Unterwegs.

Langsam machen. Nicht gleich wieder voll Gas geben. Immer mit der Ruhe. Der Kreislauf, der Kreislauf. Nach drei Tagen Bettruhe hielt ich es heute für angebracht, mal wieder etwa ausführlicher an die frische Luft zu gehen.

Wobei das mit dem Gehen maßlos übertrieben ist. Ich zog es vor, zunächst mal auf allen Vieren zu kriechen. Nicht, um mir das Gras von unten zu betrachten, das wäre nun doch etwas übertrieben, Todes-Grippe hin oder her, – sondern um im untersten Unterholz ein paar Fotos zu knipsen. Und mich einmal mehr über die Wunder der Natur zu wundern. Naja, Sie wissen schon.

Zum Glück war niemand im Wald unterwegs, der mich hätte sehen können, wie ich da eine gefühlte Ewigkeit entweder andächtig im Schlamm saß oder kniete, winzige Pilze anbetete, mit den Händen im Laub rumkruschtelte oder in der Hocke andächtig über dem Waldboden schwebte – eine Körperhaltung, die im Übrigen durchaus zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen kann, auch und gerade im Wald.

Dabei ist derzeit viel los hier in den Wäldern ringsum, die Pilzsammler treten sich quasi gegenseitig auf die Füße, an den Wochenenden stehen die Autos bis weit in den Wald hinein, körbeweise schleppen die Leute Steinpilze, Maronen und wasweißichnichtalles heim, Richtung Heilbronn, Richtung Heidelberg.

Wider Erwarten ist es ein reiches, sattes Pilzjahr, und neben all den essbaren Pilzen sehe ich Exemplare und Gebilde, die ich noch nie zuvor gesehen habe, tausenderlei Arten in allen Farben und Formen. Im Laub, auf Baumstümpfen, an bemoosten Wurzeln, überall sind sie, klein und dick und groß und schlank und wuchtig und filigran. Es gibt Stellen im Wald, da muss ich mich nur einmal um die eigene Achse drehen, um Dutzende von Pilzen zu entdecken, zehn oder 15 oder 20 verschiedene Arten. Kaum eine davon kann ich benennen, aber ich gucke und staune.

Auch Fliegenpilze sehe ich in noch nie dagewesener Zahl, wie im Bilderbuch stehen sie da, feuerrot und nass glänzend im schattigen Unterholz, einzeln, in Gruppen, in weit ausladenden Kreisen. Es ist ein bisschen, als quetsche der Wald noch einmal alles aus sich heraus, alle Farben, alle Formen, Feuchtigkeit, Fruchtbarkeit und Leben, bevor er sich demnächst für ein paar Monate in den Winterschlaf zurückzieht.

Aber bevor uns jetzt noch romantisch oder allzu idyllisch ums Herze wird: Es gibt ja doch etwas, dass mich in diesem Jahr zunehmend (Achtung) ankotzt. Da sind diese Pilzsammler, die in halben Lieferwagen vorfahren und Pilze sammeln, dass es kracht. Drei, vier, fünf Männer quellen aus dem Fahrzeug und verteilen sich auf Befehl des Fahrers in alle Himmelsrichtungen. Bei Freunden am Waldrand waren es neulich vier Frauen asiatischer Herkunft, die auf die Ansage des deutschen Fahrers hin ausschwärmten. Ausschwärmen mussten, sollte es vermutlich eher heißen.

Was auch nur im Entferntesten nach Pilz aussieht, – unten eine Art Stiel, oben ein Hut, Form und Farbe ansonsten völlig wumpe – , alles also wird aus dem Boden herausgerissen und eilig in Taschen und Tüten gestopft. Die Männer und Frauen schleppen ihre Beute zurück zum Auto, der Kapo untersucht die Ware und sortiert aus. Was passt, kommt in die Kisten, was giftig oder ungenießbar ist, fliegt als Abfall auf den Boden. Tritt sich fest. Ist ohnehin nichts wert. Irgendwann verschwindet der Wagen so schnell wie er gekommen ist und hinterläßt einen Haufen zerrupfter, geknickter, zermanschter Pilze am Wegrand.

Und an Stellen, an denen eben im Wald noch ein wundersames, märchenhaftes Meer aus Formen und Farben war, bleibt ein zertrampeltes, löchriges Schlachtfeld zurück. Ich übertreibe an dieser Stelle vielleicht ein bisschen, aber mir ist gerade danach. Vor lauter Zorn. Naja, Sie wissen schon.

21 Kommentare

  1. Kannste u. U. anzeigen (oder den Förster dazu rufen.) In Deutschland gibt es zwar keine explizit ausgewiesene Mengen, die man sammeln darf. Trotzdem sind Obergrenzen defineirt. Im genauen Kontext heißt es, man darf lediglich die Menge für den privaten Eigenbedarf sammeln, das sind üblicherweise maximal (!) 2000 Gramm/Kopf. Einige Bundesländer definieren Mengen unterschiedlich aber doch ziemlich genau.

    Das kann richtig viel Geld kosten, wenn man zu viel sammelt.

    • Ich weiß. Nur: Die lassen sich halt nicht erwischen. Und vermutlich sind es auch zuviele. Oder sie kriegen letzten Endes so viel Geld raus, dass sie den einen Bescheid aus der Portokasse zahlen.

  2. Hier (https://www.lawblog.de/index.php/archives/2019/10/21/pilze-und-paragrafen/) steht auch was dazu. Es geht also nicht nur um die Menge, sondern auch darum, dass eben nicht alles rausgerissen werden darf. Ggf. anzeigen, vielleicht ein paar Bilder machen, Kennzeichen notieren und so. Muss ja nichts zwangsweise bei rumkommen, vielleicht reicht es schon, denen ein wenig Ungemach zu bereiten. Anzeigen finde ich imme blöd, hat was von petzen, aber manchmal hilft nichts anderes …
    Beste Grüße!

  3. Pilze sind tolle Lebewesen! *.* (Nur auf dem Speiseplan, stehen sie bei mir nicht unbedingt.) Vielleicht hast Du es vorhin eh selbst mitbekommen, wie die Polizei einen Pilzesammler erwischt hat. 19 Kilo Steinpilze! Es dürfte etwas teurer werden.

    • Doch. Nur nicht mehr die Heimischen. Schau Dir mal die Auslagen in den Geschäften an. Saitling aus Südkorea. Rolle jedesmal mit den Augen. Vor allem, weil die potentiellen Käufer dumm drauf und dran rumfummeln. Geht also in den Müll. Und auf dem Weg in die Verbreitung. Von wegen Entsorgung und Verbrennung: Bonn Orange kommt max. alle 2 Wochen. Bis dahin kann sich sowas aus der Tonne mit jedem Klappe auf-Klappe zu, gut verteilen.

  4. Das sind herrliche Fotos, weiter machen. Gute Besserung. So ein schöner Blog. Das mit den Pilze sammeln ist eine riesige Unverfrorenheit, Auto- Nr. aufschreiben und anzeigen, so geht’s ja gar nicht.

  5. Sehr schöne Aufnahmen. Die Pilzsammler Invasion erinnert mich an Südtirol. Wenn wir zur Pilzzeit dort in Urlaub waren, kamen sie in Scharen aus ganz Italien angereist, kampierten in ihren Autos und durchforsteten die Wälder. Die Einheimischen hat das sehr geärgert, aber machen konnten sie auch nichts.

  6. Leider liest man von sowas immer öfters in den Zeitungen :( Da wird professionell und wie in Drückerkolonnen gesammelt und diverse Wirte freuen sich über dieses „Zubrot“.

    Meine Familie väterlicherseits war im Herbst fast dauernd im Wald und hat Pilze gesammelt. Waren zehn Personen, aber die Ausbeute hat gerade mal den Küchentisch bedeckt. Viel wurde sofort verarbeitet. Und ich verabscheue bis heute Pilze, die beim Kochen/Braten so schleimig werden *örks* Selber würde ich gerade mal Pfifferlinge erkennen.

  7. „Bei Freunden am Waldrand waren es neulich vier Frauen asiatischer Herkunft, die auf die Ansage des deutschen Fahrers hin ausschwärmten.“

    Du warst nicht dabei. Deshalb wäre es besser – gemäß Pressekodex – die Angaben zur (vermeintlichen) Nationalität wegzulassen, danke!

  8. Gute Besserung. Und wenn der Kreislauf nicht rund läuft besser nicht im Wald umhereiern. Wäre doch blöd, wenn man dann irgendwo hinpurzelt nicht gefunden wird.
    Diese Pilzstory find ich unheimlich, bei uns wird Pilzesammeln immer(!!!) mit Pilzeputzen bestraft, da überlegt man sich das mit der Menge.
    LG Ilka

  9. Nein ! Sie haben ja recht. Und es ist völlig unerheblich, ob es Chinesen, Italiener oder gar Frankfurter waren. Man weiß nicht was schlimmer ist.
    Wobei ich die Eintracht ja cool finde, aber das ist was anderes…..
    Auch Moutainbiker in Massen, ob mit oder ohne Motor.
    Oder junge Männer, die Feuerplätze zerstören. Es gibt bei uns oben auf dem Berg eine wunderschöne Hochebene. Dort war eine schöne Hütte mit Kaminofen und allem drum und dran. Mein Gott haben wir dort Feten abgezogen, manchmal hunderte Leute, in den 70ern / 80ern. Am Sonntag haben alle, die oben gepennt haben, erst mal 2 Bier getrunken und dann die Wiese aufgeräumt. Ehrensache. Danach noch ein paar Bier mehr, das Fest nach dem Fest war oft besser als der Samstag Abend.
    In den 90ern haben irgend welche Vollhonks die Bude abgefackelt.
    Es gibt heutzutage keinerlei Rücksicht mehr, kein feeling für Sachen, die allen gehören, egal ob Natur, öffentliche Gebäude oder in dem Fall Pilze.
    Alleine diese Sichtweise, daß es überhaupt Sachen gibt, die allen gehören und damit auch eine gewisse Verantwortung verlangen. Deppen überall, iss doch wahr !

  10. so wunderschöne Bilder
    das mit den Pilzsammlern ist ärgerlich
    vielleicht sollte da an Wochenenden mal eine Streife oder der Förster mal vorbei schauen
    auf alle Fälle würde ich das Kennzeichen notieren und Anzeige machen
    wenn die Pilze unsachgemäß geerntet werden kommen nächstes Jahr ev. keine mehr

    liebe Grüße
    Rosi

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