WMDEDGT.

Herrjeh, die Zeit verrennt, heute ist schon wieder der Fünfte des Monats, August in diesem Fall, und an jedem Monats-Fünften will die freundliche Frau Brüllen von uns ein bisschen Tagebuchbloggerei lesen. Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?, will sie wissen, kurz WMDEDGT.

Also bitte. Was mache ich eigentlich den ganzen Tag? Gute Frage. Zumal an einem Sonntag ohne einen einzigen Termin. Aber irgendwas ist ja immer. Morgens ist vorallem derzeit Kühle, ja nachgeradezu erfrischende Kühle. So stellt sich die verantwortungsbewusste Hundehalterin den Wecker auf 5 Uhr 30, na, da staunen Sie.

Eine knappe Stunde geht es im sanften Morgenlicht über die Felder, jetzt können die Hunde noch rennen, ohne einen Hitzschlag zu erleiden. Auf der Weide liegt ein neugeborenes Kälbchen, will mir scheinen, vielleicht ist es in der Nacht zu Welt gekommen. Die Mutter schlotzt und muht abwechselnd, und das alles sieht sehr friedlich aus, und ansonsten ist tiefe Stille hier draußen.

Endstation der Hunderunde ist der Forellenteich, kühl und schattig das Grundstück, und Frau Lieselotte stakst durchs eiskalte Wasser wie durch ein Kneipp-Becken, während das alte Hündchen nur dasitzt und glotzt. Forellen füttern, nach dem Reiher, diesem Drecksviech, Ausschau halten und ihn mit gereckter Faust und wilden Flüchen vertreiben. Noch in der Ferne höre ich sein hämisches Kichern.

Auf dem Rückweg Grünzeug für die Ziegen sammeln, ich stapfe mit der Heckenschere durch die Landschaft, schneide Himbeeren, Buchenzweige, Erle. Vieles ist schon am Strauch verwelkt, die Trockenheit fordert ihre Opfer. Am Wegesrand liegen die riesigen Äste von Apfelbäumen, die unter der Last der Früchte abgebrochen sind, auch hier zerkratze ich mir Arme und Beine und bediene mich.

Zuhause dann die tägliche Runde: Hühnerstall, Kükenstall und Ziegenstall. Alles in Ordnung, alle froh und munter. Und hungrig: die Ziegen mümmeln erst das angeschleppte Laub und wollen dann zum Nachtisch an meinem vormittäglichen Lesestoff nagen.

Freiwillig ein Standardwerk über die Geschichte Badens im Ziegen- und Hühnerauslauf zu lesen, ist in etwa so, wie sonntags den Wecker auf 5 Uhr 30 zu stellen, nicht so wirklich vergnügungssteuerpflichtig, aber eben mir doch ein Bedürfnis. Ich  habe neulich festgestellt, dass ich so gar nichts über den Dreißigjährigen Krieg weiß, und ich finde, das sollte sich ändern.

2018 ist es genau 400 Jahre her, dass dieser Krieg ausbrach, Auslöser war der Prager Fenstersturz, ja, da klingelt irgendwas im Hirn, ganz hinten, da habe ich mal in der Schule was davon gehört; mein alter Geschichtslehrer Dr. Melzer wippte begeistert und elastisch vor der Tafel herum, seine Frisur war so wirr wie die  Skizzen mit Pfeilen und Kreisen, die er an die Tafel warf und die ich nicht verstand. Die mir nebenbei gesagt auch herzlich egal waren. Es erschloss sich mir leider nicht, warum das interessant und wichtig sein sollte, und so fiel ich in den üblichen Geschichtsstundenschlaf, der gefühlt 30 Jahre, bis zum Westfälischen Frieden, dauerte.

Dabei gilt dieser Krieg als eine der traumatischen Erfahrungen der Deutschen, habe ich gelernt, 30 grauenhafte Jahre lang, man muss sich das mal vorstellen, und auch hier im Odenwald hat er gewütet und seine Spuren hinterlassen. Der Odenwald war zwar kein Kampfgebiet, aber doch Durchzugsregion für Soldaten aus allen Himmelsrichtungen, und er hat auch hier, Hand in Hand mit der Pest,  dafür gesorgt, dass am Ende bis zu zwei Drittel der Bevölkerung ausgelöscht waren. Getötet, verhungert, geflohen.

Irgendwo las ich, dass in ganz Baden – und eben auch im Odenwald – Auswanderer aus der Schweiz kamen, um die ausgestorbenen Dörfer wieder aufzubauen, zu beleben. Wieso ausgerechnet Schweizer, ausgerechnet in den kargen Odenwald? Und ausgerechnet evangelische Schweizer ins tiefste Katholikenland? – Ich finde dazu auch in dem inzwischen angenagten Standardwerk nicht viel – falls da also jemand einen Literaturtipp hat – immer gerne her damit.

Am Vormittag schaue ich Hühnern, Ziegen und dösenden Hunden zu, ihre Ruhe überträgt sich auf mich, und ich genieße die Muße. Ein Zustand, den es in den ersten 48 Jahren meines Lebens nicht gab, und den ich noch ein bisschen üben muss. Falls Sie das Thema mehr interessiert als der Dreißigjährige Krieg: an der Freiburger Universität gibt es seit Kurzem sogar einen vielbeachteten Sonderforschungsbereich zum Thema Muße, ich hatte mal das Vergnügen, den zuständigen Professor zu treffen. Noch nie hatte ich soviel Stress wie mit diesem Uni-Projekt zur Muße!, sagte er genervt und müde. Mir klang das irgendwie unlogisch, aber ich habe ja auch nicht studiert.

Ansonsten denke ich beim Kaffee auf der Terrasse darüber nach, ob ich nicht doch mal einen Podcast starten sollte, reizen täte es mich schon, – aber wollte das irgendjemand hören? Und wie wäre der aufgebaut? Literarisch, kolumnistisch oder reportagehaft? Features vom Lande? Oder gar eine Interviewreihe? Ach, ich weiß es nicht. Will ich auch in meiner Freizeit noch mit dem Mikrofon durch die Gegend rennen? Wäre das Last oder Lust? Fragen über Fragen. Ja, das kommt davon, wenn man sich der Muße hingibt.

Dann doch lieber wieder was Sinnvolles tun: den uralten Terrassentisch einölen. Und dabei bemerken, dass mein Geo und ich in den nunmehr fast 18 Jahren des Zusammenlebens bislang nur ein einziges Möbelstück gekauft haben, ein Sofa für Atelier und Kamin, rollbar durch das ganze Untergeschoss. Ansonsten alles alt, alles aus Bordmitteln, wie der Gatte sagt. Wir arbeiten auf oder um, wir schleifen ab und streichen neu, oder bringen, wie beim besagten Tisch, erst siebzehn Schichten Farbe auf, die wir nun mal allesamt abgekratzt haben, um in diesem Jahr das alte Holz zu betrachten.

Ok, für den Terrassenfußboden muss uns noch was einfallen.

Dann rasch den Sommerurlaub buchen. Rasch, wohlgemerkt. Und gleich bezahlt. Bevor es sich der allzeit unschlüssige Gatte wieder anders überlegt. Wäre nicht vielleicht Ostsee schön? (Frau recherchiert stundenlang, präsentiert fünf mögliche Ferienhäuser). Ach, ich glaube doch, Tirol wäre besser. (Frau recherchiert stundenlang, präsentiert fünf mögliche Ferienhäuser). Aber der Wolfgang, der war doch in Masuren, wie wäre denn das? (Frau, leicht genervt, recherchiert und präsentiert fünf mögliche Ferienhäuser). Und wenn wir vielleicht doch lieber nach Südspanien ….? (Frau explodiert und beißt in die Kante des frisch geölten Terrassentischs).

Nun ist das jetzt also auch erledigt, und falls es Sie interessiert: es geht in die Vogesen.

Am Nachmittag fährt mein Geo durch den Odenwald ins Bayerische zu einer Ausstellungseröffnung und einem Geburtstagsbesuch, ich schleppe mich derweil kurz durch die Sonne mit den Hunden und genieße danach bei den Freunden auf dem Aussiedlerhof einen Eiskaffee im schattigen Garten.

 

Jetzt noch das Abendprogramm: Forellen füttern, Ziegen, Hühner, Küken versorgen, gemeinsam kochen (mit dem Gatten, nicht mit Ziegen, Hühnern, Küken), essen, schlafen gehen. Oder es zumindest versuchen. Bei dieser Hitze kann doch kein Mensch schlafen. Vielleicht doch, morgens ab 5 Uhr, bis 30 Minuten später schon der Wecker klingelt und die Arbeit ruft.

Heute also war komplette Muße, komplettes Nichtstun angesagt. Davon dann aber doch eine ganze Menge, will mir scheinen.

 

 

 

P.S. Oha, hier kommen die ersten Leser-Reaktionen und Hinweise  zu den Neu-Odenwäldern aus der Schweiz nach dem 30jährigen Krieg, sehr spannend: Klick!

 

 

 

4 Kommentare

  1. Bei der Urlaubsplanung habe ich schallend lachen müssen!
    Ansonsten: Einfach machen. Ich bin 2006 ins Bloggen rein gerutscht, und es landete von Vorlesungsinhalten bis zum Einkaufstrara mit Egomanen (die einem mal eben selbstverständlich ihre Einkaufswagen in die Hacken knallen) ALLES in diesem Blog. Und ich habe jeden Geschmack getroffen. Also: Einfach machen!

    Der Dreißigjährige Krieg…puh. Einen Buchtipp habe ich nicht. Einfach mal bei der NZZ nachschauen. Allerdings hat das „Interesse“ eh schon Eselsohren, für 3-5 Wochen war es gehypt, danach im Sommerloch verschwunden.

  2. Mit Bordmitteln… Ha Ha…voll 80er.
    Zitat aus „das Boot“. Benutze ich auch gerne.
    ( Das muss das Boot abkönnen, dafür wurde es gebaut.)
    Wenn man mal etwas überladen hat, den Anhänger oder so….
    Bei uns auf der Schwäb. Alb gab es auch viele Schweizer Einwanderer nach dem 30 Jährigen Krieg, manche Ortschaften gab es da schlicht und einfach nicht mehr. Und in den Schweizer Alpentälern war das Leben noch härter und karger, da ging man gerne in das Flachland !
    Und dann gab es sogar schwedische Neugründungen. Von dagebliebenen Söldnern.
    Ein Dorf heißt Upflamör, Tatsache !! Mitten zwischen den ganzen XXXXingen.
    Aber mit Quellen kann ich auch nicht dienen.
    Mal beim Reutlinger Verlag Oertel und Spörer nachfragen.
    Die machen viel über Regionalgeschichte.

  3. Ich empfehle zum Dreißgjährigen Krieg C.V Wedgwood. Wie die meisten Angelsachsen (im Gegensatz zu uns oft dröge dozierenden Deutschen) schreibt sie so angenehm und flüssig, dass man sich diesen inhaltlich „harten Stoff“ reinziehen kann wie einen guten Krimi. Genauso spannend ist diese Zeit allemal.

    • Das klingt sehr spannend , danke für den Hinweis! Erinnert mich an den Herrn Gombrich und seine „Geschichte der Kunst“ bzw seine „Weltgeschichte für junge Leser“, auch ganz im angelsächsischen Stil und wunderbar zu lesen.

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