Unterwegs.

Die Hitze nervt, aber viel schlimmer ist die Dürre. Wenn es jede Nacht regnen täte, könnten von mir aus tagsüber 50 Grad auf den Odenwald herunterbratzeln, das wäre unschön, aber auszuhalten. So verwelkt und vertrocknet alles um uns herum, und die Landwirte geraten in tiefe Verzweiflung.

Wo sie sonst vier Schnitte von der Wiese holen, ist es in diesem Sommer bisher einer, und so manchem Viehhalter geht schon das Futter aus. Die Weiden sind braun und staubig, und wo vor ein paar Wochen noch die Bächlein plätscherten, steht jetzt unbeweglich ein dunkles feuchtes Etwas, wenn überhaupt. Wohl den Seen, die einen Zu- und einen Ablauf haben. Alle anderen sitzen bald auf dem Trockenen.

Der Mülbener See.

 

 

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Im vergangenen Jahr haben wir 25 oder 30 Kilo Kartoffeln geerntet, in diesem Jahr sind es mit ein bisschen gutem Willen fünf. Fünf mickrige Kilo. Gleiche Anzahl Reihen, gleiche Anzahl Stöcke. Mitten in der Mittagshitze wollte mein Geo gestern ernten, ich maulte natürlich und  stellte mich ein auf eine stundenlange Plackerei, stärkte mich zuvor mit Hefeweizen-alkoholfrei, zog den Blaumann an und die Handschuhe, stopfte die ohnehin schon verschwitzen Haare unter ein Kopftuch, setzte die Sonnenbrille auf und machte mich auf den beschwerlichen Weg zur Arbeit, Richtung Kartoffelbeet.

Nach drei Minuten waren wir fertig, kaum drei Hände voll winziger gelber Kartoffeln hatten wir dem steinharten Boden abtrotzen können, so groß wie Mirabellen. Allenfalls. Es ist zum Weinen. Der Herr Helms hat im Übrigen für den SPIEGEL mit der Kartoffel telefoniert: Klick!

 

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Frisches Wasser!, schreien die zahlreichen Ziegenhandbücher, Ziegen brauchen immer frisches Wasser! Ich schleppe also wie ein Ziegenstreber täglich einen Eimer schönes, klares Leitungswasser ins Gehege, koste es, was es wolle, ich putze den Eimer regelmäßig aus, wie sich das gehört, und wenn der Eimer nicht so klein wäre, hätte ich mich vermutlich schon hineingesetzt, so verlockend-erfrischend sieht das Wasser darin aus.

Neben dem Eimer steht eine olle Tonne, sie steht da einfach in der Gegend herum und sammelt verirrrtes, verwelktes Laub, verwehten Sand und ein paar Regentropfen, die gefühlt noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen. Eine bräunlich-grüne Brühe, die mir täglich zuruft, ich möge da doch endlich mal für Ordnung sorgen und die Tonne samt glitschigem Inhalt aus dem Gehege entfernen. Aber Disziplin und Ordnung sind ja leider nicht so meins.

Und, Sie ahnen es: Die Ziegen trinken am liebsten aus der ollen Tonne, sie lachen sich schief über das wunderbar teure klare Leitungswasser, das ich mit Mühen herbeischleppe, sie nuckeln an der grünlichen Brühe herum und freuen sich über allerlei Suppeneinlagen.

Es ist wie bei Hauskatze Emmy, die trinkt auch lieber aus der Klosettschüssel als aus dem sauberen Napf sauberes Wasser, und die Hunde stürzen sich auf alles Brackwasser am Wegesrand, das Römer oder Germanen oder Kelten oder wasweißichwer hier hinterlassen hat. Komme ich mit frischem Wasser in sauberen Schalen, glotzen sie empört, als wollten sie sagen Hallo, gehts noch???.

Wahrscheinlich lästern alle Tiere nachts heimlich über mich und über die ganzen albernen Ratschläge in der Fachliteratur, über all das Frische, Klare, Neue. Hahahahahaaa, frisches Wasser, was soll denn dieser Blödsinn??, je abgestandener, umso besser!  Also eigentlich ja wie im richtigen Leben.

 

 

 

6 Kommentare

  1. Wir wollten alle Sommer. Jetzt haben wir ihn! Ich gebe zu, mir ist es zu heiß. Schon 0600 total verklebt zu sein, ist widerlich. Andererseits…ist es halt so. Und es ist nicht der erste Sommer in diesem Bereich! Ich erinnere mich noch sehr gut an Sommer 2001, 2002, 2003, 2004…und alle die davor und danach. Da wir einen Teich hatten, mußte er regelmäßig bewässert werden, bei uns daheim in BaWü wurde genauso gezetert, wie an der Spree. Ist halt so. Frank Schätzing sagte in einem Interview 2010 ganz richtig: Wir haben kein Recht auf schönes Wetter!
    Und was schön ist – darüber läßt sich streiten! Ich sitze hier nach Mitternacht schwitzend und ölend, dann ist es so. Wenn es kalt und/ oder verregnet wäre, würden wieder alle meckern!
    Was das dann ab dem Moment „Brauchwasser“ zu nennende Naß angeht, ist es halt so. Aktuell sollen wieder Legionellen umgehen. Das, und die Algenblüte, Dinoflagellaten und den strengenden Geruch…spätestens dann, wenn die Kleinen Bauchschmerzen bekommen, wissen sie bescheid.

    In diesem Sinne:
    Einen angenehmen Sommer! Dienstag sollen es 39 Grad werden. Ich freu mich genauso wenig wie Sie, aber es hilft nichts. Raus da, und den Tag stemmen!

  2. Hi! Ja, ich finde es für die Natur auch am Schlimmsten, aber wir können es ja nicht ändern. Und so müssen wir da durch und haben immer ein Gesprächsthema. Und wenn ich Deinen Beitrag lese, kann ich sogar wieder schmunzeln, über das frische Wasser und das abgestanden… Ja ja, halt Wasser mit Charakter
    Liebe Grüße
    Nina

  3. Unser sehr grosser Hund trinkt am allerliebsten das für ihn sehr schwer zugängliche Wasser aus Giesskannen. Am besten war das Giesswasser VORHER angereichert mit stinkender Brennesselbrühe, der Hund liebt es und verbiegt die Zunge für das Wasser 🙄😣
    Abgestandene Pfützen sind ja leider rar…

  4. Die Katzen trinken hier auch aus der Giesskanne. Oder aus dem Teich (vorher wischen sie an der Oberfläche schwimmendes Grünzeug aber zur Seite).
    Ich stelle schon gar keinen Napf mit Wasser mehr auf. Der bleibt eh unberührt.

    Liebe Grüsse
    asty

  5. Kartoffeln sind ja auch nur Menschen… Dem Klick in den SPIEGEL folgend sah ich mich dem trübsinnigen Konterfei einer deutschen Kartoffel gegenüber. Da möchte einem ja er Appetit vergehen. Und deshalb schicke ich ein Foto (ja, wohin denn???) von einer anderen Frucht, der verschmitzte Apfel kann der verschwitzten Kartoffel doch das Wasser reichen.
    Keep smiling!

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