Arsch hoch!

13. Oktober 2019

Ich wollte diese Geschichte aus Halle ja erstmal konsequent ignorieren. Vogel-Strauß-Taktik, naja, Sie wissen schon. Aus psychohygienischen Gründen. Selbstschutz undsoweiter. Funktioniert aber nicht. Leider. Oder gottlob. (Falls Ihnen der Begriff Halle nun so gar nichts sagt, lesen Sie (Klick!) hier nochmal nach. Das ist aber definitiv nicht vergnügungssteuerpflichtig.)

Ich also erstmal: Vogel Strauß. Aber spätestens, als ständig vom Einzeltäter die Rede war, als die CDU-Vorsitzende warnblinkend von Alarmzeichen sprach und dann auch noch der Seehofer-Horst ankündigte, die Gamer-Szene zukünftig verstärkt unter die Lupe zu nehmen, weil Videospiele die Wurzel allen Übels seien, während andere wiederum sofort Aber die bösen Linksradikalen! schrien, und wieder andere reflexartig blökten, Schuld an allem sei ja ohnehin nur die Frau Merkel mit ihrer Migrationspolitik, – spätestens jetzt also zog ich den Kopf aus dem Sand und ließ ihn mehrfach rhythmisch auf die Tischplatte krachen. Das funktioniert im Prinzip als Ventil erstmal gut, verursacht aber erheblichen Schädelschmerz und hilft letzten Endes auch nicht weiter.

Der Vorsatz, der Plan, die Gedanken dahinter, die Tat, die politischen Reaktionen – das alles ist so unsäglich, dass ich das hier nicht weiter ausführen muss. Treue Leser wissen, was ich meine. (Dass ich in diesem Zusammenhang via Twitter ausgerechnet auf die Welt am Sonntag verweisen würde, hätte ja auch niemand für möglich gehalten. Klicken Sie auf das Bild und lesen Sie den ganzen Kommentar, dem ist kaum was hinzuzufügen.)

Treue Leser werden sich aber vielleicht auch fragen, was das Thema auf einem Blog über das idyllische Landleben zu suchen hat. Nicht viel. Oder vielleicht doch? Ich habe jedenfalls beschlossen, in diesem Jahr zu den hiesigen Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht zu gehen. Ich war da noch nie. Schlimm genug. Ich habe hier in der vermeintlichen Idylle bisher nie den Arsch hochbekommen, entschuldigen Sie bitte die Ausdrucksform, aber man muss es wohl in dieser Deutlichkeit sagen.

Ich nehme an, dass gerade auf dem Lande bei diesen Veranstaltungen immer die üblichen Verdächtigen erscheinen, ein, zwei Hände voll von Leuten, die immer da sind. Vielleicht auch ein paar mehr, was weiß denn ich. Auf jeden Fall stellvertretend für viele andere wie mich, die den Hintern nicht hochbekommen, sei es aus Faulheit, Gleichgültigkeit, Desinteresse oder Ignoranz. Schlimm genug.

Ich stelle mir vor, dass es in Berlin oder Hamburg oder München vielleicht nicht so sehr auffällt, wenn bei einer Gedenkveranstaltung zu den Juden-Pogromen, bei einer Demo gegen Hass oder einem Solidaritätskonzert 1000 statt sonst 800 Menschen sind. Oder 15.000 statt sonst 12.000. Dass es umgekehrt also auch nicht so sehr auffällt, wenn ich zuhause bleibe, in der wohlig-warmen Stube. Sie wissen, was ich meine.

Aber stellen Sie sich das mal in der besagten Idylle des sogenannten, besonders christlichen Hinterlandes vor: Wenn bei einer Veranstaltung in der klitzekleinen Stadt statt 50 plötzlich 500 Menschen erscheinen. Statt 100 vielleicht 800. Oder auf dem Dorf statt 30 satte 300. Ja, ich träume mal so vor mich hin. Aber das wird man wohl noch träumen dürfen! Das jedenfalls wäre mal ein sichtbares Zeichen. Und vielleicht das Mindeste, was man tun kann. Tun muss.

Also: Arsch hoch, Zähne auseinander und Gesicht zeigen.

In Mosbach gibt es demnächst hier eine Gelegenheit:

Sonntag, 10.11.2019 um 18:00 Uhr
Synagogenplatz in Mosbach
Gedenkfeier zur Reichspogromnacht


Und in (Klick!) Buchen auch.

Wer weitere Termine kennt, gerne in die Kommentare.

  • 11 Kommentare
  • Astridka 13. Oktober 2019
    Antworten

    Bin dann mal in Gedanken im Hinterland dabei… Arsch huh, Zäng ussenander, auch in den Blogs vonnöten, finde ich außerdem.
    Schwülwarme, kopfwehmachende Sonntagsgrüße aus Kölle!
    Astrid

  • Siewurdengelesen 13. Oktober 2019
    Antworten

    Danke!

  • Hauptschulblues 13. Oktober 2019
    Antworten

    H. geht auf jeden Fall am 8. November auf die Straße.

  • Folkhard Krall 14. Oktober 2019
    Antworten

    Am 20.10.2019,14.00 Uhr findet in Neckarzimmern am Mahnmal für Jüdinnen und Juden aus Baden ein Gedenken statt.
    http://www.mahnmal-neckarzimmern.de/

  • Alexandra 14. Oktober 2019
    Antworten

    „Arsch hoch!“ klingelt dies hier wach bei mir: https://youtu.be/jzIsqCeSZl4
    Und 8. November, ja, ich guck‘ mal in den Kalender meiner kleinen Großstadt …

  • Ilka 14. Oktober 2019
    Antworten

    Danke!

    Am 9.11.2019 18:00 Uhr
    Platz der Einheit, Potsdam
    (Standort der ehemaligen Synagoge)

  • Die Schwalbe 15. Oktober 2019
    Antworten

    Ich wohne in Chemnitz und habe Angst vor wachsender Feindlichkeiten zwischen Menschen mit unterschiedlicher Meinungen.
    Das Gedicht von Lothar Zenetti ist mir deshalb besonders wichtig:
    Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
    Was keiner sagt, das sagt heraus.
    Was keiner denkt, das wagt zu denken.
    Was keiner anfängt, das führt aus.

    Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen.
    Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
    Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.
    Wenn alle mittun, steht allein.

    Wo alle loben, habt Bedenken.
    Wo alle spotten, spottet nicht.
    Wo alle geizen, wagt zu schenken.
    Wo alles dunkel ist, macht Licht.
    *
    Zenetti hat als junger Mann den zweiten Weltkrig erlebt. Auch er sollte Soldat werden, kämpfen und töten. Zu dieser Zeit hat er erfahren, was alles nicht gesagt werden durfte. Alles sollte gleich sein, gleich denken, gleich hassen. Irgendwann haben viele wahrscheinlich nicht mehr gewagt, überhaupt noch anders zu denken. Keiner durfte etwas gegen die Nazis, den Krieg und den Judenmord etwas sagen. Vielleicht hat Zenetti an dieser Zeit gedacht, als er später diese Zeilen geschriben hat.
    *
    Zenetti geht es nicht nur darum, dass wir kritisch und unabhängig sind. Das ist nur der erste Schritt. Er fordert uns auf zu handeln. „Wo alles dunkel ist, macht Licht.“

    • Die Schwalbe 15. Oktober 2019
      Antworten

      Korrektur
      Beim nochmaligen Lesen meines Beitrags habe ich zwei Tippfehler entdeckt … statt Weltkrig heißt es Weltkrieg … und statt geschriben muss es geschrieben heißen.
      Ach je, bitte vielmals um Entschuldigung :-) LG

      • Ingrid Becker 16. Oktober 2019
        Antworten

        Nach meiner langen Erfahrung im Berufsleben und auch sonst bleiben die meisten still, vielen ist es egal, andere wollen nicht anecken usw. Das ist es was mir am meisten Angst macht. Man hat nichts dazugelernt. Ich weiß nicht wie lange ich schon gegen „Rechts“ laut meine Meinung äußere. Eigentlich wollen die meisten nichts davon wissen.

  • Claudia Pollmann 18. Oktober 2019
    Antworten

    Hatte gestern in meinem Literaturkreis wieder mal die Aussage “ es muss jetzt doch mal gut sein, ist doch alles schon so lange her und müssen wir noch für die Enkel zahlen?“. Da sehe ich dann echt rot. Also das gab mal eine Ansage von mir. Wenn Schriftsteller trotz ihrer Äußerungen und Bücher Nobelpreise bekommen und Menschen meinen „das dann mal gut ist“ muss man auf die Straße….

  • Brigitte Augspurger 7. November 2019
    Antworten

    Mahnwache in Heidelberg,
    Samstagabend ab 18 Uhr auf dem Alten Synagogenplatz.

    https://www.facebook.com/events/354085588681434/

  • Antworten

Vorheriger Artikel 12 von 12
Nächster Artikel Kommen und gehen.