WMDEDGT.

Ja, es ist wieder der Fünfte des Monats, und das ist traditionell der Tag, an dem die freundliche Nachbarbloggerin wissen will, was wir den ganzen Tag so machen, Tagebuchbloggen undsoweiter, naja, Sie wissen schon. Es soll Leser geben, die dieses Tagebuchgeblogge nervt, ja, da staunen Sie, die beschweren sich, dass es auf diesem Blog mit seinen zwölfundreißig Trilliarden komplett kostenlosen Beiträgen jeden Monat auch mal einen gibt, der sie nervt oder nicht interessiert, es ist ja auch wirklich zum Weinen und genau betrachtet eine Unverschämtheit. Mein Tipp in diesem Fall: lesen Sie einfach nicht weiter, scrollen Sie durch andere Beiträge, klicken Sie im schlimmsten Fall ganz weg für heute. Niemand wird gezwungen, hier zu lesen. Das Leben kann so einfach sein.

Allen anderen darf ich sagen: das ist heute mal wieder ein Arbeitstag wie aus dem Lehrbuch für Hörfunk-Korrespondenten. Die Leute denken ja immer, unsereiner säße tagein, tagaus am Rechner, recherchiert, telefoniert, hirnt, schreibt und spricht in ein Mikrofon, bastelt digitale Radiobeiträge. Saust ansonsten draußen herum, mit cooler Miene, mit den vermeintlich großen und den vermeintlich kleinen Leuten der Region, immer das Mikro im Anschlag, immer auf der Suche nach Themen und Interviewpartnern, hat seine Ohren überall und hält den Mund nie still. Pulitzer, Watergate, ach, Sie kennen das ja. Ist ja im Prinzip auch völlig richtig.

Ja. Und jetzt kommt aber das Aber der Regionalkorrespondenten, überhaupt das Dilemma aller Korrespondenten, die alleine irgendwo die Stellung halten auf der großen weiten Welt. Wenn Sie nämlich in so einem Korrespondentenbüro- also, besser gesagt, gleich in zwei Korrespondentenbüros – zuständig für alles sind, und das mutterseelenallein, dann kommt Ihnen auch mal was gänzlich Uncooles, gänzlich Unjournalistisches dazwischen. Weil Sie nämlich da draußen in der freien Wildnis, ob in Buenos Aires oder Buchen, ob in Mosbach oder Moskau, immer eine Mischung aus pulitzerpreisverdächtiger Reporterin, Hausmeisterin und Intendantin sind. Ja, so ein Tag war das heute. Und ich denke, es wird Zeit, den Radiohörern da draußen an den Empfangsgeräten mal endlich einen wahrhaftigen Einblick in das sagenumwobene Leben von Korrespondenten zu geben.

Ich sitze also in meinem Büro, seit heute früh um halb Neun, bei gefühlten 40 Grad Raumtemperatur, und ackere mich durch die Liste des Sicherheitsingenieurs, der dieser Tage hier quasi auf allen Vieren durchs Büro gekrochen ist. „Defekte Leuchtmittel austauschen“ steht da, gemeint ist das Licht im Klo, bei mir muss man im Dunkeln pullern, ja, es muss in dieser Deutlichkeit gesagt werden, denn es hat mit meiner Schlamperei zu tun. Ich bringe ja als knallhart investigative Reporterin gerne auch mal Licht in manches Dunkel, aber auf dem eigenen Klosett bleibts finster, so ist das mit den Journalisten, das ist ja wieder typisch.

„Feuerlöschkurs absolvieren!“, ruft die Liste mir zu, „Briefkasten reparieren lassen!“. Zwischendurch bewegen mich journalistische Dinge, eine Leiche in einer Brandruine, eine Preisverleihung, die Obrigheimer Castortransportbehälterlagerung und das deutsche Atomrecht. Beiträge für die Nachrichten einsprechen, Meldungen schreiben. Dann weiter: Anlasser im Dienstwagen verreckt, mit der Werkstatt telefonieren.

 

Dazu kommt Blut. Also der Blutfeiertag natürlich, Wallfahrt in Walldürn, Sie wissen schon. Der Feiertag ist zwar erst Donnerstag, aber ich recherchiere am besten schon mal ein bisschen. Bevor dann der Typ wegen des Briefkastens anruft. Und die Frau mit den Feuerlöscher-Kursen. Die korrespondentische Herausforderung solcher Tage besteht darin, den Überblick zu bewahren und mitten in blutfeiertäglichen Gedanken auf „defekte Leuchtmittel“ oder „kaputte Briefkästen“ umschalten zu können. Zwischen Atomrecht und Leichen die telefonische Anfrage zu beantworten, wieviele Elektrogeräte in den beiden Büros herumstehen und welche Firma vor 18 Jahren (!) den einen der beiden Briefkästen installiert hat.

Ja, Sie müssen sich das so vorstellen wie den Jongleur, der 25 Bälle gleichzeitig in der Luft hat, die eine ganze Zeit lang wunderbar gleichmäßig und geschmeidig um ihn herumfliegen. Aber dann. Bevor alle Bälle mit einem furchterregenden Geräusch gleichzeitig auf mich herniederprasseln, und sich dann plötzlich anfühlen wie kleine Betonbälle, gehe ich einen Kaffee trinken, ich habe inzwischen sogar hier in Buchen eine Art Stamm-Cafe, wo man  im Sommer (Achtung!) nett draußen sitzen kann und der Cappuccino gut ist.

 

Am Nachmittag das Gleiche. Ich singe und springe telefonisch als Mischung aus Hausmeister und Reporterin durch Telefon und Internet zwischen Manheim, Mainz, Baden-Baden und Stuttgart herum, ich sichte nebenbei die analoge Post und behalte die drei elektronischen Mail-Fächer im Auge, Lesen, Löschen oder Antworten? Eine Hörerin ruft an, weil sie sich Sorgen um den Lieblingsmoderator in Stuttgart macht, der war so lange nicht zu hören. Eine andere will einen Mitschnitt einer Sendung von Ende 2017. Die Kollegen im Manheimer Funkhaus nehmen vielleicht an, ich schlafe selig vor dem Rechner, weil nicht mehr viel von mir zu hören ist, so journalistisch.

Für die ausgetauschten, weil „defekten Leuchtmittel“ auf dem Abort werde ich wohl eher keinen Pulitzerpreis gewinnen, das habe ich mir abgeschminkt. Abgeschmunken. Und ob ich für mein Bemühen um einen Feuerlöscherkurs mit dem Christophoruspreis der Deutschen Versicherungswirtschaft ausgezeichnet werde, bleibt noch abzuwarten.

Dafür ist um 17 Uhr das Auto wieder flott, sagt der freundliche Mechaniker am Telefon. Der Anlasser topfit. Auf die Odenwälder KfZ-Werkstätten ist eben noch Verlass. Ich bin dafür umso müder. Später noch in einen Biergarten, dann Heia. Aber sowas von.

 

P.S. Hatte ich erwähnt, dass ich diesen Job liebe? 

 

 

 

 

5 Kommentare

  1. Oh, das gibt es also auch bei den Menschen vom Fach, dass sich da beschwert wird…hab ich gerade auch gehabt und entsprechend in meine Datenschutzerklärung eingebaut, dass man bei mir nicht lesen MUSS.
    Für mich ein interessanter Einblick, von wegen hausmeisterlicher Zusatzaktivitäten und so. Aber auch der Hinweis auf den Kapuziner ( sollt es mich doch noch mal nach BCH verschlagen )!
    Ich hoffe, die Nacht ist erholsam.
    LG
    Astrid

  2. Und ich dachte immer, man liest in Blogs um etwas über das Leben der Schreiber zu erfahren…
    Hat mir sehr gefallen, der Tagebucheintrag!
    Liebe Grüße, Juliane

  3. Schöner Beitrag zu *einem Tag in meinem Leben* und wem das zu lange langweilig ist, selbst Schuld…
    Hoffe, Dein nächster Tag im geliebten Job wird auch wieder gut oder eben besser
    Liebe Grüße
    Nina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

   Beim Absenden eines Kommentars werden Name, eMail-Adresse, Datum, Uhrzeit und Kommentartext gespeichert. Mehr Informationen dazu stehen in der Datenschutzerklärung. Mit dem Abschicken eines Kommentars erkläre ich mich mit der Speicherung meiner Daten durch diese Website einverstanden.