Antons Familie.

Im Nachbardorf ist Familientreffen. Die Nachfahren und Angehörigen vom Anton sind zusammengekommen, sie tun das alle Jubeljahre mal, sie freuen sich über das Wiedersehen, man isst und trinkt und schwätzt, die Erwachsenen sitzen bei Kaffee und Kuchen und später beim Abendessen, und die Kinder spielen auf dem Fußballplatz.

Die Autos auf dem Parkplatz haben Kennzeichen aus allen Teilen der Republik, Berliner sind da und Münchner, Mainzer und Karlsruher, dazu Nummernschilder, die nicht mal ich mehr zuordnen kann, eine Frau ist aus Andalusien angereist, und natürlich jede Menge Odenwälder. Sie erzählen sich gegenseitig aus ihrem Leben der vergangenen Jahre, sie frischen Erinnerungen auf, ach, weißt Du noch, und sie reden immer wieder mal vom alten Anton.

Der alte Anton ist tatsächlich alt geworden, fast 90, und 1962 ist er gestorben. Geblieben sind viele Erinnerungen, viele Geschichten und noch viel mehr Nachfahren. 140 Männer, Frauen und Kinder haben sich zum Familientreffen in Wagenschwend angemeldet, das sind aber längst nicht alle, sagt eine junge Frau, die das Treffen organisiert hat. Die Brasilianer sind dieses Jahr nicht dabei, sagt eine andere. Aber sie haben eine Whatsapp geschickt! Von Brasilien auf den Sportplatz in Wagenschwend im Odenwald.

Anton Damm hatte zehn Kinder, und etliche davon hatten wieder ein halbes Dutzend Kinder, und so ist der Stammbaum in vergleichsweise kurzer Zeit gewachsen und gewachsen, ein dicker Stamm mit vielen Ästen und unzähligen Zweigen, ein fröhliches, verschlungenes Dickicht der Verwandtschaften.

Die Familienmitglieder tragen beim Treffen kleine handgeschriebene Namensschilder, auf denen nicht nur der eigene Name, sondern auch noch der der direkten Vorfahren notiert ist, damit alle sich gegenseitig erkennen und gleich zuordnen können. Ach, dann bist Du die Cousine vom Erich seiner Schwester? Ach, Erika! Du warst doch der Hilde und dem Kurt ihre Tochter!?

Was für den Außenstehenden komplett verwirrend ist, stellt mitunter auch die Familienmitglieder selber vor kurzfristige Denksportaufgaben. Ich blicke das alles nicht!, raune ich verzweifelt einer eleganten Dame aus München zu, die neben mir sitzt. Machen Sie sich keinen Kummer, ich auch nicht immer! antwortet sie lachend.

Und bei alledem ist der Anton immer dabei. Ich stelle mir vor, dass er das alles sieht und sich freut!, sagt eine. Dass der Anton eben nicht nur ein Vater, Großvater und Urgroßvater war, sondern auch ein besonderer Mann für das Dorf, für die Region, das spielt beim Familientreffen auch eine Rolle, aber nicht die Wichtigste. Die Kinder wissen damit nichts mehr anzufangen, aber wenn sie uns fragen, erzählen wir, sagt eine ältere Frau, eine von Antons Enkelinnen.

So erzählen die Nachfahren dann die spannende Geschichte vom Anton, der das Kaiserreich erlebt hat, die Weimarer Republik, die Zeit der Nationalsozialisten und die noch junge Bundesrepublik. Und das alles als einer, der mitgestalten, sich einbringen wollte.

Anton Damm wird 1874 im winzigen Wagenschwend geboren, tief im Odenwald. Er wird Landwirt und Küfer, macht seinen Militärdienst, übernimmt irgendwann die Landwirtschaft der Eltern. Die große weite Welt ist weit, weit weg, schon Mannheim und Heidelberg eine halbe, mühsame Tagesreise entfernt. Aber Anton Damm will gestalten und mitmischen, er wird erst Gemeinderat, dann Bürgermeister seines Heimatdorfes, schließlich sogar Kreisrat. Alles ehrenamtlich, versteht sich.

1920 dann zieht Anton Damm, der Landwirt und Küfer aus dem kleinen Wagenschwend, über einen sicheren Listenplatz in den Berliner Reichstag ein, als Abgeordneter der Zentrumspartei. Im Reichstag sitzt nun ein Mann, der die Interessen des badischen Hinterlandes aus genauester Kenntnis der Sachlage heraus zu vertreten weiß, heißt es bei der Partei. Für uns Hinterländer (…) muß die Kandidatur namentlich die Landwirte des Odenwaldes mit Stolz und besonderer Freude erfüllen.

Bis 1932 ist Damm Abgeordneter des Berliner Reichstages, und das kleine Wagenschwend im Odenwald, seine Heimatbasis, ist eine Hochburg der Zentrumspartei. Noch bei den Wahlen im März 1933 guckt die NSDAP in die Röhre, das Zentrum erreicht mehr als doppelt so viele Stimmen im Dorf. Und der immer noch amtierende Bürgermeister Anton Damm ist den Nazis ein Dorn im Auge.  Nur mit Polizeigewalt lässt Damm sich zwingen, am Tag nach der Wahl die Fahnen der nationalen Erhebung zu hissen, und die Gründung von SA und SS für Wagenschwend bezeichnet er als völlig überflüssig, heißt es sinngemäß in einem Schreiben gegen den Anti-Hitler-Bürgermeister. 

Es kommt, wie es kommen musste: Damm tritt freiwillig zurück, naja, Sie wissen schon, nach 24 Jahren als Bürgermeister. Die Pension muss er sich im Nachhinein erstreiten. In den kommenden Jahren lebt er als Vertreter für Messwein, es heißt, er habe keine Wirtschaft in der Region mehr betreten, um ja nicht den Hitler-Gruß zeigen zu müssen. Im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 werden insgesamt drei Haftbefehle gegen ihn erlassen, aber einer seiner Nachfolger im Bürgermeisteramt kann ihm den Kopf noch aus der Schlinge ziehen.

Schließlich erlebt Damm das Kriegsende und die Gründung der Bundesrepublik, und auch hier will er mitgestalten. Er gründet die CDU im Dorf mit, und auf den Tag genau 24 Jahre nach seinem Zwangs-Rücktritt als Bürgermeister wird er im Mai 1957 Ehrenbürger des kleinen Ortes. 1962 stirbt er mit 88 Jahren.

 

Antons unzählige Nachfahren, die 140 Teilnehmer am Familienfest im Sportheim, und all die anderen, sie kennen die Geschichte, oder auch nicht, sie sind stolz auf ihren Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater, oder auch nicht, aber sie sind alle durch ihn verbunden. Durch diesen ungewöhnlichen Landwirt und Küfer aus dem kleinen Dorf im Odenwald, der offenbar getan hat, was er für richtig hielt. Er hatte strenge Prinzipien, sagt eine der vielen Verwandten, und es klingt, wie es früher geklungen hat: wie etwas Gutes.

Wenn er jetzt dabei wäre, sagt eine Verwandte, dann würde er bestimmt mitfeiern, er würde sich wieder seine merkwürdige lange Pfeife ins Gesicht stecken, und alle hätten Angst um den schönen weißen Rauschebart. 

Dann feiern sie weiter. Heute abend und morgen früh, und irgendwann fahren sie in alle Himmelsrichtungen wieder nach Hause, die Nachfahren vom Anton.

 

 

P.S Was ich hier über Anton Damms Geschichte zum Besten gebe, habe ich dem freundlichen Herrn Neser aus Obrigheim zu verdanken. Der Mann ist extrem bewandert in (regionaler) Geschichte und hat mir freundlicherweise einen seiner Vorträge zur Verfügung gestellt, die er über Anton Damm gehalten hat. Ich nehme nicht an, dass er mein Blog liest – trotzdem Danke dafür! Hier (Klick!) bei wikidingsbums können Sie auch nochmal nachlesen. 

P.P.S. Historiker und Bierkenner anwesend? Folgende Frage taucht nämlich im Damm-Clan immer wieder auf: es gibt da ein spanisches Bier mit Namen Damm. Und man wüsste nun doch gerne, wer da genau dahinter steckt. Vielleicht gibt es noch unbekannte Verwandte, die einst erfolgreiche Bierbrauer in Spanien wurden?

 

 

 

 

 

6 Kommentare

  1. Sehr schön, so ein Familientreffen! Wir waren einmal bei Treffen der Von-Bielschen-Stiftung, mit passendem Familiengutshof in der Nähe. Das fühlte sich ganz anders an, auf Menschen zu treffen, mit denen man irgendwie verwandt ist, denn es gab ja immer mindestens ein gemeinsames Thema :)

  2. Pingback: Blick aus dem Leuchtturmfenster | Ar Gueveur

  3. Beeindruckend!
    Ich entstammen selber aus einer grossen bzw zweier grosser Familien mit viel geschichtlichen Potential.
    So ein Sippentreffen haben wir leider noch nicht hin bekommen. Aber auch in kleiner war das toll!
    Mein Mann hat mich Mal zu seinem mitgenommen und es war so schön!

    Liebe Grüße
    Nina

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