zeit wieder neu beginnt, irgendwann im Frühjahr, in sechs, sieben Monaten. Das Jahr ist rum.

Eigentlich sollte ich solche Gedanken, wenn überhaupt, zu Silvester haben. Silvester als Schnittstelle zwischen altem und neuem Jahr. Silvester war und ist mir aber seit jeher reichlich schnuppe, reichlich fremd. Grölend und knallend den Jahreswechsel zu feiern, die Tatsache, dass heute noch Dezember im Kalender steht und morgen Januar, das habe ich noch nie so recht verstanden. Dass man in Bergregionen hingegen den Alm-Auftrieb und den Abtrieb feiert, mit geschmückten Kühen oder Ziegen, erscheint mir umso schöner, umso schlüssiger.

Mein gefühlter Jahreswechsel jedenfalls hat an diesem Wochenende stattgefunden. Danke, dass ich mal wieder dabei sein durfte! Ich habe im Übrigen nicht nur im Weg herumgestanden und Fotos geknipst, sondern auch ein ganz klein bisschen helfen dürfen, nicht, dass Sie denken, ich wäre nun insgesamt eigentlich komplett nutzlos.

Nun hat mich aber die Monster-Husten-Schnupfen-Grippe fest im Griff, wenn ich (m)ein Mann wäre, wäre ich schon längst daran verstorben, ich liege die meiste Zeit des Tages im Bett und glotze an die Decke und denke im Angesicht des vermeintlichen Grippe-Todes über die Vergänglichkeit nach. Und da wird man ja wohl auch mal ein bisschen sentimental werden dürfen. Naja, Sie wissen schon.

Grippaler Infekt. Symbolbild.

21 Kommentare

  1. Ganz viel Gesundheit über den digitalen Weg!
    Dein schöner Bericht und die wunderbaren Fotos sind wieder so berührend, Kühe sind einfach wunderschön. Ich habe das doch richtig verstanden, die Tiere stehen im „warmen* Zeitraum draußen, als Ammenhaltung, nicht als Milchvieh? Dann hoffe ich, daßDu diese Seltenheit noch ganz oft sehen kannst!
    Aber jetzt erst Mal wieder auf die Beine kommen! Gute Besserung!
    Liebe Grüße
    Nina

    • War mir nicht so klar, dass das soooo selten sein soll? Hier ist sogar immer der gigantische Bulle mit dabei, der sich als wundervoller Vater präsentiert. An manchen Morgenden liegen alle Kälbchen halb auf ihm oder dicht an ihn gedrängt, und ich könnte dann immer flennen vor lauter Rührung.

  2. Erstmal schön ausschlafen und nicht mehr traurig sein, dann zieht die böse Monster-Husten-Schnupfen-Grippe ganz schnell wieder von dannen und kommt nicht mehr zurück…hihi.
    Wünsche Ihnen gute Besserung und danke für Ihren schönen Beitrag :-)

  3. Ich empfinde den von dir so schön beschriebenen und bebilderten Jahreszeitenwechsel auch immer ganz wehmütig – auch, wenn ich doch jeder Jahreszeit etwas ganz Besonderes abgewinnen kann. Schön, wie du das in Worte gefasst hast. Gute Besserung!

  4. Gute Besserung! Dem letzten Bild hätte ich furchtbar gerne ein paar Herzen gegeben. Ich kuschle mich jetzt an den 3jährigen, der hat nämlich ein genau so feuchtes Kussmündchen.
    LG
    Martina

  5. Witzige Art, Kühe in den Stall zu treiben. Aber mir kommt’s etwas overprotected vor. Die könnten doch ganz ohne Metallgitter ihren Weg finden, oder? Die Tiroler Rinder gehen doch auch – mit Begleitung – von der Alm nachhaus…

    Gute Besserung!!!!!

    • Vielleicht sind die Odenwälder Kühe anders….keine Ahnung, ehrlich gesagt. Die müssen halt über Wege, auf denen auch Fahrzeuge unterwegs sind – vielleicht ist es so am nerven- und personalschonendsten?!

  6. Oh, das kenne ich auch noch, als ich für ein paar Jahre im Bergischen Land (NRW) gewohnt habe. Im Frühjahr standen die Kühe nach wenigen Minuten wieder plärrend vor der Stalltür und im Herbst wollten die nicht mehr rein. Und nach ein paar Wochen ging man morgens mit dem Hund an der Weide vorbei und überall standen die neugeborenen Kälber herum. Vom sehr argwöhnischen Stier bewacht.

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