Unterwegs.

Vom Himmel hoch, da kam es her, und mit ein bisschen gutem Willen konnte man es als eine Art Regen bezeichnen. Und ich musste ohnehin mit den Hunden raus und die Forellen füttern, also fuhr ich an Mais- und Sonnenblumenfeldern vorbei, Richtung Wald. Ich liebe den Geruch nasser Felder nach langer Trockenheit, oder den Geruch des feuchten Waldbodens.

Getreidefeld.

Sonnenblumen.

Maisfeld. Sieht man doch.

Das Regenglück war nur von kurzer Dauer. Meine Versuche, dem Wetter mit einem anständigen Regentanz auf die Sprünge zu helfen, sind leider kläglich gescheitert. Da will man nun endlich mal das vor Jahrzehnten erworbene Schulwissen nutzbringend einsetzen, und dann fällt einem auf, dass sie Dir in der legendären Tanzschule Finck in der Berliner Ahornallee den Regen-Tanz eben leider gar nicht beigebracht haben. Es ist ein Kreuz mit der Bildungspolitik in Deutschland. Wenn die damals schon den Prophezeiungen in Sachen Klimawandel Gehör geschenkt hätten, tja, dann hätten sie uns den Regentanz sicher beigebracht. Naja, Schwamm drüber.

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Im Wald bin ich in eine Herde von Krötenbabies hineingeraten, winzige Kreaturen, die überall auf dem nassen Weg herumhopsten, in großen Sprüngen, als eilten sie zu einer Verabredung oder einem geschäftlichen Termin. Es war kaum möglich, nicht auf sie zu treten, nur mit allerlei Verrenkungen und Ausfallschritten, vorwärts, vorwärts, seitwärts, ran! war es mir überhaupt möglich, ohne massenhaftes Morden voranzukommen, wahrscheinlich sah ich aus wie ein betrunkener Disco-Fox-Tänzer in Zeitlupe, aber da kamen mir nun doch die elementaren Grundkenntnisse des Gesellschaftstanzes wieder zugute.

Leider etwas unscharf, dafür mit Wanderschuh-Spitze zum Größenvergleich.

Mich fragte heute jemand hier auf dem Blog per Kommentar Was denken Sie im Odenwald über das, was neben der teilweisen Abgeschiedenheit geschieht? Ich dachte da im Wald so bei mir, während ich also meine krötenlebensrettenden Verrenkungen vollführte, durchaus darüber nach, dass um mich herum die Welt in Stücke fällt, und Menschen ertrinken, und andere Menschen vor Gericht kommen, weil sie Ertrinkende vor dem Ertrinken retten. Nur mal so als Beispiel, es gibt ja leider noch genug andere Beispiele, nahezu überall auf dieser Welt, wo eben jene Welt in Stücke fällt. Aber das fiel mir ein, während ich, Schritt für Schritt, über das Leben der kleinen Baby-Kröten entschied und einen slow-motion-Veitstanz aufführte, um das Schlimmste zu verhindern. Mit anderen Worten: Es ist kompliziert. Verdammt kompliziert. Alles.

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Ich liebe den Wald besonders bei Regen. Es knistert und knastert dann überall, die Tropfen fallen auf die Blätter, und die Blätter zittern und knistern; so laut ist selbst der sanfteste Regen im Wald, dass die Rehe das Unterholz verlassen und hinaus auf die Felder gehen, weil sie vor lauter Geknister und Geknaster nicht mehr hören können, wenn sich der Feind nähert. So hat mir das ein Jäger erklärt, und seitdem höre ich in der Stille das Geknister und Geknaster umso lauter. Ich hätte ihm auch heute gerne weiter gelauscht – allein, es näherten sich plötzlich im ansonsten menschenleeren Wald zwei quietschgelbe Planwagen mit dicken Pferden vorne dran und vielen Menschen innen drin.

Die Menschen saßen stumm und schauten in den Wald und in den Nieselregen, und sie lauschten der Musik aus den Bord-Lautsprechern. Bergvagabunden sind wir, ja wir! brüllte Heino (oder werauchimmer) aus den Boxen, und an einer Stelle des Refrains stieß der Kutscher (oder werauchimmer) jedes Mal einen Tiroler Jodler aus, der vermutlich bis hinein ins tiefe Neckartal zu hören war.  So zuckelten sie lärmend an mir und den stummen Hunden vorbei, sie glotzen schweigend, und Heino sang, und ich vergass vor lauter Schreck, ein Foto von der Begegnung zu machen.

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Ich habe mich heute abend ein bisschen zu den Ziegen in den Stall gesetzt, eigentlich hatte ich den Stall nur zur Nacht schließen – und vielleicht noch ein Gute-Nacht-Lied singen wollen, aber ich setzte mich also in den staubigen Stall und beriet mich mit den Ziegen über die Weltenlage. Sie haben dazu ja eher wenig Hilfreiches beizutragen, aber sie lassen sich dann, nach kurzem Zögern, kraulen und streicheln, sie strecken mir ihre Hälse entgegen und die Ohren, sie wollen gekratzt und geschrubbelt werden. Zwischendurch kommen sie mit ihrer Schnauze ganz nah an mein Gesicht, es ist, als wollten sie mich beschnuppern oder mir etwas ins Ohr flüstern, ich fühle ihren warmen Atem und streiche ihnen dann über ihre samtweiche Schnauze. Und da ist er dann wieder, dieser Moment, in dem man sich einbilden könnte, die Welt wäre ein friedlicher Ort und alles wäre perfekt.

 

 

 

3 Kommentare

  1. Guten Morgen. Was für ein wunderbarer Beitrag. Mir Lächeln und Tränen ins Gesicht zaubern!
    Danke!

    Übrigens, wenn jeder so handeln und denken würde, wäre die Welt ein besserer Ort und wenn Dein Vorbild im RL oder digital was bewirkt, ist das auch nicht zu unterschätzen!
    Schönen Sonntag
    Nina

  2. Ja denk ich auch (Kommentar von Nina).Bin noch nicht lange in Deutschland und sehr erschrocken über die Gleichgültigkeit der Menschen hier. Oder bin ich etwa in der falschen Ecke (Mittelfranken)
    gelandet? Tja die Südländer sind da etwas empatischer! Gerade gestern hatte ich ein Gespräch mit einem Herrn über Gott und die Welt und die deutsche Politik.
    Plötzlich sagte er mir: Ach was, lass uns doch über schönere Dinge reden. Zum Beispiel über Autos. Ja und genau in diesem Moment fings an zu regnen und alle gingen nach Hause. Hab schlecht geschlafen diese Nacht.

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