Kinder. Land.Verschickung.

Hundebesitzer kennen das: Da gibts irgendwelche Termine oder Ausflüge, da können die Hunde nicht mit. Müssen also anderweitig versorgt werden. Bei mir helfen in derlei Fällen liebe Freundinnen, es ist ein Geben und Nehmen. Wenn mich dann unterwegs jemand fragt, wo denn die Hunde seien, antwortete ich bisher scherzhaft Die sind auf Kinderlandverschickung! Und alle so: Hahaha! Lustig! Kinderlandverschickung!

Seit ein paar Tagen bleibt mir das Wort allerdings im Halse stecken.

Durch Zufall nämlich bin ich an ein Buch über vergessene und verdrängte Geschichte(n) geraten, in dem es genau darum geht: Vergessene und Verdrängte Geschichte, auch hier in unserer Region. Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus, Zwangsarbeiter, Deportationen, naja, Sie wissen schon.

Ich blätterte ein bisschen herum, manches kannte ich schon, vieles war mir neu, und dann las ich mich fest. An einem Bericht über die Kinderlandverschickung in den Odenwald. Verfasst von Thomas Naumann, dem langjährigen Leiter des Odenwälder Freilandmuseums in Walldürn Gottersdorf.

Kinderlandverschickung gab es offenbar schon vor dem Ersten Weltkrieg, Großstadtkinder an die frische Landluft!, hatte seinerzeit das Motto gelautet. Geprägt und besetzt wurde der Begriff aber wohl von den Nazis, Kinderlandverschickung klang wild-romantisch, nach Lagerfeuer und Gitarre, sollte die Kinder vor den Bombardierungen in den großen Städten schützen und sie gleichzeitig einer anständigen NSDAP-Erziehung zuführen. Hier (Klick!) bei Wikidingsbums können Sie Näheres erfahren.

Museumsleiter Naumann jedenfalls hatte vor Jahren unerwartet Besuch im Freilandmuseum. Vor ihm stand ein Mann: der Visitenkarte nach Carl Bierbaum, Direktor einer großen Fabrik in Australien. Geboren 1934 in Bremen und 1940 nach Gerolzahn verschickt. Kinderlandverschickung. Als gerademal Sechsjähriger von den Eltern an den Bremer Bahnhof gebracht, mit einem Pappschild um den Hals, mit Namen, Heimatadresse und Zielbahnhof. Und dann irgendwie bis nach Gerolzahn gekommen, tief in den Odenwald, hoch auf die Höhen, irgendwo in den damals unendlichen Weiten zwischen Walldürn und Miltenberg. Wie allein die Bahnreise für den sechsjährigen Jungen gewesen sein mag, möchte ich mir nicht ausmalen.

Das Haus, in dem der kleine Junge aus Bremen landete, war das Schäferhaus in Gerolzahn. Heute steht es im Freilandmuseum in Gottersdorf, ich kenne es und war schon oft dort, aber ich gestehe, die Geschichte mit der Kinderlandverschickung hatte ich bislang ignoriert. Zu beeindruckt bin ich jedes Mal von der Einrichtung, der Enge, den winzigen Betten und den niedrigen Decken. Dass das hier nicht die gute alte Zeit war, wird jedem klar, der das Haus betritt.

Wie erst muss das auf den kleinen Carl gewirkt haben? Im äußert bescheidenen Haus des Schäfers lebten nach Carl Bierbaums Erinnerung und nach Kenntnis von Museumsleiter Naumann seinerzeit mindestens sechs, sieben, vielleicht sogar zehn Personen. Alle katholisch. Nur Carl: evangelisch. Des Teufels also. Der Schäfer als Haushaltsvorstand habe ihm den falschen Glauben ausprügeln wollen, regelmäßig, mit einer Hundekette, erinnert sich Carl Bierbaum im Gespräch mit Thomas Naumann. Im Dorf, in der Schule: er war der Außenseiter, falscher Glaube, falscher Dialekt, falsche Herkunft. Ein Sechsjähriger. Ein Kind.

Ein Kind, das dann schlussendlich, nach Kriegsende, irgendwann wohl zu den leiblichen Eltern zurückging. Oder zurückgeschickt wurde. Als dann schon halbwüchsiger Junge. Nach Hause. Zurück in eine wiederum fremde Umgebung, zu vergleichsweise wildfremden Menschen, die sich Mutter und Vater nannten und an die der Sohn kaum mehr eine Erinnerung hatte. Vielleicht sind es diese Kindheits- und Jugenderfahrungen, die einen Carl Bierbaum schließlich dazu bewogen, Deutschland für immer zu verlassen.

In dem kleinen, sehr lesenswerten Büchlein gibt es noch ein anderes Beispiel einer Kinderlandverschickung in den Odenwald. Sie verlief anders, mit einer Art Happy-end, aber auch so, dass ich beim Lesen zwischendurch dachte, Oh mein Gott, wie hält ein Kind das aus?. Und beide Zeitzeugen stehen vermutlich stellvertretend für die vielen tausenden und hunderttausenden von Kindern, die weg von ihren Eltern mussten, raus aus den Städten, rein in Lager, Pflegefamilien oder zu entfernten Verwandten. Für manche mag das ein Abenteuer gewesen sein, eines zudem, das ihr Leben rettete. Anderen muss es als Horror in Erinnerung geblieben sein.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich empfehle Ihnen also mal wieder einen ganz gezielten Besuch im Gottersdorfer Freilandmuseum, und hier besonders im Schäferhaus. Die Geschichte der Kinderlandverschickung ist da dokumentiert. Und außerdem empfehle ich Ihnen das kleine Büchlein über Vergessene und verdrängte Geschichte(n), das Sie (klick!) hier bestellen können. Ja, das ist Werbung, und nein, ich bekomme kein Geld dafür.

Den lustigen Spruch mit der Kinderlandverschickung werde ich mir zukünftig jedenfalls verkneifen. Sensible Sprache undsoweiter, naja, Sie wissen schon.

12 Kommentare

    • Es lohnt sich auf jeden Fall, da mal ein bißchen zu forschen, wenn das Thema interessiert. Es hat viele unterschiedliche Facetten, scheint mir nach dem ersten Einlesen.

  1. Kennen sie den Film Schwabenkinder? Das hieß zwar nicht Kinerlandverschickung sondern arme Schweizer Familien, die ihre Kinder nicht ernähren konnten, schickten ihre Kinder ins Schwäbische (zu Fuß über die Alpen) zu Bauern, wo sie dann arbeiten mussten und oft halt auch entsprechend schlecht behandelt wurden…

  2. Liebe Friederike,

    auf dem ersten Drittel hatte ich bereits Flashbacks. Ich lese deinen Beitrag nachher ganz, er…triggert nur gerade ungemein.

    Bevor du Wunder-was denkst: Schreibe weiterhin so, es ist ein Genuß bei all dem. Auch mit Flashback.

  3. Danke für den Hinweis zu diesem Buch und deinem Bericht!
    Übrigens, ich bin Odenwälderin (Walldürn/Altheim), lebe im westlichen Münsterland, für mich ist der landlebenblog wie eine Nabelschnur in meine alte Heimat. Ich bin begeisterte Leserin und grüße alle badischen Odenwälder!!

  4. Dann scheinen da etliche Kinder aus Bremen verschickt worden zu sein, denn in meiner Familie gab es auch ein Mädchen von dort, in das sich mein Vater verliebt hatte, die aber dann auch einem GI den Vorzug gegeben hat und mit ihm in die Staaten ging. Von dort kriegten meine Cousinen später immer Pakete mit Klamotten, die auch immer mal auf mich übergegangen sind. Nach diesem brutalen Umgang mit dem Nachwuchs scheint der Drang in die Fremde ja groß gewesen zu sein…
    Deine Geschichte ist furchtbar. Aber man lese mal „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, da wird alles klar, auch weshalb die Generation von 1933 bis 45 ( und darüberhinaus ) bindungsmäßig schon mal schwierig sind…
    GLG
    Astrid

  5. ja.. die Kindheit endete früher oft schon nach dem 5. oder 6. Jahr
    und immer war es der Kinderreichtum und die Armut ..
    sie mussten meist in der Landwirtschaft schwer arbeiten
    aber nicht nur in Deutschland
    aus Frankreich wurden kleine Jungen nach England geschickt um dort die Kamine zu kehren (meist im Winter)
    sie mussten dort hinein kriechen um sauber zu machen
    als Kind hatte ich einmal ein Buch über solchen Jungen gelesen
    es hatte mich damals tief erschüttert
    obwohl es ein Kinderbuch war

    liebe Grüße
    Rosi

  6. Uns ist es mal so in Irland ergangen. „Warum er so gut Deutsch spreche?“ Hängen geblieben nach der Landverschickung. Irland hat in der NS Zeit ganz viele Kinder aufgenommen.
    Und so wie die Schwabenkinder gab es das in der Eifel auch. Aus Not würden die Kinder dort weggegeben.
    Können wir uns nicht mehr vorstellen… Geht es uns gut!
    Liebe Grüße und Danke für einen interessanten Bericht
    Nina

  7. Das „Verschicken“ von Kindern ist leider ein verbreitetes Verfahren gewesen. Ich kenne es aus dem südlichen Alpenraum. Von dort aus wurden aus Gründen der Armut Kinder nordwärts über die Alpen als sog. „Schwabenkinder“ geschickt, oder in die norditalienischen Städte als Kaminfegerbuben (sh. „Die schwarzen Brüder“ von Held u. Tetzner). Aus Nazideutschland wurden jüdische Kinder per Zug nach Großbritannien gerettet.
    Mein Vater und seine Schwestern waren aus dem Ruhrgebiet Richtung Pommern land-verschickte Kinder gewesen. Mein Großvater (nicht wehrtauglich) hatte vom Näherrücken der Russen im heimlich abgehörten BBC-Radio gehört und seine Kinder noch höchstpersönlich und rechtzeitig in die bombadierte Heimat zurückgeholt. Eine alte Familiengeschichte…
    Bei mir klingelt es auch immer in den Ohren, wenn ich das Wort „Kinderlandverschickung“ höre…
    Liebe Grüße
    Andrea

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