Die alte Linde.

Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich damals nicht dabei gewesen bin, mit der Kamera am besten. Ich hätte ein Foto davon gemacht, wie sieben traurige Gestalten sich dem kleinen Hügel im klitzekleinen Waldkatzenbach nähern, wie die sieben Männer jeweils einen dürren Stecken mit einem Wurzelballen in der Hand vor sich hertragen, wie sie dann diese sieben Setzlinge in sieben kleine Erdlöcher setzen und die kahlen Stecken am Schluß mit einem Seil zusammenbinden.

Ich hätte fortan jeden Monat ein Bild von den zusammengebundenen Lindenbäumchen gemacht, immer aus der selben Perspektive, 370 Jahre lang, dann hätte ich 4.400 Fotos gehabt und die zu einem Zeitrafferfilm zusammengebastelt, und man hätte innerhalb weniger Minuten mitverfolgen können, wie aus den sieben Setzlingen, wupp, wupp, wupp, wupp, wupp, die riesig-mächtige Dorflinde von Waldkatzenbach entstanden ist.

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Die Geschichte mit den sieben Männern ist nicht bewiesen, aber schön: Sieben Väter sollen es gewesen sein, deren Familien den 30jährigen Krieg überlebt hatten, all das Morden und Töten, das auch hier in der Region, auf dem Winterhauch, tobte. Angeblich waren sie die einzigen Überlebenden im Dorf, und zum Dank pflanzte also ein jeder von ihnen 1648, nach dem Westfälischen Frieden, sein Bäumchen in Waldkatzenbach.

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Frau Lieselotte zum Größenvergleich. Sie hat die Statur eines zierlichen Schäferhundes.

Die Bäumchen wuchsen und wuchsen, der eine Friede ging, der nächste Krieg stand vor der Tür, die Männer zogen in die Schlachten und kamen wieder heim oder auch nicht, so ging das über Jahre und Jahrhunderte. Heute ist aus den sieben dünnen Sommerlinden ein mächtiger Baumkoloss geworden, der inzwischen das Waldkatzenbacher Kriegerdenkmal krönt, als Teil davon. Als stummer Zeuge der Geschichte, als einer, der all das gesehen hat, was da auf den Gedenktafeln in knappen Worten angedeutet wird, all die Schlachten und all die Toten und Vermissten all der vielen Kriege.

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Auf das ungewöhnliche Naturdenkmal weist ein Schild hin, das inzwischen auch so aussieht, als sei es von 1648, die Schrift ist kaum noch zu entziffern, das Holz ist rissig und vermodert. Hey, möchte man dem Schild zurufen, guck Dir mal den Baum da an, der hat bald 400 Jahre auf dem Buckel, und Du gehst jetzt schon in die Knie? Jetzt reiß Dich mal zusammen. Angeblich soll es bald erneuert werden, das wäre höchste Zeit.

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Wenn Sie mal in der Gegend sind, statten Sie doch der alten Linde einen Besuch ab und grüßen sie von mir. Hier bekommen Sie die entsprechende Karte und noch ein paar sehr spannende Hintergrundinformationen. Und wenn Sie sich für Baum-Geschichten interessieren, hier hatten wir neulich schon mal eine.

 

 

 

Dieser Beitrag ist hier schon mal vor knapp zwei Jahren erschienen. Weil sich der Beginn des Dreißigjährigen Krieges im Sommer 1618 aber nun aktuell zum 400. mal jährt, stelle ich ihn hier nochmal ein. Außerdem ist die Sache mit den Kriegen und dem massenhaften Sterben auf der Welt ja leider zeitlos aktuell, will mir scheinen. Und ich meine, die Hinweisschilder seien inzwischen erneuert, das wäre ja schön. 

 

 

 

7 Kommentare

  1. Da kann ich mich nur anschließen. Eine bewegende Geschichte.
    Wenn ich mir die vielen alten Eichen um unser Land so anschaue, oder die beiden alte Kopfweiden die genau vor meinem Zimmer stehen, wünsche ich mir oft, das sie reden könnten und mir all die Dinge erzählten die sie gesehen haben. Vielleicht aber auch gut das sie es nicht können.

    LG, Katrin

  2. Hallo Friederike, vielen Dank für Deinen schönen Text und die phantastischen Bilder. Es freut mich sehr, dass Du über diese Schönheit berichtest. Das Schild wird tatsächlich im nächsten Frühjahr erneuert und das wird auch wirklich ganz Zeit. Das Schild wird dann im Naturpark-Design daherkommen und sehr viel langlebiger als das alte sein. Den Naturpark gabs 1648 noch nicht, damals war alles noch „natur“ und musste nicht extra geschützt werden – möglicherweise überlebt mein Heimatbaum den Naturpark und vielleicht ja auch mich. Ich bin direkt daneben große geworden und habe sehr viele Erinnerungen an die Linde und den Brunnen. Im Winter ist man dort mit dem Schlitten gefahren, die Linde steht nämlich am „Brunnenbuckel“, der inzwischen fußgänger- aber nicht kinderfreundlich mit Treppen ausgestattet wurde. Im Sommer haben wir in den Baumschluchten Hütten gebaut und im Brunnen Löwenzahn zum kringeln gebracht, später habe ich dort meine erste Zigarette geraucht. Alles auch schon lange her :().

    Marina Hofherr
    Tourist-Info Waldbrunn

  3. Oh, jetzt freue ich mich ganz besonders diese alte Linde hier kennenzulernen, eine Linde mit Geschichte(n). Und ganz klar, gehört sie in unsere Baumfreund-Sammlung. Ach wäre das schön, könnte man all diese alten Bäume auch in natura besuchen, anschauen, anfassen. Aber so ist es doch gut, dass sie im Netz zusammenfinden und der eine oder andere ist bestimmt immer unter den Lesern, der ein bisschen näher dran ist… Der Anlass der siebenfachen Lindenbäumchen-Pflanzung ist einer, der auch hier in der Gegend verbreitet war, es gibt mehrere Friedenseichen…, die leider alle weitere Kriege miterleben mussten. Eine friedliche Adventszeit! Liebe Grüße und Dankeschön, dass du Astrids Hinweis gefolgt bist – Ghislana

  4. Ein toller Post genau nach meinem Geschmack!
    Ja, so locker und kurzweilig kann man Wissenswertes, Schönes und Ernstes vermitteln!
    Jetzt schau ich gleich mal nach weiteren Baumgeschichten.
    Liebe Grüße
    Edith

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